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Ur. 114» Crstes Blatt

Dienstag -en 20. Mm 1913.

40. Jahrgang.

= Das vorläufige Endergebnis der preußischen Landtagswahl.

Nunmehr liegen die Ergebnisse der Wahlmänner­wahlen aus sämtlichen 276 Wahlkreisen vor. Da­nach sind 393 Abgeordnete als gewählt an,unehmen. Fünfzig Stichwahlen sind erforderlich. Gewählt sind:

141 Konservative,

48 Freikonservative,

57 Nationalliberale,

25 Volkspartei,

101 Zentrum,

12 Polen,

2 Dänen,

7 Sozialdemokraten.

An den 50 Stichwahlen sind beteiligt: 21 Kon­servative, 14 Freikonservative, 23 Nationalliberale, 14 Votkspartei, 6 Zentrum, 1 Pole, 1 Landwirts- bündler, 1 Deutschsozialer, 19 Sozialdemokraten.

Die Gewinn- und Verlustrechnung stellt sich wie folgt:

Konservative ... -V 7 — 10,

Freikonservative . . + 1 — 5,

Nationalliberale . . 4- 8 — 4,

Voltspartei . . . + 4 — 5,

§entrum ... 4- 4 — 4,

ozialdemokraten . + 1--,

Polen . .... 4---2.

Vollständig wird der Ueberblick über das Ergebnis der Urwahlrn erst durch die in den nächsten Tagen stattfindenden Urstichwahlen. Manche der jetzt als nötig angenommenen Abgeordneten st ich- wahlen wird wahrscheinlich nicht stattzufindcn haben, da bis dahin die für die Entscheidung maß­gebenden Wahlmänner sich für die eine oder die andere der inbetracht kommenden Parteien entschieden haben werden, und so schon im ersten Wahlgange tüu feste Mehrheit sich ergibt.

X Deutschland und Oesterreich-Ungarn

Der Besuch des Herrn v. I a g o w in Wien in der vorigen Woche war ein Akt der Höflichkeit, wie er für einen neuen Staatssekretär des Auswärtigen Amtes herkömmlich ist. In Oesterreich aber hat man ihm eine darüber hinausgehende Beachtung ge­schenkt und ihm warmherzige Betrachtungen gewid­met, in denen die lebhafte Genugtuung über bie von Deutschland während der Balkankrisis beobachtete Haltung Ausdruck findet. Man ist sich dort be­wußt, daß Oesterreich-Ungarn seine Politik erfolg­reich durchführen konnte nicht zuletzt deshalb, weil es einen sicheren Rückhalt an dem ihm befreundeten und Verbündeten Deutschland hatte!

Wiederholt seit dem Ausbruch des Balkankrieges hatte es den Anschein, daß Oesterreich-Ungarn im Begriff stehe, in die Ereignisse mit bewaffneter Hand einzugreisen, um sich vor dauerndem Schaden zu schützen, und jedesmal war die Frage, ob dann Rußland, das umfassende Kriegsvorbereitungeen getroffen hatte, seine Truppen marschieren lassen werde. Das war eine Schicksalsfrage nicht nur für die beiden beteiligten Mächte. Auch Deutschland hätte nicht Gewähr bei Fuß zuschauen können. Zwar, daß wir um eines serbischen Abriahafeijs, um Al­baniens, um Skutaris willen kämpfen uno Zehntau- sende unserer Landeskinder, Milliarden Vermögens opfern sollten, das hätte niemand verstanden. Aber daß der Bestand eines ungeschwächten öster- reichisch-ungarischen Staates eine po­litische Notwendigkeit für das Deut­sche Reich ist und daß wir eine Zertrümmerung

Vie Schuld des Vaters.

24] Roman von Freifrau G.von Schlippenbach.

Arbutin war bei den letzten Worten aufgestanden. Sr legte die Hand auf Soltjakoffs Schulter. Auch Boris näherte sich. Vater und Sohn tauschten schnell einen Blick aus; sie verstanden sich.

„Mein Freund", sagte Wladimir mA warmer Betonung, sowohl mein Sohn wie ich ändern nichts an unserem Entschluß; wir nehmen Dosia gern in unsere Familie auf. Wer, wie Sie, ein Unglück zu sühnen verstand, kann die Achtung seiner Mitmen­schen beanspruchen. Ihr Geheimnis bleibt in unse­ren Herzen wohlgehütet. Und nun kommen Sie, ich merke, daß mein Junge vor Sehnsucht brennt, fein Bräutchen zu umarmen."

Soltjakoffs Augen füllten sich mit Tränen.

„Mein Gott, ich danke Dir", stammelten seine Lippen.

Fest und treu ruhten die Hände der Männer in­einander.

Wie schön war der Abend des Tages, der so ernst begonnen hatte. Die Brautpaare strahlten vor Glück. Ein frohes Mahl, bei dem der Sekt nicht fehlte, ver­einte die fürstliche Familie und ihre Gäste in dem großen Speisesaal. Die Stimmung wurde i tmer fröhlicher. Mestutscheff zeigte sich als formgewandter, liebenswürdiger Gesellschafter. Er fesselte seine Zu­hörer durch einige interessante Erzählungen aus sei­ner Praxis.

„Wer ist der Mörder Swerjeffs?"

Diese Frage beschäftigte stillschweigend alle.

„Olga Romanowna", wandte sich der Verteidiger Iljas an beffen Braut, „ist es Ihnen vielleicht be- !annt, ob Ihr Bruder hier einen Feind hatte?"

Olga zögerte, dann sagte sie:

„Ich möchte Ihnen darüber Mitteilung machen. Bitte folgen Sie mir einige Minuten in das Neben­zimmer. Auch meinen Verlobten hätte ich gern bei dem dabei, was ich sagen werde." .•

der Habsburgischen Monarchie nicht zulaflen können, sondern unserer Bündnispflicht nachkommen müssen, in Wahrnehmung unserer eigenen Lebensbedürf­nisse, diese Erkenntnis ist Gemeingut aller denkenden Deutschen.

Kin Volk führt aus Liebe zu einem andern Krieg, hat Bismarck gesagt. Das Bündnis mit Oesterreich-Ungarn beruht nicht auf unklaren Ge­fühlen, sondern auf offenbarer Interessenge­meinschaft. Und deshalb hat Herr von Beth- mann Hollweg mft aller wünschenswerten Unzwei­deutigkeit ausgesprochen, daß Deutschland, wenn der Bündnisfall gegeben ist, feine Schuldigkeit tun und „fechten" wird.

Möglich, daß Oesterreich-Ungam auch ohne diese Gewißheit den Kampf aufgenommen hätte, wenn es Uebergriffen des Balkanbundes nicht ander" zu weh­ren wußte. Aber die deutsche Rückende ng war geeignet, Oesterreich-Ungarn in seiner Entschlossenheit zu bestärken und seinen Schritten allenthalben N a ch d r u ck zu geben. Nichts ist in ernstem Augen­blick schädlicher als der Schein der Schwäche. Ihn hat man in Wien zu meiden verstanden. Nicht nur durch Worte, sondern auch durch Taten. Man hat die Kosten der Kriegsbereitschaft so wenig gescheut wie die einschneidenden Wirkungen auf das Wirt­schaftsleben, die von der Verstärkung der Truppen­körper untrennbar sind.

Mer das war das geeignetste Mittel, um den Frieden zu sichern. Insbesondere einem Staat wie Rußland gegenüber. Rußland hat weder Ser­bien den Adriabafen, noch Montenegro Skutari ver­schafft, weil Oesterreich-Ungarn entschlossenen Wider­stand zeigte.

Oesterreich-Ungarn kann mit Befriedigung auf die Ergebnisse seiner Staatskunst blicken, auch wenn es in dem Umschwung, der sich auf der Balkanhalbinsel vollzogen hat, einen Wandel zu seinen Gunsten tri ch t erblicken wird. Es teilt darin nur das Los Rußlands. Denn dem Zarenreich, trotz aller zur Schau getrage­nen Vorliebe für die Sieger, sind deren überraschende Erfolge noch weit unbequemer unb unwill­kommener als ber Habsburgischen Monarchie. Oesterreich-Ungarn ist militärisch unb wirtschaftlich so stark, baß die benachbavten Kleinstaaten ein erträg­liches Verhältnis zu ihm werden suchen müssen. Mit Rumänien ferner ist es eng befreundet. Die Bezieh­ungen zu Italien haben sich durch'die Ereigniffe der jüngste« Zeit, insbesondere durch die Jntereffenge- meinschaft in Albanien, sichtlich unb erheblich gebes­sert. Oesterreich als Balkanmacht ist auch in Zukunft eine große Rolle im Orient gesichert. Rußland dagegen-sieht seine früheren Schützlinge so e r.ft arkt, daß ihrer mehrere seines Schutzes, jeden­falls seines Gängelbandes nicht mehr zu' bedürfen meinen werden. Weder Bulgarien noch Griechenland werden sich als Vasallen Rußlands fühlen, und der Traum von der Wiederherstellung des byzantinischen Kaiserreichs unter russischem Zepter ist vorerst ausge- träumt.

Die Entwicklung im Südosten Europas hat einen andern Weg genommen, als Oesterreich-Ungarn ge­glaubt, einen ganz anderen, als Rußland seit dem „Testament" Beters des Großen gehofft und ge­wünscht hat. Welchen Einfluß diese Vorgänge mit der Zeit auf die Gruppierung der Mächte üben werden, wer will es Voraussagen in einem Zeitpunkte, wo noch nicht einmal ber Frieben geschlossen ist? Mer bas eine ist unzweifelhaft und wird sich auch bei dem Be­such des Staatssekretärs v. Jagow in Wien aufs neue ergeben haben: das Bündnis zwischen Deutschland und Oesterreich-Ungarn, in schwierigen Zeitläuften erprobt, wird auch in Zukunft bestehen, unangefochten und uner­schütterlich. '

Sie standen auf und betraten das Boudoir der Fürstin.

„Sie haben einer. Verdacht, ich merke es Ihnen an, gnädiges Fräulein."

„Ja, ich glaube, daß ber frühere Verwalter von Latwilischki ber Mörder menes unglücklichen Bruders ist."

„Womit wollen Sie es begründen?" fragte Me­stutscheff.

„Tischnofski, so hieß der Mensch, wurde von Ro­man fortgejagt unb geschlagen. Ich hörte ben wüsten Lärm unb eute ans Fenster. Ich war im Zimmer meiner kranken Mutter unb ich sah, wie Tischnofski vor dem Hause stehen blieb. Sein Gesicht war von Wut entstellt. Er schüttelte bie Faust unb schien ewas zu sprechen, was ich ober nicht verstand. Später soll er Drohungen gegen meinen Bruder ausgestoßen ha­ben: der Herr möge sich hüten vor seiner Rache. Wäre ich hier gewesen, so hätte ich es gleich erzählt, dann wäre mein Verlobter vielleicht gornicht ver­haftet worden."

„Mer das ist ja ein hochwichtiges Material!" rief Mestutscheff erfreut. „Ich lasse bie Sache nicht auf sich beruhen unb werde Licht hinein bringen. So­bald ich in Petersburg bin, schicke ich einen unserer besten Geheimpolizisten hierher. Ich zweifle kaum daran, daß es ihm gelingen wird, alles aufzudecken. Erlauben Sie mir jetzt noch eine Frage, Ilja Georgk- witsch?"

„Sitte, ich höre, Alexander Feodorowitsch."

„War Tischnofski auf der Bärenjagd, As Sie das Stilet verloren?"

„Ja." — Ilja dachte einen Moment nach, dann fuhr er fort: „Erst jetzt fällt es mir ein, daß er sich über den Bären bückte; dabei schien es mir, als ob er sich etwas aufhob und in die Tasche steckte, über vielleicht habe ich mich auch versehen."

Mestutscheff machte sich eine kurze 2!otiz in seinem Büchlein.

„Ich danke Ihnen", sagte er verbindlich und ver­ließ das Zimmer/ ■’

Die Verlobten bliebe» allein.

Deutsches Reich.

• Berlin, 19. Mai 1913. Staatssekretär Del- b rück nimmt in Begleitung der Referent».» seines Refforts und unter Führung des Präsidenten de§ Kaisrrlichen Kanalamtes Kautz eine Besichtigung ber Arbeiten am Nord-Ostseekanal vor. — Der Reichs- verband der deutschen Städte, der sich vor allem die Vertretung der Interessen der mittler» und kleinen Städte zur Aufgabe gemacht, trat heute im Berliner Rathausezuseiner4. Mitgliederversammlung zusammen. Während der Anwesenheit des russischen Zaren und des englischen Königspaares in Berlin, werden von der Berliner Polizei ganz besondere Maßnahmen zum Schutze der hohen Gäste getroffen werden. Ins­besondere wird der Zar von einem ganzen Stab von Polizisten umgeben fein, denen sich noch zahlreiche Geheimpolizisten aus Rußland anschließen werden.

s Die Budgetkommission des Reichstags nimmt am Dienstag die Beratung der Wehrvorlagen wieder auf. Die Regierung hält an der gleichze i- tigen Erledigung von Wehr- unb Deckungsvorlagen fest. So berichtet ein Berliner Lokalblatt: „Was bie Steuervorlagen anlangt, so ist seit der ersten Lesung alles beim alten gebtieben, b. h. also, daß noch niemand weiß, was kommen wird. Wie wir hören, hat der Reichskanzler die Parteiführer zu einer Konferenz geloben. In kleinem Kreise hoffe er zu einer balbigen Verständigung zu gelangen, denn die Regierung legt den allergrößten Wert daraus, daß die Heeresvorlage mitsamt der Deckungsvorlage noch vor dem Sommer verabschiedet wird." — Die Frage ist nur, ob es gelingt, die Parteiführer zu „einigen".

+ Die Begnadigung der drei englischen Spione Brandon, Trench und Stewart, die sich in'Deutsch­land in Hast befanden, entbehrt im gegenwärtigen Augenblick nicht der politischen Bedeutung. Sie stellt gerade jetzt, wo sich König Georg von England mit seiner Gemahlin zur Hochzeitsfeier des Prmzen von Cumberland mit ber beutschen.Kaisertochter nach Berlin begibt, nicht nur einen Akt entgegenkommen­der Aufmerksamkeit bar, sondern ist auch geeignet, die deutsch-englische Verständigung bestens zu fördern.

Die. beiden englischen Marineoffiziere Trench und Brandon, von denen jener heute 33, dieser 31 Jahre alt ist, wurden am 22. Dezember 1910 vom Reichsgericht zu je vier Jahren Festung wegen Versuchs der Spionage tierurteilt unter Zubilligung mildernder Umstände und Anrechnung von 2 Monaten auf die Untersuchungshaft. Die hatten vom 4. bis 25. August 1910 auf Grund eines genau ausgearbeiteten Rciseplans die deutsche Küste hon Kiel bis Borkum zu erforschen gesucht. Durch die Beweisaufnahme kam aber das Reichsgericht nicht zu der Ansicht, daß sie, die vor Gericht ihre Aussagen mit er- frischender Offenherzigkeit machten, ihre Berichte boreits nach England abgeschickt hatten. Von ihrer Strafe haben beide in Wesel und Glatz etwa drei Viertel verbüßt. Rechtsanwalt Stewart ist im August 1911 in Bremen verhaftet worden. Er wurde im Februar 1912 zu 3% Jahren Festung verurteilt, weil ihm nachgewiesen wurde, daß er im Juli 1911, als die Spannung mit Eng­land aufs höchste gestiegen war, eine Reise durch Deutsch, land benutzt habe, um über den Stand der deutschen Kriegsbereitschaft an Ort und Stelle Erkundigungen ein­zuziehen.

ns Der „Verband mittlerer Staatseisenbahnbeam­ten" hatte am Sonntag in Berlin seine 18. Haupt­versammlung. Der Verein hat in 153 Ortsgruppen unb 21 Bezirksgruppen 9950 Mitglieder. Rechtsan­walt Dr. Görres verlangte ein Reichsbeamtenrecht. Weiter forderte er bie Klagbarkeit ber Dienstalterszu­lagen sowie diePfändbarkeit bes Gehaltes, für bie eine höhere Grenze als bie derzeit geltende nötig sei. Die Geheimhaltung ber Personalakten bezeichnete er als vollständig bem geltenben Recht widersprechend, ben Beamten müsse Gelegenheit gegeben werden, sich ge­gen etwaige Vorwürfe verteidigen zu können. Die Einführung von Beamtenausschüssen bezeichnete er für nötig.

„Meine Olga, ich muß Dir noch von meiner Unterredung mit Roman erzählen", sagte Soltjakoff, seine Braut neben sich auf das Sofa ziehend. Er berichtete ihr alles ber Wahrheit getreu.

„Ich konnte mich nicht entschließen, es Dir in der ersten Stunde unseres Glückes zu sagen", schloß er, „später solltest Du es erfahren. Wir hätten Ruß­land, unsere teure Heimat, verlassen müssen, denn ich war fest entschloffen, Roman weitere Erpressun­gen zu, verweigern. Jetzt ist jede Gefahr gewichen, ich habe mit Vater und Sohn Arbutin offen von ber Vergangenheit gesprochen. Sie benken ebenso hoch­herzig wie Du und werben mit keinem Worte das traurige Geheimnis verraten. Aber was ist Dir, Geliebte, Du weinst?"

Erschreckt rief es Soltjakoff, als er hell» Tränen über Olgas Gesicht laufen sah. Sie schmiegte sich fester an ihn.

„Wundere Dich nicht", antwortete sie leise, „ich weine über das schreckliche Ende dessen, der mein Bruder war; vergib mir die Trauer." '

„Ich ehre sie", versetzte Soltjakoff ernst. „Fortan soll es die Aufgabe meines' Lebens sein. Dir nur Glück und Freude zu bereiten, Du teures, Tu hoch­herziges Wesen."

XIII.

„Wer ist ber Mörder Swerjeffs?"

Diese Frage war die brennende in ber ganzen Nachbarschaft geworden. Sie beschäftigte alle, und man sprach in jeder Gesellschaft davon, in den Dorf­schenken und auf ben Gütern, bie an Latwilischki grenzen. Mestutscheff war abgereift, nachdem er .sich herzlich von seinen Wirten unb Ilja verabschiedet hatte.

„Zu unserer Hochzeit müssen Sie jedenfalls wie­derkommen", baten bie Verlobten, „Sie wissen, baß wir im August heiraten, unser junges Paar einen Monat früher."

„Ich toerbe..mir bie Ehre geben, zu erscheinen", sagte ber Advokat.

ns Der deutsche Wehrverein, die Gründung beer vom Flottenverein abgesetzten Generals Keim, tagte am Sonntag in Leipzig. Der Verein, der vor etwa Jahresfrist in Berlin gegründet worden ist, hat eine Mitgliederzahl von 78 000. Außerdem sind über 200 000 körperschaftliche Mitglieder vorhanden. Ter Wehrverein stellt genau so uferlose Forderungen auf, wie s. Zt. unter der Führung Keims der Flot­tenverein. General Keim führte aus: Deutschland müsse eine weitsichtige Militärpolitik treiben, wie es unter Bismarck und Caprivi ber Fall gewesen sei. Wenn man bie Militärpolitik erst bann betreiben will, wenn es in ber Welt nach Pulver riecht, bann ist es zu spät. In diesem Sinne wurde schließlich eine Entschließung angenommen.

in der die Forderungen der Regierung als Min. d e st forderungen (!) bezeichnet und vor Abstrichen au den als Rahmen für unsere Feldtruppen geforderten Offi- zieren und Unteroffizieren gewarnt wird. U e 6 e r die Regierungsvorlage hinaus erstrebt der Wehrverein eine selbsttätige Steigerung der R ekrutenzahl im Verhältnis zur Bevölkerungszunahme, Waffenübungen der jüngeren Lehrgänge der Ersatzreserde, Aufstellung zweier neuer Armeekorps, Bildung von Kavallerie­divisionen schon im Frieden, bessere Vorbereitung der Offizierlt des Beurlaubtenstandes für den Ernstfall, bessere Fürsorge für die ausgedienten Unteroffiziere und Veteranen und Erziehung des Volkes zum vater­ländischen Pflichtbewußtsein und Pflege seines Irie» gerischen Geistes.

Weiter verlangte ein Antrag auf Einführung der Wehr st euer und eine Warnung vor bem Ein­tritt in die französische Fremdenlegion zur Annahme.

+ Kammergericht ttnb Aerzteverein. Der Mini­ster des Innern hat bekanntlich verfügt, daß die ärzt­lichen Organisationen, die i:t erster Linie ein geschlos­senes Auftreten zur Durchsetzung ärztlicher Forderun­gen gegenüber ben Krankenkassen bezwecke», bie Rechtsfähigkeit durch Ein.ragung in das Vereinsregi­ster nicht erwerben können, weil ihr Hauptzweck wirtschaftlicher Natur ist. Der Erlaß des Ministers mußte zur Folge haben, daß die Gerichte, bie bie ärzt­lichen Vereine bereits in bas Vereinsregister einge­tragen hatten, biese Eintragung wieder löschte». Nach Berliner Blättermelbungen hat jetzt auch bas Kam­mergericht im Sinne des ministeriellen Erlasses ent« schieben, sodaß bie Löschung solcher (Eintragungen burch bie Gerichte nunmehr allgemein erfolgen bürste.

0 Genosse Borchardt auf bet Anklagebank. Ge­gen den bisherigen Vertreter des 5. Berliner Land- tagswahlkreises, ben sozialdemokratischen Wg. Bor­chardt, saß am Sonntag eine außerordentliche Ge­neralversammlung des Verbandes.der Wahlverem» Großberlins zu Gericht. Borchardt batte, in Beaitt Wortung von Borwürfen, die gegen ihn vorgebracht Warden waren, um seine abermalige Aufstellung als Landtagskandidat zu verhindern, gegen zwei Königs- berget Genoffen schwere Beschuldigungen ausgespro­chen. Diese sind von einer Untersuchungskommission geprüft worden, die nun bem Abg. Borchardt beschei­nigt, daß er die Vorwürfe „in einer gröblichst leicht- fertigen und unverantwortlichen Weise" erhoben habe. Daraufhin beantragte der Zentralvorstand von Groß- berlin: „Die Generalversammlung möge erklären! Borchardt ist nicht m eh r g e ei g n et, ein Manda» ber Partei zu übernehmen." Nachdem bie Versamm. lung von 9% Uhr früh bis 4i/> Uhr nachmittags ohm Unterbrechung getagt hatte, stimmte sie bem Urteil der Kommission mit 393 gegen 277 Stimmen zu. Der Antrag des Zentralvorstandes dagegen auf Merken- nung ber Sanbtaasfanbibatur würbe mit 369 gegen 330 Stimmen abgelehnt.

n Eisenach, 18. Mai 1913. Heute hat hier di» jährliche Tagung be$ Antiültramontaner ReichSverbandeS unter dem Vorsitz der AbmiraU v. Knorr stattgefunden. In ben Verhandlunger, schrie man Weh und Ach über die Konservativen, di» in ihrem schauderhaften Leichtsinne mit dem Zentrum

„Wollen Sie mein Brautvater*) sein, Alexandel Feodorowitsch?" fragte Olga lächelnd, ihm bie Hani hinhaltenb."

Mestutscheff küßte sie unb versprach es dankend

Boris' Urlaub war abgelaufen. Er mußte sich von Daisy trennen und nach Petersburg zurückkehren wo er ferner als Adjutant des Großfürsten diener sollte. Dem jungen, strebsamen Offizier stand ein» glänzende militärische Karriere bevor. An seiner Seite sollte seine reizende Frau das Parkett bet Petersburger Hofgesellschaft betreten.

Bei Nekrassoffs erregten beibe Verlobungen bi» aufrichtigste Freube. Diese vortrefflichen Menscher hatten vorher große Teile an ber Gefangennahm» Soltjakoffs bewiesen. Oft suchte Daisy in ber schwe­ren Zeit bis zur Freisprechung bes Vaters bas Hei» ihrer Kinbheit auf und weinte sich bei der guter Tante Anna aus. —

Es wurde beschlossen, daß Olga bis zu ihrer Hoch­zeit im Hause des Verwalters von Datnofka bleibet werbe. Sie hielt es für passenber und Daisy mußt» sich darein ergeben.

„Wer Tu mußt oft »ach Blagotir kommen", ba. sie, „und Papascha und ich werden Dich ost besuchen/

Etwa acht Tage, nachdem Mestutscheff abgereif war, kam ein älterer Mann auf der Station Wischno. gradki an. Sie lag von Lawilischki mehrere Meile, entfernt. Der Fremde sah wie ein russischer Händ ler aus; er trug sich halb städtisch, halb bäuerisch."

„Ich möchte den Stationsvorsteher sprechen, sagte er zu einem ber Gepäckträger, „mein Name is Jury Wassiljewitsch Kroikin. Melben Sie mich, bitte ich möchte einige Auskünfte über ben Viehbestand bei Umgegend haben."

„Sogleich."

Einige Minuten später trat ber Stationsvorsteher auf den Fremden zu.

(Fortsetzung folgt.)

♦) In Rußland muß sich jede Braut einen Braut vater wählen, der sie zur Trauung in die Kirche führt