Fuldaer Zeiht
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Crstes Blatt.
Freitag den 30. Mal 1A3
40. Zahrgang.
Illustrierte Sonntagszelfung i Zuldaer Seschichtsblülter
n Zitljungsliften der preußisch-süddeutsche Klaffen-Lotterie. — holdjShrlich Taschenfahrplmi. a
Nr. V22
Erschein« «SgNch «ntt Ausnahme der Sonn- und Sekrfage. viertel- jährlicher Bezugspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Zulda sowie auswärts 1.30 Mark. •••• Rofationsbru* und Verlag der z s Zuldaer flctienbrudierel in Zulda. Jernfpredjer Nr. 9. z z
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Deutscher Reichstag.
Sitzung vom M. Mai 1918.
Die zweite Beratung des Entwurfes eines Reichs- und StaatsangehSrigkeitsgesrtzes wird fortgesetzt. Die §§ la bis 4 werden unverändert angenommen, ebenso die §§ 5 und 6 gemäß dem Kom- unssionsbeschluß. Dabei werden zwei Anträge der So. zialdemokraten: 1) daß die Ehe auf die Staatsangehörigkeit der Frau keinen Einfluß haben solle, 2) daß jeder, bei seiner Niederlassung ohne weiteres die Staatsangehörigkeit erwirbt, abgelehnt.
§ 7 enthält die Bedingungen für die Einbürgerung eines Ausländers in einem Bundesstaate.
Abg. Bernstein (Soz.): Wir fordern, daß einem Ausländer die beantragte Einbürgerung nicht versagt werden darf, wenn er seine Niederlassung wenigstens zwei Jahre hindurch im Jnlande gehabt hat. Politische Gesinnung oder die Konfession des Antragstellers dürfen nicht maßgebend sein.
Ministerialdirektor Lewald: Deutschland hat infolge seiner zentralen Lage eine besondere Stellung. Ein Strom von Ausländern ergießt sich über uns. Unsere sozialpolitisch hochentwickelten Einrichtungen ziehen die Ausländer an. Ein Recht auf Aufnahme können wir daher nicht gewähren. Wie in der Kommission erkläre ich noch einmal, daß das Religionsbekenntnis kein maßgebendes Moment bei der Beurteilung der Naturali- satwn ist. Ich bin zu dieser Erklärung auch besonders von dem preußischen Minister des Innern ermächtigt.
Abg. Becker-Arnsberg (Zentr.) hält den sozialdemokratischen Antrag für eine schwere Schädigung der deutschen Arbeiter, da die Arbeiter aus dem Osten als Streikbrecher und Lohndrücker auftreten würden und späterhin dann nicht mehr aus Deutschland ausgewiesen werden könnten. Der Antrag sei lediglich diktiert von der roten Internationale. Auch sei es sehr die Frage, ob die Ausländer nach ihrer Einbürgerung in Ausübung der ihnen dann zustehenden politischen Rechte über die Zusammensetzung der Volksvertreter mit zu entscheiden im stände seien.
Nach weiterer unerheblicher Debatte, an der sich die Abgg. LandSberg (Soz.), Bernstein (Soz.) Dr. Quarck (Soz.) und Becker-Arnsberg (Zentr.) beteiligen, wird der Antrag abgelehnt, ebenso durch Hammelsprung ein abgeschwächter sozialdemokratischer Eventualantrag.
Ein weiterer sozialdemokratischer Antrag auf Streichung der Bestimmung (§ 7a), daß die Einbürgerung nur erfolgt, wenn keiner der Bundesstaaten Einspruch erhebt, wird nach unwesentlicher Debatte abgelehnt.
Nach § 8b muß ein Ausländer, wenn er im Heere oder in der Marine aktiv gedient hat, auf seinen Antrag unter gewissen Voraussetzungen von dem Bundesstaate, in dessen Gebiet er sich niedergelassen hat, eingebürgert werden.
Abg. Hanßen (Däne) beantragt einen neuen § 8c, wonach auch ein Staatenloser, der als Kind einer Deutschen und eines Ausländers geboren ist, auf seinen Antrag von dem Bundesstaate seiner Geburt unter denselben Voraussetzungen eingebürgert werde. Die Zustände in Schleswig-Holstein machen diese gesetzlichen Bestimmungen nötig. Die letzte dänische Volkszählung besagt, daß 22 000 in Schleswig-Holstein geborene in Dänemark eingebürgert worden sind. Die Verhältnisse in Elsaß-Lothringen zeigen, daß den deutschen Grenzländern erhebliche Gefahren drohen. Deshalb sollten wir den dortigen Bewohnern gesetzliche Garantien bieten, damit den armen Heimatlosen ihr Unglück nicht noch vergrößert wird.
Ministerialdirektor Dr. Lewald: Der Antrag würde sich auf alle Staatenlosen im Reiche beziehen und unabsehbare Konsequenzen haben.
Direktor im Auswärtigen Amte Dr. Kriege: Wenn es in Norddeutschland Staatenlose gibt, so ist das nur eine Folge der dänischen Gesetzgebung. In der Angelegenheit schweben zwischen Deutschland und Dänemark internationale Verhandlungen.
Der Antrag wird abgelehnt.
Freitag: Kleine Anfragen, Weiterberatung und sozialdemokratische Interpellation betr. Au?n-".....---sche
für Elsaß-Lothringen.
Das Münchner KinöL
3] Roman von Felix Nabor.
Nach einigem Sträuben nahm der Domino endlich die kleine, schwarze Halbmaske ab und stietz einen brunnentiefen Seufzer aus. Ein rotes Vollmondgesicht leuchtete durch die Nacht und eine wohlbekannte Stimme von etwas fettem, öligem Klange sagte: „Grüß Eahna God, Herr Professor!" —
Pirkheimer prallte beim Anblick dieses lächelnden Vollmondes zurück, sperrte die Augen auf und brach in ein schallendes Gelächter aus. „Jetzt aber so was!" rief er. „Da hört sich schon die Welt'gschicht auf! — Also du bist der fesche Domino, du, Gusti, uns re Köchin?"
„Nix anders," gab Gusti lachend zurück. „O Mein, o mein — hab ich a Gaudi g'habt!"
„O wai geschrien! Da bin ich schön hereing'sal- len. Aber sag' mir ums aller Heiligen willen, Gusti: wie kommst du gerad' auf diese Rcdoute?"
Gusti lächelte verschmitzt. „Weil ich amal auch was Fein's mitmachen hab wollen, Herr! Ta hab' ich halt dem Herrn Professor a Kart'l wegstibitzt —"
„Du Lcufelsmadl, du! — Und dein Schatz, der von den Schweren Reitern, der ist wohl auch drinnen im Saal?"
„Naa — der is net fein g'nug! Der wartet auf mich im „Auaustiner". Da geb' ich jetzt auch hin. Und ich bitt'" schön: pumpen S mir ein oanzigs Markl, ich bin ratzenkahl. —
„Jetzt solch eine Frechheit!" rief Pirkheimer. Aber er lachte dabei. Lachte, daß es ihn schüttelte. Und griff in die Tasche, denn Gustis spitzbübischem Gesicht war nicht zu widerstehen. „Da hast dein Markl! — Tie Gaudi war's wert. Aber verraten wenn mich tust —" Er drohte mit der Faust.
Gusti lächelte verständnisinnig. „Was glauben S' denst," rief sie. „Ich schweig' wie a Stoan! Aber gellen S': schön war's halt doch! Ja — so n richtiger Minkner Fasching, aaaaah! — Und für s Marke! .dank i halt schön. Jetzt geh' ich in den.Auaustiner,
s. Der Wehrbeitrag in der Budget- kommissron.
Am Donnerstag hat die Budgetkommission des Reichs, tages die erste Lesung des Gesetzentwurfes über den einmaligen außerordentlichen Wehrbeitrag begonnen. ES sind hierzu vier Anträge eingegangen: einer vom Zentrum, einer von den Nationalltberalen, einer von der Fortschrittlichen Volkspartei und einer von den Sozialdemokraten. Die vier Anträge schlagen gegenüber dem Gesetzentwurf Staffelungen für die Heranziehung der Vermögen und der Einkommen vor, gehen aber im einzelnen auseinander.
Staatssekretär K ü h n betonte zunächst den einmaligen Charakter der Abgabe. Die Einmaligkeit sei unentbehrlich für die Einzelstaaten im Interesse ihrer Finanzen. Von einer Konfiskation zu sprechen, sei übertrieben. Je tiefer man bei Vermögen wie Einkommen heruntcrgehe, desto schwerer sei es, sich bei der Veranlagung noch an die der Einzelstaaten anzuschließen. Die Regierung sei grundsätzlich den A b ä n d e - rungsanträgen und Wünschen der Kommission entgegengekommen. Die Regierung hab: das dringendste Interesse, daß dieser gewichtige Teil der Deckungsvorlagen m ö g l i ch st bald zustandekomme. — Ein sozialdemokratischer Redner erklärt sich mit der Tendenz des Gesetzes einverstanden, das übrigens sozialdemokratischen Charakter an sich trage. — Schatzsekretär Kühn widersprach dem. Die Sozialde- mokratie wolle z. D. nur die reichen Leute besteuern, während die Regierung in Uebereinstimmung mit der großen Mehrheit des deutschen Volkes wolle, daß bei, einer solchen einschneidenden Maßregel zum Schutze des Reiches möglichst weite Kreise beteiligt werden sollten. — Ein Zentrumsredner erklärte, der Gedanke der Vorlage, die hohen Einkommen zu schonen, sei unannehmbar. Der Antrag seiner Partei scheine ihm das Richtige zu treffen. Er hoffe inbezug auf Einzelheiten auf eine Verständigung mit den anderen Parteien. Eine besondere Aufgabe bestehe darin, die gemischten Einkommen (Berufs- und fundierte Einkommen) entspre. chend zu berücksichtigen. Der Wehrbeitrag müsse die Milliarde bringen, dafür sei zu sorgen. Lieber Vorsichtsmaßregeln und ein kleiner Ueberschuß, als eine Differenz und Wiederholung eines Teiles der Abgaben. Die liberalen Anträge würden dieses Ziel nicht erreichen. — Ein nationalliberaler Redner bete trat den Vorschlag seiner Freunde, die hohen Vermögen nicht so scharf zu fassen. Trotzdem sei der Zentrumsantrag dem sozialdemokratischen Anträge vorzuziehen. Bedenken gegen den nationalilberalen und den Zen- trumsantrag äußerte ein fortschrittlicher Redner.
Schatzsekretär Kühn erklärte, nach vorläufiger Be- rechnung würde der Zentrumsantrag 820 Millionen, der fortschrittliche 755 Millionen und der nationalliberale 675 Millionen ergeben. — Das polnische Mitglied unterstützte den Antrag des Zentrums. — Ein sozial, demokratischer Redner stellte eine Verständigung mit dem Zentrum und den Fortschrittlichen bezüglich der Staffelung in Aussicht. — Der elsässische Redner bemerkte, für das Reichsland liege die Gefahr der Abwanderung des Kapitals vor. Der Zentrumsantrag treffe im allgemeinen das Richtige, vielleicht sei die Staffelung noch weiter zu führen. — Ein ZentrumS- redner bemängelte die rechnerische Aufmachung des Staatssekretärs. Dieser erwiderte, er wolle noch einmal nachprüfen, bitte jedoch den Vorredner, seinerseits dasselbe zu tun.
Der Vorsitzende, Abg. Spahn, machte im Verlaufe der Sitzung den Vorschlag, aus jeder Fraktion möchten zwei Herren zu einer Besprechung mit dem Retchsschatz- sekretär zusammcntreten, um zu einem gemeinsamen Berftändigungsvorschlag hinsichtlich des Wehrbeitrages zu kommen. Der Vorschlag wurde angenommen.
Hierauf vertagte sich die Kommission. Nächste Sitzung Freitag.
Tic vorläufige Verständigung über den Wehrbeitrag.
Nachdem sich in der Budgetkommission des Reichstages am Donnerstag gezeigt hatte, daß in der Deckung der einmaligen Ausgabe der neuen Wehrvorlage eine Verständigung sehr wohl möglich erscheine auf der Grundlage: anstelle des Regierungs-
ich hab' 'nen höllischen Durst! A Maß muß ich haben — und a oanzigs Busserl von mein Schatz."
„Na, so geh' halt! — Und laß dir beides schmecken: d' Matz und 's Busserl."
Vom Bürgersteig herüber klang Annies Helle Stimme. „Ach, da ist ja Papa!"
Gusti hielt rasch die Maske vor's Gesicht und rief erschrocken: „Jessas — 's gnädig' Fräulein." — Und rasch entschwebte der blaue Domino ins Dunkel der Nacht. —
Auch Puck kam herzu und fragte neugierig, wer der Domino sei.
„Da magst lang fragen", erwiderte Pirkheimer, „das verrat ich net um eine Million." Er lachte so unbändig, daß ihm die Tränen über die bärtigen Wangen kollerten — lachte immer noch, als er mit den andern schon das Vestibül des „Cafs Luitpold" betrat. Hier erst fand er vorübergehend die Würde wieder, die seinem gräflichen Stande entsprach. Aber sie verflog rasch wieder und machte einem gemütvollen Humor Platz; denn in den lichterfüllten Vrunk- ränmen feierte Prinz Karneval seine letzten Triumphe. Man saß an den Minen Marmortischen dicht beisammen — eine ziemlich auserlesene Gesellschaft. Denn der Eintritt hatte jeden einen blanken Golddenar gekostet; inmitten aller Narretei herrschte daher ein vornehm-gedämpfter Ton. Man feierte h'er einen Abschied — "das Verklingen der diesjährigen Narrenzeit, den aufjubelnden Schlußakt eines fröhlichen Lebcnsrcigcns!
Der Rauch der Zigaretten hing gleich grauem Morgennebel zwischen den schlanken Säulen und verdunkelte den Goldglan; der Bogen und der kosscitier- ten Decke: ein schwüler Dunst von Kaffee, Punsch, Wein und Bier lag über den murmelnden Zechern.
Einzelne Masken suchten den ersterbenden Freudenfunken aufs neue anzufachen, ohne daß es ihnen gelang; die faden Spässe zweier Clowns wurden mitleidig belächelt; ein Piercttenpaar schlug ein Rad und erntete Hohngelächtcr.
Puck, der Hofnarr, ließ traurig die langen Zipfel seiner Schellenkavve hängen und seufzte: „Jeder hat
entwurfs eine einmalige gestaffelte Abgabe axf Vermögen und größere Einkommen zu beschließen, traten nachmittags um 5 Uhr die Führer der fünf großen Parteien zu einer besonderen Beratung zusammen. Diese Besprechung führte im wesentlichen zu einem Einverständnis, das voraussichtlich zu einem gemeinsamen Anträge auf Einführung der Staffelung führen wird.
Die Einigung beruht nach einer Meldung des Wolffschen Telegr. Bureaus im großen und ganzen auf folgender Grundlage:
Tas Einkommen wird kapitalisiert und zwar werden Einkommen
von 5000—50 000 Mk. dem lOfachen Vermögen, von 50 000—100 000 Mk. dem 12tzt>fach. Vermögen, über 100 000 Mk. dem 15fachen Vermögen gleichgestellt.
Vom Einkommen werden 5 Prozent als Vermögenszins abgezogen.
Die Heranziehung der Einkommen schon von 5000 Mark an aufwärts wurde einstimmig angenommen. Vermögen unter 50 0 0 0 Mark sollen freibleiben, jedoch mit der Einschränkung, daß Vermögen s ch o n v o n 3 0 0 0 0 bis 50 000 Mark steuerpflichtig sind bei denjenigen, die gleich- zeifig ein Einkommen von 2000 Mark oder mehr haben. Die Steuersätze werden gestaffelt, doch sind die Sätze noch nicht festgelegt. Die Schätzung des Einkommens erfolgt auf Grund des Landessteucrsatzes. Das Reichsschatzamt wird fcststellen, ob auf diesem Wege ein Betrag von einer Milliarde erreicht wird. Ist das nicht der Fall, so wird man noch Aenderun- ge« vornehmen.
Das R e i ch s s ch a tz a m t hat nach privaten Mit- teilungen fein Einverständnis mit diesen Vorschlägen noch nicht erklären können und auch die Parteien selbst hatten noch nicht Gelegenheit, dazu Stellung zu nehmen. Namentlich über die Frage der Einkommen- Heranziehung und die Freilassung d'r Vermögen bis zu 50 000 Mark dürfte noch nicht das letzte Wort gesprochen sein.
Mit dieser vorläufigen Verständigung ist nun freilich die Angelegenheit des Wchrbeitraqes noch nicht erledigt. Die sog. generellen und prinzipiellen Punkte sind nämlich vorläufig zurückaestellt worden. Ueber die Steuerfreiheit der Landesfürsten, über das Vermögen der toten Hand, über die Feststellung des Wertes von Grundstücken und die sonstige Ordnung der Belastung von unbeweglichem und nichtliquidem Vermögen und sonstige Fragen , wird es noch lebhafte parteipolitische Auseinandersetzungen und Abstimmungen geben. Doch bedeutet das alles kein? Gefahr für den glücklichen Gedanken des außerordentlichen Wehrbeitrages. Hierbei spielen der parteipolitische Eigensinn und EigenniG längst nicht die große Rolle, wie bei d-n weiteren Steuerfragen.
Die Deckung der fortlaufenden Ausgaben wird noch manche hart? Nutz zu knacken geben.
*
’-i . Zur Deckungssrnae schreibt man uns aus Berlin: In parlamentarischen Kreisen tritt wieder eine hgsfnungSpoll"re Stimmung zutage in bezug auf die Lösung der Deckungsfrage. Man glaubt doch eine Grundlage finden zu können, auf dm die bürgerlichen Varieien sich einigen können. Im Laufe der nächsten Woche werden möaficherweise auch die Finanz- m i n i ft c r einiger Bundesstaaten in Berlin zusam- menkommen. um sich über eine Neugestast""" b-r Deckungsvorlage zu verständigen.
K Unsicherheit
herrscht gegenwärtig ringsumher, und sie m sich um so empfindlicher geltend, weil wir durch die Festwoche in eine gehobene, zuversichtliche Stimmung geraten waren.
sein Mädel — nur ich bin mutterseelenallein! Was fang' ich armer Narr: an? — Weitz Gott, jetzt brüt' ich das Ei des Kolumbus aus."
„Dummkopf", lachte Pirkheimer, „trink' und halt den Schnabel! Das ist aller Zecher beste Weisheit!"
Hardp v. Sandow saß in feiner ganzen feudalen Korrektheit inmitten des Mummenschanzes, lauschte dem erschlaffenden Rhpthmus des Münchner Fa- ichings und bewunderte Annie, das herzige Münchner Kindl. Annie hatte trotz der vorgeschrittenen Zeft ihre Munterkeit bewahrt; ihre Augen waren blank und hell und ihr Lachen klang frisch und herzerquickend. Und als die echte Münchner Note erst schüchtern, dann laut und kräftig angeschlagen wurde, ftimmte sie fröhlich mit ein. —
Von Hellem Jubel durchglüht, schwang sich der Hhmnus der Freude, die Nationalhymne Münchner Gemütlichkeit, durch den Saal:
„So lang der alte Peter am Pctersplatz noch steht, So lang die grüne Isar durch d' Münchner Stadt noch geht:
So lang da drunt' am Platz! noch steht das Hofbräuhaus,
So lang stirbt die Gemütlichkeit in „Minka" nimmer aus!"
Die Gläser und Tassen rasselten — ein kräftiger Salamander wurde gerieben und jeder feuchtete feine Kehle gründlich an. Pirkheimer tat dies so gründlich, daß fein Glas beständig leer war.
Zum Glücke für ihn entdeckte Annie einen lohen Maßkrug, den ein vergeßlicher Narr hier zurückge- lassen hatte. Sie fchwänkte ibn tüchtig aus und ließ ihn ant Fasse füllen. Das überschäumende Symbol des Münchener Durstes in der Rechten hochhaltend, schritt sie lächelnd durch den Mittelgang; von ihrem Liebreiz bezwunaen, rief es von allen Seiten: „Schaut nur das Münchner Kindl an! — Es lebe hoch — hoch' —
Annie lachte und schwang grüßend den Krug.
Da war sie auch schon umringt und jeder wollte trinken; der Krug ward leer und mußte zwei-, dreimal gefüllt werden. Pirkheimer lief lachend hinzu,
Unsicher in sehr bedenklichem Grade ist die L a g i auf dem Balkan. Der Borfriede, der so schift zu Papier gebracht worden ist, harrt noch immer der Unterzeichnung, und inzwischen ist ein neuer Krieg, eine blutige Rauferei um die Beute, verzweifelt wahrscheinlich geworden. Unbekannt ist nach wie vor das Ergebnis der Verhandlungen wegen K o w e i t und ber Bagdadbahn; von den „gleichwertigen Gegenleistungen", die uns die Offiziösen verheißen haben, ist noch nichts zu sehen. Dagegen hat der f r a n- zosrsche Minister mit bedenklichem Eifer die „Rechte" seines Landes in Syrien vor aller Welt verkündet, sodaß der asiatische Rest der türkischen Herr- lrchkeit als eine neue Brutstätte von Jnteressenkäm- pfen erscheint. Und doch hatten wir an dem alten „Wetterwinkel" int Südosten schon mehr als genug.
Auf dem innerpolitischen Gebiete hat der unglückselige Plan von Ausnahmebestimmungen für Elsaß-Lothringen eine neue Beunruhigung geschaffen. Man will uns aus den inneren Kämpfen nicht herauslasseu. Kaum ist die „w elfische Frag e" mit Hilfe des Liebes- und Heiratsgottes der friedlichen Lösung zugeführt, da fängt man in der Westmark wieder einen Kampf an, der sicherlich viel Schaden und wenig oder gar keinen Nutzen zu bringen verfpricht, und der um so beunruhigender wirkt, da man feine UeBcrtragung auf die Ostmark befürchten muß.
Ein Lichtblick am dunklen Himmel ist das günstige Geschick der W e h r b o r I a g c. Ob da ein paar Kavallerieregimenter mehr oder weniger geschaffen werden und sonst einige Einzelheiten gekürzt oder auf die nächsten Jahresetats verschoben werden, ist ganz nebensächlich. Die Mehrheit der Volksvertretung ist zur Bewilligung der großen Heeresverstärkung bereit. Von so heißen und langen Kämpfen, wie sie in Frankreich um die entsprechende Vorlage wegen der dreijährigen Dienstzeit toben, find wir verschont geblieben, und wenn mancher bedauert, daß die Besinn Bungen nach Reformen im deutschen Heere zu langsam vorwärts kommen, so darf man sich zum Tröste sagen, daß die erzieherische Wirkung der militärischen Ucberlieferung, und die monarchische Auwrität den Geist unseres Volksheeres vor jener Entartung bewahren, die im französischen Heere jetzt so arg zutage tritt.
Sonach könnten wir die Verabschiedung der gewaltigen Wehrvorlage als ein patriotisches Freudenfest feiern — wenn nur nicht dieDeckungsfragc den heillosen Parteistreit wieder heraufbeschwörte. Der einmalige Webrbeitrag wird ja anscheinend keine großen Schwierigkeiten schaffen, umsomehr aber wird es Meinunasverschiedenheiten geben wegen der neu zu beschließenden Steuern für bic bauernbe» Ausgaben.
Der Bürger in seinem einfachen, nnverborbenen Menschenverstände sagt sich: „Ja, wenn ihr einig feib über die Heeresverstärkung und sogar einig seid über die Milliarde des Wehrbeitrages, dann einigt euch doch auch noch schnell über die 200 Millionen Jahressteuern, so oder so, und geht nach vollbrachter Arbeit vergnügt nach Haufe!" Im Parlament aber acht es nicht so einfach zu. Da wird ein kunstvolles Schachspiel veranstaltet, dessen taktische Feinheiten der Mann aus dem Volke mit mehr Verwunderung als Verständnis zu beobachten bat. Aus der Linken sucht man die Sache so zu schieben, daß die 110 Sozialdemokraten, die das Wehrgesetz adle h n e n, bei den Steuergefetzen ausschlaggebend werden, und aus der Rechten sowie im Zentrum sucht man den Grundsatz durchzuführen, daß Ausgabe und Deckung gleichzeitig und von derselben Mehrheit zu bewilligen sind.
Der Kriegsrninister sagt, er müsse die Wehrvor- lage bis zum 1. Juli bewilligt haben, um bis Oktober mit den Vorbereitungen fertig zu fein, und da ritz sein Mädel und den Maßkrug an sich und ries: „Holla — das ist mein Eigentum, i bitt’ schön!
Und er geleitete Annie zu dem kleinen Tische, an dem Sandow und Puck faßen, und der Krug machte die Runde. Während Sandow dem Sekt zusprach und Annie nur wenig nippte. lieferten sich der Graf und fein Hofnarr eine fröhliche Bierschlacht. Das ging so fort, bis der Morgen graute. Dann erloschen hie Lichter und die Gäste gingen davon.
„Valete schöne Faschingszeit!" Prinz Karneval war tot.
TL
Ein leises Schädelbrummen erinnerte Dardy v. Sandow nach seinem Erwachen an die durchschwärmte Nacht und an den Münchener Fasching; aber völlig intakt begab er sich zur Akademie, um wenigstens seine Pflichtstunden abzusitzen.
Sandow durchkostete noch einmal die Erinnerungen an den Fasching und ein helles Klingen ging durch seine Seele; aus dem Cbaos seiner Erlebnisse stieg lichtverklärt das schöne Münchener Kindl empor, dessen Bild er malen wollte. Bei diesem Gedanken begann sein Herz rascher zu schlagen.
Der Pinsel lag ihm heute schwer in der Hand; er hatte keine rechte Lust zur Arbeit; der Anblick der leeren Akademiesäle wirkte eben auch nicht ermunternd — und so verließ er schon vor zwölf Uhr seine kühle Einsamkeit, promenierte im Englischen Garten, nahm einen Imbiß zu sich und suchte Professor Pirkheimer in der Maffeistraße auf.
Der Himmel hatte sich leicht bewölft: die blasse Wintersonne hing wie eine elektrische Bogenlampe zwischen den Wolken und rötete ihre Ränder, daß es schien, als wolle sie der Welt einen neuen Rosenmontag verkünden. —
Beim Hoftheater traf Sandow auf Puck, der d:m Hofbrällhmis zusteuerte. „Servus!" rief dieser. „Gestern hat mich ein Hundert bissen, jetzt wich ich ein paar Haar auf die Wunde legen — drunten am Planck! — Geh'n S', san S' g'schcit upb kirnmen S' mit!"
(Fortsetzung folgt.)