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Nr. 137. Erstes Blatt Dienstag den 17. 3uni 1913. 40. Jahrgang.

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X Das Regierungsjubilänm des Kaisers.

Am Montag begrüßte in Berlin herrliches Sommer­wetter des Reiches Jubeltag. In den reich geschmückten Feststraßen, besonders Unter den Linden, war schon vor 6 Uhr morgens ein gewaltiger Verkehr. Um 7 Uhr, dem Zeitpunkt des

„Großen Wecken?", war stellenweise schon nicht mehr durchzukommen; „Freut euch deS LebenS" klingt'S schmetternd die Lmden herab. Der Zug der Spielleute schwenkt über die Schloßbrücke em. Das Trompeterkorps des 2. Garde.U lanen-RegimentS blies van der Kuppel der Schloßkapelle Choräle. Eine große Menschenmenge lauschte vom Lustgarten und dem Schloßplatz aus den feierlichen Klängen. Die Linden sind jetzt schwarz von Menschen. Auf beiden Seiten stehen sie rote dauern. Die Balkons der Cafes find beängstigend voll, an den Fenstern Kopf bei Kops. DaS stärkste Kontingent stellt heute in Berlin die Provinz Neben der strahlenden Amerikanerin, die bereits bte Mode von übermorgen zur Schau trägt und die über den Großen Teich gekommen ist, um beim „Jubilee of tbe kaiser' nicht zu fehlen, reckt die kümmerliche abe Matrone, die Witwe deS Veteran- aus großer Zeit in Kapottehut und Manttlle über dem guten „Scknvarz- seidenen", das so manche Kindtaufe, so manches Be> gräbnis, so manche Hochzeit erlebt hat, den Hals, um auch alles, alles sehen zu können, was heute an Festesfreuden geboten und gezeigt wird.

Stäudche« von 7000 Schulkindern.

Der Zug nach den Linden aus den äußersten Stadtteilen fängt bald an beängstigend zu werden. Die nach der Nähe des Schlosses führenden Straßen­bahnwagen bringen Hunderte und Aberhunderte von Kindern, die Mädchen m weißen Kleidern, das Kränzet im Haar, die dem Monarchen den Morgengruß der Berliner Schuljugend au- schmetternden Kehlen zu­jubeln sollen. In lautloser Stille harrte die Riesen­schar der kleinen Sänger deS Zeichens zum Beginn. Ein Flüstern: oben am mittleren Fenster ist die Jnterimsuniform des Kaisers sichtbar geworden. Neben ihm gewahrt man die Kaiserin, die auf ihrem weißen Haar einen Hut mit großen, dordeaurroten Federn trägt. Im Auster links von ihnen erscheint, himmelblau mit weißem Hut, die Prinzessin Viktoria Luise, der Rathenower Husar neben ihr ist Prinz Ernst August, ihr Gemahl. Zum Fenster rechts die Prinzen Oskar und Joachim, dann in Marineuniform Prinz Adalbert. Nach ihnen kommen auch Prinz und Prinzessin Eitel Fnedrich, Prinz August Wilhelm, die Schwestern deS Kaisers, und zuletzt mit der Kronprinzessin der Kronprinz, der mit seinem Vater ein Gespräch führt. Von dem mu schwarz - weiß - rotem Tuch drapierten kegelförmigen Podium herab gibt Rektor Hoffmann einen Akkord an. Die 7000 Knaben und Mädchen singen Nicolais Chor „Dich seh' ich wieder. Morgen- licht", dann„AuS der Jugendzeit" und das „Deutsche Lied" von Kalliwoda. Dann ist das Ständchen zu Ende. Drüben neben der Schloßwache dringt Stadt­schulrat Fischer das Kaiserhoch aus. Die Jugend singt das „Heil Dir imSiezerkranz!" Der Kaiser ist bis zur Brüstung vorgegangen, der Kaiser will reden. Ein paar Worte nur spricht er, aber sein Kommandoton ist über den ganzen Hof hinweg vernehmlich. „Ich danke euch, liebe Kinder," sagte er, „ihr habt eure Sache gut gemacht — habe große Freude gehabt." Musterhaft, rote sie gekommen waren, zogen dann die 7000 Sänger ab unter Tücherschroenken und Hurra­rufen hinauf zu den Majestäten, die unaufhörlich dankten.

Die Gratulation im Schloß.

Nach dem Ständchen der Schulkinder nahm der Kaiser die Glückwünsche der Famitienange-

Das Münchner ttindl.

18] Roman von Felix Rabor.

Die gewichtigste Persönlichkeit beim Festmahle war aber Joseph Heuberger. DaS Zipperlein war gewichen, aber er mußte immer noch bett Stock beim Gehen benützen. Als ihn Pirkheimer über das Ausbleiben seiner Frau befragte, antwortete er: „Frau Marguerite geht prinzipiell nicht zu Hoch- zeits- und Berlobungsfeiern, weil da das Brautpaar die Hauptpersonen sind und sie erst in zweiter Linie kommt. Das geht ihr wider de» Strich, darum bleibt sie weg, und so muß ich, um unser Haus würdig zu vertreten, beim Servieren und beim Pokulieren dop­pelte Buchführung anwenden." Er lachte dröhnend über seinen Witz und nickte dann befriedigt. „Feines Arrangement, Michael! Der Berliner steigt in mei­ner Achtung! Aber sag', ist Puck nicht geladen? — So, der ist nicht zu finden! Jia, das ist ja ein netter Lümmel! Zweihundertfünfzig Mark Monatsgehalt hab' ich ihm angeboten, wenn er als Zeichner bei mir ettttritt. Und was tut der Kerl? Schreibt mir kurz und bündig — er mag nicht! Na, dann soll er meinetwegen Hungerpfoten saugen! Aber ein tüch­tiger Kerl ist er doch, nur gehört er stramm ins Joch gespannt! — Nah, da kommt das Brautpaar! — Aber, — Annie, — ja du schaust ja aus wie ein En- gerl!" Er küßte sie auf die Stirne und rief mit einer Stimme, die von Rührung zitterte: „Alles Glück, mein Kind! Alles Glück und Gottes Segen!"

Dann drückte er Sandow fest die Hand und sagte: „Sie, Herr Baron — das ist ein feines Blümerl, das Sie uns da Wegnehmen! Hüten Sie's, daß es im Norden nicht erfriert! Mir scheint, dort droben an der Spree weht ein kühler Wind und die Sonn' scheint nur <brei Monat'!"

„Sei ohne Sorge, Onkel," erwiderte Annie, „wir bringen die Sonne selber mit."

„Sei staad, Kindl," warnte Heuberger, „§’ Glück muß man net b'schreien, sonst fliegt’S davon wie ein olitiartnnr Naradiesvoael'"

hörigen und deS Gefolges entgegen. Unter den Linden wuchsen inzwischen die Menschenmassen ins Ungeheure, während die Anfahrt der Abordnungen zur Gratulationscour vor sich ging. Das frohbewegte Publikum, die farbenprächtige Ausschmückung der Straßen und die Galauniformen der an'ahrenden Herren vereinigten sich zu einem reizvollen Bilde. Während oben in hoher Höhe über dem Schloß eine Fliegertaube kreiste, empfing das Kaiserpaar um 10 Uhr im Kapitelsaal Abordnungen, die Adressen und Geschenke überbrachten.

Der Kaiser tn der Uniform des 1. Garderegiments zu Fuß und die Kaiserin nahmen unter dem Thron­baldachin Aufftellung. Zuerst sprach das Staats- ministerium seine Glückwünsche durch den Reichs­kanzler aus. Es folgte der B u n d e s r a t, der Vorstand des Reichstages, das Präsidium des Herren­hauses und das Präsidium des Abgeordneten- Hauses, Wetter die Deputation für die Armee, die Generalfeldmarschälle und die Generalobersten. (Sette- ralfeldmarschall Graf Häseler überreichte dabei dem Kaiser den Feldmarschallstab, den der Kaiser, der bei jeder Gruppe mit wenigen freundlichen Worten dankte, entgegennahm, indem er hervorhob, daß es ihn beson­ders freue, das Geschenk der Armee aus den Händen eines glorreichen Mitkämpfers seines Großvaters ent. gegennehmen zu können. An der Spitze der Marineab­ordnung, die aus dem Großadmiral von Tirpitz und mehreren Admiralen bestand, überreichte Prinz Heinrich einen silberner, Adler, welcher den Flaggstock der Jacht „Hohenzollern" zieren soll. Die Offiziersabordnungen der Garderegimenter überreichten Erinnerungsgaben. Es folgten Vertreter des deutschen evangelischen Kirchenaus­schusses sowie der Erzbischof von Köln, Dr. Hart­mann und der Bischof von Rottenburg, Dr. von K e p p. ler als Vertreter der deutschen Bischöfe. Als Gratu­lanten folgten Vertreter des Reichsgerichts, des Reichs- milttärgerichtS des britischen kirchlichen Komitees zur Pflege freundschaftlicher Beziehungen zu Deutschland, Mister Carnegie an der Spitze der amerikanischen Ab- ordnung und schließlich die Abordnungen aus den Pro­vinzen. Nach den Deputationen der westlichen Pro­vinzen erschienen diejenigen des Deutschen Städte. tageS. Sie überreichten die Huldigungsadresse der deutschen Städte und Stiftungen im Werte ton 23 bis 25 Millionen Mark. Gleichzeitig erschien der Reichs­verband deutscher Städte. Sodann defilierten die Rek­toren der Universitäten, der Technischen Hoch, schulen und die Vertreter der Akademie der Wissenschaf­ten, der Akademie der Künste, der königlichen Museen, der Kaiser Wilhelm-Gesellschaft, des Kyffhäuserbundes der deutschen Landeskriegerverbände, des deutschen Flot- tenvereinS. Für die Deutsche Kolonialgesellschaft sprach General v. Gahl, für den evangelischen und den katho­lischen Ausschuß zur Sammlung der Kaiser Wilhelm- Spende die Präsidenten der beiden Ausschüsse v. Wedel- Piesdorf und Fürst zu Löwenstein-Wertheim. Nach dem Verband der katholischen Missionen in den deutschen Ko- lonien, durch P. Acker vertreten, kam die Abordnung der deutschen Maltesergenossenschaften. Es folgten: De­putationen der Rekwren und Direktoren der Hochschulen der landwirtschaftlichen Verwaltung, die Deputationen des LandeSökonomie-Kollegiums, des Vereins zur För­derung des Gewerbefleißes.

Eine größere Deputation vertrat die evangelischen und kath. Arbeitervereine Deutschlands. Fer. ner ließen durch Deputationen Glückwünsche aussprechen die nationalen Arbeiterverbände, der kaiserliche Aeroklub, die Korps, Burschenschaften und Landsmann- schäften, die deutschen Beamtenvereine, der Verband der Eisenbahnvereine, das Zentralkomitee der Vereine vom Roten Kreuz, der Vaterländische Frauenverein, das Rote Kreuz. Im ganzen wurden über 80 Deputationen vor- gelassen. Alle überreichten Adressen bezw. Geschenke, für die der Kaiser kurz mit freundlichen Worten dankte.

Die ParoleanSgabe im Zeughause.

Um x/*l Uhr verließ der Kaiser, gefolgt von den Prinzen, daS Schloß, um sich zum Zeughaus zu be­geben. Er trug Generalsuniform mit dem Ordens- banbe des Schwarzen Adlerordens. Eine ungeheure Menschenmenge jubelte dem Monarchen zu, der aus daS freundlichste dankte. Am Schlöffe hatten mehrere Abteilungen des JungdeutschlandbundeS i Pfadfinder und Pfadfinderinnen ufroJ Aufstellung genommen.

Es herrschte eine herzliche Fröhlichkeit bei dem Mahle; durch Heubergers gemütlichen Humor stei­gerte sie sich zu lautet Heiterkeit. Offizielle Reden wurden nicht gehalten, sodaß von Anfang an alles Konventtonelle, Programmäßige und Steife ausae- fchlofseu war, und daS ganze Fest auf einen freudi­gen, gemütvollen Ton gesttmmt wurde.

Das war Sandow, der nur die feierliche Etikette Berlins kannte, völlig neu; er fand dieses zwanglose Beisammensein entzückend und fühlte sich so recht be­haglich in dem kleinen, intimen Kreis.

Nach der Suppe erhob sich Pirkheimer, verkündete die Verlobung und stteß mit dem Brautpaar an; nach ihm trat einer um den andern heran, sprach einen kurzen Glückwunsch aus — dann ging die Unterhal­tung weiter.

Und als kurz darauf Pirkheimer mit Humor sagte, daß er in dieser Verbindung ein Symbol der Vor- brüderung zwifchen Nord und Süd und eine Garantie für den Fortbestand des einigen Deutschen Reiches sehe, da rief Heuberger: „Das hast du gut gesagt, Michael! Nord und Süd, Preußen und Bayern Arm in Arm, Herz an Herz — darauf trinke ich!"

Annie schmiegte sich fester an ihren Bräutigam und suchte seine Hand, um diese Herzensvereinigung auch äußerlich anzudeuten. Sie war so stolz auf ihn, sie liebte ihn über alles. Fast schämte sie sich ihrer Zärtlichkeit, aber die andern fanden das natürlich. Zudem lenkte Heuberger schon in der nächsten Minute die Aufmerksamkeit von ihnen ab. Er erzählte von dem nächtlichen Abenteuer seines Sohnes Mar, von der Korsofahrt nach Augsburg, von dem mörderischen Wettrennen und daß Max um halb acht frisch und schneidig auf dem Kafernenhofe gestanden fei. Den tollen, übermütigen Streich pries er als eine Helden­tat, und int Tone der Bewrmd»ru">i Whf, -r- ' mein Maxi, das ist einer! Wenn'? da mal loSgeht mit Bomben und Kanonen, der schießt die Franzosen all über'n Haufen. Ja, auf den bin ich aber auch stolz, auf meinen Maxl!"

Man kannte feine Schwäche für seinen Lieblings- fo6n und lächelte darüber, nur Tante Betty ries giftig

Vor dem Zeughause stand eine Ehrenkornpaanie vom 2. Garde-Regiment zu Fuß. Sobald der Kaiser den Lichthof betreten hatte, feuerte die Salutbatterie vom 1. Garbe - Fe dartillerie - Regiment einen Salut von ir uß. Im Lichthofe würbe ber Kaiser von

c mgeti ber Nationalhymne begrüßt. Stach

’Äu aaoe ber Parole: „Es be seine Majestät bet Kaiser unb König!" ließ ber Monarch einen Armee­befehl des Kaisers von Oesterreich verlesen unb brachte selbst ein dreifaches Hurra auf Kaiser Franz Joseph aus. Nach dem Vorbeimarsch der Ehrenkompagnie begab sich der Rotier, von ben begeisterten Hurrarufen ber Menge begleitet, nach bem Schloß zurück. Um P/4 Uhr war Familienfrüh st ückstasel.

Den Nachmittag verbrachte ber Kaiser im Kreise seiner Familie. Am Abenb folgte bann Gala­vorstellung im Opernhause. Gegeben würbe ,^!ohengrin".

Die Erlasse deS Kaisers.

Die im Reichsanzeiger veröffentlichten Amnestie« Erlasie bestimmen:

Für Zivilpersonen. „Ich bin gewillt, aus Anlaß Meines Regierungsjubiläums durch Erlaß oder Milderung von (strafen in weitem Umfange Gnade zu üben, und beauftrage Sie deshalb. Mir in den dazu ge­eigneten Fällen Vorschläge zu Gnadenerweisen zu un­terbreiten. Diese Vorschläge sind vornehmlich auf solche Personen zu richten, die zu ihren Straftaten durch Not, Leichtsinn, Unbesonnenheit oder Verführung veranlaßt worden sind. Berlin, den 16. Juni 1913. Wilhelm R."

Für Militärpersonen. „Ich will aus An­laß Meines fünfundzwanzigjährigen Regierungsjubi­läums den Militärpersonen, gegen die bis zum heutigen Tage im Bereiche der Preußischen Militärverwaltung Strafen im D i szipli na r w e g e verhängt sind, diese Strafen, soweit sie noch nicht vollstreckt sind, erlassen. Ausgeschlossen von diesem Gnadenbeweise bleiben die wegen Beleidigung oder vorschriftswidriger Behandlung eines Untergebenen (§ 12 des MiiltärstrafgesetzbucheS) verhängten Strafen. Soweit vertragsmäßig einem der hohen Kontingentsherren das Begnadigungsrecht zusteht, bleibt dieses unberührt. Ferner bin ich gewillt, durch Erlaß oder Milderung militärgerichtlich verhängter Strafen in weitem Umfange Gnade zu üben, und sehe in den dazu geeigneten Fällen Vorschlägen zu Gnaden­erweisungen entgegen. Ich beauftrage das Kriegsmini­sterium, für die schleunige Bekanntmachung und Aus- sührung dieses Erlasses Sorge zu tragen. Berlin, den 16. Juni 1913. Wilhelm R.“

Ein weiterer Erlaß bes Kaisers ist an bas Prä­sidium des Kyffhäuserbundes der deutschen Landeskriegerverdanbe gerichtet und betrifft, wie schon gemeldet, die llebetnahme des Protektorats auf den Kaiser.

Ferner will der Kaffer auS Anlaß seines Re- gierungsjubiläumS auch der Mitkämpfer aus großer Zeit gedenken und bewilligt daher, „den mir zu diesem Zwecke auf meinen Befehl nahmhaft gemachten sechshundert Kriegsteilnehmern ein Gnadengeschenk von je fünfzig Mark". Für die Gewährung dieses Gnadengeschenks tommen nach einer Bekannt­machung des Kriegsministers die von den General­kommandos nahmhaft gemachten Kriegsteilnehmer in Betracht. Diese sind ungesäumt zu benachrichtigen. Die Geldbeträge werden den Kriegsteilnehmern un­mittelbar übersandt werben.

Neben ben Amnestieerlassen hat der Kaiser an seinem Ehrentage auch der deutschen Jugend einen eigenen Gclaß gewidmet, der eine besonders warme und herzliche Sprache führt. Er ist an den Kultusminister gerichtet und lautet:

Arn heutigen Tage ruht mein Auge mit besonderem Wohlgefallen auf dem bisherigen Erfolge der erst vor wenigen Jahren von mir angeregten Bestrebungen, die auf eine umfassende Förderung der geizi­gen und körperlichen Wohlfahrt der schul, entlassenen Jugend gerichtet sind. In Stadt und Land haben sich staatliche und kirchliche Behörden, Kreis- und Gemeindeverwaltungen, Vereine und Ver­bände aller Art, vaterländisch gesinnte Männer und

vom untern Ende der Tafel her: „So eine Narretei! Eine Süud' ist's, das Leben so aus's Spiel zu setzen und das Geld zum Fenster hinauszuwerfen! Denn das muß doch einen schönen Schmarren gekostet ha­ben!"

Heuberger verschwieg wohlweislich, daß chn Max am folgenden Tag um vierzigtausend Mark ange- pumpt hatte; auch von der Tragödie, die sich im „Klub der Einsamen" abgespielt hatte, sagte er kein Wort. Vielmehr lachte er der Malerin ins Gesicht und sagte: „Sei nur staad, alte Nachteuln — wir ham's ja! — Aber deswegen keine Feindschaft nicht, Tante! Eine Freud' muß der Mensch doch haben! Der Maxi liebt ein flottes Leben, du liebst deine schimmeligen Taler — und ich bin vernarrt in Maibock und Sekt. Prost!"

Da hatte er die Lacher auf seiner Seite.

Hardy von Sandow aber faß bei Heubergers Re­den wie auf Kohlen; er war doch selbst überall dabei gewesen und fürchtete, es möchte an den Tag kommen. Ein wenig verlegen blickte er Annie an; er hatte ihr auf dem Spaziergange feine Sünden bekannt und 216- folution erhalten. Jetzt lächelte sie und flüsterte: „Bergesfen und vergeben!"

Da ward er ftöhlich und guter Dinge.

Die Heiterkeit erreichte ihren Höhepuntt, als die jungen, hübschen Singmädel aus Pirkheimers Schule die Gelenkigkeit ihrer schlanken Glieder zeigten; sie führten einen grotesken Tanz auf und gröhlten dazu ein tolles Lied, sodaß sich alle den Leib hielten vor Lachen.

Und dann trat noch die mollete Gustt auf; sie im­provisierte mit einem der Gäste einen echten Schuh­plattler, machte verliebte Augen, drehte sich im Kreise und schnaubte wie eine überheizte Dampfmaschine.

Tann ebbte die lärmende Fröhlichkeit ab, ber Ernst trat in seine Rechte, sodaß schließlich der Abend in einer fri.rri'ch-'n Stimmung ausklang. Heuberger schlug dazu den Grundton an. Er saß bei dem Braut­paar und sagte mit tiefem Ernst: „Dieser Tag ist ein Markstein in .eurem Leben! . . ." Und zu San­

rauen auS den verschiedensten Ständen und Berufen mit opferwilliger Begeisterung und hingebenüer Treue in den Dienst der Jugendpflege gestellt und sie durch Stiftungen, Beiträge und persönliche Tätigkeit gefördert. Hierfür sämtlichen Beteiligten meinen [an. d es väterlichen Dank und meine Ane rken. nung auszusprechen, ist mir ein Bedürfnis und eine Freude. Ich werde dem frischen Streben ocr heran- wachsenden Jugend sowie allen, die ihr zu f r öh l i ch e m Gedeihen an Leib und Seele zu helfen bemüht sind, auch weiterhin mein lebhaftes Interesse und mei. nen königlichen Beistand zuwenden und gebe mich der Hoffnung hin, daß e§ bald gelingen wird, eine ein­heitliche Organisation zu schaffen, die es mir ermöglicht, zu diesem mir sehr am Herzen liegenden Werke in noch nähere Beziehung zu treten. Gott aber schenke dem Werke seinen reichen Segen zum Heile der deutschen Jugend, zum Segen des Vaterlandes! Ich be. auftrage Sie, diesen Erlaß zur Kenntnis der Beteiligten zu bringen. Berlin, den 16. Juni 1913. Wilhelm R,

Gnadenerlasse haben w.iter noch ber Prinzregent von Bayern, der Großherzog von Baden unb der Fürst zu Schaumburg-Lippe ergehen lassen, ebenst der Senat von Bremen unb bet von Lübeck.

Bo» de« Standeserhöhungen, die anS Anlaß des Regierungsjubiläums verliehen wurden, sind betoouuheben:

Freiherr von Bodelschwingh-Plettenberg, der kon­servative Abgeordnete Freiherr von Richthofen sowie Kleist-Retzow sind in den Grafen st and erhoben wor­den. — Der erbliche Adel ist unter anderem ver­liehen : Dem Vorsitzenden des Aufsichtsrates der Höchster Farbwerke, Walter vom Rath, dem Hohenzollerndichter Joseph Lauft, dem Vizepräsidenten des preußischen Ab­geordnetenhauses, dem nationalliberalen Geheimrat Ju- strizrat Dr. Paul Krause, dem früheren Senatspräsiden, jen beim Reichsgericht Dr. Ohlshausen, sowie einer Reihe von Militärs, unter ihnen Generalleutnant Wandel, Generalleutnant Staabs, Oberstabsarzt Dr. Riedner so­wie den Admiralen Themsen, Cörper, Pohl sowie Vize- admiral Lans Taku-Angedenkens. — Ins Herren- Haus sind Berufen unter anderen: Geheimer Kommer­zienrat Arnold Berlin, Bernhard Dernburg, Franz von Mendelssohn, der frühere Minister des Innern Moltke, Professor Müller-Breslau an der Technischen Hochschule, der Kurator der Bonner Universität, der Reichsbankpräsident Havenstein, sowie der Schwieger- Vater der zweiten Krupptochter, Landeshauptmann der Provinz Sachsen, Freiherr von Wilmowski, der Präsi­dent des Westfälischen Bauernvereins, Abg. Freiherr v. Twickel.

Dem Reichskanzler Dr. von Bethwann Holl­weg hat der Kaiser sein Bild in Form einer Plakette mit einem überaus gnädigen Handschreiben übergeben lassen und ihn außerdem zum Generalleutnant a la suite der Armee befördert. Auch Fürst Bülow erhielt eine Porträtplakette bes Kaisers.

* Militärische Veränderungen. Das „Militärwochen­blatt bringt eine große Reihe militärischer Verände­rungen. Eine Anzahl hoher Militärs sind zu Chefs verschiedener Regimenter ernannt worden. Eine große Anzahl Rangbesördernngen entfallen auf hohe zur Disposition gestellte oder auch verabschiedete Militärs. DaS „Armeeverordnungsblatt" veröffentlicht eine KabinettSordre, die bestimmt, daß das zweite Jäg r- bataillon künftig die Bezeichnung „Jägerbataillon Fürst BiSmarck (Pommerfches) Nr. 2" zu führen hat.

* Kaiser Franz Joseph von Oesterreich erließ nach­stehenden Armeebefehl:

Wilhelm II., Deutscher Kaiser unb König von Preußen, begeht heute bas Jubiläum feiner sünfundzwansigiährigen Regierung. Seit 1881 darf sich mein Heer der Ehrt rühmen. Seine Majestät zu den Semen zu zählen. Bielfälttg sind die Beweise des Anteils und der Huld, die Seine Majestät nicht allein den Regimentern, die mit Stolz feinen erlauchten Namen führen, ionvern auch meiner gesamten Wehrmacht bei allen Anlässen, die Sr. Majestät Blicke auf sie lentten, zu geben geruhte. Wenn letzt Heer und Flotte des Deutichen Reiches ihrem aller­höchsten Kriegsherrn mit Begeisterung zufubeln, stimmen auch Oesterreich-Ungarns Soldaten und Seeleute freudigst ein. Ich an deren Spitze bringe Sr. Majenät, meinem

dow gewandt, fuhr er fort: „Wer einen so wichtigen Schritt unternimmt, mutz den Ernst des Lebens ken­nen und ein Mann sein. Sie nehmen uns die Sonne weg, Herr von Sandow, und tragen den Sonnenschein nach Norden — in Ihr Heim. Es wird einsam in diesem Hause werden, einsam besonders um den Va-> ter, der Ihnen sein Liebstes und Teuerstes anver­traut: sein einziges Kind! Das mögen Sie stets be­denken! Nur das wird ihn über den Verlust und in seinem Schmerle trösten, daß sein Kind glücklich wird. Behüten Sie diesen Schatz mit aller Liebe und Treue, wie es dem zukünftigen Gatten zukommt! Halten Sie schützend die Hand über dieses junge, teure Wesen, daß ihm kein Leid widerfährt in den Stürmen des Lebens! — Eins aber macht uns doch etwas Sorge. Berlin und München, Nord und Süd sind rasch in einem Atem genannt, und schließen doch so viele Ge­gensätze in sich. Im Norden sind die Menschen ernster, kühler, energischer, vielleicht auch härter als im Sü­den, wo Heiterkeit und Frohsinn den Grundton bil­den» wo Gutmütigkeit, aufwdernde Freude und Na- türlichkeit dem Leben einen rascheren, feurigeren Rhythmus geben. Fast möchte ich sagen, wir Süd­deutschen, insonderheit wir Münchner, haben mehr Gemüt, mehr Wärme, mehr Sonne in uns. All die­ses tiefe Gemüt, allen Frohsinn und Herzlichkeit bringt Ihnen Annie, dieses schöne, frische, liebe und treue, fröhliche Münchner Kindl entgegen. Lassen Sic ihr diese Eigenart, diese stark ausgeprägte persönliche Note — streifen Sie den Duft nicht ab von dieser Blume! Lasten Sie sie ausleben in ihrer Art, ohne Zwang, in reiner Natürlichkeit! Versuchen Sie es nicht, diesen Charakter ummgestalten oder dem Nor­den anzupafsen — lasten Sie ihr vielmehr die Seele zu freiem Fluge: dann wird Ihre Ehe eine glückliche werden, ein beständiges Schreiten in der Sonne! — Daß dieses gegenseitige Verstehen und Sichineinan- dersugen immer fortbestehe und daß das Glück auch treu bleibe durchs ganze Leben, das wünsche ich von ganzem Herzen! Und darauf wollen wir alle zu­guterletzt die Gläser leeren!" —

(Fortsetzung folgt.)