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Fuldaer Zeitlin

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Illustrierte Sonntagszeitung ! Fuldaer Seschichtsblötter

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Dienstag den 10. Juni 1913.

Erftes Blatt.

fit. 131

40. Zahrgang.

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 9. Juni 1913.

*uf der Tagesordnung steht zunächst die erste Be« I ,atung der Schutzgebietsrechnung von 1910. Die Vor­lage geht an die Rechnungskommission.

Nach Erledigung einiger weiterer Rechnungssachen folgt die erste Beratung des Geletzentwurfs bett, bie Abänderung zweier Reichstagswahlkreise als Folge eines Gebietsaustausches zwischen dem Großherzogtum Sachsen- Weimar und dem Herzogtum Sachien-Meiningen. — Der Gesetzentwurf wird nach kurzer Debatte in erster und dann sofort ohne Debatte auch in zweiter Lesung ange- nommen.

Es folgt die erste Beratung des Gesetzentwurfs be­treffend Aenderung des Schutzgebietsgesetze». Die Vor­lage regelt insbesondere die Erlangung der RechtSsähigkeit von Vereinen in den Schutzgebieten. Nach unerheblicher Debatte geht die Vorlage an eine Kommission von 14 Mitgliedern.

Es folgt die erste Lesung beS Gesetzentwurfes bett, die Entschädigung der Schöffen und Geschworenen.

ES sollen die Reisekosten vergütet und Tagegelder gezahlt werden. Dir Entschädigungen sollen für Schöffen und Geschworene gleichmäßig sein. Eine Zurückweisung der Tagegelder ist unstatthaft.

Staatssekretär Dr. LiSco: Das Gesetz stimmt überein mit den im Strafgesetz enthaltenen Vorschriften, daß auch den Minderbemittelten die Möglichkeit gegeben werd», das Amt der Schöffen und Geschworenen w be­kleiden. Um diese» Ziel zu erreichen, sind natürlich er­hebliche Mittel erforderlich.

Abg Pens (So,.): Wir betrachten dieses Gesetz nur al» Abschlagszahlung. Die Richter müssen aus dem Volke genommen werden. Ich hoffe, daß bei der Be­messung der Entschädigung keine Abstufung nach den EinkommenSverhältniffen statlfindet.

Staatssekretär Dr. Lisco: Die Tagegelder werden ganz gleich bemessen, ohne Rücksicht auf Rang und Siand dr» Betreffenden.

Avg. van Galtet (ntlb.): Die Rechtspflege wird durch Hinzuziehung werter Kreise immer volkstümlicher werden.

Abg. Schedlbauer (Ztr.): Auch wir begrüßen die Vorlage mit Genugtuung. Den kleinbäuerlichen Besitzer und den Arbeiter zur Rechtsprechung heranzuziehen, ist dringend erforderlich. Dabei ist der Vorzug des deutschen Richterstandes anzuerkennen. Seine Gerechtigkeit, seine Unbestechlichkeit und sein Scharfsinn sind allgemein an­erkannt. Eine Kommissionsberatung ballen wir für ent­behrlich.

Abg. Holtschke (kons.): Die Materie ist schon bei der unverabschteoeten Prozeßresorm genügend behandelt worden. Eine Kommis sionsberatung ist daher nicht not­wendig.

Abg. Warmuth (Rpt.): Es ist wünschenswert, daß daS Laienelement möglichst zur Rechtsprechung hinzu- gezogen wird, ohne Rücksicht auf die politische Gesinnung.

Abg. Peus iSoz.>: Trotz der Möglichkeit, auch jetzt schon die Arbeiterlchast zum Schöffenamt heranzuziehen und trotz ihrer Ovferwilligkett ist sie so gut wie aus­geschlossen von diesem Amte. Der Grund liegt auf poli- tischem und wirtschaftlichem Gebiete.

Die Vorlage wird in erster und zweiter Lesung an­genommen. ,

Es folgt das Gesetz über die Folgen der Berhinde- tung wechsel- und scheckrechtlicher Handlungen im Aus­lande.

Staatssekretär Dr. LiSeo erklärt, die Vorlage ver- danke ihr Entstehen einer Anregung aus Handelökreisen. Die Vorlage ist eine Folge der Balkanmoratorien, durch die ausländische Wechselinhaber an der rechtzeitigen Vorlegung und qiroiesterhebung verhindert wurden.

Die Vorlage geht ohne beachtliche Debatte an eine Kommission von 14 Mitgliedern.

Das Haus vertagt sich auf Dienstag, 2 Uhr, punkt- lieb, mit der Tagesordnung: Kurze Anfragen, zweite Lesung der W-hrvorlagen.

Erklärungen der Parteien.

Abg. Dr. Spahn (Ztr.) zur Geschäftsordnung: Ich will nicht widersprechen, daß die Wehrvorlagen morgen auf die Tagesordnung gesetzt werden. Aber im Namen meiner politischen Freunde habe ich die Erklärung zu wiederholen, die von uns bereits in der Budge kommst sion

Das Münchner Kinöl

12] Roman von Felix Nabor.

Sandow und Annie schritten der Stadt zu. Der Lärm hinter ihnen wurde schwächer und verstummte endlich; feierliche Stille umfing sie. Die Lichter der Stadt blitzten wie goldene Sterne vor ihnen auf, und um sie Ijer dehnte sich ein weißschimmerndes Traum­land.

Sie blickten sich an und lächelten; auch aus der Tiefe chrer Seelen stiegen goldene Sterne auf, und ein heiliges Leuchten ging von Auge zu Auge.

Es war ein wundersamer Wendfriede; nur eine ferne Glocke sang feierlich ihr frommes Abendlied. Das war wie eine klingende Verheißung von Glück!

Annies Bild war nun beinahe vollendet; gleich­wohl zögerte Sandow, die letzte Hand anzulegen, weil er dann keinen Grund mehr gehabt hätte, die Pirk- heimersche Villa zu besuchen.

Annie war immer voll heimlicher Erwartung, voll jauchzender Freude, wenn er kam. In ihrem Wesen ging eine Wandlung vor sich; sie erblühte wie eine Rose, die mitten in der Sonne steht. Das Geheim­nis ihrer ersten Liebe umwehte sie wie ein keuscher, <üßer Duft; sie ward ernster und stiller, aber ihre Äugen gewannen an Glanz, und ihre Stimme ioar durchzitwrt von der überquellenden Freude ihrer jauchzenden Seele.

Auch ihr Vater bemerkte die Veränderung, aber er hütete sich, das süße Geheimnis ihres Herzens anzurasten;-die erste keusche Liebe ist etwas Heiliges, keine rauhe Hand soll an sie rühren!

Oft stand sie vor dem Bild und verglich es mit sich selbst. Und da fand sie mit ihrem hochentwickelten künstlerischen Sinn und mit dem feinen, zarten In­stinkt der Frauenseele heraus, daß zwischen Bild und, Original keine völlige Uebereinstimmung herrschte. Tie Technik war ja glänzend, aber es fehlte die s er- sönliche Note, das Individuelle. Das leise Still- jchweigen der Seele vermißte sie. Tas war

abgegeben worden ist. Die Zentrumsfraktion hält einmütig und geschlossen an dem Grundsatz fest: Keine Ausgabenbewilligung ohne Deckung. Unsere Abstimmung in der zweiten und dritten Lesung der Wehrvorlage ist erst möglich nach der Entscheidung über die Deckungsfrage. Unsere Stellung wird abhängig sein müssen von der Art und Weise, wie die Deckung zustande kommt.

Abg. Graf Westarp (kons.) zur Geschäftsordnung: Auch wir betrachten die Verabschiedung der Heeres« und gesamten Deckungsvorlage als ein zusammenhän­gendes und einheitliches Ganze. Ohne die gleichzettige Bereitstellung aller einmaligen und laufenden Ausgaben würde die Bewilligung der militärischen Maßnahmen vom Standpunkte gesunder Finanzwirtschast in hohem Maße bedauerlich sein. (Gelächter links.) Das große Ziel, sowohl die Bewilligung der gewrderten und nach unserer Meinung absolut ersorderlichen Rüstungs­vermehrung, wie auch die gleichzeitige Bewilligung bei ganzen erforderlichen lausenden und einmaligen Aus­gaben durchzusetzen, halten wir fest im Auge und sind fest entschlossen, alles zu tun, was uns geeignet er­scheint, dieses Ziel zu erreichen. Wir sind auch sehr im Zweifel, ob es zur Erreichung dieses Zieles nützlich und nicht vielmehr schädlich fein wird, wenn, wie es setzt be­absichtigt ist, das Plenum durch die zweite Lesung der Heeresvorlage ein Bruchstück aus der ganzen Ausgabe herausnimmt. (Sehr richtig! rechts und im Zentrum.) Nach unserer Auffassung würde es der Lösung der Auf­gabe förderlicher gewesen sein, wenn man der Kom­mission Zeit lassen wollte, inzwischen auch über die Frage der Deckung Klarheit zu schaffen. (Sehr richtig! rechts und im Zentrum.) Wie die Dinge heule liegen, scheint aber ein hierauf gerichteter Antrag keine Aussicht auf Ersolz zu haben. (Lachen links.) Und deshalb ver­zichten wir darauf, um den Gang der Verhandlungen und die Erreichung des Endziele» unserseits auch schein­bar nicht zu erschweren. «Beifall rechts.)

Abg Dr. Schultz (Rp.): Wir legen den größten Wert daraus, daß auch bei der Erledigung der Wehr- voriage von dem Grundsatz „Steine Ausgabe ohne Deckung" nicht abgewichen wird. Wir hoffen nach wie vor, daß gleichzeitig mit der Erledigung der Wehr­vorlage und des Wehrbeitrages ein Weg gesunde i wird, der zu einer Verständigung zwischen der Mehrheit dieses Hames und den verbündeten Regierungen auch über die Beschaffung der lautenden Deckung führt.

Präsident Dr. Kämpf: Ein Widerspruch (Gelächter links) gegen die Tagesordnung ist nicht erhoben, die Tagesordnung stehl hiermit fest.

s. Erledigung des Wehrbeitragcs in der Kommission.

Die Budgetkommission des Reichstages setzte gestern die Beratung des Entwurfes betreffend den Wehrbei­trag bei § 18 fort, wonach Wertpapiere, die in Deutschland einen Börsenkurs haben, mit dem Kurs­wert anzusetzen sind. Ein Zentrumsmitglied polemisierte gegen den 31. Dezember 1913 als Stichtag. Dadurch werde die normale Marktlage nicht erfaßt. Ein Zukunfstermin würde große Erschütterung brin­gen und der Spekulation Tür und Tor öffnen. Es müsse ein rückwärtiger Termin genommen werden, um Kurs­stürze zu verhüten. § 18 wurde nach der Vorlage an­genommen. § 19 wurde in einer von der Fortschritt­lichen Volkspartei beantragten Fassung angenommen, wonach bei Aktien ohne Börsenkurs usw. der Verkaufs­wert der Aktien oder Anteile anzufetzen ist und sofern ein solcher nicht zu ermitteln ist, das 16^fache des Durchschnitts des während der letzten drei Geschäfts­jahre oder seit Bestehen der Gesellschaft verteilten Jahresgewinns.

Die weiteren Paragraphen handeln von Leistungen, Nutzungen und Renten. Nach § 22 richtet sich der Wert derselben nach der Lebenshaltung der Person, mit deren Tode das Recht erlischt. Da diese Vorschrift zu den bisher ungeänderten Bestimmungen des Gesetzes nicht mehr paßt, beschloß die Kommission, die betreffenden Be­stimmungen der §§ 5 und 6 teils zu streichen, teils ent­sprechend abzuändern.

Zu § 34, der die Deklarationspflicht be­handelt, hat die Kommission Aenderungen beschlossen,

zu hart in seinen Umrissen, die Augen zu kalt, der Mund zu herb. Nein, das war nicht das weiche, sinnige, schalkhafte Münchner Kindl, dem die Freude aus den Augen sprühte und der Frohsinn und das schalkhafte Lächeln um die roten Lippen zuckten! Das wirkte fast wie ein prunkendes Reklamebild! — Annie empfand bei dieser Erkenntnis ein heißes Weh, einen brennenden Schmerz. Denn dieses Bild ließ den Beschauer kalt, weil ihm — die Seele fehlte!

Annie machte sich ihre Gedanken darüber. Woran lag es nur, daß es Sandow nicht verstanden halte, dem Bilde atmendes Leben, eine sprechende Seele ein­zuhauchen? Fehlte es chm trotz allem an der Technik — oder aber verstand er ihr innerstes Wesen so we­nig, hatte er ihre Seele nicht zu ergründen ver­mocht?

Wohl das letztere — und das machte ihr manche Sorge.

Uebe- ihren großen Freuden und kleinen Sorgen war cs Frühling geworden. Ein frischgrüner Schim­mer lag über den Bäumen und Büschen des Gartens, und die Sonne spannte ihre goldenen Fäden von Zweig zu Zweig.

Annie stand im Erkerzimmer auf der Estrade, und Sandow malte die letzten Striche an dem Bilde. Endlich ließ er den Pinsel sinken, und mit leisem Be­dauern sagte er: „So — nun ist es vollendet — nun werd» ich nicht mehr hierherkommen."

Annie ließ erschrocken die hocherhobene Fackel sinken, und ein Wehelaut klang von ihren Lippen. „Ooh!" -

„Tut Ihnen das leid?" fragte Sandow rasch und legte Pinsel und Palette weg.

Sie nickte. „Ja; es war so schön! Wenn's draußen auch stürmte und schneite — hier war es Frühling! Ta schien die Sonne!"

„Annie!" — Wie ein Jubelrus klang es, und mit drei Schritten war er b:i ihr, erfaßte ihre Hände und blickte ihr in die Auge». „Annie — warum soll nicht ewiger Frühling hier sein? Warum soll uns nicht immer die Sonne scheinen? Es liegt doch nur an uns!"

die die Mindestgrenze beim Einkommen wie beim Ver- mögen verändern würden. Es wurde eine Festsetzung des Paragraphen angenommen, wonach zur Vermögens­erklärung verpflichtet ist, wer ein Vermögen von 26 000 Mk. ober bei mehr als 5000 Mk. Einkorn, men ein Vermögen von mehr als 10 000 Mk. be- itzt. Ein sozialdemokratischer Antrag, der die Zeugnis­pflicht der Banken fordert, wird abgelehnt. Die Seron« lagungsbehorde kann sich bie Richtigkeit der Vermögens­erklärung oder einzelner Angaben daraus eidesstattlich versichern lassen. Ein nationalliberaler Antrag, der an­genommen wird, beschränkt diese Bestimmungen auf tat- achliche Mitteilung^ , da es unmöglich sei, die Schätzung des Wertes der Vermögensteile unter Eid zu stellen. Wegen Nichterfüllung der eidesstattlichen Verpflichtung kann mit einer Geldstrafe bis zu 500 Mk. vorgegangen werden.

Der Regierungsentwurf sah die Zahlung des Wehr- beitrages in zwei gleichen Hälften, den ersten binnen einen Monat nach Zustellung des Veranlagungs­bescheides, den anderen bis spätestens zum 31. März 1915 vor. Auf Antrag des Zentrums wird unter Zu­stimmung der Regierung beschlossen, die zwei Raten durch drei Raten zu ersetzen und zwar mit den Zah­lungsterminen: Erste Rate drei Monate nach Zustellung des Bescheides, zweite Rate am 3. März 1915, drifte Rate am 31. März 1916. Außerdem soll die Möglichkeit der Vorausbezahlung unter Gewährung von 4 Prozent Zinsen gegeben werden.

Nach dem Regierungsentwurf können wissentlich unrichtige oder unvollständige Angaben bei der Vermögensnachweisung, die geeignet sind, das Aufkommen des Wehrbeitrages zu gefährden, mit einer Geldstrafe bis zu 3000 Mark belegt werden. Dazu be­antragt das Zentrum, daß in solchen Fällen neben Geld­strafen auch Gefängnis bis zu 6 Monaten, sowie auf Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte erkannt werden kann, wenn die unrichtigen oder unvollständigen Angaben in der Absicht, den Wehrbeitrag zu hinter­ziehen, gemacht worden sind und wenn der Wehrbeitrag, der durch die unrichtigen oder unvollständigen Angaben gefährdet worden ist, mindestens 300 Mk. betrug, oder wenn der Beitragspflichtige Vermögen zur Verheim­lichung vom Inland ins Ausland gebracht hat. Ein Re­gierungsvertreter erklärte, die Gefängnisstrafe sei bis­her den Steuergesetzen fremd gewesen, aber dennoch wolle sich die Regierung mit den Anträgen einverstan­den erklären. Bedenklicher sei die Aberkennung der bür­gerlichen Ehrenrechte. Ein Nationalliberaler schloß sich dem an. Eher konnte es sich darum handeln, die Aber­kennung der politischen Rechte, des Wahlrechtes u. s. w. auszusprechen. Das Zentrum stimmte dieser letzteren Anregung, daß statt der mindestens 300 Mark, wie es im Entwurf bestimmt wird, 10 Proz. des pflichtigen Wehrbeitrages zu setzen sind. In dieser Fassung wurde der Antrag des Zentrums gegen die Stimmen der So­zialdemokratie angenommen, nachdem auch durch die Mehrheit die Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte einstweilen bis zur zwesten Lesung gebilligt worden war.

Die Verwendung von etwaigen lieber, schüssen des Wehrbeitrages zur Schuldentil­gung wünscht das Zentrum. Die Volkspartei beantragt evtl. Herabsetzung der dritten Rate, die Sozialdenw- kraten Verwendung zu allerlei sozialpolitischen Zwecken. Die Konservativen beantragten, aus etwaigen lieber- schüssen einen besonderen Fond zur Fürsorge für Kriegs­teilnehmer zu bilden. Der Zentrumsantrag wurde an­genommen, desgleichen trotz des Einspruches des Kolo­nialstaatssekretärs ein zweiter Zentrumsantrag, einen Teil des Ueberschusses den Kolonien nutzbar zu machen. t ,

Damit ist die erste Lesung des Wehr­beitrages beendet. Am Dienstag wird die Be- ratung mit der Besprechung des Erbrechtes des Staates fortgesetzt.

rX Keine Einschränkung der Flotten« rüstnng!

Es ist aus und vorbei mit der schönen Formel 16 : 10, mit dem Feierjahr im Flottenbau und der ganzen Hoffnung auf eine englisch-deutsche Verstän­digung über Einschränkung der Seerüstung.

Derselbe englische Marineminister Churchill, der das Feierjahr an die Wand gemalt hatte, ver-

„Jch — verstehe nicht, wie — wie Sie dies mei­nen!" stammelte sie.

„So meine ich es, Annie!" Er legte den Arm um sie und küßte ihren Mund. Sie zitterte, schloß die Augen und suchte sich frei zu machen; aber ihr Herz jauchzt» vor Seligkeit, lind Sandow gab sie trotz ihres scheinbaren Widerstandes nicht frei. „Annie," flüsterte er ihr zu, „ich habe dich lieb! — An dem Tage, da ich dich zum ersten Male als Münchner Kindl sah, habe ich den Schwur getan: Dieses Mäd­chen wird mein Weib! Und nicht wahr, einen solchen Schwur muß man halten?"

Sie blickte ihn ernsthaft an. „Ei freilich! Wer ich müßte doch auch damit einverstanden sein!"

„Und bist du es etwa nicht? Annie, komm: sag' es mir ganz leise ins Ohr!"

Einen Augenblick zuckte der Schalk in ihren Au­gen, dann aber überfiel die Heiligkeit dieser Stunde sie wie etwas Weihevolles. Sie faltete die Hände um Sandows Hals, blickte ihn unter Tränen lächelnd an und sagte leise, aber mit hellem Freudenklang tn ihrer Stimme: „Ich hab' Dich lieb, Hardy!"

Und gleichsam als Befriedigung dieses Herzens­bekenntnisses legte sie ihre bebenden Lippen auf sei­nen Mund , ,

Das Glück machte, sie stumm, aber ihre Kusie be­siegelten den Herzensbund. Und draußen auf dem Lindenbaum, dem der Frühling eben ein neues grü­ne? Kleid über's braune Gesicht warf, schmetterte ein Fink sein keckes Liebeslied.

Das Glück der Liebenden war zu groß und zu reich; es litt sie nicht in dem engen Zimmer, sie mußten es hinaustragen in den Frühling, in die 5ßclt.

Annie legte ihr Kindlgewand ab, nahm Hut und Frühjahrsmantel und verließ an der Seite des gelieb­ten Mannes das Haus. Sie wanderten durch die Jsarauen, die Weiche, linde Frühlingsluft umwehte sie, und der rauschende Fluß da unten sang ihnen sein donnerndes Lebenslied

Sie hatten sich so viel zu sagen, aber sür Annie klangen alle Reden nur in dem einen Jubelruf aus: Er hat mich lieb!"

kündete soeben, daß der Bau von drei neuen Kriegs­chiffen beschleunigt werden müsse. Diese drei Schiffe gehen über das Verhältnis von 16 : 10 hin­aus. Man hatte darauf gerechnet, daß Kanada te bauen würde, und weil sie dem Namen nach als Kolonialschiffe galten, hatte Churchill sie in den Be­stand der Reichsflotte, der mit der deutschen Flotte im Verhältnis von 16 : 10 stehen sollte, nicht ein­gerechnet. Als nun aber das kanadische Parlament dieses kostspielige Geschenk für das Mutterland n i ch t bewilligte, da trugen Churchill und die übrigen Mi­nister gar keine Bedenken, den Bau dieser angeblichen Kolonialschiffen für eine Reichssache zu erklären, und die Herstellung auf Kosten des Mutterlandes zu übernehmen und also die britische Seemacht glatt um drei Kampfeinheiten, und zwar um Kampfeinheiten ersten Stanges zu vermehren.

Als die Formel 16 : 10 auftauchte und von unse­rer Regierung als erträglich bezeichnet wurde, wiesen wir sofort darauf hin, daß England stille Reserven für seine Flottenmacht habe, durch die sein Ueberge- wicht über das angegebene Maß erhöht werden könnte, nämlich 1) die von den Kolonien gestis- teten Schiffe und 2) die auf den englischen Wersten im Bau begriffenen Schiffe für fremde Regierungen, die man im Bedarfsfall kaufen oder in Beschlag nehme.i kann. Nun hat sich handgreiflich gezeigt, daß tatsächlich die Kolonialschiffe nichts anderes sind, als Kampfeinheiten zur Verstärkung der Reichsflotte. Wenn die Kolonie sie nicht baut, so baut sie das Mut­terland, weil es sie braucht. Zur dürftigen Bemän­telung hat freilich Churchill auf die „weltweiten" In­teressen Englands hingewiesen, für die solche Schiffe nötig seien. Nun Deutschland hat auch „weltweite" Interessen von Kiautschou über beide Seiten Afrikas bis in die Südsee. Wenn wir uns für alle unsere exotischen Bedürfnisse uns extra Kriegsschiffe vom modernsten Kaliber bauen wollten, so würden die Engländer gewiß sagen, daß dadurch die deutsche See­macht über das Verhältnis 10:16 hinausgetrieben würde. Und wir sagen jetzt mit vollem Recht: Was nutzt uns die Formel 16:10. wenn die Engländer mir nichts dir nichts drei Schiffe mehr bauen, als vorgesehen war?

Auch englische Blätter haben eingesehen und zugestanden, daß die beschleunigte Uebernabme der drei kanadischen Schiffe in das britische Baupro­gramm den Eindruck der „U n auf r i ch ti gk ei t gegen Deutschland mache. Die englische Regierung ist freilich durch keinen Vertrag gebunden. Nachdem aber die deutsche Regierung sich mit dem verkündeten Stärkeverhältnis 16:10 einverstanden erklärt hatte, durfte man doch wenigstens erwarten, daß die eng­lische Negierung über die geplante Abkehr von dieser Norm erst freundschaftliche Erklärungen abgegeben hätte. Das hätte umso näher gelegen, als doch zur Zeit die Beziehungen zwischen den beiden Regierun­gen viel besser sind, als früher. Zerr Churchill hätte ein besonderes Bedürfnis zur beruhigenden Aus­sprache haben müssen, da er jetzt seinem eigenen Pro­gramm des Frühjahrs schnurstracks entgegenhandeln will. Wir erwähnen das nicht, um Vorwürfe zu erheben, sondern nur, um k l a r z u st e l l e n, daß die Engländer ihrer ganzen Natur nach zu einem Abkommen über den Flottenbau un- fähig sind. Ihre nationale lleberlieferung, ihr Selbstbewußtsein als Beherrscher des Meeres und ihre krampfhafte Sorge für die Sicherheit ihrer In­seln zwingen sie, so viel und so starke Schiffe zu bauen, als ihnen nur eben möglich ist. Darin würden sie sich durch den feierlichsten Vertrag nicht hindern lasten. . . , .

Die Moral von der Geschichte ist, daß wir auf em Rüstungsabkommen mit England verzichten müssen. Und wenn schon für die gegenseitige Beschränkung der Seerüstung, die doch ein verhältnismäßig einfaches Problem bietet, eine wirksame Lösung nicht zu finden

Hardv von Sandow sprach von der Zukunft, von seinen Plänen. Trotz des Liebesfrühlings in seiner Brust blieb er hiebei kühl und sachlich, stand fest auf realem Boden und baute seine Pläne klar, scharf und fest umri^en vor ihr auf, mit kräftigen Linien, so etwa, wie er als Architekt den Aufriß eines neuen Hauses zeichnete. Sie folgte seinen Worten mit Spannung; als er aber von ihrer Uebersiedelung nach Berlin wie von etwas Selbstverständlichem sprach, er­schrak sie. „Wie," fragte sie, „ich soll München ver­lassen?^ Aber das geht doch nicht, Hardy! Dafür hab' ich die Stadt vielen lieb!"

Er lächelte nachsichtig. „Du hast mich", sagte er. „Das wird dir ein Ersatz sein für die Heimat."

„Aber bedenke: die große, fremde Stadt!" Eine heimliche Furcht war in ihr, die er aber rasch ver­scheuchte.

„Du brauchst dich vor Berlin nicht zu fürchten," sagte er. „Du hast dein Haus — das ist deine Welt! Im übrigen werden wir in Berlin ebenso leben, wie du es gewohnt bist in eurer kleinen Villa. Du sollst dir auch in Berlin deine Eigenart bewahren und so bleiben wie du jetzt bist. Dein frohes, heiteres We­sen, deine berzliche, gemütvolle süddeutsche Art, all deine Schalkhaftigkeit und deinen köstlichen Münchener Humor sollst du mitnehmen in deine neue Heimat. Auch dort sollst du das bleiben, was du mir hier bist: mein Ein und Alles, mein liebes, süßes, herziges Münchner Kindl!"

Und da sie eben im Schatten eines Weidenbaumes standen, der sie mit feinen hängenden Zweigen wie mit einem grünen Schleier verhüllte, so küßte er sie.

Das war ganz gegen seine sonst so kühle, korrekte Art und Annie war darüber überglücklich. Im Wei terschreiten sagte sie: „Ich kann mein Glück nicht verschweigen, am liebsten möchte ich es hmausiubeln in die ganze Welt. Das darf ich freilich nicht, aber Papa muß es heute noch erfahren. Ich bin ihm dies schuldig, 5>ardy; ich mag keine Nacht ein Geheimnis vor ihm haben, denn du weißt ja, wie sehr er mich liebt."

(Fortsetzung folgt.)