Zuldaer Zeitim
Erscheint tögtzch mit tiusnagme Oer So/lN- und $elertage viertel- jährlicher Bezugspreis ohne Brlngerlohn und Bestellgeld In Zulda sowie auswärts 1.50 Mark. •••• Rotationsdruck und Verlag der g g Zuldaer flcfienbruckeret in Zulda. Zemsprecher Nr. 9. ::
- - CDoctcn-Beilage; 5 ä f z 2 Monats-Beilage: a s
Illustrierte Sonntagsztitung l Fuldaer Seschichtsblütter
s LlehrmgrNsten der preutzisch-sliddeutscheu Ktaffen-totterie. — halbjährlich Taschenfahrplan. r.
nnie.grn: Del Raum einer ewpaltlcen lolcnfitilr 47 mm breit, boRet 15 Pfg. Reklamen: Der Raum einer Coloneljeilt, 74 mm breit, ko ft et 40 Pfg. Bei Wieberholungen Rabatt. $ür Ofiert- unb fiuskunltcnfeicen 20 Pf. extra. 3n Konkursfällen wirb ber bewilligte Rabatt hinfällig. trfiihunpsort für bas €in- klagen oon Sortierungen tfi $uiba. fin;efcen-finnohme bis 10 Uhr bormittags, s :: Größere Rnrefren erbitten wir uns taps vorher. :: 4
Nr. 132. erstes Blatt.
Mittwoch den 11. Juni 1913.
40. Jahrgang.
Deutscher Reichstag.
Sitzung vom 10. Juni 1913.
«uf eine Anfrage deS Abg. Liebknecht (Soz.) bezüglich des als deutschen Reichsangehörigen von der russischen Polizei verhafteten Berg, man ns Ja kubi k antwortet
Geh. LegationSrat Frenzel, daß Jakubik gegen eine russische Polizeiverordnung verstoßen habe, indem er auf russischem Gebiete Gelder für Streikzwecke gesam. melt habe. DaS gegen ihn eingeleitete Verfahren würde aller Voraussicht nach feine Ausweisung aus russischem Staatsgebiet zur Folge haben.
Auf eine Anfrage der Abg. Dr. Haegy (Els.) und Baumann (Z.) betr. der Gefährdung des Weinbaues und Weinhandels und der Irreführung der Konsumen. ten durch den kürzlich in den Handel gebrachten Malzwein erwidert
Ministerialdirektor b. Joquieres, daß infolge deS Mißbrauchs mit weinähnlichen Getränken in letzter Zeit eine Reihe Verurteilungen stattgefunden hätten und die Frage nach besonderen Maßnahmen zum Schutze des Verbrauchers, des Weinbaues und Weinhandels zur Zeit die zuständigen Stellen beschäftige.
Darauf beginnt die
zweite Lesung der Wehrvorlage.
Abg. Noske (Soz.): Es ist nicht wahr, daß Deutschlands Sicherheit von irgend einer Seite aus ernstlich bedroht worden ist. (Sehr richtig! bei den Soz.) Die Aufnahme des Königs von England und auch die des Zaren haben gezeigt, daß die Ereignisse auf dem Balkan eine Verschiebung des eure. Sn Machtverhältnisses nicht bedeuten. Dem Reichs.
c sprechen wir unsere Anerkennung aus, daß er sich für die Besserung der deutsch-englischen Be- ziehungen eingesetzt hat. Um so bedauerlicher ist es, baß aus Anlaß der Churchillrede die kapitalistische Presse eine Kriegshetze begann. Die Kriegsgefahr besteht nicht. Es besteht die Tatsache, daß man in Frank, reich A n g st vor einem deutschen Angriff hat. Von Frankreich droht uns keine Gefahr. ES steht im Gegenteil fest, daß die Völker beider Länder den Frieden wünschen. Der Reichstag sollte beschließen, die Beratung der Wehrvorlage solange auSzusetzen, bis die Re. gierung sich bereit erklärt hat, in Abrüstungsverhandlun» gen mit anderen Ländern einzutreten. Schließlich >nüs. sen wir doch zum Milizheer übergehen, daS zur Verteidigung des Vaterlandes auSreicht. Mit dem Parademäßigen bei der Ausbildung der Soldaten muß allmählich aufgeräumt werden. Redner bespricht dann ausführlich alle Fragen, die die Sozialdemokraten in der Budgetkommission in Form von Resolutionen oder Anträgen eingebracht haben. Anstelle der Ka. vallerieregimenter sollten die Flugzeuge und Lenk- ballons vermehrt werden. Die patriotischen Unter, nehmer versorgten häufig daS Ausland, namentlich Ruß. land, mit Flugapparaten. Nach dem Beispiel von Krupp suche eine Flugzeugfabrik einen ehemaligen Offizier mit guten Verbindungen als Vertreter. Zum Gründungsausschuß der Atlas-Werke gehören die Ab. geordneten v. Böhlendorfs, Frhr. v. Zedlitz und v. Po» jadowskh. Haben Verhandlungen wegen Bestellungen zwischen diesen Herren und der Regierung ftattgefun. den? Eine Beantwortung dieser Frage liegt im Interesse der Reinhaltung der Volksmoral, da die Herren sonst in den Verdacht kommen könnten, ihr Amt miß. braucht zu haben. (Unruhe. Zurufe.) Mit dem Schmiergelderunwesen bei Abnahme militärischer Ausrüstungsgegenstände sollte ernstlich aufge. räumt werden. Die Beibehaltung des Gardekorps und die Bevorzugung einiger Truppenteile sind zu berur. teilen. Bei den Militärbohkotts werden die Sozialde- mokraten auf eine Stufe gestellt mit Dirnen und Zu. Hallern. (Lebh. Zurufe bei den Soz.) Und das hat uns der Kriegsminister direkt ins Gesicht gesagt. (Leb. hafte EntrüstungS- und Pfuirufe.)
Vizepräsident Dr. Paasche bittet, diese Zurufe zu unterlaßen. Hierauf ertönen die Zurufe nur noch leb. jafter, worauf der Vizepräsident seine Bitte wieder, holt. (Zurufe 6. d. Soz.: Dann soll der KriegSmini. ster fein Wort zurücknehmen!)
Abg. RvSke (fortf.): Wir werden das der Militärverwaltung nicht bergeffen. In tausenden bon Per- sammlungen werden wir darauf zu sprechen kommen, daß es dem Kriegsminister in den Ohren klingt. (Lebh.
Zust. b. d. Soz.) Man sollte, statt uns zu bekämpfen, lieber in Preußen ein besseres Wahlrecht schaffen. Das Königswort ist noch nicht eingelöst. (Seif. b. d. Soz., Zurufe und Zischen rechts.) Wir werden fortfahren in der Bekämpfung des Militarismus und der Arbeit zur Hebung der Kultur und Festigung des Friedens. (Zischen rechts. Seif. b. d. Soz.)
Kriegsminister b. Heringen weift den Angriff der Sozialdemokraten, er habe sie mit Dirnen und Zuhältern verglichen, zurück. Es komme nur eine Nebeneinanderstellung in Setracht. Ich habe dargelegt, daß diejenigen Wirtschaften nicht besucht werden dürfen, in denen eine nachweislich sozialdemokratische oder deutschfeindliche Einwirkung festgestellt ist, andererseits auch folche Lokale, wo Verhältnisse herrschen, die die Soldaten zu liederlichem Leben verleiten. Beide Kategorien habe ich also nicht auf eine Stufe gestellt. (Lebh. Bravo!) Die Armee ist niemals offensiv gegen die Sozialdemokratie aufgetreten, sie hat sich immer im Abwehrzustande befunden (Sehr gut!), da Sie die Armee immer mit ihrem Haß beehren. Sie erkennen als das Haupthindernis Ihrer Bestrebungen, daß die Armee daran festhält, die Soldaten zu einer treuen, für Kaiser und Reich bestimmten Truppe zu erziehen, iBeifall rechts. Große Unruhe links.)
Staatssekretär Dr. Delbrück: Die Sozialdemokraten haben kein Recht, einen Vorwurf wegen der Nickwrle- digung der Wahlrechtsfrage in Preußen gegen den König zu erheben . Der König hat sein damals gegebenes Wort eingelöst, eine Vorlage ist gekommen. Daß diese nicht verwirklicht worden ist, dafür trägt der Landtag die Verantwortung, nicht aber der König.
Generalmajor Wandel: Von Schmiergeldern Krupps an Offiziere ist keine Rede. Krupp hat für die Unteroffiziere und die Feuerwerker Wohnungen bereit- gestellt und später verheirateten Unteroffizieren Vergütungen gezahlt dafür, daß sie diese Wohnungen nicht benutzen konnten. Die Militärverwaltung hat das aber sogleich abgestellt, als sie es erfuhr.
Generalmajor Watt: Daß bei dem Truppenübungsplatz Zossen drei Millionen zuviel gezahlt worden sind, ist nicht richtig. Die Wertansetzung erfolgte nach amtlicher Ermittelung.
Abg. Graf b. Posadowsky (b. k. Fr.) stellt gegenüber Noske fest, daß er mit der Gründung der Al'aswerke in keiner Beziehung stehe.
Abg. Noske (Soz.) zieht daraufhin seine Behaup- tun et zurück.
Mittwoch: Fortsetzung.
s Die Kommisiionsberatung über das Erbrecht des Staates.
Die SuDgetfommtflion des Reichstags begann gestern die Beratung des Gesitzenlwurses betreffend das Erbrecht des Staates.
Nach dem Entwurf sollen nicht beerben: der Onkel ober die Tante ben Neffen ober bte Nichte iwohl aber umgekehrt', Neffen bezw. Nichten unietetnanoer. In diesem Falle soll ber Staat in Zttlunst Erbe sein, ebenio, wenn zurzeit beS Erbfalles weder ein Verwandter noch ein Ehegatte des Erblassers vorhanden ist; immer vorausgesetzt natürlich, Daß der Erblasser leinTestament hinterlassen hat.
Reichsfchatzsekrelär Kühn begründete die Vorlage. Da oft Leute zur Erbschaft gelangten, die den Erblasser garmcht ober kaum gekannt hä ten, seien in fast allen Ländern Schranlen für das Erbrecht ber Verwandten gezogen. Allerdings fei eine vorsichtige Au geualung des Gesetzes nötig — Ein Zentrumsredner glaubte, bei der ganzen Sache würde überhaupt wenig herauskommen. Seine Freunde stünden der Vorlage ablehnend gegenüber. Die juristischen und praktischen Schwierig- feiten wurden vom R-dner stark betont und den Sozialdemokraten gegenüber betont, daß der Angriff aus das Erbrecht in letzter Konsequenz eine Verletzung des Privateigentums bedeute. — Ein konservativer Redner erklärte, seine Freunde würden Anträge nicht stellen, aber an der Ausgestaltung Mitarbeiten, wenn sie auch schließlich den Entwurf ablehnten. — Ein Sozialdemokrat meinte, es handele sich nicht um die Beseitigung des Privateigentums. — Ein nationalliberales Mitglied hielt eine baldige Abstimmung für angebracht, um bte Sachlage zu klären. Seine Partei sei aber bereit, in die Beratung einzutreten. — Reichsschatzsekretär Kühn
warnt vor Uebertreibungen. Wenn man aber diese Steuerquelle nicht wolle, dann müsse man eine andere bezeichnen. — Ein Pole erklärte sich gegen -ne Vorlage. — Ein sortschrittlicl'er Redner war der Ansickst, man könne dem Staate da- Recht nicht nehmen, in anderer wohlbegründete Reckte ernzutreten. Es sei auch falsch, zu behaupten, daß durch das Gesetz der Familiensinn zerstört werde.
In der Abstimmung wurden die einzelnen Absätze des § 1 im wesentlichen rach der Vorlage angenommen. Die Gesamtabstimmung über § 1 wurde aber ausgesetzt. Die §§ 2 und 3 wurden nach der Vorlage angenommen. Bei Abfätz 4 wuro> die Beratung abgebrochen unb auf Donnerstag ben' 12. Jun- vertagt.
+ Die Berechnung dcsWehrbeitrages.
Für die grundlegenden Bestimmungen über hie Erhebung des einmaligen Wehrbeilrages ist in der Kommuston große Einmütigkeit zutage getreten, die jedoch in gleichem Umfange von der Oeffemlichkeit nickt geteilt wird.
Bekanntlich bat die Kommission für den Beitrag aus Vermögen eine Staffelung der Abgawquote vorgenommen und zwar in gleichmastig steigender Heranziehung der Vermögen von 50 000 Marl auswärts in der Weise, daß von den ersten 50000 Mark 0,15 Prozent erhoben werden bis zum höchnen Steuersatz von 1,5 Prozent, der von Ver- mögen über 5 Millionen Mark erhoben w'rd. D>e Steuetpfllcht beginnt bei einem Vermögen von über 10000 'Mark. Von dieser Grenze bis zu 50000 Mark Vermögen wird nur dann ein Beitrag erhoben, wenn der Vermögensinhaber zugleich noch ein gewisses Einkommen besitzt. Von den Einkommen sollen dieienigen über 5000 Mark nach den Kom- mlssionsbeschiüffen durch den Wehrbeurag belastet weroen und zwar in Form der Kapitalisierung. Für die Elvkommensbesteuerung ist eine besondere St uer» skala ausgestellt worden und zwar weiden Einlom nen über 5000 Mark mit 6, über 50000 Mark mit 8, über 100000 mit 10 und über 200000 mit 12 ver
vielfältigt.
Es können sich nun für die Bersch- ung des Wehrbeilrags drei Fälle ergeben: es ist entweder nur Vermögen ohne beitragspflichtiges Einkommen vorhanden, ober es ist nur Einkommen da ohne beitragspflichtiges Vermögen, oder endlich Vermögen un d Eintommen werden gemeinsam zur Wehrabgabe herangezogen.
Beträgt im ersten Falle das Vermögen beispielsweise 32 000 000 'Hit., so gestaltet sich die Berechnung des Wehrbeitrags folgendermaßen:
50 000 Mk.
50000 „
100 000 „
300000 „
500000 „
1000 000 „
3000000 „
5000000 „
22000000 „
ea.32 000 000 Mk.
0,15 v. H. 0,35 „ , 0,5 , , 0,7 , , 0,85 „ „ 1,1 „ „ 1,3 „ „ 1,4 „ „
75 Alk.
175 ,
500 „
2 100 „
4 250 „
11000 „
39000 „
70000 „
330000 „
1,5 „
Sa. 457 100 'Mk. (Wehrbeitrag)
Wir haben hier einen Fall genommen, m dem zur Berechnung des Wehrbeilrags alle 9 Staffelsätze angewandt werden mußten. Aus demselben ist erficht ltd), daß Die Berechnung des Wehrbeilrags leidlich verwickelt ist.
Wird nun ein Einkommen ohne beitragspflichtiges Vermögen zur Wehrabgabe herangezogen, so utz zunächfl je i ach Der Höhe des Emlommens seine Kapitalisierung oorgenomuien werden, Die bei einem Einkommen ns einschließlich 50000 Mk. durch Die ied)5 a i e Vervielfältigung des Einkommens erzielt wird. Belrägl Das Einkommen beispielsweise 40000 Mark, kommt es kapitalisiert bet sechs acker Verviel
fältigung einem Vermögen von 240000 Mark gleich. Auf Grund dieses fingierten Vermögens wird nun Die Berechnung des Wehrbeilrags vorgenommen und zwar folgendermaßen:
50000 'Mk. 0,15 v. H. 75 Mk.
50000 „ 0,35 , , 175 ,
100000 „ 0,5 , , 500 ,
40000 „ 0,7 , , 280 ,
Sa. 240000 'Mk. Sa. 1030 Vit. Wehrbeitr. Die Berechnung ist hierbei also die gleiche, wie beim Vermögen, nur daß das Einkommen durch Ver- oielfältigung einem Vermögen gleichgestellt rouD. Der Multiplikator ist 6 bei Einkommen bis einichließlich 50000 Mk., 8 bei Eintommen von 50—100000 Mk., 10 bei D rmögen von mehr als 100000 Mk. und 12 bei Vermögen von mehr als 200000 Mk.
Als dritten Fall hatten wir bezeichnet, daß Vermögen und Einkommen zusammen durch den Wehrbeitrag belastet werden. Bekanntlich sollen Ver- n ögen von 10— 30000 Mk. steuerfrei bleiben, wenn nicht gleichzeitig ein Einkommen von 5000 Alk. vorhanden ist, ja felbft Vermögen von 30—50000 Mk., wenn nicht gleichzeitig ein Einkommen von 3000 Mk. vorhanden ist. Von dem feftgefteUten Einlommen wird ein Betrag abgezogen, Der einer Verzinsung von 5 Prozent des abgabepflichtigen Vermögens entfprichk. Tie Berechnung gestaltet sich alsbann z. B. bei einem Vermögen von 420 000 Mk. unb einem Einkommen von 55000 Mk. folgenbermaßen:
a) 55 000 Mk. Einkommen, abzüglich 21000 , (5° o Zinsen von 420000 Ml) 34000 'M. Einkommen, 6 fach vervielsält. 204 000 M.,
b) Vermögen . ...... 4200 0 1JL,
zusammen 624 OoO Mk
50000 Mk. 0,15 v H. 75 Mk.
50000 ,
0,35 ,
175
100000 „
0,5 „
500
300 OUO „
0,7 „
2100
1240(0 „
0,85 „
1054
624000 Ml. Mk. 3804 Wehrbeitr.
Auch diese Berechnung ist noch verwickelt genug, den Steuerbehörden wird die Erhebung des Wehrbeitrags jedenfalls reichliche Arbeit machen. Die Hauptiache aber ist, daß Die Kommissionsveschlüsse nie Zustimmung des Reichstags unb Bunbesrals finben, wenn auch nicht zu verkennen ist, daß in der jetzigen Gestaltung des Wehrbeitrags sich noch manche Unebenheiten befinden, die aber bei einem solch großzügigen Werk sich nie ganz vermeiden lassen werden, am wenigsten, w nn die Zeit drängt unb zwischen all den vielen Wünschen die mittlere Linie zu suchen ist.
Deutsches Reich.
** Berlin, 10. Juni 1913. Die ,Nordd. Allg. Ztg/ widmet der Deutschland heule verlassenden argentinischen Sondergesanbtschaft einen sehr warmen Nachruf, in dem sie die freundschaftlichen Gesinnungen betont. Der Sonderbotschafter Salas richtete aus Essen ein Telegramm an ben Kaiser, in dem es heißt, Argentinien werde die ihm bereitete Aufnahme nie vergessen, sein Besuch werbe die freundschaftlichen Beziehungen beider Länder weiter festigen. — Em Ge- letzentwurf über Die Erhöhung ber Bezüge der Assistentenklasse bei der Reichspost- unb Telegraphenverwaltung sowie ber Untetbeamien der Schaffnerktasse ist dem Bimdesrat zugegangen.
+ Eine Lösung der Deckuugssrage? Wie wir von unierrichleler Seite hören, sind bte bürgerlichen Parteien des Reichstags über die Lösung ber Besitz« ft euer frag em Verhanblungen eingetreten. Sie haben ben Regierungsoorschlag zur Grundlage, allerbings mit der Einfchränkung, baß an Stelle ber im söge-
Das Münchner Kindl.
13] Roman von Felix Nabor.
„Sprich immerhin mit deinem Vater," erwiderte Sandow, „aber bon einer öffentlichen Verlobung müssen wir abfehen, bis ich die Zustimmung meiner Eltern habe."
Annie erschrak aufs neue. „Um Gott," rief sie, „daran habe ich in meinem Glücke noch gar nicht gedacht! Wenn sie nun „Nein" sagen?"
„Sei ohne Sorge," beruhigte er fies „Meine Eltern kennen mich und wiffen, baß ich nur eine gute Wahl treffen werde. Ihr Jawort ist mir sicher, aber die Form muß eingehalten werden. Ich schreibe noch heute an meinen Vater, und in zwei Tagen ist die Antwort da. Inzwischen werde ich dich weder sehen, noch euch besuchen. Sobald ich die Einwilligung meiner Eltern habe, werbe ich bei deinem Vater um dich. Dann feiern wir gleich Verlobung."
„Zwei Tage? Das ist lange. Das ist eine Ewigkeit!"
„Bedenke, daß wir ein ganzes Leben vor uns haben, Annie! Da zählen zwei Tage nicht. Bon tiner langen Brautzeit sehen wir ab, gleich im Herbste soll die Hochzeit sein. Und die. Hochzeitsreise machen wir nach Italien und dann durchs Mittelmeer. Du sollst Wunder über Wunder erleben."
„Aber, mein Gott, Hardy, das wird unmenschlich viel Geld kosten!"
Er schnippte mit den Fingern. „Das Geld kommt dabei nicht in Frage — ich habe mehr als genug."
„Aber ich, — ich bin ein armes Mädel!" Und zum erftenjnal fiel es ihr schwer aufs Herz, daß sie arm war, und sie redete sich ihre.Sorgen freimütig vom Herzen herunter, denn sie wollte um alle Welt keine Heimlichkeit vor ihm haben. „Sieh", sagte sie, „Papa hat eben nur seinen Gehalt, und davon müssen wir leben. Besonders gespart haben wir auch nie, und da ging eben jedes Jahr Null von Null $uf. Und wenn nun die Leute gar denken würden, ich hätte dich deines Geldes werten aenommen. dann —
bann —" Sie fühlte sich so bedrückt, daß ihr die Tränen in die Augen traten.
Hardy drückte, ihren Arm fester an sich und sagte: „Du Dummerchen, du liebes! Hab' ich je nach deiner Mitgift gefragt? Ob du arm bist oder reich, das ist mir egal. Nur dich will ich, Annie — und lieb sollst du mich haben, dann ist alles gut!"
Sie blickte voll Liebe und Bewunderung zu ihm empor; keine Sorge, kein Zweifel war mehr in ihr, sie fühlte nur Liebe und heiße Dankbarkeit für diesen starken, sichern, zielbewußlen Mann, an dessen Brust sie geborgen war.
Die Sonne überstrahlte bei ihrer Rückkehr die Stadt mit ihrem reichsten Golde; noch nie war sie Annie so schön erschienen: alles schien in Glanz ge- taucht, schien leuchtend und verklärt.
War das die Liebe, die sie so hellseherisch machte?
Im Cafö Luitpold tranken sie eine Taffe Kaffee, dann drängte Annie nach Haufe. Hardy wollte sie begleiten, aber sie lehnte es dankend ab. „Ich fahre mit der Trambahn, dann bin ich in zwanzig Minuten bei Papa", sagte sie und verabschiedete sich rasch.
Sandow folgte ihr von ferne und gewahrte zu feiner Ueberraschung, daß sie nicht in die Elektrische stieg, sondern links abbog und in einer Seitengasse verschwand.
„Zum Kuckuck, sollte sie Geheimniffe vor mir haben?" fragte er sich und beschleunigte seine Schritte.
Aber Annie hatte keine Geheimnisse; sie folgte nur dem innersten Triebe ihres Herzens und ging zum — Tom.
Von einer frommen Mutter erzogen, in Schule und Kirche in dieser Frömmigkeit bestärkt, hatte sie sich diese stille, prunklose Frömmigkeit bis in ihre Mädchenjahre als verborgenes Kleinod erhalten. 'Mit den Jahren gesellte sich zu dieser tiefen Religiosität eine Art Schonheitskultus. Die vielen und schönen Kirchen der Stadt mit ihren reichen Kunstwerken, dem feierlichen Glockengeläute, den heiligen Mysterien, den farbenprächtigen Prozessionen erfüllten sie stets mit seliger Freude. In allen trüben Stunden ihres Lebens flüchtete sie in diele dämmerigen, kerzendurch-
leuchteten, werhrauchduftenden Asyle des Friedens, um hier Trost und Hilfe zu suchen — bei ihrem Gotte! Und auch jetzt, in der seligsten und glücklichsten Stunde ihres Lebens, zog es sie zum Tom, um dem Himmel für dieses Glück zu danken und seinen Segen zu erflehen.
Nie hatte sie den Dom schöner gefunden als heute. Weiche, traumhafte Dämmerung lag zwischen den hohen, kühlen Hallen. Die bunten Fenster glühten in brennenden Farben, und der Sonnenschein, der durch die Scheiben brach, stand wie eine goldene Mauer mit purpurnem Saume über dem funkelnden 'Messing- beschlag des braunen Gestühls. Ans den tiefen Chor- nifchen hervor gleißten und flimmerten geheimnisvoll die Altäre und Leuchter, die Goldrahmen und Reli- qui-nschreine mit ihrem Edelsteiugefunkel — und dort glühte inmitten der Dämmerung die Ewige Lampe wie eine kleine, purpurne Sonne.
Das alles war so schön, so feierlich und friedlich, daß es sie auf die Knie niederzwang. Sie verschlang die Finger ineinander, senkte die Stirne und sprach im Herzen ein Gebet um Glück.
Im Schatten der hohen, dunklen Säulen aber stand Hard» von Sandow und blickte mit einem Gefühl tiefer Rührung, das ihm sonst ganz fremd war, auf seine Braut, die für ihr beider Glück betete.
Als sich Annie erhob und gesenkten Hauptes, ein engelschönes Lächeln auf dem lieben Gesicht, den Tom verließ, rührte er sich nicht. Aber eine große und reine Freude war in ihm, weil er ein Herz gewonnen hatte, das unberührt vom Weltgifte war, das sich trotz aller Lebenslust feine Reinheit und Keuschheit bewahrt hatte — in Wahrheit ein goldenes Herz!
Aus diesem Gefühl der Liebe und Freude heraus schrieb er seinen Eltern und bat um ihre Einwilligung zu seiner Verlobung. Er trug den Brief selber zur Post, speiste zu Abend und ging mit dem Bewußtsein zur Ruhe, der glücklichste Mensch in der schönen Münchner Stadt zu sein.
* *
Am gleichen Mittag lenkte Puck seine Schritte nach der kleinen Villa in Bogenhausen, das Herz geschwellt von Liebe und Sehnsucht
Kommerzienrat Heuberger hatte ihm den Antrag gestellt, als Zeichner in seine Fabrik einzutreten, mit einem vorläufigen Monatsgehalt von 250 Mk., der sich bei „guter Qualifikation" nach einem Jahr verdoppeln sollte. Das war eine sichere Eistenz, und wenn er auch das freie, ungebundene Bohemienleben mehr liebte, als diefe goldenen Fesseln, so war er doch entschlossen, diese Stellung anzunehmen, wenn — Annie sein Werb würde. Bei einem sicheren Einkommen konnte er es wagen, einen eigenen Hausstand zu gründen, und Annie war immer fein Ideal gewesen. Er liebte sie aus ganzem Herzen, und ihr Besitz dünkte ihn das höchste Erdenglück. Mit Heubergers Vertrag in der Tasche, der nur noch seiner Unterschrift bedurfte, und mit einem Herzen voll Liebe betrat et den Garten Pirkheirners und läutete Sturm.
Gusti, die sich in Abwesenheit der Herrschaft drei Tassen Mokka und ein Schlummerstündchen gestattet hatte, fuhr erschrocken empor und öffn-te. „Jessak aan so derschreck'n! Wer läutet denn da wia nar- rifch?"
Es war natürlich Puck, und bei seinem Anblick heiterte sich ihr schönes, glänzendes Vollmondsgesicht auf. Für Maler hatte sie eine besondere Vorliebe, weil fic in der Tiefe ihres jungfräulichen Busens immer die stille Hoffnung hegte, daß sie doch noch einmal als „fescher Domino" auf der Leinwand prangen würde. Sie bot Puck eine Tasse Kaffee mit „Konn- jaak" an, aber er lehnte zu ihrem Staunen ab unb fragte nach Annie.
„Ansg'flog'n fan s' alle," erwiderte Gusti. „Tas macht halt das schöne Fruahjahr! Aber 's gnä’ Fräulein wird bald z'rückkemmen."
Da beschloß Puck, Annies Rückkehr abzuwarten. Er begab sich in das Erkerzimmer und betrachtete zärtlich die Gegenstände, die Annies Eigentum waren: die Majolika-Base im Erker, das zierliche Arbeitskörbchen auf dem Nähtisch, mit dem bunten Gewirr von Fäden, den silbernen Fingerhut. Der Verliebte Puck drückte ihn an seine Lippen: „Annie, liebste Annie!" —
(Fortsetzung folgt.)