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Nr. 124

Crstes Blatt.

Montag den 2. Juni 1913

40» Zahrgang

Ter Unterausschuß für die Berechnung des Wehrbeitrages hat der Schatzsekretär die verspro­chene Untersage, auf gründ deren der Ausschuß die Eteucrskala für den Wehrbeitrag aufstellen will, zu» gehen lasfen. Bekanntlich hatte der Unterausschuß be­schlossen, den Wehrbeitrag von 30 000 Mk. Vermögen auswärts festzusetzen: von den ersten 50 000 Mk. 0.1, von den nächst weiteren 50 000 Mk. 0.35, von den wei. teren 100 000 Mk. 0.45, von den nächsten 300 000 Mk. 0.55, von den weiteren 500 000 Mk. 0'75, von der wei­teren Million 1, von 3 Millionen 1.1, von 5 Millionen 1.3 und von allem weiteren Kapital 1.5 Prozent. Nach den Berechnungen des Staatssekretärs würde der Wehr­beitrag von den Vermögen 720, von den Einkommen 120 Millionen, zusammen also 840 Millionen bringen, während die Kommission eine Gesamtsumme von 1 Milliarde ÄWdjnet hatte.

s. Der Wehrbeitrag in der Bndget-- kommWon.

Die Debatte über die Steuerfreiheit der F ü r ft e it wurde in der Sitzung am Samstag fort­gesetzt. Ein konservativer Redner führte aus, die Steuerfreiheit der Fürsten stehe fest, wenn nicht aus. drucklich im Gesetze das Gegenteil bestimmt sei. Ein Zentrumsmitglied führte aus, die Deduktionen des Vorredners und der Regierungsvertreter beruhten auf einer Verwechselung der Souveränität mit dem Absolutismus. Dazwischen bestehe ein wesentlicher Unterschied. Man denke an die Unterstellung der Lan­desfürsten unter das Zivilrecht. Wenn das Strafrecht für sie nicht gelte, dann bestehe dieser Rechtszustand nicht mit Rücksicht auf die Souveränität, sondern sei deshalb geschaffen worden, weil man die Fürsten nicht in Verlegenheit bringen wolle, eventuell müßten sie sich ja selbst begnadigen. Im übrigen weise die Geschichte auch Beispiele auf^aus denen die Unterstellung der Für. sten unter das Strafrecht hervorgehe. In einzelnen deutschen Bundesstaaten unterstehe der Landesherr der Steuerhoheit des betr. Landes, so in Württemberg und Baden. Die Regierung sei zu fragen, warum denn die Landesfürsten bei den indirekten Steuern tributpflichtig sein sollen, nicht aber bei den direkten Steuern. Habe ein Landesfürst in einem anderen Bundesstaat Besitzun­gen, bann müßte er dort die entsprechenden direkten und

deutscher Reich.

* Berlin, 1. Juni 1913. Das italienische Königs paar wird Ende Juni nach Stockholm fahren, um den Besuch des Königs von Schweden zu erwidern. Auf der Rückfahrt wird das italienische Königspaar

„Sic wollen die Welt nach Ihrem Willen zwin­gen? Tas ist unmöglich! Nicht einmal König Lud­wig von Bayern, dieser geniale Mensch und königliche Bauherr, konnte dies."

„Weil er zu weich im Gemüte — und krank war. Ich bin kerngesund! — Uebrigens brauche ich Ihnen nicht zu sagen, wie ich den unglücklichen Bayernkönig liebe! Wenn mich Zweifel quälen, fahre ich hinaus an den Starnberger See, setze mich ans Ufer, unten bei der Gedöchtniskapelle, wo sich das Mooskreuz in den Wellen schaukelt, und halte Zwiesprache mit dem toten König! —"

Sie verstanden sich und drückten sich stumm die Hände: deutsche Brüder, Nord und Süd ver­eint! —

Inzwischen hatten sie die Höhe erreicht, wo der Friedcnsengel seine Palme schwingt. Das Purpur­rot war verblaßt, in sanftem Violett strahlte der Himmel —< unten aber lag die Stadt mi ihren Tau­senden von blitzenden Lichern. „Das ist auch Poesie!" sagte Sandow hinabdeutend. „Die Augen der Stadt grüßen herauf zu uns — hunderttausend Augen un­ter hohen, steinernen Stirnen, hinter denen der reg­same Geist der Zeit webt und sinnt! —In träumen­der Tiefe aber ruht das „goldene Herz" der Münchner Frauen, von dem so wundersames Sagen geht — und oft wünsche ich, daß sich auch mix solch ein goldenes Herz erschlösse, daß ich mir eines gewänne —

Darauf fand Pirkheimer keine Antwort. Schweig­sam geleitete er seinen Gast noch eine Strecke, dann sagte er: „Wir sind am Ziele! Bitte, treten Sie ein."

Das Landhaus lag zwischen Bäumen versteckt in einem kleinen Garten und grüßte mit seinen weißen Mauern und den erleuchteten Fenstern freundlich in den Abend hinaus. Beim Anblick des Gastes durch­zuckte Annie ein freudiges Erschrecken und eine rosige Welle ergoß sich über ihr Gesicht. Wenn sie Sandow auch mit. scheuer Zurückhaltung begrüßte, so erkannte er doch am Leuchten ihrer Augen, wie willkommen er war. Tas machte ihn fröhlich. Er ging aus seiner kühlen Reserve heraus und de, stille Zauber.

Ahnen und auf meinen Vater, dessen Warne mit der Entwickelung der Architektur Neu-Berlins aufs engste verknüpft ist! — Wenn Sie wissen wollen, wie er aussieht, so brauchen Sie nur das Bild des Grafen Schenk von Lenbach anzusehen — das ist er, wie er leibt und lebt: als Mann ein schlichter Bürger, als Künstler ein Aristokrat vom reinsten Wasser."

„So werden Sie also das Werk Ihres Vaters weiterführen?"

„Ich werde es fortsetzen und vollenden," rief Sandow feurig. „Bei aller Verehrung für meinen Vater muß ich doch sagen, daß seine Zeit um ist. Seine Kunst war nicht universell genug, um immer bestehen zu können. Im Grunde ist er nur Heimat­künstler, der sich seiner Zeit und seiner Umgebung anpaßte. Wir aber brauchen Besseres: eine Höhen­kunst, welche Zeit und Geschmack überdauert und sich die Welt erobert. Diese Höhenkunst will ich schaffen, eine große, echte deutsche Kunst, die Kraft und An­mut in sich vereint und alle Zeiten überdauert. Eine Kunst, welche die Intelligenz des deutschen Volkes in ihrer höchsten Blüte zeigt und zugleich die Trägerin einer neuen Kultur ist. Michelangelo ist mein Ideal! Wie er, so möchte auch ich den Geist unserer Zeit in monumentalen Bauten feftbannen; der Reichshaupt­stadt möchte ich das Siegel einer Weltstadt ausdrücken, daß sie ihren Rivalinnen an der Seine, Donau und Themse gleichkommt. Mein einziges Ziel und mein höchster Ehrgeiz besteht darin, Berlins größter Bau­meister zu werden, ein königlicher Bauherr, auf den die Welt mit Bewunderung und Deutschland mit Stolz blicken soll."

„Das sind kühne Pläne", sagte Pirkheimer. „Hü­ten Sie sich vor allzu hohem Fluge. Schon manchem, der zur Sonne fliegen wollte, sind die Flügel zerbro­chen.- Dem Menschen ist ein Ziel gesetzt, und darüber hinaus kann er nicht. Niemals kann er ein Gott sein —"

„Warum nicht? — Ich bin anders als, hundert andere, die auch zur Sonne'strebten: ich bin aus nor­dischem Stahl und zwinge die Welt nach meinem Wil­len — oder falle wie Siegfried der deutsche Recke in Ehren! —"

scheu Regierung nicht preisen konnte, so pries er wenigstens ihr „Pflichtbewußtsein", und um nicht selbst in den Zickzackkurs hineingezerrt zu werden, verteidigt er sein Verfassungswerk und pries die ver­nünftige Haltung „der großen Masse des werktätigen elsaß-lothiingischen Volkes". Auf diesem Hinter- gründe sollten die geplanten Bestimmungen nun als eine notgedlungene Abwehr einiger störenden Fran- zöslinge erscheinen, welche die solide und hoffnungs­volle Bevölkerung gar nicht berühren. Dieser Trost- versuch scheitert freilich an zwei Klippen. Erstens kann auch der Reichskanzler keine Gewähr dafür ge­ben, daß die Ausnahmebestimmungen nur gegen Herrn Wetterls und dessen wirkliche Gesinnungsge­noffen angewendet werden, und zweitens bedeutet schon der Bestand von solchen Ausnahmegesetzen eine Kränkung für das ganze Volk. Letzteres mußte der Reichskanzler selbst anerkennen mit seiner Be­merkung : „Ich kann mich in die Gefühle derjenigen Elsaß-Lothringer hineindenken, die in allen Aus- nahmebestimmungen eine capitis deminutio erbli­cken. Dex lateinische Ausdruck läßt sich wohl am besten so übertragen: Versetzung in die zweite Klasse des Bürgerstandes. Oder auch: Versetzung unter Poli­zeiaufsicht. Die Frage stellt sich also so: Darf man durch die gewünschte Jagd auf die Handvoll Französ- linge das ganze Land in Aerger, Verwirrung und Lähmung stürzen?

Der Reichskanzler bewahrt ein vorsichtiges Still­schweigen gegenüber einer Tatsache, die von geradezu entscheidender Bedeutung ist. Das Urteil der zweiten Straßburger Kammer und auch das Ur­teil des deutschen Reichstages mögen die Büro­kraten auf „demokratische" Befangenheit zurückzufüh- ren suchen. Aber an dem Verdammungsurteil der ersten Kammer in Straßburg können sie nicht rüt­teln und nicht deuteln; denn diese Körperschaft ist ja von oben herab geschaffen worden als Auslese aus den politisch reifen Kräften des Landes. Wenn diese behördlich anerkannte Sammlung der klügsten und besten Köpfe den Regierungsplan so gründlich verurteilt, so kann man wirklich sagen: Das ganze Volk würde es als eine Mißhandlung, als eine Freveltat empfinden, wenn man trotz alledem den Plan durchführen wollte!

Der Reichskanzler meint: „Was deutschfeindlich ist, hat in Deutschland kein Recht auf Existenz". Das klingt sehr bestechend; aber nicht alles, was für deutschfeindlich ausgegeben wird, ist wirklich deutsch­feindlich, und wenn man gegen angebliche oder wirk­liche deutschfeindliche Fliegen zum Schlage ausholt; so muß man doch erst überlegen, ob man nicht durch diesen Schlag mehr Schaden anrichtet, als von den Fliegen selbst ausgehen könnte. Den Satz des Reichs­kanzlers bestärkt die Befürchtung, daß die Ausnahme­bestimmungen vom Reichsland nach dem Osten übertragen werden könnten; denn der Hakatismus lebt ja von dem Trugschlüsse, daß alles Polnische schon als solches „deutschfeindlich" sei.

Der schnelle und gründliche Durchfall des Straß­burger Planes ist also sehr erfreulich. Der Reichs­kanzler sollte sich aber darüber klar werden, daß „Pflichtbewutztsein" allein für eine Landesregie­rung nicht genügt. Es muß auch etwas Verstand dabei sein. Wer in der praktischen Politik über die Anfangsgründe hinweg ist, weiß die erlösende, klä­rende, belebende und erfrischende Wirkung eines Personenwechsels im richtigen Augenblick zu würdigen.

< Deutscher Reichstag.

~------- Sitzung vom 31. Mai 1913.

Am Bundesratstisch: Reichskanzler v. Bethmann. Hollweg, Dr. Delbrück, StaaHfekretär Mandel.

Interpellation über Elsaß-Lothringen.

Abg. Dr. v. Calker (natl.): Fragt man sich, ob diese Maßnahme nötig ist, so muß ich es verneinen (Hört, hört!) Sind Ausnahmegesetze notwendig, so darf man nicht davor zurückschrecken; sie sind aber gefährlich, weil sie auch mißbräuchlich angewendet wer. en können. Ich freue mich, daß der Reichskanzler unzweideutig und klar sich darüber ausgesprochen hat, daß er sich auf den Boden bet elsaß-lothringischen Verfassung stelle. In der Bevölkerung macht sich eine lebhafte Reaktion gegen den Chauvinismus geltend, die in den Beschlüssen und der Stellungnahme der elsässischen Kammern zum Ausdruck kam. Diese Reaktion wird fortschreiten, und deshalb können wir ruhig die Weiterentwicklung abwarten, ohne zu Ausnahmemaßregeln zu greifen. Leider hat die Re­gierung in Elfaß-Lothringen selbst nicht immer die not­wendige Klarheit in der Stellungnahme gegenüber den Nationalisten gezeigt, und dies ist ihr mit Recht in dem dortigen Parlamente zum Vorwurf gemacht worden.

Abg. Nöser (fortschr. Volksp.): Eine einsichtige Re­gierung sollte sich freuen, daß der Gedanke der Reichs­zugehörigkeit die weitesten Schichten der Bevölkerung durchdrungen hat. Der Nationalismus hat keinen Boden gefunden; er kann nur völlig überwunden werden von unten her durch eine Gegenbewegung aus dem Volke. Diese ist vorhanden. Allein dem Nationalismus würde mit derartigen Maßnahmen gedient fein. Wir hoffen, baß diese Vorlage nie an den Reichstag kommen wird. (Beifall links.)

Abg. Dr. v. Laszcwski (Pole): Wir wünschen auf Grund unserer Erfahrung in der Ostmark nicht den Elsatz-Lothringern, die gleichen trüben Verhältnisse zu erleben, wie sie sich in der Enteignung zeigen. Die Politik der Gewalt ist wohl angebracht in bezug auf das Ausland, aber nicht für die inländischen Verhältnisse.

Abg. Schulz (Rp.) bedauert die voreilige Stellung­nahme des Zentrums in dieser Frage und befürchtet, daß man die Bewegung der Nationalisten unterschätzt, die im Keime erstickt werden müsse.

Abg. Haust (Els.): Nach den bisherigen Reden hier ist wohl anzunehmen, daß die Vorlage nie an den Reichs­tag kommen wird. Jeder neue Redner balsamiert ledig­lich den Leichnam von neuem ein. Der Fehler liegt nicht darin, daß dem Reichslande die Verfassung gegeben worden ist, sondern, daß sie zu spät gewährt worden ist. Die Zahl derjenigen Nationalisten, die die Abtrennung Elsaß-Lothringens vom Reiche anstreben, ist sehr gering, mit ihr fertig zu werden, kann man der dortigen Bevöl­kerung getrost überlassen. Schuld ist der fortge­setzte Systemwechsel in der Regierung Elsaß- Lothringens und die Ausnahmegesetze gegen die elsäs­sische Bevölkerung durch diefen, ferner die Mißgriffe unserer Regierung, die die bürgerlichen Parteien zu einem Radikalismus getrieben hat, der für die Zukunft der Elsaß-Lothringer gefährlich ist. Ich habe das Ver­trauen zu dem Bundesrat und Reichstag, daß sie den elsässifchen Anträgen nicht folgen werden. (Beifall.)

Abg. Dr. Weill (Soz.): Trotz aller Vorwürfe und Anträge, die hier gegen die elsässische Regierung vor­gebracht worden sind, hat der Herr Unterstaats-Sekretär Mandel es nicht für nötig gehalten, auch nur ein Wort zu fagen. Ich frage ihn deshalb, ob er uns nicht Aufschluß geben will über die Gründe, die ihn zu feinet Vorlage veranlaßt haben. Der Nationalismus ist nicht fo schlimm, wie er hier hingestellt wird. Die harmlosen Ungeschicklichkeiten, die jetzt in der Presse in französischer Sprache gemacht werden, können ebensogut in deutscher Sprache ausgedrückt werden, jedenfalls reichen sie nicht an diejenigen heran, die in der alldeutschen Presse zu finben sind.

Unterstaatssekretär Mandel (mit lautem Aha! em­pfangen) : Die Interpellation war an den Reichskanzler gerichtet, so gab es für mich keine Veranlassung, hier auch zu sprechen, aber nachdem der Vorredner mich direkt aufgefordert hat, will ich zu einigen Ausführun­gen Stellung nehmen. Der Verein ehemaliger Frem­denlegionäre ist gegründet mit der statutenmäßigen Be­dingung, die Leute vom Eintritt in die Fremdenlegion abzuhalten, aber im Laufe der Zeit hat er, wenn auch nicht absichtlich, doch unbeabsichtigt, die Leute der Frem-

' Inbirelterf'(steuern zahlen. Wenn ber König von Preu­ßen in Elfaß-Lothringen eine Erbschaft mache, müßte er dort die Landeserbschaftssteuer bezahlen. Nach alle­dem stehe die Steuerpflicht der Fürsten für das Reich fest, fofern keine Ausnahme im Gesetze vorgesehen sei. Ob man gut daran tue, den sozialdemokratischen Antrag in das Gesetz aufzunehmen, müsse die weitere Debatte zeigen. Ein Sozialdemokrat hob hervor, der An­trag wolle nicht neues Recht schaffen, sondern das, was Rechtens fei, zweifelsfrei feftlegen. Ein fortschritt­licher Redner unterstützte die Ausführungen des Zen. trumsredners. Soweit die Steuerfreiheit des Landes­fürsten überhaupt bestehe, gelte sie nur für das Land, dessen Souverän ber betr. Fürst sei, nicht aber für das Reich.

Der Staatssekretär beS Reichsjustizamte Dr. Lisco sowie ber Reichsschatzsekretär Kühn wibersprachen der Ansicht, daß die Fürsten steuerpflichtig seien. Der Lan­desherr sei das Oberhaupt des Staates, in dem sich die Oberste Staatsgewalt verkörpere. Durch die Einführung der Verfassung sei die bestehende Steuerfreiheit der Fürsten nicht aufgehoben worben. Reichsschatzsekretär Kühn meinte, wenn man bie jetzt schon zwei Tage lang bauernbe Debatte lese, könne man auf ben (SebanJen kommen, es werde hier darum gestritten, ob bie Landes­fürsten den Wehrbeitrag zahlen sollten ober nicht. Tat- sächlich sei aber in praktischer Hinsicht alles erlebigt, denn bie Landesfürsten bezahlen ja den Wehrbeitrag.

Das Ende der Debatte war, daß die Sozialdemokra­ten ihren Antrag zurückzogen und durch den folgenden ersetzten: Der Bundesrat bestimmt, wer für die Bundes- fürften unb die Angehörigen ehemals souveräner Häuser die Bermögensdeklaration abgibt.

Dann kam man zur Abstimmung. Der abge» änderte sozialdemokratische Antrag wurde gegen die Stimmen ber Konservativen unb ber Nationalliberalen angenommen.

Darauf würbe die nächste Sitzung auf Mittwoch, 4. Juni, anberaumt. Vor auch: ,cn soll eine vertrauliche Besprechung.

denlegion zugetrieben. (Lebhafte Unruhe und Wider- ftruch links. Zurufe: Beweise!) Beweise haben Sie in Straßburg, wie in Mülhausen. Der französische Luft­schiffer-Verein ist nicht so harmlos. Er weist in seinen Bestrebungen auf bie französischen Rüstungen hin, und deshalb ist es nötig, das deutsche Bewußtsein in diesen Kreisen zu wecken. Was den Verein Souvenir sranqais anbelangt, so hat er ursprünglich den einwandfreien .Rtoecf, die Gräber der Krieger zu schmücken, mit ber Zeit wuchs er aber zu einem politischen Verein sich aus, der nur Sympathien für Frankreich pflegte. Da war es nötig, gegen ihn einzuschreiten. So lange ber jetzige Statthalter am Ruder ist, kann von einem Zick-Zackkurs nicht die Rede sein. Wir wollen nicht gewaltsam ger­manisieren, sondern wollen Ruhe und Frieden stiften. Der Bauer, bas Handwerk und ber Arbeiter finb deutsch, nur einige gewisse Schichten der Bourgeoisie haben vor ihren Vettern und Kusinen in Frankreich mehr Respekt als vor ihren Vettern in Deutschland. (Schallende Hei­terkeit). Sie sind bestrebt, die Altdeutschen verächtlich zu machen al§ Träger ber deutschen Kultur. Sie wollen die Jugend zu Frankreich ziehen, und da war es un­sere Pflicht, rechtzeitig einzugreifen. Es ist die aka­demische Jugend und insbesondere ihr wird weisgemacht: die französische Sprache sei ihre Muttersprache. Die. fern Schwindel muß Einhalt geboten werden durch un­sere Vorschläge, die ber Vergiftung ber Bevölkerung vorbeugen will. Wir haben uns loyaler Weise an die gesetzgebenden Faktoren gewenbet, bei diesen mag es liegen, ob sie unsere Vorschläge annehmen oder nicht. Ten Vorzug hat die Vorlage schon jetzt gehabt, daß sich weite Kreise im Reichslande gegen den Nationalismus gewendet haben. (Zurufe: Und gegen die Regierung!) Mögen Sie bie Vorlage seinerzeit annehmen ober nicht, die Verantwortung trägt der Reichstag! (Beifall!)

Abg. Dr. Haas-Baden (fortschr. Volkpt.): Das Un­recht der Ausnahmegesetze dürfen wir nicht mitmachen. Wo hätten solche jemals genützt? Der schneidige preußi­sche Ton liegt uns nicht. Wären die Elsaß-Lothringer mit einem Schlage gute Deutsche geworden, so wären sie innerlich schlechte Menschen gewesen, denn das Vater­land verlieren gleicht dem Verluste der Mutter. Den wirtschaftlichen Vorteil Deutschlands erkennt man durch­aus an. Wollen wir vorwärts kommen in Süddeutsch­land, so geht das nur auf dem Wege der Freiheit.

Abg. Peiretcs (Soz.): Der Vorlage fehlt jede innere Begründung. Der Beweis für die Gefährlichkeit bei nationalistischen Strömungen in der Presse und in den Vereinen ist nicht erbracht worden. Taktlosigkeiten wer­den hüben und drüben begangen. Die Gefahr für bie Jugend ist nicht fo groß, weil sie größtenteils überhaupt nicht französisch versteht.

Damit schließt die Debatte. Nächste Sitzung am 9. Iun i. Kleine Vorlagen. Rechnungsfachen. Ent­schädigungen für Schössen und Geschworene. Wahlprü- fungen.

J? Die Ausnahmegesetze für daS

Reichsland — im Keime erstickt.

So schnell und gründlich ist selten ein Regierungs­plan totgeschlagen worden, wie jetzt der ausnahme­rechtliche Antrag der regierenden Herren von Straß­burg. Ehe noch der Antrag im Bundesrate auf die Tagesordnung kommt, ist er gerichtet und abgetan.

Wollte der Bundesrat aus lauter Höflichkeit und Kameradschaft doch das Straßburger Kind noch adoptieren, fo würde das nur eine Verschiebung der Leichenfeier. Dann müßte die Beisetzung im Reich s- t a g erfolgen. Und über die Willensmeinung des Reichstages hat ja die Jnterpellationsdebatte keinen Zweifel gelassen. Dort würde der Antrag nur die konservativen Stimmen und vielleicht ein paar na- rionalliberale erhalten, also in einer „erdrückenden Minderheit" elend zugrunde gehen.

Eine Niederlage, wie sie nicht schlimmer gedacht werden kann! Der Reichskanzler befand sich in einer schwierigen Lage, als er den totgeborenen Plan rechtfertigen oder doch wenigstens bemänteln sollte. Da er die Weisheit der elsaß-lothringi-

Das Münchner Kindl.

£] Roman von Felix Nabor.

„Ja, das Geld, das Geld! — Das ist eine Macht!

Wir haben freilich mehr als genug davon, aber Sie müffen nicht denken, daß das immer so war! —• Wir Sandows sind märkischer Uradel — bessere Sandbauern, wenn Sie wollen. Die Klüsche in der Mark war so klein, daß es kaum zum Leben reichte und Schmalhans Küchenmeister wurde. Bor hundert zwanzig Jahren saßen zwei Brüder drauf, die nicht leben und nicht sterben konnten. Dem jüngeren wurde es zu eng in dem Steinkasten; er schnürte sein Bün­del und ging nach Berlin, um ein bürgerliches Metier zu ergreifen — er wurde Baumeister. Mit dem klei­nen Vermögen, das er mütterlicherseits ererbte, kaufte er sich dicht vor den Toren Berlins an und betrieb sein Kunsthandwerk mit einem Eiser und einer Ge­nialität, welche die Augen auf ihn lenkten. Sein Va­ter schleuderte ihm den* Fluch nach, weil er allen hei­ligen Traditionen zum Trotz von seiner feudalen Höhe herabstieg und statt des Degens — Zirkel und Win­kelmaß führte. Doch der Fluch des zornigen Ahn­herrn schreckte den Edlen nicht. Er heiratete ein bür­gerliches Mädel, das ihm ihr treues Herz, ein paar tausend Taler Mitgift und ungezählte Sandgründe im Berliner Westen mit in die Ehe brachte. Sie war eine tüchtige Hausfrau und vortreffliche Mutter, klug unb' umsichtig und des Hauses guter Geist. Ter junge Baumeister gelangte zu Wohlstand und hinterließ ein ansehnliches Vermögen — dazu die Sandwüste vor den Toren Berlins. Seine Nachkommen mehrten den Besitz und als in den siebziger Jahren der große Zug nach dem Westen einfetzte, als Paläste und Villen in Berlin-West wie Pilze aus der Erde schossen, da wurde die Sandwüste für meinen Vater zur uner­schöpflichen Goldgrube. Jener blaublütige Zweig un­seres Geschlechtes sitzt noch immer auf der märkischen Klitsche und rümpft über uns hochmütig die Nase — aber uns mmmerts nicht! Ich freue mich auf den kräftigen bürgerlichen Einschlag, den ich von Mutter­seite her im Blute habe, und bin stolz auf meine

der von dem schönen Mädchen ausging, löste ihm die Zunge; er erzählie von seinen Reisen und sprühte vor Geist und Humor. Annie war ganz entzückt von ihm und lauschte seinen Worten, als ob es Offenbarungen wären aus einer neuen, schönen Welt. —

Pirkheimer hatte einen „Bärenhunger" und drängte zurii gedeckten Tisch; er würzte das einfache Mahl mit Schnurren und Anekdoten aus dem Künste lerleben, daß sie aus dem Lachen gar nicht mehr herauskamen. Sandow suhlte sich so behaglich in dem Keinen, traulichen Kreis, daß ihm die Zeit wie im Flrm« schwand. Als aber die kleine Stutzuhr auf fuOn Kamin neun schlug, erhob er sich, korrekt wie <mmer, um sich zu verabschieden. „Ich habe köstliche Stunden erlebt," sagte er zu Annie, „aber das wich­tigste habe ich darüber vergessen. Wann darf ich mit dem Bilde beginnen? — Am liebsten möchte ich gleich morgen herauskommen —"

„Tas läßt sich machen," erwiderte Pirkheimer an Annies Stelle und ging hinaus in den Korridor, um sich von der molleteu Gusti, die in einem fort vor sich hinkicherte, den Havelock reichen zu lassen.

„Ist es Ihnen morgen, gegen 11 Uhr, genehm?" fragte Sandow und streckte Annie die Hand hin.

Sie legte ihre schlanken Finger, die leise zitterten, in feine feste Hand unb sagte: „Es wirb mir eine große Freude sein! Auf Wiedersehen!"

„Gute Nacht! — unb auf Wiedersehen!" sagte Sandow und ihre Augen trafen sich. Ein leises Freu­denfeuer glomm in beiden auf. —

Sandow wandte sich zum Gehen, drückte der schmunzelnden Gusti, die ihm den Ulster reichte, heim­lich ein Geldstück in bie Hand unb eroberte dadurch im Fluge deren Herz.

„Ich begleite Herrn v. Sandow zur Elektri­schen", sagte Pirkheimer und stülpte den Schlapphut auf den Kopf. „Inzwischen kannst du aber immer hin zur Ruhe gehen, Annie! — Meinetwegen könnt ihr auch ein Duett schnarchen — die Gusti hat einen so schönen Alt."

(Fortsetzung folgt.)