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Fuldaer Zeitung

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Nr. 14L erstes Blatt

Samstag den 2t* 3uni 1913.

40. Zahrgang.

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 20. Juni 1913.

Auf eine Anfrage de» Abg. Dambeck (Pole) erwidert Ministerialdirektor Dr. Caspar: Als die Regierung von einer Aussperrung beim oberschlesischen Bergarbeiter« streik seilens der Kgl. BergwerVdirektton Kenntnis er­halten hatte, hatte der Handelsminister daS Erforderliche veranlaßt und die Aussperrung ist aufgehoben worden, die überhaupt nur zwei Wochen gedauert hat.

Abg. Dr. Frank (Soz.) bittet, außerhalb bet Bera­tung eine soeben eingegangene Depesche verlesen zu dürfen.

Der Präsident erklärt sich bereit, die Erlaubnis zu erteilen; vorausgesetzt fei, daß die bereits geschlossen» Debatte wieder eröffnet werde.

Abg. Dr. Frank (Soz.) beginnt mit der Verlesung der fraglichen Depesche, wird aber unterbrochen, indem

Abg. Graf Westarp (kons.) der Wiedereröffnung widerspricht.

Es entspinnt sich eine lebhafte Debatte. Während einer Bemerkung zur Geschäftsordnung wird dem Abg. Grafen Westarp von sozialdemokratischer Seite daS Wort .Lügner" zugeruseu. (Großer Lärm. Abg. Horn- Sachse» erhält wegen des Rufes einen Ordnungs­ruf.)

Abg. Dr. Frank (Soz.) verzichtet darauf aus die Verlesung der Depesche und legt sie auf den Tisch des Hauses nieder. (Große Bewegung.)

Darauf wird der sozialdemokratische Antrag betref­fend das Militärverbot in namentlicher Abstim. mung mit 201 gegen 127 Stimmen bei einer Stimment­haltung, sowie einer ungültigen Stimme abgelehnt. — Angenommen wurde die denselben Gegenstand betref­fende Kommisswnsresolution.

Alsdann wird die gestern abgebrochene Debatte über den sozialdemokratischen Antrag betreffend Beförde­rung nur bei persönlicher Tüchtigkeit ohne Rücksicht auf Religion und Politik fortgesetzt.

Abg. Werner-Gießen (Wirtsch. Vgg.): Unsere anti­semitische Bewegung rührt daher, daß das Juden, tum die Welt zu beherrschen sucht. Militärische Sach­verständige bezeichnen die Juden als feige und mili­tärisch unbrauchbar. Wohin das führt, Juden zu Offi­zieren zu machen, beweisen die jungtürkischen Truppen. Wir lehnen die Juden als Offiziere ab.

Abg. Schöpfliu (Soz.): Die antisemitische Bewegung ist bis auf ihren letzten Rest Dr. Werner von A bis Z eine Skandalaffäre gewesen, die erbärmlich zusammen­gekracht ist. Gegen den Ausschluß der Juden aus den Reservcoffizierstellen müßten alle bürgerlichen Demo­kraten Front machen. Wenn gesagt wurde, der Gast- Wirteverband hätte sich für den Boykott von Wirtschaften ausgesprochen, so entspricht daS nicht den Tatsachen. Der Redner verliest ein Telegramm, wonach die deutschen Gastwirte energisch gegen diese Behauptung protestieren. Unterzeichnet ist das Telegramm vom Verband der Gast- und Schankwirte für Berlin und Brandenburg. (Zuruf: Das ist wohl das Telegramm des Dr. Frank?) Jawohl, Sie sehen, zum Ziele kommen wir so oder so.

Generalleutnant b. Wandel: Mir liegt ein Schreiben des Reichsverbandes Deutscher Gastwirteverbände vor, aus dem hcrvorgeht, daß, wenn ein Gastwirt sein Lokal nur der sozialdemokratischen Partei bezw. deren An- hängern freigibt und sich vielleicht selbst noch zur Sache bekennt, daß dann das Militärverbot für berechtigt angesehen werde. (Lebh. Zurufe bei den Soz.)

Abg. Erzberger (Ztr-): Wir haben die nationale Pflicht, mit allen Kräften dahin zu wirken, daß die V o r- lage bis zum 1. Juli verabschiedet werden kann. Wenn dieses Werk aber in den wenigen Tagen, die uns noch bleiben, vollendet werden soll, dann ist es Nicht angebracht, hier so deplazierte antisemi­tische Reden zu halten. (Zustimmung im Ztr. und links.) Wenn ich als Katholik und wenn Herr Werner als Protestant Respekt und Achtung vor ihrer religiösen Ueberzeugung verlangen, dann mutz ihn schon das ab- halten, die religiöse Ueberzeugung Andersgläubiger an- zugreifen. (Lebh. Zustimmung.) Ich protestiere mit aller Entschiedenheit dagegen, wenn Herr Werner sagt, ich hätte manchmal antisemitische Aeußerungen getan. Das werde ich nie tun, weil schon mein Geschmack mich daran hindert, jemand zu schmähen seiner religiösen Ueberzeugung wegen. (Beifall.) Ein wirklich religiöser

Das Münchner Kindl.

22] Roman von Felix Nabor.

Das Lustzeug flog — und neue Bilder, schön und glanzumflossen, zeigten sich den Augen der mutigen Luftschiffer. Sie überflogen die weite oberbaherische Hochebene mit chren zahlreichen Dörfern, chren Flüs­sen und Bächen, ihren dunklen Wäldern und grünen Feldern. „ _

„Sieh", sagte Sandow, „ich wollte Dir, ehe Tu Abschied nimmst, Deine Heimat einmal zeigen, und zwar so, wie Du sie nie geschaut hast. Nicht von den Niederungen aus, wo der Fuß an der Erde klebt, sondern aus lichter, sonnendurchgläuzter Höhe herab, damit Du erkennst: die Heimat ist noch tausendmal schöner als Du bis jetzt wußtest! Schau, schau: all das, so weit das Auge reicht, ist deutsches Land, ist Heimaterde! Macht Dich das nicht swlz? Hier gibt es keine weiß-blauen und keine schwarz-weißen Grenzpfähle, welche Länder und Raffen von einander trennen. Hier ist die blaue Lust die Flagge, die vom Himmel weht, und das Gold der Sonne ist das Ban­ner des Piloten — es kündet Mut und Treue. Und so weit das Auge reicht und das Luftmeer wogt, von den Alpen bis zum Belt: alle sind wir eines Stam­mes, eines Geistes, eines Landes Kinder: swlze, edle, tapfere Deutsche — ein Volk, zusammengeschweißt durch deutsches Blut und deutsche Sitte, durch deut­schen Gefft und deutsche Treue! O, mein schönes, großes deutsches Land: ich grüße dich, icff grüße dich!"

Er schwenfte die Mütze, und Annie blickte voll Bewunderung auf ihn. Wahrlich, er hatte recht: sie mußte sich bestreben, sich zu seiner Größe emporzu- schwingen, ihm gleich zu werden an Adel und Ge- dankenflug. Sie war swlz auf ihn, ach, so stolz! Es war doch wahrlich schön, an der Seite eines solchen Mannes aus den Höhen der Menschheit zu wandeln!

Und schön war es auch, so durch die Luft dahrn- zuieoelu — es lag Größe darin. Größe und Mur! Es war herrlich, daß der Menschengeist sogar die Luft eroberte und sie beherrschte. „Wenn doch alle, tbuvuns heute sehen, eine solche Fahrt durch die Lust

Christ mutz auch den jüdischen Mitbürgern im deutschen Vaterlands dieselbe Achtung entgegenbringen, die er für seinen Glauben verlangt. Darin stimme ich aller- dingS Dr. Werner durchaus bei, datz scharf zu verur­teilen find die Juden, die wegen wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Vorteile dem Glauben ihrer Väter ohne innere Ueberzeugung entsagen. Nach der deutschen Reichsverfassung ist jeder Bürger gleichberechtigt, auch jeder Jude. Wenn Dr. Werner den Juden die Eignung zum Militärdienst abspricht, so sollte er doch einen An­trag einbringen, wonach die Juden nicht militärpflichtig sind. Aber er wird selbst nicht den Mut dazu haben. (Sehr gut!) Ein Wort der ernsten Mahnung muß ich an den Kriegsminister richten. Er weiß, daß er die 4000 Offi­ziere, die er fordert, in den nächsten Jahren nicht rest- los erhalten kann, selbst wenn die Stellen bewilligt wer- den. Um die Besetzung der Stellen zu ermöglichen, sollte er endlich dem wiederholten Drängen des Reichstages Rechnung tragen und den unsittlichen Duell­zwang im Heere restlos beseitigen. Biele hundert katholische Familienväter führen ihre Söhne nur des­halb nicht dem Offizierkorps zu, weil dieser Duellzwang noch besteht, der ihrer religiösen Ueberzeugung wider­spricht. (Lebh. Zustimmung im Ztr.) Namens meiner politischen Freunde kann ich erklären: Wir sind bereit, die Stellen und alles, was notwendig ist für das Vater­land, zu bewilligen, wir bitten aber auch, daß alle jene Schranken und Hemmnisse, die jtzt weite Kreise des katho­lischen Volkes vom Heere fernhalten, fallen, daß alle die alten Zöpfe einmal abgefdjnitten werden, um freie Bahn auch den Katholiken im Heere zu schaffen. (Lebhafter Beifall im Ztr.)

Abg. Heine-Dessau (Soz.): Ich muß die Zumutung, datz wir Deutsche nach dem Rezept des Herrn Dr. Wer­ner behandelt werden sollen, als eine exorbitante Unge­rechtigkeit, Unwahrhaftigkeit und Gesetzwidrigkeit ableh­nen. Ich schäme mich aber auch als Deutscher über die Unwahrhaftigkeit, datz man sagt, ein Jude könne nicht Offizier werden. Die jetzigen Verhältnisse find eine Ver­höhnung des Gesetzes und eine Auflehnung gegen die Disziplin, datz jeder auch noch so tüchtige Jude abge­lehnt werden kann.

Abg. Dr. Werner-Giehen (wirtsch. Vgg.): Mir fehlt das Schimpflexikon vom Dresdener Parteitage, um den Sozialdemokraten antworten zu können. Sie wollen das Offizierkorps zwingen, Juden aufzunehmen. Das ist Ihre Freiheit. Herr Erzberger spielt sich als Oberzensor auf. Ich weise das zurück. Wenn alle Antisemiten meine Parteigenossen waren, dann wäre unsere Fraktion die größte.

Abg. Walbstei» (Vp.): Die Rede Dr. Werners brauche ich in einer befonberen Erwiderung nicht zu würdigen. In meiner Eigenschaft als deutscher Jude kann ich sagen: Halten Sie noch viele solcher Reden, und Sie werden das bischen Rest von Antisemitismus, das leider noch in Deutschland besteht, vollends tot« schlagen, (Beifall! links.)

Die Aussprache schließt, ber sozialdemokratische An­trag wird abgelehnt.

Es folgt die Beratung über die Verwendung b es § e e res z u politischen Zwecken. Die So­zialdemokraten beantragen, daß die Mannschaften nicht verwendet werden dürfen 1. zu politischen Zwecken in wirtschaftlichen oder politischen .Stu satz für streikende oder ausgesperrte Arbeiter.

Abg. Dr. Liebknecht (Soz.) begründet den Antrag. Er verweist auf bie Kaiserrede und Aeußerungen hoher Offiziere, aus denen hervorgehe, daß das Heer als Waffe gegen die Sozialdemokratie betrachtet werde. Der In­haber der Kommandogewalt hat bei einem Bergarbeiter- streik gesagt, bei dem geringsten Widerstand werde er alles über den Haufen schießen lassen. Bei gewissen Streiks ist ja das Militär rücksichtslos vorgeschickt wor­den, sodatz es Tote und Verwundete gab. Daß ter Kaiser nicht auf das Testament Friedrich Wilhelms IV., das die Verfassung beseitigen wollte, eingegangen ist, wird ihm so hoch angerechnet. Was ist denn besonders dabei? Es fehlte ihm blos der Mut, dieses Testament auszuführen. (Unruhe rechts.)

Präsident Kämpf ruft den Redner zur Ordnung.

Kriegsminister v. Heeringen: Die Darstellung, als ob die Armee lediglich zur Niederhaltung des inneren Feindes da sei, ist falsch. Auf die übrigen Klatsch­geschichten des Vorredners gehe ich nicht ein. (Unruhe links.) Der deutsche Kaiser hat die Verfassung beschwo­

n'.itmachen könnten!" sagte Annie. „Es ist ein Hochgefühl, so über Erde und Menschen dahinzuflie- ger es liegt fast etwas Gottähnliches darin — und man sieht die Dinge mit andern Augen an."

„Glicht wahr?" nickte Sandow. „Es ist, als ob man allen Erdenstaub und alle Erdensorgen von sich abgeschüttelt hätte, man fühlt sich erhaben über den Kleinkram der Welt und steht in stolzer Erhabenheit, in Helles Licht gehüllt, über den Geschöpfen — wie ein Gott! Sonnenstug! Göttermacht!"

Bon solch allzu kühnen, heidnischen und frevel- acn Gedanken wollte nun Annie freilich nichts en; sie sagte, seine hochgespannten Gefühle dämp­fend. „So meine ich es nicht! Vielmehr will ich nur sagen, daß man in so stolzer Höhe größer und freier denken lernt. Unsere irdischen Sorgen erscheinen klein und unbedeutend bei dem Anblick der Allmacht des Schöpfers, die sich uns hier offenbatt. Ach, wie wunderbar find feine Werke und wie reich hat er besonders den Menschengeist ausgerüstet mit Gaben und Talenten!"

Sandow unterbrach sie. „Schau, wie lieblich!

Ter Starnbergersee!" /

Ihr Auge hing entzückt an dem herrlichen Bilde.

Hellen Sonnenschein lagen die blühenden Ge­stade des lieblichen Sees, Dörfer und Villen tauchten ' aus dem frischen Grün wie schimmernde Inseln em- por und der Spiegel des Sees glänzte chnen entgegen wie ein deutsches Auge, blau und strahlend, mit gol­denen Wimpern. Ein Dampfer zog über die Flut, seine Passagiere grüßten herauf, jubelten, jauchzten. Annie löste den Blumensttautz von ihrer Brust, pflückte Blüte um Blüte ab und ließ sie hinabgleiten in die Tiefe. Wie kleine, weihe Sterne fchwebte« sie nieder, die Grüße einer Glücklichen!

Rasch flog das Luftschiff über den See. Das blaue Auge wurde kleiner und kleiner; in feiner. Mitte lag die Roseninsel wie eine dunkle Pupille, wie ein schwarzer Thron, auf dem Ludwig II., der Romantiker auf dem Throne, seine Königsträume ge­träumt hatte.

Die Alpen rückten näher. Wie ein stetig wach- fenbor, von unsichtbaren Händen geschobener Wall, wie eine unübersteigbare Mauer kamen sie langsam

ren unb das deutsche Heer ist ein sicheres Instrument in feinen Händen. Die Armee ist in erster Linie nicht gegen ben inneren Feind gedacht, wenn es aber nottut, sind wir allerdings auch dazu verpflichtet. Die Sol- taten werden durch wohlwollende aber stramme Behand­lung zu Menschen gemacht, auf bie wir uns unbedingt verlassen können. (Beifall.)

Nach weiterer unerheblicher Debatte wird ber sozial- bemokratische Antrag abgelehnt. Desgleichen um halb 7 Uhr ein Vertagungsantrag ber Sozialdemokraten.

Es folgt Artikel 1 (M i l i tä rj u st iz). Hierzu liegen eine Reihe Resolutionen der Kommission betr. Re­form des Militärstrafgesetzbuches, Herabsetzung beS Straf­maßes, Oeffentlichkeit des Verfahrens, Bekämpfung der Soldatenmißhandlungen, Reform des Beschwerderechts, Revision des ehrengerichtlichen Verfahrens usw. vor.

Abg. Stadthagen begründet einen sozialdemokrati­schen Antrag betr. weitergehender Milderungen des Mi- litärstrawesetzbuches.

Die Weiterberatung wird auf Samstag vertagt.

8. Das Befitzsteuergesetz in -er Kommission.

Die Budgetkommission des Reichstages setzte gestern die Beratung des Besitzsteuergesetzes als Reichsvermögenszuwachsgesetz fort. Für die Wert­ermittlung wurde für Aktiengesellschaften usw. die Fas- sung des Wehrbeitragsgesetzes beschlossen (das 16^ fache ber drei letzten Jahresdividenden). Im übrigen blieben bie Bestimmungen über die Wertermittelung unver­ändert.

Es folgen bie Paragraphen, die Bestimmungen über bie Veranlagungsbehörben unb Erhebungs­stellen enthalten. Auf Antrag der National liberalen wurden verschiedene Bestimmungen eingesetzt, wonach für die Verwaltung der Besitzsteuer der Bundesrat zuständig ist, in dem ber Steuerpflichtige feinen Wohnsitz oder seinen gewöhnlichen Aufenthalt hat. Ferner wurde mit 14 gegen 13 Stimmen ein fortschrittlicher Zusatzantrag angenommen, dem Reichstag alljährlich über die Tätig­keit ber Bevollmächtigten Bericht zu erstatten. Weiter wurde eine Resolution der Nationalliberalen angenom­men, die Reichsbevollmächtigten zu Reichsbeamten zu machen und bie Veranlagung besonders finanz- unb steuertechnisch ausgebildeten Beamten zu übertragen.

Abgelehut dagegen wurde ein sozialdemokratischer Antrag, nach dem der Bundesrat die für die Veranla­gung unb Erhebung der Besitz steuern ber Bun, besfürsten zuständigen Behörden bestimmen sollte, nachdem ber Reichsschatzsekretär den schärfsten Wi­derspruch dagegen erhoben hatte. Bei dem Wehr- beitrag habe die eingeführte Besteuerung bei ber Bereit­willigkeitserklärung ber Fürsten nur formelle Beden«' tung gehabt. Hier aber blieben die verbündeten Regie­rungen auf ihrem grundsätzlichen Standpunkte. In das Gesetz, das von der Regierung füglich nicht abgelehnt werden könne, dürften nicht Bestimmungen hineingepreßt werden, die für sie unannehmbar seien.

Die Bestimmungen über die Verpflichtung zur Ab­gabe einer Besitz st euererklärung wurden mit Der Aenderung angenommen, datz bei P tfönen, deren Vermögen sich seit der Veranlagung zum Wehrbeitrag erhöht hat, die Erhöhung von 20 000 auf 10 000 Mark herabgesetzt wird. Im übrigen bleiben die Vorschriften darüber im wesentlichen unverändert unter einstimmi­ger Streichung der Bestimmung, daß die Steuerbehörde eine eidesstattliche Versicherung für die Richtigkeit der Steuererklärung verlangen könne.

Bei den Strafbestimmungen wurde ein na- tionalilberaler Antrag angenommen, wonach bei Ver­hängung einer Strafe angeordnet werden kann, daß die Verurteilung auf Kosten des Schuldigen öffentlich be­kannt zu machen sei. Der Rest des Gesetzes wurde mit unwesentlichen Aenderungen angenommen.

Tie Budgetkommission griff sodann auf ben s. Zt. zurückgestellten § 3 des Entwurfs betr. Aenderungen im Finanzwesen zurück und beschloß, die Grundstücks- umsatzstempelabgabe an das Reich ab 31. März 1915 von % Proz. auf die Hälfte zu ermäßigen. Ferner wurde entgegen der Regierungsvorlage die Zucker- steuer vorbehaltlich einer späteren Ermäßigung in Höhe von 14 Mark per Dopelzentner einstweilen

daher; fast unheimlich war es, wie diese steinernen Kolosse ans dem blauen Duft der Ferne hervortra­ten, ihre Schkierhüllen abwarfen und sich in all ihrer stolzen Reckenhaftigkeit brüsteten.

Das Höhenstcuer trat in Tätigkeit; wie ein sich bäumendes Roß schoß der Ballon empor und er­klomm die höhere Luftregion, so daß die Erde noch tiefer versank. Fast noch rascher als zuvor durch- schnitt der kühne Segler die Luft und steuerte dem steinernen Walle zu, der jetzt nach Süden den ganzen Horizont absperrte.

Sandows Gesicht strahlte vor Zufriedenheit. „Sieh", sagte er zu Annie, „jetzt gleichen wir Königen im hohen Reich der Lüfte — allerdings nur passiven Königen! Ich aber möchte ein wirklicher König, ein Eroberer und Bezwinger der Lüste werden. Seit­dem tch Zeppelins Luftschiff so stolz und königlich über den Stuttgarter Bergen erscheinen sah, hat mich dieser Gedanke nicht mehr losgelaffen, und ich habe mich in aller Stille mit den Problemen der Flug- technit beschäftigt. Nicht mit dem System „Zeppe­lin" oder „Parscval", o nein, — sondern mit dem Flug des einzelnen, mit dem Eindecker!"

„Wie", rief Annie erschrocken, „Du wolltest Dich einem so kleinen, unsicheren Fahrzeug anvertrauen, auf dem bei jeder Fahrt der Tod neben dir sitzt? -X'tirt, das dulde ich nicht! Du bist jetzt nicht mehr frei, hast auf mich Rücksicht zu nehmen! Mein Gott, ich würde vor Angst sterben, wenn ich Dich in den Lüften auf einem so zerbrechlichen Fahrzeuge wüßte!"

Er lächelte nachsichtig. „Das verstehst Du nicht, Annie", sagte er. „Das Problem der Aviatik muß gelöst werden, und wer dies vollbringt, erweist der Welt und der Menschheit einen großen Dienst; er wird mit Ruhm bedeckt, mit Ehren überhäuft —"

„Schon. Aber mußt denn Du es fein, der dies Problem löst? Das fordert Opfer, Du könntest Tein Wagnis sogar mit dem Leben bezahlen müffen."

„Das darf den Forscher, den Erfinder und Ent­decker nicht zurückschrecken —"

„Aber mein Gott, Hardy — Tu hast doch Deinen Berus, ber Dein Leben ausfüllt, der Dich zu Ruhm und Ehren führen wird.. Warum willst Du neben

beibehalten. Dafür stimmten die Nationallibera­len, die Fortschrittler unb bas Zentrum. Alsdann be­gann die Kommission bie Beratung bes Gesetzentwurfes wegen Aenderung beS Reichs st empelgesetzes unb nahm in dieses Gesetz den Gesellschaftsstempel in einer auf nationalliberalen Antrag abgeänderten Fas- sung auf.

Nächste Sitzung Samstag: Versicherungs­stempel unb zweite Lesung bes Wehrbeitrages.

* Der Dank des Kaisers.

Amtlich wird folgender Dankerlaß des Kai­sers und Königs auSgegeben, der an den Reichs­kanzler gerichtet ist und dem Dank und der Freude des Monarchen für die ihm zu seinem Regierungs­jubiläum zuteil gewordenen Glückwünsche und Dar- vietungen aus allen Kreisen der Bevölkerung des preußischen Staates und des Reiches Ausdruck gibt. Der Erlaß hat folgenden Wortlaut:

In dem an ernsten unb frohen vaterländischen Ge. benltagen so reichen Jahr ist Mir ein besonders glück, lieber Tag beschieüen gewesen: der Tag, an welchem Ich vor 25 Jahren auf ben Thron Meiner Vater berufen wurde. In Gesundheit habe Ich ihn mit Ihrer Maje­stät der Kaiserin und Königin, Meiner Gemahlin, im Kreise unserer Kinder und Kindeskinder freudig begehen können. Ich danke Gott, daß Ich mit Befriedigung zurückblicken darf auf die vergangenen 25 Jahre ernsten Schaffens, auf die großen' Errungenschaften, welche sie dem Vaterland auf allen-Gebieten des geistigen, sozialen und wirffchaftlichen Lebens gebracht haben, auf die bei­spiellose Zunahme von Volkskraft und Nationalvermögen. Das auf dem Fundament der Einigkeit der deutschen Stämme unb ihrer Fürsten von Kaiser Wilhelm bem Großen errich­tete deutsche Haus ist nach innen und außen weiter aus- gebaut zu einem geschützten und freundlichen Aufenthalt für feine Bewohner. Datz dies unter den befruch­tenden Strahlen ber Friedenssonne ge­schehen ist, deren Kraft jedes am Horizont auftauchende Gewölk siegreich zerstreute, macht Mich besonders glück- lich. Ein Herzenswunsch ist Mir damit in Erfüllung gegangen.

In reicher Fülle fft Mir an Meinem Ehrentage Liebe und treue Anhänglichkeit von allen Seiten entgegengebracht worden. Die erlauchten deut­schen Fürsten und die Freien Städte haben es sich nicht nehmen lassen, ihre Mich beglückende Freund­schaft unb bie Festigkeit des Landes deutscher Einheit durch persönliche Ueberbringung freundlicher Glück­wünsche von neuem zu bestätigen. Das deutsche Volk hat mir durch Abordnungen und Tausende von Zuschriften, Telegrammen unb künstlerischen Adressen aus allen Gauen des Vaterlandes, aus den Kolonien unb aus allen Teilen des Erdballes treue Glückwünsche kund- gegeben. In Stadt und Land ist der Tag mit freudiger Teilnahme festlich begangen worden. In festl. Veranstal­tungen ber Parlamente, Behörden und Vereine, wie in freunbl. Festartikeln der Tagespresse ist eine patriotische Gesinnung von außergewöhnlicher Stärke zutage getreten. Aber nicht auf Glückwünsche und Festreden allein haben sich die Mir gewidmeten Aufmerksamkeiten und Gärun­gen beschränkt. Wenn Festesfreude mit dem Herzen em­pfunden wird, drängt sie zur Betätigung durch Dank- Opfer. Provinzen, Kreise, Städte, Gemeinden und Ver­eine haben trotz hoher Anforderungen an ihre Opfer­willigkeit sich gedrungen gefühlt, zahlreiche mit Meinem Namen verbundene Stiftungen zu errichten, dazu bestimmt, bie Not der Bedürftigen, Kranken und Elenden zu lindem und gemeinnützige Bestrebungen diesem noch einen anderen ausüben, der mit tausend Gefahren verknüpft ist!

„Weil mich die Idee des Ikarus, die seit Jahr­tausenden die Geister beschäftigt hat, lockt! — Stolz und sicher durch die Lüfte zu segeln, als Herr der Welt — das ist noch mehr, als ein schönes Bauwerk auf die Erde zu stellen. Ueberdi'es fühle ich soviel Schaffenskraft in mir, daß ich beide Aufgaben lösen werde. Ich habe bereits einen Flugapparat kon- ftniiert und auch schon veffchiedene Flugversuche ge­macht; wenn erst noch einige Verbesserungen aus­geführt sind, will ich zunächst einen Höhenflug un­ternehmen. Aber nicht hier — erst in Berlin. Der „Adler" heißt mein Eindecker und ich bin überzeugt, daß er alle anderen Erfindungen dieser Art überflü­geln wird."

„Tu's nicht!" bat Annie. „Ich habe solche Angst um Dich!"

„Närrchen", erwiderte er, „ich tu's doch nur, um groß vor Dir dazustehen. Du sollst sehen, daß ich über die anderen emporrage —"

„Nein, nein — versteige Dich nicht zu hoch, Hardy! — So, wie Du jetzt bist, bist Du mir am liebsten! Deine Größe, Dein allzukühnes Wagen erschreckt mich. Bei aller Größe und allem Genie darf der Mensch doch nicht vergessen, daß er dem all- mächttgen Schöpfer gegenüber nur ein armes, kleines Geschöpf ist — ein Zwerg! — Denk an den Turm von Babylon und an den Stolz der Menschen, der ihn so hoch bauen wollte, daß seine Spitze den Him­mel berühre. Da sprach Gott ein Wort — und der Turm ward nie vollendet! Bei allem Sweben nach Freiheit und Größe müssen wir demütig bleiben —"

Hardy lächelte über diese Kinderweisheit, gab aber keine Antwort. Er zeigte auf die Berge. „Sieh, nun fliegen wir über die Paßhöhe der Vorberge. Schau, wie die Wipfel der Tannen glühen! Als ob Flammen auf jedem Zweige brennten! Das ist die Sonne, die Sonne! — Und wie leicht das Luftschiff die Paßhöhe erklimmt! — Nun sind wir, denke ich, in 800 Pieter Höhe! Imposant, was? — Du, dieser zerklüftete Felsbrocken dort unten — fft das nicht das steinerne Riesenkind, das Ettaler Mandl?"

(Fortsetzung folgt.)