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3. Blatt

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Fuldaer Leitung♦

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-amrtag 21. Juni 1915.

Vocheil'Run-schau.

[:] Fulda, 20. Juni 1918.

Fesüich bewegt war in dieser Woche das ganze Deutsche Reich ob des silberne« Regierungs­jubiläums Kaiser Wilhelms n. Allent­halben im Lande ist diese Jubelfeier freudig und fest­lich begangen worden vor allem aber bot die Reichs- Hauptstadt ein Bild froher, von patriotischem Schwung getragener Festesstimmung. Die Anwesen- galler deutschen Bundesfürsten am deutschen Kai- f bot dem Ausland einen Beweis dies fcften Ge- > des Deutschen Reiches und der Einigkeit, die die chen Fürsten zusammenhält Das Jubelfest des deutschen Kaisers hat aber auch im Ausland ein war­mes Echo gefunden nicht nur bei deutschen Stammes­brüdern, die fern der Heimat leben, sondern auch im Herzen fremder Nationen, die dem deutschen Volk sonst gerade nicht hold sind, im deutschen Kaiser aber $en Typus eines selbstbewußten Monarchen erblicken. Der Kaiser selbst hat den Tag der 25jährigen Wieder­kehr seiner Thronbesteigung zum Anlaß genommen, in weitgehendem Maße Gnadeneriaffe zu erteilen. Natürlich ist auch die Zahl derer, die persönliche Aus­zeichnungen erhielten, nichtz gering. Die Jubelfeier hat einen schönen Verlauf genommen. Nur ein Mißton hat die patriotischen Freudentage gestört. Ge­rade am Kaiseriubiläumstage ist in Coesfeld 6 Jesuitenpatres die Abhaltung von geistlichen Volks­exerzitien untersagt worden und die Erregung des ka­tholischen Münsterlandes über diese Maßnahme der Regierung ist begreiflich. Was seit dem bekannten Bundesratsbeschluffe aus dem November vorigen Jahres bislang nur in zwei Fällen in Baden sich zu- getragen hat, tft nun auch in Preußen Ereignis ge- worden, obwohl der Reichskanzler, der auch preutzi- scher Mnisterpräsident ist und der Staatssekretär des Reichsjustizamts im Reichstage beteuert haben, daß „die bestehende Praxis oder die bestehende Hand­habung des Gesetzes zu ändern, nicht Zweck und Ab­sicht des jetzigen Bundesratsbeschlusies fei." Das Schreiben des Münsterschen Regierungspräsidenten nimmt aber Bezug auf den letzten Bundesratsbe­schluß zum Jesuitengesetz, der also nach Ansicht der Regierung in Münster dennoch eine Verschärfung der bisherigen Praxis bedeutet, weil bislang soge­nannte Jesuitenmisiionen im Münsterland unbean­standet geblieben find. Es mag sein, daß die Ver­fügung des Regierungspräsidenten in Berlin unan­genehm empfunden worden ist und vielleicht auch ver­schnupft hat. Dem Münsterschen Regierungspräsi­denten kann, wenn er sich an die Vorschrift des Ge­setzes hält, kein Vorwurf gemacht werden, ein Vorwurf trifft vielmehr jene Stellen, die ein Gesetz aufrecht erhalten deffen Durchführung zu den größ­ten Unzuträglichwiten führt und das in seinem inner­sten Wesen ungerecht ist Wirds denn immer noch nicht anders werden?

Der Reichstag hat in dieser Woche die 2. Be­ratung der W e h r v o r 1 ag e fortgesetzt und beendet. Eifrig ist auch an dem Zustandekommen des Kom- promisies in der Besitzsteuerfrage zwischen den bürgerlichen Parteien gearbeitet worden. Die Grundlage desselben soll die Reichsvermögenszu­wachssteuer unter Hineinbeziehung des KindeSerbes bilden.

Das preußische Abgeordnetenhaus, daS eben erst gewählt worden ist, hat bereits seine erste Sefiwn hinter sich. Es hat durch das aus der vorigen Legislaturperiode wiedergewählte Präsidium dem König zu seinem Regierungsjubiläum Glückwünsche überbringen laffen und durch ein Festmahl die Juhel- feier selbst mftbegangen.

In Holland fielen die Neuwahlen für die zweite Kammer durch das Zusammengehen der Li­beralen mit den Sozialdemokraten für die jetzigen Regierungsparteien ungünstig aus. Das Resultat dürste im Interesse der Monarchie, wenig ersteulich sein, da nach alter Erfahrung bei polnischen Bünd­nissen die radikale Richtung infolge der Kompromisse, die man mit ihr schließen muß, gewöhnlich die Ober­hand zu behalten pflegt.

In Spanien brachte die Ablehnung der Kata­lanischen Autonomie-Vorlage im Senat dem schon mehrfach erschütterten Kabinet Romanones eine solche Niederlage bei, daß es zurücktreten mußte, aber trotz- dem wuwe Romanones nut der Neubildung des Mr- nisteriums wieder betraut. Die nächste Zeit wird lehren, ob König Alphons gut daran getan hat, dem Lande zum dritten Male einen Minister zu präsen- tteren, der es noch nie verstanden hatte, auch auf die große Mehrzahl des polittsch mit ihm nicht überein- sttmmenden Bolksteils Rücksicht zu nehmen. — In

Unpolitische SeMSuse.

N. Berlin, 19. Juni 1913.

(Nachdruck nicht gestattet.)

Der Festkuchen ist aufgezehrt, jetzt efien wir wie­der Alltagsbrot Nach de« Feiertagen kommen wie­her die Werktage. Die Erinnerung bleibt; das ist der Blumenstrauß, den wir von dem Ausfluge in das Jubelland heimgebracht haben.

Wie ist denn daS Andenken, das die Feierlichkeiten hinterlassen? Weun ich mein Urteil abgeben soll, so sage ich: gut Alles würdig und erbaulich ver­laufen, unter herzlicher Beteiligung des Volles. Keine Einseitigkett, keine Uebertrerbunge«, keine stö­renden Avischenfälle. Es war mehr Gediegen­heit in der Sache, wie sonst bei ähnlichen Anläsien.

Ein kleiner Zwischenfall hat sich freilich in B r e s- jl a u ereignet, indem dort das verunglückte „Festspiel" von Gerhart Hauptmann vorzeitig vom Spielplan abgesetzt wurde. Ich wundere mich nicht über die Absetzung, sondern vielmehr über die Annahme die­ser Mißgeburt. Wenn nur ein paar verständige Menschen beauftragt worden wären, die sogen. Dich­tung vor der Inszenierung durchzulesen, so hatten sie von vornherein gesagt: diese holperigen Knittel­verse und das ganze greisenhafte Puppenspiel sind künstlerisch minderwertig und eignen fich für eine nationale Festvorstellung so wenig, wie ein gestopfter Strumpf zum Fahnenbande. Schwamm drüber! Diese vereinzelte Ausnahme bestättgt nur die Regel der Harmonie, die diesmal herrschte.

Ich bin durchaus nicht antimilitaristisch. Ich halte sogar die Parade und sonsttge militärische Auf­züge für gut und schön, wenn nur das rechte Maß eingehalten wird, und der Kriegsminister hat nicht unrecht, w^nn er die Parade nicht bloß als rnilttä- rische Uebnng, sondern auch als Volksfest gelten las­sen will. Aber wir haben schon Festlichkeiten erlebt, bei denen das Militär das Bürgertum gar.zu sehr auf die Seite drängte. Diesmal hat sich die Feier nicht so militärisch zugespitzt, sondern dem „Zivil" gehörigen Platz gelassen.

Am Dienstag war die Mischung im Programm igjp bezeichnend. Morsens der Huldigungszug der

SRatoHo tft das ganze „Riff", die Nordküste, die ja ordnungsmäßig den Spaniern gehören soll, im Auf­ruhr; die alten Seeräuber, die seit Jahrhunderten jedes an der zerllüfteten Küste in Schwierigkeiten ge­ratene Schiff erbarmungslos ausraubten und plün- detten, unter Vernichtung der Besatzung natürlich, haben ein auf Grund geratenes spanisches Kanonen­boot angegriffen, und damit war der reguläre Krieg wieder da. Spanien muß wieder einmal Riesen­summen für die Niederwerfung der Riffleute auf­wenden und wiederum Tausende junger Menschen­leben aufs Spiel setzen. Nun hat Spanien aber kein Geld tat Ueberfluß, am wenigsten für solche nutzlosen Kolonialabenteuer; dem Durchschntttsspanier er­scheint es jedesmal nützlicher und angebrachter, wenn der junge Mensch sein Leben bei Stierkämpfen aufs Spiel setzt, als wenn er im Kriege mit dem Risiot sich opfert; diese Abneigung vor dem Kriege ist um so größer, als Spanien von dieser marokkanischen Kolonie keinerlei Nutzen zieht und auch auf lange hinaus keinen Nutzen daher zu erwarten hat.

In Frankreich ist man mit der Erledigung der Dchrvorlaaen noch nicht weiter gekommen. Um Finanzsorgen handelt es sich dort weniger. An Geld ist Frankreich Deutschland weit überlegen, nicht aber an Menschen, und die geben doch letzten Endes den Ausschlag im Ringen der Völker. Menschen schien, die man als Kanonenfutter vorschicken kann; und die, die man als Rekruten heranziehen kann, die weh­ren sich. Der Sozialismus hat die entschiedensten Abwehrmaßnahmen pegen die geplante Wiederein­führung der dreijährtgen Dienstzeit in die Wege ge­leitet, und alles deutet auf ganz erbitterte Parlamen­tarische Kämpfe hin, zumal die Sozialisten in ihren verschiedenen Gruppen einen großen Einfluß im stanzösischen Parlament ausüben.

Auf dem Balkan ist die Gefahr eines unmit­telbaren Krieges wenigstens etwas gebannt. Ruß­land hatte kein Jnteresie mehr an dem Kriege und gebot seinen Vasallen dort unten Verträglichkeit. Tie Könige Ferdinand und Peter haben sich zwar in ihren Antwortdepeschen an den Zaren reinzuwaschen versucht und mit beneidenswerter Duldermiene sich gegenseitig als die allein schuldigen Störenfriede be­zeichnet, es konnte sie aber nicht abhalten, ihre Er­gebenheit und Unterwerfung unter den weisen Rich- terspruch des großen Väterchens zu versichern. Rnß- land hat daraufhin die vier Ministerpräsidenten der verbündeten Balkanstaaten offiziell vor das Peters­burger Forum geladen und man erfährt, daß der montenegrinische, der griechische und auch der serbische Ministerpräsident berett sind, dem Rufe Folge zu lei­sten. Der bulgarische Ministerpräsident, Dr. Danew, welcher nicht bloß ein glühender Patriot, sondern auch vor allem ein schneidiger Draufgänger zu sein scheint, hat seine Anwesenheit bei der Petersburger Konferenz von einer vorherigen Abrüstung abhängig gemacht.

Die Leidenszett der Türkei scheint ihr Ende noch nicht erreicht zu haben. Die Ermordung des Großwesirs Mahmud Schewket Paschas bedeutet nicht bloß für das Jungtürkentum, sondern für das ganze türkische Reich einen schweren Verlust. Wenn man auch über das politische Programm Mahmud Schewket Paschas seine eigene Meinung haben konnte, so darf man ruhig behaupten, daß die zweifellos nicht unbedeutenden persönlichen Qualitäten dieses Man­nes für die Festigung und Sammlung der nieder­gerungenen Türkei nicht unbrauchbar gewesen wären. Das neue Kabinett, in welchem der Minister des Aeußern Prinz Said Halim Pascha den Vorsitz führt, wird nicht zu unterschätzende Schwierigkeiten haben, um aus den Ruinen des Osmanenreiches einen neuen wenigstens einigermaßen lebensfähigen Staat entstehen zu laffen.

Ausland.

△ Der katholische Bolksverein in der Schweiz. Nach dem letzten Jahrbuch des Kacholischen Volks- Vereins in der Schweiz beträgt die Mitglieder­zahl 52777 auf 1590 792 Katholiken. Die Mit- glieder verteilen sich auf 481 Ortsvereine. Die Ber- einigungder katholischen Frauen der Schweiz zählt 40 328 Mitglieder in etwa 200 Ortsvereinen.

♦♦ Die holländische« Kammerwahlen haben im ersten Wahlgange noch nicht die Entscheidung ge­bracht. Wie schon gemeldet, erhielten die Katholiken 25 Sitze; ferner find auf der Rechten gewählt 10 an- tirevolütionäre Kandidaten, 6 historische Christen und ein Wilder. Die Partei der Linken zählt 12 Sitze, darunter den Sozialisten Troelstra. Der protestan-

Berliner Gewerke, abends der Fackelzug der Studenten, mittendrin zum Mittag die feierliche Beglückwünschung durch die Bu n d e sf ü r st e n. So ist's recht: das handarbeitende und das kopsarbeitende Boll mußte allgemein fich beteiligen, und toenn die regierenden Fürsten als treue Reichsglieder um den Kaiser sich scharten, so mußten sie nicht bloß im eige­nen Namen, sondern als Wortführer ihrer Staats­bürger aus allen Stämmen und Ständen und Klas­sen sprechen. Auch das Morgenständchen von 7000 Berliner Schulkindern möchte ich aus der Fülle der Veranstaltungen noch herausheben. Das kommende Geschlecht fft der Träger der Zukunft, und bei dem kaiserlichen Silberjubiläum muß man bedenken, daß auf dieses Bierteljahrhundert noch viele Vierteljahr- Hunderte nationalen Lebens und Strebens folgen sollen und daß immer auf der hinterlasienen Grund, läge weiter gebaut werden muß. „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen." Der Spruch gilt für uns, die wir von den Urvätern vor hundert Jahren und von den Vätern aus 1870-71 ungeheuer viel ererbt haben, und er gilt auch von den Kindern, denen wir eine werwolle politische Erbschaft anvertrauen werden. Denn mag auch das letzte Vierteljahrhundkrt keine ruhmreichen Erobe­rungen und keine umwälzenden Neugestaltungen im Staatswesen herbeigeführt haben, so hat doch in der Friedensarbeit die "Volkswohlfahrt im ganzen einen solchen Aufschwung genommen, daß alle Schichten sich mit stohem Behagen an der Feier beteiligen konnten. Und sie haben es getan, indem sie auf die Sorgen, Zweifel, Mängel und Nöte, die im irdischen Janimertale unvermeidlich sind, vorläufig vergaßen und sich dankbar stellten über das Gute, was er­reicht ist. Was noch fehlt, darüber reden wir am Werktag weiter, und die Lücken werden um so eher sich füllen laffen, je länger die allgemeine E i n- tracht und die Staatsfreudigkeil Vorhal­ten.

Manchmal ist schon gesagt worden, wir feierten zu viel Feste. Hier und da mag auch schon das rechte Maß mal überschritten worden sein. Man kann aber nicht behaupten, daß der Arbeitsfleiß des Volles gegen früher nachgelaffen hätte. Mit der Arbeitsam­keit verbindet aber das Voll ein gewisses Festbedürf.

tische Wahlbund, der gegen die Koalition der Calvini- sten sowie gegen die katholische Koalition ankäznpft, hat keinen Kandidaten durchgebracht. Die Rechte zahlt nach dem ersten Wahlgange also 41, die Linke 12 Mandate. In der letzten Kammer hatte die Rechte 52 Mandate gegen 48 der Linken. Leider ist zu er­warten, daß von den 46 Stichwahlen höchstens vier oder fünf zugunsten der Rechten ausfallen werden, so- daß sic in der neuen Kammer mit 45 oder 46 Sitzen in der Minderheit sein wird. Die Sozialdemo­kraten haben nämlich beschloffen, den Liberalen in allen Bezirken Unterstützung zu gewähren, und selbst­verständlich unterstützen die Liberalen die Roten nach Leibeskräften. Die Linke wird also eine kleine Mehrheit bekommen. Die eigentlichen Sieger sind die Sozialdemokraten. Ihre Stimmenzahl hat enorm zugenommen. Sie sind in nicht weniger als 22 Be­zirken an der Stichwahl beteiligt. Statt der bisherigen 7 werden in der neuen Kammer wenigstens 15 Sitz und Stimme haben. Der Wahlkampf hat gezeigt, daß die Liberalen vollständig den Sozialdemokraten aus- geliefert sind. Die größte Gefahr droht von einer Mehrheit der Linken der sozialen Gesetzgebung. Die Liberalen wollen nämlich die vor kurzem angenom­menen Versicherungsgesetze kassieren. Der Arbeiter wird den Schaden davontragen. Der Ausfall der Wahl ist eine Folge der tollen Hetze der Liberalen und Sozialdemokraten. Mit allen erlaubten und un* erlaubten Mitteln hat man Sturm gelaufen gegen die Zwangsversicherungsgesetze, die Sittlichkeitsgesetze und vor allem gegen das Einfuhrzollgesetz und die christ­liche Schule.

Aus dem Nachbargebiete.

* Aus der Rhön, 20. Juni 1913. Für die Nam­haftmachung der Täter, die an dem großen Wegwei- sergestell auf der Wafferkuppe sechs große Emaille­schilder abgeschraubt haben, setzte der Rhönklub 10 Mark Belohnung aus.

* Aus dem Kreise Her-, eld, 20. Juni 1913. An Stelle des verstorbenen Bürgermeisters Döring in Sieglos tft der Bildhauer I. H. Manß zum Bürgermeister gewählt und bestätigt worden. — Der Bürgermeister H. Metz in A u s b a ch ist auf weitere acht Jahre wiedergewählt und bestätigt worden.

* Frankfurt, 20. Juni 1913. Heute früh stürzte sich in einem Anfall von geistiger Störung die 37 Jahre alte Ehefrau des Zuschneiders Dorsel aus dem Fenster ihrer Wohnung und fiel auf einen gerade vorübergehenden Ausläufer. Die Frau wurde schwer verletzt ins Krankenhaus verbracht.. Der Ausläufer trug am Kopf und an der Wirbelsäule Verletzungen davon. — Gestern fiel ein 40jähriger Arbeiter aus der sich öffnenden Tür eines Auszuges in die Tiefe. Er erlitt einen Schädelbruch und starb nach kurzer Zeit. — In der Nähe des-Eahnhofes wurde ein alkob ol- freies Hotel, wohl das erste dieser Art in Deutschland eröffnet. Es führt den Namen „Hotel Schweizerhof".

♦ Gieße«, 18. Juni 1913. Vor dem hiesigen Schöffengericht stand am Dieustaa eine Klage an, die der fteisinnige Rechtsanwalt Grünewald gegen den hessischen Landtagsabgeordneten Dr. Winkler anhängig gemacht hatte. ES handelte sich um den Vorwurf der Feigheit, den der Beklagte gegen den Prioatkläger im hessischen Landtage erhoben hatte. Nachdem das Gericht zwei Stunden verhandelt hatte, erklärte der Vorsitzende seine Befangenheit, wett er KorpSbruder des Klägers ist. Di« Verhandlung wurde aufaeboben.

* Aus Rheinhessen, 20. Juni 1913. Die Sch w ei­ne p e st hat in mehreren Gemeinden eine solche Ver­breitung genommen, daß nach einer Bekanntmachung des Kreisamts Bingen eine größere und allgemei­nere Gefahr der Seuchenverbreitung besteht und die Abhaltung verschiedener Schweinemärtte verboten wurde.

vermischtes.

• Das öffentliche Ausgebot einer Forderung. Im Auftrage eines kaufmännischen Geschäfts in Düssel­dorf richtete eine Auskunftei an einen auSwär- igen Schuldner die Aufforderung, die Schuld in Raten abzutragen, widrigenfalls sie in seinem Wohnort mit Angabe von Namen, Adressen und Höhe den Forderung in der Zeitung öffentlich ausgeboten werde. DaS Schöffengericht hatte deshalb die Inhaberin der Aus. kunftei wegen Beleidigung sowie Nötigung zu 10 Mk. Geldstrafe verurteilt. Die Strafiammer als BerufungS- instanz hob dieses Erkenntnis auf und sprach die An-

nis. Tas konnte man an diesen Tagen so recht in den überfüllten Straßen von Berlin beobachten. Die Leute wollen zeitweittg einmal aus dem engen Kreis der Alltäglichkeit heraus; sie wollen, Auge, Ohr und Herz an größeren Eindrücken auffrischen. Bei den alten Römern lautete die Volksforderung: Panem et circences, Brot und Zirkusspiele! Der Zirkus war für sie die Heimstätte aller nationalen Festlichkeiten. Die Menschheit hat sich inzwischen von der Roheit der damaligen Zirkusaufführungen frei gemacht; em Nachklang aus alter Zeit ist ja noch das spanische Stiergefecht, bei dem eS für unseren Geschmack zu blutrünsttg zugeht. Auch über die Einseitig- feit, die in dem römischen Zirkus alles suchte, sind wir hinweg. Für unsere Feste wählen tote die ver­schiedensten Orte und die verschiedensten Formen. Aber ohne Feste geht es jetzt so wenig wie früher. Das Volk will zeitweilig seine Schaulust befriedigen und sich eine Gemütserhebung verschaffen in Ge­meinschaft mit anderen; je mehr, desto besser! Es kommt nur daraus an, diesen Drang nach erquick­lichem Zeitvertreib und angenehmer Anregung auf die rechten Wege zu lenken. Wenn das Volk sich zu nationalen Feierlichkeiten drängt, so ist das gewiß viel bester, als wenn es in Kientöppen oder Radau- wirtschaften seine Erholung sucht. Auch gegen den Besuch von Sportplätzen und Rennbahnen wäre an sich nichts einzuwenden, wenn nur die Versuchung zum Wetten ausgeschaltet werden könnte:

Wie groß der' festliche Heißhunger ist, kann man an den riesigen Strapazen abmeffen, die sich die Schaulusttgen auferlegen. Die alten Griechen sagten, der Himmel habe vor den Ruhm den Schweiß gestellt. Die Neugier muß aber erst recht Schweiß vergießen. Wer nicht stundenlang im Gedränge sich unter der heißen Sonne braten fassen kann, der fft kein besähig- ter Festgast. Die Siege auf den Schlachtfeldern wer­den bekanntlich mehr durch die Beine, als durch die Arme erfochten. In den Beinen wurzelt auch der Erfolg auf der Wählstcitt der Festlichkeiten. Man muß meilentoeit marschieren können, um all die Herr* lichkeiten zu sehen, die jetzt in Berlin geboten waren. Und «och schwerer als das Gehen ist das endlose Stehen. Darin leisten die Leute schier Unglaub­liches, das sog. schwache Geschlecht mtt eingerechnet.

geklagte frei Das Gericht führte aus, daß aus einer solchen Anzeige durchaus nicht die Absicht einer Belei­digung hervorgehe, sondern daß dadurch nur die Til­gung der Schuld bewirkt werden sollte.

# Eine Krippendarstellung als Geschenk für Pius X. Vor kurzem empfing Papst Pius X. den akademischen Bildhauer Seb. Ost errieber aus München in Pri­vataudienz. Osterrieder machte auch namens einer Gruppe katholischer Bayern eine von ihm kunstvoll aus. geführte 3 Meter hohe Krippendarstellung zum Ge. schenke. Die aus Holz geschnitzten Figuren der sieben Hirten, die dem Christuskinde mit Geschenken nahen, sind nach den vom Künstler in Bethlehem gemachten Studien verfertigt. Der Papst hat dem Künstler seine volle Befriedigung über das schöne Werk ausgesprochen.

* Das erste Denkmal für bcn Prinzregenten von Bayern. Aus M u r n a u am Staffelsee wird ge­schrieben: Prinzregent Ludwig von Bayern wird auf dem hiesigen Marktplatz fein erstes Denkmal, ein Brunnendenkmal, erhalten. Die Kosten belaufen sich aus ungefähr 11000 Mark, die durch Spende« gedeckt sind.

* Vom Panamakimal. Der „Newhork Herold" erfährt, der Panamakanal werde ttotz der letzten star­ken Erdrutsche am 1. Dezember 1913 beendet sein. An diesem Tage werde chn, wenn nötig, die ganze atlantische Flotte der Vereinigten Staaten durchfah­ren können. In den ersten Oktobertagen werde der Damm vonCulebra durch st ochen werden, der jetzt allein noch dien Waffereintritt in den Graben von Culebra hindert. Nur zwei Schleusen werden bis dahin fertiggestellt fein, doch wird man die an­dern sehr beschleunigen. Im Januar 1914 wird der Kanal imstande fein, den Bedürfnissen des Handels zu genügen.

Literarischer.

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Zarte Frauen, die in jedem Straßenbahnwagen sehn­süchtig nach einem Sitzplatz schauen, wenn die Fahrt auch nur einige Minuten dauert, können sich bei Fest­lichkeiten einen halben Tag lang „die Beine in den Leib stehen", wie der Berliner sich ausdrückt. Wenn ich ein solches „Stehvermögen" beobachte, so über­schleicht mich der blaffe Neid. Ja, vor 25 Jahren, da konnte ich auch noch als Gast.an Feststraßen mich be­währen: aber jetzt muß ich den Wettbewerb mit den jüngeren Beinen von vornherein aufgeben. Doch liegt immerhin ein Trost in der Wahrnehmung, daß die­jenigen GliÄmaßen, die für die militärische Lei­stungsfähigkeit so wesentlich sind, bei dem nachrücken­den Geschlecht noch ganz gut ausgebildet sind.

Berlin hat manche gute Eigenschaften, doch die Schmuckkunst war in dieser «was prosaischen Stadt bisher nicht sonderlich entwickelt. Jetzt hat man aber einen kräftigen Anlauf genommen, um die Aus­schmückung der Hauptstraßen in einen höheren Schwung zu bringen. Die Fottschritte waren dan­kenswert wenn ich sie auch noch nicht für vollkommen halte. Besonders erfreulich war der Festzug der Ge­werke mit den charakteristischen Wagen, Emblemen und Prachterzeugnissen jedes einzelnen Handwerks. Solche Vorführungen, in denen uns bisher der We­sten mit seinem angestammten Schönheitssinn und Humor überlegen war, sollte man mehr und mehr in der Reichshauptstadt heimisch machen. Solche bür­gerlichen Paraden bilden ein wohltuendes, schö­nes und heilsames Seitenstück zu den militärischen Paraden. — Alles in allem genommen, können wir, wie ich meine, mit dem Verlaufe der Festlichkeiten zufrieden sein. Und wer sich mit der Lesung der Fest- bcrickte begnügen mußte, braucht auch nicht verdrieß­lich zu fein. Denn er hat sich viel Strapazen und Geld erspart, und toenn er mit .Herz und Phantasie liest, so kommt er auch auf diesem bequemen Wege zur Festfreude und Erbauung. — Deutschland ist fa ge­rade noch kein Stück Himmel, aber es hat sich doch gut aushalten laffen, und es läßt sich auch noch weiter aushaken in unferm lieben Vaterlande un­ter dem Szepter des pflichteiftigen, treuen, tatkräfti- P« und friedfertigen Jubilars.