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Zuldaer Zeitun

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Nr. l40. erstes Blatt.

$reltag den 20. Juni 1913.

40. Zahrgang.

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 19. Juni 1913.

Die zweite Beratung der Wehrvorlage wird fortgesetzt.

Kriegsminister b. Heeringe«: Der Abg. Zubeil hat sich gestern mit dem schon 1890 verstorbenen Major von Roon beschäftigt. Ich habe zu konstatieren, daß die Angabe, b. Roon habe irgendeinen Menschen er- jtochen, erschossen oder sonstwie ums Leben gebracht, frei erfunden ist und ins Gebiet der Ammenmärchen gehört. Mir fehlen die Worte darüber, wie ein Abgeordneter hier bon der Tribüne deS Reichstags einen bor 23 Jahren verstorbenen Ehrenmann derartig herum ersetzen kann. Er hätte seine Angaben durch die jedermann sehr leicht zugänglichen alten Jahrbücher Prüfen können. Das Urteil über dieses Verhalten überlasse ich dem Reichs­tag. (Lebh. Beifall.)

Abg. Zubeil (Soz.): Meine Ausführungen entspre­chen den Tatsachen. Alle Reserbeleute, die mit mir die Hebungen gemacht haben, können bestätigen, daß Roon nicht nur Menschen, sondern auch Pferde und Hunde mißhandelt hat.

Der Kriegsminister: Ich habe nur zurückgewiesen, daß Roon einen Burschen oder sonst einen Menschen er. schossen, erstochen oder auf andere Art umS Leben ge­bracht habe. Wenn Herr Zubeil oder seine Kameraden die Behandlung so schwer empfunden haben, so wundert mich, daß er nicht schon damals dagegen eingeschritten ist und protestiert hat.

Die Sozialdemokraten beantragen besondere Artikel, die sich auf die Freiheit der politischen und religiösen Ge­sinnung beziehen.

Abg. Heine (Soz.): Aus Anlatz der letzten Wahlen sind aktibe und inaktive Sanitäts- und andere Offiziere gemahregelt worden, weil sie liberal waren oder weil sie das Eintreten für einen Sozialdemokraten befürwor- teten.

Abg. Quarck (natl.): DaS Schnüffelwesen wegen der politischen Gesinnung ist auch uns zuwider. Aber die Anträge sind entweder ein Zeichen von Unkenntnis der Bedürfnisse der Armee oder aber — was wahr­scheinlicher sein dürfte — ein Zeichen bon dem Geiste, mit dem die Sozialdemokratie das Heer bekämpft.

Abg. Bogtherr (Soz.): Ein Beweis für die Richtig­keit unserer Anträge ist, datz die Nationalliberalen ihren Abgeordneten Quarck vorgeschickt haben. Seine Aus­führungen waren nur ein hilfloses Gestammel. (Zurufe: Frechheit! — Präsident Dr. Kämpf ruft den Abg. Vogt- Herr zur Ordnung.) Die Behauptung, wir wollten Agitatorische Freiheit für die Sozialdemokraten in dem Sinne anstreben, wird nie bewiesen werden können. Die Religion als militärische Disziplin zu pflegen, ist un-

Abg. Kreth (kons.): Die sozialdemokratischen Anträge laufen darauf hinaus, die sozialdemokratischen Ideen im Heere weiter verbreiten. Die Sozialdemokraten Hal- ten in ihrer Partei auf dieselbe Disziplin, die sie in der Armee beseitigen wollen. Bei ihnen gilt: Wer nicht pariert, fliegt. Die Sozialdemokratie als ärgste Feindin des Christentums möchte nur die antichristliche Propa­ganda in die Armee verpflanzen.

Die sozialdemokratischen Anträge werden ab g e- l ehu t. Es folgt die Debatte über das Militär, verbot. — Ein Antrag der Kommission wünscht, datz der Besuch einer Räumlichkeit nicht deshalb verboten werden darf, weil der Inhaber eine bestimmte politische Ueberzeugung hat oder Angehörigen einer politischen Partei seine Räume zur Verfügung stellt. — Ein sozial­demokratischer Antrag will die Resolution dahin er. weitern, daß er den Betroffenen ein Klagerecht auf Unterlassung und Schadenersatz zuspricht.

Abg. Frank (Soz.) führt aus, datz nicht nur Wirte, sondern auch Friseure, Bäcker, Tischler, Zigarrenhändler ohne jeden Grund boykottiert würden.

Abg. Liesching (Vp.) meint, der Antrag nütze nichts, da man mit einem Anträge nicht alle Fälle treffen könne. . ,

Generalleutnant Wandel erklärt, datz em Lokalverbot nur erlassen werde, wenn die Disziplin es verlange. Ein Verbot sei aber berechtigt, wenn ein Lokal nur für bie sozialdemokratische Partei gehalten werde, und der Inhaber sich selbst zur sozialdemokratischen Partei be­kenne. Bei Mihgriffen werde schon eine Untersuchung Abhülfe schaffen.

Das Münchner Kindl.

21] Roman von Felix Nabor.

Annie sah Hardy fragend an. Er nickte und sagte: „Ja, der Parseval ist für uns bereit zu einem Ueberlandflug in die Alpen — ich denke nach Gar- misch oder Ämmergau —"

Sie erblaßte und faßte seinen Arm. „Hardy — was sagst Du? Da soll ich mitfahren? — Diesem schwankenden Fahrzeuge soll ich mein Leben anver­trauen?" . „

Ein fast zorniger Blitz traf sie aus seinen Augen. ,Hast Du Furcht? — Das hätte ich nicht gedacht! Ich hielt Dich für ein swlzes deutsches Mädchen — und wenn es anders wäre, sollte e§ mir leid tun. Du mußt Dich schon daran gewöhnen, in mir etwas Besonderes zu sehen: einen Höhenmenschen, besten Gedanken und Pläne noch höher fliegen als dieser Ballon. Du sollst mir bei diesem Hochflug der Ge­danken folgen, ich will Dich zu mir emporheben in das Königreich meiner Träume und Ideen — und dieser Flug ist ein Symbol unseres gemeinsamen Lebensfluges! „Exzelsior!" heißt meine Devise und Tu sollst "sie zu der Deinigen machen dann wird unser Leben schön und glänzend, groß und herrlich sein! — Sieh, Annie — das ist meine Ueberraschung: ein Flug durchs Lustmeer, den höchsten Zielen zu: Exzelsior! — Gerne hätte ich Dir ein Zeppelin-Luft­schiff zur Verfügung gestellt, allein es ließ sich nicht machen. Denn Du mußt wissen, daß Zevpeliws System für mich das Ideal bedeutet. Ich sah sein König-schiff im Sommer 1908, als es zum erstenmal über die Stuttgarter Höhen dahinflog, über der Stadt kreuzte — stolz und schön! Wie Silber gleißte sein weißer Leib im Sonnenschein, wie ein silber- weißer Schwan segelte es durch die Lüste, von Hun­derttausenden angestaunt, bewundert, bejubelt. _ Von dieser Stunde an flog meine Seele dem kühnen genialen Grafen zu, dem König der Lüfte — und ich hätte vor ihm niederknien und ihn anbeten mögen, so begeistert war ich. Diese Begeisterung ist seitdem noch gewachsen, und aus diesem Grunde beabsichtigte ich, eine Zeppeline" zu mieten, aber es war schlech-

Die Abstimmung über die Anträge wird auf morgen ausgesetzt.

ES folgt die Debatte über Beförderung. — Die Sozialdemokraten Beantragen einen besonderen Artikel, in dem gefordert wird, datz nur persönliche Tüch­tigkeit ohne Rücksicht auf gesellschaftliche Stellung und auf religiöse oder politische Ueberzeugung für die Be­förderung maßgebend sein soll.

Abg. Bernstein (Soz.) gibt einen historischen Rück­blick über die Beförderungsgrundsätze im Heere seit Cromwells Zeiten. Er geht auch auf das Verbot deS Hauptmannschen Jubiläumsfestspiels ein und wendet sich gegen den Abg. v. G r ä fe und spricht von ihm als vom Abschaum der Menschheit. Er wird des­wegen vom Präsidenten zur Ordnung gerufen.

Abg. Graf Praschma (Ztr.) hält dem Vorredner fol- «ende Zeitungsstimme über das Hauptmannsche Jubiläumsfestspiel vor: .Der Gegensatz zwischen Frühjahr und Feiertagsglanz des jubilierenden Bres­lau und dieser Leistung des angeblich Berufenen war so ungeheuerlich, daß mir noch in der Erinnerung die Tränen der Wut in die Augen kommen. So weh es mir tut, einem Man« von Hauptmanns Vergangenheit dies sagen zu müssen, ich kann mir nicht helfen. Dieses Festspiel ist ganz einfach eine bodenlose Frech­heit. Ich habe mich in meine Seele hinein geschämt, daß man eS wagt, diesen'widerwärtigen Hokuspokus als Festfeier für das Jahr 1813 auszugeben. Ich habe mich geschämt als Deutscher, als Schriftsteller und als Kultur, mensch." DaS steht aber nicht etwa in der „Germania" oder in der „Deutschen Tageszeitung", sondern in der „Welt am Montag". (Lebhaftes Hört, hört! rechts.) Ich habe diesem Urteil nichts hinzuzufügen. Wenn Ihnen das nicht genügt, so lesen Sie die Kritik der „Neuen Freien Presse" in Wien, also auch dieses durch­aus nicht reaktionären Blattes über dieses Stück, die sich genau in denselben Bahnen hält. (Lebh. Beifall).

Freitag: Fortsetzung.

s Die Befitzsteuer i« der Kommission.

Am Donnerstag Beriet die Budgetkommission des Reichstags das Besitzsteuergesetz weiter. Bei § 18 (Feststellung des Vermögenszuwachses) wurde auf Grund eines nationalliberalen Antrags die Frage der Aufhebung deS Zuwachssteuergesetzes von 1911 Beraten. Schatzsekretär Kühn sprach sich gegen den Antrag aus. Es sei den Regierungen nicht entgangen, daß daS Wertzuwachssteuergesetz Härten gezeitigt habe, die beseitigt werden müßten. Deshalb solle dem Reichs­tag in absehbarer Zest eine entsprechende Novelle zu- geljen. Durch die Aushebung deS Gesetzes würden dem Reiche 21—23 Millionen Mark Ausfall erwachsen, der sich noch dadurch erhöhen würde, daß man bis zur Auf­hebung mit dem Umsatz.zurückhalten würde, zum Nach­teile oeS Grundstücksmarktes. Hierauf wurde der na» tionaUiberale Antrag gegen die Stimmen der Rational- liberalen und Fortschrittler abgelehnt.

Dann wurde der gestern an eine Subkommission überwiesene § 14 und § 14a angenommen, wonach Ver­mögen im Gesamtwert bis zu 20000 Mk. der Zu- wachsbesteuerung nicht unterliegen, Vermögen über 20000 bis 30 000 Mk. der Zuwachsbesteuerung nur soweit, als die steuerfreie Grenze überschritten wird und endlich Zuwachsteile unter 1000 Mk. unberührt bleiben. DeS weiteren wurde ein neuer § 19a angenommen, wo­nach als Wert deS steuerbaren Vermögens am 1. Januar 1914 das nach dem Wehrbeitragsgesetz festgestellre Ge­samtvermögen gilt, soweit seine Feststellung den Vor­schriften des Besitzsteuergesetzes entspricht.

Die weiteren Paragraphen werden mit unwesentli­chen Aenderungen angenommen. § 23 regelt die Steuer­sätze. Die Kommission beschloß dazu folgende S t a f- felungSsätze, und zwar gegen die Stimmen der Konservativen.

Die Steuer Beträgt für den ganzen ErhebungSzeit- raum Bei einem steuerpflichtigen Vermögenszuwachs von nickt mehr als 50 000 Mark 0,75 Proz. des Zuwackses, mehr als 50 000 Bis 100 000 Mark 0,90 Proz. des Zu­wachses, mehr als 100 000 bis 300 000 Mark IS Proz. des Zuwachses, mehr als 300 000 bis 500 000 Mark 1,20 Proz. des Zuwachses, mehr als 500 000 bis 1 Million 1,35 Proz. des Zuwachses, mehr als 1 Million 1,50 Proz des Zuwachses.

Eine längere Erörterung rief der Antrag M Zen­trums über das Kinderprivileg hervor. Danach

soll sich die Steuer Bei einem steuerbaren Vermögen von weniger als 100 000 Mark um je fünf vom Hun­dert für das dritte und jedes weitere min­derjährige Kind ermäßigen. Während von den Antragstellern auf die soziale Seite dieser Frage hingewiefen wird, bestreitet man auf anderen Seiten, daß neben den bisherigen Vergünsr gungen für minder­jährige Erben noch weitere Vergünstigungen notwendig seien. Ter Antrag wurde schließlich unverändert ange­nommen. Die Mehrheit bestand aus den Nationallibe­ralen, den Konservativen und dem Zentrum. Ter fol­gende Abschnitt des Gesetzes Betrifft die Wertver- miiiiung. § 27 will für die Regel den gemeinen Wert zugrunde legen, während nach § 28 Bei Grund­stücken auf Antrag des Steuerpflichtigen an die Srelle des gemeinen Wertes der Betrag der Gestehungskosten treten soll. Bei ererbten landwirtschaftlichen Grund­stücken soll der Eriragswert (der 25fache Betrag des Reinertrages) zugrunde gelegt werden. Die beiden Pa­ragraphen wurden unter Berücksichtigung der Fassung des WehrbeitrageS im Sinne der Regierungsvorlage angenommen, indes wie Beim Wehrbeitrag der 2 0 fache Reinertrag als Ertragswert Bei landwirtschaft­lichen Grundstücken bestimmt.

Nächste Sitzung: Freitag.

:: Das Ende der Welfensrage.

Der Reichskanzler läßt ein Schreiben ver- öffentlichen, das der Prinz Ernst August nach seiner Verlobung mit der Kais rlochter am 20. April d. I. an ihn gerichtet Hal. Der Prinz teüt2>arin mit, sein Vater, der Herzog von Cumberland, habe den Cnischl 6 gefaßt, in der Boraufsicht der Aufhebuna des Belchlnffes des Bundesrates vom 2. Juli 1885 und desjenigen vom 28. Februar 1907 ferne Reckie auf dieReglerunglndemHerzogt um Braun schweig auf ihn zu übertragen. Die jüngsten Ereignisse, insonder­heit die Verlobung des Prinzen mit der Prinzessin Viktoria Luise hätten die den Beschlüssen des Bundes- rates zugrundeliegende Sach- und Rechtslage geändert. Mit Zustimmung seines Vaters habe er seine Anstellung als Offizier im preußischen Heere nachge- sucht und dem Kaiser und König Treue und ®e« horsam eidlich gelobt. Darin liege das Versprechen, daß er nichts tun und nichts unterstützen werde, was darauf gerichtet sei, den beseitigen Besitzstand Preußens zu verringern. Diese Sach- und Rechtslage werde in Verbindung mit dem Verzicht 1 eines Vat rs aus den braunschweigischen Tbron nach seiner Ueber­zeugung die Aushebung der früheren Beschluste des Bundesrates rechtfertigen. Er dürfe sich vorbehalten, eine Veruchterklärung seines Vaters auf den braun­schweigischen Thron seinerzeit zu überreichen.

Das Schreiben vom 20. April enthält neben dem Versprechen, das der Prinz abgibt, zugleich eine An- regung auf Aufhebung der bekannten Bundes- ratsbeschlüffe vom Jahre 1885 und 1907. Der Herzog von Cumberland hat seine Rechte auf die Regierung in Braunschweig an seinen Sohn abgetreten „in der Voraussicht der Aushebung der Beschlüsse des Bundesrats". Da inzwischen zwei Monate verflossen sind und aus dem damaligen Bräutigam der Schwieger­sohn des Kaisers geworden ist, so darf man wohl annehmen, daß nunmehr der Bundesrat an die Sache herantreten wird.

Der gerade Weg zur Lösung der braunschweigischen Frage ist nun offenbar der, daß die preußische Staatsregierung nut Genehmigung des Königs er­klärt, der künftige Herzog von Braunschweig befinde sich jetzt in dem richtigen Friedensverhältnis zu Preußen. Dann stellt der Bundesrat fest, daß die Sachlage, auf der seine Beschlüsse beruhten, sich ge- ändert habe und eine Behinderung des Regierungs- anlrrlts nicht wehr bestehe.

Prinz Ernst August sagt in dem S t reiben, die Sach- und Rechtslage habe sich geändert durch seine Verbindung mit der Prinzessin Viktoria-Luise von « Preußen und durch den preußischen Oifizierseid, den er bei seiner Anstellung im preußischen Heere mit Zustimmung seines Vaters abaelegt habe. Er habe

terdings unmöglich. Darum mußt Du Dich schon mit dem „Parseval" begnügen: er hat auch seine Vorzüge, und Du wirst die Fahrt nicht bereuen. Nun — hast "Du noch immer Furcht?"

„Es ist nicht allein Furcht", erwiderte Annie, „es ist auch das Neue, das Ungewohnte, was mich erschreckt."

„Wir sind Menschen einer neuen Zeit und, müs­sen ihr gerecht werden, Annie. Sei nicht kleinlich, nicht tömcht, komm, folge mir zum hohen Lebens­flug! Tapfer müssen wir sein und stolz! Mutig und großdenkend! Bin ich nicht an Deiner Seite? Wir gehören zusammen fürs Leben, Kind — und wenn es sein muß, wenn es das Schicksal so will, muffen wir auch den Mut haben, gemeinsam — dem Tod ins Auge zu blicken."

„Das Schicksal, sagst Du? — Ich glaube nicht an das blinde Wollen des "Schicksals! Wir alle stehen in Gottes Hand! Er lenkt unsere Schritte, ihm ver­traue ich. Wohlan, ich folge Dir auf Deinem Hoch­fluge, aber ich tue es nicht mit Deinem selbststolzen Exzelsior! — sondern mit dem vertrauensvollen Ge­bete: Mit Gott! — Mit Gott voran zu froher Le­bensfahrt! — so wollen wir auch dieses Werk be­ginnen!"

Er stutzte einen Augenblick, dann aber nickte er ihr lachend zu: „Mir ist's auch so recht. Halte Du an Deiner Devise fest — ich bleibe bei der meinen! Beide sind gut — die eine mehr für die Erde, die andere für den Himmel da droben! Und nun komm, die Leute werden sonst ungeduldig! Da ist auch schon der Führer. Guten Taa, Kapitän! Wie steht's? Was sogt der Anemometer?"

Der junge Pilot legte grüßend die Hand an seine Mütze und sagte: „Es ist ein herrlicher Tag mit allerschwächster Windbewegung. Wir werden eine tadellose Fahrt haben, Herr Baron."

„Schön! Ist alles in Ordnung? Ist alles bereit?'

„Gewiß, Herr Baron! Ich bitte Sie, einzu­steigen!"

Die Gondel berührte beinahe den Boden. San- dow schwang sich hinein und streckte Annie beide Hände entgegen. „Komm, Schatz! So — schön! Nun bitt Du schon au meiner Seite und ick leae

schützend den Arm um Dich. Sei ohne Sorge, es wird Dir kein Haar gekrümmt!"

Und sich an den Führer wendend, sagte er ernst: „Herr Kapitän, dies ist meine Hochzeitsfahrt, und in Ihre Hand ist dies junge, blühende Leben meines Weibes gegeben! Ich hoffe, daß Sie uns ein ge­treuer Pflot sein werden!"

„Das schwöre ich bei meiner Ehre und bei mei­nem Gewissen!"

„Dann also — los! — Exzelsior!"

Der Führer gab das Kommando mit lauter Stimme, die Propeller sausten und schwirrten, die Taue glitten langsam aus den Händen der Männer — das Schiff schwebte frei und stieg langsam und steil empor wie ein goldgelber Riesenfisch.

Annie preßte einen Augenblick die Hand aufs Herz und flüsterte: „Mit Gott! Mft Gott!"

Sandow neigte sich über die Gondel und rief den unten versammelten Menschen zu: „Exzelsior! — Hurra! Hurra!"

„Hurra! Hurra!" brauste es zu ihm herauf, Hüte Und Tücher wurden geschwenkt, eine Musik­kapelle, die Sandow tags zuvor bestellt hatte, spielte den Mendelssohnschen Hochzeitsmarsch. Tas Blech schmetterte mit aller Kraft, aber nach wenigen Mi­nuten hörten ihn die Lustpasiagiere nur noch so leise wie den Ton einer Kindertrompete — und dann ward eine große, feierliche Stille: der Ballon hatte die von dem Führer gewollte Höhe erreicht und trat seinen Flug in die Ferne an.

Wie von Flügeln getragen, flog das Schiff durch die Luft, fast ohne Schwanken, und Annie schien es, als seien ihr selber Flügel gewachsen, al-, flöge sie auf leichten Schwingen dahin. Die anfängliche Angst war einer herzlichen Freude gewichen; so schön hatte sie sich die Fahrt wirklich nicht gedacht.

Die Erde war voll Glanz und voll Sonne, ein leiser, kühler Luftzug umfächelte ihre Wangen, und das sanfte Schweben im tiefen, heiligen Schweigen der Luft und des Lichtes war von unsagbarer Schön­heit. Dazu kam noch die Nähe des geliebten Mannes, dem ihr Her; gehörte, von dem sie alles Glück der Erde und alle Schönbeit des Lebens erbofite. dem

»dem Kaiser und König Treue und Gehorsam eidlich gelobt". Darin liege das Versprechen, daß ich nichts tun und nichts unterstützen werde, was darauf ge­richtet ist, den derzeitigen Besitzstand Preußens zu ändern. — Das ist klar und erschöpfend. Allerdings war auch schon im Jahre 1907 ein Verzicht des Prinzen Ernst August auf Hannover angeboten worden, ohne Anklang zu finden. Jnzwiichen hat der Verzicht des Prinzen aber eine viel höhere Be­deutung erlangt. Damals war et der Zweitgeborene; sein älterer Bruder konnte noch als Erbe der Ansprüche auf Hannover gelten. Jetzt hat der Herzog von Cumberland keinen anderen männlichen Erben und Rechtsnachfolger, alS den Prinzen Ernst August, und wenn d eser rückqaltloS den derzeitigen Besitzstand Preußens anerkennt, so ist die Sache erledigt.

Aber — so sagen die Eiferer — der Herzog von Cumberland hat seinerseits nicht den Verzicht erklärt! Freilich nicht in ausdrücklichen Worten, und man weiß ja auch, warum der Herzog diese Worte ver­meidet. Es liegt jedoch ein tatsächlicher Verzicht auf die Wiedererlangung Hannovers vor, wenn der Herzog seinen einzigen Sohn und Rechtsnachfolger ermächiigt, den beseitigen Besitzstand rückhaltlos an« wettennen. Und dazu kommt die schwerwiegende Tatsache der Familien-Verbinbung.

Bon bet sog. welfifchen Gefahr bleibt wirk­lich nichts übrig. Auch wenn bie deutsch-hannoversche Partei sich nicht alsbald förmlich auflöst ober um­gestaltet, so haben doch diese treuen und zähen Nieder­sachsen jetzt erst recht nichts .staatsgeiährliches" an sich. Man sollte nun Braunschweig schnell zu seinem Herzog verhelfen.

Deatfd)es Reich.

♦♦ Berlin, 19. Juni 1913. Der Kaiser trat am Donnerstag abend bie Reise nach Hannover, Hamburg, Brunsbüttel, Kiel und Ttuvemünden an. — Zurzeit finden zwischen den türkischen uüd deut­schen Militär-Behörden Verhandlungen statt, die sich auf eine sehr umfangreiche Einstellung türkischer Untertanen zur Au-bildung in den deutschen Heeresverband beziehen.

---- Zum Kaiserjubiläum hat Martin Spahn im Jumheft des Hochland einen höchst bemerkens­werten Beitrag beigesteuert. Wir heben aus Spahns an beziehungsreichen Ausblicken und sicher erfaßten Einbluken außergewöhnlich reicher, das persönliche Wesen des Kaisers mit Verehrung und Frei­mut würdigender Charakteristik besonders die Stelle heraus, die sich über Wilhelms II. Verhält­nis zur Religion ausspricht:

„Der Kaiser hat Wort gehalten mit dem Versprechen, das er dem Reichstag am 25. Juni 1888 zu Beginn seiner Regierung gab: er eigne stich insbesondere die am 17. November 1881 erlassene Botschaft seines Großvaters ihrem vollen Umfange nach an“ und werde dahin wirken, daß die Reichsgesehgebung den Schwachen und Be­drängten im Kampfe ums Dasein den Schutz ge­währe. den sie ihnen gewähren könne. Damals schloß der kaiserliche Redner noch den Wunsch in sein Gelübde ein, daß die Reichsgesetzgebung ihr soziales Werk ,im Anschluß an die Grundsätze der christlichen Sittenlehre“ verrichten solle. Auch das war keine eitle Redensart in seinem Munde. Der moderne konsti­tutionelle Staat lehnt den Rückhalt an einer festen Wel- anschauung ausdrücklich ab. Der deutsche Staat war stolz auf-seine christliche Staatsidee, auf seinen Unter­bau sittlicher Grundsä^e, auf seine Beseelung durch die Religion. .Frömmigkeit und Gottesfurcht zu pflegen“, hat der Kaiser, wie er seinen Preußen im ersten Aufrufe an sie versicherte, Gott gelobt, als er auf den Thron seiner Väter berufen wurde. Er legt andauernd großen Wert darauf, sein Bekenntnis zur christlichen Religion zu wie­derholen und mit Besonderem Nachdruck dort, wo der Glaube wie etwa an den Universitäten seine Macht über die Gemüter schon größtenteils verloren hat.....Des­

halb kann ich Sie versichern, daß kein Abend und kein jetzt ibr Leben gehörte, an dessen Seite sie den Wun- bcrflite durch das hohe Königreich der Lüfte machte — beute, an ihrem Hochzeitstage, von nichts als Sonne umgeben! Sie schmiegte sich zärtlich an ihn und lächelte. Da erkannte er, daß ihre Furcht ge­wichen war und deutete hinab zur Erde. „Willst Du Dir nicht einmal unsere gute „Mutter Erde" ansehen?" fragte er. „Oder hast Du Schwindel?"

Sie beugte sich übe*- fee Gondel hinaus und blickte in die Tiefe. Ein leiser Schrei des Erstaunens kam von ihren Lippen: „Ach, ach!" —

Die Erde lag tief, tief unter ihnen, schien ent­fliehen, versinken zu wollen; wie eine unendliche Landkarte lag die Welt da aufgeschlagen, wie sie schö­ner kein Maler träumen, kein Künstler ausführen kann. Alles war von Licht umfloffen, verklärt, und doch scharf erkennbar, alles Große verjüngte sich zum Klemen, aber alles Enge wuchs ins Weite, dehnte sich zur Unendlichkeit.

Da unten lag die Stadt mit ihrem Häusermeer, das si<* überflogen — ein endloses Gewimmel von Straßen und Gaffen, von Dächern und Türmen, von straffgezogenen Linien, in Ordnung gehalten, von den lichten Goldrändern der Sonne umsäumt. Von fernher blitzte eine dünne Silberschlange auf, die sich endlos durch die Ebene ringelte und mit ihren Gold- und Silberschuppen wie ein Märchenungehcuer der Sage erschien: die Isar!

Von dem Hauptbahnhofe aus liefen die Schienen- ftränge gleich schwarzen, straffgespannten Faden, die der dunkle Riese des Baues mit seinen schwarzen Augen in seiner Faust hielt, ins Land hinaus;» auf diesen schwarzen Fäden schossen die Züge lautlos da­hin, die Rauchfahnen, die sie schwangen, sahen au° wie dünne Schlei«: — gleich Kinderspillzeug ver­schwanden sie in der Ferne.

Die Menschen aber, die durch die Straßen wan­delten, glichen wandelnden Zwergen. Sie reckten sich, streckten die Arme empor, schwenkten Tücher, wurden zu kleinen, schwarzen Punkten und ver­schwanden plötzlich, als ob sie die Erde verschlungen hätte.