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Fuldaer Zeltun

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Nr. 1Z9. erstes Blatt.

Donnerstag den l9. 3unt 1913»

40. Zahrgang.

Dentfchev^Keichstag.

r Sitzung vom 18. Juni 1813.

Die zweite Lesung der Wehrvorlage wurde fortgesetzt. Zunächst wurde der sozialdemokra­tische Antrag auf allgemeine Einführung der e i n j ä h ° eigen Dienstzeit gegen die Stimmen der Sozial­demokraten abgelehnt, ebenso der sozialdemokratische Eventualantrag auf Abschaffung der Vorrechte der Ein­jährig-Freiwilligen.

Die Resolution der Fortschrittlichen Volkspartei auf Abkürzung der Dien st zeit durch frühere Ent­lassung und Rücksicht auf bessere körperliche und geistige Ausbildung der Jugend wird mit knapper Mehrheit an­genommen, ebenso die Resolution der Budgetkommission auf Reform des einjährig-freiwilligen Dienstes unter Berücksichtigung der Fachausbildung und der Turner.

Abgelehnt wird dagegen der sozialdemokratische An- trag, wonach die Mannschaften nicht zu häuslichen Dienstleistungen verwendet werden dürfen.

Angenommen werden die Resolutionen der Kommis, fion auf Verringerung der Burschen und Ver­bot der Haltung zweier Burschen.

Es folgt die Beratung der Privilegien.

Die Sozialdemokraten beantragen Aufhebung der Bestimmungen betr. Unterschied der Garde und Elite­truppen von den andern Truppen. — Eine freisinnige Resolution wünscht keinerlei Privilegierung einzelner bestimmter Truppenteile nach Garnison, Avancement und Aushebung. — Eine Kommissionsresolution wünscht den ausschließlich oder Überwiegend adligen Regimen­tern entgegenzuwirken; ferner einen ständigen Aus­tausch zwischen Offizieren der Grenzregimenter und in den großen Städten.

Abg. Dr. Lensch (Soz.): Der Kriegsminister hat sich dahin ausgesprochen, daß, wenn die Garde gestrichen werde, ihm die ganze Vorlage Makulatur sei. Die Garde stammt aus der Zeit der Wachtparade und Sol­datenspielereien. Vor wem alles muß die Garde prä­sentieren! Ich erinnere an den Zaren und seine Kon­sorte«. (Bravo b. d. Soz. — Große Unruhe rechts. — Präsident Kämpf: Ich rufe Sie zur Ordnung.) Der Tag wird kommen, wo auch im Heere die politisch Aufgeklärten sagen: Auf Vater und Mutter schieße ich nicht! Dann ist die Stunde gekommen; dann ist es aus, dann kommen wir! (Beifall bei den Soz. Lachen rechts.)

Krwgsminister v. Heeriugen wendet sich gegen die Anträge der Sozialdemokraten und Freisinnigen. Eine dauernde Verlegung der Truppenteile sei nicht nur aus finanziellen, sondern auch aus Rücksichten auf das Volk, das mit den einzelnen Truppenteilen in den Garni­sonen feste Wurzeln schlage, bedenklich. Eine Privile­gierung einzelner Truppenteile finde auch nicht statt, höchstens einzelner Personen, die nach Ansicht aller Vor­gesetzten eine Beförderung verdient hätten. Die Garde habe keine Vorrechte und mache nur bei der Aushebung eine Ausnahme. Eine Vermehrung der adligen Regi­menter finde garnicht statt, im Gegenteil lasse sich gegen früher eine viel stärkere Mischung konstatieren. Im üb­rigen müsse er bitten, an der verfassungsmäßigen Kom­mandogewalt des Kaisers nicht andauernd zu rütteln.

Abg. Müller-Meiningen (Vp.) lehnt die sozialdemo­kratischen Anträge ab und begründet die freisinnige Re­solution. Eine Privilegierung einzelner Truppenteile, ebenso Avancementsbegünstigungen seien nicht zu leug­nen. Das Bedenklichste sei die steigende Ausdehnung immer weiterer Regimenter im Sinne der Exklusivität. Nicht'das Gardekorps als solches, sondern nur die falsche Bevorzugung sollte beseitigt werden wegen seiner Schä­den vom militärtechnischen Standpunkt aus.

Abg. v. Gräfe (kons.) hält die Bevorzugung des Adels für eine Fabel und sticht auch auf dem Standpunkte, daß adlige Regimenter vom Uebel sind. Wenn in einem Offizierskorps das adlige Element überwiege, so seren dafür jedenfalls andere Gründe maßgebend. Eine Be- wegnng der Garnisonen gebe es ebenfalls nicht. Man will aus dem monarchischen Heer ein parlamentarisches machen. Gegen die Kreise, die mit ihren demoralisieren­den Anträgen diesem Treiben Vorschub leisten, mache ich schwere Vorwürfe geltend. Es ist unerhört, daß Herr Zubeil ungestrart das Offizierkorps so schmähen durste. Auf den Kriegsdenkmälern und in den Kolonien finden Sie immer den Adel. (Zurufe der Soz.: Eulenburg! Arenberg!) Die Namen Cohn, Manasse und Mojes finden Sie dort nicht. (Heiterkeit.)

Abg. Graf Praschma (Ztr.): Wir können nicht für den sozialdemokratischen Antrag stimmen. Vollends die Begründung des sozialdemokratischen Redners hat ge­geigt, wohin der Antrag geht. Es war geradezu eine Revolutionierung der Armee, die uns da vorgemalt wurde. Der fortschrittliche Antrag läuft auf eine Poli- tisierung der Armeen hinaus: das wollen wir vermeiden. Wollten Sie, Herr Dr. Müller-Meiningen, ein Armee, korps hahen, das nur aus Berliner Jungen besteht? lieh» rigens finden Sie in der Berliner Bevölkcr ..g etwa irgendwelche Mißstimmung gegen die Garde? Wenn sich nur ein kleiner Trupp in den Straßen zeigt, läuft alles zusammen, auch Ihre Leute. Wenn sie zum Adel alle die Leute rechnen, die gestern und in den letzten 10 Jahren geadelt sind, dann bekommen Sie natürlich ein ganz falsches Bild. Wenn jetzt etwa Herr von Payer zum Staatssekretär ernannt würde, würden Sie wieder klagen, daß schon wieder ein Adeliger in die höchsten Staatsämter berufen sei. (Heiterkeit.) Wir haben keine Veranlassung auf eine Abschaffung des Gardekorps zu drängen, besonders da es in allen Ländern und zu allen Zeiten Elitetruppen gegeben hat. Im Uebrigen gebe ich meiner Freude darüber Ausdruck, daß bei dem Am- n e st i e e r I a ß des Kaisers die Bestrafung wegen Miß­handlungen in der Armee ausgenommen sind. Wir wer­den nur der Kommissionsresolution zustimmen.

Abg. Keinath (natl.) ist gegen die sozialdemokratische, aber für die freisinnige Resolution und die der Kom. Mission.

Nach weiterer unerheblicher Debatte wird die sozia- demokratische Resolution abgelehnt, die Resolution Ablaß (Vp.) und die Kommissionsresolution angenommen.

Donnerstag: Weiterberatung.

s. Das Befitzsteuergesetz in der Kommission.

Die Budgetkommission des Reichstages be­gann gestern vormittag die Beratung des Besitzsteuer­gesetzes.

Der Berichterstatter kam zu dem Antrag, die §§ 1 und 2 des Gesetzentwurfes betr. Aenderungen im Finanzwesen (Erhöhung der Matrikularbei- träge um insgesamt 1,25 Mark pro Kopf der Bevöl­kerung, zu deren Aufbringung die Bundesstaaten eine allgemeine Besteuerung des Vermögens, des Einkom­mens oder der Erbschaft bei sich einfuhren sollen) abzu­lehnen. — Reichsschatzsekretär Kühn trat für die An­nahme der Regierungsvorlage ein. Der von der Re­gierung vorgeschlagene Weg gewährleiste dem Reiche eine Einnahme von 80 000 000 Mark, ohne daß in die einzelstaatlichen Gesetze eingegriffen werde. — Ein Zen. trumsredner erklärte, die Vorverhandlungen hätten er­geben, daß auf dem Boden der Vorlage eine Verstän­digung im Reichstage unmöglich sei, die verbündeten Regierungen hätten aber das Recht verloren, grundsätz­lich die Finanzhoheit der Einzelstaaten fortgesetzt zu be­tonen. Im Entwurf habe der Bundesrat selbst dieses Prinzip mittelbar verlassen. Das Zentrum müsse sich, wenn eine Vermögenszuwachssteuer als Reichssteuer konstruiert werde, di: definitive Entscheidung Vorbehalten. Es werde aber gern Mitarbeiten und mithelfen, eine Einigung zu erzielen. — Ein Nationalliberaler be­merkte, seine Freunde seien auch zur Ablehnung der genannten §§ 1 und 2 gekommen. Sie seien bereit, mit- zuarbeiten auf der Basis des Besitzsteuergesetzes. Den Weg der Matrikularbeiträge wollten seine Freunde nicht wieder beschreiten. — Ein konservativer Redner erklärte, seine Freunde würden für die beiden Paragraphen stim­men, weil sie darin eine geeignete Grundlage sähen. Die Vorlage greife weniger in die Finanzhoheit der einzelnen Staaten ein als eine reichseigene Besitzsteuer. — Ein Sozialdemokrat sprach sich gegen die Vorlage, ein süddeutscher Zentrumsredner für seine Person für die §§ 1 und 2 aus. — Reichsschatzsekretär Kühn er­klärte, mit der Regierungsvorlage werde in das einzel- staaliche Bestimmungsrecht in keiner Weise eingegrif- fen. Zu dem Gedanken einer unmittelbaren Vermögens­zuwachssteuer habe der Bundesrat noch keine Stel­lung genommen. Die Entscheidung der verbündeten Regierungen werde von der Gestaltung des Gesetzes im Einzelnen abhängen.

Bei der nun folgenden Abstimmung wurden die §§ 1 und 2 des Gesetzentwurfs betr. die Erhöhung der Matrr-

Das Münchner lkindl.

20] Roman von Felix Nador.

Da war sie schon wieder davon. Pirkheimer ent­schuldigte sich kurz bei Puck und Tante Betty und folgte seiner Tochter. — Draußen ratterte und pfauchte ein elegantes Auto, das Annie voll Bewun- derung betrachtete. „Denk' Dir, Papa", ries sie, „das ist das Hochzeitsgeschenk von Hardys Vater! — Ist das nicht brillant? — Es geht so schnell und laust so ruhig, datz man zu fliegen glaubt."

Pirkheimer war ebenso entzückt wie seine Toch­ter und betrachtete freudig den nagelneuen Viersitzer mit den blanken Glasscheiben des Coupees, dem blitzenden Mesiinggestänge und der tiefblauen Poli­tur, die von dünnen Goldstteifen eingefaßt war.

Die Türe war geöffnet, Hardy und Frau Mar­guerite streckten nach dem Ueberraschten bte Hande aus und zogen ihn hinein. Er sank lachend an der Seite der schönen Frau in die Weichen, grauen Plüschpolfter. Annie nahm an der Seite ihres Ver­lobten Platz, die Türe flog zu, und das Fahrzeug sauste davon. —

Als Puck und Tante Betty aus dem Garten tra­ten war das Auto schon drüben in der Prinzvegen- tenstraße; nur ein blauer Rauchstreifen und ein übler Penzingeruch war zurückgeblieben.

Tante Betty nahm Pucks Arm, und ihr put, der nicht ganz auf der Höhe moderner Kunstanfchauung stand, wackelte auf ihrem Kopfe wie eine Pagode — so groß war ihre Erregung. „Der Astend ist so schön", sagte sie, „was meinst Du.^wenn wir in den vofbränhauskeller hinübergingen?"

Puck war starr. „In den Hofbrauhauskeller? rief er. , „Du — Tante? — Wo Du Dem Lebtag noch keinen Fuß in einen Münchener „Keller" gesetzt hast? Tante Betty, ich fürchte, Du wirst tn Deinen alten Tagen noch eine Verschwenderin!"

„Ist egal, Georg, wenn Du nur gesund und froh wirst! Heute und den ganzen Sommer über bist Du mein Gast! Gibt acht, jetzt wollen wir auch mal aufproüesl *=*. Ärnnm- Du iolllt rw->i M

haben, so viel Du willst! — Und morgen fahren wir an den Starnbergersee — in die Sommerfrische!"

Wenige Tage später riß ein kurzer Brief von Hardys Vater die Liebenden aus ihrem Glückstraume.

„Lieber Hardy!" schrieb Leo v. Sandow, „in Berlin bereiten sich groß- Dinge vor. Deine Stunde ist gekommen: die Heimat ruft Dich! Halte Dich jeden Tag bereit, von München abzu­reisen und an meine Seite zu eilen. Ich grüße Dich und Deine Braut! Leo v. Sandow.

Hardy war von dieser Nachricht nicht überrascht, da er feit langem auf sie gewartet hatte. Er reckte die Arme und seine Stimme war voll Jubel: „End­lich ist mein Tag gekommen! — Nun will ich der Welt zeigen, was Kraft in meinen Armen, was Geist in meinem Kopfe steckt! Das dröhnende Wort der Zukunft ist an mich ergangen: An die Arbeit! — Ja­wohl, Du große, stolze Stadt, ich höre deinen Ruf — ich komme!" m

Annie erschrak, als ihr Hardy diese Nachricht brachte. „Mein Gott!" rief sie unter Tränen, „Du willst mich also verlassen?"

„Nein", erwiderte er. „Seine Nahe beglückt mich so sehr, daß ich Dich keinen Tag misten möchte. Ich nehme mein liebes Münchner Kindl mit mir nach Berlin — in drei Wochen machen wir Hochzeit, Schatz!"

,Jst das wahr?" rief sie in freudigem Schrecken.

"Natürlich! — Das Hin und Her mit Briefen und Telegrammen, mit Autos und Schnellzügen paßt mir nicht; auch habe ich keine Zeit dazu. Darum rasch in den Hafen der Ehe — und bann mit vollen Segeln aufs offene Meer des Lebens hinaus! Die Liebe bläht die Segel, das Glück sitzt am Steuer — hurra, das wird eine fröhliche Fahrt!"

Pirkheimer war bestürzt: auf eine so rasche Tren­nung war er nicht gefaßt. Aber er erkannte selber, daß der von Hardy vorgeschlagene Weg der beste sei, und fb wurden die Vorbereitungen zur Hochzeit mit aller Hast betrieben. Das ganze Haus geriet in Auf­regung, und Näherinnen und Schneiderinnen ent­faltet« eine fieberhafte Tätigkeit.

Rnr Gusti ließ sich nicht aus ihrem gemächlichen LewW» Jktaflm. -Stent daß die zwoa mit'm Blitz-

kularbeiträge und Einführung einer Besitzsteuer durch die Einzelstaaten gegen die drei Stimmen der Konser­vativen und zwei vom Zentrum abgelehnt.

Hierauf nahm die Kommission die Beratung des Besitzsteuergesetzes in Angriff, das nach Ab­sicht der Regierung in denjenigen Staaten in Kraft treten soll, die bis zum 1. April 1916 eine allgemeine Besteuerung des Vermögens, des Einkommens ober der Erbschaft noch nicht eingeführt haben, das aber die Kommission als Grundlage ihrer Beratungen nimmt, die ein allgemeines Reichsbesitz- steuergesetz bezweckt. An einzelnen Bestimmungen, die auf die Einzelstaaten zugeschnitten waren, nahm der Ausschuß entsprechende redaktionelle Aenderungen vor, um dem Entwurf den Charakter eines Reichsgesetzes zu geben. Bei § 13 wurde ar' Grund der Kompromiß- Verhandlungen die untere Grenze des Zuwachses, von dem die Abgabe nicht erhoben wird, auf 10 000 Mark, bei § 14 die untere Grenze der Vermö­gen, die der Zuwachsbesteuerung nicht unterliegen, auf 20 000 Mk erhöht. — In der weiteren Debatte wurde die Frage erörtert, ob für den Fall, datz durch einen Zuwachs von mehr als 10 000 Mk. die Vermögens­grenze von 20000 Mk. überschritten wird, eine Steuer­pflicht eintreten soll. Der Ausschuß entschied sich dafür. Es soll jedoch durch eine Unterkommission noch eine Mi­nimalgrenze festgesetzt werden, damit nicht allzu geringe Betrage abgabepflichtig werden.

Hierauf wurde die Frage der Erbschaftsbe- fteuerung erörtert. Es wurde ein Kompromißantrag borgelegt, wonach sich, falls der Erbe ein Abkömmling des Erblassers ist und zur Zeit des Erbfalles das 21. Lebensjahr noch nicht vollendet hat, und wenn das steuer­bare Vermögen den Gesamtwert von 50 000 Mk. nicht übersteigt, die Abgabe für jedes an der Vollendung des 21. Lebensjahres fehlende Jahr um 5 Proz., jedoch ins­gesamt nicht über 50 Proz. ermäßigt. Konservative An­träge wünschen gänzliche Befreiung der Abkömmlinge. — Staatssekretär Kühn erklärt, es hieße den Aufbau des ganzen Gesetzes stören, wenn man in allen Fällen den Zuwachs durch Erbschaft ausschlietzen wollte. Der Kompromißantrag sei im Prinzip angebracht.

Die konservativen Anträge wurden gegen die Stim­men der Antragsteller, der meisten Zentrumsmitglieder und der Polen abgelehnt. Der Kompromitzantrag wurde gegen die Stimmen der Sozialdemokraten angenommen. Dementsprechend werden die §§ 13 und 14 erledigt, die §§ 15 und 16 bleiben unverändert.

Nächste Sitzung Donnerstag.

Endlich waren die Vorbesprechungen und Berech­nungen so weit gediehen, daß am Mittwoch der Budgetausschuß an die schwierige Frage der Besitz- fteiter Herangehen konnte. Er hat dann auch gleich die erste Lesung ein tüchtiges Stück vorwär!s gebracht. Die bisherigen Ergebnisse sind in der Hauptsache folgende:'

Der Regierungsvorschlag (veredelte Matrikular- beilräge) kann keine Mehrheit finden. Ebensowenig der G-banke einer mittelbaren Vermögenssteuer (aus dem Umwege über die Einzelstaaten nach reichsgesetz­lichen Normen). Dagegen hat der Ausbau des von der Regierung vorgeschlagenen sog. Sicherungsgesetzes zu einem allgemeinen Reichszuwachs st euer- gesetze Aussichten auf eine Mehrheit im Reichstage und auch im Bundesrat. Die Regierung bebSlt sich freilich das letzte Wort vor, bis der Bundesrat über den sertiggestellten Entwurf regelrecht beschließen kann; aber sie gibt dock deutlich zu erkennen, daß der vom Reichskanzler verkündete Widerspruch gegen eine Reicks vermögens steuer nickt ebenso für die ge­plante Vermögenszuwachssteuer gelte.

Auch die Vertreter der Parteien haben sich das letzte Wort noch vorbehalten und betrachten die gegen­wärtigen Abstimmungen als vorläufig. Die Bedenken der Konservativen und eines Teiles des Zentrums wurzeln weniger in den verfafiungsrecktlichen Zweifeln, als in der Ausdehnung des Gesetzes auf den Ver­mögenszuwachs durch Erbschaft. Doch wollen auch diese Herren mitarbeiten an d>r Ausgestaltung

zug in d' Eh' einifahr'n, das g'sallt mir scho gar nct", sagte sie. „Bei mir daheim in den Bergen, da Harns a Sprichwort: „Zeit lassen!" — an dös halt ich mich, und i bin no immer gut dabei g'fahr'n. — Zeit lassen!"

Der Tag der Hochzeit rückte näher, die Arbeit mehrte sich, und Hardy drängte in einem fort zur Eile. Ein verzehrendes Fieber hatte ihn erfaßt und trieb ihn fort, nach Berlin, in die Heimat! — Neue Welten schaffen, ein Meister werden wie Michel­angelo, ein königlicher Bauherr wie der geniale Bayernkönig!

Sein ganzes Wesen war in Vibration; unter dem mächtigen Drang seines Willens erbitterten alle seine Nerven, spannten sich seine Muskeln: Arbeit, nur Arbeit! Arbeit und Siege durch die Wunderbauten, die er im Geiste schon in die Welt hineinstellte.

Unter dem beständigen Hochdruck seiner Gefühle und der gespannten Willenskonzentration wurde er, der so Kühle und Ruhige, nervös, launisch und reiz­bar, so daß er in den schärfsten Ausdrücken über den Schneckeu-Geschäftsgang der bajuwarischen Behörden loswetterte.

Annie litt unter seinen wechselnden Stimmungen und machte ihm einen Vorhalt. „Bei einer so wich­tigen Sache, wie es eine Hochzeit ist, muß man nichts übereilen", sagte sie, „sonst wird der schönste Tag des Lebens ungemütlich. Und ich möchte gerade an diesem Tage recht viel Licht und Wärme haben — er soll unser ganzes Leben durchleuchten wie eine schöne, helle und klare Sonne! Wenn du mit Blitzzugsge­schwindigkeit durchs Leben rasen willst, dann komme ich ja gar nicht mit!"

„O", rief er mit guter Saune, „gib nur acht, ich will Dir schon flinke Beine machen, daß Du mit­kommst im Wettlauf des Lebens!" —

Ter Tag der Hochzeit kam. Annie, in schneewei­ßem Kleides den Myrthenkranz im Haare, von einem duftigen Schleier umwallt, glich einem lichten ^rüh- liugstraum, war schön und strahlend, wie eine ?yecn= königin. Hardy bewunderte sie von allen Hochzeits­gästen am meisten. Tas Festmahl im Hotel war glänzend, nur daß die Eltern des Bräutigams fehl­ten. benemdete etwas. Beide befanden sich zur Er­

dei Kompromißgesetzes, um möglichst schonende Be­stimmungen für das Kindeserbe durchsetzen zu helfen. Durch diese Mitarbeit tragen auch sie dem Zwange der Verhältnisse Rechnung. Denn es tritt ja immer deutlicher zu Tage, daß die sofortige Verständi­gung über die Deckung der laufenden Kosten aus weltpolitischen u. innenpolitischen Gründen eine unbedingte Notwendigkeit ist, und daß der einzig gangbare Ausweg die Reichssteuer aus den Vermögenszuwachs ist.

Was die ersten Einzel-Beschlüsse angeht, so bringt das Kompromiß eine wesen licke Verbesserung für Den Mittelstand, indem die Steuer erst erhoben werden soll bet emem Zuwachs von 10,000 Mk. und bei einem Vermögens - Bestände von m.ndestens 20,000 Mark. Die Regierunas-Vorlage hatte Die viel nieD’tgere Untergrenze von 2000 Mark Zuwachs und 6000 Mark Vermögen vorgesehen. Die jetzt beschlossene Hinaussetzung der Grenze macht Die Masse der ge­wöhnlichen Sparer und der Kleinbesitzer von der Be­lästigung durch diese Reichssteuer frei. Eine Unter» kommtfsion soll noch prüfen, inwieweit die geringen Spitzen, die über 20,000 Mark hinausgehen, noch heranzuziehen seien.

Ni cht so befriedigend wirkt die vorläufige Regelung der Steuer auf das Kindeserbe (Da§ Gattenerbe bleibt frei). Hier müssen Milderungen einsetzen, um die unvermeidliche Hineinziehung der Erbanfälle in den steuerpflichtigen Vermögenszuwachs allgemein an­nehmbar m machen. Angenommen wurde ein Kom­promißantrag Schiffer, der für die minderjährigen Kinder eine Ermäßigung der Abgaben bis auf Die Hälfte vorsieht, wenn das steuerbare Vermögen den Gesamtwert von 50000 Mark nicht übersteigt. Von konservativer Seite waren zwei weitergehende Ab­änderungsanträge gestellt, die nicht die Mehrheit er­langten. Das lag nicht bloß an dem Widerspruch der Liberalen, sondern auch an technischen Mängeln Der koniervativen Anträge. Es wurde von Abgeord­neten und auch vom Schatzsekretär hervorgehoben, daß man ein Eingreifen Der Steuerbehörde sofort nach dem Tode des Vaters behusS Aufnahme Der Erbmasse verm eiben wolle. In der Tat liegt eine wesentliche Abweichung an Der früheren »Waisen« fteuer" gerade darin, daß die Veranlagung erst zum nächsten dreijährigen Termin, nicht aber sofort an Der Bahre oder am frischen Grabe erfolgt. Hoffentlich werden in zweiter Lesung noch gewisse weitere Mil­derungen zu erreichen sein, damit Der Anschluß Den noch widerstrebenden Herren erleichtert wird.

Im letzten Grunde gibt doch die Erwägung den Ausschlag, daß man zur Vermeidung eines größeren llebels sich in ein kleineres Uebel schicken muß

*

Lebhafter Widerspruch wird fortgesetzt von liberalen Gruppen, von industriellen Vereini­gungen, Handelskammern ufw. gegen die Ausgestal­tung des Wehrbeitrags und gegen bis geplante Ve.rrnögenszuwachssteuer erhoben. Man sagt, eilte derartige Belastung des Erwerbes lähme den Fleiß, die Unternehmungslust, den Sparsinn usw.

Diese Protestbewegung geht von denselben Kreisen aus, die ftüher sich nicht genug entrüsten konnten über den „Mangel an Opferwilligkeit bei den Agrariern" und den Widerstand gegen die Wit­wen- und Waifensteuer für ein Verbrechen erklärten. Wie oft und wie scharf wurde den Konservativen und auch dem Zentrum vorgehalten, daß von ihnen aus schnödem Eigennutz im Jahre 1909 die gebührende Heranziehung der besitzenden Klassen vereitelt worden sei. Nun ist man daran, eine wirkliche Besitz­steuer zu schaffen und da tritt bei manchem früheren Sittenrichter dieselbe Steuerscheu hervor, die er früher anderen vorgeworfen hat. Er rechnet sich

holung in einem Seebade, schickten aber pflichtgemäß ein Glückwunsch-Telegramm, das so rechtzeitig em- traf, daß es beim Nachtisch vorgelesen werden konnte. Es hieß darin, daß nach der Uebersiedelung des neu- vermählten Paares nach Berlin bort eine glänzende Nachfeier veranstaltet werden sollte. Diese Nachricht versöhnte auch die unmutigsten Nörgler.

Am Mittag machte die Hochzeitsgesellschaft eine Ausfahrt in den Englischen Garten, das Brautpaat aber verschwand und man flüsterte sich geheimnisvoll zu, daß es eine kurze Hochzeitsreise antreten werde. Das Ziel derselben wußte aber niemand — nicht ein­mal Annie! — . t _ .

Diese legte in ihrer Wohnung tn der Mafseistraße ihren Brautstaat ab und kleidete sich in ein graue? Sportkostüm, das ihr Sandow zum Geschenks ge­macht hatte. Kaum war sie fertig und oben banl sw den langen grünen Schleier über die Cappa, so fuhr unten “ein Auto vor und Sandow holte sie ab. Er trug ein gleichfarbiges Kostüm wie sie und eine qraue Schildmütze und bot ihr den Arm: „Nun komm, mein Lieb'", sagte er, „wir reifen ms Mär­chenland des Glückes!"

Sie lachte ihn mit ihren Kinderaugen fröhlich an und rief: „Sag' mir doch, wohin die Reise geht! Ich brenne vor Neugier."

Er schwieg auch jetzt über das Ziel der Reise und erwiderte: „Warte nur noch kurze Zeit, so wirst eine freudige Ueberraschung erleben!"

Ta sie auf dem Bürgersteig angekommen waren, half er ihr in das mit grauem Plüsch ausgeschlagen, Coupee, nickte dem Chauffeur zu, stieg selber ein und schloß den Schlag. Im nächsten Augenbl^ sauste die Limousine pfeilschnell durch die Straße der Stadt. —

Vor der Riefenhalle des Parseval-Luftschiffes hieh es an und sie fliegen aus. Der Ballon, von einen Dutzend Männern an den Tauen gehalten, glich einem ungeheuren, aufgeblähten, hinten spitz zulau­fenden Sacke: trotz seiner ein wenig plumpen Gestalt schaukelte er sich anmutig, fast kokett in der Luft, als wollte er sagen: „Gebt nur acht, ich bin besser als mein Ruf und ihr sollt eure blauen Wunder erleben!" (Fortsetzung folgt.)