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Fuldaer Zeitung

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Hr. 126> Erstes Blatt.

Mittwoch den 4. Juni 1913,

40. Zahrgang.

LllÄtWSWhl 1913.

Die Urwahlen am 16. Mai haben bereits in mehr Als 200 Wahlkreisen eine feststehende Mehrheit er« St, so daß die Wahl der Abgeordneten durch die

Imänner, die gestern in ganz Preußen stattgesun­den hat, dort nur noch eine Fornralität war. Das Ergebnis stand schon damls sest und die glücklichen Kandidaten dieser Parteien durften sich als gewählt betrachten. In den zweifelhaften Wahlkreiseir haben bis zur letzten Stunde Kompromißverhandlungen stattgefunden, die zum Teil ergebnislos verliefen, zum Teil auf den Gang der Abstimmung noch von Einfluß gewesen sind.

Indessen steht fest, daß in der Zusammensetzung des künftigen Abgeordnetenhauses und damit auch in den bisherigen Mehrheitsverhältnisien keine nen­nenswerte Veränderung eintreten wird. Die Verschiebung in dem Zahlenverhältnis der ein­zelnen Parteien sind so gering, daß es sich nicht ver­lohnt, auf sie einzugehen. Die beiden konservativen Parteien sind nach wie vor so stark, daß ihnen nicht gar so viel an der Mehrheit fehlt; sie können, sei es mit dem Zentrum, sei es mit den Nationalliberalen in Mi meisten Fragen sichere Mehrheiten bilden. Immerhin haben sie nicht für sich allein schon die Mehrheit, und deshalb bleibt nach wie vor auch die Möglichkeit einer Mehrheitsbildung gegen die Kon- servattven, wie sie in besonderen Fällen stellenweise in die Erscheinung getreten ist.

Die Zentrumspartei hat sich auch bei den gestrigen Wahlen glänzend behauptet. In den bei der vorigen Wahl gewonnenen Bezirken des rhei­nisch-westfälischen Industriegebiets, die ihm diesmal, unter anderen Verhältnissen, nicht wieder zufallen konnten, hat das Zentrum auf die Stimmabgabe für feine Kandidaten verzichtet. Diesen Verlusten stehen, wie dies schon nach den Wahlmännerwahlen bemerkt wurde, auch einige Gewinne gegenüber, in St. Goarshausen fiel dem Zentrum ein Mandat in der Stichwahl zu, ein Gewinn, mit dem vorher nicht gerechnet worden war. So behält das Zentrum auch mt neuen Hause seine Stärke von reichlich 100 Man­ualen. Mit diesem Ergebnis kann es zufrieden sein.

Schlüchtern-Gelnhausen bisher kons. Der bis­herige konservative Abgeordnete Mehenschein kandi­dierte nicht wieder. Im ersten Wahlgang erhielten: Hengsberger 119, Schwarzhaupt (nl.) 78, Geiß. (Ztr.) 71 und Schnabrich (soz.) 17 Stimmen. In der en- gern Wahl fielen auf Hengsberger 183 und auf Schwarzhaupt 62 Stimmen. Amtsrichter Hengs­berger also gewählt.

Hanau. Baurat Wohlfarth (ntl.) mit 194 Stimmen wiedergewählt. Landwirt Lind (kons.) er­hielt 49, Parteisekretär Dißmann (Sz.) 93 Stimmen.

Rotenburg-Hersfeld. Landrat Tuercke (kons.) wiedergewählt.

Melsungen-Fritzlar. Es erhielten 97 5 II, Gudens­berg, (Bund d. Landw.) 135 Stimmen, Steuerinspek­tor Wollenhaupt, Fritzlar (ntl.) 61 Stimmen. Erste­rer ist somit gewählt.

Homberg-Ziegenhain. Wiedergewählt Landrat v. G e h r en mit allen abgegebenen Stimmen.

Kirchhain-Frankenberg. Konsistorialpräsident v. Schenck zu Schweinsberg (kons.) mit 156 Stimmen wiedergewählt.

Marburg. Universitätsprofessor Dr B r e d t (Freik.) mit allen gegen 2 sozialdemokratische Stim­men wiedergewählt.

Kassel Stadt. Dr. Schroeder (ntl.) wiedcr- gewählt mit 426 gegen 105 Stimmen.

Kassel Land-Witzenhausen. (Bisher kons.) In der Stichwahl Lehrer Heins (Dtschsoz.) mit 146 Stimmen gegen 137 für Kimpel gewählt. Bei der Hauptwahl fielen 145 Stimmen auf Heins, 78 auf

Bas Münchner Nindl.

/7J Roman von Felix Nabor.

„Da gehen Sie am besten zu Gusti — aber hüten Sie Ihr Herz vor dieser holden Fee: auf Maler und Schwere Reiter hat sie es besonders abgesehen!"

Lachend schob er ihn in die Küche und begab sich dann in das Eßzimmer, wo ihn Puck und '„Tante Betty", ein kleines, struweliges, mit einem zarten Höckerchen verunziertes Malfräulein von fünfzig Lenzen, erwarteten. Die resolute Dame mit der griechischen Nase, die ganz stilwidrig in dem Hutzel­gesicht saß, fuhr sich durch das graue Lockengestrudel ihtts Tttuskopfes, setzte den Kneifer auf den schma­len Grat ihrer Nase und hielt Puck eine gepfefferte Strafpredigt; die Kosenamen Taugenichts, Faul­lenzer und Tagedieb schlugen klatschend um seine Ohren. Der arme Sünder mußte alle Sünden an­hören, die er in der schönen Faschingszeit begangen hatte, dafür wollte er nachher aber auch die Tante mit einem kräftigen Pump hereinlegen. —

Pirkheimer erlöste ihn aus seiner mißlichen Lage. „Sllentinm!" gebot er. „Wir haben einen werten Gast. Da ziemt es sich, Frieden zu halten."

Und als darauf Sandow eintrat, stellte er ihn vor und nannte dann auch den Namen von „Tante Betty": Fräulein Betty Moosbrugger, berühmtes Malweib, Tante fünften bis sechsten Grades!"

„Du hast halt ein böses Maul", schalt diese, wor­auf Pirkheimer erwiderte: „Das ist ein Erbstück in unserer Familie!"

Mährend die Tante dann die Suppe servierte, knurrte sie: „Anstandshalber hättest du auch Puck vorstellen können! Der ist doch kein Stiefkind!"

Ehe noch Pirkheimer erwidern konnte, schnellte der juckge Maler von seinem Sessel empor, stand stramm tote ein Rekrut, legte die Daumen an die Hosennaht und rasselte herunter: „Georg Puck, pinx! —• Punktum!" Steif wie eine Puppe fiel er dann <mf feinen Sessel zurück, sah die Tante an, ob er

Kimpel (Fvrtschr. Volksp.), 58 auf Thöne (Soz.) und 9 auf Abel (Bbd.).

Eschwege-Schmalkalden. (Bisher natlib.) Es er­hielten Dr. Wcndlandt (ntl.) 174, Amtsgerichts­rat Sattmann (Dentschsoz.) 120 ©immer* Ersterer ist somit gewählt.

Grafschaft Schaumburg. Wiedergewählt v. D i e t h- (kons.) mit allen abgegebenen Stimmen.

Hofgcismar-Wolshagen. Wiedergewählt ist v. Pappen heim (kons.).

Frankfurt a. M. (bisher 2 Fortschrittler). Fort­schrittliche Volkspartei 829, Sozialdemokraten 424, Nationalliberale 8 Stimmen. Gewählt sind also die Volksparteiler Flesch und O e s e r.

Oberlahnkrcis (bisher kons.). Dr. Lohmann (natl.) mit 138 Stimmen gewählt- Außerdem erhiel­ten Cahensly (Ztr) 44, Hilf (Freis.) 1, Behrens (Ehr. S.) hatte an seine Wähler die Bitte gerichtet, der Wahl fern zu bleiben, da an der Wahl des national- liberalen Kandidaten nichts geändert werden könne.

Dillkreis-Obcrwefrettoaldkreis (bisher natlib.). Ju- stizrat Dr. Dahlem (Ztr.) wiedergewählt.

Limburg (bisher Ztr.). Kommerzienrat Ca­hensly (Z.) mit 183 Stimmen wiedergewählt. Die Nationalliberalen hatten Stimmenthaltung prokla­miert.

Wiesbaden-Stadt. (Bisher natlib.) Bartling (natlb.) mit 327 Stimmen gewählt. Die Wahlmän­ner der Fortschrittlichen Volkspartei und der Sozial­demokraten enthielten sich der Abstimmung.

Wiesbaden-Land. (Bisher natllb.) Bürgermei­ster a. D. Wolff- Biebrich (natlb.) wurde mit 275 Stimmen wiederaewählt, der Kandidat des Zentrums erhielt 79, der Vollsparteiler 52 Stimmen.

Nheingaukreis. (Bisher Bbd.) Gewählt wurde Geil (Ztr.) mit 187 Stimmen. Im ersten Wahl­gang erhielt Berg (Freikons.) 135, Geil (Ztr.) 153, Burgess (Fortschrittler) 32, Grimm (Bbd.) 30 Stim­men. In der Stichwahl traten die Bündler für Landrat Berg ein, der 164 Stimmen erhielt, die Fort­schrittler für den Zentrumskandidaten, der so mit 187 Stimmen gewählt wurde. Der Wahlkreis ist eine Neuerwerbung des Zentrums.

Oberiaunuskrcis Homburg v. d. H. (Bisher ntlb.) Amtsgerichtsrat v. Bülow mit 88 Stimmen ge­wählt. Der Zentrumskandidat erhielt 44 und der fortschrittliche 18 Stimmen.

Untcrlahnkreis. (Bisher natlib.) Amtsgerichtsrat Lieber (natl.) mit 146 gegen eine sozialdemokra­tische Stimme wiedergewählt.

Wetzlar. (Bisher Natlib.) Krüger (Natl.) mit 142 Stimmen gewählt, v. Bodclschwingh sKons.) erhielt 73 Stimmen.

Neuwied-Altenkirchen. (Bisher 1 Kons, und 1 Zentr) Heckenroth (Kons.) und Gerhardus (Zentr.) mitt 399 Stimmen wiedergewählt. Die nationallibe­ralen Kandidaten Weinlich und Andreae erhielten je 299 Stimmen.

Bielefeld-Halle-Herford. (3, bisher 2 Kons, und 1 Natl.) Gutsbesitzer Meyer zu Jerrendorf (Natl.) mit 701 Stimmen wiedergewählt, Malermeister Liene » weg (Konf.) mit 699 Stimmen wiedergewählt und Redakteur W a l l b a u m (christl.-soz.) mit 429 Stimmen neugewählt. Die Konservativen haben einen Sitz verloren und die Christlichsozialen einen gewonnen. Der Christlichsoziale wurde mit 20 Stimmen Mehr­heit gewählt.

Berlin. In den vier ersten Berliner Wahlkreisen wurden die fortschrittlichen Kandi­daten gewählt. In dem 5., 6., 7., 9 und 11. Wahlbezirk war an der Wiederwahl der sozialdemo­kratischen Kandidaten nicht zu zweifeln. Heftig um­stritten waren dagegen die Wahlkreise 8, 10 und 12, in denen es von wenigen Stimmen abhing, ob die bisherigen fortschrittlichen Abgeordneten Cassel, Ro- senow und Dr. Runze wiedergewählt werden würden.

seine Sache gut gemacht habe, und reichte ihr seinen Teller hin.

Da mußte selbst die strenge Tante lachen. „Du bleibst halt ein Narr dein Leben lang, Schorschchen", sagte sie und gab ihm eine doppelte Portion.

Während sie die Suppe löffelten, stockte das Ge­spräch; mit Annies Eintritt aber kam Sonne herein und die Unterhaltung wurde lebhaft und animiert. Nur ungern riß sich daher Sandow von der heiteren Tafelrunde los, um dem Professor in den Ganten zu folgen, und eine Zigarre zu rauchen.

Auch Tante Betty verließ das Speisezimmer und begab sich in die Küche, wo sich bald ein heftiges Ge­witter über Gnstts schuldigem Haupte entlud.

Puck aber schlug ein Bein übers andere, pickte mit dem Zeigefinger auf Annies Hand und sagte ge­heimnisvoll: „Du ich hab' eine großartige Idee. Gestern abend im Hofbräu, beim siebten Maßt, ist sie mir gekommen. Gib acht, da wirst schau'u!"

Annie ließ ihre Augen suchend zum Fenster gehen und sagte, indem sie eine Orange schälte: „Da bin ich wirklich neugierig."

Pucks Gesicht strahlte. „Ich sag' es nur Dir, Annie, sonst keinem Menschen. Also denk dir: ich mal auch ein Münchner Kindl! — Und zwar ganz o—ri—gi—neß! — Paß mal auf, Annie! — Also die beiden Frauentürm', das sind zwei Maßkrüg. Die Hauben, das sind die Teckel drauf! Zwischen­hinein mal ich das schönste Münchner Kindl: es hebt den Deckel auf, daß der Schaum überläuft, und fagt seinen Spruch . . . Jessas, Jessas, jetzt hab ich den Spruch richtig vergessen! Aber das tut nichts, er fällt mir schon wieder ein. Und wenn nicht — nachher machen wir halt einen neuen. Etwa so: „Die zwoa Krügerl, die wann man Hofbräu voll wären, Sakra, gäb das eine Kraxlerei auf die Frauen­türm'! — Na, was sagst dazu? Ist das nicht ori­ginell?"

Annie schüttelte den Kopf. „Das ist ja gar keine Idee", sagte sie, „höchstens ein schlechter Witz. Das reicht kaum zu einer Ansichtskarte!"

„Ja Anuerl", mehr will ich ja auch gar nicht! Zehntausend Karten, wenn der Verleger herstellen

In Charlottenburg wurde der fortschrittliche Kan­didat getvählt. In Teltow-Beeskow-Storkow, diesem Riesenwahlkreis, der die meisten Borotte Berlins umfaßt, enthielten sich die Sozialdemokraten der Ab­stimmung, so daß im ersten Wahlgang der Fortschritt­ler Traub und der Nationalliberale Liepmann gegen die Konservativen gewählt wurden. In Schöneberg war die Wahl des Sozialdemokraten Huz nach den Urwahleit bereits sicher.

*

H. Berlin, 3. Juni 1913. (Tel.) Das Ergeb­nis derHanptmahlen zum preußischen Abgeord­netenhause war hier spät abends bekannt; 439 Ab­geordnete wurden definitiv gewählt. In zwei Wahl- lreisen (Berlin 18 und Brandenburg-Wcsthavellmd) haben für 4 Abgeordnete Stichwahlen stallzufinderr. Es sind gewählt: 146 Konservative, 53 Freikonser- valive, 74 Nationalliberale, 37 Fortschrittler, 103 Zentrum, 12 Polen, 2 Dänen, 10 Sozialdemokra­ten, 1 Deutschsozialer und 1 Christlichsozialer. Der Gewinn und Verlust der Parteien stellt sich wie folgt: Konservative +10 —15, Freikonseroative + 2—9, Nalionalliberale +12 — 5, sortschrittl. Volksparlci + 6 —5, Zentrum +5 —4, Polen —2, Sozial­demokraten + 4, Fraktionslose + 2—1.

-4- Sur Befitzsteuerfragc.

Der Reichsschatzsekretär hat den Mitgliedern der Budgetkonimission das von konservativer Sette ge­wünschte Material zur besseren Beurteilung der Steuervorlagen zugehen lassen.

Der Einleitung der umfassenden Darlegungen entnehmen wir folgendes: Will man ein richtiges Bild von der Verteilung der Steuern und der steuerlichen Belastung in Deutschland geben, so muß man die Gesamtheit der öffentlichen Körper­schaften, das Reich, die Bundesstaaten, die höheren Kommunalverbände und die Gemeinden berücksich­tigen. Das Reich erhebt Zölle, Verbrauchssteuern, Auswandstenern, Verkehrs- und Erbschaftssteuern. Fast die Hälfte aller Einnahmen gewinnt es aus den Z ö l l e n , die es ausschließlich erhebt. Die wich­tigsten Verbrauchssteuern sind die Zucker­steuer, die Branntweinverbrauchsabgabe und die Brausteuer, die mit 158 Millionen Mk. 9,29 % bezto. mit 179 Millionen Mk. 10,50 % bezw. mit 163 Mil­lionen Mk. mit 9,58 % der gesamten Reichseinnahmen ausmachen. Rasch wachsende Erträge bringt die Zigarettensteuer ein. Unter den Verkehrs- st e u e r n sind die Stempelabgaben am ertragreich­sten. Sie bringen jährlich 182,7 Millionen Mk. ein, machen also 10,7 % aller Reichseinnahmen aus.

In den Bundes st aalen stammen die Steuer­erträgnisse insgesamt zu 76 % aus den direkten Steuern, zu 11 % aus den Aufwandsteuern, zu 11 % aus den Verkehrs- und Stempelsteuern und zu 2 fr­ans den Erbschafts- und Schenkungssteuern. Unter den direkten Steuern ist die allgemeine Einkom­mensteuer, die neuerdings auch in Bayern einge­führt worden ist, die wichtigste Steuer in den deut­schen Einzelstaaten. Sie macht in Preußen 71 % aller Staatssteuereinnahmen und 84 % aller Ein­nahmen aus direkten Steuern aus. Insgesamt ent­fallen auf die allgemeine Einkommensteuer 535,6 Millionen Mk., das ist 53,75 % des Gesamtsteuer­ertrags der Bundesstaaten. Eine Ergänzungs­teuer findet sich in 9 Staaten, die Kapitalrenten­steuer, die in 7 Staaten erhoben wird, bringt nur in Bayern, Württemberg und Elsaß-Lothringen größere Erträgnisse. Tie Grund- und Gebaude- t e u e r n sind in Preußen und einigen anderen Staaten den Gemeinden überwiesen, dagegen haben ie in Bayern, Sachsen und Hamburg noch eine große Bedeutung. Von den anderen dttekten Steuern lie- ’ert namhafte Erträgnisse die Gewerbesteuer. Ver­brauchssteuern werden nur in einigen süddeutschen

läßt, das gibt drei- bis vierhundert Mark und ich kann einen, ganzen Monat lustig leben."

„Hast du denn keinen höheren Ehrgeiz?" fragte Annie ernst. „Raffe dich doch einmal auf, schasse etwas Großes!"

Puck schnippte die Asche von der Zigarette und hob die Schultern. „Hab' auch schon 'was Großes probiert", sagte er, „aber es ist nichts Rechtes ge­worden. Man muß halt auch das Zeug dazu haben, um ein Raphael zu werden. No ja, das fehlt mir — und so bleib ich eben bei meinen Hofbräu-Milieu! Alles andere kann mir gehorsamst gestohlen werden."

„Armer Narr!" —

„Recht hast, Annie — ein Narr bleib ich mein Leben lang. Narret ist an mir alles — innen und außen! Narrisch bin ich, wenn ich durch unsere liebe Münchner Stadt und zum Hosbräuhaus geh; narret ist mein Denken und meine Kunst — und wie narret pumpert mein Herz, wenn ich dich anschau, du liebes Münchner Kindl!" — Sein Ton wurde warm und herzlich, als er sich vertraulich zu ihr hinüberneigte und fragte: „Sag, Annerl, weißt du vielleicht, was das zu bedeuten hat?"

Annie wurde der Antwort auf diese diskrete Frage enthoben. Jbr Vater trommelte draußen an die Scheiben und sagte, als sie den Fensterflügel öff­nete: „Eben habe ich einen Brief von Kommerzien­rat Heuberger im Schalter gefunden. Er will mich noch heute sprechen, vermutlich wegen eines neuen Flügels, den er bauen läßt. Wenn du Lust hast, mitznkommcn, so kleide dich rasch zum Ausgehen an. Herr von Sandow geht auch mit und Puck, der Tage­dieb, kann miltraben, ohne daß er etwas versäumt. Also ein bischen fix!"

Schon eine halbe Stunde später befand sich die kleine Gesellschaft in den Jsarauen, wo an dem schö­nen Nachmittage fröhliches Leben herrschte. Kinder tummelten sich unter den Bäumen, die elegante Welt promenierte, die Sonne lachte vom Himmel — und drunten in ihrem breiten Bette rauschte die Isar-,

Sie kamen zur Wittelsbacher Straße, wo' Heu- bexaeps Haus lag. Es war ein stattlicher Dau mit

Staaten erhoben. Auch die Aufwandsteuern sind in Süddeutschland am stärksten ausgebildet.

Tie gesamte steuerliche Belastung des deutschen Volkes ist aber nur dann richtig festzustellen, wenn auch die weit beträchtlicheren Abgaben be­rücksichtigt werden, die in den Gemeinden er­hoben werden. Bei den direkten Gemeindesteuern fällt fofort ins Auge, daß ihre Erträgnisse weit höher sind, als diejenigen der direkten Staats­steuern. In Preußen machen die Erträgnisse der Gemeindesteuern 66, in Bayern 53, in Sachsen 58, in Württemberg 50 % aller Staats- und Genreinde­steuereinnahmen aus. Die Gemeinden gewinnen ihre Steuereinnahmen fast ausschließlich aus den direkten Steuern. Die Erträgnisse der direllen Gemeindesteuern in Deutschland belaufen sich auf 90,7 % der Gesamteinnahmen der Gemeinden.

Das Ergebnis der vergleichenden Dar­stellung, welche für die steuerliche Belastung in Deutschland, Frankreich, England und Oesterreich durchgesübrl ist, wird am besten aus den nachstehen­den Tabellen ersichtlich:

1. Nach den Gesamtsteuerbeirägen (i. 1000 Mark):

2. In Hundertteilen des Gesamtsteuerertrags:

Staaten

Direkte

Steuern

Röfle u.

Berb auch^ steuern

Der- kehrs- abgab.

Erb­schafts steuer

Gesamt­steuer­ertrag

Deutschland

2(08044

1542498

384894

62081

4079595

England

2637717

1364091

199581

518758

4720147,

Frankreich

106290V

1766545

651626

295314

3776394

Oesterreich

315260

647525

185846

(51000)

1148631

Staaten

Direkte

Steuern

Zölle uni VrrbrauchS. steuern

SS || s-"

Verkehr S- abgaben

Erbschakir- ste. er

Insgesamt

Deutschland

49,22

37,81

2,02

9,43

1,52

100

England

55,88

28,90

——

4,23

16,99

100

Frankreich

28,15

46,78

—

17,25

7,82

100

Oesterreich

27,44

56,38

—

16,18

(4,44)

100

3. Auf den Kopf der Bevölkerung (in Mark):

•> «

c?s

«L

5

Staaten

6*®

Zölle v Berbra steuer

« §

2 «>> s

-SZ iS®1

©

J"sgesr

Deutschland

30,89

23,73

1,26

5,92

0,95

62,75

England

59,27

30,65

—

4,49

11,66

106,07

Frankreich

27,05

44,95

—

16,58

7,51

96,09

Oesterreich

11,03

22,66

—

6,50

(1,79)

41,98

Deutscher Reich.

** Berlin, 3. Juni 1913. Das Kais erp aar traf heute abend um 10 Uhr von Ahlbeck in Wild­park wieder ein. Die Kaiserin begab sich nach dem Neuen Palais, der Kaiser fuhr nach Geldern. — Der Vereinsverband akademisch gebildeter Lehre, Deutschlands errichtete anläßlich des Regierungs­jubiläums des Kaisers eine Stiftung von 100000 Mk,

** Der Wehrbcitrag. In der ersten vertraulichen Besprechung über die Gestaltung der Sätze des Wehr, beitrageS wurde, wie die Tägl. Rundschau (Nr. 254) erfährt, von einer Seite der Antrag gestellt, bei der Heranziehung der Einkommen bis auf 3000 Mk. her­abzugehen. Dieser Antrag wurde jedoch verworfen und man einigte sich schließlich auf die Grenze von 5000 Mk. Der Regierung geht aber auch diese Her­anziehung viel zu weit. Sie sindet, daß der Um terschied zwischen fundiertem Einkommen (ans Kapi­talvermögen) und nicht fundiertem Einkommen (aus Erwerb), der in der Regierungsvorlage ausreichend berücksichtigt worden fei, von dem Ausschuß bisher gar nicht berücksichtigt worden ist. In dieser Bezieh­ung wird die Regierung, dem genannten Blatt zn-

schöner Fassade, der im Erdgeschoß Kontor pnd Magazrne enthielt; die erste "Etage bewohnte der Kommerzienrat mit seiner Familie, die zweite und dritte waren Herrschattswohnungen und vermietet.

„Wer ist denn eigentlich dieser Heubergnr?" fragte Sandow.

„Großindustrieller", erwiderte Pirkheimer. „Er ist Besitzer der großen Leisten- und Möbelfabrik drunten in der Au. Daneben hat er noch eine Pianofortefabrik mit großem Export nach Amerika, Australien und Japan. Ter Mann gehört zu jenen „Helden der Arbeit", die klein begonnen, sich durch Fleiß, Energie und Intelligenz emporgearbeitet und es zu Ansehen und Vermögen gebracht haben. Sein Vater arbeitete noch a!3 ehrsamer Tischler mit drei Gesellen in einem kleinen Häuslein in der Au — der Sohn beschäftigt heute gegen tausend Arbeiter."

„Bravo!" rief Sandow. „Vor solchen Männern habe ich Respekt. Sie sind wohl gut bekannt mit dem Kommerzienrate?"

„O ja — wir sind nämlich Jugendfreunde, ob­wohl Heuberger fünf Jahre älter ist als ich. lieber« dies bin ich in allen Fragen des modernen Klavier­baues sein künstlerischer Berater. Auch in Familien­angelegenheiten fragt er mich um Rat, was mir gar nicht angenehm ist, weil es da manche Differenzen gibt. Heuberger hat nämlich eine blutjunge Frau geheiratet, die sehr lebenslustig ist, während er selbst zu altern anfängt. Bei diesen Gegensätzen ist es er­klärlich, daß manches nicht stimmt. Dann sind noch zwei Söhne aus erster Ehe da: Ludwig, ein tüchtiger und ernster Mensch, der völlig im Geschäfte feines Vaters aufgeht, und Max, der flotteste Offizier in der ganzen Münchner Garnison. Der macht seinem Papa heiß! Und da dieser das Zipperlein und Frau Marguerite ihre Launen hat, so ist die Stimmung im Hause nicht immer rosig."

„Wie alt ist denn Herr Heuberger?"

„Fünfundfünfzig! Seine Frau zählt dreiund zwanzig Jahre - - v

„Wie kommt der alte Herr dazu, solch eine junge Frau zu nehmen? Das ist doch immer bedenklich."

^Fortsetzung folgt)