Fuldaer Zeitung
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fir. 116. erstes Blatt
Freitag den 23. Mai 1913.
40. Zahrgang.
j* Zur HochzeitSfeier.
Zwischen der Verlobung und der Heirat hat es an hochpolitischen Sorgen und Krisen nicht gefehlt; es sah manchmal aus, als ob der gemächliche Fackel- tanz, der bei Hochzeiten im Berliner Schloß herkomm» lich ist, durch einen europäischen Waffentanz im Blut, licht der Kriegsfackel gestört werden würde. Zum Glück find die Gefahren beschworen worden: das Fest kann in Frieden stattfinden, und das herzlich teil, nehmende Volk hofft, daß durch das Fest auch die weitere Sicherung des Friedens gefördert werde.
Selten hat eine fürstliche Hochzeit so allgemeine und so lebhafte Sympathien gefunden. Das paßt vortrefflich in dieses mehrseitige Jubiläumsjahr. Glanz und Pracht ringsum; aber die Hauptsache bleibt doch der Geist, die Stimmung, — und die ist vorzüglich. Behagen und Gemütlichkeit, wie bei einem gesamtdeutschen Familienfest.
Den beiden jungen Leuten, von denen man bisher nur liebes und braves gehört hat, wünscht jeder von Herzen Glück in ihrem grünen Ehestande, und den hohen Eltern des Brautpaares ist das Volk aufrichtig dankbar dafür, daß sie diese Herzenswahl gesegnet und zum Ziel geführt haben. Denn überall wird es gefühlt und geschätzt, daß es kein schöneres und sichereres Verfahren gehen konnte, um den letzten unangenehmen Bodensatz von 1866, die Spannung zwischen den beiden alten deutschen Fürstenhäusern und die Mißhelligkeiten in Hannover und Braunschweig zu beseitigen. In der Tagespresse wird ja noch manches hin- und hergeschrieben über die Stellung der „Welsenpartei" und über die Abänderung des Bundesratsbeschlusses zur braunschweigischen Thronfolge; aber das Volk läßt sich durch die Nachrichten und Berichtigungen nicht stören. Warum soll man wegen Einzelheiten und Formalitäten sich den Kopf zerbrechen? Wenn der einzige Sohn des Herzogs von Cumberland die einzige Tochter des Kaisers heiratet, dann hält das Volk die Sache für erledigt. Der Trauschein gilt mehr, als alles Kanzleipapier.
Wenn Fürst Bismarck noch lebte und regierte, so wäre es noch sehr zweifelhaft, ob er bei seiner Unversöhnlichkeit und Kampflust an diesem friedlichen und freundlichen Austrag der Welfenfrage Ge- fallen gefunden hätte. Aber das Volk findet Gefallen daran, und wir möchten nur wünschen, daß die Er- fahrunasweisheit auch auf andere innere Zwistigkeiten und „Kämpfe" angewandt würden. Mit G e- d u l d und Güte kommt man weiter, als mit Heftigkeit und Härte.
Neben der innerpolitischen Befriedigung bringt die Hochzeitsfeier auch eine hochpolitische Aufmunterung infolge der Teilnahme des englischen und des russischen Herrschers.
In den Straßen Berlins sind diese hohen Festgäste besonders lehhaft begrüßt worden, und das war auch nicht mehr als billig und recht. Wir müssen anerkennen, daß die englische Politik unter dem gegenwärtigen Monarchen besser geworden ist, und wenn auch dort das parlamentarische Regierungssystem besteht, so ist doch der persönliche Einfluß des Herrschers gerade in hochpolitischen Dingen nach wie vor von Bedeutung. Erst recht hat Zar Nikolaus Anspruch auf persönlichen Dank. Wie man auch sonst über die russische Politik denken mag, es ist eine erfreuliche Tatsache von ungeheurem Wert, daß Zar Nikolaus gegenüber den zähen und starken Einflüssen der sla- vischen Agitatoren und der großfürstlichen Kriegspartei an seinem besonnenen Ministerium festgehalten und so die mehrfach drohende „Konflagration" immer noch verhütet hat. An die Anerkennung für das bisherige Verhalten knüpft man gern Hoffnungen. Dabei ist freilich Vorsicht geboten; doch darf man immerhin wohl annehmen, daß die Monarchen von England und Rußland bei ihrem Aufenthalt in Berlin Eindrücke aufnehmen, die den friedlichen und freundlichen Tendenzen zugute kommen.
Die Zusammenkunft der Herrscher von Rußland, England und Preußen-Deutschland erinnert lebhaft an die Waffengemeinschaft vor hundert Jahren, als diese drei Mächte, unterstützt von Oesterreich, den Kampf gegen das napoleonische Frankreich zum Austrag bringen mußten. Die Weltlage hat inzwischen große Veränderungen durchgemacht, doch nach tote vor bringt Frankreich Unruhe und Unsicherheit in die europäische Politik. England und Rußland brauchen keine Verträge zu brechen, aber sie können dem Dreiverbände die unfriedliche Spitze abbrechen.
Vorläufig freuen wir uns, daß das Hochzeitsfest so schön verläuft in äußerem Frieden und in- nerem Frieden. Mögen seine politischen Früchte den reichen Wünschen entsprechen!
*
Mittwoch früh ist der Bräutigam Prinz Ernst August, Herzog zu Braunschweig und Lüneburg, in Berlin eingetroffen, er begab sich in einem kaiserlichen Automobil nach dem Königlichen Schlosse, wo er von der Kaiserin und der Prinzessin Viktoria Luise begrüßt wurde. Der Prinz nahm in der Prinzenwohnung des Schlosses Quartier.
Das englische Königspaar traf um 11,30 Uhr auf dem Lehrter Bahnhof ein. Auf dem Bahnhof warteten das Kronprinzenpaar, di: kaiser- lichen Prinzen, der Reichskanzler, von 1114 Uhr ab auch der Kaiser in der Uniform der englischen Königs-Dragoner, die Kaiserin und das Brautpaar. Als der Hofzug einlief, spielte die Musik die englische Nationalhymne, und unter präsentiertem Gewehr entflieg als erster König Georg seinem Salonwagen. Ter Kaiser und der König von England begrüßten sich aufs herzlichste, dann half der Kaiser der Königin beim Aussteigen Die Begrüßung zwischen den Prinzen und dem englischen Königspaar hatte einen durchaus familiär-freundschaftlichen Charakter. Der f e i- erliche Einzug erfolgte durch dje SiegrSallee, das Brandenburger Tor und den Mittelweg der Linden durch ei« Spalier von Truppen bei prächtigem Det- |
ter nach dem königlichen Schlöffe- Im ersten Wagen saß der Kaiser mit dem König, im zweiten die Kaiserin mit der Königin. An der Spitze des Zuges ritt eine Eskadron des 1. Gardedragonerregiments, den Wagen der Königin eskortierte eine Eskadron der Gardehusaren. Als der Zug die Friedrichstraße kreuzte, begann die im Lustgarten aufgestellte Leibbatterie des 1. Garde-Feldartillerie-Regiments den Ehrensalut von 101 Schuß zu feuern. Der gesamte Einzug durch die prächtig geschmückten Straßen bot im Verein mit den Uniformen der Spaliertruppen ein farbenglänzendes Bild. Das Publikum umsäumte zu Tausenden die Einzugsstraßen und brachte den Majestäten herzliche Ovationen dar. Ue6er dem Lustgarten führte das Zeppelinluftschiff „H a n s a" Schleifen- fahrten aus. Die Majestäten beobachteten noch von den Fenstern des Schlosses aus das Einrücken der Fahnenkompagnie. Dann geleiteten sie ihre hohen Gäste in die für diese bestimmten Gemächer. Um 1 Uhr war Familienfrühstückstafel, abends 8 Uhr Abendtafel im Elisabethensaal.
Donnerstag vormittag 10 Uhr traf der Herzog von Cumberland mit seiner Gemahlin und der Tochter Olga aus dem Anhalter Bahnhof ein. Zum Empfang waren erschienen: der Kaiser, die Kaiserin, die Prinzen und Prinzessinnen des königlichen Hauses und zahlreiche Würdenträger der staatlichen und militärischen Behörden. Nach herzlicher Begrüßung begaben sich die Fürstlichkeiten im Galawagen unter lebhaften Ovationen des Publikums nach dem königlichen Schloß.
Etwa li/2 Stunden nach dem Eintreffen des Her- zogs von Cumberland traf auf dem Anhalter Bahnhof der russische Kaiser ein, der jetzt zum ersten Male in Berlin weilt. Der Ehrendienst war bis Küstrin-Neustadt entgegengereift. Kaiser Wilhelm in der Uniform seines kaiserlich-russischen Leib-Garde- Grenadier-Negiments schritt dem Zaren entgegen, der die Uniform des Alexander-Regiments trug, und begrüßte ihn überaus herzlich. Erschienen waren auch u. a. ber König von England, der Kronprinz, Prinz Friedrich Leopold, Prinz Eitel Friedrich, Prinz Adalbert, Prinz Friedrich Wilhelm, Prinz Albert zu Schleswig-Holstein, der Reichskanzler, die Minister und Staatssekretäre. Die Abfahrt nach dem lönigl. Schloß erfolgte unter Eskorte der Gardedragoner. Bei diefem Einzug wiederholten sich die Ehrenbezeugungen, die tags vorher dem englischen Königspaar erwiesen waren. Im Lustgarten feuerte eine Batterie den Ehrensalut von 101 Schuß,. Um 12 Uhr traf der Kaiser mit dem Zaren am Königlichen Schlosse ein. Der offene Vierspänner fuhr im Schritt die Front des Regiments Alexander ab, das im Lustgarten stand. Im Portale standen die Kaiserin, "ber König von England der kurz vor dem Zaren im Schlosse wieder angelangt war, die Königin von England, die Cumberländer Herrschaften und andere Fürstlichkeiten. Im großen Schloßhose wurde der Vorbeimarsch der Ehrenkompagnie des Alcxanderregi- mertts abgenommen. Um 1 Uhr war Familienfruh- stückstafel, an der alle anwesenden fremden Fürstlichkeiten teilnahmen. Gleichzeitig war im Elisabethsaale Marschalltafel.
Bei der Ankunft des Zaren wurden die A b s p errungen wesentlich strenger gehandhabt als eine Stunde vorher bei der des Cumberländischen Herzog- Paares. Von dem Platze vor dem Anhalter Bahnhof sowie von den Bürgersteigen an den Straßenkreuzungen wurde da§ Publikum plötzlich in sehr scharfer Weise durch die zahlreich aufgebotene Polizei hinweg- gedrängt. Gleichwohl konnte noch ein zahlreiches spalierbildendes Publikum den Zaren zu Gesicht be« kommen. Der Zar und der Kaiser dankten für die ihnen bargebrachten Huldigungen unausgesetzt.
Im Laufe be§ gestrigen Tages trafen noch z a h l- reiche Fürstlichkeiten zu ber Hochzeitsfeier in Berlin ein: Der Großherzog und bic Großherzogin von Mecklenburg-Schwerin, von Baben unb von Hef- en, der Erbprinz von Sachsen-Meiningen, ber Herzog-Regent von Braunschweig, die alte "Großherzogin Luise von Baben, Prinz Heinrich von Bayern unb Prinz Dalbemar von Dänemark mit seinen Söhnen. Damit ist aber bie lange Reihe ber bereits eingetrof- :enen unb noch weiter eintreffenden Fürstlichkeiten noch nicht erschöpft. Um 8 Uhr abends war Galatafel im Weißen Saal des Schlosses. Das Brautpaar hatte den Ehrenplatz vor dem Thronbaldachin.
Am Freitägvormittag wird eine Deputation des preußischen Städtetages und der Stadt Berlin sich an den Gratulationen beteiligen, die die Prinzeffin Viktoria Luise und ihr Bräutigam Prinz Ernst August im königlichen Schlöffe entgegennehmen. Die Deputation, welcher Oberbürgermeister Wermuth. Stadtverordnetenvorsteber Justftrat Cassel und b:r Geschäftsführer be? preußischen StäbtetageS Stabtra; Dr. Luther angehören, überreicht gleichzeitig da? Hochzeitsgeschenk des preußischen Städtetages, das in einem alinicbrrlänbiübcn Schrank besteht, und als Angebinde der Stadt Berlin einen Perserteppich.
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Die Aussteuer ber Prinzessin Viktoria Luise war nur wenige Tage für Verwandte und Freunde ber Prinzessin sichtbar, während Braut- chlevpc unb Schleier später ausgestellt werden wird. Die persönliche Wäscheousstattung wurde von acht Firmen, dem Kasseler Frauen-Verein vom Roten Kreuz und den Heimarbeiterinnen von Potsdam und Berlin annefertiat und bildet trotz der vielen Hande -in einheitliches Ganze- Tie vielfach verwandten echten Spitzen aus allen namhaften Spitzensckinlen Deutschlands wurden zu schönen Stücken verarbeitet.
5 er große Kreuzer „Viktoria Luise" hat eine Deputation zu den Hochzeitsfeierlichkeiten entsandt. Eine Abordnung hat auch bas Leibhusarenregiment in Langfuhr entlaubt, besten Chef bie Prinzessin Viktoria Luise ist. Die Salzwirkerbrüderschaft in Halle wird bei der Hochzeit dem Brautpaar bas historische Brautgeschenk in Gestalt einer Nelkenkrone, bie in einer Kassette aus Edelmetall liegt, durch eine Deputation der Halloren überreichen lassen.
* Wien, 22. Mai 1913. Zur Hochzeit im deutschen Kaiserhause schreibt das Neue Wiener Tabblatt: Oesterreich-Ungarn weilt bei der schönen Ferer in Berlin in ganz besonderer Eigenschaft als treuer Freund und als politischer Verbündeter. Unser Monarch, der Friedenskaiser, sendet seine innigsten Glückwünsche- Er ist von ganzem Herzen stets dabei, wenn schöne innige Bande geknüpft werden, und seines Sinnes sind, wie immer, auch seine getreuen Bürger.
Die Silberhochzeit des Prinzen Heinrich.
Die Kieker Bürgerschaft brachte am Mittwoch abend dem Prinzenpaar Heinrich anläßlich seiner Silberhochzeit einen imposanten Fackelzug dar. 6000 Fackelträger marschierten um 9 Uhr abends mit 120 Fahnen und 15 Musikkorps vom Wilhelmsplatz durch die Hauptstraßen der Stadt nach dem Schloß, wo der Stadtverordnetenvorsteher Dr. Ahlmann in kurzer Ansprache auf das Jubelpaar ein Hoch ausbrachte. Nachdem der Prinz feinen Dank für die Ehrung ausgesprochen hatte, marschierte der Zug durch die von einer dichten Menschenmenge besetzten Straßen zum Wilhelmsplatze, wo die Fackeln zusammengeworfen wurden.
c. Die Wehrvorlage in -er Budget kommWoi».
In der Mittwochsitzung der Budgetkommission kam eS bei der Beratung eines fozialdemokraitischen Antrages, der in das Friedenspräsenzgesetz die Abschaffung der Garde du Corps und einiger Elitefer- mationen aufgenommen wissen will, zu einer lebhaften Aussprache. Von konservativer Seite werden alle Anträge für unannehmbar erklärt. Der Kriegs- mi nist er schließt sich diefem Standpunkte an und bemerkte, der Antrag greife in die verfassungsmäßige Kommandogewalt des Kaisers ein, die Annahme des Antrags würde für die Regierung das ganze Ge- fetz unannehmbar machen. Diese Aeußerung rief bei der Linken große Erregung hervor. Ein Fortschrittler bemerkte, wenn das Gardeprinzip wichtiger sei als die ganze Vorlage, so beweise dies, welche schiefen Vorstellungen herrschten. Eine solche Haltung müsse zu Konflikten fuhren. Der Minister verweist demgegenüber auf die Beseitigung aller besonderen Vorrechte der Gardeoffiziere und -Mannschaften. Die Sozialdemokraten erklären, daß sie die Aeußerung des Kriegsministers zu Propagandazwecken benützen wollten. Der Minister erklärt darauf, er fei miß. verstanden worden. Seine Aeußerung habe sich lediglich darauf bezogen, daß die Kommandogewalt des Kai- sers nicht angetastet werden dürfe. Auf eine Anfrage, ob die Aeußerung des Ministers betreffs bet Unanehm- Barfeit des Gesetzes im Einverständnis mit den Bundes- regierungen erfolgt fei, erklärt der Kriegsminister, es handle sich nur um seine persönliche Auffassung. Er wiederholt, daß feine Worte verdreht worden seien. Ein Zentrumsredner betonte, nach Artikel 63 der Verfassung habe der Kaiser die Gliederung und For- mierung der Kontingente zu bestimmen, er habe auch da§ Recht, da§ Gardekorps zu formieren. Die Sozialdemokraten hätten zwar eine große Agitation im Lande angekündigt, allein ihr Antrag leide an einer so großen Unklarheit, daß seine Tragweite absolut nicht zu übersehen sei. Es müsse doch die Frage gestellt werden, welche Bestimmungen der Verfassung, der Heer- und Wehrordnung, des Reichsmilitärgesetzes oder anderer Gesetze und Reglements die Sozialdemokraten eigentlich aufheben wollten. Die Sprecher der Nationalliberalen und der Konservativen traten diesem Standpunkt bei und verwahrten den Kriegsniinister gegen die Sozialdemokraten, die seinen soldatisch freimütigen Worten eine übertriebene und unbeabsichtigte Deutung gäben.
Bei der Abstimmung wurde der sozialdemokratische Antrag, der durch ein fortschrittliches Amendement etwas gemildert worden war, gegen die Stimmen der beiden Linksparteien und des Elsässers (12 Stimmen) abgelehnt. Eine fortschrittliche Resolution wurde mit demselben Stimmenverhältnis abgelehnt. —- Die nationallibera,Ie Resolution, die den Reichskanzler ersucht, der Entwicklung der Armee, welche im wachsenden Maße zu Regimenter» mit ausschließlich oder überwiegend adligen Korps geführt hat, entgegen zu wirken, wurde gegen die Stimmen der Konservativen angenommen.
Die weitere nationalliberale Resolution, betreffend den ständigen Austausch des OffizierkorpS der Grenzregimenter, wurde, nachdem der Minister erklärt hatte, dem Antrag nicht unbedingt ab- lehnend gegenüber zu stehen, und ausgesühn hatte, daß es sogenannte Strafgarnisonen nicht mehr gebe, gegen die Stimmen der Konservativen angenommen. — Ein sozialdemokratischer Antrag, samt- liche Oekonomilehandwerker bei den Beklei- dungSämtern durch Zivilhandwerker zu ersetzen, wurde nach unwesentlicher Debatte abgelehnt.
In der Nachmittagssitzung wurde zunächst die Bur- chenfrage erörtert. Ein sozialdemokratischer Redner führte zur Begründung seines Antrages auf Auf- Hebung des Burschenwesens aus, rund 30 000 Soldaten würden als Burschen dem täglichen Militärdienste entzogen. Das sei ein Mißbrauch der Kommandogewalt und die Schlagfertigkeit ber Armee werde dadurch chwer beeinträchtigt. Redner zog aber schließlich seinen Antrag als unhaltbar zurück. Ein Zentrumsredner begründete daraus seinen Antrag auf Verringerung der Burschenzahl, die tatsächlich möglich sei. Generalleutnant Wandel erklärte die Bereitwilligkeit der Heeresverwaltung, auf dem Wege der Einschränkung ber Burschengestellung fortzufahren. Für berittene Offiziere eien aber die Burschen nicht zu entbehren. Eine wei- ere Verringerung der Zahl der Burschen für hie abkommandierten Offiziere werde erfolgen. Der Zentrumsantrag auf Verringerung der Burschm g.'stelllmg wurde angenommen mit einem Zusatzantrag im Sinne des Verbotes der Haltung von zwei Burschen oder Ordonnanzen.
Eine Resolution der Sozialdemokraten auf Ab- chaff ung der Militärkapellen wurde gegen iie Stimmen der Antragsteller abgelehnt.
Zur Frage ber Urlaubserteilung beantragte das Zentrum eine Resolution, den Reichskanzler um Anordnungen zu ersuchen, daß die Soldaten jährlich mindestens vier Wochen Urlaub er, halten, Soldaten auS landwirtschaftlichen Kreisen tun. sichst in der Erntezeit. Es handle sich dabei um einen bei guter Führung zu bewilligenden Ausgleich gegenüber den erhöhten Lasten für die Wehrborlage. Der Minister führte aus, jeder Vorgesetzte werde nach möglichstem Wohlwollen in der Erteilung des Urlaubes walten. Die Resolution wurde einstimmig angenommen. Ein weiterer Zentrumsantrag verlangt die Be
seitigung des strengen Arrestes als DiS. ziplinarstrafe. Der Minister erklärt, ein Fortfall der Strafe müßte auf breiter Grundlage und sehr sorg, sam erwogen werden. Die Disziplinargewalt fei durch au§ sachgemäß auSgebaut und werde erst vom Kom, pagniechef aufwärts auSgeübt. Daß bie Disziplin erhalten bleibe, bleibe für eine Armee bie Hauptlebens, bebingung. — Der Zentrumsantrag würbe angenommen, weitergehende fortschrittliche unb sozialdemokrc^ tische Anträge abgelehnt.
Zur Frage der Militärbohkotts lagen ein sozialdemokratischer Antrag, eine fortschrittliche uni eine polnische Resolution vor, wonach wegen der politi. schon Gesinnung des Lokalinhabers der Militärbohkott nicht verhängt werden darf. Der Minister erklärte, die Bestimmungen betreffend das Lokalverbot seien im Interesse der Disziplin getroffen. Ein Gesetzespara- graph hiergegen würde einen Eingriff in die Rechte des Kaisers fein. Ein sozialdemokratischer Abgeordneter er« widerte, es handle sich um Maßnahmen gegen politisch mißliebige Parteien. Unter Ablehnung ber beiden anderen Anträge wurde die fortschrittliche Resolution angenommen, nach der Soldaten der Besuch einer Räurrn lichkeit nicht verboten werden darf, weil der Inhaber, eine bestimmte politische Ueber^eugung hat oder Angehörigen einer politischen Partei feine Räume zur Verfügung stellt, eS sei denn in ber Zeit, in der politische Versammlungen auf dem Anwesen abgehalten werden,
Hierauf kam ein Zentrumsantrag zur Annahme, nach dem Mannschaften des Beurlaubten st ander, soweit militärische und wirtschaftliche Gründe es gestatten, nur in den Wintermonaten zu 11 e b uns gen eingezogen, werden. Darauf vertagte sich dH Kommission auf Freitag vormittag.
Deutsches Reich.
** Berlin, 22. Mai 1913. Der „Reichsanzeiger"- veröffentlicht die Hinterlegungsordnung; vorn 21. April 1913- Eine fortschrittliche „kleine An.' frage" wünscht Auskunft über die zwischen der Türkei, England und Deutschland abgeschlossene Vereinbarung über die B a g dadb a h n. — Lehrer Schmidt in Triebsee (Pommern), ein A d v e n t i st, der am Samstag die Erteilung des Unterrichts verweigert hatte, wurde aus dem Amte entlassen. — In einem Berliner Vorort hat ein Hilfsgerichtsdiener am 16. Mai sozialdemokratisch gewählt. Er ist daraufhin, wie die „National-Ztg." berichtet, vom Landgerichspräsidenten vom Dienste s u s p e n. diert worden. — Der bisherige Landtagsabgeordnete für Prenzlau-Angermünde, v. Arni rn-Z ü s e- dorn, ist heute gestorben-
4- Das neue preußische Abgeordnetenhaus- das am 3. Juni endgültig gewählt wird, wird kurz darauf zu einer kurzen geschäftlichen Tagung zusammentreten. Irgendwelche Gesetzesvorlagen werden dem neuen Landtag nach Berliner Blätter für diese Sommertagung nicht zugehen. Er wird nut in der üblichen Weise eröffnet werden und fein Präsidium wählen. Das ist notwendig, damit das preußische Abgeordnetenhaus bei der Feier des R e g i e- rungsjubiläums des Kaisers Mitte Juni auch offiziell vertreten fein kann. Die kurze Sommertagung wird keinesfalls länger als 3 Tage währen; man glaubt, daß der Landtag am 10. Juni zusammentreten wird-
* Ein Nachfolger für den Knegsminister. Nach Blättermeldungen ist zum Nachfolger des angeblich demnächst znrücktretenden Kriegsministers v. Heeringen der derzeitige Kommandeur der 16. Division, Generalleutnant vonLindenau ausersehen. General von Heeringen wurde daS 8. Armeekorps in Koblenz erhalten, das jetzt General der Infanterie von Plötz führt. — So lange die Wehr- und Deckungsvorftrgen nicht unter Dach und Fach sind, kann von einem Rücktritt des KrieasminifterS nicht gut die Rede sein.
*♦ Zu den elsaß-lothringischen Ausnahmegesetzen hat die sozialdemokratische' Reichstagsfraktion eine Interpellation im Reichstage eingebracht.
* Der englische Admiral Frllicoe wurde kürzlich vom Kaiser in Audienz empfanden. Er erschien läut .Tag" beim Kais« in Begleitung des englischen MarmeattacheeS. Es erregte einiges Aufsehen, daß der Admiral zur Audienz eine große Aktenmappe mitnahm und in unterrichteten Kreisen erzählt man sich, daß die Unterhaltung deS Kaisers mit dem Admiral vorwiegend den Floltenrüstungen beider Länder gegolten habe. Der Admiral wohnte vor einigen Tagen auch dem zu Ehren Lord Morleys vom englischen Botschafter veranstalteten Abendessen bei und wurde dem ebenfalls anwesenden Großadmiral von Tirpitz vorgestellt. Zwischen beiden Herren fand eine längere Aussprache statt.
(*) eine Reichsvermögenssteuer? Berliner Blätter wollen glaubhaften Versicherungen zufolge rotffen, daß die ReichStagsabgg. Bass ermann und Erz. berget in der zweiten Hälfte der vorigen Woche, beim Reichskanzler gewesen sind und ihm eine Mehr-' beit der bürgerlichen Parteien für eine Rcichsvcr - m ögenssteuer angeboten haben. Unb zwar würde, diese Reichsvermögenssteuer nach dem Vorschlag der' beiden Abgeordneten unmittelbar an eine Abänderung ber jetz gen Form deS Enlwurss zum Wehrbesirag unter besonderer Berücksichtigung einer angemessenen Besteuerung der Aktiengesellschaften abgelehnt werden. Eine bindende Aeußerung des Kanzlers zu diesen Vorschlägen sei bisher nicht erfolgt. — Wir möchten die e Nachricht nur mit Vorsicht roicberaeben.
» Tas Zentrum und die Wehrvorlagr. Ter „Derl. Lok.-Anzeiger" hatte gemeldet, der Reichskanzler hätte f- Zt. wegen der in Zenrumsanträgen geforderten Ilbstrrche an der Wehrvorlage den Herren vom Zentrum' mitteilen lassen, daß er Bedenken trage, ihnen noch die Beschlußfassung über die große Militärvorlage anzuvertrauen. Diese Warnung habe damals ihren Zweck nicht verfehlt. Die Zentrums- uhrer hätten sich beeilt, dem Reichskanzler bezw. seinem Mittelsmann zufriedenstellende Erklärungen ab- i|Ugebctt. Wir wissen nicht, bemerkt dazu die „Köln. Vztg.", um welchen Anlaß eS sich handeln könnte, den der Reichskanzler zu einer solchen Drohung benutzt hätte. Aber wir wissen bestimmt, daß weder der Reichskanzler, noch einer seiner Mittels-