Fuldaer Zeitung
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40. Zahrgang.
Samstag den 24. IHoi 1913
Crstes Blatt.
fir. 117
X Die Hochzeit im Kaiserhause.
Dem hohen Brautpaar wird im politischen Tagesbericht der gestrigen Abendnummer der „Nordd. Allg. Ztg." folgender Glückwunsch dargebracht:
.Umgeben von einem großen Kreise erlauchter Gäste een morgen die Prinzessin Viktoria Luise und der Ernst August den Bund fürs Leben. An der tzreude der hohen Eltern und des jungen Paares nimmt bas deutsche Volk wärmsten Anteil. Auch wir bringen innige Segenswünsche für diese Verbindung dar, die auf Herzensneigung aufgebaut ist, und durch die zugleich alte Gegensätze ausgeglichen werden. Möge das gütige Geschick, das bisher die einzige Kaisertochter im Elternhause geleitet hat, auch über ihrer Zukunft an der Seite ihres Gemahls walten und beiden ein ungetrübtes Glück beschieden fein.“
Der Fürstenbesuch in Berlin. Gestern vormittags besichtigten die Kaiserin, der König und die Königin von England, die Cumberländischen Herrschaften, die Kronprinzessin, sowie andere Fürstlichketten in der. Braunschweigischen Kammern des Schlosses die dort aufgestellten Hochzeitsgeschenke, den Teppich der Stadt Berlin, den Schrank des Deutschen Städtetages, Gaben von Städten, Ritterschaften, Schulen usw. Das Brautpaar empfing sodann in Gegenwart der Kaiserin in der Braunschweigischen Galerie eine Anzahl von Abordnungen, Vertreter fremder Souveräne, Deputationen von Städten und Verbänden, darunter solcher aus Stad-t und Land Braunschweig und Hannover, der Stadt Potsdam, des Leibhusarenregiments Nr. 2 und des Ziethen- Husaren-Regiments. Es wurden jedesmal kurze Ansprachen gehalten. Die Kaiserin und das Brautpaar dantten mit huldvollen Worten. — Der Kaiser und der Zar mit Gefolge und Ehrendienst machten eine Ausfahrt in Automobilen nach dem Schloß Charlottenburg und weiter über den Kaiser Wilhelmspark und die Kolonie Grünewald. Mittags frühstückten der Kaiser und der Zar beim Offizierskorps des Alexanderregimcnts, der König von England in der englischen Botschaft.
Auszeichnung des Reichskanzlers. Die „Nordd. Allgemeine Zeitung" meldet: Der Kaiser von Rußland hat den Reichskanzler v- Bethmann Hollweg in dreiviertel st ündiger Audienz empfangen. Als Andenken verehrte Seine Majestät dem Reichskanzler einen silbernen, mit Edelsteinen besetzten Schrein. Der König von England hat dem Reichskanzler v. Bethmann Hollweg das Großkreuz des Viktoria-Ordens verliehen.
Eine Ansprache des Königs von England. Jn einer Ansprache an die Deputation der Berliner britischen Kolonie, die eine Begrüßungsadresse über- reichte, sagte König Georg u. a.:
Die Königin und ich sind besonders erfreut, daß wir Gäste des Herrschers dieses großen und un5 befreundeten Volkes sind, um die Verbindung zweier junger Menschen zu feiern, die, wie wir innig erflehen, reichen Segen erfahren mögen. Ich bemerke mit Interesse, daß in so vielen verschiedenen Berufen meine Untertanen anzutreften sind, die die Gastfreundschaft und die Annehmlichkeiten Berlins genießen. Durch die Förderung und Aufrechterhaltung der freundlichen Beziehungen und des guten Einvernehmens zwischen Ihnen und der Bevölkerung dieser von Ihnen erwählten Heimat helfen Sie den Weltfrieden sichern, dessen Erhaltung mein innigster Wunsch ist, wie er auch das Hauptbestreben und das Hauptziel im Leben meines teueren Vaters war.
Die Vermählungsfeier der einzigen Tochter des Kaiscrpaares zeigt den Charakter der Kürze: Die Trauung, das Hochzeitsmahl, die Beglückwünschung, der Fackeltanz genannte Rundgang, wobei die Tänzerinnen und Tänzer von zwölf Pagen (nicht mehr wie früher von Ministern) mit Wachskerzen geleitet werden, dauert zwei Stunden. Damit ist alles vorbei, denn — die übrigen Festlichkeiten ans diesem Anlaß sind schon vorangegangen. In anderthalb Stunden gelangt das junge Paar vom Stettiner Bahnhcft in Berlin nach dem waldumrauschten Hu- bertusstock und verbringt dort die nächsten Tage. Das üihllisch gelegene Schloß, in dem auch der Kronprinz, Prinz Gtel Friedrich und Prinz August mit ihren Gemahlinnen ihre Flitterwochen verlebten, liegt nördlich von Berlin in der Mark Brandenburg. Im Gegensatz zu bürgerlichen Trauungen bcfinvet sich bei den fürstlichen Brautpaaren die Braut stets zur linken Seite des Bräutigams; es entspricht das der Auffassung das Weib solle dem Herzen des Mannes am nächsten sein. Der Myrthenkranz ist kein eigentlicher schwerer Kranz, er wird durch leicht ineinander geflochtene Zweige repräsentiert. Das Brautkleid, früher bis zum Halse geschlossen und oljne_ jeden Schmuck ist heute leicht ausgeschnitten und trägt Hellen Schmuck, also Diamanten oder Perlen.
Die Silberhochzeit des Prinzen und der Prinzessin Heinrich.
Am gleichen Tage, wo des Kaiserpaares Tochter mit dem Prinzen Ernst August den Bund fürs Leben eingeht, begeht bekanntlich des Kaisers einziger noch lebender Bruder, Prinz Heinrich von Preußen das Fest der Silbernen Hochzeit. Des Prinzen rasche und scgensvolle Laufbahn ist bekannt genug. Als dem Zweiten Sobne Kaiser Friedrichs III. fiel ihm eine der Aufgaben zu, wie sie den jungem Prinzen eines Herrscherhauses, die nicht zur Regierung berufen sind, geboten wird- Er wählte den Seemannsberuf, und daS zu einer Zeit, da die deutsch? Flotte erst langsam begann, sich Seegeltung zu verschaffen. Daß foir heute eine Flotte besitzen, auf die wir stolz ver- irauen können dazu hat Prinz Heinrich sein gut Teil beigetragen Neben diesem seinem Lebenswerke, für da? der Prinz Heinrich lebt und schafft, bat er außer Widern Sportarten besonders dem Flugsport seine Zuneigung zugewandt.
Das deutsche Volk, das stets an den glücklichen und freudigen Ereignissen des Kaiserhauses lebhaften Anteil genommen hat, und heuti? seine herzlichsten Düiuch- für der Neuvermählten Glück darbringt, schließt hierin auch Segenswünsche für des Silberpaares ferneres Wohlergehen ein.
* Berlin, 23. Mai 1913. Prinz Heinrich hat beute im Hotel Kaiserhof mehrere Abordnungen empfangen; die ihm aus Anlaß seiner Silbernen Hochzeit Glückwünsche abstatteten und Gaben über- reichten. Es erschienen u. a. Abordnungen des Kai- serlichen Automobilklubs sowie des Freiwilligen Automobilkorps. Zur Beglückwünschung erschienen der Reichskanzler, Großadmiral v. Tirpitz, Abordnungen des Freiwilligen Automobilkorps und eine Reihe von Kriegervereinen, die Erinnerungsgaben überbrachten.
Der Konflikt im Reichslande.
---- Straßburg, 23. Mai 1913. Die sechsstündige Sitzung der Zweiten Kammer über Die Ausnahmegesetze, über die schon kurz berichtet wurde, war die längste, die daS reichsländische Parlament, feit ein solches besteht, erlebt hat. Bon allen Seiten wurde in der Begründung der Resolutionen scharf geredet. Im Namen des Zentrums sprach der Abg. Hanß. Er erklärte, die Gutgesinnten in der ganzen Bevölkerung seien am meisten entrüstet gewesen, diejenigen, die durch die Ausnahmemaßregeln getroffen werden sollten, hätten mit Hohngeläwter geantwortet. Aus reiner Selbstachtung hätte die Regierung einen solchen Weg nicht beschreiten dürfen. Für die Lothringer Gruppe »erlaS der Abg. L a b r o i s e eine Erklärung gegen die Pläne der Regierung. Im Namen der Sozialdemokraten sprach der Abg. Peirotes, der den Zickzackkurs der Regierung seit 1911 in scharfen Worten geißelte. Er rief der Regierung zu: „Sie haben ja den Hochverrats-, Majestäisbeleidigungs- Grober Unfug-Paragraph, wenn Sie damit nicht auskommen, stecken Sie das Negieren aus!" Das ganze Land stehe in einer Linie gegen die Regierung. Die schärfste Rede hielt der fortschrittliche Wortführer, der Expastor Wolf. Er, bet sonst bei der Regierung aus und ein ging, erklärte ihr heute, die Rückkehr zu den Diktaturbestimmungen bedeute eine „Bankerollerklärung" der Regierung. Es handele sich um nackte, unverhüllte Ausnahmegesetze. Der Geist, der diese Maßnahmen dik- tiert bat, sei per Diktaturgeist. Der Regierung bleibe jetzt nichts anderes übrig, als zu demissionieren. Unterstaatssekretär M a n d e l konnte sich des allgemeinen Unwillens des Parlaments nur mit Mühe erwehren. Er versuchte den Nachweis, daß der Antrag der Regierung die Verfassung berühre. DaS Gesetz solle nicht sogleich gegen die nationalistische Presse angewandt werden, sondern nur alS Damoklesschwert gelten. Dankbar akzeptierte er sogar daS in der Resolution der vier Parteien liegende Mißtrauensvotum gegen die Regierung und war froh, daß in der Resolution auch der „natio- nalistiiche Chauvinismus" vom Landtag verworfen werde. Die Besprechung der bereits mitgeteillen Resolution war wieder äußerst heftig. Sie wurde einstimmig ange- nommen. Gegen Schluß der Sitzung legte Staatssekretär Freiherr Zorn von Bulach den Regierungsstandpunkt dar unb erwiderte aus bi» gegen ihn aus dem Hause gerichteten Angriffe u. a., man habe ihm Unfähigkeit vorgeworfen und ihn einen Kleber am Amte gescholten. Solange aber der Kaiser finde, daß die Regierung ihre Pflicht tue, habe niemand etwas zu sagen, und er werde aus feinem Posten aushalten. Er heue sich nur, daß in der Resolution auch dem Nationalismus eine solche Absage zuteil geworden sei. Aus diesem Boden könnten sich die Parteien und die Regierung wieder zusammenfinden.
Wenn ein Parlament mit knapper Mehrheit etwas beschließt, so kann man ja immer noch bezweifeln, ob es die Willensmeinung des Volkes wirklich wieder- gebe. Aber wenn die Straßburger Kammer, in der Zentrum und liberale Fraktion und Lothringer und Eozialdemokralen zusammciisitzen, einstimmig die geplanten Aiisnahmedesttmmtmgen verurteilt, so läßt sich an diesem Spruche nicht deuteln und nicht rütteln. Das Volk in allen seinen Teilen, baS ganze Land will von dieser Wirtschaft nichts wilsen.
Die Kammer sagt einstimmig: da? elsaß-lothringische Volk habe „in sich selbst die Kraft und den Willen, eine gesunde Entwicklung seiner politischen Derhält- mffc allem nationalistischen Chauvinismus gegenüber sicher zu stellen." Nist advokalorischer Geschicklichkeit knüpft nun die Regierung an diese Veiurteilung dir Quertreibereien an und tut in einem offiziösen Bericht übet die Verhandlungen befriedigt über die „mannhafte Absage an den Nationalismus", die bisher fo nicht gehört worden fei. Ist die Regierung wirklich so freudig überrascht? Dann müßte sie folgerichtig erklären: Wir haben uns geirrt über die Willensmeinung des Landes und wollen auf Grund der befferen Information vorläufig auf die Ausnahmebestimmungen verzichten!
Aber nein! Auch wenn festgestellt ist, daß 99 Prozent der Bevölkerung den fraglichen Treibereien ganz fremd und ablehnend gegenübersteht, soll doch zu Ehren der winzigen Zahl von Schreiern bas ganze Volk gekränkt, entrechtet, in die zweite Klasse des Bürgerstandes versetzt werden I Tas erinnert an die Weisheit des braven Affen, der seinem Herrn eine Fliege von der Sinn treiben wollte und zu dem Zwecke einen großen Stein auf seinem Schädel zei- fchlug. Tie Fliege fl.g heil davon, und der Schädel aber ging zu Bruch.
Tte Regierung, die bald diesen, bald jenen Kurs eingeschlagen hat, will trotzdem sich selbst das Zeugnis der Folgerichtigkeit ausftellen. Sie behauptet auch, daß sie nicht am Ami klebe. Die Art dieses Enrlastungsbeweijes ist sehr lehrreich. „So lange der Kaiser findet, daß die Regierung ihre Pflicht tu', hat niemand etwas zu sagen, und ich werde auf meinem Posten auShaüen." So erklärte großariig der Staatssekretär Zorn v. Bulach unb merkt anscheinend gor nicht, daß er damit sich hinter die kaiserliche Autorität steckt, statt seinerseits, w e es sich für einen veranl- wörtlichen Minister gesternt, mft seiner Person den unverantwoustchen Träger der Krone zu decken. Ein Beamter, der nicht klebt, muß im richftgen Augen- llck erlernten, daß er aufgehört hat, der geeignete Mann für seinen Posten zu fein, und dann muß er selbst den Personenwechsel beantragen, der im Interesse des kaiserlichen Dienstes angezeigt ist. Mer nur ein klein wenig Erfahrung in der praktischen Politik hat, der sieht dock) sonnenklar, daß für das Reichsland keine bessere Medizin verschrieben werden kann, als ein gründlicher Personenwechsel. Reue Männer, welche imbelaftete. Schultern und freie Hände haben, würden die vcrfahreneir Dinge viel schneller und.leichter in Ordnung bringen, lieber die
Schuld oder Unschuld der alten Herren mag man ja streiten; aber unbestreitbar ist, daß sie unter den obwaltenden Verhältnissen an diesem Platze nicht mehr erfolgreich arbeiten können. Warum die Reibungen und Angriffe verweigern? Für die schätz, baren Fähigkeiten dieser Herren kann man ja ein neues Wirkungsfeld suchen!
Die Hoffnung auf einen klärenden Personenwechsel darf man freilich nicht hoch spannen. Jn einem Ber- liner Blatte, das mit den unglückseligen Staats- männern von Straßburg durch dick und dünn geht, lesen wir heute schon, daß die regierenden Herren auch dann auf ihren Posten bleiben würden, wenn die beantragten Ausnahmegesetze im Bundesrat und Reichstag nicht durchgingen. Dieser Fall wird wohl eintreten; denn wenn auch die Opposition im Bundes- rat unterdrückt werden sockte, so ist doch die Zustimmung des Reichstags fo gut wie ausgeschlossen. Was hilft nun aber die Berliner Ablehnung des unglückseligen Gedankens, wenn in Elsaß-Lothnngen doch dessen Vater am Ruder bleibt und das Volk nach wie vor bas Damoklesschwert der Entrechtung über seinem Haupte fühlt?
Wir leben im Opserjahr. Ein Amt zu opfern, kann manchmal auch ein großes Verdienst ums Vaterland sein.
c. Die Wehrvorlage in der Budget- kommifliorr.
Die Budgetkommission beZ Reichstages nahm gestern zunächst die fortschrittliche Resolution an, die die Vor- legung eines Gesetzentwurfes verlangt, welcher die Un- terstützungen für die Familien der bei Mobilmachungen eingezogenen Mannschaften regelt. Es folgte die Beratung der Resolutionen zur Herbeiführung größerer Ersparnisse. Ein Zentrumsantrag fordert die größte Sparsamkeit bei allen Maßnahmen unter Ausschluß des Parade- mäßigen und des Luxus, nur die Kriegstüchtigkeit des Heeres zu erhalten und zu fördern. Der Antrag wurde einstimmig angenommen. Ferner wurde eine Resolution der Fortschrittlichen Vollspartei, die die Einführung einer einheitlichen Uniform fordert, einstimmig angenommen. Außerdem fanden noch Annahme eine fortschrittliche Resolution, die Ersparnisse insbesondere durch Reform des Pensio-nierungs» wesens wünscht. Der Kriegsminister gab Auskunft über die Gründe, aus denen Verabschiedungen von Offi- zieren erfolgten, sowie über das Anwachsen der Pensionsstellen. Ein Offizier, iei.Jiidjt die Befähigung für die nächsthöhere Stelle besitze, müsse verabschiedet wer- den, da er gegebenenfalls ohne weiteres die nächsthöhere Stelle wahrnehmen müsse. Der PensionsfondS fei in der Hauptsache mit Rücksicht auf bie Mannschaften und Beamten gestiegen.
Eine weitere Resolution verlangt Bekämpfung der Soldaten Mißhandlungen durch Reform des Beschwerderechts und Regelung der Verhältnisse der nicht mehr dem aktiven Militärstande angehörenden Personen unter Anerkennung der allgemeinen staatsbürgerlichen Rechte. Jn der darauf einsetzenden eingehenden Debatte trat ein starkes Matz von Pessimismus zutage, weil die Militärverwaltung eS an dem guten Willen fehlen lasse, den Wünschen de§ Reichstages Rechnung zu tragen. Auf scharfe Angriffe von sozialdemokratischer Seite, von der verlangt wurde, der Reichstag solle der Militärverwaltung einmal seine ganze Macht wegen ungenügenden Einschreitens gegen Soldatenmißhandlungen beweisen, antwortete der Kriegsminister, die Beschwerdeordnung habe in der Praxis gut funktioniert. Weiter verwahrte der Minister sich dagegen, daß inbezug auf die Strafen in der Armee mit zweierlei Maß gemessen würde. Bei Mißhandlungsfällen werde sehr scharf gegen die betreffenden Vorgesetzten eingeschritten. — Schließlich wurde die Resolution angenommen.
Eine weitere Resolution betreffend Revision der Militärgerichtsordnung, in der insbesondere verlangt wurde, daß nicht die O e f f e n t l i ch k e i t der Hauptverhandlung unter der Begründung der Gefährdung der Disziplin beseitigt werde und daß die Zuständigkeit der Ehrengerichte auf militärische Vergehen oder Verbrechen beschränkt werde, wurde angenommen, ebenso eine sozialdemokratische Resolution betreffend bie Her- absetzung des Strafmaßes und Einführung von mildernden Umständen in das Militärstrafgesetz. Geheimrat Müller erklärte, der Reform deS bürgerlichen Strafgesetzbuches werde die baldige Aenderung des Militärstrafgesetzbuches folgen. Deshalb werde ein besonderes Notgesetz nicht für erforderlich erachtet. Diese Erklärung rief lebhaften Widerspruch hervor. Die konservative Fraktion ließ erklären, sie stimme gegen diese Resolution, nicht weil sie den Grundgedanken nicht billige, weil sie dagegen protestieren wolle, daß die Kommission, anstatt die Wehrvorlage zu erledigen, alle mog- Heben Fragen der Militärstrafrechtspslege in bie Debatte ziehe.
Nach der Pause nahm die Budgetkommission zunächst debattelos oder nach unwesentlicher Debatte eine Zen- trumsresolution an, daß nur Volltaugliche ein- gestellt werden, eine fortschrittliche Resolution, betreffend rücksichtsvolle Befreiung vom aktiven Heeresdienst infolge bürgerlicher Verhältnisse (ein. ziger Ernährer hilfsbedürftiger Familien usw.), eine nationalliberale und Zentrums-Resolution, betreffend Hebung und Aufrechterhaltung der Schießfertig, feit, insbesondere bei den Reservisten und Landwehr, männern, eine Zentrums- und nationalliberale Neso- lution betreffend Sicherstellung der Leistungsfähigkeit der freiwilligen Krankenpflege für den Fall der Mobilmachung. Die Militärverwaltung hatte sich zu diesen Resolutionen zustimmend geäußert.
Es folgte die Beratung von Zentrumsresolutionen, betreffend Vergebung aller Arbeiten und Stiftungen an das ortsansässige Gewerbe und Erteilung dös Zuschlags nur an solche Arbeitgeber, die daS Koalitionsrecht der Arbeiter unangetast lassen, mit den Offerten ein Verzeichnis ihrer Löhne einreichen, keine geringeren Löhne bezahlen, als gleichartige Staatsbetriebe und die EinigungS- und SchiedSinstanz zur Vermittlung bei ausbrechenden Differenzen schaffen. Eine weitere Zentrumsresolution spricht die Erwartung auS, daß die Beschaffung des Kriegsmaterials durch die reichseigenen technischen Institute er- folgt. Die ZentrumSresolutionen wurden angenommen.
Eine fortschrittliche Resolution, alle mit Pension auS- geschiedenen Offiziere nicht zur Disposition zu stellen, sondern ausnahmslos zu verabschieden, wurde abgelehnt. Heber eine nationalliberale Resolution, betreffend Ausbau des Mittelland-Kanals im Interesse der Landesverteidigung, ebenso über die übrigen eingebrach- 1
ten Kanalamträge wurde zur Tagesordnung überge. gangen.
Damit sind sämtliche zu Artikel 1 des Gesetzes zur Ergänzung deS Gesetzes über die Friedenspräfensstärke vorliegenden Resolutionen erledigt.
Arttkel 2 unb 3 betr. der Besoldungsordnung, die ZivilversorgungSentschädigung von 20 statt 12 Mk. und die Erhöhung der einmaligen Geldbewilligung von 1800 auf 3000 Mark wurde angenommen.
Eine eingehende Debatte rief folgende Zentrums- resolution hervor: „ES ist dafür Sorge zu tragen, daß die Gemeinden die bestehenden Vorschriften über An. fiellung von Militäranwärtern nicht um- gehen." Gegen diese Resolution sprachen sich die Sozialdemokraten mit aller Schärfe aus. Man dürfe die Ge. meinden nicht mit Militäranwärtern überlasten; fänden diese keine Stellen, sollten sie arbeiten. Demgegenüber traten besonders die Redner des Zentrums und der Konservativen sehr warm für die Unteroffiziere und Mili< tärantoärter ein. Die einschlägigen Gesetze müßten' durchgeführt werden und es gehe nicht an, daß einzelne Kommunen sich in unzulässiger Weise drückten. Für die Militäranwätter müsse nach besten Kräften gesorgt werden. Auch der Kriegsminister drückte sein volles Ein- Verständnis mit dem Zentrumsantrag aus. Die Hal. tung der Sozialdemokraten gehe zielbewußt darauf hinaus, den Unteroffizierstand, der dem Vaterland wertvolle Dienste leistete, empfindlich zu schädigen. — Die, Sozialdemokraten beantragten eine Reform der Vorschriften über die Einstellung von Militäranwärtern zu Gunsten der kleineren Gemeinden. Dieser Antrag wurde gegen die beiden Linksparteien und die Stimme des Elsässers abgelehnt. Die Zentrumsresolution sand mit 19 gegen 9 Stimmen Annahme.
Die Kommission wandte sich nunmehr den im Etat notwendig gewordenen Aenderungen zu. Im Kriegs Ministerium soll eine neue Abteilung mit einem Ab. teilungschef errichtet werden. Die Kommission stimmt? zu. Beim Kapitel „Militärseelsorge" fordert die Vor. läge 12 evangelische und 6 katholische Militärpfarrer mehr; der Kostenpunkt beträgt 34 000 Mk. Die Kommission genehmigte den Titel. Die Militärjustizverwaltung fordert 16 neue Kriegsgerichtsräie, 16 Militär, gerichisschreiber und 12 Gehilfen. Das Zentrum be- antragte, die Hälfte zu streichen; bekanntlich hätten diese Herren unverhältnismäßig wenig Arbeit. S)ie Nationalliberalen und Fortschrittler erklärten ihre Zu. stimmung; auch der Kriegsminister fügte sich mit gu'jm Humor in baS Unabwendbare. Die Kommission nt stn den Anttag daraufhin unter großer Heiterkeit eins v mig an.
Nächste Sitzung Samstag.
.. Immer «och nicht zufrieden mit der Wehrvorlage ist Generalmajor a. D, Keim.
Seiner Zett wurde Keim als Geschäftsführer bei Flottenvereins ausgeschifft, ass er als Wahlagitator des Bülowblocks den Flottenverein beinahe auseinandergesprengt hatte. Darauf gründete er den „Wehrverein" und ist drauf und dran, auch dieses Kind zu einem Schreckenskind zu machen.
Jn wenigen Tagen werden die Volksvertreter im Reichstage wieder versammelt sein, um im Verein mit den Vertretern der Regierung am Zustandekommen des großen nationalen Werkes der Wehr- und Deckungsvorlagen zu arbeiten. Wir alle wissen: die Zeichen der Zeit sind ernst, und auch die unverkenn- baren Schwierigkeiten, die der Lösung dieser großen Vorlagen entgegenstehen, müssen mit tiefstem Ernste betrachtet und behandelt werden. Jn allen patriotischen Herzen lebt wohl die Hoffnung, daß diese Se^ierigkeiten endlich überwunden werden, und daß dieVorlagen zur Verabschiedung gelangen, damit in Handel und Wandel und in der politischen Entwickelung des Vaterlandes neben zielbewußtem Streben auch Ruhe und Stetigkeit eintrete.
Jn diesen sorgenvollen Stunden kommt der Deutsche Wehrverein mit seinem General, major Keim an der Spitze und wirft den gesetzgeben. den Körperschaften Steine in den Weg. Jn Leipzig, auf dem Boden der Völkerschlacht, hat er seine Generalversammlung abgehalten (vergl. Nr. 114) und was man da zu hören bekommen hat, das könnte den Schluß zulassen, daß diese Herrschaften nie und nim- mer genug haben werden, selbst wenn wir alle zusammen mit Kind und Kegel in die Kasernen einrücken würden. Jn Anbetracht dessen könnte man diese sonderbaren Käuze ihrem Schicksal überlassen, wenn nicht chr Treiben angesichts ihres von ihnen selbst behaupteten unverantwortlichen Einslusses auf die entscheidenden Stellen so ungemein gefährlich wäre.
Die Regierung hat zwar zu verschiedenen Malen dieses eigenartige'Liebeswerben energisch zurückgewie. sen, aber man gewinnt doch immer mehr den Eindruck, als ob die Gefahr vorliege, daß die Regierung sich gelegentlich schwach erweisen könnte. Mit offenem Hohn sagte der Generalmajor Keim bei der Generalversammlung in Leipzig, daß die große Miliar- densvrderung der Wehrvorlage als Forderung des WehrvereinS bereits im Herbste vorigen Jahres pro- klamiett gewesen sei, und daß die Regierung sich fetzt endlich darauf besonnen habe, sich vor dieser Forderung zu beugen!
Wes Geistes Kind die Alldeutschen sind, kann man aus den Bramarbasiaden des Herrn Keim erkennen, die wiederholt stürmische Kundgebungen der Begeisterung in der Versammlung auslösten. Ta stellte er die Mannhaftigkeit als das Hauptziel auf, das ein Volk erstreben müsse, damit es nicht verloren gehe. Zur Mannhaftigkeit gehöre aber auch die Fähigkeit, ordentlich Haffen 'zu können. Bismarck habe Tag und Nacht gehaßt. Gewiß, Bismarck war ein guter Hasser, aber zwischen Bismarck und Keim ist denn doch wohl ein gewaltiger Unterschied. Und wenn Herr Keim sich durchaus bismarckisch gebärden will, so sieht das immer so aus, als ob ein Frosch sich dem Ochsen gegenüber aufbläht, wie die bekannte Fabel berichtet. Danach ist der Frosch schließlich geplatzt.
Herr Keim und sein Gefolge ist mit den riesenhaften Forderungen, wie sie die gegenwärtige Wehr-' Vorlage darstellt, noch lange nicht zufrieden. In einer Refalution ließ er erklären: daß die gegenwärtigen, Militärforderungen nur als äußerste Mindestfor-l