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Fuldaer Leitung

Freitag 6. Juni 1915.

2. Blatt.

Orntf 6er 5»l6aer AtttendrvLerei in 5nI6a.

sc. Die roteBolkssürsorge".

Die von den roten Gewerkschaften und den roten Konsumvereinen geschaffene roteVolks für- sorge", ein Volksversicherungsunternehmen, wird, nachdem ihr durch das Kaiserliche Aufsichtsamt für privates Versicherungswesen die Genehmigung erteilt worden und ihre Eintragung in das Handelsregister in Hamburg erfolgt ist, in allen Orten, in denen durch die örtlichen Instanzen, das Gewerkschaftskartell und die Verwaltung des Konsumvereins, die nach dem Organisationsplan notwendigen Vorbereitungen bereits getroffen worden sind, am 1. Juli ihren Be­trieb aufnehmen.

Die Werbearbeit für dieVolksfürsorge" Wogegen beginnt schon im Juni, also in den nächsten Tagen, mit der Verbreitung eines vom Vorstände derVolksfürsorge" berausgegebenen Flugblatts und der Prospekte über die Bersicherungsarten von Haus zu Haus durch die am Orte bestellten Vertrauens­personen.

Für diese Werbearbeit ist folgender Schlachtplan entworfen: Die der Gencralkommission angeschlos­senen Gewerkschaften und die dem Zentralverbande Deutscher Konsumvereine angeschlossenen Genossen­schaften werden mit allen ihren Funktionären in den Dienst derVolkssürsorge" gestellt. Die Einkassierer und Beitragssammler der Gewerkschaften überneh­men auch die Einkassierung der Prämien für die Volksfürsorge". In allen Orten ist festzustellen, ob die Gewerkschaften bezw. deren Orts- und Unterkas­sierer die Arbeit für dieVolksfürsorge" zu über­nehmen bereit sind. Die diesbezüglichen Feststellun­gen haben da, wo Gewerkschaftskartelle vorhanden find, diese vorzunehmen. Haben die Gewerkschaften bezw. deren Orts- und Unterkassierer die Arbeit für dieVolkssürsorge" übernommen, dann find für die von dieser nach Berufen gegliederten Organisation nicht erfaßten Vorsichten vom Gewerkschaftskartell die erforderlichen Vertrauenspersonen zu bestellen, die das Inkasso bei diesen Versicherten besorgen. Werden die Obliegenheiten der Vertrauenspersonen seitens der Gewerkschaften am Orte nicht übernom­men, dann ist von der örtlichen Verwaltungskommis­sion eine Organisation ins Leben zu rufen. Der be­treffende Ort ist in Bezirke einzuteilen, die so abzu­grenzen find, daß sie mit Erfolg bearbeitet werden können. Für jeden Bezirk ist die erforderliche Zahl von Vertrauenspersonen zu bestellen. Die Ent­gegennahme von Versicherungsanträgen und die Ver­abfolgung von Marken für die Sparversicherung seitens der gewerkschaftlichen Einkassierer ist auch dann ihre Pflicht, wenn die zu leistende Gesamt­arbeit von den Gewerkschaften nicht übernommen worden ist.

Man sieht also, die Werbearbeit für die rote Bolksfürforge" ist fcharf shstematisiert und soll die weitesten auch nicht in den sozialdemokratischen Ge­werkschaften organisierten Volkskreife umfassen.

Drum doppelt aufgepaßt, wenn in den näch­sten Tagen vielleicht der rote Werber kommt!

In unseren Häusern darf die roteVolksfür­sorge", die den Zweck hat, auf Umwegen der Sozialdemokratie einen Weg in b i e Familien zu bahnen, keinen Platz finden!

Lokaler.

Fulda, 6. Juni 1913.

# Verliehen wurde dem Kirchenrechner, Auszüger Rehm zu Niederkalbach im Kreise Fulda, dem Kirchendiener, Auszüger Fötler zu Ellers das Allge­meine Ehrenzeichen.

(*) Eine Stadtverordneten-Versammlung findet am Montag, den 9. Juni 1913, abends 71/» Uhr, mit Sender Tagesordnung statt: 1. Beschluß des Be- lausschuffes betr. Ablehnung der Genehmigung der beschlossenen Kanalgebühren-Ordnung und die Erhebung eines einmaligen Kanalbeitrages. Ordnung betr. die Erhebung von Kanalbenutzungsgebühren. (Fritz u. Dux.) 2. Bereitstellung eines Kredites für das am 16. Juni stattfindende Volksfest. (Vollmer.) 3. Viehmarktangelegenheit. (Sunkel.) 4. Ordnung zum Schutze gegen Verunstaltung und über die Bauweise in verschiedenen Stadtteilen. (Adam.) 5. Oberrealschul- Neubau. (Fritz u. Vollmer.) 6. Umbau des alten Rathauses Friedrichsmarkt Nr. 10 und Bewilligung der Kosten. (Mahr.) Für die geheime Sitzung: 7. Bewilligung eines Schadenersatzes. (Jestädt.) 8. Ankauf eines in die Straße fallenden Ärundstücks- streifens. (Griefiel.) 9. Gewährung einer Zulage an den Rektor Solle. (Kapv.)

Kurt Reulands Erholungsreise.

Von M. Echifferings.

(Nachdruck nicht gestattet.)

Andere Männer sind nicht so", sagte Frau Lydia Neuland mit einem vorwurfsvollen Blick aus den Galten.Andere Männer freuen sich, wenn ihre Frauen sich hübsch machen, man tuts doch nur für den Monn. Die Bemerkung entlockte Kurt Neuland ein spöttisches Lächeln.Und andere Männer sind nicht wie lebendige Zahlen", fuhr Frau Lydia in einem tieferen, vibrierenden Tonfall fort,die zäh­len und rechnen nicht stets aus, was dieses und jenes kostet, die kaufen, was ihren Frauen Freude macht. Aber Du?---

Frau Lydia seufzte tief.Aber ich brauche ja auch den Hut nicht, auch das Kleid nicht, Dir ist es eins, ob ich etwas anzuziehen habe oder nicht,--

andere Männer"-----.

Bitte"--unterbrach Kurt Neuland feine er­

regte Ehehälfte,ich bin jetzt genügend über die Handlungsweise anderer Männer unterrichtet. An­dere Frauen suchen ihren Männern das Heim be­haglich zu gestalten, andere Frauen bringen dem Manne seine Lieblingsgerichte aus den Tisch und würzen sie mit Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit. Andere Frauen suchen Ersparungen zu machen. Aber Du?--

Das ist es ja", rief Frau Lydia und ihre Stimme sthlug den höchsten Ton an, Ersparungen machen, von was chenn? Ich wollte Dir ohnehin schon sa­gen, daß Du das Wirtschaftsgeld erhöhen mußt bei der allgemeinen Teuerung, wenn Du nicht willst, daß ich einfacher koche."

Was, noch einfacher kochen?" Kurt Neuland schrie es fast, in der Erinnerung an die mehr als einfache Hausmannskost der letzten Wochen. Jeden Tag Suppe ä. drei Teller 10 Pfg. Dörrgemüfe ober Einmachkraut, dazu nicht gerade das beste Fleisch. Nein, weiter durfte er es nicht kommen lassen. Seine Nerven waren ohnehin kaput. Lange vor der Zeit. Er wollte verreisen. Aber allein. Ohne seine liebe Familie. Und er freute sich, wie er das mit so richi-

A" d" Michaelskirche läßt gegenwärtig ein Aftertua sforscher ans Frankfurt a. M. Nachgrabungen veranstalten, um festzustellen, ob die Fundamente der Michaelskirche, bekanntlich eines der ältesten kirchlichen Baudenkmäler in deutschen Landen, und des westlich anstoßenden Turmes miteinander verbunden sind, also zu gleicher Zett erbaut sind. Nach den bisherigen Ergebnissen scheint dies der Fall zu fein. Da die Michaelskirche in früheren Zeilen von einem Friedhof umgeben war, wurden bei vielen Nachgrabungen auf der nordwestlichen Seite, im Garten des Bifchös- lichen Palais, ein Anzahl menschlicher Gebeine, da­runter mehrere Schädel mit noch gut erhaltenem Gebiß gefunden. Die Nachgrabungen werden jetzl auf der südöstlichen Seite fortgesetzt.

2- In der Kanalbeitrags-Angelegenheit tagte gestern abend die von der Stadtverordnetenversammlung ein­gesetzte verstärkte Kommission. Die stundenlangen Beratungen ergaben keine Einigung. Günstigen Falles wird man der am Montag statifindcnden Stadtver­ordnetenversammlung die Zahlung eines Achtels der Kanalisationskosten seilens der Hausbesitzer vorschlagen, also die Hälfte der seither bestimmten Summe. Es wurde hervorgehoben, daß mit einem solchen Beschlüsse die Mieter einverstanden wären, zumal sie ja dieselben Vorteile wie die Hausbesitzer von dieser Ein-icktung hätten. Noch nicht geklärt ist ferner die Zuteilung der Kosten für die Hausanschlüsse, die teils aut Rechnung der Stadt, teils auf R chnung der Haus­besitzer erfolgten. Auch hier müßte gleiches Recht für alle sein und die hierfür gemachten Kosten den Hausbesitzern auf die Beiträge angerechnet werden. Man siebt dem Beschluffe der Stadtverordneten mit begreiflichem Interesse entgegen.

-4- Unfälle. Gestern abend gegen 9 Uhr glitt in der Rhabanusstraße der 20 jährige Sohn des Bau- llempnermeisters Herrmann aus, kam zu Fall und brach den rechten Oberschenkel. Er ivurde mittels Bahre ins Landkrankenhaus gefahren. Bei der Einmündung der Parkstraße in die Leipzigerstraße kam der 12jährige Schüler Rommel von der Adal­bert straße, beim Versuch einem Kohlenwagen auszu- weichen, zu Fall, sodaß ihm die Ferse eines Festes abgefahren wurde. Heute vormittag wurde eine besser gekleidete, ältere Dame aus der Stadt in der Kastanienallee von einem Radfahrer aus Neuenberg angeraunt und fiel auf den rechten Arm. Sie erlitt erhebliche Verletzungen und mußte sofort ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen.

-u. Einen Ausflug nach Fulda unternahmen gestern die oberen Mädchenhaften von Bieber mit ihren Lehrermnen.

ch. Vermißt wurde gestern vormittag ein vier­jähriges Kind aus der Gartenftraße. Es war der Mui-er nachgegangen und verirrte sich. Am Nach­mittage wurde es in Horas wiedergefunden.

* Tie Kommission für die Vor- und Hauptprüsung für Nahrungsmittel-Chemiker in Hessen-Nassau fetzt sich für 1913-14 wie folgt zusammen: Vorprüfung: Vorsitzender Universitätskurator Geh. Ober-Reg.-Rat Hassenpfliig, Mitglieder die Geh. Reg.-Räte Prof. Dr. Zincke, Schmidt und A. Meyer, sowie Prof. Dr. vucharz. Hauptprüfung: Vorsitzender Umocrsitäts- Kurator Geh. Ober-Reg.-Rat Hassenpfliig, Mitglieder die Geh. Reg.-Räte Prof. Dr. Schmidt und Meyer, sowie Privatdozent Prof. Tr. Keller.

s. Znbiläumsmünzen. Die Ausgabe der Erinne­rungsmünzen znm 2b jährigen Regierungsjubiläum des Kaisers wird nach Berliner Blättern durch die lönigliche Münze an sämtliche Reichskassen sowie die staatlichen Kassen der Bundesstaaten bereits am 13. d. Bits, erfolgen mit der Maßgabe, daß vor dem 15. Juni, dem Tage des eigentlichen Regierungs- jubiläums, eine öffentliche Ausgabe der Münzen nicht stattfindcn darf. Da am 15. und 16. Juni die Kaffen geschloffen sind, dürfte die erste offizielle Ausgabe der Münzen erst am 17. Juni erfolgen können. Es sind im ganzen 6 Millionen Erinnerungsmünzen geprägt, von denen die eine Hälfte als Drei- und die andere als Zweimarkstücke zur Ausgabe gelangt. Was das Aussehen der neuen Erinnerungsmünzen anbetrifft, so stellt das Bildnis den Kaiser nicht mit dem Adler­helm, sondern barhäuptig in der Uniform der Kürassiere dar. Jrn übrigen ist unter dem Bildnis ein Lorbeer­kranz angebracht, der den unteren Teil desselben umrahmt. Das neue Kaiierbildnis gelangt vom Jubiläumstage an auf allen Silbermünzen zur Aus­prägung, die das Bild des Herrschers tragen. Zum Regierungsjubiläum wird der Vorstand des Vereins zur Beförderung des Gewerbefleißes dem Saiser die große Denkmünze des Vereins in Gold verleihen. Bei Gelegenheit der Huldigungseour am 16. d. Mts. wird der Vorstand des Vereins, der Unterstaatssekretär im Reichsamt des Innern, Wirkt.

ger grausamer Gelassenheit seiner Frau sagen konnte. Ihre Tränen rührten ihn nicht. Seine Seele war wie mit einem wasserdichten Regenmantel umgeben, und der schöne grüne Damast des gepolsterten Ses­sels, auf den die salzigen Perlen fielen, lag ihm mehr am Herzen, als die Erregbarkeit von Frau Lydia.

Kurt Neuland reifte wirklich. Seine Frau und fein einziger Sohn Siegfried begleiteten ihn zur Bahn. Und die Aussicht auf die baldige Erholung stimmte ihn liebevoll gegen seine Gattin. Er war beinahe zärtlich. Machte ihr Vorschläge, gab ihr Rat- schlüge, wie sie die Zeit seiner Abwesenheit benutzen sollte. Durch einen Tränenstor warf Frau Lydia ihm einen liebevollen Blick zu.

Endlich war der Abschied überstanden, der Zug sauste davon. Kurt Neuland holte tief Atem, wirk­lich, er war sehr erholungsbedürftig. . . .

In Hannover holte ihn ein Freund, den er be­nachrichtigt, an der Bahn ab.Aber Junge", rief dieser erfreut, das war eine famose Idee von dir, mich aufzuftlchen, noch dazu so ohne jeden Anhang.' Alle Hochachtung vor Frau Lydia, Freund, aber du weist, ich bin nicht so für's Weibliche, meine alte Netta führt bei mir noch immer das Regiment, na­türlich nur in der Küche."

Kurt Neuland erkannte jedoch nach wenigen Ta­gen schon, daß Jungfer Netta das Zepter nicht nur in der Küche schwang, sondern auch in dem gesamten Hausherrenreich, was der Freund sich ruhig gefallen ließ. Er wußte nicht einmal, daß er nichtHerr" war. Kurt Renlands Nerven wurden aber bei dem Leben nickt kuriert. Im Gegenteil, die nächtlichen Kneipereien, das unregelmäßige Leben, die unge­wohnte Kost machten ihn noch mehr kaput, und nach acht Tagen zog er weiter, sehr zum Leidwesen seines Freundes.

Er hatte beschlossen, in einer ruhigen Pension die so nötige Erholung zu suchen, doch auf dem Wege dorthin ereilte ihn das Geschick in Gestalt eines alten Schulaesährten.

,/iurt, altes Haus, du bist's wirklich," rief der Rechtsanwalt Schwalbe erfreut,nun komm, ich

Geh. Rat Dr. Richter, die Denkmünze mit Verleihungs­urkunde dem Kaiser überreichen.

Wichtig für Inhaber von Arbeiter-Rückfahrkartrn. Für Arbeiter, die an ihrem Wohnort nebenbei Land- wirtschaft betreiben, haben bi« gelösten Arbeiter-Rück­fahrkarten statt am Montag zur Hin- und am Samstag zur Rückfahrt auch am Dienstag zur Hiu- und am Freitag zur Rückfahrt ihre Gültigkeit. Der Arbeiter muß dieses jedoch, vor Antritt der Fahrt rechtzeitig mit Vorlage einer Bescheinigung des Orts- Vorstandes, daß ihre Mithilfe bei den landwirtschaft­lichen Arbeiten unentbehrlich ist, dem betreffenden Stationsbeamten Mitteilen.

Ostmarkenfahrt. Die Gesellschaft für wirtschaft­liche Ausbildung zu Frankfurt a. M. wird in der Zeit vom 14 bis 24. Juli 1913 eine zehntägige Ostmarken­fahrt veranstalten. Die Veranstaliungen beginnen am Montag, den 14. Juli in Berlin. Hier finden am 14. und 15. Juli eine Reihe von Vorträgen zur Einführung in die tuliurellen, wirtschaftlichen und sozialen Verhält­nisse deS deutschen OftenS statt. Die Reise geht dann über Frankfurt a. O wo die Einrichtungen gemein­nütziger Kolonifationsgesellschaflen besichtigt werden, nach Posen. Am ersten Tage wird eine Besichtigung der Stadt veranstaltet. Nach einigen Vorträgen über land- wirtschastliches Genossenschaftswesen und über bäuer­liche Besitzbefeftigung erfolgt eine Besichtigung eines Großbetriebes der Anüedlungskommission forote der zu Erbbaurecht vergebenen Villenkolonie. Am andern Tage geht die Reise nach Janowitz, daS Mittelpunkt großer genoffenschaftlicher Anlagen ist. Wei'erfahrt nach Gneten, Besichtigung der Arbeitertolonie Dalkt. Uebernachten in Bromberg. Am folgenden Tage von Bromberg nach Prust, Besichtigung des dortigen großen Ansiedlungs­gebietes (10 Dörfer im Zusammenhänge:. Weitersahrt nach Thorn. Besuch von Marienburg. Schluß der Reise in Danzig. Studium der dortigen industriellen und Handels-Verhältnisse. Das genaue Programm ein» schließ sich einer Schätzung der Reisekosten ist vom 20. Juni ab vom Sekretariat der Gefellfchaft für wirt­schaftliche Ausbildung, Frankfurt a. M., Kettenhosweg 27, zu beziehen. Zur Deckung der allgemeinen Kosten wird eh e Gebühr von 10 Mark von jedem Teilnehmer er­hoben. Die Teilnehmerzahl ist auf 30 deschränlt An der Reise können teilnehmen Kaufleute, Ingenieure, Che­miker, höhere Verwaltungsbeamte, Juristen, Lehrer Die Litte der Anmeldungen wird, sobald die Zahl 30 er­reicht ist, spätestens jedoch am 1. Juli 1913 geschlossen.

? Gartenkonzert. Der Männergesangverein W i n fr i d i a veranstaltet am kommenden Sonntag im Jägerhause B r o n n z e 1 l ein großes Vokal- und Instrumental-Konzert. Wie aus dem Programm ersichtlich ist, wartet der Verein mit 9 ausgewählten und zum Teil neu einfiubierten Mannerchören aus, während das stark besetzte Orchester 6mal auftritt. Der diesjährigen patriotischen Doppel­jubiläumsfeier trägt der erste Teil des Konzertes Rech­nung, indem an Männerchören das wuchtige Adt'sche Herrlich auferstanden bist Du Deutsches Reich" und die beiden Körner'schen L'eder®ebet vor der Schlacht" undLützows wilde Jagd" zum Vortrage kommen. Weiter folgt dann das großangelegte Tonwerk von M. NeumannSturmerwachen", die VolksliederAm Rhein", Lenzlied",Abschied vom Walde" und das gemütvolle Ach, wie ist's möglich dann". Mit dem neckischenIm tiefen Keller" von Kern schließt der vokale Teil. Das Orchester bringt Stücke von Blankenburg, Munkelt, Kruse, Clärens, Waldteufel und Kling zum Vortrage, sodaß dem gesang- und musikliebenden Publikum ein ge­nußreicher Nachmittag in dem geräumigen Jägerhaus- garien (ober bei ungünstiger Witterung im Saale) devor- stehen dürfte.

Delegiertentag des Bezirksverbandes der kath. Arbeitervereine im Main- Kinzig-Gan.

B. Höchst (8r. Gelnhausen), 3. Juni 1913.

Begünstigt von herrlichem Frühlingswetter fand am letzten Sonntag in Höchst der Delegiertentag beS obigen Bezirksverbandes statt. Das im fruchtbaren Tale der Kinzig gelegene, von waldigen Höhen umsäumte Dorf hatte reichen Flaggenschmuck angelegt und brachte so die Anteilnahme der Einwohnerschaft an unserer heutigen Tagung zum Ausdruck.

Nach dem Hochamt begann im Saale des Gasthauses Zum Kinzigtal" vorm. um y2ll Uhr die geschlos. sene Sitzung der Delegierten. Herr Kaplan Thiergart - Hanau (der Bezirkspräses Pfarrer ErUst-Gelnhaufen und der Bezirksschriftführer KuratuS Becker-Oberrodenbach konnten wegen dienstlicher Verhin­derung erst am Nachmittag den Verhandlungen beiwoh­nen) eröffnete die Sitzung. Der treffliche Chor des Ar­beitervereins vom Tagungsorte hieß die Delegierten durch das Lied:Gott grüße Euch" willkommen. An- wesend waren 25 Delegierten, die 11 angeschlossene Ver­eine mit 830 Mitgliedern vertraten. Aus dem Bericht der Delegierten ging hervor, daß in den einzelnen Ver­einen ein Mitgliederzuwachs zu verzeichnen ist, ja eS konnte mit Freude die Gründung und der Anschluß eines neuen Vereines, nämlich Soden, mit 52 Mitglie­dern festgestellt werden. Auch über das innere Leben der Vereine wurde manches Erfreuliche berichtet. Je-

führe dich ins Schwalbennest. Kurt Neuland wollte protestieren, e§ half nichts, nach einer Viertelstunde küßte er der Schwälbin die Hand und nahm ihre fteundliche Einladung an. Das Schwalbennest lag außerhalb der Stadt, der Rechtsanwalt hatte fein Bureau im Mittelpunkt derselben. Die ersten Tage fühlte sich Kurt Reuland äußerst Wohl. Die Abwe­senheit Herrn Schwalbes benützte er zu Spaziergän­gen, und in der Schwälbin fand er eine gebildete, geistreiche Frau. Er hatte die denkbar beste Gesin­nung von ihr bis eines Abends. Da war er und sein Gastgeber etwas später als sonst nach Hause gekommen. Obwohl sein Schlafgemach aus einer an­deren Seite lag, hörte er die schrille Stimme der Schwälbin, die alle Anmut verloren.So seid ihr Männer", hieß es,teure Zigarren rauchen, Skat spielen, Wein trinken, aber die Frau braucht nichts, da wird geknausert, gerechnet überhaupt"--

Und Kurt Reuland hörte den Rechtsanwalt im tief­sten Bierbaß seine Frau auf den schönen Natur- Eichcnschrank Hinweisen mit allem Möglichen zum anziehen" und aufsetzen; auf die braune geschnitzte Truhe, die von Großmutter her auf dem Boden stand und sovoll" war, daß der Deckel nur schloß, wenn eine ganze Familie sich darauf fetzte . . . Und Kurt Reuland dächte an die sanften Tränen feiner Frau, an ihren liebevollen Abschiedsblick und er dachte, es wäre doch schön in seinem Heim, wenn er auch noch länger Suppe, drei Teller für 10 Pfg. und Törr- gemüse offen müßte. Ach ja, die Frauen! Man hatte cs nicht leicht.

Zwei Tage später dampfte Kurt Reuland seinem Heim zu. Er hatte Frau und Sohn telegraphisch benachrichtigt. Erstere empfing ihn mit einem Trä­nenstrom, letzterer mit einem Freudengeheul.

Auf seinem Schreibtisch stand ein Kistchen feiner Zigarren, feine Lieblingsforte, mit den schönsten Frühlingsblüten umgeben. Er war tief gerührt. Und mit sanftem Taubenblick sagte Frau Lydia: Lieber Kurt, ich habe mir den Hut--zur Ansicht schicken

lassen".Du kannst ihn behalten", sagte Kurt Reuland glücklich und dachte an die Erfahrung, die er auf seiner Reise gemacht hatte.

doch konnte man au$ den Ausführungen mancher Dele­gierten heraushören, daß es der angestrengtesten Arbeit bedarf, um die Arbeiterwelt für das Christentum und damit auch für den christlichen Staat zu erhalten bezw. zurückzuerobern. Hierauf erhielt Herr Kaplan Thier- gart-Hanau das Wort zu feinem Referat:Wo versichert der Arbeiter sich und feine Famili e?" Ausgehend von dem Gedanken, daß die staatliche Zwangsversicherung für den Arbeiter nicht ausreicht, hat sich so führte der Redner aus in den letzten zwei Jahrzehnten immer mehr die Erkennt­nis von dem Nutzen, ja von der Notwendigkeit des Ab- schlaffes einer Lebensversicherung Bahn gebrochen. Die­ser Strömung wollten die großen Lebensverficherungs- gefellschaften Rechnung tragen, indem sie auch Versiche­rungen zu geringen Pramienfätzen zuließen. Doch volkstümlich konnten diese Versicherungen nicht werden. Eine starke Bewegung zur Reform der Volksversicherung setzte ein, als das deutsche Volk durch eine sozialdemo­kratische Wohlfahrtseinrichtung,Volksfürsorge" ge­nannt, beglückt werden sollte. Dadurch würden die wet- testen Kreise des deutschen Volkes in materielle Ab­hängigkeit von der Sozialdemokratie kommen und in steter Fühlung mit ihr bleiben. Um dieser großen Ge- fahr zu begegnen, hat man einen Zusammenschluß der großen, bürgerlichen Versicherungsgesellschaften versucht so daß bis jetzt folgende Organisationen auf den Plan getreten sind: 1. die bereits Volksversicherung betrei­benden Gesellschaften wie Viktoria, Friedrich Wilhelm Iduna. 2. Der Verband der öffentlich-rechtlichen Ge. sellschaften. 3. Die deutsche Volksversicherung A.-G. 4. Die sozialdemokraische Volksfürsorge. Wo versichert nun der Arbeiter sich und feine Familie? In keiner von den genannten Organisationen. Insofern die bür­gerlichen Versicherungsgesellschaften gemeinnützige Zwecke verfolgen, begrüßen wir diese Bestrebungen, versichern uns aber nicht bei ihnen, da unsere VerbandskasseLeo" die angepriesenen Vorteile schon 16 Jahre lang gewährt. Daß die Volksfürsorge für unsere Vereine nicht in Frage kommen kann, versteht sich von selbst; ist sie doch eine durch und durch sozialdemokratische Ein­richtung mit sozialistischen Endzielen. Diese Tatsache hat der Vorsitzende, von Elm, selbst in einer schwachen Stunde ausgeplaudert. Für die katholischen Ar­beitervereine kommt nur die Zentr a l sterbe­lass e und LebensversicherungLeo" zu Köln in Betracht, die bei niedrigen Prämiensätzen, sehr geringen Verwaltungskosten, höchsten Versicherungs­summen, größter Sicherheit eine wahre und echte Volksversicherung ist. Daher fand folgende Resolution einstimmig Annahme:Infolge der großen Gefahr, welche die sozialdemokratischeVolksfürsorge" in sich birgt, indem dieselbe geeignet ist, weite Kreise des Volkes in materielle Abhängigkeit von der Sozial­demokratie zu bringen und ihr neue Anhänger zuzu- führen, weist der Delegiertentag mit Nachdruck auf die Einführung und Stärckung der Leo kaffe hin und verpflichtet die Vereine, diese Frage in der nächsten Zeit ausführlich zu behandeln und die angegebenen Anregun­gen in die Tat umzusetzen. Diejenigen Vereine, welche noch keine Zahlstelle der Leokasse eingeführt haben, sind verpflichtet, innerhalb drei Monaten mit der Zentral­stelle in Verbindung zu treten. Diese Resolution ist innerhalb 14 Tagen von der Bezirksleitung den einzel­nen Vereinsvorständen mitzuteilen. Auf dem Herbst- bclegiertentag müssen alle Vereine über die Ausfüh­rung dieser Resolution Bericht erstatten.

Nach der Mittagspause fand in der schmucken goti­schen Dorfkirche der F e st g o t t e s d i e n st statt. Der hochwürdige Herr P. Fridolin Schumacher, Pastor zu Salmünster, hielt die Festpredigt und schilderte die Pflichten des Arbeiters hinsichtlich seiner Familie. Als Familienvater muß er sein die sichtbare Vor­sehung in der Sorge um das tägliche Brot für Weib und Kind, ein hellstrahlender Stern durch das gute Beispiel, ein tatkräftiger Erzieher seiner Kinder. Nur an der christlichen Familie kann die große menschliche Gesellschaft gesunden. Die sich anschließende Segensandacht wurde durch einige mehrstimmige Lieder des Kirchenchores unter Leitung des Herrn Lehrers Hergenrother recht feierlich gestaltet.

Die öffentliche Versammlung wurde gegen 4 Uhr vom Bezirkspräses eröffnet. Nach einer herzlichen Begrüßung der Anwesenden brachte er auf die beiden höchsten Gewalten, Kaiser und Papst, ein Hoch aus, in das die Versammlung freudigen Herzens einstimmte. Alsbald erhielt Herr Kaplan Weber« Groß-Auheim das Wort zu seinem Vortrag: Die Notwendigkeit der Arbeitervereine auf dem Lande und die Mittel zu ihrer Ver­breitung, insbesondere die Gewinnung der Jugendlichen. In verständnisvoller und praktischer Weise behandelte der Redner sein Thema. Er ging aus von der Forderung, welche der weithin be­kannte Bischof D. Michael Faulhaber von Speyer in feiner geiftfprühenden Mainzer Katholikentagsrede über die Arbeiterfrage stellte:Das erste Gebot der Arbei­terseelsorge lautet: Organifation und nochmals Organi­sation! Wir müssen dahin, wo wir noch nicht sind, bald kommen, damit wir nicht, wie schon so oft, zu spät kommen." Daher muß aufgeräumt werden mit der selbstgefälligen Meinung, als wäre auf dem Lande noch alles gut bestellt; eine begründete Bemerkung über be­stehende Schäden oder drohende Gefahren für eine Ge­meinde darf man nicht in allzu großer Empfindlichkeit gleich verübeln. Durch die doppelte Strömung des

Eine gesunde Gegend. Der ungewöhnliche Fall, daß ein ganzes Kirchspiel den ihm angebotenen Arzt ablehnt, weil es keinen brauche, ereignete sich, derNational-Zeitung" zufolge, jüngst in Odenpäh, einem der größeren Kirchspiele Livlands. Es hat über 10 000 Einwohner. Außerdem befindet sich mit­ten im Kirchspiel der Flecken Nustago mit über 2000 Einwohnern, lind doch hat das Kirchspiel bisher noch keinen ständigen Arzt. Einige junge Aerzte ha­ben es versucht, sich dort niederzulassen, aber es nicht lauge ausgehalten. Nun hatte das Kirchspiel endlich die Aussicht, einen selbständigen Arzt zu bekommen, weil die Ritterschaft zu dem Zwecke 500 Rubel jähr­lich aus der Landeskasie bewilligte unter der Bedin­gung, daß auch das Kirchspiel 500 Rubel jährlich gebe. Diese Angelegenheit wurde nun kürzlich dem Kirchspiels-Konvent vvrgelegt und fiel durch, weil alle Vertreter der Bauern bis auf einen dagegen stimmten. Sie brauchten keinen Arzt!

Illuminierte Zustände. An Ausdrücken, die den Zustand der Berauschtheit zart und elegant um­schreiben oder derb und luftig verspotten, hat unsere Sprache keinen Mangel. So sagt man von einem Betrunkenen z. B.:Er ist illuminiert."Er spürt den Spiritus"Er futtert die Hühner"Er ist nicht allein"Er ist selig"Er sieht die Sonne doppelt." Oder aber es heißt von ihm:Er hat was im Stöpsel"Er hat zu stark lackiert" Er ist halb elf"Er bleibt im Glas über Nacht" Die Welt gebt mit ihm herum"Er ist an. geraucht < eingeschossen oder angestochen)"Er ha. den Stiesel voll"Er hat sich einen zu Gemüt ge nomnten." Auch kennt man die kurze, aber beredte WendungEr hat", die gewiß bedeuten soll: Er ha genug!" Am nettesten sind zweifellos die Scherzaus. dücke, die auf die elegante Art der Vorwärtsbewcgunx eines Illuminierten' anfpielen. Da sagt man z. B." Er ist im Sturm"Er geht den 88-Sirich" - Er fährt mit Weitspur"Er geht, als ob alle Häuser fein wären" oder auchEr geht wie die Donau bei Dilliugen."