Zuldaer Zeitung
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Nr. 138» Erstes Blatt.
Mittwoch den 16. Juni 1913.
40. ZaHrgang.
Deutscher Reichstag.
Sitzung vom 17. Juni 1913.
Präsident Kämpf teilt dem Hause mit, daß der Ralfe« für die Glückwünsche des HauseS danken lasse und in seiner Antwort Hervorgehoden habe: Ein Reich, ein Volk und ein Gott.
Das HauS ehrt s Andenken deS verstorbenen Abg. greiherrn v. Mallen (Z.) in der üblichen Weise.
Die Wehrvorlage
wird bei Artikel I» (Dauer der Dienstpflicht) weiterberaten.
Die Sozialdemokraten beantrage», ein Jahr als Dienstzeit feftzusetzen und für den Fall der Ablehnung dieses Antrages, die EinjShrig-Freiwilligen- Einrichtung adzuschaffen. — Die Freisinnigen wünschen in einer Resolution eine Erleichterung und Abkürzung der Dienstzeit für daS stehende Heer durch später« Einstellung oder frühere Entlastung der Mannschaften, eine gliche Verkürzung der Dienstzeit für daS stehende t entsprechend der besseren geistigen und körperlichen bildung der Jugend und eine Erweiterung des Künstlerparagraphen.
Abg. Gras Praschma (Z): Wir werden die sozialdemokratischen Anträge adlehnen. Eine Verkürzung der Dienstzeit halten wir bei den heutigen hohen Anforderungen an die Mannschaften für unmöglich. Auch den fretfinnigen Antrag in der ersten Form müssen wir ablehnen, wenn er auch nur in Form einer Resolution eine Herabsetzung der Dienstzeit wünscht. Diese halten wir eben im Interesse der Schlagfertigkeit und bei der Schwierigkeit der Ausbildung nutzt für möglich. Im Gegensatz zu den Sozialdemotraten wollen wir das Emjährigenprivileg noch erweitert wissen und werden daher für die Ausdehnung des Künstlerparagraphen stimmen (Beifall).
Abg. Rehbel (K) hält den Einjährigen-Freiwilligen« Dienst für eme überaus wertvolle Institution schon aus dem Grunde, weil fie dem Reiche nichts kostet und eine Erhöhung der Präsenz zur Folge hat. Er wünscht daher ebenfalls eine Ausdehnung des Künstlerparagraphen natürlich nicht in dem Sinne einer allgemeinen Verkürzung der Dienstzeit.
KriegSminister b. Heeringen bittet dringend, alle Anträge auf Verkürzung ber Dienstzeit abzulehnen, da die jetzige Zeit nicht dazu angetan sei, derartige Experimente zu machen, die unzweifelhaft zum Ruin des deutschen Heeres führen würden. Im übrigen bezweckten die Sozialdemokraten mit ihrem Anträge nur die Regierung zu schwächen, während sie tatsächlich damit die Sicherheit des Vaterlandes gefährdeten. Die Zuverlässigkeit unseres Heeres beruht darauf, daß eine sachgemäße Er. giehung stattfindet. Die Paraden geben einen guten und raschen Ueberblick über die Exerzierausbildung der Truppen. Sie sind eine Art von Volksfesten. (Lachen bei den Soz.). Tausende freuen sich des Anblickes. Ihnen (zu den Soz.) ist er natürlich nicht angenehm. Eine Er- Weiterung zwischen dxr Reservenentlafsung und der Rekruteneinstellung ist nicht denkbar, wollen wir nicht in einen gewissen Schmächezustand geraten. Eine Verkürzung der Dienstzeit entsprechend der körperlichen und geistigen Ausbildung ist noch nicht spruchreif. Die Beseitigung des Einjahrigenprivilegs würde uns jährlich Millionen kosten. Ich bitte Sie, alle Anträge abzulehnen.
Abg. Liesching (Vp.) begründet die freisinnige Re- solution. Die Einrichtung des Einjährig-Freiwilligen- lahrcs sollte auch auf Fachschulen und ausgezeichnete Turner ausgedehnt werden. Das Parademähige sollte ;anz in Wegfall kommen und nur die kriegsmäßige Ausbildung geübt werden.
Abg. Schulz (Soz.) polemisiert gegen die Ausführungen des Kriegsministers und bezeichnet die Politik der Militärverwaltung als ungerechte Ausnahmepolitik. Mit den Bestrebungen deS Jungdeutschlandbundes sind wir nicht einverstanden. Die Schranken, die jetzt zwischen Militär und Volk aufgerichtet werden, müssen beseitigt werden, und wir werden für ihre Beseitigung sorgen. (Beifall bei den Soz.)
Kriegsminister v. Heeringen: Die Herabsetzung der Dienstzeit zieht eine weniger gute Ausbildung nach sich, und das hieße die Kampflraft der Armee schwächen. Die Jugendbewegung ist uns sympathisch und besser, als wenn die Jugend zu politischen Zwecken ausgenutzt wird. (Sehr gut! rechts. -Ist das nicht Politik?" b. d. Soz.). Nein! Die Hauptsache bei der Jugendbewegung ist nicht
Vas Münchner KinöL
Iß] Roman von Felix Nabor.
Annie hatte feuchte Augen, und auch Sandow war ergriffen. Er hatte den Kommerzienrat anfangs etwas lächerlich gefunden, jetzt aber erkannte er, welch gemütvoller, kernhafter Mensch in der rauhen Schale steckte. Er drückte chm kräftig die Hand und sagte ernst: „Es soll mein einziges Bestreben sein, Annie glücklich zu machen und ihr im Norden eine Heimat zu bereiten."
DaS war der Ausklang des Festes — eines suchte bei dem andern eine Heimat, einen trauten Ort, wo Glück und Liebe wohnen!
VI.
Die Verlobungskarten flatterten zu Hunderten in die Stadt und in die Welt hinaus; die beiden Glücklichen aber durchstveiften in ihrem Liebesfrühling das schöne Land. Jeder Tag offenbarte ihnen neue Wunder des Lebens, neue Schönheiten der Natur. Sie besuchten die bayerischen Seen, fuhren in die Alpen oder durchwanderten eine der altertümlichen Städte, an denen Bayern so reich ist.
Professor Pirkheimer aber hatte große Sorgen. Zum ersten Male fiel es ihm schwer auf die Seele, daß er nicht mit irdischen Glücksgütern gesegnet war. Er konnte seiner Tochter keine Mitgift geben, aber er wollte sie auch nicht bettelarm in die Welt hinausziehen lasten; sie sollte wenigstens eine feine Aussteuer haben. Das kostete viel Geld, und er hatte einmal wieder Ebbe in seiner Kaste. Da dachte er an Tante Betty, die bei ihrem an Geiz grenzenden Sparsamkeitssinn eine schöne Summe auf der Bank und bei der, Sparkasse haben mußte. Er bat sie um ein Darlehen von 5000 Mark, aber sie schlug es ihm rundweg ab und mied eine Woche lang sein Haus.
Nach langem Kopfzerbrechen kam er endlich auf die Idee, feine Lebensversichcrungspolize zu verpfänden; er erhielt 10000 Mark ausbezahlt und war herzlich froh, so glatt über diese Kalamität hin- weggäommen zu sein. Wie er diese Summe ie wie-
Soldatenspielerei, sondern eine gute geistige und körperliche Ausbildung. Und diese liegt allerdings im Interesse des Vaterlandes. („Ist das nicht Politik?" b. d. Soz.j. Nein! Dem Bunde wünsche ich ein gutes Ge- deihen. (Lebh. Beifall.)
Abg. Koch (Vp.) tritt für die Einjährig-Freiwilligen. Berechtigung auf Fachschulen, Baugewerkschulen im In- teresse des Handwerks und der Gewerbetreibenden ein.
Abg. Dr. Quark (Soz.) beklagt, daß das kameradschaftliche Verhältnis der Offiziere gegenüber den Mannschaften viel zu wünschen übrig lasse und im Krieg 1870/71 nur während des Krieges angedauert habe.
Kriegsminister v. Heeringen weist diese Behauptungen als eine Beleidigung der Offiziere zurück.
Abg. Zubeil (Soz.): Mit der Kriegserklärung verschwanden die „Rhinozerosse" und „Ochsen" aus der Kaserne. Da tranken die Offiziere sogar mit uns aus einer Pulle. Bei Eintritt des Friedens, als die Offiziere nichts mehr zu fürchten hatten, (Lärm rechts und Zurufe) änderte sich die Sage. Da schwand die Dankbarkeit und die „Ochsen" und „Rhinozerosse" kamen wieder zum Vorschein.
Kriegsminister v. Heeringen: Selbstverständlich wird der Offizier den Soldaten in Not und Gefahr vorangehen. Das zeigt auch der Prozentsatz der verwundeten und gefallenen Offiziere. Für eine Charakterisierung der Behauptung, daß ein anderes Verhältnis zwischen Offizieren und Untergebenen nach dem Friedensschlüsse eingetreten wäre, weil die Offiziere nichts mehr zu fürchten hatten, fehlen mir die parlamentarischen Worte. (Großer Lärm bei den Soz. Lebh., wiederholter Beifall b. d. Mehrheit.) Der deutsche Offizier fürchtet überhaupt nichts. In dieser Behauptung liegt nach meinem Empfinden nicht nur eine Beleidigung des Offiziers, sondern auch des Soldaten. (Lebh., langanhaltender Beifall der Bürgerlichen. Lachen bei den Soz.)
Damit schließt die Debatte. Die Abstimmung über diese Anträge erfolgt später.
Es folgt die Besprechung des BurschenwesenS. Die Kommission beantragt eine Resolution auf Verringerung der Burschen. Die Sozialdemokraten beantragen, daß Mannschaften zu häuslichen Dienstleistungen nicht verwendet werden dürfen.
Abg. Stücklen (Soz.) begründet den Antrag.
Generalleutnant von Wandel: Nicht 30 000, sondern nur 11000 dienstfreie Burschen sind vorhanden, und zwar bei berittenen höheren Offizieren. Man kann doch nicht erwarten, daß die Offiziere ihre Pferde felbst putzen! Dann sind 10 000 Mann da, die eine vollständige einjährige Ausbildung genossen haben. (Rufe: Alfa!) Auch im zweiten Jahre machen sie den größten Teil der Hebungen, wie Schießübungen, Manöver usw. mit. Ihre dienstlichen Erleichterungen finb gering. Dienstmädchen können nicht mit auf die Uebungsplütze und ins Manöver genommen werden. Die Soldaten find keinestvegs ungern Burschen. (Sehr richtig!) Ich bitte, die Anträge abzulehnen.
Abg. Gräfe (kons.) erklärt, die Konservativen lehnten sämtliche Anträge und Resolutionen ab.
Abg. Graf v. Praschma (Ztr.): Mit dem sozialdemokratischen Anträge können wir nichts anfangen. Der Resolution der Kommission stimmen wir zu.
Abg. Schöpsli» (Soz.): Die Angabe, daß es nur 11 000 Burschen gebe, findet bei uns keinen Glauben. Es gibt viel mehr Offiziere und jeder Offizier hat einen Burschen. Wir wollen nicht, daß unsere Soldaten Dienst- mädchen spielen.
Generalleutnant v. Wandel: Ich muß dabei bleiben, daß nur 11000 Burschen abkommandiert sind. Wir finden die Einrichtung der Offiziersburschen bei allen anderen Nationen.
Damit schließt die Diskussion. Die Wstimmung über diesen Antrag wird gleichfalls auf morgen angesetzt.
Mittwoch: SBeiterberatung.
Preußischer tto mrn
Gemeinsame Schlußsitzung beider väuser vom 17. Znni
Am Ministertisch: Ministerpräii ent Dr. v Belhrnann- Hollweg, Minister und Staatssekretäre. Der Präsident des Herrenhauses v. Wedel-Piesdors eröffnet di' Sitzung um 10 Uhr 5 Min. und erteilt dem Minister- Präsidenten daS Wort.
der zurückzahlen könnte, war ihm freilich selber ein Rätsel.
Auch die Beschaffung der Aussteuer für Annie machte ihm große Sorge, da er hierin nicht die mindeste Erfahrung hatte; aber Heuberger half ihm aus der Verlegenheit. „Die Möbel liefere ich Dir zu zivilen Preisen", sagte er, „und die Berliner sollen Augen machen über die Münchener Kunst. Als Hochzeitsgeschenk gebe ich Annie, meinem Patenkind, einen Stutzflügel, an dem sie ihre helle Freude haben wird. Und was das übrige anbelangt, Kleider und Weißzeug, da halte Dich nur an meine Frau."
Das tat denn Pirkheimer auch, und sie durchzogen zusammen die Stadt, besuchten Kaufhäuser, Läden und Bazare und wählten aus, was ihnen am besten paßte.
Darüber vergaß Frau Marguerite ihre häuslichen Sorgen und ihre unglückliche Ehe; sie sand in Pirkheimer einen treuen, wohlmeinenden, Freund, der sie tröstete und immer wieder zum Frieden, zur Versöhnung mahnte. Er war nun selber ein Einsamer geworden, seit Annie verlobt war, und verstand es gar wohl, daß die sensible junge Frau nicht in Heubergers Haus paßte. Aber da die beiden nun einmal durch heilige Bande vereinigt waren, gab es keine andere Lösung, als eine friedliche Verständigung, ein gegenseitiges Nachgeben und Verzeihen, ein Suchen nach Vertrauen, Liebe und Glück.
Frau Marguerite war Pirkheimer für seine Ratschläge dankbar, und fortan war in ihnen ein leises, geheimnisvolles, verständnisvolles Läuten: das Zusammenklingen zweier einsamen Seelen, die sich suchten in 'ehrlicher, treuer Freundschaft.
Man war schon tief rat Juni, als Tante Betty eines Zlbends ihren Liebling Puck fast mit Gewalt in Pirkheimers Billa schleppte: „Jetzt schau Dir nur einmal dieses Jammerbild an", sagte sie zu dem Profesior. „Drüben in den Gasteiganlagen hab' rch den armen, halbverhungerten Menschen gesunden."
Puck sah wirklich aus wie, ein Mensch, der eben dem Grabe entstiegen ist. Die Kleider waren viel zu teiett für feinen abgemagerten Leib, hie Augen
Ministerpräsident Dr. p. Bethmanu-Hollweg verliest eint Allerhöchste Botschaft, durch die bte gegenwärtige Tagung der beiden Häuser des Landtags geschlossen wird.
Präsident v. Wedel-Piesdors: Mit demselben Wunsche, mit dem wir unsere Sitzung begonnen haben, schließen wir sie: unser König, der deutsche Kaiser, lebe hoch!
Die Anwesenden stimmten in baS Hoch «in.
X Das Regierungsjubiläum des Kaisers.
Den gestrigen Tag hat sich das Berliner Volk zur Gratulation Vorbehalten. Schon früh morgens ist wieder alles aus den Beinen, und wer nicht arbeiten „mußte", der strebte schon in aller Morgenfrühe den Linden und dem Schlöffe zu. Der Mittelstand, die festeste Stütze von Thron und Altar, wollte heute dem Kaiser seine Zuneigung bezeigen und hatte sich zu einem großen
Handwerkerfeftzuge zusammengefunden. Ein stattlicher Zug von 10 000 Handwerkern von Berlin und seinen Vororten bewegte sich gegen 10 Uhr vom Königsplatze her durch die Siegesallee und unter den Linden zum Schlosse hin. Zahlreiche Musikkorps kündigten schon von weitem das Nahen des Huldigungszuges an. 600 Bäcker eröffneten den Zug mit ihren Jnnungsbannern, geleitet von einem stattlichen, mittelalterlichen Herold hoch auf fchneeweißem Roß. In ihrer Bäckeruniform trugen sie eine Riesenbretzel, einen Zeppelin ans Mürbeteig, Körbchen mit Brot und Backwerk. Auf dem Festwagen, der von vier Pferden gezogen wurde, stand in glitzernder Rüstung die Borussia. Dann folgten die Brunnenbauer, die die Zeichen ihres Handwerks, kleine Brunnen und Pumpen, auf langen Stäben vorantrugen. Barbiere, Bauhandwerker, Bildhauer und Böttcher schlossen sich mit ihren Jnnungsbannern an. Eine neue Gruppe zeigte die Buchbinder, die mit breiten, kunstvoll getriebenen Lederschärpen um ihre Fahnen geschaart waren. Die Drechsler sührten ein riesengroßes, kunswoll verfertigtes Schachbrett mit Figuren in ihrer Mitte. Eine weitere Gruppe zeigte die Fischer. Die Wagen, die ihre Fahnen führten, waren mit blauen Tüchern behangen, und darüber breiteten sich goldene Netze aus, in denen Wasser und Schlingpflanzen und glitzernde Fische saßen. Die Angehörigen der Innung waren fämtlich in Matrosenkostümen und trugen zumteil die Wzeichen des Fischerhgndwerks und an den Seiten des Zuges entlang trugen sie mehrere langgespannte Netze in goldener, silberner und gelber Färbung. Nachdem eine Reihe Gruppen, wie Schneider, Bürstenmacher, Perrückenmacher, Friseure, Gastwirte, vorübergezogen waren, kam wieder bunte Abwechselung in das Einerlei der schwarzen Gehröcke und Zylinder. Es nahten die Glaser. Große Sternkörper, kunstvoll aus Glas zusammengesetzt, glitzerten an langen Stangen baumelnd im Sonnenschein. Zur Seite schritten Glasergesellen mit Abzeichen des Handwerks, wie riesengroße Glasschneider, in bleigefaßte, bunte Glasgemälde usw. Auch der Humor war hier vertreten durch eine zerbrochene Fensterscheibe. Dann nahten die Goldschmiede. Zwei Herolde leiteten ihren Zug ein. Auf einem großen Wagen in mittelalterlicher Tracht gekleidet saßen Kunstschmiede, die mit einem Hammer das Edelmetall trieben. Zu Seiten des Zuges trugen die Lehrlinge künstlerische Produkte der Goldschmiedekunst, wie Becher. Schüsseln und gar ein großes, silbernes Schiffchen Die Köche zogen in weißen Jacken und Mützen mit schwarzen Kniehosen und weißen Strümpfen einher, aroße Löffel geschultert. Die Konditoren hatten ähnliche Tracht, aber zum Zeichen ihrer Kunst trugen sie in ihrer Mitte einen Niesenhaumkuchen und eine große Eistorte „Graf Buckler". Daß sie aus Holz sein mußte, läßt sich leicht denken, denn sonst wäre bei der riesigen
Gluthitze, die heute in Berlin herrscht, diese Partie i)es Zuges gar zu bald zu Wasser geworden. Heiter- kett erregten auch die Schornsteinfeger, die in ihrer schwarzen Amtstracht mit Zylinder ober schwarzer Mütze, Leitern, Besen und Kugeln einherzogen. Die Tapezierer zeigten in einem großen Biedermeiersofa ihre Kunst. Dann nahten die Schlosser, in blauem Anzug mit Lederschürzen trugen sie Schlüssel, Zangen, Hammer, Ketten usw. Ein großer Festwagen zeigte, von Ehrenjungfrauen umgeben, einen Riesenschlüssel. Dem nun folgenden Wagen jubelte die Menge zu, denn hierin saß ein ehrwürdiger Greis mit langen Silberlocken, von zwei Ehrenjungfrauen behütet: der Schlossermeister Fritsche, der mit feinem hohen Alter von 101 Jahren schon manchen Hohen- zollernsproß begrüßen durfte. Die Schmiede, die nun folgten, führten große Hufeisen, Helebarden, Schwer- ter und einen großen Ambos mit sich. Die Tischler hatten eine historische Gruppe gestellt, wobei auf einem Wagen, auf dem sie eine Art Werkstube errichtet hatten, mit einem Mahagoni-Biedermeier- schränkchen, sich luftig die Vertreter der Biedermeierzeit herumtummelten. Dahinter zog eine Schar rauchender und lachender Handwerksburschen, die sich gerade „auf der Walze" befanden. Die Schuhmacher zeigten in einer Reihe abwechselnder Bilder die Entstehung und Entwicksitng von Schuh und Stiefel vom 12. Jahrhundert an bis in die Neuzeit. Die Stellmacher trugen in ihrer Mitte mit ihrem Arbeitskleide angetan eine vergoldete Staatskutsche und ein Auw, und die zu beiden Seiten schreitenden Gesellen zeigten durch die Stücke, die sie trugen, die Entstehung unb Anfertigung eines Wagens. Nun folgten noch bie Fuhrherren, voran in großem Auto die Musikkapelle in der Uniform der Omnibusgesellschaften. Zwei reizende Ponywägelchen gabelt ein Bild der Rokokozeit unb des Frederizianischen Stils. Zwei große Vierspänner führten die Beförderung von Lasten im Jahre 1813 1913 vor Augen. Ihnen folgten Kutschen unb blumengeschmückte Autos, darunter zwei Berliner Autoommbuffe mtt Beamten der Omnibusgesellschaften. Aufmerffamkeit erregten noch die Klempner mit ihrem Prunkwagen, daraus Rie- fenerzengnisse der Klempnerkunst standen. Dahinter folgten in Arbeitstracht die Klempnergesellen und Lehrlinge mit Lötkolben und Erzeugnissen der Klemp- nerkunst. Tie Sattler trugen als Zeichen ihres Handwerks ein schönes Gespann in einem Glaskasten und Sättel. Den Zug, der H/2 Stunde vorbeizog, beschlossen die Damenschneiderinnen, und wenn sie nicht ganz neumodische prachtvolle Kostüme anhatten, so fanden sie vor den Augen der Zuschauermenge bald eine abfällige Kritik: „Nee, Frau Meesteri», bet is nix Rares" ~
Währenb ber Zug vorbeizog, hatten bte fliegenden Sanitätswachen vollauf zu tun, benn bei dem starken Gebränge unb der großen Hitze kamen zahlreiche Ohnmachtsfälle vor, unb so fuhren benn die kleinen Handwagen hin und her. Und auch bie Tragbahren fanben reichlich Derwenbung. Hinter dem dichten Zuschauerspalier wurden Erfrischungen von fliegenden Händlern bargeboten: Würstchen „rein aus Rinb- unb Schweinefleisch" wurden angepriesen, Pfeffer- minzplätzchen mit „Prima Aroma", Bananen, Zuckerstangen!, Brauselimonaden, Ster usw. Wer zu spät gekommen war ober zu klein war, ihn über bie Köpfe ber übrigen hinwegzusehen, bent bot sich für 1 Mark, biefet Preis herrscht seit gestern wie mtt stiller Vereinbarung überall, ein Stuhl ober eine Eierkistentribüne. .
Vom Schloßbalkon herab winkte ber Kaiser, ber offenbar in bester Saune war, den einzelnen Gruppen fortträbnenb lebhaft zu. Man weiß nicht, freut er sich mehr über bie Huldigung im ganzen, ober stimmen ihn bte originellen Einfälle der Handwerker, bte in den Emblemen niebergelegt sind, besonders heiter? Eine besondere Ehrung wird den Vertretern des Gewerbes jedesmal zuteil, besten
lagen tief, das Gesicht war leichenblaß, und alle Lebensfreude schien von ihm gewichen. Scheu und ängstlich schweifte sein Blick durchs Zimmer, und erst, als er erfuhr, baß Annie nicht zu Hause sei, atmete er auf.
„Ja, was fehlt Dir denn, mein lieber Puck?" fragte Pirkheimer.
„Todkrank ist er gewesen und wochenlang im Spital gelegen", erwiderte Tante Betty an seiner Stelle. „Eben hat er es mir eingestanden. In einer kühlen Nacht ist er wie ein Irrsinniger durch die Jsarauen gerannt, bis er halbtot zusammengebrochen ist. Und am anderen Morgen hatte er bann die schönste Lungenentzündung weg! — So ein Dummrian!"
Pirkheimer legte den Arm um Pucks Schulter. „Ja mein lieber Mensch, warum hast Du das getan?"
„Das verrät er mit keinem Wort", sagte die Tante. „Vermutlich wegen irgend einem Puppengesicht, in das er sich vergafft hat!" Sie fuhr ihm zärtlich übers Haar. „Warum hast Du mir nicht ein paar Zeilen aus dem Spital geschrieben?"
Er schüttelte den Kopf. „Ich konnte nicht — und wollte auch nicht. Der Tod wäre mir willkommen gewesen!"
Tante Bettv schrie vor Entsetzen auf. — „Sprich nicht so gotteslästerlich", rief sie. — „Bist Du denn von Sinnen? — Was rennst Du wie ein Narr durch die Jsarauen? — Und was hattest Du heute so nah' am Flusse zu suchen?" — Als sie seinen wehen, verzweiflungsvollen Blick sah, faßte sie seine Hand: „Jesus Maria' — Das — das hast Du tun wollen? — Das leid' ich nicht, Du! Ich geh' nimmer von Deiner Sette, bis Du wieder gesund bist und bis ich weiß, daß Du keine solch entsetzlichen Gedanken mehr hast. Keinen Pinsel darfst Du mir anrühren, eh' Tu nicht gesund bist!"
„Aber Tante, wovon soll ich dann leben?"
„Dafür laß mich sorgen! Ich habe Geld." Rasch unterbrach sie sich und suhr zornig aus Pirkheimer los: „Was stehst Du da und aaffst? Schaff' lieber
ein Krügel Wein her, der arme Mensch ist ja am Zusammenbrechen!"
„Ich geh' ja schon", sagte Pirkheimer. „Sei nut nicht so grob wie ein Holzknecht!"
Als er das Zimmer verlassen hatte, legte sie den Arm um Pucks Schultern, drückte ihn in den Lehn- sessel und flüsterte: „Sei nur ruhig, ich hab' schon so viel, daß es für zwei reicht. Aber ber Michael braucht es nicht zu wissen, sonst pumpt er mich an. Jetzt gib acht, was ich Dir sag'! — Morgen gehen wir zwei in die Sommerfrische, hinaus an den Starn-, bergerfee — am liebsten nach Ammerland. Da mieten wir uns drei hübsche Zimmer und gehen nimmer weg, bis daß Du kerngesund bist!" —
Puck haschte nach chren Händen. Tante Betty, Du bfft so gut!"
„Halt' den Schnabel und laß mich ausreden! Die andern brauchen's nicht zu wissen, die sind auch voller Heimlichkeiten. Der Berliner hat eine Billa gemietet — zu Possenhofen — und Kommerzienrats haben eine zu Starnberg. Da fahren sie alle Tage hinaus, und es ist eine Freundschaft, so dick wie der „alte Peter". — Na Du, bummer Junge, jetzt wollen wir auch so biete Freunbe sein unb machen, daß Du gesund wirst. Fein wird's werden! Wir zechen und fchmausen, daß es eine Lust ist!"
Pirkheimers Rückkehr unterbrach ihr Gespräch. Puck trank gehorsam den Wein und sah dankbar auf Tante Bettv, dieses widerhaarige Mannweib mit dem goldenen Herzen.
Dann wurde Pirkheimer abberufen. Der helle Trompetenton eines Auws erklang, Annie lief in bett Garten unb rief atemlos: „Papa, komm schnell heraus! Nimm Hut unb Mantel!" — Dann war sie schon um bte Ecke, um Papa abzuholen. _ ।
Puck verkroch sich hinter Tante Bettys Stinten, um nicht gesehen zu werben. Wer Annie kam nicht. Sie hörten, wie sie rief: „Rasch, rasch! — Eme Ncberraschnng, Papi! — Unb Tante Kommerzienrat ist auch draußen! —"
(Fortsetzung folgt.)