2. Blatt.
Ora<t »er galbatr Zctirntracttei in Hn!»a.
Zuldaer Zeitung.
M ,Z2.
Mittwoch 1L Ium 1915.
totales.
Fulda, 11. Juni 1913.
# Verliehen wurde dem Oberlandesgerichtsrat 1. D., Geh. Justizrat Wurzer zu Kassel der Kronenorden dritter Klasse, dem Korkfabrikanten Ries in Dermbach das Ritterkreuz 2. Abt., dem Ersten Lehrer und OrtSschulaufseher Fack in Kaltennordheim das silberne Berdienstkreuz, dem Gemeinderalsmitgtied veißenroth in Wenigentaft daS Allgemeine Ehre,, »eichen in Silber und dem Oberholzhauer B ö n e w i tz M Dermbach daS Allgemeine Ehrenzeichen in Bronze.
D Besitzwechsel. Das Wohnhaus Horaserweg Nr. 17, MC Frau Wwe. Rollmann gehörig, ging durch Rtuf an den Handelsmann Theodor Domprobst Bbu. Der Kaufpreis soll 3300 Mark betragen.
Jugendpflege. Gestern abend trat der „Orts- ruSschu^ für Jugendpflege auf konfessioneller Grundlage" UKter dem Vorsitz des Herrn Stadtpfarrers ßtomm zu einer Sitzung in der Harmonie zusammen. Herr Landrat Frhr. v. Doernberg und Herr Professtr Dr. Thielemann, letzterer als Vertreter der kirchlichen Behörde, wohnten den Verhandlungen bei. Der Vorsitzende teilte nach warmer Begrüßung der Erschienenen zunächst mit, daß der seitherige Vorsitzende des Ortsausschusses, Herr Dompfarrer Schmelz, mit Rücksicht auf sein Alter den Vorsitz niedergelegt habe und daß die Bischöfl. Behörde ihm dieses Amt übertragen habe. Dann erfolgte Die Bekanntmachung der neuesten ministeriellen Ertaste, die mit der Jugendpflege in Verbindung stehen. Es sind das folgende Erlasse: 1. betr. Fahrpreisermäßigung für Jugendvereinr, 2. betr. Ueberlastung oon Militärmusikern, 3. betr. Lrktüre für Jugendliche, 1. betr. Leitfaden zur Arbeiterversicherung, 5. betr. Feier des 25jährigen Regierungsjubiläums seitens der Jugendvereine, 6. betr. Beihilfen von staatlichen Mitteln und 7. bett- die weibl. Jugendorganisation. Nachdem die einzelnen Erlöste genügend erläutert waren, erstatteten die Präsides der katbolisck>-n 51»- zendvereine ihre Tätigkeitsberichte. Die Berichte, die alle von warmer Hingabe und Begeisterung für die Fugend zeugten, boten so viel interessantes und anregendes Material, daß in der Versammlung der Wunsch laut wurde, diese demnächst im Druck erschei- ten zu lasten. (Wir behalten uns vor, darauf später jurückzukommen). Jedenfalls gebührt den Leitern der Fugendabteilungen öffentlicher Dank für ihr opferfreudiges Wirken im Interesse dieser großen Sache. Der letzte Punkt der Tagesordnung: Anfragen und kllünsche, zeitigte überaus reiches Material, dessen Beratung'einer späteren. Versammlung Vorbehalten blei- den soll.
r* *T Schöffengericht. Am 16. März dz. Js. ging -er Astsstent deS bischöflichen Knabenkonvikts nvt ca. 50 Schülern von Niesia nach HoraS. Auf dem Wege begegneten ihnen der 21 jährige Arbeiter E. St. und »er Friseurlehrling H. E., beide von hier. Ohne jede Veranlassung gab St. einem Schüler eine Ohrfeige tot) einem andern mit einem Stock einen Schlag über oEb Kopf; ein weiterer Schüler erhielt einen Schlag g einem Stock in unmittelbarer Nähe des linken eS. MS der Astistent die Namen der Täter fest- m wollte, wurde er von E. in ungebührlicher se beschimpft und beleidigt. Auch verschiedene Ludere Schüler wurden bedroht. Beide Angeklagten leugneten ihre Rohheiten, wurden jedoch durch die Aussagen von 9 Zeugen überführt. Das Urteil lautete dem Anträge des Amtsanwalts gemäß gegen St wegen einfacher Körperverletzung und Nötigung pntf 4 5Qpd)en Gefängnis, und gegen den Friieur- lehrlstlg E. wegen öffentlicher Beleidigung, gefährlicher Körperverletzung und wegen Nötigung auf eine Gesamtgefängnisstrafe von 3 Monaten und 14 Tagen. — Weil er den Fabrikarbeiter S. und dessen Frau körperlich mißhandelt hatte, wird der schon wiederholt wegen Körperverletzung vorbestrafte 32jährige Arbeiter A. 91 hier zu einer Gefängnisstrafe von 14 Tagen verurteilt. — Der 35jährige Arbeiter F. D. und dessen Frau hatten sich wegen PsandbruchS und Beleidigung beS vor. Jahres hier vertretungsweise beschäftigten Gerichtsvollziehers B. zu verantworten. Beide erhielten je 3 Tage Gefängnis. Die Verhandlung mußte längere Zeit ausgesetzt werden, weil die Frau auf der Anklagebank plötzlich von Krämpfen befallen wurde. — Aus der Haft vorgesührt wurde der 21- Metzge Kaufmann E. Br., gebürtig von Koburg und kti 7 Monaten in Fulda tätig. Der Angeklagte ist trotz seiner Jugend schon dreimal vorbestraft, und zwar zweimal wegen Unterschlagung und einmal wegen Betrugs in 5 Fällen. Seit 5. Mai befindet er sich in Haft, nachdem ihm mehrere Tage vorher ein Selbstmordversuch mißglückt war. Die Anklage legte ihm zur Last, seinem letzten Arbeitgeber in der
Marktstraße einen Ballen Seide im Werte von ca. 300 Mark am 2. Mai ds. Js. gestohlen und für 90 Mark im Leih« und Pfandhaus hier versetzt zu haben. Auch verschiedene kleinere Veruntreuungen werden ihm nachgesagt, doch konnte er dieser nicht vollständig überführt werden, ixe Verhandlung ergab, daß der junge Mann auf großem Fuße gelebt halte, obwohl er nur em Monatsgehalt von 140 Mt. bezog. Der Amtsanwalt beantragte mit Rücksicht auf bte Vorstrasen des Angeklagten eine Geiängms- ftrafe von 3 'Monaten und erwähnte, daß gegen ihn noch je ein neues Verfahren wegen Betrugs und Urkundenfälschung schwebe. Das Gericht schloß sich dem Antrag an, bewilligte die Anrechnung eines Monats Untersuchungshaft und hob den Haftbefehl auf.
* Z« der Notiz in Nr. 130 der „Fuld. Ztg." über die MUitiir-Fronleichnamsprozession am Frauenberge teilt unS der Militärpfarrer P. Th. Witzel mit, daß die Reoimentskapelle an diesem Tage s e i t I a h r e n nach auswärts verpflichtet ist; das wurde ihm rechtzeitig mitgeteilt, er hat aber vorgezogen, sich an diesem Tage, eher mit einem Teile der Kapelle zu begnügen, als die Prozestion noch länger zu verschieben oder auf andere noch weniger passende Tage zu verlegen. Vonseiten des Regimentes wird nach wie vor keine Schwierigkeit erhoben, daß gegebenenfalls an passend gewählten Tagen die Gesamtkapelle zur Verfügung steht; etn Shstemwechsel hat nicht statt- gesunden. — (Die fragliche Schlußbemerkung des Berichterstatters war von uns auf dem Manuskript gestrichen worden. . Daß sie dennoch versehentlich ausgenommen wurde, sahen wir leider erst, als das Blatt gedruckt war. Die Redaktion.)
** Tic Forstverwaltungsbeamten des östlichen Teiles des Regierungsbezirks Kassel werden dem Vernehmen nach am 23. und 24. d. M. hier in Fulda unter Leitung des Herrn Geh. Regierungs- und Forstrats Eberts-Kassel zusammenkommen, wobei Herr Forstmeister Emmelhainz - Fulda den Hauptvortrag halten wird.
— Die Maul- und Klauenseuche ist nach dem letzten amtlichen Bericht wiederum weiter zurückgegangen. Die meisten Preußischen Regierungsbezirke sind seuchenfrei, nur in den Regierungsbezirken Königsberg, Breslau, Oppeln, Magdeburg, Schleswig und Aurich sind je 1 Gehöft verseucht, in Posen 2. In Bayern sind mehrere Gehöfte in Oberbayern, in dec Oberpfalz und in Schwaben noch verseucht. In Sachsen nur 1 Gehöft in der Kreishauvtmannschaft Chemnitz. In Württemberg nur 1 im Donaukreis und weiter je ein Gehöft in Heffen (Starkenburg), in Lippe und im Oberelsaß. Man kann somit die Maul- und Klauenseuche so gut als wie erloschen betrachten.
* Allgemeine Ortskrankenkasse Fulda. Der Vorstand der Allgem. Ortskrankenkasse der Stadt Fulda gibt soeben fernen Bericht über das Geschäftsergebnis des Verwaltungsjahres 1912 heraus, dem wir 'Nachstehendes entnehmen: Das abgelaufene Jahr hat mit einer Vermögensvermehrung von 22477,56 Mk. abgeschlossen. Der Reservefonds beträgt mit Ende des Jahres 1912: 127 479,71 Mk. Nach den durchschnittlichen reinen Jahresausgaben der Jahre 1909/11 hat solcher 89028,12 Mk. zu betragen, mithin ist ein Mehr von 38 451,59 Mk. vorhanden. Der Vorstand der Kaste setzte sich im Jahre 1912 aus folgenden Herren zusammen: Rommel, Heinr., Maurermeister, 1. Vorsitzender, Moosmüller, P., Werkmeister, 2. Vorsitzender, Hartmann, Ant., Buchhalter 1. Schriftführer, Arnold, Adam, Bürovorsteher, 2. Schriftführer, als Beisitzer die Herren Trabert, Bened., Elektrotechniker, Böhnung Frz., Expedient, Heil, Frz., Schreiner, Henkel, Am., Schreiner und Reuß, Damian, Hausmeister. Der Vorstand der Kasse trat zu 23 Sitzungen zusammen. Von den erledigten Punkten wird wohl der mit der Aerztever- tragskommission für die Kreise Fulda, Gersfeld, Hünfeld am 23. 9. 1912 im Bahnhofshotel zu Fulda nach saft zweijährigen Verhandlungen abgeschlossene Vertrag betr. Einführung der Familienversiche- r u n g der wichtigste gewesen sein. Die Kosten dieser Mehrleistung werden sich aus 8—10 000 Mark belaufen. Zusatzbeiträge werden von den Kassenmitgliedern nicht erhoben. Die Ausgaben der zahnärztlichen Behandlung waren in den letzten Jahren wiederum bedeutend in die Höhe gegangen, sodaß sich der Kassenvorstand genötigt sah, mit den bei der Kasse zugelassenen Zahnärzten und Dentisten in Verhandlung zu treten, behuss Abschlusses eines Vertrages, der am 7. Dezember 1912 der Generalversammlung vorgelegt werden konnte. Von Seiten der Kassen- verwaltung wurden im Jahre 1912 an 4128 Personen Behandlungsscheine für die sechs Kassenärzte au.sgesteÜt, hiervon wurden 934 männliche und
gehenden Auge«.
Bo» A. Hottner-Grefe.
(Nachdruck verboten.)
Äuf bet Augenklinik des Professors Max Werner «ab es heute einen interestanten Fall. Es sollte eine Operation an einer seit Jahren vollständig Erblin- teten vorgenommen teeren, welche alle Hoffnung, das Augenlicht wieder zu erlangen, aufgegeben hatte. Professor Max Werner wollte, gestützt auf lange Studien, die Operation wagen» und versprach sich eine« vollen Erfolg, allen Schwierigkeiten zum Trotz. Was den „Fall" auch für weitere Kreise so bemerkenswert machte, das war der Umstand, daß die Erblindete die Braut des Professors war und daß man die seltsame Geschichte dieses Brautstandes allgemein kannte. Lore Hilmar war vor zehn Jahren eine gefeierte Schönheit gewesen. Damals hatte sie sich mit dem jungen, geistvollen Arzt verlobt. Aber noch ehe die Hochzeit gefeiert werde» konnte, trat das furchtbare Unglück ein. Lore Hilmar erblindete.
Was seit jenem Tage eigentlich in ihr vorgegangen war, hätte das blasse, ernste Mädchen, welches, die Stunde der Operation erwartend, so anscheinend «chig in dem kleinen Krankenzimmer saß, heute wohl Jtaum mehr sagen können. Unwillkürlich gingen ihre Gedanken zu dieser Stunde zurück. Aber war sie denn wirklich jemals jenes verzweifelte, unglückliche Geschöpf gewesen, das in den ersten Zeiten nach der Erblindung gegen sein grausames Geschick so unbändig tobte? Wenn sie damals Max Werner nicht neben sich gehabt hätte, so wäre sie wohl längst in einem unbewachten Augenblick in den Abgrund gesprungen, der uns t/ennt von den Ländern des Jenseits. Er aber hielt sie. Seine innere Festigkeit, sein Aushar- ren, seine Stärke bezwangen auch ihre Verzweiflung. Er hatte sie heiraten wollen, trotz alledem. Aber Lore .Hilmar widerstand seinen Bitten und auch der Stimme ihres eigenen Herzens. Sie wollte kein Opfer nehmen, wollte keine Last sein. Noch jetzt schauerte sie zusammen, wenn sie an jenes „Einst" dachte. An jene Stürme und Kämpfe. An jene schwer errungenen ßiege. Und an das schrecklich tote, leere Gekübl das
sie dann oft übermannte. Wer auch darüber hatte er ihr hinweggeholfen Er und Lisa, ihre Schwester. Diese beiden hatten ihr eine eigene, neue Welt gezimmert.
Die Blinde horchte jäh auf. Draußen auf dem Gange wurden Schritte laut. Holte man sie schon ab zur Operation? Sie hatte so dringend gebeten, diese letzte Stunde davor allein bleiben zu dürfen. Ganz allein. Sie würde nicht weinen und sich nicht erregen, hatte sie versprochen. Nur einen stillen Abschied wollte sie nehmen von diesem seltsamen Traumleben, das sie geführt in diesen letzten Jahren.
„Einen Abschied?" hatte Max Werner erstaunt gefragt.
Und sie hatte ruhig geantwortet:
„Ja. Einen Abschied von meiner Welt. Von jener Welt, die Lisa und Du mir mühsam aufgebaut habt auf den Trümmern der einstigen Verhältnisse. Sie war schön, diese Welt. Und nun heißt es daraus scheiden."
„Du sollst zurückkommen ins Leben!" hatte Max Werner gesagt mit seiner starken, festen Stimme. Und Lisa, ihre Schwester, die treueste Gesährti» all dieser einsamen Jahre, die beste Assistentin des Arztes, hatte hinzugefügt:
„Und zurückkehren zum Glück —"
Hatte Lisas Stimme nicht seltsam gezittert bei jenen Worten? War da nicht ein Ton darinnen von Leid und Weh?
Lore Hilmar schüttelte den Kopf. Nein. Kein Mißton hatte je in das stille Leben hineingeklungen, das sie in diesen Jahren geführt hatten. Max und Lisa. Diese beiden waren da, immer um sie besorgt, immer für sie denkend, für sie handelnd. Und ganz allmählich hatte sie sich eingewöhnt in dieses entsagungsreiche Dasein. Die heißen Wünsche schwiegen till. Das wilde Blut tobte nicht mehr gegen ein bares Geschick. In dem kleinen Hause, das draußen tanb vor der Stadt, mitten in dem alten Garten, da hatten sie ihr ein neues Leben errichtet. Max Werner kam täglich. Und Lisa war immer da. Und sie selbst wurde von beiden verwöhnt, verhätschelt wie ein Kind, das man unsäglich liebt. Die Welt versank . . ♦
240 weibliche Mitglieder erwerbsunfähig geschrieben. Diese 1174 Mitglieder wurden an 22 768 Krankheitstagen «n^rftützt, einschließlich 5799 Verpflegungslage im Landkrankenhaus Fulda. Die Zahnärzte und Dentisten wurden von 1997 Kassenmitgliedern in Anspruch genommen. Im Krankenhaus Fulda wurden 217 Kassenmitglieder verpflegt mit zusammen 5799 Tagen, mithin war der Durchschnittdauer der Verpflegung 26i/> Tage pro Mitglied. Die Verpflegungskosten im Landkrankenhaus Fulda wurden vom 1. April 1912 ab von 2 Mk. auf 2,50 Mk. per Tag erhöht. Bei der Landesversicherung saust alt Hessen-Nassau in Kassel stellten 16 Kassemniiglieder Antrag zur Aufnahme in eine Heilanstalt, bei 14 Mitgliedern wurde das Heilverfahren übernommen. 43 Kassenmitglieder wandten sich gleichfalls an die Versicherungsanstalt um Bewilligung eines Zuschusses zu einem künstlichen Zahnersatz. 40 von den Gesuchstellen wurden berücksichtigt. Der Anteil zu den Kosten des Zahnersatzes, welcher von Seiten der Kasse übernommen wurde, betrug 557,98 Mk. Die Landesversicherungsanstalt zahlte 1002,20 Mk. Von den zur Kontrolle gemeldeten 1120 Kranken wurden 711 besucht, in 32 Fällen mußte der Krankenkontrolleur Anzeige erstatten wegen P Vertretung der Kontrollvorschriften; daraufhin wurden 23 Mitglieder in Geldstrafen genommen. Im abgclaufenen Geschäftsjahre sah sich der Vorstand wiederholt gezwungen, gegen eine Anzahl Arbeitgeber wegen Versäumnis ihrer Meldepflicht auf Grund des § 50 des K. V. Ges. resp. § 10 des Kassenstatuts vorzugehen. Die Zahl der Arbeitgeberkonten, auf denen im verflossenen Jahre Versicherte eingetragen waren, betrug im Durchschnitt 661. Sämtliche Revisionen, sowie die Prüfung der Jahresrechnung 1912 haben keinen Anlaß zu Beanstandungen gegeben. Die Gesamt-Einnahme beträgt 122 640,90 Mk. gegen 116 866,46 Mk. in 1911, die Gesamt-Ausgabe 119 935,97 Mk. gegen 113 445,59 Mk. in 1911. Es ergibt sich am Ende des Jahres demnach ein Kassenbestand von 2704,93 Mk. Der Vermögensstand stellte sich Ende des Rechnungsjahres auf 137 245,69 Mk. Die Zahl der versicherungspflichtigen Kassenmitglieder betrug Ende 1912 2500 männliche und 1247 weibliche, die der freiwilligen Kassenmitglieder 38 männliche und 170 weibliche, insgesamt also 3945 Personen. Die Kasse hatte durchschnittlich pro Woche 57 erkrankte Mitglieder und es kamen durchschnittlich 551,07 Mk. Krankengeld zur Auszahlung.
= Militärische Hilfe zur Erntearbeit. Das Generalkommando des 11. Armeekorps versendet eine Uebersicht über die Zeiten, in welchen die Truppenteile des 11. Armeekorps zur Abhaltung von Uebuu- gen aus ihren Garnisonen abwesend sind. Diese 'Mitteilung erfolgt in der Absicht, die landwirtschaftliche Bevölkerung davon zu unterrichten, an welche Stellen und an welche Truppenteile sie sich mit ihren Gesuchen um Erntearbeiter wenden können, wenn die nach den örtlichen Verhältnissen für sie zunächst in Betracht kommenden Truppenteile ausgerückt sind. Es ist au s der Garnison abwesend das Jn.-Regt. 94 vom 14.—30. August und vom 6.—20. September, das Jnf.-Regt. 32 vom 7.—26. Juli und vom 6.—20. September, das Jnf.-Regt. 96 vom 14.—30. August und vom 6.—20. September, das Feldartillerie-Regiment 19 vom 25. Juli bis 14. August und vom 28. August bis 21. September.
X Ein vollständiger Wetterumschlag ist seit einigen Tagen eingetreten. Die äußeren Kennzeichen sind wesentlich kühlere Luft, frischer westlicher Wind und bewölkter Himmel. Die Urfache der Aenderung der Winde ist die Tatsache, daß nach mehr als vierwöchiger Pause die atlantischen Depressionen wieder einen Weg über Nordeuropa gefunden haben. In den ganzen verflossenen Wochen verhinderte hoher Luftdruck, der über Ost- und Mittel-, oft auch über Nordeuropa lag, eine Annäherung der atlantischen Depression. Jetzt nun hat das Hochdruckgebiet seine Sage verändert und zieht sich in überwiegend west-östlicher Erstreckung über das südliche Mitteleuropa hinweg. Es ist ziemlich wahrscheinlich, daß der neue Wettercharakter mit Heinen Schwankungen jetzt längere Zeit anhalten und daß die Herrschaft sommerlicher Hitze einstweilen gebrochen sein wird. Offenbar hat die Periode der üblichen Junikälte, die um den 10. Juni herum meist einzusetzen pflegt, mit großer Pünktlichkeit begonnen. Diese Epoche kühlen, trüben und vielfach regnerischen Wetters im Juni pflegt meist längere Zeit anzuhalten; ihr pünktlicher Eintritt ist aber eher eine gute als eine schlechte Vorbedeutung für die Witterung des eigentlichen Hochsommers.
t©? Postschickverkehr. Im Reickspostgebiet ist die Zahl bet Kontoinhaber im Postscheckverkebr Ende
Wieder klangen Schritte auf dem Korridor. Jetzt drückte jemand die Klinke nieder. Ruhig erhob sich die Blinde.
„Ist es Zeit?" fragte sie leise.
Der Professor trat über die Schwelle. Das scharf- geschnittene, männliche Gesicht war sehr blaß, aber feine Stimme bebte nicht, als er antwortete:
„Ja, Lore, es ist Zeit."
Hinte* ihm klang ein leichter Schritt. Eine schlanke, ^ohe Gestalt neigte sich über die Blinde.
„Sore — ich bleibe bei Dir. Max hat es erlaubt. Er kennt mich. Ich werde nicht "weinen, nicht schreien und nicht in Ohnmacht fallen. Ich werde tapfer sein, wie ihr beide. Und fo wollen wir drei zusammen, das Schicksal zwingen —A
Sie fyprten sorgsam vie Blinde hinaus. Und keine einzige Sekunde haftete der Blick dieser beiden schönen, starken, gefunden Menschen ineinander. Nur auf die Kranke sahen sie, welche sich so willig ihrer Führung anheimgab.
Die Tür fiel hinter den dreien ins Schloß. Da wandte Sore Hilmar sich noch einmal um, und ganz leise sagte sie:
„Fahr wohl, Welt meiner Träume. .
*
Was Max Werner als einen stolzen Triumph seiner Wissenschaft erhoffte, das ging in Erfüllung. Lore Hilmar sah wieder. Weit hinter ihr verfank die stille Welt, die sie sich aufgebaut hatte, und an deren Stelle trat die reiche, unendliche Schönheit des Lebens. Wie ein Verschmachtender, so trank sie die Herrlichkeit, die ihr so fremd geworden, in sich. Und den Anblick der beiden Menschen, die sie so unendlich liebte. Wie schön waren sie, wie stolz und kraftvoll. Sie konnte sich nicht sattsehen an diesen ernste», klaren Gesichtern. Immer sah sie die beiden nebeneinander. Gehörten sie nicht auch zusammen? War es nicht ganz natürlich, daß sie sich fo vollständig ergänzten, nachdem sie in allen diesen Jahre» nebeneinander gelebt hatten?
Ja. Es war natürlich. Immer wieder sagte Lore Hilmar sich das vor. Und doch saß da irgendwo, tief im Herzen ein Schmerz, wenn sie Max und Lisa
Mai 1913 auf 80229 gestiegen. (Zugang im Monat Mai 727.) Am diesen Postscheckkonten wurden iw Mai gebucht 1506 Millionen 'Mark Gutschriften und 1508 Millionen Mark Lastschriften. Das Gesamt, guthaben der Kontoinhaber betrug im Mai durch« tchnittlicb 172 Millionen Mark.
= Blindenkonzert. Auf das Konzert der blinden Künstler Geyer und Risch, das morgen abend im Büraervereinssaate statistndet, sei auch an dieser Stelle nochmals dtngewieien. Das Proaramm verspricht dem Musikfreund einen erlesenen Genuß.
Ans dem Nachdargebiete.
X Silges, 9. Juni 1913. Das schwere Unwetter hat in der hiesigen Gemarkung an den FeUfrüchlen großen Schaden angerichtet. Bei den Kartoffeln ist vielfach die lose Ackerkrume bis auf den Felsen mit fortgefpült und die Roggen bestände, welche gerade in der Blüte standen, lagen niedergedrückt und zerzaust auf der Erde. Die gewaltige» Wasiermasien von Ober-, Mutel-und Hofaschenbach, Morles und Rimmels kamen hier unter einem donnerähnlichen Gepolter und furchtbarem Brausen in mindestens 2 Meter Höhe anaerüdt und verbreiteten sich über weite Flächen des Nüsttals. Sämtliche Wiesen, Gärten und Aecker im Tal waren überschwemmt und von Baumstämmen, Bau- und Werkholz, zerkleinertem Brennholz, Jauchefässern, Walzen, Gebrauchsoegenstanden für Haus und Hof und Unrat jeglickier Art bedeckt. Zum Glück ist hier kein Verlust an Menschenleben und Vieh zu beklagen. Am schlimmsten sind hier die Geschwister Gensler-Walkmühle mitgenommen worden, die mit einem Schaden von 1000 Mark zu rechnen haben. Das Master war in sämtliche Räumlichkeiten der unteren Etage eingedrungen, in Keller und Küche war alles auf den Kopf gestellt, in der Mühle war das IPaffer bis in die Zylinder gedrungen und hat die- iclben beschädigt. Säcke mit Mehl waren bis in die Schlaikammer geschwommen. Ein massives Gewölbe, welches den Müh graben unter einen Gemeindeweg und Pflanzengarten führt, ist eingebrochen und verwüstet, der Pflanzengarten ist nebst massiven Pfosten, Mauer und Zaun verschwunden. Das Bienenhaus ist mit sämtlichen Bienenstöcke» fortgerissen, der Weg und Damm zur Brücke nach der Mühle war fort« gespült, und es ist ein Wunder zu nennen, daß die Brücke noch geblieben ist. Em hiesiger SOjäbriger Holzarbeiier hat erklärt, daß eine solche Hebet« schwemmung hier noch nicht vorgekommen fei. Dem» felben sind für mehrere hundert Mart Werk- und Baubolz mit sortgeschwemmt.
* Edelzell, 10. Juni 1913. An der Fahnenweihe des Männer- und Jünglingsvereins nahm nicht der Evangel. Arbeiterverein, wie irrtümlich berichtet wurde, sonder» der Evangel. Männetverein-Fulda teil.
ob. Frankfurt, 9. Juni 1913. Der vor zwei Jahre» gegründete Mam-Rhemverband .Gabelsberg er* hielt gestern hier feinen zweiten Verbandstag ab. Die Tagung begann mit einer Festsitzung in der Elisabethschule, bei der Magistrats Syndikus Dr. Hiller, Dr Gant ter und Seminardirektor Prof. Dr. Keller Ansprachen hielten. Nachmittags ver- einigien sich die Verbandsmitglieder zu der Bekanntgabe der Preisträger des Wettschreibens. Von 164 eingegangenen Arbeite» wurden 119 preisgekrönt. Ferner wurden 26 Preise für gute Arbeiten in der Verkehrs- und Redeschrift verteilt. Dem Verband gehören bis jetzt mehr als 2000 Mitglieder in Hesse» und Hessen-Nassau an.
* Aus Thüringen, 10. Juni 1913. Der Großherzog von Sachsen hat sich eine Verletzung am Knie, zugezogen und muß deshalb das Zimmer hüten. — Infolge von Differenzen mit der Ortskrankenkasse m Bad Sieben ft ein beschloß der Aerzleoerband Salzungen, in Bad Liebenstein und Schweina keine Kassenpraxis mehr auszuüben. — Im Konkurs der Wollwarenfabrik Ewald u. Co., Kommanditgesellschaft in Apo Ida, betragen die Passiven 830437 Mark, die Aktiven nur 37 245 Mark. — Die Straf- fammer in Rudolstadt verurteilte einen Bürstenmacher aus Mühlhausen, der in ten Psarrhäusern zu Frankenhausen und Schwarza gestohlen halte, zu drei Jahren Gefängnis. — Wenn der Kaiser feine Genehmigung dazu gibt, soll Erfurt eine Kriegschule erhalten. Die Stadt Erfurt will anläßlich des Kaiserjubiläums 20000 Mark an bedürftige dortige Veteranen verteilen. — In Sonneberg sind ämtliche in der Spielwarenindustrie beschäftigten Packer, Buchbinder und Speditionsarbeiter ausgesperrt werden.
* Mainz, 10. Juni 1913. Die Frau des Architekten Kau hold stand mit ihrem Töchterchen vor dem @mgang des Tietzschen Warenhauses, als Sani-
ansah. Fast kam sie sich ein wenig fremd vor zwischen ihnen. Sie hatten eben weitergelebt in diesen zehn Jahren. Aber sie selbst war stehen geblieben . . .
„Stehen geblieben?" Sore Hilmar wiederholte das Wort oft laut, wenn sie allein war. Nein. Auch sie war nicht stehen geblieben Nur daß die beiden anderen sich in anderer Richtung entwickelt hatten. Früher war ihr vieles entgangen. Jetzt, mit den sehenden Auge», drängte es sich chr auf . . .
„Sifa, weshalb gibt es hier gar keinen Spiegel?" fragte sie einmal plötzlich in eine seltsam tiefe Stille hinein, welche nun manchesmal zwischen ihnen lag wie eine Mauer. Das Mädchen sah verwirrt auf, aber antwortete nicht. Unauffällig lenkte sie das Gespräch auf anderes. Aber Sore Hilmar holte noch am eiben Nachmittag heimlich den kleinen, halbblinden Spiegel aus dem Stübchen der alten Magd. Und ein oaar Minuten später blickte sie — fassungslos— ihr eigenes Bild an.
„Sore Hilmar?" sagte sie ganz laut. Das — das öllte sie sein? So schmal und blaß war das einst so blühende Gesicht, so leiddoll der Mund! In den Augen lag kein Glanz und das Haar war grau. — Still legte die bleiche Frau den Spiegel hin. Eine Erkenntnis drängte sich ihr auf in diesen Minuten: Nein. Sie war nicht stehen geblieben! Sie hatte doppelt, dreifach gelebt in den Jahren der Einsamkeit. Sie hatte sich aufgezehtt.
Sie saß ganz still. Aus dem Glas sah ihr Bild zu ihr herüber. Und von der Veranda her klangen Stimmen. Sie hörte sie zuerst kaum. Sie empfand te bloß. Erst allmählich kamen ihr einzelne Worte zum Bewußtsein. Tas waren Max und Lisa. Sie meinten wohl, sie schliefe, wie sonst um diese Zeit . . .
„Nein", sagte Lisa. „Ich bleibe nicht hier. Ich gehe fort, weit fort. Ich kann nicht mehr so weiter- leben, es geht über meine Kräfte."
„Aber warum?" fragte die Hefe, dunkle Männer- itimmc. „Sie tun doch nichts grundlos!"
„Nein."
Das klang ganz schlicht. Aber ein Ton war in dem einen N-".rt, der Lore erschütterte.