Fuldaer Zeitung
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40. Jahrgang.
Freitag den 16» Mai 1913
Crstes Dlatt.
Nr. 111
:: Noch immer keine Ruhe.
W. Wien, 15. Mai 1913. Im heutigen Senioren- könnent des Abgeordnetenhauses begründete Ministerpräsident Graf Stuergkh seine Stellungnahme gegen »ine besonder» Debatte über di» auswärtigen Angelegenheiten damit, daß die Voraussetzung, als ob man einer fertigen auswärtigen Situation gegenüber« stehe, die eine bloß rückschauend» historische Betrachtung ermögliche, unzutreffend fei und daß eine friedliche Entwicklung der Situation, wenngleich nachhaltig» Hoffnung darauf in den Verhältnissen gegeben sei, dennoch nicht, wie verschiedene Redner behauptet hätten, als abgeschlossen zu betrachten sei. Unter diesen Umständen müfl» das Haus den Gesichtspunkt wahren, daß di» Erörterung auswärtiger Angelegenheiten, die übrigens in erster Linie den Delegationen zustehe, in einer Form erfolgen muffe, die die Gefahr ausschließe, daß hierdurch eine Beirrung oder Störung der weiteren gedeihlichen Entwicklung dieser auswärtigen Situation emtrete. Dies» Erörterung könne ja im Rahmen der Debatte über da- Budgitprovisorium erfolgen, dabei aber müffe der Verantwortung jedes einzelnen und des gesamten Hauses überlassen blerben, daß eine Erörterung Ser auswärtigen Angelegenheiten nach Form und Inhalt so geschehe, daß daraus eine Gefährdung für daS Staatswohl nicht hervorgehe. — Der Seniorenkonvent einigte sich schließlich dahin, die erste Lesung über daS Budgetprovisortum nach beffen Einbringung am Dienstag fosort zu beginnen und in diese die Erörterung über die auswärtigen Angelegenheiten einzubeziehen.
Wer die Uebergabe von Skutari für den Abschluß der unruhigen Zeit gehalten hat, ist zu vertrauensselig gewesen Das geht aus dieser Erklärung des österreichischen Ministerpräsidenten unzweideutig hervor. Im Einklang mit dieser Warnung, die friedliche Entwickelung schon als abgeschlossen zu betrachten, sicht die Fortdauer der Kriegsbereitschaft im Südosten der habsburgischen Monarchie. Aufgehoben ist nur der Belagerungszustand in Bosnien, der gerade wegen der Krisis von Skutari verhängt worden war. Aber trotz der schweren persönlichen und sinanziellen Belastung hat die österreichische Regierung die Reservisten noch bei den Fahnen gehalten.
Das erklärt sich einerseits durch die fortdauernden Vorbehalte, welche Serbien und Griechenland noch gegen die Friedensbedingungen der Großmächte erheben, namentlich wegen der Abgrenzung von Albanien und der Zuteilung der ägäischen Inseln; andererseits durch die ernste Gefahr, daß die Balkanstaaten unter sich wegen der Verteilung- der Beute sich in die Haare geraten.
Mit Recht sagt man sich in Wien: Die Abrüstung der österreichisch-ungarischen Grenztruppen würde bet den begehrlicyen Balkanvölkern und deren pansla- vistischen Hintermännern den Glauben erwecken, Oesterreich habe sich zum untätigen Zuschauen entschlossen, und nach dem Abzug der Katze würden die Mäuse erst recht auf den Bänken tanzen. Es ist ein wahres Verhängnis für Oesterreich, daß es mehr als ein halbes Jahr lang viele Millionen verbrauchen und viele Tausende ihrem bürgerlichen Berufe entziehen muß, um dort Wachtdienst zu tun gegen ungeberdige Balkanvölker und deren Verführer, — einen Wachtdienst, der zwar zu einem Teil durch die eigenen Interessen Oesterreichs geboten ist, aber zum andern großen Teil auch ganz Europa zu gute kommt. Denn ohne die eindrucksvolle Entfaltung der österreichischen Macht wären die Dinge dort zweifellos bis zum Ruin des europäischen Friedens getrieben worden. Für sein opferreiches Verdienst um den europäischen Frieden wird freilich Oesterreich wohl keinen andern Dank ernten, als die gesteigerte Freundschaft seiner Verbündeten. Das kleine Donau- Inselchen, das Oesterreich vorsichtshalber jetzt form« sich annektiert hat, gehört ihm von rechtsweqen schon längst und ist wirtschaftlich wertlos. Der neue Staat Albanien wird hoffentlich seinem Pflegevater
Die Schuld der Vaters.
51] Roman von Freifrau G.von Schlippenbach.
„Vater'" rief sie, „was soll das allez heißen? Was ist geschehen?"
Ste klammerte sich an chn.
Sanft aber entschieden loste Ilja sich aus den Armen seines Kindes.
geruhige dich, mein Seelchen," sagte er, „es ist »in Mißverständnis; ich werde vielleicht schon morgen prrück sein."
Daisv schluchzte leidenschaftlich. Ihre großen Au- gen irrtet, von einem der Männer zum andern.
„Sie kommen mit mir," warf der Fürst ein, „hier dürfen Sie nicht allein bleiben. Erlauben Sie eS, )lja Georgewitfch?"
„Ich danke Ihnen," brachte Soltjakoff mühsam hervor.
„Bitte, sich morgen um 11 Uhr in K- einzufinden, Fürst Arbutin," sagte der Untersuchungsrichter, „Ihr Zeugnis ist wichttg."
„Gut, ich toeroe kommen."
Noch einmal umarnrte Ilja sein zitterndes Töchterchen, dann richtete er sich hoch auf.
„Ich bin bereit, Herr," sagte er fest.
Rwajedoff fuhr mit seinem Gefangenen fort. — Und wieder saß Soltjakoff auf der Bank der Angeklagten, wie einst vor dreizehn Jahren in Wien.
Die Verhandlungen begannen. Dicht gedrängt war dec Saal, von Tag zu Tag füllte er sich mit den Neugierigen, mit den Nachbarn und Zeugen., Ruhig und gelassen erschien das Gesicht des vermeintlichen Mörders.
Seine Aussagen und die der Zeugen wurden zu Protokoll genommen.
„Sie leugnen also nicht, daß Sie mit Swerjeff am 10. April ein Rendez-vous beim schwarzen Teich hatten?" fragte der Richter. ,
„Wie sollte ich es, Sie haben ja Romans Brief »gelesen."
noch einige Freude machen, aber vor der Hand wird er ein kostspieliges Sorgenkind bleiben.
So gibt es noch genug und übergenug Schwierigketten und Gefahren, bis die Hinterlassenschaft der europäischen Türkei geregelt ist. Und nun kommen dazu noch wichttge und verwickelte Probleme aus der asiatischen Türkei. Der „Wetterwinkel" im Südosten ist nicht beseitigt und wird auch wohl nicht befeitict werden. Höchstens verschiebt er sich, nämlich vom Balkan nach Borderasien. Bald wird der Zersetzungsprozeß für den asiatischen Rest der Türkenherrlichkeit in Gang gebracht werden. Wir werden von Armenien und Syrien usw. mehr zu hören bekommen, als uns lieb ist. Rußland verhält sich für bett Augenblick noch abwartend, aber Frankreich hat der Türkei schon in Erpresserform einen Wunschzettel mit sechs Forderungen unterbreitet, worunter sich auch armenische und syrische Bahnen befinden. Diese Forderungen erschienen gleichzeitig mit den Gerüchten über ein englisch-türkisches Abkommen wegen K o w e i t und Basra im persischen Golf. England will wegen seiner indischen Sicherheit und seiner südpersischen Interessen durchaus den Handel und Wandel am persischen Golf in seiner Hand behalten, und da kommt e§ in Berührung mit den deutschen Intereffen, die an die Bagdadbahn und deren Verlängerung bis zum serbischen Golf geknüpft sind Lord Morley, der höchstgestellte und kundigste Fachmann Englands für diese Angelegenheiten, hält sich jetzt in Berlin auf, offenbar zu dem Zweck, ein Mkommen zwischen England und Deutschland in dieser Angelegenheit vorzubereiten, das dann bei dem bevorstehenden Besuch des englischen Königs wohl vollzogen werden wird. Einige Eiferer fürchten schon, daß die deutsche Diplomatie in Rücksicht auf die hochpolitischen Beziehungen zu England sich zu große Zugeständnisse in Sachen der Bagdadbahn werde ableisten lassen. Nach den bisherigen dürftigen Nachrichten läßt sich noch kein Urteil fällen.
Vorläufig kann man nur auf die neue Sorge Hinweisen. Von b er Ruhe find w i r noch weit entfernt. Der Sommer läßt sich gar nicht fo „still" an, wie ihn die erholungsbedürftige Welt gern haben möchte.
England und die Türkei.
Nach Mitteilungen au8 türkischen Quellen, die dem „Bureau Reuter" zugingen, sind die Grundlagen der oben erwähnten englisch-türkischen Verständigung in der Angelegenheit des Persischen Meerbusens folgende:
Die türkische Regierung erkennt daS britische Protektorat über Koweit an und bewilligt gegebenenfalls das Recht, eine Eisenbadn von Bafforah nach Koweit zu bauen. Bassorab soll Endpunkt der Bagdadbahn werden, die bis Bafforah unter denselben Bedingungen weitergesührt werden soll, wie sie für die anderen Strecken der Bahn bestehen. Mindestens zwei englische Vertreter sollen in den Vorstand der Bagdadbahn gewählt werden, um alle Vorgänge zu überwachen und eine unterschiedliche Behandlung der Waren zu verhindern. Natürlich wird die deutsche Regierung bei der Verständigung, insoweit sie die Interessen der Bagdadbahn berührt, beteiligt sein. Tatsächlich hat Deutschlands Rat und Einfluß dazu beigetragen, die Verständigung zu erleichtern, die, wie man hofft, in vierzehn Tagen zu einer endgültigen Erledigung führen wird.
Die Bagdadbahn ist bekanntlich ein Privatunternehmen, kein Unternehmen der deutschen Regierung. ES hat bisher eine halbe Milliarde Mark gekostet. In dieses vorwiegend deutsche Unternehmen greift jetzt die englische Regierung entscheidend ein, die früher alles aufgeboten hat, den Bau der Bahn zu hintertreiben. Die Bagdadbahngesellschaft hat zwar im März 1911 auf das Baurecht der Schlußstrecke Bagdad—Persischer Golf verzichtet und das Zugeständnis gemacht, daß dieses
„Und doch sagten Sie zu Hause, baß Sie zu Nie- profskis nach Romarischeffs reiten. Weshalb taten Sie bas?"
„Ich wollte nicht, baß man weiß, wohin ich rette."
„Warum nicht?"
Angeklagter: „Weil ich mit Swerjeff eine unangenehme Sache zu besprechen hatte."
„Was war es?"
Angeklagter: „Ich wußte nicht, baß Roman Romanowitsch meine Tochter zur Frau begehrte, unb ich war fest entschlosfen, sie ihm zu verweigern, denn ich hielt ihn nicht für einen guten Menschen."
„Sie gerieten darüber in Streit?"
„Nein, ich verstand es, Swerjeff zu beschwichtigen; er beruhigte sich nach und nach."
„Um welche Zeit trafen Sie ihn am schwarzen Teich?"
„Es muß halb elf gewesen sein. Vorher ritt ich noch mehrere Werst im Walde umher."
Die Verhandlung nahm ihren Verlauf und wurde um 3 Uhr nachmtttags geschlossen. —
Das Haar, das man in der Hand des Toten fand, war getrocknet. Es glich dem des Angeklagten genau, hatte dieselbe dunkelbraune Farbe und einige graue Fäden.
Wieder ein Beweis mehr zu Ungunsten Soll- jakoffs.
Der Pferdehändler Petrowitsch meldete sich.
Er sagte aus, daß er durch den Blagotirschen Wald gefahren war. Da habe er heftig streitende Stimmen gehört; sie seien aus der Gegend des schwarzen Teiches gekommen.
„Warum überzeugten Sie sich nicht selbst, wer eS war?"
Petrowitsch bekreuzigte sich.
„Ich fürchtete mich," gab er zurück, „es heißt, daß bei dem unheimlichen Gewässer mehr als ein Geist umgehe."
„Können Sie mir sagen, um welche Zeit Sie die Stimmen hörten?"
„Es war gerade halb zwölf; ich hatte kurz vorher meine Uhr gezogen und nachgesehen."
„Haben Sie noch etwas zu bemerken?"
Grundstück in internationale Verwaltung übergehe. Sie hat aber ausdrücklich die Bedingung gestellt, daß keine andere europäische Macht einen größeren Anteil an der Finanzierung und Verwaltung des Endstücks erhalten dürfe als die deutschen Interessenten. Diese Bedingung richtete sich gerade gegen die deutlich hervortretenden Bestrebungen Englands, die Kontrolle über die Linie Bagdad—Persischer Golf in die Hände zu bekommen.
Wenn nun die Meldungen über die neue englisch- türkische Verständigung richtig sind, fo erhält Eng. land und nicht, wie in der deutsch-türkischen Vereinbarung von 1911 vorgesehen war, eine internationale Gruppe von der Türkei die Baubewilligung für die Golfstrecke der Bagdadbahn, und englische Vertrauensmänner treten als Ueberwachungsinstanzen in den Vorstand der Bagdadbahn ein. In bet obigen Reulermeldung wird versichert, daß Deutschlands Rai und Einfluß dazu beigetragen habe, diese englisch- türkische Verständigung zu erzielen. Trotzdem hat es den Anschein, daß Deutschland wieder ein Stück zurück gewichen ist, ohne daß sichtbar wäre, welche Vorteile für Deutschland Dabei herauskommen.
Was bekommt Frankreich?
* Paris, 15. Mai 1913. Beim Bekanntwerden der Abmachungen, die zwischen England und der Türkei in betreff des Endabschnittes der Bagdadbahn und der Regelung des englischen Einflusses an der türkischen Küste des Persischen Golfes getroffen wurden, war die erste Frage, die man sich hier allgemein vorlegte, die: Und wo bleibt Frankreich bei allem dem? Das Blatt „Echo de Paris" antwortet jetzt darauf. Es teilt mit, daß die französische Regierung bereits am 24. Februar d. I. der Türkei ein Programm überreicht habe, das u. a. folgende Forderungen enthalten soll:
1. Erlaß einer Verordnung, wodurch die Eröffnung von gewissen französischen Schulen und anderen französischen Anstalten gestaiiel wird, und diele Schulen mit den öffentlichen türkischen Schulen gleichgestellt werden. 2. Französische Staatsangehörige und Schützlinge dürfen im Falle einer strafrechtlichen Verfolgung nur im Konsulargerichisgefängnis in Untersuchungshaft gehalten werden. 3. Di» Tunesier und Marokkaner müffe.i als französische Schützlinge anerkannt werden. Ferner verlangt Frankreich in Armenien die endgültige Konzession für Die Bahnlinie Samsun— Diarbelr und deren Verlange ung bis Trapezunt und weiter in Syrien die Verlängerung des Bahnnetzes Damaskus—Hama in der Richtung auf Jerusalem. Schließlich fordert Frankreich Konzessinen für die H a s en - bauten in Jneboli und in Er» gli am Schwarzen Meere sowie in Tripolis, Haifa und Jaffa in Syrien.
Der französische Botschafter Bompard soll dem Großwesir bei der Ueberreichung dieses Programmes erklärt haben, daß Frankreich der Türkei bei der Erledigung der gegenwärtigen Krise nur dann behilflich sein könnte, wenn die Pforte dieses Programm voll annehm c.
Deutsches Reich.
** Berlin, 25. Mai 1913. Die Königliche Akademie der Künste hat aus Anlaß des 25jährigen Regierungsjubiläums des Kaisers eine Medaille prägen lassen, die nach einem Entwurf des Professors Hosäus ausgeführt ist. Sie zeigt auf der Hauptseite das Bildnis des Kaisers, auf der Kehrseite eine Minerva im heiligen Hain der Künste. — Kontreadmiral Trummler, 2. Admiral des ersten Geschwaders, ist von dieser Stellung enthoben worden. Kontreadmiral Schaumann, Inspekteur der zweiten Marinemspektion, zugleich mit der Vertretung des zweiten Admirals des 1. Geschwaders beauftragt, ist zum zweiten Admiral des ersten Geschwaders ernannt worden.
Petrowitsch zögerte.
„Sie stehen vor Gottes Angesicht und vor der von ihm verordneten Behörde, die das Recht hat, alles zu wissen; ein Verschweigen würde Ihr Schaden sein."
„Als ick ein Stück weiter gefahren war, vernahm ich etwas, cs ließ mir das Haar zu Berge stehen."
„Bitte, drücken Sie sich deutlicher aus."
„Es war ein Schrei, so, wie ihn jemand in der Angst um fein Leben ausstößt," erzählte der Pferdehändler, „ick hielt an und lauschte."
„Weiter, weiter!"
„Nach einiger Zeit hörte ich, daß jemand sich laufend näherte; da hieb ich auf meine Gäule ein uni tagte davon."
„War es nicht vielleicht der Galopp eines Pftr- des?" fragte der Richter.
„Nein, ick bin meiner Sache ganz gewiß."
Der Richter vereidigte den Zeugen.
Dann wandte er sich an Soltjakoff, der gespannt lauschte.
„Hatten Sie Ihr Pferd beim schwarzen Teich angebunden?"
„Jawohl, an einen Baum," lautete die Antwort.
„Und Sie befliegen es auch dort?"
„Ja, ich eilte nach Hause; in einigen Minuten erreichte ich Llagotir."
„Um welche Zeit ungefähr?"
„Es mochte gegen halb zwölf fein."
„Können Sie beweisen, daß Sie um diese Zett schon zu Hause waren? Hat der Kutscher Ihr Pferd empfangen oder ließ der Diener Sie ein?"
„Nein, ich hatte beide schlafen geschickt," versetzte Ilja. „Der Kutscher ist schon alt, und ich liebe es nicht, wenn meine Leute mich erwarten."
„Das klingt seltsam. Es sieht fast aus, als hätten Sie geheime Beweggründe dazu gehabt."
Soltjakoff schwieg; eine lebhafte Erregung spiegelte sich auf seinem Gesicht ab.
„Sie können also Ihr Alibi nicht beweisen," sagte der Richter, „es hat Sie niemand nach Hause tommen sehen?"
Einen Moment zögerte der Angeklagte.
r-|- Tas preußische Abgeordnetenhaus, für das heute (Freitag) Die Urwahlen stattfinden, war bis zu seiner Auflösung den Parteien nach zusammengesetzt aus 155 konservativen, 60 sreikonservativen, 64 nationalliberalen, 37 volksparteilichen, 103 Zentrumsabgeordneten. Von den übrigen 24 Mandaten waren 14 in polnischem, 6 in sozialDemokratischem, 2 in dänischem Besitz; 2 Abgeordnete gehörten keiner Partei an.
4- Der Reichstag wird außer den Wehr- unb Deckungsvorlagen in der am 27. Mai beginnenden Sommersession noch einige andere Arbeiten zu erledigen haben. Erst kürzlich sind ihm, wie wir mit» teilten, zwei kleinere Vorlagen betr. die Einführung der Konzessionspflicht für Kinernatographentheater sowie betr. die Errichtung eines obersten Kolonialgerichtshofes zugegangen. Außer diesen Vorlagen harren noch der Erledigung das Staatsangehörigkeitsgesetz, das Petroleum-Monopol, der Entwurf über die Errichtung von Jugendgerichten, ferner betr. die Gewährung von Diäten an Schöffen und Geschworene, endlich die Gewährung freier Bahnfahrt an die Reichstagsabgeordneten während der Legislaturperiode, sowie einige kleinere Vorlagen. — Daß der Reichstag neben den Wehr- und Deckungsvorlagen alle diese Vorlagen noch wird erledigen können, halten wir für ausgeschlossen. Vor allem dürfte das Petroleum-Monopol kaum zur Erledigung gelangen und es muß auch bezweifelt werden, ob das Staatsangehörigkeitsgesetz, dessen Verabschiedung zweifellos erwünscht ist, erledigt werden kann. Man rechnet in parlamentarischen Kreisen damit, daß der Reichstag spätestens Ende Juni bis zum Herbst vertagt werden kann. Wir sind jedoch der Meinung, daß sich die Arbeiten des Reichstags, zumal da der Lösung der Deckungsfrage nicht geringe Schwierigkeiten entgegenstehen, sich sehr leicht bis in den Juli hinein erstrecken können.
)( Die Garnisonierung der neuen Truppenteile abgeschlossen. Die Garnisonierung der infolge der Heeresvermehrung neuaufzustellenden oder zu toer» legenden Truppenteile ist abgeschlossen. Die Verhandlungen des Kriegsmmisteriums mit den neuen Standorten haben fast überall zu großem Entgegen- kommen seitens der Städte geführt hinsichtlich der Her- gäbe von Bauplätzen für die neu zu errichtenden Ka- sernements und der Ausführung der notwendigen Bauten. Durchschnittlich zahlt die Heeresverwaltung als Miete den ©täbten 5 Prozent bet Baukosten unb beim Grunberwerb 4 Prozent der Grunderwerbskosten. Allen Verträgen liegt die Bestimmung zugrunde, daß dem Militärfiskus bas Recht bes jeberzeitigen Ankaufs ber von ben Städten für militärische Zwecke errichteten Kasernements zum Buchwert zugesichert wird. Die meisten Verträge sehen eine Vertragsdauer von 30 Jahren vor. Wo ber Militärfiskus 6 Prozent der Baukosten zahlt, wird die bauliche Unterhaltung der Gebäude von den betreffenden Städten übernommen, in allen übrigen Fällen vom Fiskus.
* Der Entwurf über die Reform beS Beamten- disziplinarrechts, Der das Wiederaufnahmeverfahren bei Disnplinarsachen einführen soll. Dürfte, ber ,Post' (Nr. 222) zufolge, dem Reichstage vorläufig noch nicht zugehen. Da über verschieDene Fragen bisher noch keine Uebereinftimmung erzielt werden konnte. Bekanntlich will auch Preußen später dem Beispiel« des Reiches folgen und für Die preußischen Beamten gleiche Bestimmungen schaffen. AuS diesem Grunde müssen Die Wünsche der preußischen Regierung bei Den Vorarbeiten eingehend» Berücksichtigung finden.
I Darmstadt, 15. Mai 1913. Das Prmzregenten- paat von Bayern ist heut» mittag nach Kissingen abgereift und vom Großherzogspaar zur Bahn geleitet worben.
)( Dresden, 15. Mai 1913. Zwischen konservativen und nationalliberalen Mitgliedern der Zweiten Kammer sind Verhandlungen angebahnt, um eine Uebereinftimmung über die Besetzung bes Präsi -
„Nein," entgegnete er mit fester Stimme.
„Das ist sehr grabierenb für Sie."
Es klang ein leises Bedauern aus den Worten.
Auch die folgenden Sitzungen brachten nicht Klar; heit in die Sache. Mit Spannung sah man dem Urteilsspruch entgegen. —
Olga Romanowna Swerjeff erfuhr erst nach fast vierzehn Tagen von der Verhaftung Iljas und von dem Tode ihres Bruders. Sie war bei ihren Verwandten, und Briefe und Zeitungen erreichten die abgelegene Gegend oft lange nicht.
Endlich erhielt sie einen Brief von Daisy:
„Siebe Olga, es ist etwas Schreckliches passiert Dein Bruder ist am 10. April abends ermordet worden, unb mein Herzenspapascha sitzt in K. im Gefängnis, weil er der Untat beschuldigt wird. Ich bin außer mir! Wie darf man glauben, daß mein lieber, guter Vater einem Menschen das Leben nehmen kann. Bitte, komm, so schnell Du kannst, zurück, ich sehne mich so nach Dir, obgleich ich in Datnofla bin unb Arbutins sehr freundlich sind.
Deine ganz verzweifelte
Daisy."
Datnofla, 22. April 19 , -
Olga begriff zuerst nicht. Doch auch die Zeitungen kamen mit derselben Post. Sie brachten alles -Me, die Gerichtsverhandlungen und Zeugenaus- fdtiwc» r
Zwei Stunden später reifte Olga Romanowna ab.
Sie halt- keine große Siebe für ben Bruder gehabt, fein jähes Ende erschütterte sie aber doch ge- wattig, und sie trauerte um ihn.
Noch mehr aber um ben geliebten Mann, besten Unschulb sie burch die Preisgabe ihres eigenen Jchs klar beweisen konnte. Sie war entschlossen es zu tun, denn nichts erschien ihrer Liebe unmöglich. Gleich nachbem Ilja ihr Zimmer betreten hatte, dröhnte bei sonore Klang ber Stalluhr durch das Fenster, das sie zu schließen vergaß. Sie hatten es später getan unb die Vorhänge zugezogen, um in ihrem Glück nicht beobachtet zu "werben.
(Fortsetzung folgt.)