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Zulvaer Zeitun

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Illustrierte Sonntagszeitung I Fuldaer Leschichtsblätter

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Nr. 130* erstes Blatt

Montag den 9. Juni 1913.

40. Zahrgang.

:: KrisettS?

Der schleppende Gang der Beratungen des ein­maligen Wehrbeitrags, bte völlige Ungewißheit hin­sichtlich der Deckung der dauernden Ausgaben sowie bet scheinbar unüberwindliche Widerstand der Regie­rung gegen eine Reichsvernrögenssteuer lassen einmal wieder Krisengerüchte die innerpolitische Lust durch­schwirren. Sogar das Gespenst der Reichstaasauf­lösung wird heraufbeschworen. Um die „Nachricht" noch pSanter zu machen, wird das Zentrum als Vater und Förderer deS Auflösungsgedankens hin- gestellt.

Die „Tägliche Rundschau" berichtet, der Reichs­kanzler wolle im Budgetausschuß, sobald die Bespre- chung der Deckungsfrage beginne, die Reichsei n- kommensteuer in aller Form für unannehmbar erklären, er habe den Bundesrat in dieser Frage un- bedmgt auf seiner Seite. Dem Zuträger dieses Blat­tes ist offenbar die Sache nicht ganz klar. Es Han- Pelt sich nicht um eine Einkommensteuer des Reichs, sondern um eine Vermögens- oder Besitz­steuer. Drei Vorschläge begegnen sich da: die Re- aierungsvorlage will 80 Millionen jährlich durch.die sog. verhielten Matrikularbeiträge aufbringen; auf der Lirckn hat man vielfach noch Neigung, diese Aicke durch die wiederzuerweckende Erbanfall- steuer („Witwen- und Waisensteuer") zu füllen; inzwischen erhebt sich die Anregung, die Heranziehung deS V e r m ö g e n S zu den Rerchslasten nicht auf dem Umwege über die Einzelstaaten, sondern durch eine R e i ch s steuer erfolgen zu lasten. Die E i n kom­me n st e u e r für das Reich in Beschlag zu nehmen, war bisher nicht angeregt worden.

Das obengenannte Berliner Blatt beruft sich auf eine Meldung des „Mannheimer Generalanzeigers", des angeblichen Blattes des Abg. Basiermann. Die­ses will „aus denkbar bester Quelle", also Wohl von Herrn Basiermann selbst, erfahren haben,

der Reichskanzler habe noch in den letzten Tagen in einer innerlichen Erregung, wie sie sonst kaum jemals bei ihm wahrgenommen wurde, zu führenden Parlamentariern geäußert, die Reichsver- mögenSsteuer sei und bleibe für die Ber- bündeten Regierungen unannehmbar. Eine Einigung, wie sie die Zentrumspresse empfehle, hätte nur dann einen Sinn, wenn man zur Auflösung des Reichstages treiben wollte. Tatsächlich solle in ZentrumSkreisen auch ernsthafter, als bi-her, dem Auf­lösungsgedanken nähergetreten werden. Im Regierungs­lager sei man fest entschlossen, wenn das nationale Unter­nehmen mißlingt, an das Land zu appellieren.

Hier wird richtig von der Reichsvermö­gens st euer und nicht von einer Reichseinkom­mensteuer gesprochen. Warum der Reichskanzler ge­rade jetzt in eine so außerordentliche „innerliche Er­regung^ verfallen sein soll, ist nicht recht einzusehen, da die ftaglichen Erörterungen und Anregungen schon längst im Gange sind. Im allgemeinen aber ist es ganz gut, Wenn er aus der phlegmatischen Zurück­haltung endlich heraustrftt und die schleifenden Zügel aufhebt. Das Eingreifen wird aber hoffentlich ohne Nervosität, in zielbewußter Ruhe geschehen. Die Ent­deckung, daß die Zentrums presse die Sache zur Auflösung treiben wolle und in Zentrums­kreisen ,chem Aüflösungsgedanken näher getreten" werde, ist Phantasie. Was bezweckt man mit der Verbreitung einer solchen Fabel? Der gegenwär­tige Reichstag fteilich mit seinen 110 Sozialdemo­kraten entspricht nicht unfein Wünschen, und wenn eine Neuwahl einen bessern Reichstag herbeiführen könnte, so wäre das gewiß kein Unglück. Aber das Zentrum hat bei den letzten Wahlen sich so gut be­hauptet, daß wir vom Patteistandpunkt aus keine Veranlassung haben, eine Aenderung herbeizuwün­schen und als Sturmbock uns vorzudrängen. Die andern positiven Patteien mögen den Vottritt ma- chen. Das entscheidende Wott tn der Auflösungsfrage hat ja die Regierung zu sprechen, und was die

Dar Münchner Kinöl.

11] Roman von Felix Nabor.

Im Sturmschritt eilte er auf Frau Marguerite zu, nrßte ihr die Hand und nahm ihren Arm. „Fa­mos siehst du aus, ch6re maman! — wie em junges Mädel! Tatsache! — Papa ist krank? Schade! Ich wollte mit ihm reden, aber nun nicht! Sag', bist du vielleicht bei Kasie?"

Frau Marguerite kannte diese Pumpversuche ge­nügend und erhob abwehrend die Hand. „Wie du nur fragen magst, Mar! — Am Zwanzigsten bin ich schon immer rein abgebrannt —*

„Am Zwanzigsten?" rief der Leutnant. „Du Glückliche! Ich sitze am Zwölften regelmäßig in der Tinte. Ach, 's ist 'ne eilige Welt! — Sag mal Mama, hast du vielleicht ein paar hundert Mark in der Wirtschaftskasse? — Geh' sei lieb und rücke her­aus mit dem Mammon!"

„Wenn du mir eine Quittung ausstellst, will i es riskieren!"

„Aber gern! Papa wird dir den Kriegsschaden ersetzen."

Sie verließen das Zimmer und kamen nach fünf Minuten vergnügt zurück. Max Heuberger verab­schiedete sich von seiner schönen Mama. „Ich habe nämlich Eile," entschuldigte er sich. „Unten wartet schon das Auto — wir fahren nach Zullach. Du kennst doch das reizende Nest überm Jsattal? — Famose Künstlerkneipe'. Es wird riefig fidel werden."

„Lauter Ofsiziere?"

„Ach nee — auch schwerreiches Zivil. Aber jetzt muß kch aehen — meine Braut wartet im Auto."

Sie drohte ihm mit dem Finger, aber er lachte leichtfertig, schlug die Haken zusammen, küßte ferner Mutter die Fingerspitzen, machte drei tadellose Ver­beugungen gegen die Gäste und ging. Auch Frau Marguerite empfahl sich, um für den Theaterbesuch Toilette zu machen.

„Der Ton, der hier herrscht, ist etwas burschikos, sagte Sandow. „Der junge Leutnant ist verlobt?"

Taktik der Parteien angeht, so liegt es bekanntlich jerade bei der national liberalen Pattei, ob nn jetzigen Reichstag eine leistungsfähige positive Mehrheit zustandekommt.

In der Verdächtigung des Zentrums scheint System zu liegen. So wird mit einer Wunder- liehen Beflissenheit in der liberalen Presie die Heran- ziehung der 5000 Mk.-Einkommen zum Wehrbeitrag zurückgefühtt auf die angebliche Absicht des Zentrums, „die Oberlehrer und die Offiziere" für ihre Agitation auf Heeresverstärkung zu „bestrafen". Die Hetzerei ist im Grunde Wohl kindisch. Auch wenn ein Zentrumsmitglied wirklich mal die Bemerkung hin- geworfen hätte, es sei diesen Herren mal ganz ge­sund, wenn sie selbst mitzahlen müßten, so kann doch kein Sachkundiger glauben, daß nicht bloß die ganze Zentrumspattei, sondern auch die Mehrheit des Vud- getausschusses deshalb die ganze große Klasse der 5000 Mk.-Männer belastet, um die kleine Gruppe jener Eiferer zu „strafen". Im übrigen ist die Mit­wirkung beim Wehrbeitrag für einen nationalen Mann keine Strafe.

Wir verzweifeln noch nicht daran, daß ein Ein­vernehmen in der Deckungsfrage herbeigeführt werden kann. Es läßt sich wohl eine Form der Be- sitzsteuer denken, die auch dem Bundesrat annehmbar ist. Wenn nur die Nationalliberalen redlich mittun wollen, dann wirds schon gehen.

Das Zenttum ist wirklich nicht der Störenfried!

s Dcr Wehrbeitrag in -er BndgetkommWorr.

Am Samstag entspann sich in der Budgetkommission eine längere Debatte über die Frage der Ermittelung des Bermögenswertes der landwirtschaftlichen Grundstücke. Die Regierungsvorlage legt bei Grund­stücken, die dauernd land- oder forstwirtschastlichen Zwecken zu dienen bestimmt sind, den Ertragswert zugrunde. AIS Ertragewert gilt das Hünsundzwanzig- »ache des Reinertrages, den die Grundstücks nach ihrer bisherigen wirtschaftlichen Bestimmung bet ordnungs­mäßiger Bewirtschaftung nachhaltig gewähren können. Das Zentrum will als Ertragswert das Zwanzig­fache des Reinertrages anne^mon, den die Grundstücke nach ihrer wi tschastlrchen Bestimmung bei ordnungs­mäßiger Bewirtschaftung mit entlohnten fremden Ar- beitslräflen nachhallig gewähren können. Die forst« und lanowirtschastlichen Zwecken dienenden Gebäude und Be- triebsmitlel werden nicht besonvers veranlagt, sondern sind in der Veranlagung des Ertragswertes einbegriffen. Bei bebauten Grundstücken, die Wohnzwecken oder ge­werblichen Zwecken dienen, wird der Mietwert oder Pachtwert zugrunde gelegt, wsern die Bebauung und Benutzung der ortsüblichen Bebauung und Benutzung entspricht. Als Mietwert oder Pachiwert gilt das Zwanzigfache des Miet- oder i-achlerlrages, der in den letzten drei Jahren im Durchschnitt erzielt worden ist, oder im Falle der Vermietung oder Verpachtung hätte erzielt werden können, nach Abzug von einem Fünftel für Nebenleistungen und Instandhaltung. — Ern Ver­treter der Regierung erstickte, nach der Vorlage alS Er­tragswert das LSiache des Reinertrages sestzufetzen. Unter Einsetzung des von der Kommission gewünschten 20fachen Ertrages würde sich bei der Veimögensseststel- lurig von runo sechs Milliarden, beim Wehrbettrag ein Ausfall von 30 Millionen ergeben. — Em anderer Re- glerungSvertreter erkläile, in Preußen habe die Veran­lagung nach dem gemeinen Wert keine Schwierigkeiten gemacht. — Ein bayerischer Zenlrmnsredner legte auf Grund persönlicher Erfahrungen die Schwterigkeiien dar, aus rem Pachlwert aus den Wert etnes Grundstückes oder Gutes zu schließen. — In längerer Rede trat ein sozialdemolratischer Redner für den „gemeinen Werl" als die einzig geeignete Grundlage ein.

In der Abstimmung wurde § 17 in der Fassung des Zentrums (Ertragswert — zwanzrgsacher Reinertrag und Berücksichtigung des Weries entlohnter fremder Arbeits­kräfte) angenommen mit einem Zusatz, wonach der Ver- wögenswert von Jagdrechten bei der Bewertung von E rundstücken besonders in Anschlag zu bringen ist. Auch § 16 wurde angenommen Ein Zuiatz zu § 12, wonach

„Ja —■ aber fein Vater sieht nicht gut dazu. Tie Braut ist nämlich — Schauspielerin. Schön, talent­voll und großzügig ist sie in allem, vornehmlich in ihren Toiletten — und nach menschlicher Berechnung wird sie den Leutnant auch großzügig ruinieren! Aber er läßt sich nicht belehren, ist rein vernarrt in die schöne Olympia."

Da Annie zurückkehrte, schwieg er. Sie lachte fröhlich und erzählte: „Denk dir nur Papa: Puck ist eingespertt und treibt es in seinem Käfig ganz toll, miaut wie eine Katze, bellt wie ein Hund, kräht wie ein Hahn und brüllt wie ein Löwe. Onkel Kom­merzienrat will ihn nicht mehr herauslassen. Er sagt, Puck ersetze ihm eine Menagerie und den Zoo, und er müsse immerzu bellen, krähen und brüllen, bis er sich gesund gelacht habe."

„Seltsames Home," sagte Sandow, als sie das Hans verließ m. Das reinste Theater!"

IV.

Mit aller Macht setzte in den nächsten Tagen noch einmal der Winter ein; in dichtem Gewirbel fielen die Flocken, die Frauentürme trugen hohe Schnee­kappen und die Stadt und alles Land ringsum waren in weißen, Weichen Hermelin gehüllt. —

Annie saß am Erkerfenster und ihre Gedanken zogeil auf goldenen Straßen dahin. Da knartte das Gartentor und ein Schneemann stapfte daher. Hei­ßes Rot färbte Annies Wangen, sie sprang auf, um ihm entaegenzugehen unb ein leiser, jubelnder Schrei löste sich von ihren Lippen: „Er kommt! —"

Aber es war nicht der Erwartete, sondern Puck, der einen Davoser auf dem Rücken schleppte. Er pochte ans Fenster, unb als Annie öffnete, sagte er: „Geh' Annett — komm mit auf bie Roblbahn! Drau­ßen beim Herzogpark ist eine Bahn, daß dir's Herz im Leib» lacht, wenn du sie siehst."

Annie erwiderte zögernd: „Herr von Sandow wird in enter halben Stunde kommen unb ich soll ihm zu dem Silbe sitzen —"

„Ach so, ber Berliner? — Na, ber kann ja nach­kommen mit seinen Salonschuhen! — Schau, robeln kannst nur, wemt's Schnee hat! Im Mai. Wenns

inländische gemeinnützige Gesellschaften von dem Beitrag befreit sind, gelangt« ebenfalls zur Annahme.

Nächst, Sitzug Montag.

0 Internationales

Das Feuer des Balkanktteges glimmt weiter.

Außer dem vielen Unglück und Leid, das der Balkankrieg gebracht hat, hat er aber auch manche Botteile geschaffen, von denen nicht der geringste die Wiederannäherung Englands an Deutschland ist. Die Stunde der Not hat die europäischen Mächte allerdings in ihrer Gesamtheit zusammengeführt, aber man kann es der deutschen und englischen Diplomatie und Regierung nicht strei­tig machen, daß s i e an erster Stelle das Friedens- Werk gefördert und gesichert haben. Das Bewußtsein, gemeinsam für gemeinsame Interessen tätig zu fein, hat Engländer und Deutsche den Wall von Vornttei- len und Mißtrauen übersteigen lassen, der fest Jahren die stammesverwandten Völker entfrembet hat. Die Gemeinsamkeit der Interessen trat in den Vorder­grund und man erkannte auf beiden Testen den Wi­dersinn und die Grundlosigkett mancher Befürchtun­gen, die in den letzten Jahren aufgekommen waren, seitdem die unglückliche Einkreisungs Politik Englands begonnen und in Deutschland nicht ohne Reaktion geblieben war.

Ein gutes Einvernehmen zwischen Großbritannien und dem Deutschen Reiche, den führenden Staaten in den beiden Mächtegruppierungen Europas, bietet nicht nur eine Gewähr für die Erhaltungdes europäischen Gleichgewichts und Frie­dens, sondern kommt auch gerade jetzt bei der Lö- sung der aus dem Balkankrieg sich ergebenben Prob­leme sehr zu statten.

Groß sinb schon bie Schwierigkeiten, bie auf dem Balkan einer ersprießlichen Regelung ber Verhältnisse entgegenstehen; noch größere Energie unb Einigkeit werben jedoch vonnöten sein, um etne kleinasta­tt s ch e Türkei zu sichern. Eine lebensfähige Türkei verlangt das wohlverstandene Interesse Ge­samteuropas. Diese zu schaffen wird aber nur dann möglich fein, wenn die führenden Staaten beider Mächteverbände mit Einhelligkeit und Entschiedenheit für den Bestand der Türkei in Kleinasien eintreten.

Alle europäischen Großmächte haben in Kleinasien zum Teil wittschaftliche, zum Teil auch politische In- teressen. Alan weiß, mit welchen Augen Rußland Armenien betrachtet, weich' reges Interesse Frank­reich für Syrien an den Tag legt und wie Eng­land sich bemüht, ttn persischen Meerbusen und in Arabien einen Zustand zu schaffen, wie er in Aegyp­ten vorhanden ist. Deutschland hat in Klein­asien ebenfalls sehr große wittschaftliche Interessen, ja es hat dott, mehr als jeder andere Staat, Kapi­talien angelegt.

Der Gegensatz zwischen den russischen und eng­lischen Interessen in Kleinasien hat für uns Deutsche den Votteil gebracht, daß wir uns mst den Engländern dort leichter auseinandersetzen unb verständigen können. Deutschlands Interessen bewegen sich größ- tenteils um die Bagdadbahn, deren Vollendung jahelang durch das Mißtrauen Englands be- hindert war. England sieht jetzt ein, daß nichts die kleinasiatische Türkei so sehr wirtschaftlich beleben und die brachliegenden Landschaften ertragreich machen kann, als die mst deutschem Kapital geschaffene Han­delsstraße zum persischen Meerbusen. Bis Basra ist ber Bau unter deutscher Leitung gesichert und es besteht kein Zweifel, daß England das Schlußstück bis K o w e i t anbauen lassen wird.

K o w e i t ist einige Zeit hindurch ein Brennpunkt ber Gefahr gewesen, bie bie deutsch-englische Verstän­digung wieder zu zersprengen drohte. Tie Festsetzung Englands am persischen Meerbusen und seine Ab­machungen mit der Türkei brauchen aber, so schreibt

Blüten schneit, da geht's nimmer. Geh', sei gescheit und komm' mit!"

Da sagte Annie zu und ging, um sich umzuklei- den; inzwischen instruiette Puck die Gusti, was sie dem „Baron" zu sagen habe und wo die Rodewahn liege, und dann stapfte er an Annies Seite, die in ihrem Weißen Sweater unb der Weißen Mütze rei­zend aussah, durch den fußhohen Schnee. Das Ge­stöber ließ nach und sie erblickten die verschneite Stadt unb die Frauentürme, die wie zwei ttesenhafte Säu­len mit silbernen Hauben emporragten. „Schau", sagte Puck, „wie schön! — Ein besseres Modell zu meinen zwei Maßkrügen sind' ich mein Lebtag nim­mer! Schau nur die silbernen Deckel daraus! Und ber Schnee rieselt herab wie feiner Salvatorschaum! — Gleich morgen fang’ ich zu malen an!"

„Warum pinselst bu immer solchen Firlefanz?" rief Annie ungeduldig. „Mache dich doch einmal an etwas Großes, das dich berühmt macht!"

„Watt' nur, Annett, wird schon kommen! — Der Anfang ist gemacht — das Münchner Kindl für den Kommerzienrat ist pickfein. Und nobel hat er be­zahlt — dreihundert Mark! Bin ich da nicht ein Krösus? — Und fidel ift's gewesen in meinem Ge­fängnis — zwei Tage bei Brot und Wasser — Par­don bei Hofbräu und feiner Kost! — Mit solcher Lieb' hab' ich noch nie gearbeitet! Ich hab' allzeit an dein liebes Gesichter! denkt, Annie, darum ift's auch so schön geworden, das Bild!"

„Schwatz keinen Unsinn, Puck", sagte Annie un­mutig.

„Es ist kein Unsinn, Annie, sondern die Wahr­heit! Schau, Annerl, sei nicht hart zu mir. Sei ein bisserl lieb! Ich hab' ja sonst keinen Menschen auf ber Welt, ber mich mag unb es gut mit mir meint. Einmal muß ich es dir ja sagen, wie lieb ich dich habe, Annie. Durch's Feuer geh' ich für dich!"

„Ach, mit deinem ewigen Anhimmeln", sagte sie unmutig. Tas ist schon nimmer zum Aushalten." Als sie aber sein betrübtes Gesicht sah, tröstete sie ihn: „Ich mag dich ja auch gern leiden unb bu bist mir ein lieber Kamerab. Aber —"

man uns aus Berlin, keineswegs als eine Deutsch lanb unfreundliche Handlungsweise aufgefaßt zr werden. Englands Interesse am persischen Meer­busen ist so stark, daß man die durch die Festsetzung in Kuweit erfolgte Verbauung des Weges nach Indien vorn Standpuntte Politischer Klugheit billigen kann, wenn man sich dabei auch nicht ganz des Gefühls erwehren kann, daß Deutschland nicht schnell genug zugegriffen hat. Dennoch scheint, daß wir es im Austrag der Koweitfrage mit einem beider­seitigen Entgegenkommen zu tun haben unb daß von einer Uebervorteilung Deutschlands nicht gut die Rede sein kann. Auf asiatischem Boden wird viel­leicht das Freundschaftsverhältnis zwischen Deutsch­land und England noch tiefer gefestigt werden, das für die Erhaltung des Friedens in Europa von un­schätzbarem Wette ist.

Veutscher Reich.

r Berlin, 8. Juni 1913. Der Kaiser wohnte Sonntag früh in Döberitz den QlfiziersreitstunOen bei ®aibetaoa nerieregimenter (Geländereiten) bei. — Wie Londoner Rettungen meldet, wird der Prinz von Wales am 1. Juli nach Deutschland reisen. Er will sechs Wochen lang m Deutschland bleiben unb wird während des größten Teiles dieser Zeit Gast des Großherzogs unb der Großherzogin von Mecklenburg-Slrelitz lein.

* Zum Regieruugsjubiläum des Kaisers. Bei ber Ankunft ber Fürstlichkeiten auf ben Bahnhöfen werben auf Anordung bes Kaisers keine offiziellen Empfänge stattfinben. Da ber Kaiser nicht in bei Lage ist, bei all ben vielen, ihm zu Ehren veranstal­teten Festlichkeiten persönlich zugegen zu sein, so wer­ben ihn in vielen Fällen die Kaiserlichen Prinzen bertreten. Anläßlich des Jubiläums ist eine große Anzahl von Gnadenbeweisen und Aus­zeichnungen zu erwarten. Der Kaiser hat an- geordnet, daß diese am 16. Juni früh in einer Son­derausgabe des Reichs- und Staatsanzeigers ver­öffentlicht werden.

)( Landtagseröffnung. Der Minister des In­nern erläßt folgende Bekanntmachung:

Mil bewg aus die Älleruöchlte Verordnung vom 4. b. Mts., durch welche bie beiden Häuser des Land­tages der Monarchie aus den 12. Juni 1913 in die Haupt- und Residenzstadt Berlin zusammenberulen worden finb, macke ich hierdurch bekannt, daß die Eröffnung ber Tagung Donnerstag, 12. Juni 1913, vormittags 11 Uhr, in gem-inschaftlicher Sitzung beider Häuser im Sitzungs­saale des Hauses der Abgeordneten stattfinden wird.

Am 13. d. M. wird das Hans voraussichtlich bie Prüsibentenwahl vornehmen unb bas neugewählte Präsibinm beauftragen, zum Regierungsjubiläum bes Königs die Glückwünsche des Hauses abzustatten. Dann wird alsbald der Schluß ber Tagung erfolgen, da Beratungsmaterial nicht vorgelegt wirb. — Der Präsident des Herrenhauses v. Webel gibt be­kannt, baß die erste — unb voraussichtlich einzige Plenarsitzung bes Herrenhauses — am Donnerstag ben 12. Juni, nachmittags 2 Uhr, statt­finben wird mit folgender Tagesordnung: 1. Kon­stituierung des Hauses. 2. Wahl des Präsidenten, der beiden Vizepräsidenten und der Schriftführer. 3. Geschäftliches.

* Wann wird der Wehrbeitrag fällig? Ob die Be- schlüsie der Kommission bte gewünschte Milliarde ein­bringen werben, ob 100 Millionen weniger ober mehr dabei heiauskommen werden, darüber läßt sich beim besten Willen eine genaue B rechnung nicht ausstellen. Da ber Einschätzung bes Vermögens ber Staub vom 31. Dezember bs. Js. zu Grunbe gelegt wirb, biefe Einschätzung Monate ber Vorbe­reitung unb Ausführung bebatf, so unterliegt es keinem Zweifel, baß vor bem Frühjahr nächsten Jabres bte erste Rate nickt erhoben wird.

Er überhörte absichtlich den kühlen Unterton unb rief erfreut: „Dann ift's ja gut, Annie, bann bin ich zufrieden! — Unb schau, ba ist auch bie Rodel­bahn! Heiliger Bimbam — was Menschen! Das wimmelt wie in entern Ameisenhaufen!"

Inmitten stäubender Schneewolken sausten die Schlitten den Abhang hinab; die Bahn war nut kurz, höchstens 400 Meter lang, aber ziemlich steil. In halber Höhe gab es eine tiefe Rinne, die sich querüber zog; hier bockte jeder Schlitten und wer nicht sattelfest war, wurde abgeworfen. Das gab dann immer ein lautes Halloh bei den Zuschauern und es war luftig anzusehen, wie bie Abgeworfenen durcheinanderkrabbelten unb sich ben Schnee pusten!» unb schnaubend aus Mund und Nase und aus den Augen wischten.

Puck und Annie widerfuhr dies Unglück nicht, da Puck als Fahrer sehr vorsichtig war. Nachdem sie ein halb dutzendmal glatt abgefahren waren, setz­ten sie aus unb schauten von ber Anhöhe aus bem fröhlichen Treiben zu. Da stieß Annie ihren Beglei­ter mit bem Ellenbogen an. „Schau — ba ist Map, der Leutnant! Kennst du bie Dame an seiner Seite?"

Puck hielt die Hand über bie Augen. „Das ist doch seine sogenannte Braut — bie schöne Olympia vom Theater", erwibette er.

„So?" machte Annie „Da möchte ich lieber aus- weichen- Hoffentlich sieht mich Max nicht."

Aber der hatte sie schon entdeckt, kam auf sie zu- gesteuett, schüttelte ihr die Hand und nickte Puck ein wenig hochmütig zu. „Schön, daß ich dich treffe, Annie! Da wollen wir gleich 'mal zu Tal fahren. Narhher kannst du deine Philippika los lassen. Denn daß du mich ausschiltst, das gehört zu unserem Zu­sammentreffen wie die Butter auf's Brot."

„Du hast Begleitung, Max?"

„Selbsttedend. So allein in den Tag hinein­rodeln — das ist doch todlangweilig. Meine Braut pausiert -- also fix los!"

Er saß schon auf dem Schlstien unb Annie konnte seine Bitte nicht Wohl abschlagen; so snhren sie denn zu Tal. /