2. Blatt
8r«<T der Seltner Zctünttetetei m ,Sn:ta.
Fuldaer Zeitung. ---
JVÖ «6.
zreitag 25. Mai 1915.
•* Jena.
(Schluß aus Sir. 115.)
Unser Schmerzenskind ist die Schule. Während die Kinder früher die hiesigen Bürgerschulen besuchten, wurde im Anfang der 90cr Jahre eine eigene Konfessionsschule ins Leben gerufen. Dieselbe wurde anfangs von ungefähr 30 Kindern besucht und befand sich in den Räumen des Pfarrhauses, später in einem von der Stadt abgetretenen Mietlokal. Ta die Zahl der Kinder mit den Jahren sich immer mehr steigerte, wurde im Jahre 1901 ein eigenes Schulgebäude errichtet, das 1906 durch Aufsetzen eines Stockwerkes vergrößert wurde. Die Mittel dazu wurden durch wohltätige deutsche Katholiken und durch den Boni- fatiusverein zur Verfügung gestellt. Die Lehrpersonen werden bis zum heutigen Tage durch den Bonifa- tiuSverein besoldet, der für diese Zwecke jährlich über 6000 Mark zur Verfügung stellt. Obschon die Zahl der Kinder jetzt 150 beträgt, bezahlt^ die weimarische Regierung nur 450 Mark Zuschuß jährlich, die Stadt Jena keinen Pfennig. Ich nannte die Schule ein Schmerzenskind und gewiß mit Recht. Da unsere Schule Privatschule ist, glauben sich die Eltern manches erlauben zu können, was in einer städtischen Schule einfach unmöglich wäre. Wenn den Eltern irgend etwas nicht paßt, wenn sie mit den Lehrpersonen oder mit den Geistlichen „Krach bekommen", so kommt sofort die Drohung: Ich nehme meine Kinder aus der Schule und schicke sie in die Bürgerschule. Diese Drohung wird bei der nächsten Gelegenheit ausgeführt und dann sind die Kinder nicht bloß für die Schule, sondern auch für den katholischen Glauben verloren. So besuchen momentan bereits 40 kath. Kinder die evang. Bürgerschule; nur ein kleiner Prozentsatz davon nimmt am kath. Religions- urtterrichte teil, während die größere Zahl den protestantischen Religionsunterricht besucht. Ob es im Interesse der Seelsorge wünschenswert ist, die kath. Konfessionsschule aufrecht zu erhalten, ist eine Frage, die sich bald entscheiden muß. — Außerhalb Jenas befinden sich zwei Stationen, an denen Religionsunterricht erteilt wird, Steudnitz mit 25, Göschwitz mit 20 Schulkindern. Einige Kinder, die sehr weit entfernt wohnen, haben in der Kommunikantenanstalt in Hün. seid und im hiesigen Schwesternhaus Aufnahme gefunden. — Die Schüler an den hiesigen höheren Lehranstalten erhalten in verschiedenen Abteilungen privatim Religionsunterricht.
Ein Tag Diasporaseelsorge soll meine Ausführungen schließen. Adventsmorgen! Wie schön ist eS da in katholischen Gegenden, wenn früh am Morgen die stimmungsvollen Rorateämter gehalten werden, zu denen das kath. Volk in Scharen eilt. Darauf muß man in der Diaspora, wenn auch mit schwerem Herzen, verzichten. Die stille heilige Messe ist an Werktagen die Regel. Vor derselben empfangen einige Erwachsene, darunter auch ein Student, die heilige Kommunion. Die Aufforderung des Hl. Vaters zum öfteren Empfang der heiligen Kommunion beginnt auch in der Diaspora, wenn auch lang- sam, ihre Früchte zu zeitigen. Außer den Schulkindern wohnen etwa 20—25 Erwachsene, Frauen und Jungfrauen und auch 7—8 brave Studenten der bl. Messe bei, die sich erst beim göttlichen Lehrer und bei der sedes sapientiae (Sitz der Weisheit) Rats erholen, bevor sie m den Füßen der Professoren sitzen. Und nun zur Schule. Es ist dort eine bunt zusammengewürfelte Schar aus allen deutschen und angrenzenden Ländern, darunter Kinder, die nicht einmal recht deutsch verstehen. Da erwachsen den Lehrpersonen ganz eigenartige Aufgaben und Schwierigkeiten, und sie müssen ein großes Stück Kreuz der Diasporaseelsorge mittraqen. — Zu Hause erwarten mich die eingelaufenen Briefe und Karten. Eine Tov- pelpostkarte aus Jena! Gewiß nichts Gutes! Ein Mitglied der Gemeinde schreibt: P. P. Unterzeichneter wünscht aus dem Verband der Landeskirche auSzuscheidcn. Ich bitte höflich um Mitteilung, zu welcher Zeit ich zwecks der gesetzlich vorgeschriebenen Belehrung bei Ihnen vorsprechen kann. Hochachtungsvoll N. N. Armer Kerl! Er weiß nicht, was er tut und wieviel er preisgibt!
Während ich mein Brevier bete, klopft es. Es ist ein braver Student, der um einen guten Rat bittet. Im Verkehr mit andersgläubigen und ungläubigen Studenten kommen ihm so mancherlei Zweifel, über die er sich gern einmal aussprechen möchte. Ich bekomme noch mehr Besuch. Ein Mann im Arbeitsanzug tritt ein: die Schnapsflasche schaut verheißungsvoll aus der einen Tasche heraus- „Was wünschen Sie?" „Ich möchte katholisch werden." „Ja, warum denn?" Keine Antwort! „Aber Sie müssen doch einen Grund haben, weshalb Sie katholisch werden
Die Schuld des Vaters.
26] Roman von Freifrau G. von Schlippenbach.
Wo mochte der Mörder sein?
War er weit entflohen?
Hatte er das Gouvernement, hatte er sogar Rußland verlassen, oder zog es ihn, wie es oft der Fall ist, zum Ort seiner Greueltat zurück? — Krotkins Schlauheit versagte. Er war über sich ärgerlich und bedauerte fast, die ganze Sache angefangen zu haben. Sein Ruf als findiger Geheimpolizist stand auf dem Spiele, wenn er unverrichteter Sache nach Petersburg zurückkam.
Das Dorf Matutfchka lag auf dem Gute des Grafen Anton Bogdanowitsch Scherewaseff, der Generalgouverneur von Twer war. Von Blagotir und Dat- nofka war diese Besitzung viele Meilen entfernt. Krot- kin hatte in Erfahrung gebracht, daß hier eine entfernte Verwandte von Tischnofski lebte. Ob sie nicht etwas Genaueres über den Verbleib Grigoris wußte?
„Nun heißt es, doppelt vorsichtig sein und nichts verraten", dachte der Geheimpolizist. „Hm, wie fange ich es nur an? Ich will doch lieber die Toilette wechseln."
Er hatte zu seinen Fahrten ein Pferd und ein Wägelchen gekauft. Mitten im Walde hielt er an Und stieg aus.
_ Aus einem kleinen Koffer nahm er einen vollständigen feinen, schwarzen Anzug, den er anlegte. Dann verschwanden der rötliche Vollbart und die Perrück? von derselben Farbe, sein eigenes dunkles Haar kam zum Vorschein. Dann legte er einen schwarzen Schnurrbart an und steckte einen blitzenden Ring an seinen Finger, eine Nadel funkelte an der modernen Krawatte. Krotkin betrachtete sich zufrie- "en in einem kleinen Taschenspiegel und lachte.
„Nun noch den hellen Ueberzieher und Filzhut und die Maskerade ist fertig; * ich sehe wie ein schmuckes Stadtherrchen aus."
. Er packte die abgelegten Kleider des Viehhändlers em und setzte sich in hen Magen, den er in einer
wollen!" Nach langem Drängen erhalte ich die Antwort: „Wissen Sie, Herr Paster, mein Kollege hat mir gesagt: Wenn man katholisch wird, kriegt man 50 Mk." „Nun, ich will Ihnen sagen, daß Sie, wenn Sie katholisch werden, keinen Pfennig bekommen werden. Haben Sie das verstanden?" Der Mann macht ein verdutztes Gesicht, kratzt sich hinter den Ohren und meinte: „Ach so, nun dann will ich lieber bei meinem alten Glauben bleiben", dreht sich um und geht zur Türe hinaus. — Jetzt klingelt's am Telephon! „Hier Landesklinik! Dollen Sie, bitte, sofort kommen! Ein Schwerkranker verlangt nach Ihnen!" Ich rufe den Herrn Kaplan, der die Seelsorge in der Landesklinik hat. Er geht hin und bereitet den Kran, ken aus den Tod vor.
Beim Mittagstisch werden die Erlebnisse des Bor- mittags ausgetauscht. Bald ist es für den Herrn Kaplan Zeit, zum Unterricht nach Dornburg zu fahren. Die Tasche mit den „Bonisatiusboten" unter dem Arm geht's per Bahn nach Dornburg. Dorthin sind die Kinder, etwa 25 an der Zahl, aus einem halben Dutzend Ortschaften zusammengekommen- In einem kleinen Wohnzimmer fitzen sie auf primitiven Bänken ohne Lehne eng zusammengepfercht und folgen mit Aufmerksamkeit dem Unterricht. Eine besondere Freud- ist es für die Kleinen, wenn sie nach Jena zur heiligen Deichte fahren können. Da gibt's nach der heiligen Beichte im Pfarrhaus Kaffee und Kuchen, den sie sich vortrefflich munden lassen.
Nachdem ich am Nachmittag den Schülern von den höheren Lehranstalten Reliaionsunterricht erteilt habe, beginne ich um i/2G Uhr mit den Hausbesuchen. Eine Familie aus Westpreußen ist zugezogen. Vater und Sohn sind rot und kommen nie zur Kirche, die Mutter selten. Ein kleiner Junge von vier Jahren, das Kind der Tochter des Hauses, ist da. Die Großmutter erzählt mir, daß derselbe noch nicht getauft sei, „es hätte am Kleidchen und an dem Taufpaten gefehlt". „Ich komme morgen nachmittag hierher und bringe einen Gymnasiasten als Tauspaten mit." Damit ist die Sache abgemacht- — Einige Häuser weiter wohnt eine Katholikin, die protestantisch verheiratet ist und auch ihre Kinder protestantisch werden läßt. Mit einigen Freundinnen ist sie soeben in der Küche im eifrigen Gespräch begriffen. Bei meinem Erscheinen erstaunte Gesichter! Allmählich kommt die Unterhaltung in Fluß und es stellt sich heraus, daß die kath. Frau zu den „Aufgeklärten" gehört. Zum Beweise ruft sie ihr Kathrinchen, ein Mädchen von 13 Jahren herbei, ein blasiertes Ding und stellt cs mir vor mit den Worten: „Sehen Sie, Herr Paster, mein Katha- rinchen ist noch aufgeklärter wie ich und mein Mann. Wenn der Lehrer in der Schule von Religion spricht, dann sagt es ihm: Solche Sachen glaube ich nicht mehr." Eine nette Erziehung und ein schönes Früchtchen. Auch in einem anderen Hause will ich die kath. Frau sprechen. Ich schelle- Das Dienstmädchen öffnet. „Kann ich Frau N. sprechen?" „Ich will einmal sehen." Anstatt der Frau kommt der Mann, nebenbei bemerkt, ein Beamter: „Was, meine Frau wollen Sie sprechen? Die ist für Sie nicht zu sprechen!"' Und mit einem kräftigen Schlag fliegt die Türe zu. Doch nicht überall wird man so behandelt. In einer andern ganz katholischen Familie freut man sich herzlich über meinen Besuch. Obschon es schon spät ist, wird schnell eine Tasse Kaffee gebraut; sie abzuschlagen wäre eine Beleidigung: und nun erzählt man mir von all den Wechselfällen des Lebens der Familie und ich finde Gelegenheit, die guten Leute für die Vereine zu interessieren und sie so fest an die Gemeinde anzuschließen.
Lokales.
Fuld a, 23. Mai 1913.
* Kanalbcitrag und -Gebühre«.
Bekanntlich haben im April dieses JahreS die städtischen Körperschaften beschlossen, von der Er- Hebung eines einmaligen Kanalbeitrages abzuseh'N und die Kosten der Kanalisation und die d-S Betriebes ganz durch Gebühren zu decken. Die nach dem Mietswert festzusetzenden Gebühren sollten betragen: von 1—50 Mk. 1,90 Proz., 151—200 Mk. 2,50
Proz., 201—300 Mk. 3,20 Proz., 301—600 Mk. 8,75
Proz., 601—900 Mk. 4,30 Proz., 901 und mehr 5,00
Proz. Für daß Jahr 1913 sollten die Gebühren, well
sie erst am 1. Juli in Hebung gesetzt werden können, betragen: von 1—150 Mk. 2,38 Proz., 151—200 Mk. 313 Proz., 201—300 Mk. 4,00 Proz., 301—600 Mk. 4,70 Proz., 601—900 Mk. 5,38 Proz., 901 und mehr 6,25 Proz.
Der Bezirksausschuß hat tue Genehmigung hierzu versagt und folgenden Beschluß gefaßt:
Die städtischen Körperschaften von Fulda haben am 28. und 29. April 1913 beschlossen, zur Deckung der Kosten der Kanalisation keine Beiträge, sondern nur elenden Schenke abstellte. Hier erkundigte er sich unauffällig nach den Bewohnern des Torfes Matutfchka.
„Lebt hier noch die alte Nadeshda Simonowna Bobrowa?" fragte der Geheimpolizist, „sie ist nämlich mit meiner Fran verwandt. Ich soll ihr Grüße bestellen und bringe ihr etwas Geld, damit sie sich eine kleine Stärkung kaust."
„Jawohl, die Bobrowa lebt noch hrer, aber sie ist halb kindisch'und ihr Häuschen ist nicht viel mehr olS eine Ruine." . . ,
Nachdem Krotkin sich genau orientiert hatte kaufte er eine Flasche schweren Wein und schlug den Weg durch das Dorf ein ES war gerade die Zeit der Aussaat für das Sommergetreide. Die Männer waren aus dem Felde bei der Arbeit, nur einige Kinder balgten sich vor den Häusern. Hin und wieder steckte eine der Frauen den Kopf zum Fenster hinaus und schallt auf die kleine, wilde Schar, oder ein sunges, Mädchen in der kleidsamen Nationaltracht trug den Ginter zum Schweinefüttcrn in den niederen Stall hinter dem Hause. Krotkin schlenderte gemächlich über die nicht eben allzu saubere Straße von Ma- tutschka. Er rauchte eine Zigarette und nes den schmucken Bäuerinnen Scherzworte zu, ober er blieb stehen und tat, als ob er die Prügelei zweier Knaben beobachtete. — .
Endlich erreichte er das Zeel seiner Wanderung, die Hütte der alten Nadeschda Simonowna Bab- r°to,%n der Tat, eine traurige Wohnung", dachte der Geheimpolizist, als er das durchlöcherte Dach und die Lebmwände betrachtete, „es ist kaum zu glauben, daß hier ein menschliches Wesen wohnen kann. Sie muß sehr arm sein. Nun ich werde ihr die Zunge lösen." . , „ _ y _ .
Lächelnd blickte Krotkin auf tue Flasche mit Wem, die er in der Schenke gekauft hatte.
Auf der Schwelle hockte eine alte Frau, die sich in der warmen Frühlingsluft sehr behaglich zu fühlen schien. Sie blinzelte den Fremden aus rotum- ranberten Augen an.
„Guten Tag, Mütterchen", begann der Geheimpolizist di- .Unterhaltung. „Ich soll Euch Grüße von
Gebühren nach der gleichzeitig angenommenen Gebührenordnung zu erheben. Zwar ist die Gemeinde an sich zur Erhebung von Beiträgen nicht genötigt, und es be. steht nur die Vorschrift, daß Beiträge in der Regel erhoben werden müssen, wenn andernfalls die Kosten einschließlich der Ausgaben für die Verzinsung und Tilgung der aufgewendeten Kapitales durch Steuern aufzubringen sein würden.
Da indessen jetzt die ganzen Kosten der Kanal,, fation durch Gebühren gedeckt werden sollen, so hoben die Gebührensätze in der neuen Ordnung eine Höhe erreicht, die nicht genehmigt werden kann. So soll bei einem Mietwert von 901 Mark und Mehr die Kanalgebühr 5 Proz. event. sogar ein Mehrfaches dieses Satzes (§ 7 der Ordnung) und z. B. für die Zett vom 1. Juli 1913 bis 31. März 1914 6,25 Proz. (Beschluß vom 28. April 1913) betragen. Wer also 1000 Mark Miete zahlt, hat 50 Mark Kanalgebühr zu entrichten. Man rechnet auf die Miete etwa % des Einkommens. Von einem Einkommen von 5000 Mark beträgt der Staatssteuerzusatz 118 Mark; die Kanalgebühr würde dazu in keinem Verhältnis stehen, und das würde auch noch der Fall sein, wenn man annimmt, daß in Fulda erst, wer 6000 Mark Einkommen hat, sich eine Wohnung für 1000 Mark mietet. Für 6000 Mark beträgt der Satz der staatlichen Einkommensteuer 146 Mark. Hier würde die Kanalgebühr immer noch über % der Staats- einkowmensteuer ausmachen. Das muß für viel zu viel gehalten werden. Der Bezirksausschuß berück- sichtig! hierbei auch, daß Steuern, die auf die Wohnungen gelegt werden — und eine solche Steuer ist in Wahrheit jede auf die Miete gelegte Abgabe ohne Zwei- fei — leicht schädlich für die Volksgesundheit wirken fönen, da sie das Volk nötigen, sich in der WohnungS- Ballung Einschränkungen aufzuerlegen. Aus diesem Grunde ist auch seiner Zeit die Bestimmung, daß Miets- und Wohnungssteuern nicht neu eingefuhrt werden dürfen, in das Kommunalabgabengesetz ausgenommen worden. (§ 23 Absatz 3.)
-st- Verliehen wurde dem Maurerpolier Weber ,u Flieden und dem pensionierten Briefträger Friedrich Kohl zu Hanau das Allgemeine Ehrenzeichen.
-st- Personalien. Amtsrichter Finscher wurde vom Amtsgericht zu Nörenberg (Wests.), in den Oberlandesgerichtsbezirk Kastel versetzt und ihm die er- kbigte Richterstelle am Amtsgericht zu Wanfried über- tragen.
-T- Fronleichnam, daS Fest des unaussprechlichen Geheimnisses, des größten Wunders! Der König der Könige gebt durch die Wohnplatze und Fluren der Oeintgen. Jubelnd und bittend folgt ihm auf seinem Segen?- und Triumphzuge die Heerschar der Getreuen durch die Straßen und die Früdlingsprach! der Felder. Blumen und Zweige bezeichnen wie einstmals in Jerusalem den Weg des sogenannten Friedensfürster. Böllerschüsse rollen weithin über Stadt und Land, feierlicher Glockenklang schwebt durch die Lüfte und tausendfach erschallen aus langgedehnten Reihen Lob. und Dankeshymnen zum Preise des Gottmenschen. Heute, tto der Unglaube immer mehr zunimmt, hat die Fronleichnamsprozession mehr denn je den Charakter eines öffentlichen Bekenntnisses des Glaubens angenommen. In diesem Sinne bot auch unsere Stadt gestern der Oeffentlichtest ein herrliche? Credo. In üblicher Weise kündeten am frühen Morgen Cboralwusik vom Turm der Stadtpfarrkirche den hehren Tag an. Nach einem feierlichen Pontifikalamt im Dom, da? der Hochw. Herr Bischof zelebrierte, setzte sich die Prozession in Bewegung, gleich imposant durch ihre Stärke wie durch ihre Vielgestaltigkeit. Zu beiden Seiten der Straßen, die der festliche. Zug passierte, und namentlich bei den 4 Altären drängten unabsehbare Menschenwogen. Viele Fremden wohnten bet ergebenden Kundgebung katholischen Glaubens bei. In edlem Wetteifer hatten die Bürger Straßen und Hauser sinnvoll geschmückt. Unzählige Fahnen flatterten von den Häusern dem Herrn der Heerschar ent- gegen.
* JubiliinmSmünzen. Die bei der Kreiskasse angenommenen Jubilänmsmünzen zur Hundertjahrfeier bet Befreiung Deutschlands (nicht zum Regierungsjubiläum des Kaisers) sind bereits ver riffen.
-y- Auf der Spur. Vor einigen Monaten wurde im Kreise Schlüchtern aus einem Garten ein Anzug gestohlen. Der Dieb wurde mit seiner Beute wieder- holt gtfehen, konnte aber nicht gefaßt werden. Im hiesigen Leihhaus wurde der Anzug für 6 Mk. verletzt. Einige Tage darauf erhielt auch die hiesige Kriminalpolizei Wind von der Sache, doch zu spät. Dieser Tage wurde nun in einem Briefe aus Hattingen, dem der bett. Pfandschein beigefügt war, um Zuiendung des Anzuges unter Nachnahme gebeten. Natürlich wird hieraus nichts. Zweifellos ist der Verletzer auch bet Spitzbube gewesen.
X. DaS verlorene Roß. Gestern mittag sollte em Gelegenheitsarbeiter von hier aus Friesenhausen für einen hiesigen Pferdehändler tuet Pferde abholen. Der Händler mußte lange auf die Rückkunft warten. Als Eurem Neffen Grigori Gefimowitsch Tischnofski bestellen. Ich habe ihn vor einigen Tagen gesehen, und als ich ihm sagte, daß ich in die Gegend komme, bat er mich, Euch zu besuchen."
„Wie geht es Grigori jetzt?" fragte die Alte.
„O, ganz gut", entgegnete Krotkin.
„So ist er nicht mehr im Krankenhaufe von L.?" „Ja, aber er wird es bald verlassen."
„Tas freut mich. Als er hier bei mir ankam, wurde er an der Wundrose krank."
„So? Das hat er mir nicht gesagt. Wodurch hat er sich wohl die schlimme Krankheit geholt? Ja, jetzt fällt es mir ein, er hatte einen Verband um den Kopf,"
„Er hat bei einer Prügelei eins über die Stirn gekriegt", erzählte die geschwätzige Greisin. „Vor drei Wochen ungefähr kam er zu mir und bat mich, ihn zu behalten, bis die Wund» verheilt sei. Nun, ich kochte ihm einen Tee aus Kräutern und schmierte ihm ein Pflaster, aber es half nichts. Er wurde krank und fieberte, die Rose schlug dazu. Wir haben hier feinen Arzt, da redete ich ihm zu, nach L. ins Krankenhaus zu gehen." .
„Wißt Ihr nicht, an welchem Tag(- er bet Euch ankam, Mütterchen?"
„Ich erinnere mich nicht recht, es muß in der Osterwoche gewesen sein."
„Seht einmal, da habe ich Euch Wein mitgebracht, einen feinen Tropfen. Wollen wir nicht ein ober zwei Gläschen zusammen trinken?"
Die eingefallenen Wangen ber alten Frau röteten sich.
„Ja, ja, das wird dem alten Körper wohltun!" rief sie erfreut, „kommt nur in meine Hütte, lieber Herr- Ich weiß nicht einmal, wie Ihr heißt, nennt mir doch Euren Namen."
„Ich bin Kaufmann und heiße Arkadij Maseimo- witsch Morosoff", log ber Geheimpolizist, ich bin der beste Freund Eures Neffen, den ich seit meiner Kindheit kenne."
„Er hat mir nie Euren Namen genannt", bemerkte die Bobrowa. , u
„Nun, er hat viele gute Freunde, Mütterchen.
der Zug schließlich eintraf, waren die Straßen der Staat dem Rofselenker nicht mehr breit gevuz, weil er unterwegs ullzustark dem Alkohol zugespro t en hatte. Außerdem waren statt drei Pferde deren nur zwei angekommen, daS Dritte hatte sich zweifellos unter« roegS seines Führers geschämt und war ausgerissen. Der Lenker der Rosse durfte sein Räuschchen auf der Polizeiwache auSschlaien, während der Händler sich heute früh auf die Suche nach dem verlorenen Pferd begeben mußte.
? «ein Schulausfall am 24. Mai. Berliner Blatter hatten die Nachricht verbreitet, der Kaiser habe angeordnet, daß am 24. Mai, dem Tage der Vermählung der Prinzessin Viktoria Luise, der Unterricht in allen Schulen ausfallen solle. An zuständiger Stelle ist von einer solchen Anordnung nichts bekannt.
§§ Der Mitteldeutsche Gastwirtetag wurde vom 19. bis 21. Mai zu Heiligenstadt in Gegenwart von fast 200 Gastwirten au8 allen Teilen des mitteldeutschen Verbandsgebietes abgehalten. Der Jahresbericht nahm in scharfer Weise Stellung gegen die Regierung in Kassel, die den zum Beigeordneten der Stadt Bad Orb gewählten Gastwirt Schröder nicht bestätigte, weil er dem Gastwirtsgeweibe angehörte. Gastwirt Hasenpflug«Niederaula brachte den Antrag ein, die Gebühren für die Revisionen der Ausspann- Stallungen an die Tierärzte nicht mehr zu zahlen, sondern diese Gebühren vom Reiche oder vom Staate tragen zu lassen. Hainke-Fulda wies darauf hin, welche unerträglichen Lasten dem Gastwirtsgewerbe und auch dem Viehhandel durch diese Revisionen entständen; diese Sonderbelastungen hätten dazu geführt, den Fuldaer Viehmarkt zu boykottieren, so daß anstelle von 1000 Stück Vieh 5 Stück aufge- trieben worden sind. Reichstagsabg. Probst Poppe- Heiligenstadt empfahl, diese Angelegenheit so lange in Form von Petitionen an den Reichstag und Landtag zu behandeln, bis von einer dieser gesetzgebenden Körperschaft der Antrag an die Regierung komme, diese Lasten auf den Staat zu übernehmen. Schließlich wurde dxr Verbandsvorstand beauftragt, die Angelegenheit weiter in dem vom Abg. Probst Poppe angedeuteten Sinne zu behandeln. Dann wurde mitgeteilt, daß sich ein Zusammenschluß der drei Verbände: Nassau und am Rhein, Frankfurt a. M. und dem Mitteldeutschen Gastwirte - Verband vorbereite, der beste Aussichten auf Erfolg habe. Zum Ort der nächsten Tagung wurde Witzenhausen einstimmig gewählt.
-y- 9. Rhöuturnfest. Der RHSnturnsestausschutz versendet z. Zt. die Einladungen zum diesjährigen 9. Rhönturnfest auf der Wasserkupve, welches am 10. August stattfindet. Auch dieses Jahr dürfte daS F-st, nach dem aufgestellten Programm zu urteilen, sich den früheren würdig anreihen. Die Vorführungen werden abwechselungsreich und mannigfach fein. Es ist eine größere Anzahl Preise gestiftet, u. a. vom Herrn Landrat v. Doernberg und vom Herrn Ober- regierungsrat Springorum.
!! Fleischertag. Nächsten Sonntag, den 25. und Montag, den 26. Mai hält der Bezirksverein: .Beide Hessen und Nassau", im deutschen Fleischerverbande seinen Bezirkstag hier in Fulda ab. Zu diesem Bezirke gehören auch die Fleischerinnungen der Regierungsbezirke Koblenz und Trier, sowie des Fürstentums Waldeck. Die für diese Tagung vor- liegende Tagesordnung umfaßt 18 Punkte, die interessante Ausführungen erwarten lassen. Die Referate sind von hervorragenden Führern beS Bezirks übernommen woiden. Gerade die Frage der Fleisch» Versorgung steht seit beinahe Jahresfrist im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses und es ist des- halb zu erwarten, daß den Einladungen zu diesem Bezirkstag nicht nur au8 Fachkreisen, sondern allgemein gern Folge gegeben wird.
• Die Zentralstelle für Obstverwertung und Obst» markt-Komitee in Frankfurt a. M. wird bereits im laufenden Monat mit der Vermittlung von Frühobst (Beerenobst, Kirschen pp.) beginnen. Zu diesem Zweck wird die erste Nummer der Mitteilungen und Obst, nachweislisten in der zweiten Hälfte dieses Monats herausgegeben werden. In diesen Nachweislisten finden sämtliche Obftangebole und Nachfragen unent- geltlich Aufnahme. Jeder Obstzüchter, welcher größere Mengen Obst abzugeben hat, kann sich daher an die Geschäftsstelle der Zentrale in Frankfurt a. M-, Hoch, straße, wenden und die verkäuflichen Mengen mitteilen. Ebenfalls kann jeder Käufer feinen Bedarf aufgeben. Die Mitteilungen können am 1. Juli durch jede Postanstalt gegen eine geringe Vergütung bezogen werden. Die Zentralstelle wird in diesem Jahre mit Hilfe der interessierten Landwirtschaftskammern wesentlich äu?gebaut werden.
X Fortbildung, und ZnuungSschulen. Am 31. Dezember 1912 bestanden im Reg erungsbezirk Kassel
„Nein, das sprecht Ihr nur so. Der Grigori ift kein guter Mensch, das muß ich sagen, obgleich er der Sohn meiner verstorbenen Schwester ist."
„Warte, ich werde dir noch mehr die Zunge lösen", dachte Krotkin, der sich bücken mußte, um nicht mit dem Kopfe an der niederen Tür anzukommen.
Das Innere der Hütte war ebenso verwahrlost wie ihr Aeußeres. Die Streckbalken der Oberlags waren rauchgeschwärzt, der Fußboden schmutzig und die Fensterscheiben zerbrochen und mit Lappen ber- stopft. Aermliches Hausgerät lag oder stand unordentlich umher, in der Ecke des Zimmers das breite, kurze Bett, auf dem statt Decke ber Schafspelz der Greisin lag. Sie schob die rußigen Töpfe beiseite und machte so die eine Ecke des Tisches frei, auf den sie zwei Gläser stellte die au5 grünlichem Glase bestanden-
„Ich besitze aber keinen Korkenzieher", sagte die, Bobrowa, der da§ Wasser int Munde zusammenlief beim Anblicke der Flasche.
„O, das tut nichts, ich werde ihn entbehren tön- neu."
Krotkin zog das Stile! hervor.
„So wird es auch gehen", sagte er, „Euer Neffe hat mir das Ting geschenkt. Erkennt Ihr es?
Er hielt der Alten die Waffe hin.
„Ja, ja", sagte sie. „Grigori hatte dieses dreikantige Messer einmal bei sich, als er mich besuchte.
„Wann war das?"
„O, das ist schon längere Zeit her" entgegnete di- Greisin. „Es war noch im Winter, damals war er Verwalter in Latwililchki. Mein Neffe hatte in L. zu tun er mußte Geld für seinen Herrn besorgen und besuchte mich bei der Gelegenheit — Und denkt (5vch er brauchte das Messer, wie Ihr, zum Em- korken einer Flasche Otschitschina (Kornbranntwei-0, die er mitbrachte. Mir gefiel daS hübsche, scharfe Ding sehr, und ich bat Grigori, es mir zu schenken, aber er weigerte sich und meinte, er werde es selbst einmal brauchen können."
(Fortsetzung folgt.)