3. Blatt.
»rutf der Lrttdaer Actienkrrirerei i» Silbe.
*$♦ Zuldaer Zeitung.
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M 115.
Mittwoch 21. Mai 1915.
1912 — 19
— 4
1910 — 70 Geburten a. Mischehen — 19 kath. getankt 19H - 77 ...... -19 „ „
1912 — 67 „ „ „ _ 21 „
Ta zudem noch viele katholisch getaufte Kinder trotzdem protestantisch erzogen werden, kann man Wohl sagen, daß höchstens 10—15 Prozent der Kinder aus Mischehen hierzulande katholisch werden. Der Grund hierfür liegt hier, wie vielleicht auch :n anderen Gegenden, an der „Gutmütigkeit" der Katholik n. Schließt ein katholischer M a u n die Ehe, so läßt er die Kinder evangelisch werden, „weil die Mutter die Kinder erziehen muß", schließt ein katholisches Mädchen die Ehe, so läßt es ebenfalls die Kinder protestantisch werden, „weil der Mann es will, um des lieben Friedens willen, weil ver Mann sie ernähren muß usw." Also der Katholik gibt immer hübsch nach!
Zu den Gefahren von feiten des Protestantismus kommt noch hinzu, daß der Katholik wegen seines Glaubens hier sehr viel von seinen sozialdemokratischen Kollegen zu leiden hat. Es ist nicht zu beschreiben, wie den kathol. Arbeitern von den Gesoffen das Leben sauer gemacht wird. Auch ist der hiesige Momstenbund mit dem Komitee „Konfessionslos" wacker an der Arbeit, um die Leute zum Austritt aus der Kirche zu veranlassen. Trotzdem sind die Verluste verhältnismäßig klein. In den letzten vier zcahren sind aus der hiesigen Gemeinde zehn protestantisch, acht Dissidenten ""worden In derselben Zeit sind ober auch zehn Protestanten zur kathol. Kirche übergetretcn.
Vereinstätigkeit ist hier eine rege- «4 besteht hier der Volksvercin mit 120, ein katho. lisch er Mannervcrein mit 80, ein Arbeiterverein mit 45, ein Verein erwerbsiätiaer Tratten und Mädchen nut p0, ein Innglinqsverein mit 20, ein polnischer Arbeiterverein mit 180 Mitgliedern. Dazu kommen noch als kirchliche Vereine der Mütterverein mit 60, der Jungfrauenverein mit 55 Mitgliedern. Der Armen Niwmt sich der Estsgb^bverein an.
eme rundliche Spitze und ziemlich hohe, spitze Absätze ,^kletz genannt, mit denen beim Nationaltanz fest aufgestampft wird. Zwei quer über die Frist gelegte Lederlaschen, die Ohren, werden mit einer Schnalle zusammengehalien und geben den Schuhen ihr eigentümliches Gepräge Die Farbe der Strümpfe ist blau oder weiß. Tie Weißen, kunswoll gestrickten, soge- nannten Zwickelstrümpfe sind für den Winter aus Wolle, für den Sommer aus Baumwolle gearbeitet. Vielfach werden zum Schutze auch blaue oder weißleinene Gamaschen darüber gezogen, die an der Seite durch eine Reihe Knöpfe geschloffen werden. Die Strumpfbänder aus blau«, in Trauerzeiten aus weißgefärbtem Leder hängen in zwei Schleifen gebunden am Bein herunter. Ein Schwälmer darf nie einen Bart tragen, der gehört nicht mit zur Tracht.
Wer solch einen Schwälmer sieht, dem wird auf den ersten Blick diese malerische, aber auch zugleich praktische Tracht gefallen. Heber den Anzug einer Schwölmerin sind die Ansichten geteilt. Viele Städter finden die Tracht der kurzen Röcke wegen wenig anständig. Lasten wir jetzt eine Schwälmerin Revue staffieren, lieber Schuhe und Strümpfe ist weiter nichts zu sagen, da sie denen der Männer im großen und ganzen gleichen. Das Eharakteristischc der Frauenkleiduno sind die vielen blauen, stark einge- fräufelten, bis zum Knie reichenden Röcke. Diese sind auch „selbstgesponnen und selbstgemacht". Die Röcke, deren Anzahl sich Werktags auf 5—6, Sonntags auf 8—12 beläuft, an hohen Feiertagen, als Hochzeit, .Kirmes usw. fogar die stattliche Anzahl von 14—16 erreicht werden so angelegt, daß ein kürzerer immer dem vorhergehenden längeren folgt. Tas sieht um so hübscher aus, als die Röcke mit bunten Kanten eingefaßt sind, bei den Mädchen haben sie eine rote, bei den Verheirateten und Trauernden eine grüne oder lila Färbung. Ist jemand aus der engeren Familie geftr-rben, so sind die Röcke ganz schwarz. Außerdem ist eS nach Schwälmer Bearift-n durchaus notwendig, daß das enge Hemd handbreit unter den Nöcken hervorfchaut. Wie bei den Männern dienen auch bei den Frauen die Strumpsbänder als Zierde. Rur sind diese bei den letzteren aus bunten Bändern und reich mit Seidenband und Füttern benäht- Auch bei ihnen ist die Farbe bezeimnond für eme Frau oder ein Mädchen. Als weitere Kleidung dient entweder die Druckjacke mit bunten, Knöpfen, die herz- fonnig aufgenäht sind — 19 müsten eS sein — oder das sogenannte Mieder, ein kurzes, leinenes Jäckchen. Seine Aermel sind lang und kunstvoll ausgenäht; der untere Teil wird in die Höhe geschlagen, so daß nur der Oberarm bedeckt ist. lieber das Mieder wird das ärmellose .Fnoppding" (K.wpfding) gezogen, das aus schwarzem Tuch besteht, und dessen Knöpfe ebenfalls herzförmig aufgenäht werden. Den bloßen Hals ziert entweder ein rotes Tuch oder eine dicke Bernstein- oder GlaSpsrlenkette. Die Kopfbedeckung, Betze» genannt, besteht bei den Mädchen aus einem roten, bei Frauen und Trauernden aus einem schwarzen Käppchen. Dieses Mützchen sitzt fest auf den in die Höhe gekämmten und hoch gesteckten Flechten, „Schnatz" genannt, und hat oben wie unten einen Durchmefler von ungefähr 10 Zentimeter. Vom dritte'. Lebensjahre an trägt jedes Mädchen das Saar glatt hochgekämmt. Die Kappe wird gehalten durch zwei ^Kappeschnüre" aus schwarzseidenem oder wollenem Band, das unten, te nach dem Stande der
Zementwerk von Steudnitz beschäftigt sind. Gegen- wartig sind es über 200. Dazu kommen noch in den Monaten März bis November die polnischen Saisonarbeiter in der Umgegend von Steudmy. Es ist nur «ne Frage der Zeit, daß in Steudnitz und ebenso in Göschwitz, wo ebenfalls über 200 Arbeiter das ganze Jahr hindurch beschäftig! sind, Kapellen gebaut und eigene Geistliche angestellt werden müssen.
Da die Katholiken in Jena und Umgegend in verschwindender Minderzahl sind letwa 4 Prozent der Bevölkerung), ist die Seelsorge eine recht schwierige. Die meisten zuwandernden Katholiken gehen in der fast ganz protestantischen Umgebung für d i e K i r ch e v e r l o r e n. Bon der religiösen Gleichgültigkeit der Protestanten in Thüringen macht man sich kaum einen Begriff. In Jena finden Sonntags für 400 000 Protestanten nur 3 Gottesdienste statt, die im ganzen von höchstens 400 Personen besucht sind. In den protestantischen Kirchen der Umgegend Jenas sinden sick> zum Gottesdienste oft 5 bis 10 Erwachsene, ja manchmal nur ein einziger ein. Kein Wunder, daß in einer solchen Umgebung auch manche Katholiken lau und gleichgültig werden, Mischehen schließen und ihre Kinder protestantisch werden lassen. Die Verluste, welche die katholische Kirche hier erleidet, sind ganz enorm. Die Statistik über Mischehen und Kindererziehung der letzten Jahre ist folgende:
1910 — 23 Mischehen — 6 kath. getraut 1911—25 „ — 8 *,
* Jena.
der.Akademischen Bonifatiuskorrespondenz-Heft8, In 2trtifxel der im Anschluß
»l «Intoleranz in Aena" (Nr. 90 der ,Fulk>. All) und.Thüringer Toleranz" (Nr. 96 der,Fuld. 8,a.g ffiVlaffenVbn’m»^ von Interesse sein dürste. Wlr^lassen ihn hier mit einigen Kürzungen folgen:
Die P f a r r ei Jena umfaßt den Amtsbezirk mt 46 ^rtsZasten, in denen 2500 Katholiken selbst zahlt unter 42 000 Einwohnern “JRJ!“Wl Ferner werden von Jena aus oarttahbe pastonert der altenburgische Amtsbezirk Roda (zum apostolischen Vikariat Dresden gebörial «ensche^Amtsbett^f 1 Ortschaften und der meinin!
Mfe" ®»abt selbst im ständigen raschen Wachsen begriffen. Wahrend vor 7 Jahren ungefähr 1100 Katholiken zählte, sind es St «toa 1800. Sius
1911 em zweiter Geistlicher hier angestellt 9 n e ^k ir ^rchl'chen Gottesdienste dient die Johan, »tr e' ble ?Dn Napoleon I. den Katholiken jitr Verfügung gestellt worden ist. Dieselbe ein fruhromamscher Bau, stammt aus dem 11 Jabrbun den und ist das älteste Gotteshaus von Jena und der
°W-bu--. Die »ef«6 3 äi£ uuTX" Fülle künstlerischer Ausstattung, von der jetzt nur noch das steinerne Haupt des hl Johannes Z eine! Schuffel erhalten ist. I» der Südwand ist von außen et" interessanter Grabstein aus dem Jahre 1382 et«, ^efrantrt+i?” befindet sich das Bild des
schwebend w den Kreuzarmen zwei wagerecht i Rauchfässern, rechts Johannes
m. semem härenen Gewände, der seinen be^ AÄ»? rE§. Martyriums abgeschlagen in »en Händen tragt, lmkS kniet die Frau des BeJtor- Nnioe bLe Seelenruhe ihres Mannes betet. Kreurw^Dovn-m'!- ber $tr?c entfernt steht eine
fr'^ PPrtft^tton«au§ dem Jahre 1484, der rflLt.be$ Kreuzweges, der sich wahr- ^chernlrch vom Jobannestor bis nach der JohanneS-
der Ein- flufj der Reformation, tote auch Professor Weber an ,1« ^»s?^rlrtat Jena zugibt, in bezug auf die Kunst gewesen ist. - Die kleine Johan b.ie der Katholiken in Jena und Umgebung immer größer wnrd-> durch L^b^7-u-s»tff-- und eines neuen Chores de» Planen von Güldcnpfennig
€ Jahre 1910, bekam die Kirche eine fc D? E l7 klingenden Registern, und in diesem ^ahre wurde die Kirche in einfacher und feMet! ®wrife ""gemalt. Nun
fehlen noch die Stationen und die beiden Seiten- finden werden. ^-rtlich °«ch noch Wohltäter vJKmS JMWS $u '^ena findet Sonntags regelmäßig zweimal Gottesdienst mit Predigt W: D'e Gottesdienste sind meistens recht qut be. su^ uni> die Kirche erweist sich besonders an den hoben Festtagen wenn die auswärts wohnende« Ka- tholiken zahlreicher zur Kirche kommen, bereits zu Netn. Ferner wird alle vier Wachem in einem Tanzsaal in Thalbürgel (15 Kilom. von Jena) Gottesdienst gehalten. Die Einrichtung dieses letz, teren Gottesdienstes hat sich notwendig gemacht durch die vielen ausländischen Arbeiter, welch- im
Bilder aus der Schwalm.
Bon Hanna Obermüller.
I.
®er JBortsftamnt der alten Chatten gehört wohl 5* de" mtereffantesten, was sein Volksleben, die -lten Sitten, Gebrauche und Eigentümlichkeiten und vor allem die Trachten betrifft. Wer ein aut Stück echten deutschen Bauernlebens kennen lernen will
., lEt dafür ja gerade in Kurhessen überaus reiches Feld. Welch' fesselndes buntes Bild würde entstehen, hatten wir sie alle beieinander, die Mar- burger Amöneburger, Fulder, Schützer, Katzeberger, Hinterländer, von denen es allein wieder 27 per. lodene Trachten gibt, die Schwälmer und viel: andere mehr. Von den letzteren möchte ich reden.
Ter Reisende der mit der Main-Weser-Bahn bon Kassel nach Frankfurt fährt, sieht nach ungefähr einstundiger Fahrt bei Treysa eine weite Ebene zur Linken, durchflossen von der Schwalm, unterbrochen von einigen Höhen, deren größte das Knüllgebirge 'st-.. Das ist der politisch zum Kreis Ziegenhain (Bez. Kassel) gehörende Schwalmgrund, die Heimat der Schwälmer. Ungefähr 40—50 Dörfer, von denen ich als die echtesten nur Ascherode, Zella, Willings- hausen, Merzhausen, Losbausen, Röllshausen, Schon, berg, Schrecksbach und Holzburg nennen will, sind es, die gegen 10 600 Schwälmer aufweisen. Zäh halt dieser eigenartige Bolksstamm an seiner Klei- düng, den althergärachten Sitten und Gebräuchen, auch am Aberglauben fest, und zwar ist das sowohl von der weiblichen als auch — und hier unterscheiden sie sich von den Marburgern, Fuldern und den an. bern genannten — von der männlichen Bevölkerung der Fall. Während jene in langen Beinkleidern und kurzen blauen Kitteln einhergehen, trägt der Schwälmer, wir haben hier zunächst die Alltags- und ein. fache Sonntagstracht im Auge, weihe oder blau- leinene enge Kniehosen, im Winter baumwollene, darüber einen blauleinenen bis kaum an die Knie reichenden Kittel, der, vom Hals bis zur Brust offen, stehend, das kunswoll am Schlitz und Halskragen ausgestickte, selbst gesponnen und gewebte Hemd nebst der blauen Weste, die mit Silber und Goldschnitten und Knöpfen verziert ist, sehen läßt, die Ach- felstücke, der Kragen, der, um dem Schwälmer ein gefälligeres Aussehen zu geben, stets offen steht, die 1 Zentimeter langen Manschetten an den Kittelärmeln sind bunt bestickt, bei den Burschen rot ober grün, hei Verheirateten grün und bei in Trauer befindlichen und alten Männern blau durchgestevpt. Ma« redet daher vom „rore, griene und den gesteppte Kerrel (Kittel)". Alz zur Tracht gehörige Werktags, kopfbedeckung ist die „Bromkapp" zu nennen, eine Mütze, nicht ganz so hoch wie ein Zylinder, aber ohne Krempe; bei Rand ist aus schwarzem Schafpelz (Bram), der Boden aus grünem Tuch, und von ihm baumelt ein schwarzes Troddelchen, die „Glock" keck aufs rechte Ohr und macht alle Bewegungen seines Trägers mit. Außerdem ist auch ein niedriges, brau, nes oder blaues Hütchen mit schmaler Krempe bezeichnend für die Schwälmer Männerkleidung. Im Sommer ist auch ein Strohhut und bei den Burschen die Reservemütze sehr beliebt. Als Fußbekleidung müssen die niedrigen Riemenschuhe (Schnürschuhe) Und. bie Schnabelimuhe aennnnt werden Sie reinen
Für die kathol. Studenten besteht eine Korporation, die auch ihre Leidensgeschichte hat. Am 30. Mai 1902 gründeten einige Mitglieder des Äar- tellverbandes der kath. Studentenverbindungen (C. V.) zusammen mit einigen anderen kath. Studenten die freie Vereinigung kath. deutscher Studenten Su- gambria. Sie wurde vom Senate genehmigt und erhielt am 27. Februar 1903 die Erlaubnis, Farben zu tragen. Daraufhin wurde sie int Februar 1903 in den genannten Kartellverband ausgenommen. Am 12. März 1904 entzoa ihr der Senat unter dem Einfluß einer wütenden Hetze gegen die kathol. Kor- vorationen das Recht des Farbentragens. Tie Verbindung selbst hatte, wie ihr der Senat mehrmals ausdrücklich zugestande« hat, zu irgendwelchen disziplinären Vorgehen keinen Anlaß gegeben. Allen Nemiihunae" der Suaambria zum Trotz hält der Senat dies' Verordnung noch immer aufrecht? Er aing sogar noch weiter und nahm der Verbindung im November 1910 die allen auch nicht karbentragen- de« Vereinen zustehende Berechtigung, bei feierlichen Anlässen Wich-chargierte zu stellen. Und das geschieht im freien Jena, von dem es in dem bekannten Studentenliede heißt: „Und die aller* s ch ö n st e F r e i h e i t. ist in Jena auf dem Damm." Ja, die andern Studenten dürfen sich erlauben, wkas sie wollen. Sie dürfen in ihren Umzügen die katholische Kirche, den Papst, die Bischöfe, das Cr* denSleben. das Rosenkranmebet, das Kreuzzeichen, das Bußsatrament, kurz alles, was der katholischen Kirche heilig und öhrw>>rdig ist. verhöhnen, ohne daß irgend eine Behörde einschreitet. Verschiedene Beschwerden an die Regierung und an di- Stgatagnwaltschast hgtz-n nichts gefruchtet. Man erklärte, das seien alle studentische Gewohnheiten, darin sei „Wohl ein Ausfluß jugendlichen lieber» nnitS, vielleicht auch ein i>"vnfH«d?r frivoler Scherz ui erblicken, aber nicht e»” Vera-bon gea"n 8 166 des Strasaeletzbuches, den Tätern habe außerdem das Bev'ußtsein einer Beschiinvfuna kirchlicher Gebräuche gefehlt «sw. W'lch ein Armut^ienanis. vom Dber- stäatsanwalt selbst g"soestM! Sorten wirklich denten, die nenn Jadre dos Gvuinasinm besucht bähen, nicht t"ill-n dab in inM'y .ez*,*.>>lnngen eine Verspottung kirchlicher G-b^äuch- liegt?
tSchlntz Mat?
• lieber die „Freisinnige Steuerpolitik" führte kürzlich der sozialdemokratische Vorwärts Beschwerde, weil die meisten Gemeinden, die vom Freisinn beherrscht werden, nicht daran denken, von der ihnen durch das Kommunalabgabengesetz erteilten Vollmacht: die Einkommen bis zu 900 Mark von der Kommunalsteuer f r e i z u l a s s e n, Gebrauch zu machen. So sei erst jüngst wieder von der freisinnigen Mehrheit im Stadtparlament von Königsberg i- P. der Antrag abgelehnt worden, die Steuerstufe von 660 bis 900 Mark von der Einkommensteuer zu befreien. Der Vorwärts bemerkt dazu:
Tie Hungernden werden also von der „freisinnigen" ©tohtterirnlfimn weiter zur Steuer herongezogen. Tie Brutalität und Hartherzigkeit haben den Sieg davongetragen. In den Parlamenten und Persammlnnaen aber wird der Freisinn weiter sein „warmes Herz für die Notleidenden und Darbenden" beteuern!
Es ist gewiß nicht uniere Aufgabe, die Freisinnigen wegen ihrer Steuerpolitik in beit Kommunen tu verteidigen. Aber man kann sich doch bei diesen Beschwerden der Sottaldemokratie nicht eines Hin-
lamBWfflMWirmEi "Illi !■!
blicks auf die sozialdemokratische Steuerpolitik erwehren. Ter so viel verlästerte bürgerliche Staat läßt aus sozialem Empfinden die untersten Steuerstufe« von der Staatseinkommensteuer frei. Tie Sozialdemokratie ist weniger sozial. Sic hat erst vor wenigen Aahren Parteisteuer« für alle Mitglieder eingesührt, gleichviel, ob sie über oder unter 900 Mark Einkommen haben, und )te geht mit der ihr eigenen Rücksichtslosigkeit bei der Eintreibung dieser Partcisieuern vor: wer nicht pariert, und wer nicht pünktlich seine Steuern an bi« Parteikaffe abliefert, der „fliegt". Zeugt das etwe von „sozialem Empfinden"? Dabei muß der sozialdemokratisch-organisierte Arbeiter auch noch seine Gewerkschaftsbeiträge zahlen, selbst wenn er durch den üblichen Terrorismus gewaltsam in die roten Gewerkschaften hineingezwungen wird, und außerdem wird er von Partei wegen noch dazu angehalten, auf ein sozialdemokratisches politisches Blatt zu abonnieren. — Das ist das sozialdemokratische „warme Herz für die Notleidenden und Darbenden"!
X Schissohrtsabgaben für Weser und Oder allein? Tie Einsührung ber Schiffahrtsabgaben auf ber» Strömen scheiterte bisher an dem Elbe-Interessenten Oesterreich, unb dem Rhein-Interessenten, Holland. Aus dem tirunbe trägt sich, so wirb behauptet, die preußische Regierung mit dem Gedanken, diese Abgaben auf den beide« rein preußischen Strömen Wese- und Oder allein einzuführen.
2lus dem Nachbargebiete.
* Hanau, 20. Mai 1913. Ein hiesiger Einwohner schickte gejkrn nachmittag sein llOjähriges Dienstmädchen Anna Schüßler mit einem Auftrag nach dem Nordbahnhose. Das Mädchen ist nicht zurückgekehrt, ein Soldat und eilte Zivilperson haben jedoch geschen, wie sich kurz nach 4 Uhr an der sogen, krummen Kinzig eine weibliche Person in das Wasser stürzte. Ta dos vermißte Mädchen schwermütig war, ist anzu- nehmen, daß ein Selbstmord verübt worden ist.
ch Fechenheim, 19. Mai 1913. In der Metallschmelze^ von Gebrüder Heppenheimer geriet ber Arbeiter Hum unter abstürzende Eisenträger; dabei wurde ihm die linke Hand abgequetscht und der rechte Fuß zweimal gebrochen.
* Büdingen, 20. Mai 1913. In einer hier ob- aehaltenen Versammlung der Bürgermeister der ar dem Bahnprojekt Hanau-Büdingen interessierten hessischen Gemeinden ■ ist der vom Büdinger Kreisamt aufgestellte Kostenverteilungsplan zu gekommen. Außer Eckartsbausen, Langenbergheim und Marienborn erklärten die übrigen in Betracht kommenden Gemeinden, kein Interesse an dem Dahn- bouprojekt zu haben. Hiermit dürste das Bahnpro- jekt auf absehbare Zeit erledigt sein.
db Friedberg, 20. Mai 1913. In bie Reihen der zusammengebrochenen Genossenschaftskassen wird aller Voraussicht nach auch die hiesige land wirtschaft, l iche H a u p tg cnoss e nf ch a ft treten, bereit Wirkungskreis sich über die ganze Wetterau und etliche nassauische Kreise erstreckt. Am Sonntag erklärte der Vorsitzende in der außerordentliäien Ge- neratversammlung, daß infolge der raschen Steigerung des Defizits von 26000 Mk. im Januar a u f 7 9 600 Mark im Mai die Genossenschaft entweder liquidieren ober den Konkurs an= melden müsse. Ter Antrag, die Geschäftsanteile von 1000 Mark auf 3000 Mark zu erhöhen, um so dem
Trägerin, rot ober grün benätn ist und unter dem Qtnn i« zwei Schleifen zusammengebunden wird, oder, zurückgeschlagen hinke t auf dem Rücken flattert.
II.
Es hat vielleicht nicht jeden Leser interessiert, die Beschreibung ber Schwälmer Kleibnngsstücke zu lesen. Sie war zwar so kurz wie möglich gefaßt. Es wurde nur die Werktags- und einfache Sonntags- tracht geschildert, den« diese ist wieder recht verschieden von der Hochzeits-, von ber Nachmittaas- und Morgentoilette ber Kirmestage, von ber Abendmahls- tratfst usm Fassen wir jetzt die eigentümlichen Sitten und Gebräuche der Schwälmer ins Auge und lernen sie bei einem ihrer Hauptfeste, ber Kirmes, kenne«.
Bann*) d's ©räumet3) off d'm Boorc3) Höt e Eng*) de Burn ähr Last, Da eß off d'r Schwalm die Moore°) Daß nt'r äm zur Karines gast"), Weksapp3), Flesch o!?8) Härschebrei8) Eßi nt’r, ich trenkt Bier b’rbei. (F. v. Lüder.) Schon acht Tage vor der Kirmes wird geschlachtet und geputzt, damit alles zu dem hohen Feste feiertäglich ist. Bor dem Gemeittdebackhaus stehen dichtgedrängt die kuchenbackenden Hausmütter, sich unterhaltend, daß der Hansklos oder das Annekaterrengh auch bis Kcrmeffedunnestagk kommt. Bon Donnerstag mittag an ruht die Arbeit. Um 11 Uhr sind die Burschen schon mit roten Kitteln und blütenweißen Gamaschen angetan, auf einem Leiterwagen zur Kreisstadt Ziegenhain gefahren, um den Bierwagen zu holen, d. h. um einen Vorgeschmack von ©am» brinus Gabe« zu bekommen. Ungefähr gegen 6 Uhr nachmittags kehren alle in „gehobener Stimmung" beim. Vor dem Torfe werben sie von der Musik empfangen, und der ganze Zug, voran die Musikanten, bann vier Vorreiter, gefolgt vom Bierwagen und ber allzeit neugierigen Jugend, bewegt sich unter lustigen Tanzweisen durchs Dorf. Derjenige, ber den Bierwagen geliehen- hat, bekommt ein Extraständchen und Tanz, und ba unser Gut dieses Mal an der Reihe gewesen war, so blieb uns dieser musikalische Genuß nicht erspart. Man sollte nun denken, die Ermüdeten suchten jetzt Wohl ihr Lager auf, um sich für die anstrengenden nächsten Tage zu stärken. Doch nein, kein Gedanke daran! Ter Schwälmer ist ausdauernd. Die Nacht vorn Donnerstag auf Freitag wird den „Nachtständerchen" (Nachtttändchen) geopfert. Von 11 bis 6 Uhr morgens ist an keinen Schlaf zu denken, bald tönt die Musik fern, bald nah, denn jeder Familie tm Dorf wird ein solches Nachtständchen bargebracht. Die Auswahl ber Stücke ist keine willkürliche; so bekommt z. B- ber Pfarrer bas Sieb gespielt „Wo finbet die Seele, bie Heimat, bie Ruh", der Lehrer „WAßt du wieviel Sternlein stehen", ein ehemaliger Husar „Husar kam aus dem Felde", ein Mädchen „Blau blüht ein Blümelein" ober „Du warst meine erste Liebe". Um sich den Lohn für gehabte Mühe zu holen, kommen am Freitag morgen bie Musikanten und bie Burschen wieder zu einer jeden Familie, dies Mal mit Tragkörben, bie den spendierten Kuchen aufnehmen und mit geöffneten Geldbeuteln, in die man je mehr desto bester
0 Wenn, •) Grummet, *) Boden, 0 Ende, 5) Mode, I aaktet — einlädt. 0 Wecküwve. «) unb •) ßirlebref
Geldstücke hineinlegen darf- Alles wird bann später gemeinsam im Wirtshaus verzehrt und verjubelt. Aus Dankbarkeit für die gestifteten Gaben spielt die Musik zum Tanze auf. Dir Platzburschen (d. i. Festordner engagieren natürlich nun die weiblichen Mitglieder des Hauses, die sich bann ordentlich an» strengen müssen, um so viel tanzlustige Herren zu befriedigen. Unter einer wirklichen Dorflinde versammeln sich nun am Nachmittag die „Kermesmäre" iKirmesmädchen), Platzburschen und Beidinger (jüngere Generation), bie nicht mitzureden, sondern nur zu tanze« hat, sich aber oft noch gar nicht ballherr- mäßig betragen kann. Die Mädchen mit unmäßig vielen Röcken — wer bie meisten anhat, gilt für die reichste — unb weißen Schürzen stehen im weiten Kreise ba, mustern sich gegenseitig, wer „ber Stölzst" ist und werfen verstohlene Blicke nach ihrem Hennes, Hansklos ober tote er sonst heißen mag. Tie Burschen in de« besten roten Kitteln, hoben Stiefeln unb der „Pelzkapp" stehen direkt unter der Linde und füllen die Tanzpausen mit Gesang, Gelächter und Rauchen aus. Cs gibt wohl kaum ein Landvolk, bas so hübsch und graziös tanzen kann wie die Schwälmer. Langsam geht es zwar vor sich, doch hat das auch seine guten Seiten, umsomehr als die Kirmes ja btei Tage lang dauert- Es haben sich von Ururgroßvaters Zeiten noch viele Tänze erhalten, ber eigentliche Nationaltanz ist aber der „Schwälmer", unb allemal, wenn ein echter Schwälmer gespielt unb getanzt wird, so ist das ber Glanzpunkt des Kirmes- tages. Bursch und Mädchen treten sich zuerst gegenüber, tanzen an Ort ein paarmal hin und her, dann zuerst rechts, bann links herum, bie Burschen oft auf einem Bein. Am Schluffe ber einzelnen Teile stampfen sie mit dem Fuße auf. Das Mädchen dreht sich darauf allein tanzend hemm, während ber Bursch in bie Hänbe klatschend hinterherhüpft; habet wirb von letzterem das bunte Kirmestaschentuch geschwungen, und ist man erst einmal in Stimmung gekommen, gejauchzt. So wirb sich Freitag, Samstag Vor- unb Nachmittag unb Sonntag bis in bie Nacht hinein amüsiert. Für die einzelnen Tage ist natürlich eine bestimmte Toilette vorgeschrieben, wie man in bezug auf Kleibung in ber Schwalm sehr streng nach ber Etikette lebt. Am Freitag tragen bie Mädchen weiße Schürzen, an den andern Kirmestagen dagegen blauleinene. Auf diese werden in ber Hüft- gegenb „Ecken" befestigt, ziemlich große Quabrate von steifem Zeug mit buntem Banb und Gold- und ©überfüttern benäht, bie nur bei der Kirmes und Hochzeit das Tageslicht erblicken. Der Tanz mit Gesang „Die Kermes is 'rum" macht diesen hohen Festtagen im arbeitsreichen Leben der Schwälmer ein Ende. Am Montag wird die Kirmes begraben. Die Burschen, einige reiche Bauernsöhne sogar zu Pferde, ziehen mit Musik durchs Dorf. Der Cicero des Dorfes hält eine Rede und alle Versammelten brechen in Träne«, ob echte, ob unechte, kann ich nicht errate«, aus. Alte Knöpfe, überflüffiges Geld usw. wird begraben. Die alte Linde rauscht mit ihren Zweigen, und nach ein Paar Wochen steht sie ihres Blätterschmuckes beraubt, ba. Es ist mittlerweile Spätherbst geworben. Des Winters Ruhe bringt ber Schwälmer Jugend aber ber bescheidenen Freuden viele.
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