Erscheint tSgNch mit tiusnütjme oer 5o/in- und Feiertage, viertel, jährlicher verugspreis' ohne vringerlohn und Sesteilgeld inZulda sowie auswärts 1.50 Mark. •••• Rotationsdruck und Verlag der s 8 Zuldaer tictiendruckerei In Zu Ida. Zernsprecher Nr. 9. 5 s
:: :: üJod,m-Beilage: u u» n Monats-Beilage: “ s
Illustrierte Lonntagsreitung Fuldaer Seschrchtsblätter
r. Ziehungslisten der preutzisch-süddeutscheu Klaffen-Lotterie. — halbjährlich Laschenfahrplan. k
Crstes Blatt
Nr. 127
Donnerstag den 5. Juni 1913
40. Zahrgang
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Das Münchner Kindl.
8] Roman von Felix Nabor.
„Mein Gott — die Liebe! — Heuberger kam auf seinen Reisen in ein Brüsseler Patrizierhaus, die Familie war etwas ramponiert. Er sah Marguerite, wurde von ihrer Schönheit geblendet und freite sie. Für das Geschäft war diese Heirat zweifellos ein Vorteil, denn die junge Frau besitzt einen geradezu staunenswerten Schönheitssinn; sie komponiert, malt, zeichnet Entwürfe zu modernen Möbeln und Zimmereinrichtungen — sie ist ein Unikum, ein Genie. — Aber sie ist dabei auch ein Rätsel . . ."
Sie hatten inzwischen Heubergers Wohnung erreicht und wurden in den Salon geführt. Er machte mit seinem weichen, matten Licht, den kostbaren, dunkel getönten Möbeln, den stimmungsvollen Tapeten und Teppichen einen vornehmen Eindruck. „Einfach brillant!" sagte Sandow in ehrlicher Bewunderung. „Wer arrangiert das? Frau Marguerite?"
„Ja! — Doch da kommt die Dame des Hauses selbst", erwiderte Pirkheimer, ging ihr entgegen und küßte ihr die elfenhaft-zarte Hand.
Sandow hatte Zeit, die Dame genauer zu betrachten. Frau Marguerite war eine exquisite Schönheit. In dem lichtblauen Hauskleid wirkte ihre Gestalt wirklich elfenhaft; das schöne, blasse Gesicht mit Dem purpurroten Mund erinnerte Sandow an eine kunstvoll geschnittene griechisch: Gemme, und rätselhaft wie ihr ganzes Wesen erschienen ihm auch ihre Augen. Sie waren auffallend hellgrau; das wirkte zu ihren krausen, tiefdunklen Haaren wie ein Phänomen, gaben dieser Frau etwas Berückendes. Diese Öen, fühlen Augen schienen Abgründe zu ver-
en, Geheimnisse zu verhüllen — oder waren es heilige Märchentiefen? —
Frau Marguerite sprach lebhaft mit Pirkheimer; sie begleitete ihre Worte mit fast feierlichen Bewegungen ber Arme und Hände, tote es Schauspieler auf der Bühne in klassischen Stücken tun. Sandow bekam
* Das neue Abgeordnetenhaus.
Nach dem amtlichen Schlußergebnis der Land- tagswahlen stellt sich die Stärke der einzelnen Parteien wie folgt dar:
Konservative 148 (155),
Freikonservative 53 (60), Zentrum 103 (103), Nationalliberale 73 (64), Fortschrittliche Volkspartei 5? Polen 12 (14), Dänen 2 (2), Sozialdemokraten 10 (6), Konservative Wilde 2 (2).
In Berlin hat noch in einem Wahlkreis zwischen Volkspartei und Sozialdemokratie Stichwahl stattzufinden.
Bei 42 Mandaten hat eine Verschiebung in der Fraktionszugehörigkeit stattgefunden: Die Konservativen gewinnen 10 und verlieren 17, die Frei- pmervativen gewinnen 2 und verlieren 9, das Zentrum gewinnt 5 und verliert 5, die konservativen [ßtlben gewinnen 2 und verlieren 1, die Polen ver- tezen 2, die Nationalliberalen gewinnen 13 und ver» ieren 5, die Fortschriltliche Volkspartei gewinnt 8 md verliert 5, die Sozialdemokraten gewinnen 4 Sitze.
U. a. gewinnen die Ko nserv ativ en zwei Mandate n Wolmirstedt und je ein Mandat in Segeberg, Sangen» alza, Sagan, Memel, Tilsit, Srrieaau und in Liegnitz. Sie verlieren je zwei Mandate in Danzig und in Teltow rnd je ein Mandat in Oberlahnkreis, Schleusingen, Körlitz, Gnesen, Bielefeld, Kassel-Sand, Schlüchtern, slreslau-Sand, Breslau-Stadt, Jaucr uno in Oberbarnim.
Die Freikonservativen gewinnen je ein Man- lat in Pleß, Schlüchtern und in Aschersleben. Sie verlieren zwei Mandate in Wolmirstedt und je ein Mandat et Segeberg, Langensalza, Sagan, Danzig, Fallingbostel rud in Oberbarmm.
Das Zentrum gewinnt je ein Mandat in Ratibor, Lreslau-Sand, Könitz-Tuchel, Jauer, St. Goarshausen. As verliert je ein Mandat in Bochum, Dortmund-Land, Mülheim a. d. Ruhr, Gelsenkirchen und in Striegau.
Tue Nationalliberalen gewinnen je ein Mandat In Oberlahnkreis, Schleusingen, Höchberg, Posen-Land, Snefeit, Bochum, Dortmund-Land, Mülheim a. d Ruhr, Hagen, Gelsenkirchen, Teltow und in Fallingbostel. Sie perlieren dagegen je ein Mandat in Memel, Tilsit, Iiegnitz und Aschersleben.
, Die Fortschrittliche Volkspartei gewinnt Drei Mandate in Danzig und je ein Mandat in Görlitz, Teltow und in Breslau-Stadt. Sie verliert je ein Mandat in Posen - Land, Hagen, Hirschberg, Schöneberg und in Oberbarnim.
Die Sozialdemokratie gewinnt drei Mandate in Ober» und Niederbarnim und ein Mandat in Schöneberg.
Die Polen verlieren je ein Mandat in Piep und In Ratibor.
Neu vertreten sind im Abgeordnetenhause als 'onservative Wilde, die Christlich-Sozialen, bte em Mandat in Biele seid gewannen, und die Deutsch» Sozialen, die ein Mandat in Kassel-Land erhielten.
Die Gesamtverschiebung stellt sich also
wie folgt:
Konservative — 8
Fretkonservative — 7
Konservat. Wilder + 1
Nationalliberale -j- 8
Fortschr. Volkspartei 4- 3
Sozialdemokraten + 4
Polen — 2
Wenn man eines in das andere rechnet, so hat sich einfach bestätigt, was sofort nach den Wahlmännetwahlen gesagt wurde: Eine ganz unwesentliche Verstärkung der Linksparteien, aber keine Erfchüite- rung der bisherigen Mehrheitsverhällnisse. Es bleibt beim alten!
Für die Zentrumspartei gilt das im vollsten Sinne des Wortes, denn sie kehrt mit derselben Mandatenzahl wieder. Darauf kann sie stolz sein: denn es galt Ersatz zu schaffen für die 4 Mandat
im rheinisch-westfälischen Industriegebiet, die vor 5 Jahren mit besonderem Glück erobert worden waren, aber jetzt wieder an ihre alte Inhaberin, die dort so mächtige nationalliberale Partei, zurückfielen. Es ist gelungen, diesen Ausfall auszugleichen, und mehr konnien wir nach Laae der Tinge nicht erwarten.
Die Verluste der konservativen Partei sind auf 7 Mandate gestiegen, da durch die Liebedienerei des Fortschritts der ganze Wahlkreis Barnim mit 3 Mandaten den Sozialdemokraten zugeschanzt wurde. Angesichts der Verluste der Konservativen darf man sagen: Sie habens ja dazu! Wenn ihre Mandatszahl von 156 auf 148 zurückgeht, fo ändert das an ihrer Vormachtstellung int Abgeordnetenhause gar nichts. Uebrigens ist zu berücksichtigen, daß ein Teil der fraglichen Mandate freiwillig in vorhergegangenen Abmachungen abgetreten war.
Empfindlich ist der Rückgang der freikonservativen Partei von 60 auf 53 Mandate. Das ist ein wirklicher Verlust. Ein Seitenstück zu dem Mißgeschick, das dieselbe Partei (unter dem Namen Reichspartei) bei den letzten Reichstagswahlen hatte. Der Stern dieser „Mittelpartei" scheint in der Tat zu sinken.
Die Polen haben von 14 Mandaten zwei verloren. Das ist ein Siebentel des Besitzstandes oder im Verhältnis soviel, als wenn das Zentrum 14 bis 15 Mandate eingebüßl hätte. Der Rückgang der polnischen Partei ist die naturnotwendige Folge chrer Radikalisierung.
Von den Linksparteien hat die national- liberale den größten Profit gemacht. Die Sozi a l d e'm o f r a t i e hat nur halb soviel Mandate hinzugewonnen, aber der Zuwachs ist verhältnismäßig sehr groß, denn die rote Fraktion steigt von 6 auf 10 Köpfe. Das rührt hauptsächlich daher, daß der Wahlkreis Barnim mit 3 Abgeordneten der Sozaude- mokratie zufiel. Die Fort sch rittspartei selbst hat zu ihren 37 Mandaten nur 2 bin tu crrnnaen: im besten Falle, wenn die Stichwahl in Berlin XII günstig ausfällt, bringt sie es auf 3 Gewinne. Also sie hat von den Linksparteien den k l e i n’ft e n Profit eingeheimst, aber zugleich die größte Schande. Denn das Verhalten der Fortschrittler im Wahlkreise Ober- und Niederbarnim, wo sie sogar das denkbar günstigste Kompromißangebot der Konservativen (2 Fortschrittler und nur 1 Konservativer) ablehnten, um drei Sozialdemokraten siegen zu lassen, zeigt in wahrhaft erschreckender Deutlichkeit, in welch' heillose Abhängigkeit und unwürdige Knechtschaft die Fortschrittspartei von der Umsturzpartei geraten ist. Aus eigener Kraft vermag die For chllttsni -i i i -uf wie gar nichts mehr zu leisten. Sie braucht Krücken von beiden Seiten. Erst macht sie ein großliberales Abkommen, um sich Hilfe von den N a t i o. nalliberalen zu holen, und bann verkauft sie sich noch an die Sozialdemokratie, um sich als deren Schleppträger mit einigen schlesischen und brandburgischen Mandaten beschenken zu lassen. Und die Sozialdemokratie hat so wenig Achtung oder auch nur Artigkeit gegenüber ihrem fortschrittlichen Markthelfer, daß sie sofort nach der Wahl im „Vorwärts" den Fortschritt als einen prinzipienlosen und nnzu- verlässigen Profitjäger abkanzeln läßt. Von dem roten Brotherrn beschimpft und von den Nachbarn verachtet, — das ist das Schicksal der Partei, an deren Spitze einst ein Eugen Richter stand! —
Ob zehn Sozialdemokraten im Abgeordnetenhause mehr Skandal machen können, tn'c h bisherige halbe Dutzend, bleibt abzuwarten. Vielleicht werden die zehn sogar etwa manierlicher werden, da der a- dauheld Borchardt ausgeschifft worden ist und überhaupt die Skandaltaktik im Ansehen zurückgegangen ist. Sonst wird es an der strengen Zucht des Präsidenten auch künftig nicht fehlen.
Es bleibt beim Alten, — auch im Punkte der Wahlrefvr m. Ohne Hilfe der Konservativen ist
den Eindruck, als ob das Berechnung wäre und empfand ein leises Unbehagen; es schwand aber, als Frau Marguerite lächelnd auf ihn zukam und ihm die Hand entgegenstreckte.
„Sie kommen aus Berlin?" sagte sie. „Tas freut mich doppelt — denn ich liebe diese Stadt der Intelligenz und der Energie." — Im Augenblick hatte sie ihn in ein Gespräch über das Berliner Kunstgewerbe verwickelt und gab ihn nicht wieder frei, bis er ihr versprochen hatte, recht oft zu kommen und ihr von Berlin zu erzählen.
Dann kamen auch Puck und Annie an die Reihe, die sie wie große Kinder behandelte. Aber bezaubernd wurde ihr Lächeln, als sie sich wieder an Pirk- heimcr wandte.
„Wie froh bin ich, daß Sie gekommen sind," sagte sie, und ihre sonst so kühlen Augen strahlten in warmem Glanze. „Mit meinem Gatten ist es nicht mehr auszuhalten. Setzen Sie ihm den Kopf zurecht — wollen Sie, mein Freund?"
„Es wird nicht gar fo schlimm fein", erwiderte Pirkheimer, während die andern diskret zurücktraten. Aber dann bemerkte er ihre geröteten Lider und sagte im Tone sanften Vorwurf sll „Wie, Sie haben wieder geweint? Tas ist nicht recht! Sie sollen lachen und fröhlich sein. Hat Sie der Karneval nicht erheitert?"
Ta klang cs ihm wie ein wilder, trotziger Aufschrei entgegen: „Ich durste ja gar nicht hin! — Eingeschlossen hat er mich wie eine Gefangene, der Tyrann!" Pirkheimer sah, wie der Haß aus ihren Zügen loderte und wie sich ihre schönen Züge verzerrten.
„Tas gebt freilich zu weit", rief er. — Ich will ein ernstes Wort mit Joseph reden."
„Ach ja, tun Sie das!" rief Marguerite und fand sogleich auch das schöne Lächeln wieder, das stets bezauberte. „Er war wirklich garstig zu mir", fügte sie hinzu, um den Eindruck ihrer Worte zu verstärken.
„Haben Sie ihn denn gereizt?" fraate Pirk- Heimer.
da nichts zu machen. Das Zentrum hat ja schon voriges Jahr den einzig gangbaren Weg gewiesen. Wollen die Liberalen und die Regierung diesen Weg nicht einschlagen, so bleibts halt beim Alten.
s Die Kommission über den Wehrst? i t
lehnte in ihrer Sitzung am Mittwoch einen Antrag des Zentrums ab, auch solche Ausländer zu besteuern, die sich nicht des Erwerbes wegen in Deutschland aufhalten. — Ein Antrag der Sozialdemokraten, auch ausländisches Grundvermögen von Inländern zu dem Wehrbeitrag heranzuziehen, wurde ebenfalls abgelehnt. — Sodann wurde § 11 (beitragspflichtige Personen) nach der Regierungsvorlage und dem konservativen Abänderungsantrag angenommen, der von den beitragspflichtigen Angehörigen des Deutschen Reiches diejenigen ausnehmen will, die sich seit länger als zwei Jahren (die Vor. läge bestimmt ein Jahr) dauernd im Ausland aufhalten, ohne einen Wohnsitz in einem deutschen Bundes, staat zu haben. — Hierauf begründete ein sozialdemokratischer Abgeordneter einen Antrag auf Heranziehung der „Toten Hand", und betonte, daß es sich um Hunderte von Millionen handele. Ein Mit. glied der Wirtschaftlichen Vereinigung hielt den Antrag für grundsätzlich falsch und jedenfalls aus formellen Gründen nicht für annehmbar. Für die Stiftungen der evangelischen Kirche treffe die Millionenangabe nicht zu. Weshalb sollten denn nicht auch andere Körperschaften, wie der Monistenbund, die Loge usw. erfaßt werden? Reichsschatzsekretär Kühn erklärt, die Regierung wolle bei" dem Wehrbeitrag praktische und schnelle Arbeit leisten. Von diesem Standpunkt empfehle sich aber die Besteuerung der „Toten Hand" nicht. Man würde für gemeinnützige Zwecke so viele Ausnahmen machen müssen, daß dann nichts Nennenswertes ber. bliebe. Ein großer Teil des kirchlichen Vermögens sei doch auch tatsächlich nicht realisierbar. Ein Zentrumsredner führte aus, wo sich einmal religiöser Sinn betätige, da wolle der sozialdemokratische Antrag mit Steuern eingreifen, und davon erhoffe der Antrag, steller Hunderte von Millionen. Warum wollen die Sozialdemokraten nicht auch die sozialdemokratischen Ge. werkschaften mit ihren 60 Millionen Mark besteuern? Wenn der sozialdemokratische Antrag aufrecht erhalten bliebe, müßte er so geändert werden, daß er alle treffe, alle juristischen Personen und Vereine. Ein konser. vativer Redner stimmte dem Vorredner darin zu, daß der Antrag einen durchaus kirchenfeindlichen Ein. druck mache und in der vorliegenden Fassung durchaus unannehmbar sei. Ein nationalliberaler 91 ebner fand den Gedanken einer Besteuerung der „Toten Hand" an sich berechtigt, aber das in Betracht kommende Vermögen wäre schwer zu erfassen. Ein Fortschrittler meinte, wenn Aktiengesellschaften besteuert würden, dann auch die „Tote Hand". Man würde es draußen nicht verstehen, wenn die in ihr ruhenden Millionen gänzlich freiblieben. Schatzsekretär Kühn wie- verholte, daß eine nähere Erörterung um deswillen sich erübrige, weil praktisch nichts dabei für den vorliegenden Zweck herauskvmme. Ein Zentrumsredner erklärte, der Antrag treffe neben dem religiösen Zweck auch die sozialen Zwecke, die doch dringend der Förde- rung bedürften. Ein sozialdemokratisches Mitglied erwiderte, der Antrag wolle nur die Kapitalsanhäufungen in manchen Klöstern treffen.
Der Ausschuß lehnte dann den Antrag der Sozialdemokraten auf Heranziehung der „Toten Hand" zum Wehrbeitrag gegen die Stimmen ber Antragsteller unb der Fortschrittler ab.
Es folgte eine Aussprache über die Beitragspflicht der Aktien-Gesellschaften, die am Donnerstag fortgesetzt werden soll. Nach der RegierungsvoUaae sind beitragsUsUchtige Aktien-Gesellschaften £■: ■ manditgesillfchaften auf Aktien und zwar mit ihrem gesamten Vermögen mit Ausnahme des ausländischen Grund- und Betriebsvermögens, wenn sie im Inland ihren Sitz haben. In der ausgedehnten Debatte wu -.-e namentlich die Doppelbesteuerung der Gesellschaften beanstandet. Es wurde die Besteuerung des Ertrages statt des Nennwertes des Aktien vorgeicklogen. ^vcfi der Börsenkurs wurde als ein guter Maßstab empfohlen.
*
Mit der Unschuldsmiene eines Kindes erwiderte sie: „Was denken Sie? — Sagten Sie selber nicht immer von mir, daß ich sanft wie eine Taube sei? — — Und nun gehen Sie zu meinem Gatten, bitte! — Er erwartet Sie! Sagen Sie ihm gründlich die Meinung! Ich will indes die Gäste unterhalten."
Sie drängte ihn mit sanfter Gewalt fort und wandte sich dann, als sich die Türe hinter ihr geschlossen hatte, zu Sandow. „Wir nehmen den Kaffee auf der Terrasse", facjtc sie. „Dann öffnen wir die Türen, und Annie wird uns ein paar Lieder fingen. — Bitte, Ihren Arm, Herr Baron."
Annie unb Puck waren verblüfft, weil Frau Marguerite den „Baron" einfach eskamotierte; aber sie machten gute Miene zum bösen Spiel und folgten den beiden mit dem Frohsinn der Jugend, die sich von Sorgen nicht bedrücken läßt.
III.
Kommerzienrat Heubergers massige Gestalt ruhte im Klubsessel. Sein von einem schmalen Haarkranze umrahmtes Haupt war in eine blaue Rauchwolke gehüllt, wie das eines Olympiers, eine Flasche Raumtaler und ein Glas mit Bromwasser standen vor ihm auf dem Tische einträchtig beisammen, daneben ein Kistchen mit staniolverpackten Havannas. Der rechte Arm und die Beine waren in Watte verpackt und so konnte er dem Freunde bei seinem Eintritt nur die Linke zum Gruße reichen. „Schön, daß du kommst", sagte er, „ich habe manches mit dir zu reden. Setz dich, Michael! — Für Raumtaler unb Havannas ist gesorgt — bitte, bebien’ dich! Ich armer Kerl bin durch das Zipperlein an's Zimmer gefesselt und muß Bromwasser trinken. Psui Teuxel! — Das schmeckt nach Pestilenz unb Schwefel!"
„Ja, ja, mein Freund", erwiderte Pirkheimer, „die feinen Diners mit Austern und Sekt, und die ungezählten Maß'l im Hofbräuhaus — die rächen sich! Man sündigt nicht ungestraft, mein Lieber!"
„Verschon' mich mit deiner Fastenpredigt. Was Sünden! Gefastet hab' ich die Zeit her wie ein
Die am Mittwoch vormittag wieder «ufgenommenen Verhandlungen des Unterausschusses der Bud- getkommission betr. den einmaligen Wehrbeitrag sind noch zu keinem Abschluß gelangt. Der in der testen Sitzung des Unterausschusses angenommene Kompro- mitzantrag erfuhr von verschiedenen Mitgliedern, die von einzelnen Fraktionen neu in den Ausschuß abgeordnet sind, Widerspruch und wurde fallen o r= lassen. Es wurden neue Vorschläge gemacht sowohl hinsichtlich der Staffelung des Wehrbeitrages als auch hinsichtlich der Kapitalisierung des Einkommens und der Vermögens, und Einkommensgrenzen. Die Regierung wird bis zur Fortführung der Verhandlungen am Donnerstag neues Material beibringen, das durch die neuen Vorschläge bedingt ist.
(♦) Freiwilliger Wehrbeitrag. Bor einiger Zeit hat die „Norbb Allg. Ztg." mitgeteilt, daß eine große Anzahl deutscher Staatsbürger namhafte Beträge als freiwilligen Wehrbeitrag an bie Reichskasse eingezahlt haben. Wie bas genannte Blatt jetzt mitteilt, laufen solche freiwilligen Spenben noch immer ein unb haben bereits eine ansehnliche Höhe erreicht. Insgesamt sinb bisher an freiwilligen Wehrbeiträgen bei ber Reichshauptkasse 388565 Mark ein« gegangen.
** Die Konferenz der Finanzminister verschoben. Ta bie Budgetkommission des Reichstags noch mit dem Wehrbeitraa zu tun hat, ist, wie bie „Tägliche Rundschau" erfährt, die Zusammenkunft der Minister der Bundesstaaten in Berlin etwas hinausgeschoben worden. Die Finanzreferenten dieser Bundesstaaten, die vor einigen Tagen in Berlin waren, haben sich über den Wehrbeitrag geäußert. Die Minister dagegen werden nach Berlin kommen, um hier noch einmal ihre Stellung zu der Frage einer Re ichsvermogens steuer darzulegen. Nach dem angeführten Blatt ist anzunehmen, daß die Minister rundweg erklären werden, eine Reichsver- niögcnssteuer sei für sie aus verschiedenen Gründen unannehmbar.
X Was soll NUN werden?
Die Lösung ber Deckung ber fortbauernden A n sgaben gestaltet sich immer schwieriger; derzeit _ stocken alle Verhandlungen und kein Mensch weiß, was werden soll. Der Reichstag leidet an der Teilung in zwei gleich große Hälften und dem Machthunger des Liberalismus. Daran wird er auch schließlich scheitern. Alle Bemühungen über eine Verständigung sind bisher gescheitert: einmal will der nicht, das anderemal ein anderer nicht, dann stockt es beim Bundesrat. Ein „Unannehmbar" nach dem anderen kommt hereingeschneit.
Zentrum, Konservative und Nationalliberale braucht man absolut notwendig, wenn man eine feste Mehrheit schaffen will. Nach den bisherigen Erörterungen kann man mit Bestimmtheit sagen, daß die dauernde Besitzsteuer sich nicht genau nadi den Wünschen einer jeden dieser drei Palleten wirb gestalten lasten, baß jebe dieser Parteien gezwungen sein wirb, im Interesse des Zustandekommens des schwierigen Werkes Einzelheiten mit in den Kauf zu nehmen, bie ihr an sich nicht genehm sinb.
Dis Konservativen hätten wohl immer noch am liebsten die verebelten Matllkularbeiträge. Auch bas Zentrum würbe bieser Erlebigung ber Besitz stcn erfrage wohl unbedenklich zustimmen. Natür- l'ch wären die Verbündeten Regierungen einverstanden, denn sie haben ja die veredelten Matllkular- umlagcn vorgeschlagen. Aber Konservative unb Zentrum haben im gegenwärtigen Reichstage nicht bie Mehrheit. Tie Nationalliberalen, ohne welche Konservative unb Zentrum keine Mehrheit bilben können, wollen bie veredelten Matllkularbeiträge nicht; sie wollen eine reine Reichsbesitz- st en e r. Am liebsten hätten die Nationalliberalen
Karthäuser, um den ganzen Fasching bin ich gekommen!"
„Du hattest wenigstens angenehme Gesellschaft — deine Frau!"
. „Ja Schnecken! Marguerite saß in ihrem Boudoir und trotzte. Und wenn sie auf eine Minute zu mir hereinhuschte, bann gab es Tränen unb Vorwürfe Mein lieber Michael, ber Unterschied ist zu groß: 55 und 25! Das ergibt Gegensätze- Die Herzen schlagen nicht in gleichem Rhytmns. Dabei liebe ich Marguerite unsäglich. Sie aber — und das ist das Fürchterliche an unserer Ehe — sie haßt mich, weil ich ihre Jugend an mein Alter gefesselt habe."
„Joseph — sage nicht so Schreckliches!"
„Sie haßt mich", wiederholte Heuberger unb stieß den Stock, oer zwischen seinen Knien lehnte, heftig auf ben Boden. „Nun ja, vielleicht hat sie ein Recht dazu, denn ich habe die zerfahrenen Verhältnisse ihrer Familie dazu benützt, um sie zu dieser Heirat zu drängen. , Das war vielleicht unrecht '— unb jetzt kommt bie Strafe über mich. Marguerite selber straft mich — durch ihren Haß. Und dabei will ich doch nur, so wahr mir Gott helfe, ihr Bestes! Aber sie sieht das nicht ein! —Michael, hilf mir! Oeffne Marguerite die Augen. Sie hält so große Stücke auf dich und wird auf dich hören, wird dir glauben. Suche sie umzustimmen und zur Versöhnung zu bewegen. Ich tue ja alles, was sie verlangt, wenn sie nur wieder gut zu mir ist, mir ein liebes Wort sagt. — Michael, du tust ein gutes Werk, wenn du Frieden stiftest "
„Die Sache ist mir peinlich", erwiderte Pirkheimer nachdenklich. „Zwischen Ehegatten soll sich kein Dritter drängen, sie müssen ihren Weg selber finden. Ganz abschlagen will ich dir deine Bitte nicht und werde also mit deiner Frau reden, aber es ist fraglich, ob sie auf mich hören wird. Aber sage mir zuerst offen: warst du nicht zu hall gegen sie? War es klug, sie über den Fasching— einzusperren? Tas mußte dock ihren Zorn entflammen."
(Fortsetzung folgt.)