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Fuldaer Zeitung

mRu<hT’)!!S2^SS?n* ÄÄfÄ?’ 1= 2 wochen-ve«age: - - s - - ITTonats-Beitage: s s sowie auswärts 1.50 Mark. »— Rolationsbrudt und Verlag der | Illustrierte Sonntagszeitung I Fuldaer Seschichtsblätter - - Sulbotr flctienbrutkerei In Zulda. Zemsprech« Nr. 9. :s | s Zleltmesflften der preutzisch-siiddeutsch«« KUffen-Eotttric. — halbjährlich Taschenfahrplan. e

Nr. 144. erstes Blatt. Mittwoch den 25. Juni 1913.

Ole6<rbele*t<n Rabatt $6r Offert- imö fluskonftonpiqm 20 Df. extra. 3n KonMursStkn eolrt der bemiltlefe Rabatt hinfillfg. Erftilungsort für da, ein- Hagen een Sorterongen M Zn»-, flnjetgen-flnnatnne bl, JO Uhr earmittags. a a 6r5iert fimctfltn erbitten wir tu» tags vorher. a 4

40. Zahrgang.

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 24. Juni 1913.

Präsident Kampf macht Mitteilung von dem Tode es Abg. Kaden (Soz.), wobei sich das Haus Mr Ehrung des Verstorbenen in der üblichen Weise erhebt.

Abg. Graf Praschma (Ztr.) verliest, eine kurze Anfrage wegen Maßnahmen amerikanischer Zoll- beamten zur Ermittlung des Verzollungswertes von zur Einfuhr gelangender Waren, die darauf hinauslaufen, daß die ausländischen Importeure wichtige Geschäfts­geheimnisse preisgeben müssen, die dann zur Kenntnis ihrer amerikanischen Konkurrenz kommen. ''

Geh. Legationsrat Lehmann erwidert, daß dieserhalb Vorstellungen von der Regierung in Washington erhoben seien, denen sich auch schon andere Staaten angeschlossen hätten. Mit welchem Erfolg müsse' abgewartet werden. Soviel bisher Mannt geworden,, habe der amerikanische Senat durch eine Aenderung des Tarifentwurfs den Vorstellungen Rechnung getragen.

Hierauf wird die 2. Lesung der

Wehrvorlage

fortgesetzt und zwar mit der Beratung, der ircrsinnigen und sozialdemokratischen Anträge über di« Erteilung von militärischem Turnunterricht.

Abg. Stadthagen (Soz.) erblickt in der Verweigerung des Turncrläubnisscheins an die sozialdemokratischen Turnlehrer einen Verfassungsbrüch.

Gans Edler Herr zu Pullitz (I.) hält den Antrag Mumm für berechtigt.

Es folgen weitere unerhebliche Ausführungen der Abgg. Liebknecht (Soz.) und Sachse (Soz.). Die De­batte schließt. Die Abstimmung erfolgt heute in später Stunde gemeinsam mit den übrigen Abstimmungen. Damit ist die 2. Lesung der Heeresvorlage erledigt.

ES folgt die 2. Beratung der durch die Heeresvorlage notwendig gewordenen

ErgänznngSetatS. . - ■ . >

Abg. Erzberger (Z.) begründet einen Antrag auf an­derweitige Etatisierung eines Teiles dieser Ausgaben, um Etatsüberschreitungen vorzubeugen.

Eine Reihe von Kapiteln werden ohne wesentliche Debatte bewilligt.

Dann werden die ausgesetzten Abstimmungen zur zweiten Lesung der Heeresvorlagen und über die dazu vorliegenden Anträge vorgenommen. Unter Ab­lehnung aller sozialdemokratischen und freisinnigen An­träge werden die von der Budgetkommission vorgeschla­genen Resolutionen über die Militärjüstiz angenommen. Zum Punkte „körperliche Jugenderziehung" wird unter Ablehnung der sozialdemokratischen Anträge die Reso­lution der Kommission angenommen. Der Antrag Mumm (SB. %.) wird abgelehnt. Angenommen wird mit schwacher Minderheit noch ein sreisinniger Antrags den Reichskanzler zu ersuchen, dafür zu sorgen, daß bte verbündeten Regierungen sich über einheitliche Vorschrif­ten über den Turnunterricht für die männliche und schulpflichtige Jugend einigen.

In der Fortsetzung der Beratung des Nachtrags, e t a t s wird dann eine Resolution der Kommission, den Sanitätsoffizieren einen Teil der Studien­zeit ins pensionsberechtigte Dienstalter nach einer län- geren Dienstzeit einzurechnen, nach längerer Erörterung angenommen.

Beim Titel „Mannschaften" beantragt die Budget­kommission eine Resolution auf B e s s e r st e l l u n g der Unteroffiziere, auf allgemeine Erhöhung der Dien st Prämie und frühere Gewährung einer klei- neu Dienstprämie. — Die Sozialdemokraten beantragen eine Resolution, wonach den Militärmusikern verboten wird, gegen Entgelt vom 1. dtober 1913 ab zu musi­zieren.

Abg. Zubeil (Soz.): Die Klagen der Zivilmusiker wegen der Konkurrenz der Militärkapellen mehren sich fortgesetzt.

Generalleutnant v. Wandel: Die Leistungsfähigkett unserer Kapellen wird gefördert durch ihr Auftreten und durch die Kritik. Die Klagen über die Konkurrenz sind übertrieben.

Abg. Dr. Pfeifer (Z.): Es ist nicht richtig, daß die Beschwerden der Zivilmusiker übertrieben sind. Mit dem jetzt bestehenden System muß unbedingt gebrochen wer-

f. den, damit wir nicht in jedem Jahr die gleichen Klagen zu hören bekommen.

Generalleutnant v. Wandel: Alle Beschwerden werden ' gewissenhaft geprüft werden. Wo Verstöße vorgekommen sinh, sollen Maßregeln und Bestrafungen eintreten.

Der Titel wird bewilligt. Die Kommissions-Resolu­tion wird angenommen und die sozialdemokratische ab- . gelehnt. .'

Beim Titel „Reisegebühmisse" bittet

Abg. Hebel (Z.) die- Militärverwaltung, dafür Sorge zu tragen, daß Mititärurlaubern die Benutzung von Schnellzügen gestattet werde.

Major Stabs faßt, zu. Mit der Eisenbahnverwaltung deswegen in Verbindung treten zu wollen.

Abg. Dr.,Pfeifer (Z.): Vor, der Verabschiedung der Heeresvorlage niöchfe ich als Bayer dem Major v. P ar­t'ev al, den wir für uns in Anspruch nehmen, die An­erkennung feiner Landsleute aussprechen. Bedenklich macht-uns" der Verkauf von Luftschiffen seitens der Bit- . terfelder Werke. Wie stellt sich die Militärverwaltung zur Anschaffung von Luftfahrzeugen, zur Ergänzung unserer Luftflotte? Ein bestimmtes System darf nicht bevorzugt werden. , - !

Generalleutnant v. 'Wandel: Die Militärverwaltung verfolgt die Versuche mit regstem Interesse. Das starre System ist zweifellos leistungsfähiger als das Prah- Shstem. Wo dieses für den Ernstfall besser verwendbar ist, werden derartige Luftschiffe beschafft werden.

Der Rest der fortdauernden Ausgaben wird bewil­ligt. ■ • '■ 1 ;

Bei den einmaligen Ausgaben sollen die Löhnungs­zuschüsse für Unteroffiziere in Elsah-Lothringen gestri­chen werden. Em nationalliberaler Antrag auf Wieder­herstellung dieser Position wurde nach kurzer Erörterung abgelehnt. Darauf wurden dse Einnahmen bewilligt.

Mittwoch: 3. Lesung des Staatsangehürigkeitsgesetzes, kleinere Vorlagen, Diätengesetz für Schöffen und Ge­schworene, Wehrbeitrag, Wahlprüfungen.

s. Die Deckungsvorlageu erledigt.

Die B u d g e t k o m m i s s i o n des Reichstages 'be­gann gestern die zweite Beratung der Gesetzentwürfe zur Deckung der laufenden Ausgaben und nahm zunächst die Schaffung einer Gold- und Silberreserve (Erhöhung des Kriegsschatzes | unverändert an.

Sodann ging die Kommission zur. Beratung des Be- sitzstcuergsetzes (Reichsbermögenszuwachs- steuer) über und nahm die §§ 1—11 (Begriff des Vermögens) wie in erster Lesung an. Auch, die Vor­schriften über die untere Einkommensgrenze (10 000 Mk.) und die untere Vermögensgrenze (20 000 Mark) für. die Zuwachsbesteuerung sowie die Vorschriften über die Besteuerung dex Erb schäft minderjähriger Deszendenten blieben unter .A bl eh nu n g eines kon­servativen Antrages auf Freilassung des Kindererbes nach den Beschläft en der ersten Lesung unverändert« Ein NationalliLetaler hatte erklärt, daß die Zustimmung feiner. Freunde zu dem Gesetz von der Aufrechterhaltung der Bestimmungen über das Kindeserbe abhänge. Wei­ter lag vor ein gmeinschaftlicher Antrag der Volkspartei und der Nationalliberalen auf Aufhebung des Weitz u wachs st euergesetzes. Der Antrag wird damit begründet, daß kaum ein Gesetz so viel Ver­ärgerung und Erbitterung hervorgerufen habe, wie ge­rade dieses Gesetz. Den Gemeinden könne man das Be- steuerungSrecht ruhig einräumen, das habe einen berech­tigten inneren Grund. Der Ausfall an Steuererträg- niffen sei nicht so groß, wohl weil ein großer Teil durch die neue Zuwachssteuer absorbiert werde, und weil der GrundstückSmartt arg harnieberliege. Der Reichsschatz­sekretär bekämpft« den Antrag, namentlich unter Hin­weis auf einen Ausfall von weiteren 20 Millionen Mk. dauernd und von 75 Millionen Mk. für die Uebergangs- zeit bis 1917. Die Sozialdemokraten bekämpften den Antrag ebenfalls, die Nationalliberalen, Fortschrittler und ein Teil des Zentrums traten für die Aufhebung der Steuer ein, die schließlich mit 14 gegen 13 Stimmen angenommen wurde. Gleichzeitig wurde eine Re­solution angenommen auf Vorlegung eines Gesetzent­wurfes, der die Voraussetzungen regelt, unser denen die Gemeinden die Erhebung einer Steuer aus dem sich beim Grundstücksverkehr ergebenden Wertzuwachs gestattet sein soll.

Das Münchner Kindl.

24] Roman von Felix Nabor.

Er sprach diese Gedanken, die ihm sein Stotz und der Glaube an sein eigenes unbesiegbares Selbst eingaben, nicht aus, aber Annie las sie ihm von der Stirne ab. „Hardy", sagte sie, „frevle nicht! Es ist Wahnsinn und Vermessenheit, an Gottes Allmacht zu zweifeln oder ihn bekämpfen, besiegen zu wollen! Bei all unserer Klugheit und Kraft sind wir doch nur schwache, arme Menschen, die nur bestehen durch Gottes Willen und seine unendliche Liebe. Er aber ist der Einzige, der Allmächtige und Ewige, der seit Jahrtausenden das Schicksal der Menschen in seinen heiligen Händen trägt. Ihm muffen wir uns beu­gen, ihm gebührt Lob, Preis, Dank und Anbetung von Ewigkeit zu Ewigkeit!"

Sandow hatte nur ein spöttisches Lächeln sür die­sen frommen Herzenserguß seiner jungen Frau. Annie aber empfand ein tiefes Weh in ihrer Brust, weil sie erkannte, wie verschieden ihre Anschauungen gerade in religiösen Dingen waren. Eine leise Furcht beschlich sie, ein heißes Gebet stteg für ihren Garten um Sinnesänderung, um Bekehrung zur Wahrheit! Die Wolkenwand stieg höher und höher, nahm eine drohende Gestalt an. Annie erschrak. Sollte dieses Ungewitter in der Natur ein Vorzeichen, ein Symbol sein der Stürme, die sie in ihrem Leben und in ihrer Ehe erwarteten? —

Annie war nicht abergläubisch; aber diese Gewit­terwolken sahen aus wie die gewaltige, drohende Hand Gottes, welche sie warnte! Sie beugte demütig das Haupt und flüsterte:. „Herr, dein Wille geschehe! Aber sende um deiner Liebe willen nicht deine Blitze aus wider mich und meinen Gatten! Schone, schütze ins!" —

Der Ballpn <- :u§ seiner stolzen Höhe nieder

und schwebte nu äsender Eile über das Flachland

dahin. Tie ! en Berge wichen zurück/ ihre

Häupter hüllten m weiße, goldgesäumte Wolkcn- jchleier; die Gcu.... rwand war nur mehr als eine

handgroße Fläche zu sehen, di: einer Riesenfaust gleich, schwarz und schattenhaft, drohend und gespen- sttsch am Horizonte emporzucktc. —

Annie wandte den Blick von ihr ab und beugte ihr Gesicht zur Gondel hinaus. Ihre Furcht ver­schwand und mit Faust sprach sie:

„O tönet fort, ihr süßen Himmelslieder!

Die Träne quillt, die Erde hat mich wieder!"

Der Ballon sank. Langsam, wie auf einer un- sichtbaren Ebene dahingleitend, stteg er herab aus den goldenen, lichtgktränkten Höhen, und Mutter Erde, die allzeit Gütige, enthüllte den Piloten ihr heiliges Antlitz!

Wie kleine, blanke Silberspiegel leuchteten die Seen des Alpenvorlandes, in grüner, traumhaft-schö­ner Dämmerung lagen die Walder, die Büsche und Gärten, grünsämten glänzten die Wiesen, Auen und Tristen, durch die sich, vielgewundenen Silbcrketten gleich, die Flüsse und Bäche schlängelten, während die Straßen, sich tote weiße zarte Spinnenfäden über das anmutige Bild ausspannten. Jetzt traten die Dör­fer, die Gehöfte und Villen aus dent Schatten der Bäume hervor; ihre Dächer, auf welche die Abend­sonne fiel, schimmerten wie goldene Panzer, ihre Schornsteine trugen weißgraue Nebelkappen und die Menschen, die da drunten wandelten, schienen kleine, rote Flämmchen auf ihren Häuptern zu tragen: Son- nenfahnen, die ihnen der. Sommerabend auf den Hut steckte' - l : ’ : r

Oloch einmal blickte Annie zurück. Bon Sonnen- gold und blauem Himmelsduft umwobeti, erstrahlten die Alpen! Wie ein Märchentraum, wie eine wun­derbare Fata Morgana standen sie zwischen Erd? und Himmel, und in rosiger Glut erglänzten die heiligen Berge: rot-goldene Altäre des ewigen Gottes'. —

„Faßt an!" , .

Dieser irdische Ruf weckte Annie aus ihren Him- melöträumen. Von starken Händen wurden die Taue gefaßt und der Ballon" senkte sich langsam, bis die Gondel beinahe die Erde berührte. 0

Sandow schwang sich hinaus. und streckte Annie die Hände entgegen. Der Kapitän half -nach und im

Hierauf wurden die zuräckgeftellten Paragraphen des Gesetzentwurfes betreffend Aenderungen im Fi- nanzwefen nach den Beschlüssen der ersten Lesung erledigt. Die Erhöhung der Matrikularbeiträge blieb also abgelehnt. Die Zuckerst euer bleibt unverkürzt bestehen und die Schecksteuer wird gestrichen.

In weiterer Beratung des Befitzsteuergesetzes wurde die Staffelung der Steuerfätze sowie das Kinderprivileg aufrecht erhalten. Auch der Rest, des Gesetzes wurde im wesentlichen nach der Fas­sung der ersten Lesung angenommen. Damit ist die zweite Lesung des Besitzsteuergesetzes -erledigt.

Nach einer Pause nahm die Kommission den Gesetz­entwurf betr. Aenderung des Reichs st empelge- . fetz es nach, den Beschlüssen der ersten Lesung an mit einer Aenderung, daß der in erster Lesung gestrichene Reichsstempel bei der Feuerversicherung für unbewegliche Gegenstände mit den Sätzen der Vor­lage wiederhergestellt wurde.

Hierauf erledigte die Kommission den -Ergänzungs­etat und den Gesetzentwurf betr. das Erbrecht des Staates. Nach kurzer Debatte ergab sich die Unmög­lichkeit, im jetzigen Augenblick das Gesetz so zu gestalten, daß eine Mehrheit dafür zu stände kommen konnte. Rach einer längeren Geschäftsordnungsdebatte wurde zunächst ein Antrag Schiffer mit sehr größer Mehrheit angenom­men, der höhere Sätze für die Besteuerung der Sei­tenverwandten fordert, um dadurch den Ausfall an Steuererträgnissen zu decken; es werden sieben bis acht Millionen Mark davon erwartet. Außerdem wurde der grundlegende 8 1 des Gesetzentwurfes mit den Stimmen der Linksparteien angenommen. Diese letztere Abstim- • mutig soll aber nur den Zweck haben, den Grundgedan­ken des Gesetzes vorläufig zu retten. Die Vorlage soll, wenn das Plenum einverstanden ist, durch einen Sonder- ausschutz erst im Herbst weiter beraten werden.

Damit hat die Budgetkömmission ihre Arbeiten erledigt.

.K Gegen das Steuerkompromitz.

Gegen die geplante Steuer ans dm Vermögens- zuwachs werden immer noch ungerechte Vorwürfe erhoben, als ob sie allen Grundsätzen der Volkswirt­schaft Hohn spräche. Als das Opfer dieser Steuer stellt man den braven Mann hin, der in sauerer Ar­beit und zäher Sparsamkeit sich einen Not- und AlterSgroschen ansammelt und von dem grausamen Steuerfiskus um die Frucht seines Schweißes und seiner Tugend gebracht wird. Sonderbarerweise be­treiben dm angeblichen Schutz des armen, kleine» Sparers gerade Leute aus den Kreisen de» Groß­kapitals und der Großbetriebe. So stößt neuerdings der Direktor der Deutschen Bank, Dr. Helfserich, mit einem längeren Artikel in der ,Voff. Ztg/ in dieses volksfreundliche Horn.

Wir wollen die Zuwachssteuer keineswegs in den Himmel erheben, aber wir möchten doch den lieber« treibungen und Entstellungen entgegentreten, um die öffentliche Meinung vor einem ungerechten Urteil zu bewahren. Dabei läßt sich zweckmäßig anknüpfen an den „einfachen Fall", den Herr Helfferich zum abschreckenden Exempel hinstellt. Er sagt:

„Der Mann mit einer Million Vermögen, der nicht arbeitet und feine 50000 Mark Rente jahraus, jahrein verbraucht, zahlt keinen roten Heller.

Der Mann in bescheidenen Verhältnissen aber, der jährlich 7000 bis 8000 Mark sauer erarbeitet und in strenger Sparsamkeit zurücktegt, verfällt mit seiner er­arbeiteten Ersparnis diesem Steuer-Unikum."

Was ist Wahrheit? Der besagte verschwenderische Millionär zahlt eine hübsche Menge von „roten Hel­lern": erstens an Einkommen st euer und zweitens an Vermögenssteuer Daß er bei seiner Üppigen Lebensweise auch an indirekten Steuern viel leistet, sei nur nebenbei erwähnt. Der „Mann in bescheidenen Verhältnissen", bet jährlich 7000—8000 Mark Arbeitsverdienst hat, zahlt von seinem Einkommen einen geringem Prozentsatz, und

nächsten Augenblick stand Annie auf deutschem Lo­den, ruhte am Herzen ihres Gatten.

„Frohe Fahri!" rief dieser — und der Ballon stieg langsam, einem riesenhaften Goldfische gleich zur Höhe und segelte rasch davon.

Hardy bot seiner jungen Frau den Arm. „Komm, Liebste — dort ist unsere Villa, unser Heim! Heute hält das Glück dort seinen Einzug!"

Im weichen Dämmerschein des Abends schritten sie dem von einem Park umrauschten Hause zu. Der Hirnntel selbst schien ihnen zu lächeln, schien sie zu grüßen und zu segnen.

Sie erlebten ein neues Schönheitswunder: Son­nenuntergang!

Eine rotglühende Feuerkugel, lag die Sonne aus den Hügeln, die den See ftn Westen umsäumen. Der See selbst glich einer rosigen Wasierschale mit silber­nem Saume. Wie von rotem Feuer übergossen glänzte die Front der Villa und in den Fenstern brannten hundert goldene Flammen. Tie Bäume umstanden das Haus wie purpurne Pyramiden, die Blumen glühten wie riesige Rubine und Topase — und die Treppe, die zur Pforte führte, war vorn Sonitenschein wie mit einem Scharlachteppich belegt.

„Komm," sagte Hardy und küßte feine junge Frau, „tritt ein: hier hat das Glück seinen Thron ausaefchlagen!" —

VIT

Die Flitterwochen verbrachte das neuvermählte Paar in der Villa am Starnberger See. Sie dauer­ten jedoch nicht allzulange. Schon in der dritten Woche nach der Hochzeit rief Leo von Sandow seinen Sohn zu sich an seine Seite.

Obwohl Annie darauf vorbereitet war, erschrak sie doch. Nun galt es Abschied zu nehnten von der Heimat, von ihrer Jugend, von allem, was ihr lieb und teuer gewesen war. Ein heißes Weh durchzuckte sie, der Vorbote jenes schmerzlrch-süßen Gefühls, das uns das Heimweh bereitet.

Sie fuhr nach München zu ihrem Vater. „In zwei Tagen reisen, Papa," sagte sie und warf sich ihm weinend an den Hals.

eine Vermögenssteuer zahlt er überhaupt nicht, wenn er nur von seinem Einkommen lebt. Nun ist es freilich richtig, daß besagter Millionär von der neuen Zuwachs steuer mcht getroffen werden kann, weil er sein Vermögen nicht a n w a ch s e n läßt. Aber wird sein Gegenfüßler, der Mann in den be­scheidenen Verhältnissen, von dieser Zutoachssteuer betroffen? Nur dann, wenn er in drei Jahren mindestens 10000 Mark zurücklegen kann (Die Ver­anlagung findet bekanntlich von 3 zu 3 Jahren statt.) und schon ein Vermögen von 50 000 Mark besaß. Wer 7000 bis 8000 Mark Arbeitseinkommen hat, kann in der Regel kaum 3000—4000 Mark jährlich zurücklegen. Wenn er es kann und obendrein das erwähnte Vermögen hinter sich hat, der soll an Zu­wachssteuer für die drei Veranlagungsjahre 75 Mark zahlen. . Bon 10 000 Mark pro Jahr 25 Mark abzu­laden, ist fteilich nicht angenehm, doch eine drückende und lähmende Belastung ist es doch nicht. Wer wegen dieser Abgabe von einem Viericlprozent sein Sparen einstellen wollte, der wäre ein Narr.

Es muß vor allem mit dem Aberglauben auf-e geräumt werden, daß die neue Steuer es auf die Spargroschen der armen Wttwe oder auf die Spar­kassenbücher des schwächem Mittelstandes abgesehen habe. Es handelt sich ausschließlich um Leute, die schon ein beträchtliches Vermögen hinter sich haben und überdies noch wenigstens 10 000 Mark' in drei Jahren zu ihrem Vermögensstand hinzu-i fügen können. Die Steuer setzt also erst bei Ver-i hältniffen ein, die nicht gerade „bescheiden" sind.

Wir werden fortan drei direfte Hauptsteuern haben:

Die Einkommensteuer trifft das ganze Jahreseinkommen, ohne sich darum zu kümmern, was mit dieser Einnahme gemacht wird. Je höher das Einkommen, desto größer die Abgabe. Sie fteigt nicht bloß im Verhältnis zum Einkommen, sondern noch stärker durch den gestaffelten Prozentsatz. ) Tie Vermögenssteuer bildet eine Ergän­zung zur Einkommensteuer. Das fundierte oder Renteneinkommen soll stärker herangezogen werden, als das Arbeitseinkommen. Wer Vermögen hinter sich hat, ist leistungsfähiger.

Die Zuwachssteuer will sich nun an die Leute halten, die in der glücklichen Lage waren, ihr Vermögen noch beträchtlich vermehren zu kön­nen. Ihre Leistungsfähigkeit steht außer Zweffel.

Wer seine Erwerbstättgkeit vernachläsiigt, zahlt ‘ weniger Einkomwert siener als der tüchtige Geschäftsmann. Wer sein Vermögen verschwendet, geht in her Vermögenssteuer zurück. Wer nichts zurücklegen kann oder will, kann von der Zu­toachssteuer nicht erfaßt werden.

Den Helfferich'schen Millionär, der jährlich 50000 Mark verbraucht, können wir fteilich nicht unter die Zuwachssteuer bringen; aber wenn er schärfer gefaßt werden soll,-so gcht das mittels der Einkommen- und Vermögenssteuer. Im übrigen darf man diesen ver­schwenderischen Millionär durchaus nicht als einen lästigen und gemeinschädlichen Staatsbürger betrach­ten. Er wirft die 50 000 Mark nicht ins Master, son­dern bringt sie unter die Leute. Er erhöht die Einkünfte aller derjenigen, die ihm etwas liefern ober, leisten, und so bezieht der Staat von diesen ver­brauchten 50000 Mark beträchtliche Vorteile, teils durch die Steigerung der Steuerkrast der Empfänger des Geldes, teils durch dis indirekten Steuern auf den Verbrauch des reichen Mannes. Von dem spar­samen Manne hat der Staat nicht solche Profite. Darum ist es nicht ungerecht, wenn ein wohlhaben­der Mann, deffen Vermögen um Zehntansende wächst, eine Heine Abgabe von Zuwachs zahlt. Und erträglich ist es auch.

Auch er erschrgk. „So bald schon?" fragte er und fühlte, wie ihm der Schmerz das Herz zusamnlen- krampfte.

Sie nickte, ohne antworten zu können.

Da quoll alle Siebe, die der starke Mann für fein Kind im Herzen trug, empor und überwältigte ihn. Er zog Annie an sich und legte ihr Gesicht an seine Brust. Sie sollte die Tränen nicht sehen, die ihm in den Augen standen und wie Perlen in den Bart tropften.

„Wir wollen stark sein," tröstete er sie und suchte seiner Stimme einen festen Klang zu geben. Aber es gelang ihm nicht. Der Schmerz in ihm war zn groß; er brannte so heftig, als ob ihm das Herz aus der Brust geriflen toürbe.

Als sich ihre Erregung gelegt hatte, sagte Annie: „Es ist ein so schöner Abend, Papa! und ich möchte Abschied nehmen von der Stadt, von der Heimat und von allem, was mir lieb ist. Am Morgen sehen sich die Dinge viel nüchterner an, jetzt aber ist alles in Poesie und Schönheit getaucht. Meine liebe Mün­chener-Stadt strahlt im Abendsonnenschein — dies schöne Bild möchte ich in meiner Seele festhalten und mitnehmen nach dem Norden! — Komm, Papa, be­gleite mich! Es ist das letztemal, daß wir miteinan- der durch die Stadt gehen! — Vielleicht das aller­letztemal", setzte sie in Gedanken hinzu, „benn ich werde gewiß vor Heimweh sterben!"--

Sie fliegen hinab zu den Jsarauen. Wie schön war dieser starke, brausende und schäumende Fluß, der aus dem Herzen der Berge kam. Heber den grü­nen Fluten zitterte der Abendsonnenschein, goldene Funken zuckten aus dem Silberschaum empor, und das Rauschen des Wasser Hang wie ein vertrautes Sieb. Drüben über der Brücke stand das Maximi- lianeum wie eine purpurne Mauer im Abendsonnen- schein, und dort spannte der Friedensengel seine gol­denen Flügel, als ob er ins Weite fliegen wollte. „So werden auch meine Gedanken immer in die Ferne fliegen," dachte Annie, „immer nach Süden, immer in die Heimat!"

. : ,• (Fortsetzung folgt.)