Einzelbild herunterladen
 

2. Blatt.

vrmk 6er Selbaer Hctienfcructrd Iw $«!6o.

«•

Zuldaer Zeitung♦

M 115.

Mittwoch 2L Mai 1915.

V Fronleichnam.

DaS Fronleichnams,est ist ein Fest so recht für oaS deutsche Gemüt. Aus deutschem Herzen ist es entsprungen und aus deutschem Boden und in deutschen Landen hat eS zuerst festen Fuß ge aßt. Gewiß ist der dem Fronleichnamsfest zugrunde liegende Ge. danke kein ausschließlich deutscher, sondern ein katholischer, ein allgemeiner: es ist der Gedanke, die Einsetzung des allerheiligsten Altarsakramentes, die im Abendmahlsaal am Gründonnerstag abend erfolgte, feierlich zu begehen, dem göttlichen Heiland für diesen Erweis seiner höchsten Liebe zu danken und ihm dem König unserer Herzen in der Eucharistie zu huldigen. Dieser Gedanke fand schon von alters her in der ganzen katholischen Christenheit ieinen Ausdruck am Gründonnerstag iriver In dem uralten Kalender des Polemius Silvias, der schon vor dem 6. Jahrhundert geschrieben wurde, hat der Gründonnerstag, neben ande­ren Bezeichnungen auch den Namen „Natalis calicis“ .Geburtstag des Kelches', eine Bezeichnung die bei den Schriftstellern Avilus von Vienne und Eligius von Nozon im 6. und 7. Jahrhundert wiederkehrt. Von den drei Messen, die in alter Zeit am Grün- donnerst ag gefriert wurden, war eine ausdrücklich sür das Gedächtnis der Einsetzung des hl. Altarsakra« mentes bestimmt. So ist also der dem heutigen Fronleichnamsfeste zugrunde liegende (Sebante ein uralter und katholischer, allgemeiner. Aber, daß man der Kundgebun - dieses Gedankens ein eigenes, vom Gründom- -tag losgelöstes Fest widmete, das ist erst im 13. Jahrhundert geschehen und zwar auf deutschem Boden, nämlich in Lüttich, das damals eine deutsche Stadl und ein zu Köln gehöriges deut­sches Bistum war. Die ersten Beförderer der neuen Idee waren Deutsche: die selige Juliana, der Domherr Johannes an St. Martin in Lüttich, der Bischof Robert von Thorete (feit 1240 Bischof zu Lüttich), der Archrdiakon Pantaleon von Lüttich, der später alS Papst Urban IV. den päpstlichen Thron bestieg und unter dem 8. September 1264 durch die Bulle Transituius das Fronleichnamsfest am Donnerstag nach Dreifaltigkeit in der ganzen Christenheit sür immer zu feietn befahl (leider kam infolge des bald darauf erfolgten Todes des Papstes diese Bulle vorläufig nicht zur Ausführung). Das waren alle­samt Männer und Frauen aus der damals deutschen Diözese Lüttich. Und die Diözesansynode von Lüttich vom Jahre 1287 ist die erste. Die eine bündige Vor­schrift für Die Abhaltung der Fronleichnamsieier gab, nachdem früher schon Die Einführung beschlossen, von vielen Orlen Der Diözese, vor allem in Lüttich selber. Die Feier auch schon begangen worben war. Auch Die Fronleichnamspcozrssionen sind zuerst in deutschen Städten abgehalten worden, in Köln schon vor 1279, in Würzburg 1298, in Augsburg 1305, in Worms 1315, in Aachen 1319, in Straßb irg 1318 u. s. s. teilweise olio schon bevor im Jahre 1311 das Konzil von Vienne das Fronleichnamsfest sür Die ganze Christenheit ungeordnet hatte. UnD so dürfen gerade wir Deutsche uns des Fronleich­namsfestes sreuen. Es ist ja auch ein Fest, das wie kein anderes dem tiefen deutschen Gemüte zusagl. Denn im Mittelpunkte Des Fronleichnamsfestes stehl das Geheimnis der Siebe unseres Herrn. Aber gerade das tiefe deutsche Gemüt i|t sür die Tiefe dieser Siebe so empfänglich, und das sinnige deutsche Gemüt liebt es, sich tn das Geheimnis dieser Siebe zu versenken. Dem nalursrohen deutschen Ge- müle aber sind die Fronlelchnamsprozesslonen, die an den blumengeschmückten Häusern unter dem lachenden Himmel der Frühlingsnatur dahmziehen, eine so köstliche Sabung und Erholung, daß, wer sie einmal im Geiste des Glaubens und dec Andacht mitgemacht Hal, sie nie mehr missen möchte.

totales.

Fulda, 21. Mai 1913.

* Verliehen wurde dem Justizhauptkassen, tenbanten. Rechnungerat Kirchhoff zu Naumburg und dem Betriebskontrolleur, Rechnungsrat Kromm zu Kassel der Kronenorden dritter Klasse, dem Elsen- bahnlokomotivsührer a. D Cordes zu Kassel das Verdiennkreuz in Li bet, dem pensionierten Eifenbahn- weichensteUer Löwer, dem Elsenbahnmasch>nen-Ooer- putzer König, Dem EisenbahngülerboDen«Arbeiter Weißmann, sämtlich zu Kassel, und dem bisherigen BahnunterhaltungSarbeiter Grandeseld zu Griste im Kreise Fritzlar DaS Allgemeine Ehrenzeichen, sowie dem bish. Bahnhofsarbeiter Wiegand zu Kassel das Allgemeine Ehrenzeichen in Bronze.

# Personalien. Versetzt wurde Eisenbahnpraktikant Hainer ab 1. Juni d. I. von Bad Salzschlirf nach Alsfeld zur Großh. Bauabteilung, Steuerkontrolleur Schröckert von Bingen an Gr. Finanzamt Lauter­

bach, der AmtSgerichtSdiener und Gerichtsvollzieher Gebhard in Geisa vom 1. Juli d. I. ab als Gerichtsvollzieher zum Amtsgericht in Blankenhain und der Gerichtsvollzieheramtsanwärter Hoppert, zurzeit Schutzmann in Köln, als Diener an das Amtsgericht in Geisa. — Den Charakter als Rechnung«, rat haben erhalten: dieEifenbahn.Obersekretäre Scotti und Groß in Frankfurt und Bauer in Gießen.

- Die feierliche Fronleichnamsprozession wirb sich morgen nach der in der heuliaen Nummer veröffent­lichten Ordnung durch die Straßen der Stabt be­wegen. Eingeleitet wird der festliche Tag mit Choral- musik vom Turme Der Stadlpfarrkirche ans. Des Programm dazu ist folgendes: 1. Hier liegt vor deiner Majestät, 2. Kommt her ihr Kreaturen all, 3. Lauda Sion, 4. Kommt herab, ihr HimmelSfürsten, 5. Ecce panis, 6. Maria zu lieben, 7. Sei gegrüßt, o Jungfrau rein, 8. Preiset L'ppen das Geheimnis und als Schlußchoral unter dem Donner der Böller das Großer Gott wir loben dich. Die Aufstellung der Prozession erfolgt bald nach 81/* Uhr, und zwar nicht zu Zweien, sondern zu Vieren. — Bei der Prozession wird der Gesangchor des Priestersemi­nars an den einzelnen Altären folgende Gesänge vortragen: Am ersten Altar Tantum ergo und Sacris sollemniis sür Männerchor mit Instrumentalbegleitung von Veith, am zweiten Altar Tantum ergo für Männerchor mit Instrumentalbegleitung von Kreit- maier und Verbum supernum für Männerchor mit Instrumentalbegleitung von Veith, am dritten Altar Tantum ergo für Männerchor a capella von Kreit- maier und Salutis humanae sator für Männerchor mit Instrumentalbegleitung von Veith, am vierten Altar Tantum ergo für Männerchor a capella von Kreitmaier und Aeterne rex für Männerchor mit Instrumentalbegleitung von Veith. Die Instrumental­begleitung wirb ausgeiührt von der Kapelle des hiesigen Artillerieregiments.

B. J. Zur Erweiterung des Bahnhofes Fulda wird uns geschrieben: Die vom hiesigen Baugewerbe so sehnsüchtig erwartete Ausschreibung von Bau- arbeiten ist gestern erfolgt. Aber welche Enttäuschung für die kleineren und mittleren Baugeschäfte! 3000 Kbrntr. Erdaushub und 2800 Kbmtr. Betonmauer­werk sind in einem Lose ausgeschrieben! Nach den Bestimmungen für die Vergebung der Leistungen und Lieferungen sind die Ausschreibungen tunlichst derart zu zerlegen, daß auch kleineren Gewerbetreiben­den und Handwerkern die Beteiligung an der Bewer­bung möglich ist. Im vorliegenden Falle handelt es sich um 3 Durchlässe von je ca. 90 Meter Länge, welche in 12, mindestens aber in 9 Lose geteilt werden konnten. Durch die verlangte Ausführungsfrist von nur 2Monaten ist die Beteiligung kleinerer und mittlerer Handwerksbetriebe von vornherein ausge­schlossen und das ganze gestrige Ausschreiben ist nur für Großbetriebe zugeschnitten. Bezüglich der Frist für die Vertragserfüllung bestimmt der Minister ausdrücklich, daß dieselben ausreichend zu be­messen sind unter Berücksichtigung der Sage des Marktes, der Jahreszeit und der Arbeitsverhältnisse. Mit Recht fragt man sich, wie ist es möglich, daß die Erlasse des Ministers, welche nach seinen eigenen Worten, im Sinne einer gesunden Mittelstandspolitik tunlichst auch den Interessen der kleineren Unterneh­mer und namentlich auch denen desHand- werkerktandes Rechnung tragen sollen, von den au sf ährenden unterstellten Organen fortgesetzt unbe­achtet bleiben?. Die hiesige Bau-Innung wird wegen des bei dieser Ausschreibung geübten Verfah­rens eine B e sch w er d esch r i ft an den Herrn Minister richten und der Herr Landtagsabgeordnete Rhiel wird gebeten werden, dieselbe dem Herrn Mi­nister persönlich zu überreichen und dahin zu wirken, daß, wie im Falle Flieden, die gegenwärtige Aus­schreibung aufgehoben wird. Es dürfte aber auch Sache des Magistrates sein, an zuständiger Stelle eine Lanz» für die einheimischen, hier steuerzahlen­den Gewerbetreibenden zu brechen, damit solche Ar­beiten, zumal in der gegenwärtig trostlosen Zeit, dem hiesigen Handwerk nicht verloren gehen. Es sei hier noch besonders darauf hingewiesen, daß nach den Be­stimmungen des Ministers im Falle gleicher Preis­stellung die am Orte der Ausführung wohnenden Ge­werbetreibenden vorzugsweise zu berücksich­tigen sind, und in feinem Erlaß vom 4. Sept. 1912 spricht der Minister die Erwartung aus, daß von den ihm unterstellten Behörden namentlich bei der Ver­gebung von handwerksmäßig auszuführenden Arbei­ten der Grundsatz beachtet werde» daß einertüch- tigen Arbeit auch ein entsprechender Lohn werden soll. Wenn auch selbstverständ­lich, so schreibt der Minister weiter, von den Beamten die Grundsätze der Wirtschaftlichkeit stets zu wahren sind, so vermag doch die Unzulänglichkeit der zur Ver­fügung stehenden Mittel einen Verstoß gegen diesen

Grundsatz niemals zu rechtfertigen. •=- Hatte die hiesige Neubauabkeilung diesen Grundsatz nur einiger­maßen beachtet, so mußte der Bau der Künzeller Not­brücke einem hiesigen Zimmermeister und nicht einem Großbetriebe aus dem Großherzogtum Hessen über­tragen werden, der zudem an kein Tarifvertragsge­biet angeschlossen ist und bedeutend niedrigere Löhne zahlt, als in Fulda vertraglich gezahlt werden müllen. Der hessische Staat würde unter gleichen Ver­hältnissen niemals zugeben, daß Staatsarbeiten an Ausländer vergeben würden. Auch die hiesigen Zim­mermeister tun deshalb gut, sich wegen dieser Zurück­setzung und Nichtbeachtung der ministeriellen Vor­schriften zu beschweren, dies umsomehr, als der Mi­nister die ihm unterstellten Behörden ausdrücklich an­gewiesen hat, daß spätere Nachteile für die Handwer­ker aus der Tatsache der Beschwerdeführung nicht ent­stehen dürfen.

— Jubiläums-Dreimarkstücke. Die Kreiskasse teilt uns mit, daß wieder eine größere Aniahl neuer, aus Anlaß des ReaierungSjnbiläums des Kaisers ge. prägtet Dreimarkstücke eingefroren ist.

rh Schöffengericht. Zwei 13. > >d 14 jährige Bürschchen aus Horas warfen im März d?. IS. in dem Flamme'schen Fabrikanwesen mehrere große, dicke Glasscheiben ein. Diesmal kamen die Jungen noch mit einem Verweis davon. — Der 16jährige Kürschner W. hatte sich wegen fahrlässiger Körperverletzung zu verantworten. Im Mär, d. I. kam W. radfahrend bmch die Borgiasstraße nach dem Bahnhof und rannte den Schüler B. um, der einen Armbruch erlitt. Der Amtsanwalt hatte eine Geldstrafe von 15 Mark beantragt; das Gericht erkannte auf einen Verweis. — Wegen Betrugs in Höbe von 1 99 Mark muß der Weißbinder S. von Schwanbach drei Tage Ge- tängnis verbüßen. — Der 20jährige Bäcker-Haus- bursche K. von hier mißhandelte am 15. Februar auf ber Landstraße zwischen Eichenzell und Rönshausen ben 15jährigen Bäcker-Hausburscken I. aus Kon­kurrenzneid durch Ohrfeigen und Hiebe auf den Kopf. Für diese Ungezogenheiten beantragte der Amts, anmalt eine Geldstrafe von 50 Mark; da« Gericht setzte die Strafe auf 30 Mark fest. — Der 44jährige mehrfach vorbestrafte Fabrikarbeiter R von hier wandelte im angeheiterten Zustande in der Nackt zum 9. März bei der Stadtpsarrkircke umher und bedrohte Passanten ohne Veranlassung mit Messer und Schlag­ring. Wegen dieses nächtlichen Exkurses wurde der Angeklagte zu 14 Tagen Gefängnis verurteilt. — Die drei Gebrüder G., E. und I. G. von hier waren der gemeinschaftlichen Körperverletzung angeklagt. Es handelt sich um ben seinerzeit mitgeteilten Erbschafts- streit in ber Leipzigerstraße. Die Angeklagten sollen am 10. Februar bs. Js. ben Kunst, und Handels- aärtner A. mit einem Schirm mißhandelt haben. Der Amtsanwalt batte gegen den G G. 30 Mark und gegen 'eine Brüder E. und I. G. je 15 Mark Geldstrafe beantragt. Das Gericht verurteilte jedoch nur G. G. als Haupt äter zu 30 Mark Geldstrafe und sprach die beiden anderen Brüder frei.

E Die reiche arme Fran. Eine am Mistor wohnhafte bejahrte Witwe B., die ihren Lebensunter­halt mit Knochen- und Lumpenhandel bestritt, mußte dieser Tage wegen eines Leidens ins Landkranken­haus gebracht werden. Da sich aus der B'schen Wohnung alsbald ein unangenehmer Geruch bemerk­bar machte, benachrichtigte man die Polizei. Diese stellte fest, daß die Gerüche von einem Knochenhau­fen herrührte, der in einer Ecke der Wohnung lag. Als dann etwas eingehendere Umschau gehalten wurde, fand man zum größten Erstaunen auch zwei Sparkassenbücher über mehr als 16 000 Mk. und tn Papier gut eingewickelt über 300 Mk. bares Geld. Man gab den Fund vorläufig in Verwahrung.

Fuldaer MufeumSgegenstande in Breslau. An­läßlich der Jahrhundertfeier in Breslau sind bei bet Dort veranstalteten Jubiläumsausstellung auch vom hiesigen Museum Gegenstände aus der Zeit vor 100 Iahten ausgestellt. Von einer seinerzeit angeregten ähnlichen Ausstellung hier in Fulda hat man Ab­stand genommen, da nicht genügend Ausstellungs­material aufiutrnben wat.

(*) Jubiläumsfeier. Der Magistrat labet die Vertreter aller hiesigen Vereine zwecks endgültiger Festsetzung des Programms für bas Nationale Voltsfest auf Freitag abend 8 Uhr in den Stabtverorbnetensttzungsfaal ein.

(»i Schwerathletik. Am 15. Juni findet in Fulda der IV. Bezii kswei tstrert des Fuldabezirks im Deutschen Atdlelenverdanb statt. Die Voradeilen |üt denselben er­ledigen die betben hiesigen Athletenvereine „Viktoria" unb „Germania". Morgens 8 Uhr finden aus dem alten Borussia-Sportplatz am Wallweg die Kämpfe im Stemmen, Ringen und Leichtathletik statt. Die Vreisvertetlung, toroie die Endkämpfe im griechisch"ömischen Ringkampf finden nachmittags resp. abends im Jägerhaus zu Bronn­zell statt.

(*) Athleten-Somurerfest. Morgen, von nachm 4 Uhr, veranstaltet der Fuldaer Athletik-Sportklub „Viktoria"

Die Schuld des Vaters.

25] Roman von Freifrau G. von Schlippenbach.

Nach erfolgter gegenseitiger Vorstellung sagte Krotkin:

„Ich bitte um einige Minuten Gehör in einem verschlossenen Raum."

„Ist es denn so geheimnisvoll?" fragte ber Be­amte erstaunt.

„Ja, mein Herr, Sie allein dürfen es hören."

Als sie allein waren, sagte Jury Wassiljewitsch: „Sie haben wohl auch von dem Morde am schwar­zen Teich gehört?"

„Gewiß, aber wie hängt das mit Ihrer Frage zusammen?"

„Geduld. Ich will mich Ihnen lieber zu erken­nten geben. Ich bin Geheimpolizist ttnb aus Peters­burg hergeschickt, um die Spur des Mörders zu ent­decken. Ich rechne auf Ihre Verschwiegenheit und Beihilfe."

„Soviel in meinen Kräften steht, natürlich."

„Erinnern Sie sich vielleicht der Nacht vom 10. auf den 11. April, in der Swerjeff ermordet wurde? Ist Ihnen hier nicht ein Reisender aufgefallen, der den aus X. kommenden Morgenzug benutzt hat? Ich kombiniere, daß der Mörder möglichst schnell den Tatort seines Verbrechens zu verlassen strebte. Auf der Station, die in der Nahe liegt, wird er sich nicht gezeigt haben, er ist vielmehr zu Fuß weiteraegangen, um die weiter entfernte Haltestelle der Bahn zu be­nutzen. Möglich ist es ja, daß er die andere Rich- !ung wählte oder überhaupt nicht den Schienenweg ju seiner Flucht benutzte. Jedenfalls möchte ich dar­über Klarheit erlangen, ehe ich weiter nachforsche."

Aufmerksam lauschte der Stationschef den Worten Krotkins. '

„Warten Sie", sagte der Bahnhofsvorsteher, „ich muß mich erst besinnen. Ich war in der Nacht vom 10. auf den 11. April erstaunt, wie wenige Per­sonen fortreiften; es waren nur drei oder vier. Als das weitere Signal t"r ***•>’« c^oben wurde, sah

ich einen Mann auf das Stationsgebäude zulaufen. Der Billettschalter sollte eben geschlossen werden.

„Schnell ein Billett dritter Klasse!" rief der Ver­spätete. Als er es noch erhielt, rannte er auf den Bahnsteig. Ich stand neben ihm."

„So haben Sie ihn deutlich gesehen?" fragte Kroikin hastig. „Können Sie ihn beschreiben?"

„Er war von meiner Größe", fuhr der Beamte fort, „hatte dunkles Haar und mußte vierzig Jahre alt fein."

Krotkin notierte es.

„Sahen Sie nichts besonderes an ihm? Nichts, was Ihnen auffiel?"

„Doch, zweierlei!"

„Und das wäre?"

„Er hatte ein Tuch um den Kopf gebunden."

„War es nicht blutbefleckt?" fragte der Geheim- ,/^ie haben es erraten. Ich bemerkte es, dachte, es fei einer, der Ostern gründlich gefeiert habe. Sie wissen, die Ungebildeten betrinken sich meist an sol­chen Tagen, und es kommt dann leicht zum Streit."

„Und was bemerkten Sie außerdem?"

„Der Reisende zog eine Uhr. Er verglich sie mit der am Stationsgebäude. Es war gerade halb fünf, der Tag schon ganz hell."

„Wie sah die Uhr aus?"

„Sie war von schwarzem Stahl und mit einem Monogramm versehen."

„Haben Sic es erkennen können?"

„Nein, aber an der Uhr hing eine seltsam ge­formte Verlogne, ein Totenschädel aus Elfenbein. Ich hätte vielleicht vergessen, wie die Uhr aussah, wenn mir diese Verlogne nicht ausgefallen wäre."

„Sprachen Sie mit dem Reisenden?"

„Ich sagte ihm: „„So steigen Sie doch ein, der Zug wird nicht auf Sie warten.""

„Und erwiderte er etwas darauf?"

„Er lachte und sprang in ein Coupee dritter Klaffe. Gleich nachher gab ich das Zeichen zur Ab­fahrt. Das unangenehme Gesicht des Menschen de- schäftigte mi* Weile; es lag ein verschlagener.

roher Ausdruck darauf. Später vergaß ich es. Glau­ben Sie, daß es der Mörder gewesen sein kann?"

„Ich weiß es nicht", antwortete der Geheimpoli­zist vorsichtig. „Jedenfalls danke ich Ihnen für Ihre freundliche Auskunft und rechne auf Ihre strengste Diskretion; ein unvorsichtiges Wort könnte alles ver­derben. Sind Sie bereit, Ihre Mitteilung eidlich zu erhärten? Es wird vielleicht nötig sein."

„Natürlich. Zitieren Sie mich, sobald Sie mich brauchen."

Die beiden Männer schüttelten sich die Hand. Der Zug wurde signalisiert; Krotkin setzte seine Reise fort.

Er war sehr zufrieden mit ihrem Anfang und überzeugt, auf Tischnofskis Spur zu fein.

„Ich muß vor allen Dingen konstatieren, ob Ro­man Romanowitsch eine Uhr mit der bezeichneten Berlogue besessen hat: feine Schwester wird es am besten wissen. Dann will ich die Bauern über Tischnofskis aushorchen. Sie dürfen mich nur ja für nichts anders, als für den Viehhändler Jury Wassiljewitsch Krotkin halten, der für Johnson u. Co., das große Exportgeschäft in Moskau, reist."

Noch an demselben Tage stellte sich der Geheim­polizist in Tatnofka ein unb bat Olga um eine kurze Unterrebung.

„Erlauben Sie mir eine Frage, gnädiges Fräu- lein", begann Krotkin, „besaß Ihr verstorbener Bru­der eine" schwarze Stahluhr mit seinem Mono­gramm?"

„Ja", verletzte Fräulein Swerjeff.

„Trug er irgend eine Verlogne daran?"

„Ja, einen Totenschädel aus Elfenbein. Mein Bruder legte großen Wert darauf; wie alle Spieler, war er sehr abergläubisch und trennte sich nie davon."

„So glauben Sie, daß er diesen Talisman auch am Abend des 10. April bei sich trug?"

„Ich bin dessen gewiß", lautete Olgas Antwort.

„Erinnern Sie sich die Haarfarbe Ihres früheren Verwalters Grigori Gesimowitsch Tischnofski? Bitte, denken Sie nach, es ist wichtig für mich."

Olga dachte nach, bann sagte sie:

im Restaurant „Schöne Aussicht" am Bachrain ein Sommerfest.

(*) Konzert. Die Feuerwehrkapelle wird morgen nachmittag von 4Vi Uhr an aut der Terrasse des Schloß- garlens konzertieren.

Aus dem Nachdargediete.

* Aus dem Kreise Hünfeld, 20. Mai 1913. Die feuchtwarme Witterung ber letzten Tage hat die H e i- belbeerbliite zur Entfaltung gebracht. Da di« Sträucher in diesem Jahre besonders reichlich ange- setzt haben, ist bei weiteren günstigen Witterungs- Verhältnissen auf eine gute Ernte zu hoffen. — Die mitgeteilten Körungstermine haben eine Aen- berung erfahren. Die Körungen ftnben nunmehr statt am 26. Mai in Burghaun, Großenmoor, Neukirchen, Eiterfeld, Treischfeld unb Hofaschenbach, am 27. Mai in Hünfelb.

* Obersuhl, 20. Mai 1913. Eine Anzahl hiesiger Burschen kamen gestern nachmittag an der Roteraius- mühle vorbei unb schossen nach einem Hunde. Der Knecht des Müllers, der schon als Kind ein Auge ver­loren hatte, trat ihnen entgegen. Einer der Burschen richtete die Waffe auf ihn unb traf ihn in das ge­sunde Auge. Der schwer Verletzte wurde sogleich tn das Hersfelder Krankenhaus überführt.

* Kassel, 20. Mai 1913. In den Tagen vom 17. bis 19. Mai fand hier die zweite Hauptversammlung der „Allgemeinen Vereinigung ber Vollzie­hungsbeamten und Steuererheber Deutschlands" statt. Die Verhandlungen betrafen ausfchließUch innere Vereinsangelegenheiten uni waren von annähernd 200 Abgeordneten besucht. — In vergangener Nacht ist in dem Ladengeschäft bei Schuhmachermeisters S. in der Hohenzollernstraß, Einbrechern ein geringer Geldbetrag und eine groß« Zahl Schuhwaren von beträchtlichem Werte in bi« Hände gefallen. Der Polizei gelang es, drei Arbeiter darunter einen Vater mit seinem Sohne, festzuneh­men, die in ber letzten Zeit verschiedene Schnhwaren- geschäfte nächtlicherweile heimgesucht haben. — V er. mißt wird feit dem 14. d M. der 16^ Jahre alte Maler- und Weißbinder-Lehrling Momberg.

* Göttingen, 19. Mai 1913. Gestern abend siel ein Einjähriger, welcher bei den Meldereitern in Langensalza dient, aus dem Personenzuge bei der Station Friedland. Glücklicherweise kam er mit eini­gen Hautabschürfungen davon.

* Gelnhausen, 19. Mai 1913. In der letzten Sitzung des Kreistages wurde beschlossen, die Wan­derhaushaltungsschule auf den Kreis Gelnhausen zu übernehmen. Das Höchstgehalt bei Kreisausschuß-Sekretärstelle, das bisher 3000 Mk, betrug, wurde auf 4200 Mk. festgesetzt. Der Kreis­haushaltsetat wurde in Einnahme und Ausgabe in Höhe von 238 733,48 Mk. genehmigt und der Bor- anschlag über die Einnahmen und Ausgaben durch die Kleinbahnen in Höhe von 61 205 Mk. zur Kennt­nis genommen.

)>< Kassel, Kr. Gelnhausen, 20. Mai 1913. Der gute Besuch der Volksvereinsversamm- lung, die am letzten Sonntag stattfand, ist ein Zeichen des Interesses, das jetzt hier im Benin herrscht. Der Landtagskandidat des Zentrums für Schlüchtern-Gelnhausen sprach über das Thema: „Was leistet der Volksverein bei der Lösung der sozia­len und religiösen Fragen?" Einige neue Mitglieder wurden ausgenommen.

O Langendiebach, 20. Mai 1913. In einer Sand­grube sind vor geraumer Zeit Hallstattgräber aufgedeckt worden. Aus den Funden sind hervorzu­heben eine vollstnädig erhaltene Urne mit kalzinier­ten Knochen als Beweis für den Brandgrab- charakter, für den bei den meistne Fundftücken ans hiesiger Gegend nur unsichere Angaben vorhan­den find, ferner Stücke von Näpfen mit eigenartiger Ornamentierung, schließlich noch Bronzeringe und eine Pfeilspitze mit Widerhacken.

* Frankfurt a. M., 20. Mai 1913. Heute mor­gen feuerte der Hausdiener Münch aus Eifersucht aus den Hausdiener Gleim und seine Geliebte mehrere Schüsse ab und brachte sich dann selbst einen Schuß in den Mund bei. Gl. starb bald darauf, das Mäd­chen erhielt nur einen Streifschuß, Münch wurde ins Krankenhaus gebracht. — Der Tierbändiger Keßlei gab heute mittag in einem Anfalle von Wahnsinn plötzlich mehrere Revolverschüsse auf Frau Toupree die Gemahlin seines Arbeitgebers, ab uni tötete sich dann selbst. Die Fran dürfte kaum mit dem Leben davonkommen. — Die Polizei hob ein B u ch- tn a d; e r n e ft auf, das seit 7 Monaten unter dem Namen Buchdruckerei Oster-Münch arbeitete und in dieser Zeit einen Umsatz von 1200 000 Mk. hatte. Bei der Durchsuchung der Wohnungen der Teilhaber unb der Geschäftsräume fielen ber Polizei große Summen Bargeldes in die Hände.____

„Er hatte dunkles Haar, das aber schon mit grauen Fäden gemischt war."

„So? Tas stimmt ebenfalls. Ich danke Ihnen, mein Fräulein, Und Sie glauben, daß Tischnofski Ihrem Bruder übel gesinnt war?"

„Ja, ich sah, wie er Roman drohte, nachdem die­ser ihn 'fortgejagt. Leider muß ich eingestehen, daß mein unglücklicher Bruder sich dabei so weit vergaß, ben ungetreuen Verwalter gröblich zu mißhandeln/

„Sie halten Tischnofski für fähig, Rache zu neh­men?"

„Gewiß, umsomehr, als er sich, nachdem er Lat- wilischki verlassen hatte, vergeblich um eine Stelle in ber Nachbarschaft bemühte. Roman warnte die Be­kannten vor Tischnofski. Herr Nieprosski auf Ros- marischeff sagte Tischnofski, daß mein Bruder ihm kein gutes Zeugnis ausgestellt hatte."

„Ich wundere mich nur, daß der Untersuchungs­richter Ribadjedoff nicht früher auf den Verwalter als Urheber des Mordes verfallen ist."

Krotkin empfahl sich und fuhr nach Blagotir, wo er mit Soltjakoff eine lange Unterredung halte.

In den nächsten Tagen war der verkleidete Vieh­händler auf den Höfen und Dörfern der Umgegem zu sehen. Er handelte um die Kühe und Schweim der Bauern und traktierte sie dabei freigebig mit Branntwein, um etwas aus ihnen hervorzulocken aber lange schienen seine Bemühungen ohne Erfolg

Auf feine Bitten hin hatte Ilja Georgewitsch ihm das vom Rost gereinigte Stilet gegeben, das man in der Brust des Ermordeten gefunden hatte.

(?ine§ Tages — es mochten feit der Ankunft des Geheimpolizisten zwei Wochen vergangen sein — fuhr Krotkin ziemlich verdrießlich nach einem weck entfernten Torf, in dem man von den Vorgängen am schwarzen Teich nicht gehört hatte. Der bishei zuversichtliche Mut des Detektivs war gesunken. Ei kam um keinen Schritt vorwärts; die hohe Beloh­nung, die Mestutscheff ihm versprochen hatte, mußte ihm entgehen, wenn er Tischnofskis Schuld nicht klar bewies.

(Fortsetzung folgt.)