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Zuldaer Zeitung

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Samstag 7. 3uni 1975.

z. Blatt.

druck der Selbe« 3cttte6ret«ei in Selbe

Wochen-Rundschau.

[:] Fulda, 6. Juni 1913.

Die Abgeordnetenwahlen zum preußi­schen Landtag haben keine Überraschungen gezeitigt, gine wesentliche Veränderung tritt nicht ein, wenn auch eine kleine Verschiebung nach links stattgefunden hat. Sie ist zu unbedeutend, als daß sie irgendwie ins Gewicht fallen könnte, hat aber insofern politische Be­deutung, als sie nur zustande gekommen ist durch das Wahlbündnis des Fortschritts mit der Sozialdemokra­tie. Der Wahlschacher, den der Fortschritt genau so wie bst den letzten Reichstagswahlen mit der Sosial- deni .ratie getrieben hat, legt erneut zutage, wie wenig Verlaß für die bürgerlichen Parteien auf den Fortschritt besteht und mit wie wenig Recht der Fort­schritt überhaupt noch beanspruchen kann, als bürger­liche und vaterländische Partei zu gelten. Es ist selbst­verständlich, daß das Verhalten des preußischen Frei­sinns bei diesen Landtagswahlen auch auf die Reichs­politik nicht ohne Rückwirkung bleiben kann. Das Zentrum weist auch im neuen Landtag dieselbe Man­datszahl auf wie im früheren.

Der Reichstag Hai in dieser Woche seine Ple­narsitzungen ausfallen lassen,' umso emsiger arbeitet die Butgetkommission, die die Beratung der Wehr­und Deckungsvorlagen bis zum 10. Juni soweit för­dern will, daß das Plenum ohne Verzögerung die Verhandlungen aufnehmen kann. Ob dies nun aber gelingen wird, scheint doch zweifelt, ,t. Ist die Wehr­vorlage schon nicht ohne mannigfache Schwierigkeit durch die Kommissionsbcratungen hindurch gegangen, so bereitet die Beratung der Deckungsvorlagen noch weit größere Schwierigkeiten. Selbst der einmalige Wehrbeitrag, für den doch alle Parteien im Grunde zu haben sind, und zu dessen Verabschiedung alle auch den besten Willen an den Tag gelegt haben, stößt auf Schwierigkeiten, die sich hauptsächlich auf Differenzen zwischen den Anschauungen der Regierung und der Budgetkommission zurückführen lassen. Weit ungün­stiger stehen noch die Zeichen für dir übrigen De­ckungsvorlagen der Regierung, vor allem für das viel erörterte Besitzsteuerproblem. Die Reichsvermögens­steuer, für die int Reichstag am ehesten sich eine bür­gerliche Mehrheit finden würde, stößt bei der Regie­rung auf hartnäckigen Widerstand; die Erbschafts­steuer hingegen wird von den Konservativen und dem Zentrum zurückgewiesen. Wenn die Regierung nicht bald die Zügel straffer in die Hand nimmt, und ent­schieden erkmrt, was sie nun eigentlich will, dann wird sie selbst die Verantwortung tragen müssen, wenn erneut vergiftende Parteikämpfe um Steuer­vorlagen das deutsche Volk zerreißen.

Eine Spionage, die in der Geschichte ihresgleichen sucht, ist in Oe st erreich aufgedeckt worden. Der Generalstabsoberst Redl, der, als er sich ertappt sah, seinem schandbaren Leben durch einen Revolverschuß ein Ende gemacht und sich damit dem Arme der irdischen Gerechtigkeit entzogen hat, war seit Jah­ren Spion in russischen Diensten. Die bedeutende militärische Stellung, die er inne hatte und ihm Ein­blick in die wichtigsten Geheimnisse des österreichi­schen Heeres gab, hat er dazu benutzt, gegen schnöden Geldeslohn an seinem Vaterlande zum Verräter zu werden. Geheime Pläne der deutschen Armee sind nicht, wie man erst befürchtete, von ihm an Rußland verraten worden.

In Ungarn hat der Ministerpräsident Sucacs feine Demission eingereicht. Ein Beleidigungsprozeß, den er gegen den früheren Unterstaatssekretär Desy ang^trengt hatte und der mit seiner eigenen morali­schen Niederlage endete, hat ihn zu diesem Schritt veranlaßt.

Zu einem Rücktritt des Ministeriums kam es auch in Spanien, doch endete die dortige Krise damit, daß König Alfons das liberale Ministerium Storno« noneS unverändert wieder mit der Weiterführung f>er Geschäfte betraute.

In Frankreich hat am Montag in der Kam­mer die Beratung des Gesetzentwurfs über die Ein­führung der dreijährigen Dienstzeit begonnen. Das Kabinett Barthou wird noch manche Schwierigkeit zu überwinden haben, bis es gelingt, die Verlängerung der Militärzeit aus drei Jahre durchzusetzen.

Die Türkei und die Balkan st aaten haben itnt Freitag vergangener Woche in London durch ihre Delegierten die Friedenspräliminarien unterzeichnet. Ob nun aber auch auf dem Balkan Friede werden tvird, ist eine andere Frage. Die Türkei hat ja wohl das Kriegsbeil endgiltig begraben. Anders aber ihre bisherigen Gegner. Sie schärfen jetzt ihre Waffen, um sie, wenn nicht noch fast im letzten Augenblick sich ihre Diplomaten über die Teilung der eroberten Ge-

Unpolitische Zeitlause.

N. Berlin, 5. Juni 1913.

(Nachdruck nicht gestattet.)

Die Frauen haben's doch besser! Dieser un­männliche Gedanke kommt mir erst bei Ausbruch des Schweißes in den Kopf. Das weibliche Geschlecht hat eS besser bei der Hitze, weil es sich vernünftiger an­ziehen kann. Ich sage „kann"; denn nicht alle Damen machen von der Kleidungsfreiheit den rechten Gebrauch. Einige treiben aus Leichtsinn oder Ge­fallsucht die Enthüllung zu weit; andere belasten sich auch während der Hitze mit einem starren, undurch­lässigen Panzer, so daß die scheinbar leichte und luf­tige Außenkleidung nur eine Vorspiegelung falscher Tatsachen ist. Aber solche Ausnahmen bestätigen nur die Regel: die Frau hat mehr Freiheit in der Kleiderwahl als wir Männer.

Mehr Freiheit? Und doch sagt man, daß gerade das weibliche Geschlecht in den Sklavenketten der Mode liege. Ja, sind wir Männer denn nicht auch der Mode untertan? Ter Unterschied ist nur der, daß bei uns die Mode nicht so schnell wechselt, als bei dem andern Geschlecht. Die männliche Mode ist starrer, aber keineswegs milder. Kann ich z. B. bei der Bärenhitze in Hemdsärmeln auf die Straße gehen? Nein, ich muß einen Rock anziehen, damit nicht die Gassenjungen mir nachlaufen oder gar die Polizei mich wegen Fluchtverdachts anhält. Die Frauen aber können ruhig in Hemdsärmeln spazie­ren oder einkaufen gehen Ja, sie können sogar die Aermcl fortlassen und sich mit einem Hauch von Tüll über dem fcberarnt begnügen. Oben ein zartes Blüschen, unten durchbrochene Strümpfchen an den ' Füßchen, dazwischen ein leichtes Kleid; — fertig ist die Sommerherrlichkeit. Die Frau kann nicht bloß die leichtesten Stoffe wählen, sondern auch, die hell­sten. Wenn ich aber unter meinem weißen Bart einen weißen Rock tragen wollte, so würde man nucq für einen pensionierten Tennisspieler oder für einen alten Gecken halten. Tie Frau ist an einige Zeitge­setze unweigerlich gebunden; so darf sie z. B. sich heutzutage um keinen Preis unten breit machen, son-

biete verständigen, gegeneinander zu wenden und in einem neuen Kriege ihre Ansprüche zu verfechten. Die Zusammenkunft des bulgarischen und des serbischen Ministerpräsidenten in Zartbrod scheint nicht den Er­folg gehabt zu haben, den man sich in Belgrad von ihr versprach. Inzwischen ist in Sofia eine Mini­sterkrisis eingetreten. Das bisherige Kabinett Ge- schow hat seine Demission angeboten. Es verlautet jedoch, daß der Rücktritt erst nach der gemeinsamen Konferenz der Ministerpräsidenten der vier Balkan­staaten, die nach dem Beschlüsse von Zartbrod in Sa­loniki stattfinden soll, erfolgen wird.

Ans dem Nachbarqebiete.

* Windeckkn (Kr. Hanau), 5. Juni 1913. Der frühere KreisvoUziehungsbeamte des Landkreises Hanau, Krause, hat während seiner Amtszeit Geld­beträge in der Gesamttöhe von etwa 2000 Mark unterschlag en. Er wird sich demnächst vor Gericht zu verantworten haben. Die unterschlagene Summe haben Angehörige wieder ersetzt.

* Offenbach, 6. Juni 1913. Erschossen hat sich heute die 25jährige Ehefrau des Portefeuillers Buchmann. Das Motiv der Tat soll in ehelichen Zwistigkeiten zu suchen fein.

* Frankfurt, 6. Juni 1913. Heute früh fand auf einem Patrouillengang ein Schutzmann den Schlosser Rief mit Schußwunden im Mund und in einem Auge tot auf. Es liegt Selbstmord vor. Nachbarn hörten gegen 10 Uhr gestern abend zwei Schüsse, so daß anzunehmen ist, daß Rief sich schon um diese Zeit umbrachte. — Das 19jährige Dienstmädchen einer Herrschaft in der Bockenheimer Landstraße versuchte sich gestern nachmittag mit Leuchtgas zu vergiften. Bewußtlos wurde sie nach dem städtischen Kranken­haus gebracht — Im Wartefaal des Hauptbahnhofes verhaftete gestern die Bahnhofs-Kriminalpolizei drei 25jährige russisch-polnische Arbeiter, die in der letzten Nacht in Friedberg zwei Einbrüche begangen hatten, wo ihnen 1500 Mk. Bargeld in die Hände fielen.

* Homberg, 5. Juni 1913. Die Sammlung für die Nationalfpende zum Kaiserjubiläum hat in un­serem Kreise 3170,75 Mk. ergeben. — In den Nie­derungen unseres Kreises hat man bereits mit der Heuernte begonnen und man erzielt sehr reiche Erträge.

§§ Kassel, 5. Juni 1913. In der heutigen Stabt« verordneten-Versammlung wurde die Stelle eines Stabtbauins pektors für Hoch- und Tiefbau dem kgl. Regierungsbaumeister a. D. Architett Lobes aus Görlitz übertragen. — Eine Kommission Übertrug dem Kunstmaler Hans Meyer die Austührung des Hochzeitsgeschenkes der Stadt Kassel für die Herzogin Viktoria Luise von Braunschweig-Lüneburg. Als Motiv des Bildes, bas ber Prinzessin Überreicht werden wird, soll eine Landschaft, uno zwar eine aus der Umgebung Kassels, wo die Prinzessin besonders gern weilte, gewählt werden. — Zu den Kosten der anläßlich des Fleischer-VerbandStages in Raffel statt­findenden großen Fachausstellung für das deutsche Fleischer- und Wurstmacherge- werbe auf dem Garde du-Korps-Platze wurden mit Rücksicht darauf, daß die Ausstellungshalle allein fast 30000 Mark kostet, seitens der Stadtverwaltung 1000 Mark bewilligt. — Die Rothaus-Rats- teilet ei erbrachte im Jahre 1912 für die Stobt Kassel einen Reingewinn von 48129 Mark.

* Friedberg, 6. Juni 1913. Heute früh wurde auf dem neuen Bahnhof der im Vorbereitungsdienst befindliche, aus Bayern stammende Schmidt vom Zuge erfaßt und ihm der ganze Rücken aufge- rissen. An seinem Aufkommen wird gezweifelt.

* Aus Franken, 6. Juni 1913. Am Mittwoch wurden in Leubach bei Fladungen der 35jährige Kümmeth, Vater von 4 kleinen Kindern, und der 19jährige ledige Trapp in einer Kiesgrube von ein­stürzenden Erd- und Gesteinsmassen überschüttet. Sie konnten beide nur als Leichen geborgen werden. — Am kommenden Mittwoch wird eine Anzahl Land­wirte aus verschiedenen Rhöngemeinden unter Füh­rung des Kreiswanderlehrers Riedle eine Besich­tigungsreife nach dem Allgäu unternehmen, wo den Landwirten von dem Reiseleiter auf den dortgelege- nen Almen die Güllenwirtschaft mit dem intensiven Weidebetrieb gezeigt wird. — Altbürgermeister Künst­ler von Mittelsinn stürzte infolge Fehltrittes von der Scheune und war auf der Stelle tot. — Ana­log der im vorigen Jahre links der Sinn abzweigen­den neuerbauten Straße in den Joßgrund wird Heuer eine solche Staatsstraße rechts der Sinn beim Bahnhof Mittelsinn abzweigend nach Roßbach zu ge­

dern muß damit gefälligst warten, bis die Krinoline wieder Mode wird. Aber diese Grundzüge der Tages­mode lassen der Frau noch eine große Wahl- und Be­wegungsfreiheit in der Form und Farbe, in der Dichte und Leichtigkeit. Die kluge Frau gestaltet ihr Kleid nach ihrer Eigenart und nach den Wetterver­hältnissen. Der Mann aber muß in erster Linie „korrekt" angezogen sein. Schönheit und Zweckmäßig­keit ist Nebensache, und wenn der Mann in seinem regelrechten Anzug so schwitzt, daß die Wäsche ihre Stärke verliert, so ist das seine „Pflicht und Schul­digkeit".

Welch eine Belastung bildet im Sommer ber steife Hut? Das Hilfsmittel des Strohhutes ver­sagt nur zu oft. Erstens darf man bei Anlässen von irgend welcher Feierlichkeit das Stroh nicht auf dem Kopfe trogen; zweitens eignet sich der Strohhut nicht für alle würdigen und gesetzten Leute, und drittens gibt es unter den landesüblichen Strohhüten viel Schund, der dem Kops keine wesentliche Erleichterung bringt. So bleibt denn der steife, luftdichte Hut eine wahre Landplage für das männliche Geschlecht, und nach meiner Ueberzeucmng trägt er die Hauptschuld an den Glatzen, die bei jeder Zusammenkunft von Männern ihren Vollmondschein ausstrahlen. Die weiblichen Köpfe haben ihre natürliche Bedeckung in dem eigenen Haarwuchs. Der Frauenhut ist eigent­lich mehr eine Zierrat, als eine Bedeckung. Auch wenn er zeitweilig fick zur Wagenradgröße auswächst, bleibt er doch immer ein luftdurchlässiges und also unschädliches Gebilde.

Um den Hals tragen die Frauen entweder gar nichts ober ein lockeres Gewebe, das auch so gut wie gar nichts ist. Der Mann aber bepanzert seinen Hals mit einem steifen Kragen, was an heißen Tagen eine wahre Qual ist. Die Soldaten werden ja leider auch noch mit Halsbinden und engem Rockkragen ge­quält; doch bei einem Marsch in der Hitze Pflegt der vernünftige Vorgesetzte dieses Hilfsmittels des Hitz- schlages lockern zu lassen. Der Kulturmensch aber darf' das schweißtreibende Halseisen erst ablegen, wenn er in seinem verschwiegenen Kämmerlein ist, und mancher ist so töricht, daß er auch dort im Schraubstock bleibt

baut. — In Obersinn mußten wegen Masern die Schulen geschlossen werden. — Gestern mußte der Verkehr der Dampfschiffe zwischen Kissingen und Saline wogen des hohen Wasserstandes der Saale eingestellt werden. — Aus dem Main bei Obereisenheim wurde eine unbekannte männ­liche Leiche gelänbet. Die Person ist etwa 24—26 Jahre alt. Die Leiche war nur mit Badehose beklei­det und hat etwa 2—3 Wochen im Main gelegen. — Die bayerischen ©ofttoirte, die dieser Tage in Augsburg ihren 24. Verbandstag abhielten, be­schlossen, mit allen zu Gebote stehenden Mitteln für die Durchführung der Zurückeichung der Biergefäße zu sorgen. Alle Gastwirte Deutschlands werden er­sucht, aus dem Verhalten der bayerischen Großbraue­reien die Konsequenzen zu ziehen.

vermischtes.

* Große Ausschreitungen streikender Arbeiter er­eigneten sich Donnerstag abend in dem Stettiner Vor­ort Frauendorff. Als der Arbeiter Brandenburg seine Arbeit in der Zichorienfabrik von Weiß, wo seit einigen Wochen die Arbeiter wegen Lohnstreitigkeiten streiken, verließ, um sich nach Hause zu begeben, wurde er unterwegs von Streikenden tätlich angegriffen. Darauf zog Brandenburg ein Messer und verletzte einen Arbeiter durch einen Stich in den Unterleib so schwer, daß dieser alsbald darauf starb. Eine Volksmenge von 500 bis 600 Personen ver­suchte darauf die Fabrik zu stürmen. Aus der Menge wurden Schüsse auf die Beamten abgegeben, von denen einer verletzt wurde. Gegen 11 Uhr kehrte die Ruhe allmählich wieder ein.

* Onkel und Neffe. Unter den zehn sozialdemo­kratischen Abgeordneten, die bei den preußischen Land­tagswahlen gewählt wurden, befindet sich auch Herr Konrad Haenisch, der im Wahlkreise Ober- und Niederbarnim den Sieg errang. Nun stellt sich die oikante Tatsache heraus, daß der sozialdemokratische Herr Hämisch — ein Neffe des Grafen Schwertn- Löwitz ist, der int vorigen Abgeordnetenhause den Präsidentenstuhl innehatte und jedenfalls auch im neuen Abgeordnetenhause das Präsidium führen wird. Es kann also in den kommenden Sessionen zuweilen der Fall eintreten, daß der Onkel den Neffen wegen unparlamentarischer Ausdrücke zur Ordnung rufen muß. Aber das wird natürlich nicht etwa in ver­wandtschaftlich-vertraulichem Tone geschehen, wie z. B.: „Konrad, ich muß Dich zur Ordnung rufen!", oder: „Konrad benimm Dich!" Sondern der Präsi­dent wird seinen Neffen höchst unparteiisch als „Herrn Abgeordneten!" ansprechen und ihn beim dritten Ordnungsruf mit strengem Ton auf die Folgen auf­merksam machen. Hoffentlich macht der Neffe seinem Onkel das Leben und das Amt nicht gar zu sauer.

* Ausschreitungen im Gerichtssaal. Am Donners­tag kam es vor der 7. Berliner Strafkammer zu einem 'ürchterlichen Auftritt. Das Gericht verurteilte den „Artistenfranz", einen gemeingefährlichen, sehr vielsei. tigen Verbrecher, zu 3 Jahren 9 Monaten Gefängnis. Kaum hatte der Vorsitzende das Urteil verkündet, als der Angeklagte wütend über die Schranken der An­klagebank hinwegsprang und sich auf die Mitglieder des Richterkollegiums stürzen wollte. Er packte einen Stuhl und wollte ihnen gegen den Richtertisch schleudern, doch sprangen glücklicherweise zwei Gerichtsdiener dazwischen und verhinderten größeres Unheil. Nun kam eS aber zu einem heftigen Kampf zwischen dem sich wie wahn­sinnig gebärdenden Angeklagten und den Gerichtsdienern, in dessen Verlauf die letzteren blutende Wunden erhiel­ten, einem von ihnen wurde die Uniform buchstäblich in Fetzen gerissen. Erst nach längerem Ringen gelang eS,

* Berlins Magistrat für Vegetarismus. Das Kura­torium der städtischen Berliner Heilstätten hat ein Merkblatt aufgestellt, „um die Pfleglinge der Heil­stätten zu veranlassen, nicht nur in der Heilstätte, sondern auch später im eigenen Haushalte mehr Gc- roidit auf die vegetabile Ernährung zu legen, welche der Gesundheit zuträglicher ist als eine zu reichliche Ernährung durch Fleisch. Gegenwärtig bestehe, be­sonders bei den die Heilstätten besuchenden Bevölke­rungskreisen, leider noch immer doS Vorurteil, daß eine gute Beköstigung gleichbedeutend fei mit sehr reichlicher Fleischgabe*.

* Sein „gutes Herz" und fein allzeit offenes Por­temonnaie hat ihm zwei Monate eingebracht. Er — der Gerichtsdiener Schinko in Jungbunzlau — hatte nämlich ein „Lustiges Gefängnis" etabliert. Er konnte den „Staatspensionären" feinen Wunsch ab­schlagen, namentlich nicht, wenn zwischen ihren Fin­gern ein Silberstück hervorblickte. Er entließ sogar seine Gefangenen „auf Ehrenwort" und erlaubte

Die steife Hemdbrust, welche jeden erfrischenden Luftzug von dem heißen Brustkasten fern hält, ist in neuerer Zeit etwas erweicht worden. Aber in dem korrekten Männerhemd steckt für die Sommerzeit noch viel zu viel Stärke oder sonstige Appretur, wodurch die heilsame Lüftung des Körpers verhindert wird. Wie ein Kachelofen wirken namentlich die Manschet­ten. Jeder weiß, welch' eine Erleichterung es bei der Hitze ist, wenn man die Handgelenke abkühlt. Dort, wo die Pulsadern zu fühlen sind, tritt sofort eine an­genehme Erfrischung des Blutes ein. Aber wenn die Handgelenke in einem undurchlässigen Futteral ste­cken, so wird aus der Erfrischungsstelle eine Heizkam- mer. Auf alten Modebildern sehen wir Herren in Spitzenärmeln und lächeln über diese „weibischen" Leute. Aber waren diese Träger von luftigen Spitzen nicht doch vernünftiger, als wir Sklaven der bretter« neu Wäsche?

Auch die Fußbekleidung der Männer leidet unter einer unzweckmäßigen Gleichförmigkeit. Der kräftige und gewichtige Seberftief»!, der im nassen und kalten Winter feine trefflichen Dienste tut, ist im Sommer eine lästige und schweißtreibende Fußbekleidung. Die einen sind zu bequem, die anderen zu sparsam und die dritten zu stockkonservativ, um sich für den Sommer einen vernünftigen, leichten Schuh anzuschaffen

Vielfach haben die Männer auch eine große Angst vor der Erkältung. Das starke Geschlecht ist in die­ser Hinsicht viel schwachmütiger als die zarte Weib­lichkeit, die sich in der heißen Jahreszeit mit einer ge­wissen Verwegenheit in die leichte Kleidung stürzt und sich höchstens mit einem kleinen Jäckchen oder einem bescheidenen Tüchlein gegen Abendkühle oder Regen wappnet. Dabei ist aber offenbar die Zahl der Er­kältungsfälle bei den Frauen keineswegs größer als bei den Männern. Wie erklärt sich das? Sind die Frauen überhaupt abgehärteter? Oder wissen sie vielleicht besser das zu vermeiden, was zumeist die Erkältung herbeiführt: nämlich die übermäßige Er­hitzung, das Schwitzen, dem bei mangelnder Vorsicht leicht eine überschnelle Abkühlung der Haut und Luft­röhre folgt? Ich glaube in der Tat, den Kampf ge­gen die Erkältung muß man in ähnlicher Weise füh-

ihnen auch, ihre Strafe ratenweise abzusitzen. Aber eines Tages geriet einer der aus Raten brummenden Gefangenen unter die Räder eines Wagens und starb alsbald. Der Richter war höchst erstaunt, daß dem Betreffenden, den er in Nummer Sicher wähnte, so etwas begegnen konnte, forfchte den Dingen nach, — und daß Ergebnis war, daß Schinko zwei Monate Gefängnis absitzen muß. Freilich nicht in Raten.

* Eine angenehme Gesellschaft scheinen die Ser­ben fick in dem Kriege heraugezogen zu haben; man hat bei ben Türken bas Plündern berart gelernt, daß man es daheim nicht lassen kann. Der Reservist Alexander Anastassi Jewitsch, der in sein Kommando zurückberufen wurde, besuchte in Belgrad vor seinem Abgang zur Truppe mehrere Gasthäuser, betrank sich und schoß auf der Straße mit seinem Gewehr auf die Pafianten. Zwei Gendarmen eilten herbei, er legte auf sie an und streckte einen von ihnen, Milifaw Kstisch, durch einen Schuß ins Herz nieder. Schließ­lich gelang es mit großer Mühe, ihn zu überwältigen und der Militärbehörde auszuliefern.

* Fünf Unschuldige zu dreißig Jahren Zuchthaus verurteilt. Aus Bari in Italien wird gemeldet: Der Schwurgerichtshof hatte vor drei Jahren fünf Männer aus Altamura des Mords schuldig ge­sprochen und sie zu dem höchsten Strafmaß, welches das italienische Gesetz kennt, zu dreißig Jahren Zucht­haus verurteilt. Vergeblich hatten sie beteuert, daß sie an der Ermordung des Grafen Domenico Viti und seiner alten Magd Appolonia Lucatelli, die in der Nacht vom 17. zum 18. September 1905 verübt worden war, vollkommen unschuldig seien. Alle ihre Versicherungen halfen ihnen nichts, und die Richter sprachen ihr „Schuldig" aus. Die Verurteilten wand­ten sich an den Kassationshof, der die Wiederauf­nahme des Verfahrens anordnete. Aber auch ein zweites Mal ertönte der Schuldspruch der Ge­schworenen und so wurden die nunmehr endgültig Verurteilten in verschiedene Strafanstalten Italiens geschafft. Die Verwandten der fünf Männer ruhten aber nicht. Gegen die Zeugen wurde dank der un­ermüdlichen Rührigkeit der Verwandten eine Vor­untersuchung wegen falscher Zeugenaussage und An­stiftung zu solcher eingeleitet, und die Ergebnisse, die hierbei zutage gefördert wurden, waren derart be­lastend für die beiden und entlastend für die fünf Verurteilten, daß der Justizminffter ihre Strafe auf­hob und ihre sofortige Freilassung anorbnete.

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ren, wir den Kampf gegen die Sünde: man muß die nächste Gelegenheit meiden, und das ist die über­mäßige Erhitzung, die man sich im Winter am heißen Ofen und im Sommer in der Sonne zuzieht. Ist man aber in die Erhitzung geraten, so heißt es v o r- sichtig fein: sich nicht in den Zugwind setzen ober auf bte kalten Steine, nicht große Schlucke kalten Ge­tränkes hinunterstürzen unb bei einem Rückgang ber Temperatur, z. B. nach einem Gewitter ober bei einer Wafierfahrt ober nach Sonnenuntergang, eine schü­tzende Bedeckung nicht verschmähen, ebensowenig das Schutzmittel des Nasenatmens. Je heißer der Tag, desto leichter erkältet man sich am Abend. —

Zu den Dingen, um die ich das weibliche Ge­schlecht beneide, gehört auch der Fächer. Das ist im Grunde kein törichtes Spielzeug, sondern ein der- nünftiges Mittel, zur Erfrischung in der Hitze. j.a§ Drückende und Beklemmende liegt oft in dem Man­gel an Lufterneuerung. In der Schwüle begrüßen wir jeden Luftzug mit hoffnungsvoller Freude Wenn er uns keine kältere Luft bringt, so bringt er uns doch wenigstens eine frische Luft, die nicht mit un­seren Ausdünstungen schon so gesättigt ist, wie die stagnierende Luftsäule, in der wir bisher atmeten. Der erquickende Luftwechsel toirs durch den Fächer befördert. Durch den Handfächer für die Einzelperson und durch die elektrisch betriebenen Fächer, die man schon vielfach an der Zimmerdecke hängen sieht, für die Gesamtheit der Insassen. Nicht umsonst spielt der Fächer in den heißen Gegenden auch beim männli­chen Geschlecht und sogar beim fürstlichen Zeremoniell eine Hauptrolle. Ich würde es für einen Fortschritt ber Kultur erachten, wenn in der heißen Jahreszeit jedermann, auch der Schreiber am Pult und ber Hanbwerkcr am Arbeitsitsch, einen billigen Papier­fächer nach japanifchem Muster am Gürtel stecken hätte, um sich zeitweilig etwas frische Luft zuzu­wehen. Jedenfalls wäre eine solche Erquickung^ bil­liger und zweckmäßiger, als das landesübliche Trin­ken, das schließlich nur die Schweißerzcugung fördert. Kleide dich vernünftig, trinke mäßig in kleinen Schlu­cken, sorge für frische"Luft und — rege dich nicht auf!

Man nimmt ewns Butts zu tütn mit, ■ wenn man größere Spaziergänge und Touren macht — warum nicht stets auch Fays ächte Sodenei ■ Mineral-Pastillen? Die gehören faktisch zu jeder " Ausrüstung. Sie wirken durststillend und taffen ■ Magenverstimmungen nicht auskommen; sie sind vor- ■ trefflich bei plötzlich auftretenden. Reizungen der Atmungsorgane, bei Heiserkeit, Schüngbeschwer- | den, Hustenreiz rc., alles Dinge, die schon mancher ■ von einem AuSsiug mit heimgebracht hat. Daraus ergibt sich die Nutzanwendung, daß man Fays ächte ■ Sodener — man achte auf den Namen „Fay" — ™ überall zur Hand haben soll. Die Schachtet kostet | nur 85 Pfg. und ist überall zu haben.