40. Zahrgang.
Erstes Blatt.
Samstag Den 14. 3uni |9|3
Nr. 135
Fuldaer Zeitun
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ZUorgen, am 15. 3uni, sind 25 Jahre verflossen seit der Thronbesteigung unseres Kaisers.
Das ganze Dolf nimmt in freudiger Bewegung teil an dem Feste, das zum ersten Blate ein deutscher Kaiser feiern darf. Bei dem Rückblick auf das Vierteljahrhundert der glorreichen Regierung Wilhelms EL ist der erste Gedanke: Der Friedeist uns erhalten geblieben in all diesen Jahren. Ivie oft zwar gingen politische Erschütterungen über die Ivelt, wie oft schon leuchtete die Kriegsfackel hinein in unser deutsches Vaterland, aber immer blieb uns durch des Kaisers und seiner Ratgeber Weisheit und durch die Kraft unseres Dolkes der Fried« erhalten. <£r wolle ein Fürst des Friedens sein, so hat es der Kaiser in der Proklamation drei Tag», nach seinem Regierungsantritt verheißen, und er hat ehrlich Wort gehalten I Deutschland mußte zwar rüsten, aber es konnte, dank der Friedensliebe seines Kaisers, r ü st e n unter dem Delbaum. Wir haben keine militärischen Lorbeeren gepflückt, aber den Wohlstand des Landes in ungestörter Arbeit auf eine vielbeneidete Höhe gebracht. Die Prämie für die Friedensversicherung, die wir im anwachsenden Heeres- und Flottenbudget zahlen, hat uns nicht arm gemacht. Im Verhältnis zu den anderen Großmächten sind wir vom Schicksal schr glimpflich behandelt worden. Die anderen hatten oder haben noch ein kriegerisches Abenteuer mit großen Geld- oder Blutkosten: Rußland seinen unglücklichen Krieg in Hinterasien, England seinen Burenkrieg, Frankreich seine Schwierigkeiten in Tongking, Madagaskar und Marokko, Italien seinen Sandkampf in Tripolis, «Oesterreich seine andauernde Kriegsbereitschaft während der Bal- kankrisis. Deutschland konnte dagegen „immobil", bleiben, — jetzt schon mehr als vier Jahrzehnte hindurch.
Ls ist nichts byzantinisches darin, wenn wir dem Kaiser besonderen Dank sagen für die Lrhaltuna des Friedens. Als Wilhelm II. in dem schicksalsschweren Jahre 1888 den Thron bestieg, hatte sich in der Welt der Glaube verbreitet, der junge Monarch sei rühm- und kriegssüchtig. Selten ist eine Legende so gründlich von den Tatsachen Lügen gestraft worden, vor 5 Jahren, im November 1908 während der Blockzeit, kam es bekanntlich zu einer Auseinandersetzung wegen des sog. persönlichen Regiments, aber wenn das impulsive vorgehen des Monarchen kritisiert wurde, so handelte es sich nicht um friedensgefährliche Schritte, sondern vielmehr um schr eifrige Friedensbestrcbungen, um das heiße Bemühen, die verstimmten Engländer aufzuklären und zu versöhnen.
Der angebliche Kriegskaiser darf den Titel Friedenskaiser mit vollstem Recht in Anspruch nehmen, und wir wollen hoffen, daß- ihm auch im zweiten vierteljahrhundert feiner Regierung die Erhaltung des Friedens möglich bleibt. In dieser Festzeit sind ja die Aussichten gut. Die schlimmste Gefahr der Balkankrisis ist überwunden, und wenn die Sieger bei der Verteilung der Beute sich noch in die Haare geraten sollten, so ist doch deshalb kein Zusammenstoß der Großmächte zu befürchten.
„Allzeit Mehrer des Reichs" nannten sich die alten Kaiser in schlechter Uebersetzung des lateinischen Titels Augustus. Kann auch ein Friedenskaiser Mehrer des Reichs fein? von der jüngsten Kongo-Erwerbung, die ihren Wert erst in der Zukunft zeigen kann, wollen wir nicht reden. Eine wirkliche Mehrung — klein, aber fein, — war die Wiedergewinnung von Helgoland, die schon bald nach dem Regierungsantritt des Kaisers gelang. Der Kaufpreis dafür rvar fteilich ein tüchtiges Stück von unserm «Ostafrika, und damals haben manche Kritiker unter Berufung auf Bismarck behauptet, Deutschland habe sich heillos übervorteilen lassen, die Unfähigkeit Taprivts, des neuen Kanzlers des neuen Kaisers, sei entsetzlich erwiesen! Nur die winzige, verwitternde Klippe von Helgoland! Aber als nun die Zeit der Spannung mit Lngland kam, wie klar trat die Bedeutung von Helgoland hervor I Wenn da unmittelbar vor unfern Nordseehäfen und vor dem Eingang zum Nordostseekanal eine befestigte Marinestatton der Engländer gelegen hätte, es wäre nicht ohne Demütigung Deutschlands abgegangen. Das bischen Helgoland hat sich wichtiger erwiesen, als tausende von aftikanischen Tuadratmeilen. <£s ist gerade noch rechtzeitig erworben worden, ehe in England die Unnachgiebigkeit durchbrach.
Wer die auswärtige Politik der letzten 25 Jahre kritisieren will, pflegt sich auf die Glanzzeit des Bis- m a r ck'f ch e n Regiments zu berufen. Die Eroberungen von 186$, 66, 70-71, sagen sie, fänden keine Ergänzung und kein Seitenstück. Das ist ebenso „berechtigt", als wenn ein ausgereifter Mann sich beklagen wollte, daß er jetzt nicht mehr aus feinen Kleidern hinauswächst, wie in feinen jungen Jahren. Schon Fürst Bismarck selbst, der doch nicht an Bescheidenheit litt, hat das Wort geprägt: Deutschland ist saturiert, gesättigt. Audi er wollte den Besitzstand nicht vermehren, sondern nur bewahren. Deutschland in der Welt voran, aber nicket mit dem Schwerte, sondern in den Werken des Friedens. Das war fchon in der Kaifer- Proklamation von 1871 verkündet worden. Line Art von
Weltschiedsrichter wurde fteilich Fürst Bismarck auf dem Berliner Kongreß von 1878; diese Ehre aber hat sich sehr schlecht gelohnt. Zur Erhaltung des europäischen Friedens mußte die Errungenschaft Rußlands im Kriege gegen die Türkei beschnitten werden. England erpreßte die Beschneidung; aber der Verdruß der Russen richtete sich nicht gegen England, sondern gegen den Vorsitzenden des Kongresses, den „ehrlichen Makler" und das deutsche Reich. Rußland schloß sich immer enger an Frankreich an; bald nach dem Rücktritt Bismarcks trat das ausgereifte Bündnis in aller Form an die Deffentlichkeit. Die Schuld dem Kaiser oder dem Nachfolger Bismarcks zuzuschieben, ist so ungerecht, als wenn man sie für das schlechte Wetter verantwortlich machen wollte. Ls lag in der Natur der Verhältnisse, daß der östliche und der westliche Nachbar Deutschlands sich in der Gegnerschaft zu dem großen deutschen Staat zusammenfanden. Und als auf die gemächliche Königin Viktoria der unternehmungslustige König Eduard folgte, da wurde England alsbald der dritte im Bunde gegen den stärksten Rivalen des englischen Handels und der englischen Flotte. Kaiser Wilhelm II. hat persönlich alles mögliche und fast noch mehr getan, um Lngland zu versöhnen; doch es half nichts: die deutschfeindlichen Triebkräfte jenseits des Kanals mußten sich erst austoben, bis dann in der allerjüngsten Zeit das Fieber nachließ. <Db wir durch den Verzicht auf unfern Flottenbau Englands Gunst hätten erringen können, ist eine müßige Frage. Denn wir durften nicht auf eine kräftige Flotte verzichten, durch die unser Welthandel, unsere Kolonien und unsere Küste geschützt werden und für den Fall eines Festland-krieges die im Jahre 1870 schmerzlich vermißte Flottenhilfe gesichert sein mußte. Pas Bauprogramm der deutschen Kriegsmarine ist das eigenste Werk des Kaisers, und der deutsche Reichstag bat zugestimmt in der klaren Erkenntnis, daß Deutfcblanh die mühsam errungene Welt- fteUung nicht anders behaupten kann als durch (Entfaltung einer Seemacht, die zwar der englischen nicht gleichkommt, aber doch auch England vor einem Angriff scheuen läßt.
Da der Kaiser die Bildung des Dreiverbandes nicht verhindern konnte, mußte fein Streben vor allem auf die Erhaltung und pflege des Dreibundes, des Gegengewichts, gerichtet fein. Gerade in dieser Iubiläumszeit steht nun der Dreibund so einig und kräftig da, wie kaum je zuvor, — allen störenden Zwischenfällen und düsteren Prophezeiungen zum Trotz. Italiens Anschluß ist verinnerlicht worden, und die deutsch-österreichische Solidarität, das Rückgrat unserer hohen Politik, ist aus den Krisen des letztei, Jahrzehnts wunderbar gestählt und gestärkt hervorgegangen.
Dornen genug gab es und gibt es am Rosenstrauch der auswärtigen Politik. Doch wenn wir alles in allem nehmen und neben der Erhaltung des langen Friedens die ehrenvolle und gesickerte Stellung Deutschlands an der Seite feiner Verbündeten in Anrechnung bringen, so brauchen wir uns weder von ausländischen Schmähern noch von cin- heimisck'en Nörglern die Feststimmung trüben zu lassen. Wer die Leistungen der Epigonen mit der Bismarckschen Riesenelle zu niesen beliebt, darf nicht vergessen, daß schon im letzten Teil des Regiments Bismarcks das Wort umlief: „Ls gelingt nichts mehr." Schon Bismarck selbst mußte die Erfahrung machen, daß die Behauptung der glücklich errungenen Weltstellung Deutschlands eine schwere Arbeit ist, die viel Geld erfordert und wenig Ruhmeslorbeer bringt. Auch Fürst Bismarck hat mit feiner Meisterhand zeitweilig daneben gegriffen. Diejenigen, die zur Fortführung berufen waren, darf man nicht wegen menschlicher Irrungen und Mißgriffe in Einzelheiten verurteilen wollen, wie es die alldeutsche Treppenweisheit häufig versucht, sondern man muß das Ganze in Betracht ziehen: die Gesamtheit der Schwierigkeiten und «befahren, die zu überwinden waren, und die ©efamtheit der Werke, die gerettet und bewahrt worden sind.
So schneidet die hochpolitische Festbilanz gut ab. Unter den Aktionen steht der 25jährige Frieden in Ehren, die Wahrung des deutschen Besitzstandes, die pflege der deutschen Weltgeltung, die Festigung der Solidarität mit (Oesterreich und des Bündnisies mit Italien. Auf der Gegenseite stehen freilich die Aufwendungen für die deutsche Wehrkraft zu Wasser und zu Lande, und gerade in dieser Festzeit wird über neue Dienst- und Geldopfer für das Heer verhandelt. Das trübt aber die Stimmung nicht. Im Gegenteil: das Volk hat eine gewisse «Opferfreudigkeit und ist dem Kaiser dankbar dafür, daß er mit so viel Eifer, Sachkunde und Ausdauer die deutsche Wehrmacht gepflegt und vervollkommnet hat, um sie nicht zum Kriege, sondern zur Erhaltung des Friedens zu verwerten. Auch wer die Neigung zu Prunk und Paraden lieber etwas gedämpft sehen mochte, wird dankbar anerkennen, daß die perfönlichen und finanziellen Opfer für das Heerwesen in Deutschland noch leichter sind, als in Frankreich, und eine zweckmäßigere Verwendung finden. Mögen jene auf ihre „Demokratie" pocken; wir schätzen und ehren den Monarck'en, der als Soldaten kaiser im edlen Sinne des Wortes, aber zu
gleich als Friedens kaiser durch ein Vierteljahrhundert sich bewährt hat.
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Wollen wir auf die innerpolitische Entwicklung zurückblicken, so müssen wir uns vor der Gefahr hüten, die gefrönte Person in den parteipolitischen Streit und Staub zu ziehen. Der Monarch muß über den Parteien sichen; einige meinen sogar, auch die Minister des Monarchen sollten sich in dieser Hohe halten.
Gleich zu Beginn der Regierung Wilhelm's EL wurde der rücksichtslose versuch gemacht, den Träger der Krone für eine Parteirichtung in Beschlag zu nehmen. Ls kam das bedenkliche Schlagwort auf vom „K a r t e 11 f a i f e r". von einflußreicher Seite wurde dem Volk vorgespiegelt, der junge Monarch habe sich dem sog. Kartell verschrieben, jener letzten Erfindung der innerpolitischen Taktik Bismarcks, einem Vorläufer der späteren Blockpolitik Bülow's. Wunderlicher Weise hatte der „allmächtige" Bismarck es niemals verstanden, sich eine feste Parlamentsmehrheit nach seinem Wunsch und Willen zu schaffen. Nun sollte schließlich ein Bündnis der Konservativen und der Nationalliberalen die parlamentarische Geschäftsführung übernehmen, und zwar unter Kaltstellung des Zentrums, der Fortschrittspartei und der (damals schwachen) Sozialdemokratie. Bei den sog. Angstwahlen von 1887 erlangten auch die auserwählten Parteien die Mchrheit, aber ein Kartellregiment kam auch von 1887 bis 90 nicht in rechten Gang, da Windthorst es meisterhaft verstand, die Zentrumshand wieder mit ins Spiel zu bringen. Und bei den Wahlen von 18st0 ging dem „Kartell" auch die Mehrheit verloren. Es war ein geradezu frivoler versuch, den jungen Monarchen mit diesem Eintags- gebilde des Kartells solidarisch erscheinen zu lassen.
An die Wahlen von (Sgio schloß sich der Rücktritt Bismarcks. Die Verehrer des letzteren haben es dem Kaiser lange und lebhaft zum Vorwurf gemacht, daß et nicht das „Niemis" feines Großvaters sich zur Richtschnur genommen und den Fürsten Bismarck als unabsetzbaren Kanzler respektiert habe. Die Entlassung wurde aber nicht allein durch die Unvereinbarkeit der Charaktere herbeigeführt, sondern auch durch ein merkliches Nachlassen der Bismarckschen Staatskunst. Der junge tatkräftige Monarch mußte einmal die Rechte und die Pflichten seines Berufs in die eigene Hand nehmen, und vielleicht war es ein Glück, daß er es schon vor dem Tode Bismarcks tat.
Graf Laprivi, der mit echt militärischer Treue und Tüchtigkeit die Winkelriedaufgabe der Nachfolge übernahm, beseitigte sofort den letzten Zweifel an der parteipolitischen Unabhängigkeit des Monarchen. Das Gute zu nehmen, wo es zu finden ist, und alle positiven Kräfte zur Mitarbeit zuzulassen, wurde das Motto der monarchischen Regierung. Dabei blieb es auch unter der Kanzlerschaft Hohenlohe. Erst Fürst Bülow kam Ende 1906 auf den Kartellgedanken zurück. Da jedoch die Konservativen und die Nationalliberalen zur Mehrheitsbildung nicht mehr ausreichten, mußten auch die Freisinnigen in den neuen Regierungsblock einbezogen werden. Mit mancherlei Krisen zwischen „Hans und Grete" schleppte sich die Blockpolitik ein paar Jahre bin, dann ging das Kunstvrodukt in Scherben. Bethmann Hollweg kchrie zu dem praktischen Grundsätze zurück, die Mehrheit zu nehmen, wo sie sich findet. Bülow hatte inzwischen den Kaiser in sein leichtfertiges Blockexperiment zu verstricken gesucht. Insofern die Wahlen von 1907 sich auf eine Zurückdrängung der Umsturzpartei richteten, konnte man bas persönliche Hervortreten bes Monarchen noch allenfalls gelten lassen. Doch im übrigen darf man wohl hoffen, daß die Ausnahme der Wahlnacht von 1907 nur die Regel bekräftigt, nämlich die gute Regel der Erhabenheit der Krone über Parteikämpfe und Wahlgetriebe. Wir erinnern uns gern daran, wie der Kaiser bald nach der Kartellperiode seine Teilnahme bei der Erkrankung unseres Führers Windthorst so herzlich bekundet und dadurch auch die vielverlästerte Zentrumspartei ehrte. Wir verlangen ja nichts weiter, als Gleichberechtigung im freien Spiel der Kräfte, und dazu sind die Aussichten zur Zeit gut.
Was ist für die r e l i g i ö s - f i 111 id) en Ideale erreicht worden? Mancher von unfern Wünschen ist unerfüllt geblieben. Auch vorn Verfolgungsgesetz gegen die Jesuiten ist nur der § 2 gefallen, während der § 1 fortbesteht und sogar aufgefrischt worden ist. Aber es ist doch kein neuer Kulturkampf entbrannt, und alles in allem genommen kann die katholische Kirche ihre religiöse und kulturelle Mission in Preußen und Deutschland besser erfüllen, als in manchen sog. katholischen Ländern. Die Verehrung, die der Kaiser wiederholt dem «Oberhaupt unserer Kirche bezeigt hat, sowie die Auftechtechaltung der Gesandt- sck'aft beim hl. Stuhle wecken Freude und Dank. Ebenso die vielfachen Huldbcweise gegen unsere Bischöfe, unsere (Dröensleute und unsere Missionen. Im Verein mit den positiven Evangelischen rechnet wir es dem Kaiser hoch an, daß er fortgesetzt in Wort und Tat seinen Glauben an Gott und den Erlöser, seine religiöse Ueberzeugung und
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® «Sott erhalte unseren Laster! ®
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