Zuldaer Zeitung
trfdjtint fOgfitf) mit Ausnahme 6er Scan- und Seiertage. Viertel, jährlicher Bezugspreis ohne Brlngerlohn und Bestellgeld in Zulda sowie auswärts 1.50 Mark. •••• Rotationsöruck und Verlag der s ~ Zuldoer flctienbruckcrei in Zulda. Zemsprecher Tlr. 9. ; s
fit. 125. erstes Blatt.
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40. Zahrgana
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seda-Universität und einer auserlesenen Zuhörerschaft, Europäern und Japanern, gehalten und behandelte den Charakter als Gradmesser wahrer Größe. Ausgehend von dem Gedicht des deutschen Dichters Kerner „Der reichste Fürst", zeigte der Redner in großzügiger Linienführung, worin die wahre Größe eines Menschen und eines Volkes bestände und nicht bestände, und welchen Wesenselemente den wahrhaft großen Charakter aufbauten. Hierauf führte Pater Vaughan als neuzeitliche Typen großer Charaktere zunächst den verstorbenen japanischen Kaiser Mutsuhito, sodann den Deutschen Kaiser Wilhelm II. und schließlich das englische Königspaar Georg V. und seine Gemahlin vor. Wohl selten ist der Deutsche Kaiser aus beredtem Munde so gefeiert worden, wie hier durch den berühmten englischen Jesuiten:
.Der Deutsche Kaiser ist im besten und rr. arsten Sinne des Wortes ein großer Charakter, der sich als solcher in seinem öffentlichen wie privaten Leben, als Haupt einer großen Nation wie als Vater einer christlichen und glücklichen Famii-e glänzend bekundet. Kaiser Wilhelm ist eine Persönlichkeit im höchsten Sinne des Wortes. Und was macht den unwiderstehlichen Zauber seines Charakters aus? Ist es die überlegene Macht? Nein, Macht und Gewalt haben für sich noch nie einen Charakter geschaffen. Ist es sein überlegener Geist? Nein, denn selbst die brillantesten Talente auf deutschem Kaiserthrone vermöchten keinen Charakter zu bilden. Ist es die reiche Mitgift persönlicher Eigenschaften? Nein, denn selbst diese Eigenschaften, die in der Person des Monarchen so vollkommen sich ausprägen, machen noch nicht notwendig einen großen Charakter aus. Was ist es denn, was mich bewegt, Ihre Aufmerksamkeit auf den Deutschen Kaiser iu lenken? Weshalb lade ich Sie ein, diese bedeutende Persönlichkeit zu studieren? Weil ich in ihm einen Herrscher sehe, dessen Leben inspiriert und beherrscht wird von einem hoben und heiligen Grundsätze. Der Kaiser ist durchdrungen von der hehren Ueberzeugung, daß er von Gott, seinem höchsten Herrn, eine Sendung erhalten hat, die Aufgabe, sein Volk auf dem Wege wahrer Größe und des Friedens zu führen und dies nicht allein durch Kundgebung des Herrscherwillens, sondern durch sein eigenes Beispiel. Während ein unglückseliger Nietzsche im Wannsinn sterbend das Wort in die Welt schleudert: .Gott ist tot", erinnert der Deutsche Kaiser sein Volk immer und immer wieder daran, daß Gott fein Leben und die wahre Quelle seiner Kraft ist, und sinkt selbst demütig auf die Knie, um vom Höchsten Licht und Beistand zu erstehen für sich, seine Familie und sein großes, tatkräftiges Volk. . .*
Die jesuitenfeindliche „Tägliche Rundschau" ist freundlichst eingeladen, von dieser Rede des Pater Vaughan ihren Lesern Kenntnis zu geben.
Jt* Die Spionenseuche.
Der Fall Redl ist entsetzlich, weil er eine sittliche Verkommenheit enthüllt, wie man sie bisher nicht für möglich hielt. Der Fall ist erschreckend, weil man jetzt überhaupt nicht mehr weiß, ob es noch militärische Geheimnisse gibt.
Wenn ein Generalstabsoberst, ber früher selbst Leiter des Nachrichtenbureaus seiner Heeresverwaltung war, seine Wissenschaft an die russische Regierung verkauft har, dann wird diese Regierung für ihre rollenden Rubel wohl alles erfahren haben, was ihr wissenswert erschien. Und es ist auch die Befürchtung nicht abzuweisen, daß der Verräter Redl auch d rutsche Geheimnisse verkauft haben könnte Abgesehen davon, daß dieser selbe Redl während der Winterkrisis in Berlin war und bei unserm großen Generalstab vorgesprochen hat, ist es bei der politischen und militärischen Solidarität der beiden mitteleuropäischen Kaiserreiche selbstverständlich, daß die österreichische Heeresleitung über das deutsche Heerwesen besser informiert wird, als die anderen Mächte, und ebenso umgekehrt. Natürlich wird man der Oeffentlichkeit keine Mitteilungen machen über die Mitleidenschaft, in die wir durch den Verrat Redls gezogen sein könnten, offiziös leugnet man sie direkt ab, aber sicherlich wird man in der Stille ernstlich nachsorschen, was etwa verraten sein könnte, und bte geeigneten Maßnahmen zur möglichsten Unschädlichmachung treffen.
Die berufenen Hüter der militärischen Geheimnisse sind offenbar in eine neue schwere Sorge gestürzt. Sie müssen leider mit der Möglichkeit rechnen, daß die Bestechung auch in solchen Kreisen, die bisher als unzugänglich galten, unter Umständen verheerend wirkt. Offenbar hat Rußland die Aufwendungen für Spionage im letzten Jahrzehnt über das herkömmliche Maß gesteigert, sodaß die Summen nicht bloß für die subalternen Spione, sondern auch für hoch- gestellte Personen verführerisch wirken können. Ob andere Länder diesem Beispiel der „Freigebigkeit" schon gefolgt sind oder noch folgen werden, wer weiß es? Jedenfalls ist die größte Vorsicht nötig, und vor allem muß daraus geachtet werden, daß an die wichtigen militärischen Geheimnisse keine Personen herankommen, die bedenkliche Passionen haben oder größeren Aufwand treiben oder sonst eine Garantie der Charakterfestigkeit vermissen lassen. Zu Vertrauensposten gehört nicht nur die geistige, sondern vor allem die sittliche Befähigung.
Die Berliner »Nationalztg/ macht heute den wohlgemeinten Vorschlag, die Kultur - Nationen möchten ein A -kommen dahin treffen, daß man sich mit den gewöhnlichen gewerbsmäßigen Spionen begnügen und auf die Bestechung von Angehörigen fremder Armeen verzichten wolle. Ein solches Abkommen, das die ab- I scheuliche Verräterei von Offizieren verhindern sollte, I wäre sehr schön, wenn es sich nur durchführen ließe. Der förmliche Verzicht einer Regierung auf die un» I mittelbare Bestechung von fremden Militärpersonen I würde noch keineswegs die mittelbare Bestechung aus- I schließen. Die gewerbsmäßigen Spione, die ein nuß- I begieriger Staat besoldet, haben ein sehr weites Ge- I wissen und würden sich nach wie vor nicht scheuen, I eine Militärperson von wurmstichigem Charakter zu I ihrem Helfershelfer zu machen. Die Spionage wird I ja so wie so durch nichtamtliche Mittelspersonen so I betrieben, daß die Regierung selbst von einem aus- brechenden Skandal amtlich nicht betroffen wird. Mit offistellen Abmachungen läßt sich diesem Hebel nicht beikommen.
Aus Rußland kommen nun Nachrichten über I zahlreiche Verhaftungen wegen Spionage in I mehreren Garnisonstädten, und es sollen sich sogar | Offiziere darunter befinden. Vielleicht will man durch diese Nachrichten den schlechten Eindruck verwischen, den der Fall Redl hervorgerufen hat. Es soll so aussehen, als ob Rußland von Oesterreich ebenso I
Annie hätte gerne nach diesem und jenem gefragt, aber sie wagte ihn nicht zu stören; dafür betrachtete fie heimlich den Maler. Schön war er ja gerade nicht — aber interessant! Die Art, wie er den aristokratischen Kopf mit einem Ruck emporschnellte, daß das scharfgeschnittene Gesicht und die hohe, blaugeaderte Stirne sichtbar wurden, hatte etwas Bezwingendes, Herrisches. Die grauen, kühlen Augen blicken dabei so forschend und durchdringend, daß sie eine leise Furcht beschlich. „Vor diesen Augen muß man sich in acht nehmen", dachte sie. „Sie sind dunkle ernste Rätsel!" —
Ihr emporgestreckter Arm begann zu ermüden; er ward schwer wie Blei und schließlich hatte sie das Gefühl, als ob ein Heer von Ameisen über ihre Hand krabble. Zuerst wollte sie darüber lachen. Dann aber hätte sie weinen mögen, so heftig wurde der Schmerz. Trotzdem hielt sie sich tapfer, sandte jedoch bittende Blicke zu dem Maler hinüber. Er bemerkte nichts und sie dachte: „Sieht er denn nicht, wie ich leide? Ist er ein so großer Künstler — oder ein so großer Egoist, daß er über seinem Werke den Menschen in mir vergißt?"
Ta zuckte auch schon ihr Arm und fiel schwer herab; sie sank müde in einen Sessel.
„Ach Gott, ich wußte nicht, daß das so anstrengt", sagte sie.
Sandow nahm ihr die Fackel aus der Hand und tröstete sie: „Tas ist nur im Anfang so — morgen wird es besser gehen. Ruhen Sie sich aus, ehe wir wieder beginnen!" Gnsti mußte Wein und Backwerk bringen und dann setzte er sich zu ihr und erzählte lustige Atelicrgeschichten, daß sie ihren Schmerz vergaß und zu lachen anhub.
Während die beiden fröhlich plauderten, stand die mollige Küchenfee, in tiefsinnige Betrachtungen versunken, vor der Staffelei. Ein brunnentiefer Seufzer entstieg ihrem jungfräulichen Busen und ihr glänzendes Vollmondgesicht zeigte zwei Trauerfalten zwischen Nase und Mund. „Jossas, jessas, is das ein saubres Bild!" staunte sie. „Wenn mich doch auch einer malen tat — als Domino! — Ah, dös
veutsches Neich.
* Berlin, 2. Juni 1913. Auf dem Tempelhofer Felde sand am Montag vormittag die diesjährige Frühjahrsparade des Gardekorps vor dem Kaiser statt. Außer den Mitgliedern des kaiserlichen Hauses nahmen an der Parade die Mitglieder der argentinischen Sonderkommission, Offiziere des russischen Leib- gardegrenadier-Regiments König Fried. Wilhelm III., des österreichischen Infanterie-Regiments Wilhelm I., des 32. württembergischen Infanterie - Regiments Kaiser Wilhelm Nr. 120 und fremdherrliche Offiziere teil. — Das ,Berl. Tagebl/ erfährt, daß in den nächsten Tagen einer der maßgebenden englischen Staatsmänner in Berlin eintrifft, um die von Lord Morley eingeleiteten Besprechungen sortzusetzen. — Am Hofe des Herzogs von Cumberland in Gmunden wird versichert, daß die braunschweigische Thronbesteigung durch den Prinzen Ernst August binnen drei Monaten erfolgen wird. Die amtliche Bestätigung werde jedoch nicht vor Belm n'gabe des Bundesratsbeschlusses erfolgen.
** Tas Erträgnis des Wehrbeitrags-Kompromisses, liebet die Berechnung, die vom Reichsschatzamt der Budgetkommission xugegangen ist, wird noch ge-
, meldet: Insgesamt werden in Preußen aus dem Wehrbeitrag vom Einkommen 73,8 Millionen Mark veranschlagt. Für das Reich bedeutet das, nach dem
I Verhältnis 8,5 umgerechnet, einen Ertrag von 120 I Millionen. Das Gesamtergebnis mit 7204-120 I —840 Millionen ist nicht befriedigend. Vor- I aussetzung für das von der Subkommiflion in Aus« I sicht genommene Kompromiß war, daß es zum mm« I beften 1000 Millionen Mark einbringt. Nun fehlen I nach den Berechnungen des Reichsschatzamtes aber noch 160 Millionen, so daß man sich am Mittwoch wohl zu einer Erhöhung der Sätze des Wehrbei- I träges vom Vermögen wird entschließen müssen. I — Unter den Reichstagsabgeordneten ist übrigens, I wie Berliner Blätter melden, eine lebhafte Bewegung I gegen das in Vorschlag gebrachte System der Kapita- I lisierung der Einkommen im Gange. Man erklärt, I daß es noch längst nicht dasselbe sei, ob man 5000 I Mark Einkommen oder 50000 Mark Vermögen bezw.
50000 Mark Einkommen oder 725000 Mark Vermögen bezw. gar 100000 Mark Einkommen oder 1500000 Mark Vermögen habe. Besonders bei den niedrigern Einkommen müsse die geplante Kapitalisierung ganz ungerecht wirken.
* Tie Steuerpflicht der Fürsten und die Regierung In parlamentariichen Kreisen verlautet der,Magde> burgischeu Zeitung' zufolge, daß die Reichsregierung die Aufnahme einer Bestimmung über die Steuerpflicht der Fürsten in den Gesetzentwurf zu dem Wehrbeitrag entschieden ablehnt. Trotz des entgegen» stehenden Beschlusses der Budgetkommission des Reichstages gibt man sich in den der Reichsregierung nahestehenden Kreisen der Erwartung hin, daß das Plenum des Reichstages in seiner Mehrheit im entscheidenden Augenblick der Auffassung der Regierung beipflichten wird, zumal die letztere in der Loge sein wird, über den freiwilligen Beitrag der Fürsten Mitteilung zu machen, die auch die weitgehendsten Wünsche in dieser Richtung befriedigen dürften, sodaß ein Bestehen auf der Festlegung der Steuerpflicht der Fürsten bei dieser Gelegenheit sich als eine verfehlte Rechthaberei erweisen dürfte. Die Behauptung, daß die Annahme einer Reichsvermögenssteuer durch den Reichstag zum Rücktritt des Reichskanzlers führen müsse, wird in politischen Kreisen als unzutreffend bezeichnet/ da nachdrücklich bestritten wird, daß der Reichskanzler sich gegen jede Art einer solchen Steuer erklärt habe. Richtig ist nur, daß ber Reichskanzler eine durch das Reich zu erhebende, in allen Bundesstaaten gleich, mäßig von Reichswegen sestgelegte Vermögenssteuer ablehnt.
X Abtretung der Walfischbai und Zanzibars seitens Englands an Deutschland? Auf Grund von Informationen, die von ausgezeichnet unterrichteter englischer Seite kommen sollen, weiß die „B. Z." von einem bevorstehenden weitverzweigten Generalabkommen Englands mit dem Deutschen Reich zu melden- Tie Abtretung der Walfischbai, voraussichtlich' auch Zanzibars an Deutschland als Entgelt scheine gesichert. Deutschland soll als Gegenleistung Englands politische Vormachtstellung im Persischen Golf, sein faktisches Protektorat über die dortigen türkischen und persischen Küstengebiete und seine vorläufige Einflußsphäre in Süd-Mesopotamien formell anerkennen und in die Aufhebung der ägyptischen internationalen Gerichtsbarkeit willigen. England sei dagegen bereit, für die Weitergewährung des türkischen (jetzt aus asiatischen Zolleinnahmen zu garantierenden !i Rentabilitätszuschusses an die Bagdadbahngesellschaft einzutreten, auch Frankreichs Zustimmung herbeizuführen und die Zulassung der Bagdad- werte an der Londoner und Pariser Börse zu befürworten, ferner der deutschen Schiffahrt im Persischen Golf Erleichterungen zu gewähren und in eine Erhöhung ber türkischen Zölle zu willigen. Die Türkei soll die Reorganisation ihres Heeres ausschließlich deutschen, die der Flotte englischen Instrukteuren übertragen mtb neue Bauaufträge für die türkische
gäb' ein fein's Bildl! — So a Schwabinger Maler, so a langbaarctcr, hat auf'm Baalparech g'fagt: i hält' an schönen Akt! — Na na, Gott sei Tank, a saubres Madl bin ich mein Lebtag g'wesen!"
Ein neuer, abgrundtiefer Seufzer drückte die Tiefe ihrer Gefühle und die Größe ihres Wunsches aus; dann verließ sie zögernd das Zimmer.
Annie und Sandow ahnten nichts von den Träumen Gustis. Sie plauderten und nahmen nach einer halbstündigen Pause die Sitzung wieder auf. Nun flogen die Worte fröhlich herüber und hinüber. Annie hatte von dem ungewohnten Genuß des Weines heiße Wangen bekommen und war nun voll toller Einfälle. Sie kicherte in einem fort und konnte nicht eine Minute stille halten. Eine Weile ging der Maler darauf ein, dann machte er plötzlich ein finsteres Gesicht; nun erschrak sie und verhielt sich ' mäuschenstille. Sie fühlte, daß die Arbeit mit Ernst getan werden müßte.
Gegen ein Uhr wurden Stimmen im Vorgarten laut rind Annie atmete erleichtert auf „Papa kommt", sagte sie und ließ die Fackel sinken. „Nun müssen wir abbrechen, denn Papa wartet nicht gerne. Ich will nur schnell mein Mönchsgewand abwersen und dann gleich zum Essen kommen. Würden Sie uns Wohl die Ehre erzeigen und zu Tische bleiben?"
„Wenn ich nicht störe."
„Ach wo! — Wir sind int engsten Kreis. Alsp auf Wiedersehen!"
Sie huschte hinaus und er dachte: „Herrgott — was sür ein liebes, süßes Mädel! —" Während er seine Mal-Utensilien zusammenpackte und die Staffelei in die Ecke trug, trat Birkheimer ein und begrüßte ihn. „Schon tüchtig gearbeitet?" rief er. „Schön! - Ich war auch schon seit acht Uhr in der Tretmühle: hab' einem halben Dützen Nachtigallen das Piepsen gelehrt, ein paar Starmätze gedrillt und einem frechen Spatz den Schnabel gestopft. Jetzt bring ich einen Wolfshunger mit. Sie bleiben selbstredend zu Tasch, ja?"
Sandow verneigte sich zustimmend und sagte: „Ich will nur nur erst die Hände reinigen —" (F. f.),
Das Münchner Kinöl
• 6} Roman von Felix Nabor.
Lachend ging er mit Sandow davon. Kaum aber war dieser an der Haltestelle der Elektrischen in den Wagen gesprungen, so folgte ihm der Professor auf dem Fuße. „Jetzt rasch noch ein Ständer! ins Hofbrauhaus," rief er fröhlich, „ich hab einen sakrischen Durst. Das ist aber auch das einzige, was mir von inaner gräflichen Herrlichkeit geblieben ist."
Sandow war überrascht, aber er tat dem Pro- Sfor den Willen und folgte ihm zu einem kräftigen annertrunt.---
Annie Birkheimer wartete am anderen Morgen doll Spannung auf den Augenblick, da Sandow erscheinen würde, um sie zu malen. Schon um zehn Uhr stand sie im Kostüm des „Münchner Kindls" hinter den Vorhängen und spähte hinaus auf die Straße. Eine jauchzende Freude war in ihr und ihr Herz klopfte rascher als sonst; diese fieberhafte Unruhe galt nicht allein dem Bilde, sondern noch mehr dem Maler.
Auch den Maßkrug hatte sie schon zur Hand und zärtlich drückte sie den Radi an die Brust und fragte sich: „Werde ich ihm gefallen? —"
Als Sandow pünktlich um elf Uhr erschien, war et entzückt über sein reizendes Modell und drückte Annie immer wieder die Hände. „Ich weiß gar Glicht, wie ich Ihnen danken soll, daß Sie mir zu dem Bilde sitzen wollen", rief er. „Aber das sage ich Ihnen, das Bild soll herrlich werden. Alle Welt soll staunen! — Freilich, auf Radi und Maßkrug mässen wir verzichten, dieses Motiv ist zu sehr verbraucht —"
Annie war enttäuscht. „Aber Herr von Sgndow — ein Münchner Kindl ohne diese historischen Wappenzeichen der Stadt? —"
„Die ^Münchner Stadt in Ehren", erwiderte er, „aber dies alte Wappen hat sich überlebt. Wir brauchen ein Wappen, das der neuen Zeit, dem neuen Geiste und der Bedeutung Münchens als Stadt der
। schlecht behandelt worden fei, rote es Oesterreich behandelt haben soll, indem auch russische Offiziere und
I sonstige Militärpersonen zum Verrat verleitet worden I seien. Anderseits ist aber auch die Möglichkeit 1 nicht von der Hand zu weisen, daß Redl und seine I russischen Gönner die nicht mehr ungewöhnliche I Spionage auf Gegenseitigkeit betrieben haben.
Vielleicht hat Redl den russischen Herren, die ihn so I gut bezahlten, Gelegenheit gegeben, russische Geheimnisse in Oesterreich zu versilbern. Die weitere Auf-
I Hütung bleibt abzuwarten; doch ist schon jetzt die I furchtbare Gefahr des Spionenroefens nur zu deutlich I zu erkennen.
Die verantwortlichen Leiter müssen ernstlich nach dem Rechten schauen.
Tie geheimnisvolle Russin. Aus der Affäre Redl scheint sich eine neue, große Spiouageange- legetthe11 entwickeln zu wollen, die vorläufig noch in geheimnisvolles Dunkel gehüllt ist. Es handelt sich dabei um die seltsame Tätigkeit einer angeblich vornehmen und reichen russischen Dame, die mit ihrer Gesellschafterin feit dem Januar dieses Jahres in Wien eine große Wohnung in der Borschke- straße bewohnte. Die Wohnung war auf den Namen der Gesellschafterin gemietet, die sich Ohelius nannte, | und es gingen auch fast täglich zahlreiche Telegramme ein, die entsprechend adressiert waren. Es fiel in der Umgebung auf, daß ein österreichischer Offizier in Uniform in der Wohnung ber Russin verkehrte, und es heißt jetzt, daß dieser Offizier kein anderer gewesen sei, als Oberst Redl. Während der Besuche des Offiziers wurde in der Wohnung stets Klavier gespielt, anscheinend, um ein anderes Geräusch zu übertönen, das die Hausbewohner öfters zu bemerken glaubten. Dieses Geräusch soll eine auffallende Aehnlichkeit mit dem einer elektrisch betriebenen Kopiermaschine gehabt haben, wie sie benutzt wird, um Landkarten zu vervielfältigen. In der Nacht, in der sich Oberst Redl erschoß, verschwanden die Damen aus Wien; und als die Wohnung durchsucht wurde, stellte es sich heraus, daß alle Zimmer leer waren. Außer dem Offizier soll noch ein anderer vornehmer Herr bei der Russin häufig verkehrt haben. Die Wiener Polizei ist gegenwärtig mit der Aufhellung dieser geheimnisvollen Affäre beschäftigt.
Kein Verrat deutscher Geheimnisse? Aus Wien wird offiziös versichert, daß die Beziehungen zu Deutschland zwar die denkbar günstigsten sind und zu gegenseitigen Besuchen führten, daß dies aber nicht den I Austausck- militärischer Geheimnisse zur Folge gehabt hat. Es liege auf ber Hand, daß derartiges Material, welches selbst im eigenen Generalstab nur wenigen Persönlichkeiten bekannt ist, nicht zur Kenntnis einer, wenn auch befreundeten, so doch immer fremden Macht, gebracht werde. Es liege daher kein Grund vor zu der Befürchtung, daß durch den Landesverrat des österreichischen Offiziers die deutsche Heeresverwaltung in Mitleidenschaft gezogen sei.
Z3 Eines Jesuiten Urteil über den Deutschen Kaiser.
Der berühmte englische Kanzelredner P. Ber - narb Bang ha n Z. J., Bruder des verstorbenen Kardinals, hat kürzlich nach einer Vortragsreise durch die Vereinigten Staaten auf seiner Heimfahrt auch Japan berührt. Da sein Ruf ihm vorausgegangen — so lesen wir im neuesten Heft 9 der „Katholischen Missionen" —, weckte seine Ankunft in Tokio in weiten Kreisen den Wunsch, den gefeierten Redner auch einmal zu hören. Pater Vaughan folgte der Einladung und hielt drei Vorträge, die nicht geringes ( Aufsehen erregten und die Presse der japanischen Hauptstadt tagelang beschäftigten. Die erste Rede wurde vor den Studenten und Professoren der Wa-
Kunst, der Intelligenz und der Industrie entspricht — ein Adelswappen des Geistes! Mit der Linken drücken Sie Palette und Pinsel, Meißel und Zirkel, die Symbole der bildenden Künste, an die Brust — die Rechte aber schwingt eine lodernde Fackel, das Sinnbild der Wissenschaft, des Fortschritts, des geistigen Aufschwungs! So — als Ruhmesgottin Ihrer Stadt will ich Sie malen!"
Annie fand zwar diese Idee sonderbar, aber sie besaß auch etwas Eigenartiges, so daß sie sich ohne Sträuben fügte. Aber ein leiser Schmerz um ihr Münchner Kindl blieb doch zurück! —
Sandow hatte schon in aller Frühe durch einen Tienstmann das Nötige hierherschaffen lassen und so gingen sie daran, das Erkerzimmer in ein Atelier umzuwandeln. Die unteren Scheiben wurden verhängt, daß das Licht kühl und gedämpft von oben einfiel, Sandow rückte die Staffelei zurecht, gab Annie die Stellung an, die sie auf Erkerestrade ein- zunebmen hatte, und begann zu skizzieren.
„Nicht allzu königliche Haltung", mahnte er, während sein Stift rastlos arbeitete. „Der Arm mit der Fackel muß sich straff in die Höhe strecken; es soll Kraft und Energie in dieser aufstrebenden Bewegung liegen, gepaart mit Grazie und Anmut — so, das ist brillant! — Ah, da ist es eine Lust zu malen! — Welche wundervolle Rundung des Armes! — Und welch schlanke Gestalt!" Seine Blicke glitten zu dem schonen Mädchen hinüber wie wandernde Sterne über goldene Brücken. —
Annie aber fühlte sich beengt. „Sie sollen nicht so zu mir sprechen", sagte sie leise. „Nicht schmeicheln!"
„Tas sprach der Künstler, nicht der Mann!" gab er zurück und sprang dann plötzlich zum Erker, um den Faltenwurf ihres Gewandes und den zuräckfal- lenden Hängeärmel zu ordnen. Seine Finger bebten i leise, als er ihren Arm streifte, eine fliegende Hitze jagte durch seinen Körper. Da trat er rasch zurück zur Staffelei, biß die Zähne zusammen und zeichnete, schwelgte im Reichtum des Schönheitswunders, das sich ihm offenbarte. — ‘