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Fuldaer Zeitun

Erschein» tSgNch m» Ausnahme -er Sonn- und Zrlertage viertel- jährlicher Bezugspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in $ulba sowie auswärts 1.50 Mark. — Rotationsdruck und Oerlag der s s Sulboer flctienbrutkerel in Zulda. Zemlprecher Nr. 9. : ;

Ziebungsliften der preußisch-süddeutschen Klaffen-Lotterie. — halbjährlich Taschenfahrplan. n

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Illustrierte Sonntagszeitung

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Fuldaer Seschichtsblätter

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fir. N5. Erstes Blatt

miffwod) den 2l. Mm 1913»

40. Jahrgang.

UV Wegen des hl. Fronleichnamsfestes wird die nächste Nummer der »Fuldaer Zeitung' erst am Freitag ausgegeben

Je* Hochzeit uuv hohe Politik.

Zu der Hochzeitsfeier, die am Samstag stattfinden soll, trifft das englische Königspaar am Mitt­woch, der russische Zar- am Donnerstag in öen-i rin. Ebenfalls am Donnerstag wird der Vater des Bräu­tigams, der He,zog vor? Cumberland, ankom- inen, und er wird in derselben iSeife, wie die regie­renden Fürsten, von unserem Kaiserpaare auf dem Bahnhof empfangen werden.

Die Monerchen Begegnung hat die Form eines Familienfestes. Das tritt umsomehr hervor, als der ö st e r r e i ch i s ch e Hof auf die Persönliche Beteiligung verzichtet hat. Das habsburgische Haus steht in engstem Bündnis und innigster Freundschaft mit dem Hohenzollcrnhause, aber die Familienbande sind nicht so enge, was sich hauptsächlich durch die Verschiedenheit des Bekenntnisses erklärt. Die Nicht­beteiligung des österreichischen Erzhauses könnte zu Mißdeutungen führen, wenn nicht die Beziehungen der beiden Dynastien und Reiche so hoch über allem Zweifel erhaben wären, daß solche Formalitäten gar nicht in's Gewicht fallen. Wenn überhaupt in diesem Punkte hochpolitische Erwägungen in's Spiel gekom­men sind, so könnten sie höchstens die Beziehungen zwischen Oesterreich und R u ß l a n d berühren.' Es ist möglich, daß man die Verhältnisse noch nicht für genügend geklärt und gereift betrachtet, um schon bei dieser Gelegenheit in Berlin eine Begegnung des Za­ren mit dem österreichischen Thronfolger herbeizufüh­ren. Freilich würde der Erzherzog Franz Ferdinand eine solche Begegnung gewiß nicht gescheut haben; aber vielleicht hat man in Petersburg den Ein­druck gehabt, daß die panslavistische Agitation, die schon die Zarenreise zum deutschen Hofe nicht gern sieht, durch eine Begegnung des Zaren mit dem österreichischen Thronerben gar zu sehr gereizt würde.

So ergibt sich eine Zusammenkunft von drei Mo- narchen, von denen zwei dem Dreiverbände angehö­ren, während der Gastgeber die größte Macht des Dreibundes repräsentiert. Es zeigt sich da, daß zwischen den beiden Mächtegruppen, die sich gegen­seitig das Gleichgewicht halten und vielfach in eine (wirkliche oder scheinbare) Gegensätzlichkeit geraten, doch sehr starke d v n a st i s ch e Verbindungsfäden be­stehen. In der heutigen Zeit sind die dynastischen Verwandtschaften und Freundschaften längst nicht mehr so ausschlaggebend, als früher, wo man Kabi­nettspolitik trieb. Mer auch heute haben sie noch ihre große Bedeutung.

In Hinsicht auf Rußland kann man sogar von einer unmittelbaren Bedeutung reden, denn in Rußland ist trotz Duma der Zar noch der maß­gebende Selbstherrscher, und gerade in neuerer Zeit ringen in Rußland zwei Strömungen um die Person des Zaren. Bisher hat das friedlich gerichtete Ministerium Kokowzew-Ssasonow sich in der Gunst des Zaren zu behaupten vermocht, und dem Um­stande ist es zu verdanken, daß die Hochzcitsfeier in Berlin sich ohne Störung oder ernste Gefährdung des europäischen Friedens vollziehen kann. Die kriegs­lustige Großfürstenpariei und der Panslavismus wer­den aber immer ihre Versuche fortsetzen, den Zaren auf ihre Seite zu ziehen. Wenn man nun auch von dem Aufenthalte des Zaren in Berlin keine Wunder­dinge erwarten darf, so ist doch die Annahme gerecht­fertigt, daß die friedliche Richtung von den Ber­liner Eindrücken und Empfängen zum mindesten kei­nen Schaden haben wird.

In England wird parlamentarisch regiert; doch hat die Krone dort noch immer einen beträchtli­chen Einfluß, namentlich auf die auswärtige Politik. Wichtiger aber noch ist die mittelbare Wirkung eines solchen Besuches, indem, er zur Beruhi­gung und Annäherung der Volks st immung bei­trägt. Gerade jetzt ist eine weitere Entspannung und Annäherung zu erhoffen. Der deutsche Kaiser bat dazu ein übriges getan, indem er die drei engli­schen Spione, die bei uns seit einigen Jahren ihre Strafe verbüßen, jetzt begnadigt hat. Der Auf­enthalt des Lord Morley in Berlin zeigt deutlich ge­nug an, da es sich nicht bloß um den Austausch von Höflichkeiten bandelt, sondern um realpolitische Ab- machnngen, die vielleicht über die südpersische Jnter- esiensphäre noch hinausgreifen können. Mit Recht schätzt man die Annäherung zwischen England und Deutschland als die wertvollste Errungenschaft des letzten Jahres.

Wenn die Berliner Festlichkeiten diese Annähe- unq fördern und zugleich der friedlichen Richtung in Rußland etwas Vorschub leisten, so sind sie vom hochpolitischen Standpunkt ebenso freudig zu begrü­ßen, wie vom innerpolitischen.

*

Der amtliche Willkomm. Die ,Nordd. Allg. Ztg.' schreibt an leitender Stelle:

Jbre Majestäten der Kaiser und die Kaiserin werden in diesen Taqen zur Hochzeit ihrer einzigen Tochter von einem glänzenden Kreis erlauchter Gälte umgeben sein. Näch'l den hohen Eltern des Bräutigams begrüßen wir mit besonderer Freude das englische Königs­paar und den Kaiser von Rußland. Gilt ihre Anwesenheit auch nur einem Familienfeste, so bildet doch die damit bekundete Herzlichkeit der persön- lichen Beziehungen unter den drei Mo­narchen ein werivolles Jmponderabile sür die Sicher­heit des wechielseitig ungestörten Fortschrittes der großen Kulturnaltonen Europas.

Ein herzliches Willkommen erwartet dir Groß­herzogin Luise von Baden, die verehrungswürdige -achter Kaiser Wilhelms L, und die anderen Verwandten des hohen Brautpaares, die aus Dänemark und deutschen Bundesstaaten hier erscheinen und durch ihre Gegenwart

dem Hochzeitsfest» Weihe und Glanz verleihen werden. Möge die Mitsreude, die das Familienfest im Kaiserhaus überall begleitet, von froher Vorbedeutung für das Glück des jungen Paares sein!

*

W. Port Viktoria, 20. Mai 1913. Die königliche Jacht mit dem englischen Königspaar an Bord ist heute früh 5.30 Uhr nach Vlissingen in See ge­gangen. Das Meer ist ruhig.

W. Petersburg, 20. Mai 1913. Der Zar ist heute abend nach Berlin abgereist.

Bald Zuckerbrot, bald Peitsche.

„Nichts ist bei uns beständig, als nur der Wech- s e l." Diese Randglosse trifft leider auf die Behand­lung von Elsaß-Lothringen ganz besonders zu. Wir meinen nicht den Personalwechsel, sonder» den Sy st em wechsel. Bald gibt man den Elsaß- Lothringcrn Freiheiten, bald stellt man sie unter Aus­nahmegesetze und Zwangsmaßregeln. Bald bezeigt man ihnen Vertrauen, bald das allergrößte Mitz- trauen. Bald Zuckerbrot, bald Peitsche. Wenn das Pferd sich eben an den lockeren Zügel gewöhnt hat, dann reißt der Kutscher plötzlich wieder an der Kan- darre, daß das Bkaul blutet.

Jetzt soll zur Abwechselung Elsaß-Lothringen wie­der mit dem Diktaturparagraphen in neuer verschlechterter Auflage beglückt werden. Von den Zeitungen sollen diejenigen, die in nichtdeutscher Sprache erscheinen, dem Verbot der Regierung preis­gegeben werden; die Vereine aber sollen sogar samt und sonders auf Gnade und Ungnade ausgelie­fert werden, da zum Verbot schon die Behauptung genügt, daß sie „andere Zwecke als die durch die Satz­ung bestimmten, verfolgen''. Damit kann die Regie­rung jedem unbeliebten Verein einen Strick drehen, und es ist begreiflich, wenn reichsländische Katho­liken gerade die Unterdrückung ihrer Vereine be­fürchten in der Erinnerung daran, daß die Straßbur­ger Regierung schon öfter Nationalisten und sogar Sozialdemokraten den Vorzug vor den Zentrums­leuten gegeben hat.

Ist wirklich die Ordnung im Reichslande und die Grenzsicherheit durch französisch geschriebene Zeitun­gen und französisicrende Vereine so bedroht, daß man zu Ausnahmemaßregeln greifen muh? Wer die K i n- derkrankheiten des dortigen jungen politischen Lebens nicht maßlos überschätzt, wird es nicht glau­ben. Stände das Heil des deutschen Reiches wirklich auf dem Spiele, so wäre eine ehrliche Belage­rung immer noch besser zu verteidigen, als diese zwei Diktaturparagraphen, die doch zweifellos mehr S ch a den als Nutzen bringen werden. Schon die Zurückstoßunq Elsaß-Lothringens unter das Aus- nahmerecht liefert den Unzufriedenen einen so starken Agitationsstoff, daß sie den Verlust dieser oder jener Zeitung oder Bereinsorganisation wohl entbehren können. Und das schlimmste ist das A r m u t s - z e u g n i s, das sich die deutsche Politik vor Frankreich und der ganzen übrigen Welt ausstellt. Im 43. Jahre nach dem glorreichen Krieg müsien wir im Reichslande noch solche Berleaenheits- und Notmaß­regeln ergreifen! Es ist bezeichnend, daß gerade die französische Hetzpresse die Neuigkeit zuerst in die Oeffentlichkeit gebracht hat; das war Wasser auf ihre Mühle.

Gerade jetzt freuen wir uns über die friedliche und freundliche Lösung der soa. w e l s i s ch e n Frage, die früher auch durch llrwbulb und Heftigkeit schärfer zu- gespitzt wurde, als nötig war. Müssen wir nun jetzt gerade in der elfoß-lothrinqifckien Frage wieder unfere Schwäche zeigen? Es fehlt unserer Politik an Ruhe und Stetigkeit, an der Fähigkeit des selbstsicheren Abwartens. Da wird mit großem Halloh heute ein Same ansaestreut, und wenn morgen nicht das ganze Feld in tadelloser Blüte stebt oder sich ein bischen Unkraut zeigt, dann wird übermorgen der ganze Acker wieder umgestürzt.

Wechsel des Svstems und der Methode kommen auch in anderen Ländern vor, aber nicht mit solcher Plötzlichkeit und Planlosigkeit. Wenn anderswo die Politik wechselt, so pflegen auch die Perfonen zu wechseln. Bei uns aber machen dieselben „Staatsmänner" heute das Zuckerbrotverfahren und morgen die Peitschenknallerei. Ob nicht am Ende für das Reichsland das befte Heilmittel ein gründli­cher Personenwechfel wäre, damit einmal Leute an s Ruder kommen, die nicht mit alten Vor- urteilen behaftet sind und ohne lästige Erinnerungen das Vertrauen des Landes sich erwerben können?

*

Straßburg, 20. Mai 1913. Die große Auf­regung, die durch das Bekanntwerden der Vorlage üb-w die Aenderung des Preß- und Vereins- zesehes in Elsaß-Lothringen hervorgerufen Wor­ten ist, hält immer noch an und fhtbet ihren lebhaften Ausdruck in Aeußerungen der Presse. Die Regie- rungsblätter verteidigen die Vorlagen, die Organe der" elsaß-lothringischen Zentrumspartei lehnen sie charf ab. Der „Elsässer" fürchtet ein Willkürregiment. Er meint, die bestehenden Gesetze genügten, „um Extrovogonzen zu begegnen: Die Regierung läßt die einheimischen Blätter gerichtlich verfolgen, sie läßt die ausländischen Blätter verbieten, sie läßt unbe­queme Vereine unterdrücken. Was will man noch mehr?" Die Mehrheit der Bevölkerung wäre in keiner Weise mit Ausnahmeforderungen einverstan­den. Die Lothrir er Volksstimme schreibt: „Bald Zuckerbrot, bald Peitsche! Mit diesen Worten er» chöpft sich die Behandlung, die den Elsuß-Lothrin- gern fest Jahrzehnten bon den regierenden Herren zuteil geworden ist. Zurzeit soll bte Peitsche durch die „starke Hand", die „gepanzerte Faust'' in An­wendung kommen. Eine Diktatur, getragen vom alten Äeist, nur eine neue Aufmachung!" — Im Zentrumsverein für Metz Stadt und Land hrelt am Sonntag der Vorsitzende Dr. Ernst ein Re­ferat über die neuen Vorlagen. Diese seien ein Be­

weis, daß die Straßburger Regierung kein Vertrauen habe zum elsaß-lothringischen Volke. Wenn auch das Verhalten einzelner im Auslande gehaltenen Reden berechtigten Anstoß erregt habe, so dürfe man dies doch nicht das Voll in seiner Gesamtheit entgelten lassen. Eine Anzahl Redner sprachen sich in glei­chem Sinne aus. — Zu Beginn der heutigen Sitzung der Zweiten Kammer des elsaß-lothringischen Land­tages teilte der Präsident mit, daß zu der Frage der beabsichtigten Aenderung des Vereins- und des Pretz- gesetzes vier Interpellationen eingelaufen find; eine fortschrittliche, eine der Lothringer, eine von der Zentrnnisfraktion und eine sozialdemokratische. — Darauf erledigt das Haus in zweiter Lesung den Ge­setzentwurf über die Gewährung von Teuerungszu­lagen an Beamte in der Form, daß auch den geist­lichen eine Zulage gewährt werde. Tie Vorlage rst von der Regierung für unannehmbar erklärt worden.

c. Die Wehrvorlage in der Budget- kommWon.

Die Budgetkommission des Reichstages nahm gestern nach den Ferien die Beratung der Wehrvorlage wieder auf und bewilligte ohne Debatte nach der Regiert'' r- lage die Vermehrung der Zahl der Bataillone der Fuß­artillerie um 7 auf 65 und die der Pioniere um 11 auf 44 Bataillone. Es tam dann zu einer Aus­sprache über das Luftschiffwesen. Ein Regie» rungsvertreter erklärte, das Zeppelinluftschiff gelte auf Grund seiner bisherigen Leistungen als bestes Luftschiff, auch andererseits jetzt Schütte-Lanz als erfolg­reicher Konkurrent auftrete. Ein Mangel des Zeppelin­luftschiffes sei allerdings sein Material, während ander­seits wiederum beim Schütte-Lanz die Holzkonstruktion den Auftrieb beeinträchtige. Die Hallenfrage sei ein sehr schwieriges Problem. Wenn Starrschiffe verwendet würden, müsse man zu der drehbaren Halle übergehen, weil bei festen Hallen die Starrschiffe bei der Einfahrt leicht beschädigt werden. Luftschiffhäfen sind sowohl für die £ft«, als für die Westgrenze für den Erkundigungs­dienst vorgesehen, so in Wttheu. s. wen, Polen, tlliegn'tz, Königsberg, Schneidemühl, außerdem mit Rücksicht auf die Küste im Norden in Hannover. Der Kriegsminifter erläutert die Bedeutung des Luftschiffwesens für die Aufllärung. Bei günstigen Witterungsverhältnissen seien ganz überraschende Vorteile zu verzeichnen, die die Kavallerie nie leisten könne. Gewiß müsse man mit der Betrlebsunsicherheit und Verlust rechnen. Aber Luft­schiffe, die Nachrichten von maßgebender Bedeutung für die Führung brächten, hätten ihren Zweck erfüllt.

Bei der Forderung für den Train (26 statt bisher 25 Bataillone) erörterte auf eine Anregung ein Negie­rungsvertreter die Gründe, die einer Angliederung des TrainS an die Verkehrstruppen entgegenständen. Die Erfahrungen im jüngsten Balkankriege zeigten jedoch die Bedeutung des Trains ganz klar. Eine Resolu­tion Bassermann-Erzberger, den Reichskanzler zu er» suchen, Maßnahmen zu treffen, den Tram zu heben, möglichst auch eine Aenderung des Namens vorzuneh- men unb seine Leistungen im Kriegsfälle sicher zu stel­len, findet mit großer Mehrheit Annahme. Die Frage der Reform des Jntendanturwesens soll später behandelt werden.

In ihrer Nachmittagssitzung begründete zur Frage der Dienstzeit ein sozialdemokratischer Abgeordne­ter einen Antrag, nach dem während der Dauer der Dienstpflicht im stehenden Heere sämtliche Mannschaften ein Jahr ununterbrochenen Dienst bei der Fahne verpflichtet sind. Ein freisinniger Redner begründete eine Resolution betr. Abkürzung der Dienst, zeit durch spätere Einstellung oder frühere Entlasfung und Hebung der Wehrfähigkeit der Jugend und in Ver­bindung damit eine weitere Resolution auf jährlich zweimalige Einstellung von Rekruten und versuchsweiser Abkürzung der Dienstzeit auf 18 Monate.

Kriegsminister von Heepingen erwiderte, die Ausbildung sei zu % nur auf Heranbildung von tüch- tigen Charakteren und auf das Gefecht zugeschnitten. DaS geringe Maß zur Exerzierausbildung sei unentbehr­lich. Die zweijährige Dienstzeit sei nur mit der groß- ten Aufopferung des Ausbildungspersonals durchzufüh­ren. Jetzt noch weiter herunterzugehen, sei nicht zu verantworten.

In der Abstimmung wurde die sozialdemokra­tische Resolution betreftend allgemeine Einführung der einjährigen Dienstzeit, ebenso die fortschrittliche Reso­lution, betreffend Erleichterung und versuchsweise Ab­kürzung der Dienstzeit auf 18 Monate und jährlich zwei- malige Rekruteneinstellung, abgelehnt.

Angenommen wurde die fortschrittliche Reso­lution betreffend Hebung der Wehrfähigkeit der Jugend durch bessere körperliche Ausbildung und Unterstützung aller Verbände in dem Bestreben, durch systematische körperliche Hebung die schulentlassene Jugend für den Heeresdienst vorzubereiten.

Ein Zentrumsredner begründete daraus eine Resolution, der Reichstag wolle beschließen, den Reichskanzler zu ersuchen, die erforderlichen Maßnahmen zu einer Reform des Einjährigen-Frei, willigendien steS im Sinne einer Erweiterung und Erleichterung der Zulassung einzuleiten.

Generalleutnant Wandel erklärte, die Bedingungen für den Einjährigen-Freiwilligendienst seien in letzter Zeit mehrfach erweitert worden, z. B. auf gründ des sogenannten Kunstparagraphen. — Ein konservativer Redner stand dem Grundgedanken des Zentrumsantrags sympathisch gegenüber, befürchtete aber, daß der Antrag einen Schritt zur allgemeinen Verkürzung der Dienstzeit bilden könnte. — Ein nationalliberaler Redner stimmte dem Anfrage des Zentrums zu. — Ein fortschrittlicher Redner erklärte den Antrag in feiner Fassung zu alb- gemein und deshalb nicht annehmbar, ebenso die Sozial­demokraten.

Der Zentrumsantrag wurde angenommen.

Die Debatte wandte sich dann der Frage der Uni­formierung zu. Von den Parteien der Linken lagen Anträge auf einheitliche Uniformierung der Sol­daten im Krieg und Frieden bezw. auf Einführung einer einheitlichen Felduniform für alle Waffengattun­gen b-". Nach Begründung der Anträge führte der Kriegsminister die Gründe für die Abzeichen der verschiedenen Truppengattungen an. Gerade <• .3 Er­sparnisgründen müsse man bei der Einführung der feld­grauen Uniform vorsichtig fein. Der sozialdem.kratische Antrag wurde abgelehnt, mit den Stimmen der Links­parteien -nd des Zentrums jedoch die fortschrittliche Re­solution auf Einführung einer kriegsmäßigen einfachen und einheitlichen Uniform angenommen.

Es folgte die Beratung von Anträgen, die sich gegen die bevorzugte Stellung des Garde-Korps richten. Ein sozialdemokratischer Abgeordneter wandte sich gegen die Aufrechterhaltung der Gard- als Elitekorps. Ein

Fortschritten sprach sich gegen die bevorzugte Stellung gewisser Regimenter auch außerhalb der Garde au5. Ein Zentrumsredner billigte die nationalliberale Re- solution, wonach der Entwicklung, die in wachsendem Maße zu Regimentern mit ausschließlich oder über­wiegend adligen Offizierkorps geführt hat, entgegen­zuwirken, und ferner dahin zu wirken sei, daß ein stän­diger Austmnch -wischen den Offizierkorps der unter un­günstigen Lebensbedingungen stehenden Garnisonen und den unter bevorzugten örtlichen Verhältnissen garnU sanierenden Truppenteilen stattfinde.

Die Kommission vertagte sich hieraus auf Mittwoch vormittag.

*

+ Zentrumsanträge zur Wehrvorlage. In der Budaelkommistion sind vom Zentrum neue Anträge zur Wehrvorlage eingebracht worden.

Es verlangt neben der Streichung einer Anzahl Verwaltungsstellen (Jntendanturräten re. und Krieg?» gerichtsräten re.) die Streichung von 1008 Leut­nantsstellen und 1044 Unteroffizier st eilen, beantragt also, statt 1538 Oberleutnants und Leut­nants nur 530 zu bewilligen, statt der gewiderten 8607 Unleroffiziere nur 7563 zu genehmigen.

Außerdem sollen die verlangten 13 Regiments­kommandeure (pensionierte Offiziere) bei den B cirks- kommandos 3 Hamburg, Celle, Duisburg, 2 Düssel­dorf, Erfüll, Flensburg, 2 Frankfurt a. M., Gera, Lüneburg, Metz, Münster, Tilsit und Weimar ge­strichen werden.

Weiter beantragt das Zentrum folgende Reso­lutionen: 1. Ten Reichskanzler zu erfuchen, die erforderlichen Maßnahmen zu einer Reform des Ein- jährig-Freiwi ltigen dien st es im Sinne einer Erweiterung und Erleichterung der Zulassung enzu- teiten. (Gestern bereits angenommen.) 2. Der Reichs­tag spricht bei Verabschiedung der Mili ärvorlage di« Erwartung aus, daß die Beschaffung des Kriegs­materials tunlich durch die reichseigener technischen Fortschritte erfolge.

Deutsches Reich.

*♦ Berlin, 20. Mai 1913. Der Kaiser wohnte am Dienstag auf dem Truspenübungsplatz Töderitz einer großen Truppenübung bei. Die deutliche Reichs­regierung hat eine Anfrage der Schweiz, ob Deutsch­land und Oesterreich geneigt sei, nach dem Beispiele Belgiens, Italiens, Portugals und Spaniens eine 24stündige Zeiteiwterlung anstelle der lifritn« digen etnuifübren, ablehnend befcbieöen.

(*) Meldeämter und Rechtsauskunftsstellen. Die Minister des Innern und der Finanzen haben aus eine Eingabe des Verbandes „gemeinnütziger und un­parteiischer Rechtsauskunftsstellen" um allgemeine unentgeltliche Auskünfte durch die Einwohnermelde­ämter einen abschlägigen Bescheid erteilt. Dieser Be­scheid entspricht dem geltenden Rechte, nach dem nur Armenvormundschaftssachen gebührenfrei sind.

)( Die Begnadigung der englischen Spione hat die englische Presse veranlaßt, Deutschland gegenüber eine freundlichere Haltung an den Tag zu legen. Fast alle Londoner Blätter besprechen den Gnadenakt des Kai­sers mit warmer Anerkennung, und zwar tun dies nicht nur die liberalen Blätter,, die stets mehr oder weniger deutschfreundlich sind, sondern auch die rechts­stehenden Zeitungen, die uns im allgemeinen weniger Gerechtigkeit widerfahren lassen. Aus einem Teile der konservativen englischen Presse freilich ist zwischen den Zeilen die Hoffnung zu lesen, daß besonders French und Brandon noch recht vieles in der Er­innerung haben werden, was gegen Deutschalnd aus­genutzt werden kann.

♦» Tie unehrliche Agitationsmethode der sozialdemo- kratijchen Gewerkschaften. Ein „sret"gewerkfchaNlicher Agitator halte unlängst, um Mitglieder eimufangen, behauptet, der sozialdemokratische Bergarbeilerverband sei in religiöser Beziehung neutral. Das war in der,Lüdinghauser Zeitung' als Unehrlichkeit bezeichnet worden. Der Agitator strengte gegen das Blatt die Beleidigungsklage an, wurde aber von dem Amtsgericht Lüdinghausen mit der Begründung zu- rückgewiefen, daß die von dem Privalkläger zu- gegebenen Tatsachen den Vorwurf der Unehrlichkeit und Irreführung rechtfertigten. Die Versicherung des Privatklägers, daß die „freien* Gewerkichaften religiös völlig neutral seien, fei unehrlich gewesen. „Ter Un­richtigkeit seiner Darstellung von der Stellung des Verbandes zu religiösen Dingen war sich — so heißt es in dem Urteil weiter — der Privalkläger bewußt, er war daher unehrlich. Mit dieser Unehrlichkeit bezweckte er eine Täuschung des Arbeiters, wollte ihn also irresühren.* Diese gerichtliche Fest­stellung des Agitatwnsschwindels, der von den sozial­demokratischen Gewerkfchaften beim Milgliederjang betrieben wird, verdient weite Verbreitung. Gerade letzt versucht auch die Sozialistenpresse wieder mit dem heuchlerischen Prog'ammsatze, der die Religion als Prwatfache erklärt, zu hausieren. Das ist nun als unehrlich und irrelührend gerrchllich gekennzeichnet.

* Tarifliches aus dem Buchvruckgcwerbe. Bon den Prinzipalsmitgliedern des Tarrfausichusies der Deutschen Buchdrucker erhalten wir etne Zuschrift, in der es deisit:

_ In Ihrer geschätzten Zeitung vom 5. Mai bringen Sie einen Artikel über die Sitzung des Tarifausschusses am 21. und 22. April in Berlin, der einer Berichtigung in wesentlichen Punkten bedarf. Es ist nicht richtig, das die Tislussion sich besonders um die Wünsche des Guten- berg-BundeS drehte, die dieser dem Tarisausschusse unterbreitet hatte. Auf der Tagesordnung stand über­haupt kein Antrag des Gutenbergdundes. Richtig ist, daß die Prinzipals-Tarifvertreter die Gelegenheit benutzt haben, in der Sitzung zum Ausdruck zu bringen, daß sie die Wünsche des Gutenberg-Bundes zur gegebenen Zeit nach Möglichkeit dahm berücksichtigt zu sehen wünschen, daß der öutenbergbunb als Organisation zur Aner­kennung kommt. Ganz entstellt ist die Mitteilung in dem Artikel, daß das Angebot des Verbandsvorsitzenden, Herrn Töblin, die Organisationsvertreter des Verban­des aus den Tarifinstanzen zurückzuziehen, „rote ein Schreckschuß" auf die Prinzipals-Mitglieder gewirkt habe. Das Angebot wurde mit der Erklärung begleitet, -s lei aeaeben, „um der Prinzlpalität die Stellung in