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Fuldaer Zeitung

trfd)tint fügtld) mlf kwrnayme Oer Scan- und Jelertage. vierte!» jährlicher Bezugspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Hulda sowie auswärts 1.50 Mark. •••• Rotatlonsörudi und Verlag der 5 s Zulboer flctieBbrudterei in Hulda. Zernsprecher Nr. S. 5 $

- s Wochen-Veilage: 2 s ( s z Ulonats-Beilage: s s Illustrierte Sonntagszeifung Fuldaer Leschichtsblätter

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NN,eigen: Der Raum einer einlpoltlcen Colonti,die, 47 em breit, »Ostet IJPfg. Rek'.bmen: Der Kaum einer Colonel,eile, 74 mm breit, kostet 40 Pfg. Bei IDieberholunaen Rabatt Zur Cf.ert- unb fiusiuntlonjeicen 20 Pf. extra. 3n Konkursfälle'n wird der temillicte Rebott hinlElüp, €rtCllunr«ort für das Cin- klagen oon Zorderunatn Ist Zuido. flnielptn-finnahme bis 10 Uhr vormittags. :: Gröbere fin,elcen erbitten wir uns lacs vorder. :: 3

Nr. lZ4.

Crftes Blatt.

Freitag den 1Z. Juni l9lZ.

40. Zahrgang.

Deutscher Reichstag.

Sitzung bont 12. Juni 1913.

Die zweite Beratung der Wehrvorlage wird fortgesetzt.

Kriegsminister b. Heeringen erklärt auf das Be­stimmteste, daß die Behauptungen des Prospektes der At- laswerke, es ständen schon große Bestellungen in sicherer Aussicht, aus keinerlei Zusicherungen der Militärver­waltung zurückzuführen sind. Im Gegenteil: eS ist so­gar einmal von unS vor der Gründung derartiger Flug, werke gewarnt worden. Abg. NoSke hat behauptet, unser Jntendanturwesen habe im südwestafrikanischen Kriege völlig bersagt. Dieser Vorwurf ist unberechtigt. Der Abgeordnete hat dabei die besonderen Verhältnisse un­berücksichtigt gelassen. Die Verpflegung mutz unter an* deren Gesichtspunkten als im Frieden stattfinden. Die Unglücksfälle in Ary § werden von keinem mehr bedauert als von mir. An der nötigen Sorgfalt hat es nicht gefehlt. Der Abmarsch erfolgte mit größter Sorg­falt. Die meisten Ohnmachtsunfälle erfolgten kurz vor den Quartieren. Von den Verstorbenen war niemand schon während der Uebung erkrankt. Aerztliche Hilfe war überdies zur Stelle. Der Vorfall dürfte auf die besonderen Luftverhältnisse in dem durchkreuzten Walde und dann auf eine plötzlich eintretende Gewitterschwüle zurückzuführen sein. Wie die direkten Vorgesetzten be­dauere auch ich, daß fünf brave Soldaten ihr Leben im Dienste des Vaterlandes haben lassen müssen. Herr Dr. Müller fragte nach der Angelegenheit des öster­reichischen Obe rst en Redl und verlangte eine. S3e- stätigung des Wölfischen Dementis. Diese Bestätigung gebe ich ihm sehr gern in UÜbereinstimmung mit dem Generalstabe. Der Oberst Redl ist nicht in der Lage gewesen, irgendein geheimes Material der deutschen Heeresverwaltung zu verraten, weil er es überhaupt nicht in die Finger gekriegt hat. (Beifall.) Dr. Müller hielt mir weiter vor, ich hätte mich in der Dudgetkommission unnötig hinter die Kommandogewalt zurückgezogen. Das ist nicht richtig. Die Rechte des Kaisers in bezug auf die Armee sind genau fest, gelegt. Wenn im Reichstage Resolutionen vorgeschla. gen sind, die in diese Rechte eingreifen, so habe ich da­gegen Front zu machen. Der Kaiser hat allein über die Anstellung und Entlassung der Offiziere zu ent. scheiden. Darin liegt die Garantie, daß jederzeit ein festes Instrument zur Sicherheit des Vaterlandes in den Händen des Kaisers liegt. Mit Genugtuung be­grüßen wir, daß unsere Forderungen im allgemeinen anerkannt worden sind. Nur müssen wir daran fest­halten, daß die Kavallerie-Regimenter uns doch in voller Zahl bewilligt werden. In der Haupt­sache beruhen unsere Gründe hierfür in der lieberlegen, heit der Nachbarländer. Die von der Witterung abhän- gigen Flugzeuge können die Kavallerie nicht ersetzen. Mur militärische, nicht höfische Rücksichten spielen hier- bei eine Rolle. Werden diese Kavallerieregimenter nicht bewilligt, so bleibt eine wesentliche Lücke itu unseren Rüstungen, die sich beim Ausbruch eines Krieges emp­findlich bemerkbar machen würde. (Lebh. Hört! Hört!) Bewilligen Sie unS dieses Mindestmaß: Mehr wäre zweifellos besser! (Beifall rechts.)

Abg. Herzog (W. Vgg.): Mit ernster Sorge sehen wir der Gefahr entgegen, daß durch diese Vorlage tau­sende junger Leute dem Wirtschaftsleben für längere Zeit entzogen werden und die Zuwanderung fremdländischer Arbeiter zunehmen wird. Aber es han. beit sich bei der Vorlage um eine harte Notwendigkeit. Wir sind mit der Vorlage nach der Kommission einver. standen, nur nicht mit der Streichung der drei Ka­vallerieregimenter.

Abg. Ledebour (Soz.): Die gestrige Rede des Reichskanzlers, die sich durch einen glänzenden Mangel an geistiger Anstrengung auszeichnete, war nicht nur unglaublich anmaßend im Ton gehalten, sondern sie entbehrte auch so sehr jeder positiven Begründung, daß ich es nicht verstehen kann, wie der leitende Minister eines angeblich konstitutionellen Staates die Bestrebun­gen seiner Regierung so dürftig vor dem Parlament zu vertreten wagt. Und dieser Ton war nicht etwa gegen un5, die Opposition, angeschlagen, sondern gegen die Freunde der Vorlage. Der Kanzler hat an das Glas lauer Limonade, mit welchem ihm gestern Herr Müller. Meiningen zuprostete, so grob angestoßen, daß Herrn Müller die ganze Limonade ins Gesicht spritzte. (Her.

terkeit.) Haben Sie nicht gesagt (zu den Freisinnigen), das ist ganz ungehörig, wie der uns hier behandelt? (Die Freisinnigen schütteln die Köpfe.) Dann mutz ich ausnahmsweise dem Reichskanzler einmal recht geben, wenn er Sie richtig eingeschätzt hat. Will der Kanzler etwa einen neuen Reichstag? Wir sehen einer Auf. lösung mit Freuden entgegen. (Lachen rechts.) Die Regierung hätte die Vorlage mit besseren Gründen be. gründen müssen. Wir haben uns in der Kommission alle Mühe gegeben, um aus den Regierungsvertretern etwas herauszubringen. Bei dem Staatssekretär von Fagow muß man dabei vorgehen, wie wenn man aus einem Flaschenhals einen emgetriebenen Korken her» ausbringen will. (Heiterkeit.) Präsident Dr. Kämpf rügt den Vergleich.) Ich habe den Staatssekretär nicht mit dem Korkenzieher verglichen, sondern mit dem Fla­schenhals. (Heiterkeit.) Die geschichtlichen Ereignisse haben die Begründung der Wehrvorlage, das Entstehen einer slawischen Großmacht in Fetzen gerissen. Der Reichskanzler hat sich daher gehütet, seine alte Begrün­dung zu wiederholen; er hätte sich ja sonst seinen Hals selbst abschneiden müssen. (Heiterkeit.) Von Rußland her droht unS keine Gefahr. Nirgends gibt es so fürch­terliche Korruptionen wie in Rußland, wo Nikolaus I. sagte: „In Rußland stiehlt alles autz.c mir!" Niko-° laus II. kann dieses Wort wiederholen. Das ist wirklich der einzige Vorzug, den der russische Zar für sich tn Anspruch nehmen kann, daß er nicht stiehlt. (Präsident Kämpf bittet, derartige beleidigende Ausführungen zu unterlassen.) Wenn überhaupt eine Kriegsgefahr für Deutschland besteht, so ist sie heraufbeschworen wor- den durch unsere verkehrte innere und äußere Politik; aher auch sie könnte beseitigt werden durch Einführung der Volksbewaffnung, deS Milizsystems. In Anbetracht der Vorgänge in Oesterreich darf man Be­stechungen von Offizieren bei uns auch nicht für un­möglich halten. Die Rüstungsinteressenten haben eine internationale Koalition, die sogar vertragsmäßige Zeichnungen und Tabellen ausbaut. Wie weit ist die Heeresverwaltung denn gediehen in ihrem Bestreben, diesen Augiasstall auSzumisten? Ich fürchte, ihre Be­mühungen werden dahin gehen, noch mehr Mist in den Stall hineinzutragen. (Präsident Kämpf rügt den Ausdruck Mist.) Was das uneingelöste Königswort an- langt, (Präsident Kämpf ersucht, diesen Ausdruck nicht mehr zu gebrauchen.) so ist doch die Frage berechtigt, ist die Wahlreform, diese „wichtigste Aufgabe der Gegenwart", durchgesetzt worden? (Zurufe b. d. Soz.: Nein! Nejn!) Das Einbringen der Vorlage ist nur der Anfang der Erfüllung des Königswortes. Delbrück hat vorgestern erklärt, daß von einem uneingelösten Königs­wort nicht die Rede sein könne. (Präsident Kämpf bittet, den Ausdruck nicht mehr zu gebrauchen, da er sonst den Redner zur Ordnung rufen müsse. Großer Lärm und Zurufe b. d. Soz.: Redefreiheit!) Dem. gegenüber erkläre ich, daß die Einbringung einer Vor­lage erst der Anfang ihrer Erfüllung ist. Wenn ein König, wenn eine Regierung eine Reform für die wich­tigste Frage der Gegenwart halten, dann dürfen sie nicht, wie es hier geschah, bei der Ablehnung der Vor­lage die Hände untätig in die Hosentaschen stecken. Das deutsche Volk muß die Reform erzwingen, nötigen­falls durch politifchenMassenstreik. (Seif, b. d. Soz.)

Präsident Dr. Kämpf ruft den Redner nachträglich »ur Ordnung wegen einer Aeußeruna, in der er den Agrariern vvrgeworfen batte, die würden den Reichs- i an zier nur im Amte behalten, wenn er dafür sorg e, daß ihr Geldsack gefüllt weide. lGroße Unrute).

KriegSminn'ter v. Heeringen: Es ist unrichtig, wenn behauptet wird, daß der größte Teil der zu bewilligenden Summe der Waffenindusirre zufallen wird. Nicht weniger als 24 Millionen Mark sind für Arbeitslöhne bestimmt. Kein heimischer Arbeiter würde geneigt sein, den Schutz seiner Heimat und seiner Arbeitsstätte dem lockeren Ge­bilde einer Milizarmee anzubertrauen. (Sehr gut und Widerspruch.) Nun sagen die Herren allerdings, w t brauchten di« Armee avck für andere Zwecke, als nur für die Verteidigung des Vaterlandes, speziell gegen den von Ihnen d. Soz.) so oft tn den Mund genommenen „inneren Feind". (Sehr richttg! b. d. Soz.) Daran denken wir garntdit. Zur Aufrechterhaltung der Ordnung in Deutschland genügt die Polizei, oder wie einmal einet meinet Vorgänger gesagt hat, die Feuerwehr. (Widerspruch, Gelächter und Zurufe b. d. So,.) Deutsch­land ift friedlich bis auf die Knochen. Das

zeigen die 42 Iahte hinter uns und die Heeresvorlage. (Heiterkeit) Hätten wir offensive Absichten, so wäre eine ganz andere Vorlage nötig. Zum Schlüsse betont der Minister nochmals die Notwendigkeit der 6 Kavallerie- regimenter.

Präsident Dr. Kämpf teilt mit, daß über die Anträge betreffend die Kavallerieregimenter namentlich adgenimmt roen-en wird.

Abg. Fischbeck (Vpt.': Wir sind bereit, die schweren Lasten zu überne men. ebenso entsch-eden müssen wir aber auch die nötigen Reformen fordern. Niemand wird uns den Vorwurf machen können, nicht eitrig mitgear­beitet zu haben, sowohl bei ven Wehr- wie bei den Deckungsvorlagen Wir sind bereit, den Weg der Besitz­oder bet Erbschattssteuet zu begehen. Lehnt man unsere Resormvorlage ab, io bleiben wir dabei, eine Vermehrung der Kavallerie in dem verlangten Umsange abzuiehnen.

Freitag: Weilerberatung.

D'e Eröffnung des Landtags.

Der Preuß. Lmdtag ist am Donnerstag vormittag eröffnet worden. Schon lange vor Beginn der Sitzung wat der Sitzungssaal von den Mitgliedern beider Häuser des Landtags dicht besetzt. Kurz vor 11 Uhr erschien Herr v. Beihmann-Hollweg an der Spitze des gesamten Etaatsministeriums und verlas die inhaltlich schon mitgetedte Erösfnungsrede. Dos Haus erhob sich oon seinen Plätzen, die im Saal anwesenden polni­schen Mitglieder de« Abgeordnetenhauses verließen den Saal, während die Sozialdemokraten es vorgezogen hatten, der ritzung ganz setn zu bleiben. Bon den rem neuen Landtag bevorstehenden gesetzgebenden Ausgaben wird in der Eröffnungsrede nicht geiprochen, sie gedenkt vielmehr nut des Regierungsjubiläums des Kaisers.

Mit einem vom Präsidenten des Herrenhauses v. Wedel ausgebrachten Hoch auf den Kaiser schloß die »>tzung.

Abgeordnetenhaus.

Am Ministertisch niemand. Das Haus ist seht stark besetzt.

Auf der Tagesordnung steht die vorläufige Kon­stituierung des Hauses.

Alterspräsident v. Strombeck Ztr.) eröffnet die Sitzung um 1 Uhr 25 Min. mit -olgenoen Worten: Es ist ein alter Brauch des Abgeordnetenhauses, daß wir bei Be­ginn jeder Session St. Majestät in Liebe und Verehrung gedenken. Heute haben wir besonderen Anlaß, in Liebe und Dankbarkeit Seiner Majestät zu gedenken. Seme Majestät feiert in diesem Jahre das 25jährige Re- gietungssubiläum. Die Wolle, wel e heute der Ministerpräsident an dieser Stelle rnvezug aus das Jubiläum und die Regierungstätigkeit Er. Maj-ftät ge­sprochen hat, sin d uns allen aus dem Herzen gesprochen, s Beifall.) Allerhöchst Seme 25 tährige Regierung ist eine überaus gesegnete gewesen. Wir geben unleim tieien, ehr­furchtsvollen Dank Ausdruck, wenn ich Sie bitte, mit mir einzusttmmen tn den Rus: Seme Mafeität der Kaiser und König, Wilhelm II. lebe hoch!

Die Anwesenden, welche sich von ihren Plätzen er­hoben hatten, stimmten em. Die Sozialdemokraten und dre Polen erschienen erst nach der Ansprache des Alters­präsidenten. Dieser teilte dann mit, daß 406 Mitglieder in das Haus getreten sind» und beriet die provisorischen Schiistsührer.

Damit war das Haus konstituiert. Nächste Sitzung Samstag. Wahl der Präsidenten und der Schriftführer.

HrrreutzanS.

Der frühere Präsident Herr v. Wedel-Piesdorf ge­dachte des RegierungSsubllaums des Kaiser» uno läßt seine Rede ausUmgen m ein Hoch.

Sodann wählt das Haus Das frühere Präsidium, bestehend aus den Herren v. Wedel, Dr. v. Becker und Frh. v. Lanosberg, wieder. Auch die Schriftführer Der vorigen Session wurden wieder gewählt, und nach laum 10 Minuten Dauer hatte die Sitzung ihr Ende erreicht.

s. Tie Hommiffionsberatung über das Erorecht des Staates.

Die Kommission nahm gestern zunächst den § 4 an, wonach, wenn der Fiskus neben den Großeltern des Erblassers Erbe ist, den Großeltern gewisse Gegenstände,

gen.

Das Glück wandte sich mit einem Schlag: Herr v. Pulling gewann in einem Zuge. — Sandow är-

Das Münchner Kindl.

15] Roman von Felix Nabor.

* Leutnant Heuberger, der hier eine große Rolle zu spielen schien, begrüßte ihn freudig und stellte ihn zwanzig Herren mit hochklingenden Namen vor; es waren Adelige, Offiziere, Gutsbesitzer, junge Lebe­männer und ältere Rentiers.

Pulling seines chronischen Magenleidens wegen an einem lukullischen Mahl nicht teilnehmen könnte. Bleiben wir also lieber bei den Goldvögeln und den braunen Lappen. Und wenn ich Ihnen in einer Stunde nicht die ganze Beute abgejagt habe, soll Sie der Deubel reiten."

„Immer zu! . . . Dann wollen wir aber wenig­stens den Sekt nicht vernachlässigen. Aus Ihr Wohl- meine Herren!"

Er leerte sein Spitzglas in einem Zuge. Tessen- dorf folgte seinem Beispiele, indem er sich so weit hinüberbeugte, daß er beinahe das Gleichgewicht verlor.

Pulling nahm nur ein paar kleine Schlückchen und hielt sich mit seinen langen, wachsgelben Fingern das Taschentuch vor den Mund. Dann mischte er die Karten. Sandow hatte dabei die unangenehme Em­pfindung, als krieche eine große, häßliche Spinne mit riesenhaften Füßen über den Tisch, um Beute zu machen.

Er mußte feinen Ekel erst mit einem Schluck Seit hinunterspülen, ehe er weiterspielen konnte. Dann stockte plötzlich das Spiel. — Dem Rittmeister gab es einen Stoß, daß er steil auffuhr und mit steifen Schritten zur Türe eilte.

„Pardon!" sagte Heuberger, „Herr von Pulling hat wieder seine Magenkrämpfe, es geht übrigens rasch vorüber." Er winkte dem Diener und befahl' „Selters mit Kognak! — Eiskalt!"

Tessendors zuckte die breit ausladenden Schultern, steckte eine Sandwich in den Mund und setzte einen Kelch Sekt darauf.

Inzwischen kehrte der Rittmeister zurück, trank in kleinen Schlückchen das Eiswasser und sagte dazwi­schen: „Verzeihung — wegen der Störung! — Die Bank geht weiter!" — Die großen, gelben Spinnen­finger spreizten sich, machten schwerfällige Bewegun­gen und krochen träge über das grüne Tuch — und von jetzt an faßten sie die Beute tote eiserne Zaw-

Anfangs ging eS äußerst harmlos zu; man saß an kleinen Tischen, rauchte, plauderte, trank Wein und ließ die neuesten Kasinowitze steigen. Dann stockte das Gespräch, die aufliegenden Zeitschriften Der* schwanden, und die Karten flogen übers grüne Tuch.

Weißgrmie Rauchwolken hüllten die- Spieler ein, schlangen sich gleich durchsichtigen Schleiern um die Birnen der elektrischen Lampen und verdichteten sich an der kassettierten Decke zu einem grauen Nachtnebel. Tie Unterhaltung wurde durchweg diskret geführt, zuweilen aber flog ein Kraftwort gleich einer surren- den Vruminfliege durch den Raum.

Sandow saß mit dem Leutnant Heuberger und zwei Herren in Zivil am grünen Tische. Der eine, ein wahrer Hüne, war ein Rittergutsbesitzer au5 Oesterreich, ein Herr v. Tessendors, der nur so von Gesundheit strotzte; der andere, Rittmeister, v. Pul­ling, stand als Eskadronschef bei den Jägern zu Pferd, befand sich aber zurzeit krankheitshalber aüs Urlaub. Sein Leiden schien schwer zu sein; mit feinem gelben Pergamentgesicht und dem kahlen, trockenen Schädel machte er den Eindruck einer Mumie.

Sandow war im besten Zuge, aber der rosige Leutnant war ihm noch „über"; er hatte einen kleinen Berg von Gold und Banknoten neben sich aufgehäuft, nnd sein Gericht strahlte. Tessendors, den seine be­ständigen Verluste nervös machten, grollte mit seiner schweren Baßstimme: „Sie sind heute der reinste Freibeuter!"

Heuberger schnfppte mit den Fingern. „Baga­telle," lachte er. „Wenn Sie es wünschen, lege ich den ganzen Kram in Sekt und Austern an."

„Danke!" erwiderte v. Tessendors. „Goldvögel sind ... .........

mir lieber' als Austern, ganz abgesehen davon, daß jjgerte sich Über feine Verluste und verlor feine Ruhe;

er sprach dem Sekt mehr zu, als er sonst tat, und schließlich war ihm alles egal. Als er gegen 11 Uhr Rechnung stellte, fand es sich, daß er 25 000 Mark ver­loren hatte; auch Heuberger und Tessendors hatten ähnliche Verluste zu verzeichnen.

Herr v. Pulling ergriff mit feinen Spinnenfin­gern die reiche Beute und stopfte Gold und Bankno­ten in seine Taschen. Sandow gratulierte ihm lachend, Heuberger bestellte zwei Flaschen Sekt, um die „schlaf­fen Lebensgeister" ein bißchen auszurütteln, und Tes- sendorf stöhnte, ohne daß ihm fctnanb Beachtung schenkte: „Ich bin ruiniert — ruiniert!"

Heuberger füllte die Gläser und erhob das feine. „Wen sollen wir feiern? Den Sieger — ober die Besiegten?" Er neigte fein Glas gegen Herrn v. Pulling, der mit einer Leidensmiene, als müßte er im nächsten Augenblick ins Grab ftsigen, den Kopf schüttelte.

„Nicht so!" tief Sandow, dem der Sekt in den Adem prickelte. „Was gehen uns die alten römischen Onkels an! Wir gehören der Gegenwart, dem Le­ben! Und so rufe ich denn: Es lebe die Münchener Stadt und das schöne Bayernland — Hurra, hurra, hurra! — Und es lebe die deutsche Einigkeit, die Nord und Süd verbindet und alle echten Deutschen zusam­menschweißt mit Reben- und mit Männerblut —"

„Hurra — Der spricht ja wie der eiserne Kanz­ler!"

Das Spiel ruhte nun an allen Tischen. Karten und Geld verschwanden, blendendweißer Damast glänzte auf den Tischen, und der Wein trat seine Herrschaft an. Etwa die Hälfte der Herren kamen, die Gläser in der Hand, zu Sandows Tisch herüber und stellten sich hn Kreise auf. Bei jedem Kraft­worte, das Sandow ihnen entgegenschlenderte, knat­terte eine Salve von „Hurras" wie Kleingewehr­feuer durch den Saal.

Sandow hatte sich in eine gelinde Begeisterung bmeingerebet, unb das Glück, das er sich in dieser Stadt errungen hatte, machte ihn beredt. „Unsere heutige Zeit braucht Männer", fuhr er fort, „Män­ner von Stahl und Eisen, in denen der echte, große deutsche Geist weht! Ob sie nun sm Balw^meere

wie Hausgerät, Familienbilder usw., unentgeltlich zu. fallen, unb worin die Auseinandersetzung mit dem Fis­kus geregelt wird. Für die Miterben wird das Vor­kaufsrecht vorgesehen, ferner werden bei Grundstücken 80 Proz. des gemeinen Wertes als Ertragswert fest­gesetzt. Ein Zentrumsantrag, wonach das Erbrecht des FiskuS in Wegfall kommt, wenn Großeltern des Erb­lassers vorhanden sind, wurde ab gelehnt.

Dann wurde die in voriger Sitzung ausgesetzte Ge- sawtabstimmung Über den § 1 nachgeholt und der Pa­ragraph mit den beschlossenen Aenderungen im ganzen gegen Konservative, Zentrum und Polen r-genommen. § 5, der die Härten mildern will, die die dem Ver­wandtenerbrecht gezogenen Grenzen im Einzelfalle her- beifnhren können, wurde mit einigen Aenderungen an­genommen. § 6 regelt die Fälle, in denen der Bundes- rat befugt oder verpflichtet ist, bei Fehlen eines gü­tigen Testaments den Personen, für die der Erblasser ge­sorgt hatte, ober die ohne dieses Gesetz die gesetzlw-cn Erben des Erblassers fein würben, Unterstützungen zu gewähren. Es entspann sich hierüber eine lange De­batte, da dieser Paragraph für den schwierigsten des ganzen Entwurfes erklärt wurde. In der Abstimmung wurde der Paragraph in allen Teilen nach der Vorlage angenommen.

Hierauf wird die Einfügung eines neuen § 6a be. schlossen, nach dem der Bundesrat bestimmt, inwieweit bei zeitweiliger Testierunfähigkeit und plötzlichem Tode des Erblassers der Nachlaß aus Gründen der Billigkeil den ausgeschlossenen Erben zu fällt usw. Die weiteren Paragraphen wurden in der Hauptsache nach der Vor. läge angenommen, nur wurde im § 15 bestimmt, daß von der aus dem Erbrecht des Fiskus erzielten Rein, einnahme das Reich 60, der Bundesstaat als Vergütung für die Kosten der allgemeinen Verwaltung 30 und die Gemeinde 10 v. H. erhält. Der den Gemeinden zu. fallende Anteil darf nicht für Pflichtausgaben der Ge. meinbe bertoenbet werben.

Freitag: Gesetzentwurf betr. Aenberungen im Fi. nanzwesen.

X -Der ärrtzere Feind und der innere Feind.

Im Sitzungssaale des Reichstags gibt es stürm'sche Debatten, grobe Ausfälle, zahlreiche Ord­nungsrufe, unerquickliche Szenen, Zeit- unb Kraft- Verschwendung. In der Wandelhalle aber geht die tröstliche Nachricht um, die Verständigung zwi­schen den bürgerlichen Parteien sei auf dem besten Wege, ja so gut wie abgemacht.

"Wenn doch die letzte Hoffnung schnell und rj a n $ ihre Erfüllung finden wollte! Es wird für­wahr die allerhöchste Zeit, daß die positiven Kräfte sich zusammentun gegen den Unfug und das Aerger- nis von links.

Am Donnerstag war schon der dritte Tag der zweiten Beratung über die Wehrvorlage, und es zeigte sich immer deutlicher, daß die Sozialdemokratie planmäßig daraus ausgeht, die Erledigung zu h e m, men, Die Gemüter aufzureizen, die Geister zu ver­wirren, dem Volk die Sache zu verekeln und die Stimmung in den Jubiläumstagen möglichst zu »er- derben. Äm dritten Tage sind wir nun „glücklich" dahin gekommen, daß der sozialdemokratische Redner von der Reichstagstribüye den Massenstreik an­droht zur Erpreffung der preußischen Wahlreform und daß der Kriegsminister sich wehren muß gegen die bösartige Verdächtigung, als ob die Heeresverstär- kung gegen den „inneren Feind" gerichtet fei. Wie soll das feindselige Ausland vor uns Respekt haben, wenn man ihm vorspiegelt, Deutschland stehe vor Massenstreik und Bürgerkrieg, unb die Regie­rung fühle sich so schwach, daß sie zur Abwehr der revolutionären Kräfte die Truppenzahl um 120 000 vermehren müsse!

Am Mittwoch hatte sogar ein fortschritt­licher Redner, der doch sonst mit der Sozialdemo­kratie gute Nachbarschaft hält, zugestehen müssen, daß die Sozialdemokratie ihr Verhalten zum schlechtem

oder im Schatten der Alpen, ob sie an Rhein oder Donau, in Berlin oder München wohnen, das bleibt sich gleich. Die Herzen müssen zusammenschlageu, und Nord und Süd müssen sich die Hände reichen zum großen nationalen Bunde. Dieser Bund darf nicht nur äußerlich und auf der Landkarte festgelegt wer­den, nein, er muß in den Herzen blühen, und dann werden alle Gegensätze zwischen Nord und Süd ausge­glichen, dann fallen alle Schranken, welche die Volks­stämme trennen und ihren Grund haben in der Ver- fchiedenheit der Charaktere, der Erziehung und Le­bensauffassung, dann verstehen und lieben wir uns, dann erst haben wir ein einiges Deutsches Reich'! — Dann sind wir Brüder!"--

In seiner Begeisterung hatte Sandow das drei­malige kurze, scharfe Klingeln der Alarmglocke über­hört; jetzt vernahm er es wieder und stutzte und stockte in seiner Rede. Er blickte die andern an und vernahm, wie sie flüsterten: „®ie Polizei! —"

Ratlos stand er inmitten des erschrockenen Krei­ses: da faßte Pullings Totenhand seinen Arm und drückte ihn, daß es schmerzte: „Zum Donnerwetter, so reden Sie doch weiter, sonst sind wir allzusammen verloren," flüsterte der Rittmeister.

Sandow erfaßte augenblicklich die Situation: „Ja­wohl, Brüder!" rief er. „Denn nicht nur auf Gesetze, sondern auf Liebe, Treue und Vertrauen muß dieser Herzensbund zwischen Nord und Süd gegründet sein. Daß dieftr Bund gedeihe, wachse und blühe — daraus trinke ick und rufe: Hurra! hurra! burra!"

Die ganze Korona stimmte mit ein, die Gläser klangen zusammen, die Stimmen schwirrten durchein­ander.

Heuberger, der sich bei dem ersten Klingeln rasch entfernt hatte, kam jetzt zurück und drückte Sandow die Hand. „Sie haben uns einen großen Dienst ge­leistet," sagte er. „Die Polizei hat auf eine Anzeige hin hier geschnüffelt aber ohne Erfolg. Als der Poli­zeileutnant gar Ihre patriotische Rede hörte, zog er mit einem höflichen Kratzfuße ab. Wir sind Ihnen daher zu Dank verpflichtet. Im übrigen sind wir nun sicher vor Ueberraschungen — unb das Spiel kann weitergehen." (Fortsetzung folgt.)