Zuldaer Zeitung
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Illustrierte Sonntagszeifung ' Fuldaer SeschichtsblLtter
r. Ziehungslisten der preußisch-süddeutschen KlofTen-Cetterie. — yalbjährlich Taschenfahrplan. n
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TTr. l09. Erstes Blatt
Mittwoch den l4. Mal 1913»
40. Zahrgang.
«X Slsatz-Lothriugen und die Berner Koufereuz.
In der Resolution, die in Bern gefaßt wurde, lautet die Bemerkung über Elsaß-Lothringen folgender» maßen:
„Die Konferenz dankt von Herzen der vom Volk ge» wLHUen Bert, tng Esiaß-LolhrmgenS, daß sie durch ihr, hochherzigen toitläiungtn, die Annäherung beider Länder zu einer wrrklätigen Semeinschast der Zivtlisalion er« leichtert Hal."
Dle tchwungvollen Ausdrücke sind echt französisch. Der geblähte Stil würde unS aber nicht stören, wenn nur der In halt deS Satzes und die begleitenden Umstände einwandfrei wären.
Ein Lob für die reichsländische Kammer, die sich bekanntlich jüngst für eine Annäherung von Deutschland an Frankreich ausgesprochen hatte, erscheint auf den ersten Blick harmlos. Aber man wird doch bedenklich, wenn das Lob von Leuten ausgeht, welche die Einverleibung von Elsaß-Lothringen in das deutsche Reich nicht anerkennen, und wenn in der Resolution diesem Teile des deutschen Reiches eine Sonder st ellung zugewiesen wird, die es aus der Reche der übrigen Reichsteile heraushebt.
Da die ganze Konferenz eine sozialdemokratische Veranstaltung war, so erkennt man den Sinn der Resolution am sichersten aus der Erklä- 3, welche die vereinigten Sozialisten beider er in einer besonderen Vorversammlung aufge- fteHt hatten. Darin wird zunächst das a n t i mi l i - tarisiische Prinzip von neuem verkündet und dann über die „unschätzbare Hilfe" der elsaß-lothringischen Kammer gesagt: sie habe „den festen Entschluß verkündet, mit eurer autonomen Verfassung das lebendige Bindeglied der beiden großen Nationen zu werden". Wir haben nichts gegen ein wirtschaftliches oder gesellschaftliches und überhaupt ein kulturelles Bindeglied. Doch wenn hier die „Autonomie" zur Voraussetzung gemacht wird für eine allgemeine Bindetätigkeit, so muh man den Eindruck bekommen, als ob Elsaß-Lothrrngen zu einem neutralen Zwischen st aat gemacht werden soll. Jedenfalls ist eine Aenderung in der bestehenden Zugehörigkeit zum deutschen Reiche beabsichtigt. Das ist aber ein ganz unzulässiger und un- durchführbarer Gedanke, der an der Schranke abgewiesen werden muß.
Nun haben, wie gemeldet wird, die franzö- fischen Teilnehmer aus bürgerlichen Parteien an dem erwähnten Satze der Resolution Anstand genommen von ihrem nationalen Standpunkte aus. Es hat lebhafte Meinungsverschiedenheiten gegeben. Als in der französischen Gruppe der Entwurf der Resolution genehmigt worden war, wurde von einigen Radikalsozialisten ein Protest eingelegt; es mußte ■ eine nochmalige Sitzung der französischen Gruppe einberufen werden. Dort beklagten sich Radikale, daß in dem Satze über Elsaß-Lothringen eine Anerkennung der Angliederung Elsaß- Lo Ihringens an das deutsche Reich gefunden werden könne. Herr Jaurss, der Sozialistenführer, mußte alle Kunst und Kraft anwenden, um den Satz zu retten. Er legte dar, daß der Satz ganz harmlos sei und in der Belobigung der feindlichen Kammer keine Anerkennung der Annexion liege. Vor Beginn der Plenarsitzung wurde von radikaler Seite nochmals eine Protestbewegung ins Werk gesetzt; es gelang nur mit Mühe, diese Eiferer zum Stillschweigen zu bewegen. So wurde denn die Resolution ohne Erörterung durchgedrückt; einige Franzosen blieben aber verstimmt der nachfolgenden Zusammenkunft fern.
Diese Vorgänge hinter den Kulissen sind sehr lehrreich. Die französischen Teilnehmer konnten nur dadurch bei der Stange gehalten werden, daß man die Anerkennung des "Frankfurter Friedens, der den
Vie Schuld der Vaters.
19] Roman von Freifrau G.von Schlippenbach.
„Wie soll ich Dir für Dein großherziges Handeln danken? Wie kann ich Dir je das vergelten, was Du für mich tust?"
Und Soltjakoff kniete vor seiner Braut nieder und zog ihre Hände an seine heiße Lippen.
„Steh auf", bat Olga innig, „komm, setze Dich neben mich, wir haben noch viel zu besprechen, Geliebter."
„Ach, und ich soll Dich morgen schon fortreisen lassen! Es erscheint mir unmöglich, da ich eben erst mein Glück gesunden habe."
„Es ist besser so, Ilja, unsere Verlobung muß noch geheim bleiben wegen der Trauer um meine geliebte Mutter; selbst Daisy soll nichts wisien und mein Bruder ebensowenig "
Bei Erwähnung Romans zuckte Soltjakoff zusammen, sein Gesicht verfärbte sich, und er senkte den Kopf.
„Ich habe von Roman gestern Abschied genom- men," fuhr Olga fort. „Um elf Uhr vorinittags geht mein Zug ab. Bliebe ich jetzt hier, so würden wir uns verraten, trauere darum nicht über diese Trennung."
„Fällt es Dir nicht schwer, deine Laufbahn als Künstlerin meinetioegen aufzugeben?" fragte Soltjakoff, indem er Olgas Gestalt an sich zog.
Sie lehnte den schönen Kopf an seine Schulter und sah mit feuchtschimmernden Augen zu ihm empor.
„Deinetwegen," sagte sie träumerisch, „für dich bin ich zu allevi bereit. Freudig ertrug’ ich Schmach und Verachtung, wenn deine Liebe mir nur bleibt. Als ich dich sah, fühlte ich, daß du mir nicht gleichgültig bleiben könntest; es zog mich gleich mächtig zu dir hin. Ich ahnte, daß dis Schweres erduldet, und sehnte mich danach, dein Leben wieder glücklich zu machen."
„Und hast du deine Jugendneigung r
„Nein, das Andenken daran wird mir c.. } heilig fein, nur weiß ich durch dich, daß ich noch einmal alück-
deutsch-französischen Krieg abschloß, förmlich bestritt und die Hoffnung auf eine Aenderung des gegenwärtigen deutschen Besitz st andes aufrecht erhielt. Damit wird diesem ganzen Werk der „Verständigung und des Friedens" der Boden unter den Füßen fortgezogen.
Die Annäherung und Versöhnung ist einfach unmöglich, so lange die Franzosen uns etwas nehmen wollen von dem, was wir in Ehren erobert haben und unter allen Umständen behalten müssen und wollen!
Heber diesen springenden Punkt" sprechen sich sogar französische Blätter mit voller Klarheit aus. So schreibt die „Aurore":
.Das Schicksal von Elsaß-Lothringen bildet für sich allein den ganzen Gegenstand deS deutsch-französischen Gegensatzes. Und liegt es nicht auf der Hand, daß es überhaupt keine Lösung gibt, die zu gleicher Zeit Elsaß- Loihringen, Frankreich und Deutschland befchwichttgt und befriedigen kann?"
Dir einzig richtige „Lösung" ist die Anerkennung des Frankfurter Friedens von feiten der Franzosen. Wer diese Anerkennung verweigert, arbeitet für den Krieg, und wenn er auch am sog. Friedenskongresse teilnimmt.
*
♦ AuS Berlin wird uns noch geschrieben:
Bezeichnend ist, daß deutscherseits Parlamentarier, welche ihre Anteilnahme an dem Kongreß jugefagt hatten und dadurch zweifellos den Beratungen eine persönlichere und beachtenswertere Note ausgeprägt hätten, wie die Zentrumsabgeordneten Dr. Pfeiffer und Belzer, in letzter Stunde absagten, so daß von deutschen Abgeordneten außer den Elsässern Hagy und Ricklin und dem Dänen Hansen nur Mitglieder der sozialdemokratischen und der freisinnigen Partei anwesend waren. So erscheint die Resolution, welche unter „riesigem Jubel einstimmig" angenommen wurde, fast als eine lächerliche Farce. Denn es ist lächerlich, wenn ein Miniaturteil zweier großer Völker, ein Häuflein radikaler Genossen und politischer Emseiter, Verständigungspolitik treiben will. Die französischen Ge- nossen schrien aus vollem Halse: „Vive la solidarit6 internationale!“ Man merkt die Absicht und ist verstimmt.
* Was tat das Zentrum im Landtag für den Mittelstand?
Zugunsten des Handwerks und des sonstigen Gewerbes sind durch des Zentrums Anregungen oder Mitwirkung mancherlei Maßnahmen getroffen worden. Es wird unsere dringende Aufgabe fein, auch fcrnerhin den gesamten Mittelstand zu stärken und zu heben, schädigenden Erscheinungen der modernen Entwicklung des Geschäfts- und Wirtschaftslebens entgegenzuwirken." So heißt es im jüngsten Aufruf des Zentrums zu den vor der Türe stehenden Neuwahlen zuni Preußischen Landtag. Und ein kurzer Blick aus die Arbeit der nunmehr geschlossenen Legislaturperiode lehrt, daß das Zentrum getreu seiner Vergangenheit auch in dieser sich wieder redlich um die Interessen und Forderungen des Mittelstandes bemüht hat!
Der Schwerpunkt der Mittelstandspolitik liegt allerdings im Reickstage. Im Landtag läßt sich aber indirekt die Reichspolitik beeinflussen. Diese Taktik hat das Zentrum bei der Beratung des Handels« und Gewerbeetats im Preußischen Landtage stets besorgt. Bei der Beratung des Gewerbeetats 1910 verlangte der Sprecher des Zentrums Einführung des zweiten Teiles des Gesetzes über die Sicherung der Bauforderungen, Bestimmungen über die Ausbildung der Frauen im Handwerk, mehr Bewegungs
freiheit für die Handwerkskammern, Abgrenzung von Fabrik und Handwerk, Heranziehung der Großindu- ftrie zu den Kosten der Lehrlingsausbildung. 1913 forderte das Zentrum bei der gleichen Gelegenheit neben cmderm in Ergänzung des Gesetzes zur Bekämpfung des unlautere Wettbewerbs ein Verbot des Zugabewesens und eine Einschränkung des Rabattgewährens.
Ein unmittelbarer Eingriff steht dem Landtag bei der Förderung des Mittelstandes durch die Lau. desverwaltung und bei einzelnen Teilen der Gesetzgebung zu. Preußen verdankt sein umfassendes Programm der Gewerbeförderung (Meisterkurse, Genossenschaftskurse, Handwerks- und Maschinenausstellungen, Gewerbeförderungsanstalten usw.) dem Zentrumsabgeordneten Trimborn. 1902 brachte er seinen Antrag ein. Schrittweise wurde er in die Praxis umgesetzt. Dem Submissionswesen hat das Zentrum von jeher besonderes Interesse entgegen- gebracht. 1910 und 1912 fanden darüber eingehende Beratungen statt. Die Forderung der Teilung der Arbeiten in kleine Lose, der direkten Vergebung an Handwerkskorporationen, der Bevorzugung ortsansässiger Handwerker sind vom Zentrum stets vertreten worden. Die Forderung des Reichsdeutschen Mittelstandsverbandes nach "Einführung „des angemessenen Preises" bei der Zuschlaaserteilung wurde vom Zentrum unterstützt. Das Zentrum empfahl die Schaffung eines Submissionsamtes nach sächsischem Muster. Mit Recht lehnte das Zentrum das Ver- langen des Hansabundes nach einer reichsgesetzlichen Regelung des Submissionswesens ab, das eine nicht unwesentliche Verschlechterung der bestehenden Submissionsbestimmungen bedeutete.
Die Verhandlungen des Abgeordnetenhauses sind nicht ohne Einfluß gewesen. Ein neuer Erlaß des preußischen Ministers der öffentlichen Arbeiten über das Submissionswesen vom 4. September 1912 läßt diesen Einfluß gut erkennen. Der Minister hat den Wünschen des Handwerks in ziemlich weitgehendem Maße Rechnung getragen. Noch recht reformbedürftig ist das Submissionswesen der Selbstverwal-- tungskörper (Provinzial-, Kreis-, Kommunal-, Kir- chenbehördenh Deshalb hat das Zentrum verlangt, die Regierung möge ihren Einfluß auch hier geltend machen. 1912 wurde im Abgeordnetenhause eine Resolution angenommen, die sich in dieser Richtung bewegt.
Die Frage her Konkurrenz der GeMgmsarbeit kehrt' in bett Rebem trer KntrurjWbgeordnetzL. Ms wieder. Dr. Bell verlangte 1910 eine möglichste Einschränkung der Verdingung der Arbeitskraft der Gefangenen, "die Verteilung des Arbeitsbetriebs auf zahlreiche Geschäftszweige, eine Vermeidung der Unterbietung der freien Arbeit unter allen Umständen, eine Beschäftigung der Gefangenen mit Außenarbeit und Landeskulturarbeiten. Außerdem verlangte er für jede Provinz eine Art Beirat der Gefängnisver- toaltung, bestehend aus je einem Mitglied der Land wiitschafts-, Handels- und Handwerkskammer. Zu einem konservativen Antrag im Jahre 1910, der gleiche Forderungen aufstellte, erklärte das Zentrum seine ausdrückliche Zustimmung.
Ebenso scharf wie die Konkurrenz der Gefängnisarbeit verurteilt das Zentrum die Konkurrenz der städtischen Regiebetriebe. Abg. Dr. Grunenberg verlangte in der Sitzung vom 19. Februar 1913 mit Nachdruck eine Unterlassung dieser Handwerkskonkurrenz. 1911 brachte das Zentrum den Antrag ein, die Staatsregierung möge dahin wirken, daß bei der Anlage elektrischer Kraft- und Lichtübertragungen die Jnstallationsarbeiten durch Handwerker oder Handwerkervereinigungen ausgeführt werden. Der beson- dern Beachtung des Zentrums erfreut sich das Fortbildungsschulwesen. Die Partei verlangte stets bei Festlegung der Unterrichtsstunden Rücksicht auf die
Bedürfnisse von Handel und Gewerbe. Bei der 1911 beabsichtigten gesetzlichen Regelung des Fortbildungs- schulwesens für Preußen in Städten mit über 10 000 Einwohnern — an sich eine sehr zu begrüßende Absicht — verlangte das Zentrum bett Religionsunterricht als obligatorisches Unterrichtsfach. Wenn die Regierung daran die Vorlage scheftern ließ, so trifft das Zentrum keinen Vorwurf.
Mit der Pflege des kaufmännischen Fortbildüngs- schulwesens ist jedoch die Fürsorge des Zentrums für den kaufmännischen Mittel st and nicht ee- schöpst. 1910 brachte Abg. Trimborn feipen Antrag betreffs Gewerbeförderung des Kaufmannsstandes, der geradezu ein kaufmännisches Mittelstaudspro- gramm bedeutet, ein. Die parlamentarische Erledigung des Antrags steht noch aus. Dem Verlangen der Detaillisten nach einer gesetzlichen Vertretung trägt der Antrag des Zentremsabg. Dr. Bell von 1909 Rechnung. Die Schaffung von Kleinhandels- atisschüsfen bei den Handelskammern auf Grund gesetzgeberischer Maßnahmen lehnte die Regierung ab. Dr. Bell verlangte daher die Einrichtung von Klein- ' Handelsausschüssen int Anschluß an die Handelskammern, freiwillig von diesen gefchafM. Die Regierung gab einen" entsprechenden Erlaß an die Handelskammern heraus Rund 60 Handelskammern haben die Ausschüsie auch eingerichtet.
Nach den Anschauungen der Interessenten hat die Warenhaussteuer von 1900 ihren Zweck nicht erfüllt. 1912 wurde unter maßgebender Unterstützung des Zentrums ein Antrag angenommen: Die Staatsregierung zu ersuchen, eine Verbesserung des Warenhaussteuergesetzes, insbesondere hinsichtlich der Grundlage der Steuerbemessung und in Verbindung damit ihrer Höhe sowie des Verwendungszwecks in Erwägung zu ziehen unb demnächst einen entsprechenden Gesetzentwurf vorzulegen. Zur Beseitigung der Schäden der Wanderlager fordert das Zentrum seit Jahrzehnten eine Einschränkung derselben. Bei der Beratung des Etats für Handel und Gewerbe 1911 und 1913 wiederholte das Zentrum seine Wünsche um Abhilfe. Ebenso forderte es die Beseitigung der Auswüchse des heimlichen Warenhandels der Bö. amten.
So hat däs Zentrum in der letzten Landtags- Wahlperiode sich wacker wieder für die Interessen des gewerblichen und kaufmännischen Mittelstandes ins Zeug gelegt. Was der Wahlaufruf auch für die Zu- kunst verspricht, das wird das Zentrum um so eher ' Wien und Durchfuhren können, wenn es neugeftärkt aus den bevörsteyetiden Landtagswahlen hervorgeht. Daran mitzuarbeften siegt im hohen Jnterefle des gefamten- Mittelstandes wie seines einzelnen Mitgliedes. Darum: lebhafte Wahlbeteiligung auch au? b'en Kreisen deS selbständigen Mittelstandes!
Deutsches Reich.
r Berlin, 13. Mai 1913. Aus Wunsch deS Kaisers, der an der Reise des „Imperator" teilnehmen will, ist, wie zuverlässig verlautet, di« Fahrt des „Imperator" auf die Zeit nach der Kiele, Woche festgelegt worden und zwar werden es di. Tage zwischen dem 7. und 10. Juli fern. — Fürst Heinrich XXVII. von Reuß j. L. wird am 16. Mai in Berlin eintreffen, um dem Kaiser seinen Antrittsbesuch abzustatten. — DaS Gesetz bett, das Schlepp« Monopol auf dem Rhein-Wefer-Kanal und aus dem Sippe-Kanal wird im Re'chsanzeiger veröffentlicht.
♦ Zur Hochzeitsfeier am Kaiserhofe tritt das englisch e K önigspaar am kommenden Montag die Reise nach Berlin an. Auf der Fahrt übe, die Nordsee wird die englische Königsjacht von einem deutschen Torpedobootsgeschwader begleitet werden. Arn Berliner Hofe werden der König und die Königin am 21. Mai eintreffen und bis zum 27. bleiben,
sich werden kann, daß diese zweite Liebe mich über alles Trübe erhebt."
„Olga, noch eins," — Ilja zögerte, dann fuhr er fort:
„Es wäre doch vielleicht denkbar, daß man hier etwas von dem erfährt, was sich vor dreizehn Jahren in Wien ereignete. Man wird mich bann in ben Bann tun, mich verachten. Wirst du dann zu mir halten als mein treues Weib?"
„Wärst du sonst hier in meinem Zimmer?" fragte Olga. „Du sprichst ja, was du eben sagtest, in deinem Briefe aus. Ist es nicht der höchste Beweis echter, tiefer Siebe, daß ich dir zu dieser späten Nachtstunde gestatte, bei mir zu sein? Mein guter Ruf steht auf dem Spiel! Aber was frage ich danach, wo es gilt, dir eine Stunde des Glückes zu bereiten nach allem Bitteren deines Lebens."
„Du hochdenkendes, edles Weib! rief Ilja begeistert, „ich glaube, wenige Frauen würden so han- dein."
„Wirst du mir schreiben?" fragte Ilja, nachdem sie lange zusammen geplaudert hatten.
„Nein, erst wenn ich in Moskau bin; es wird einige Zeit dauern. Auf den Gütern der Verwandten ist die Postoerbindung schlecht, ich möchte nicht, daß unsere Briefe verloren gehen."
Soltjakoff wollte diesen Gedanken Olga ausreden, aber sic blieb bei ihrem Wunsche, und er fügte sich schweren Herzens.
Die Uhr schlug eins.
„Wir müssen uns trennen, mein Ilja," mahnte Olga, „ich habe morgen eine lange, anstrengende Reise vor und muß ruhen. Lebe wohl, du mein alles, will's Gott, auf frohes Wiedersehen."
Sie umarmten sich noch einmal heiß und lange, dann fchritt Soltjakoff der Tür zu. Er zögerte und blieb stehen, es schien fast, als ob er noch etwas sagen wollte, aber er fchwieg. Noch einmal traf sein Auge feine Braut in unendlicher Siebe, dann war er ge» •V« cn.
VIut andern Tage reiste Olga Romanowna Swer- jeff von Blagotir ab. Daisy toeiitteJbcim Abschiede, ihr Vater küßte die weiße Hand feinte Gastes. Sie
hatten keine Minute des Alleinfeins mehr gehabt, denn Daisv war von der scheidenden Freundin unzertrennlich gewesen.
„Olga sieht gar nicht traurig au?, Väterchen," bemerkte das junge Mädchen, nachdem der Zug abgefahren war, „ich dachte, das Scheiden von uns würde ihr schwerer fallen."
Daisy sah etwas mißbilligend zu Soltjakoff auf.
„Aber Papascha!" rief sie erstaunt, „auch du scheinst recht vergnügt, das ist doch seltsam, höchst seltsam!"
Sie schüttelte das Köpfchen und dachte über ihre Beobachtung nach.
XL
Die ganze Nachbarschaft war in Aufregung. Roman Romanowitsch Swerjeff wurde vermißt. Seit bald einer Woche suchte man ihn vergeblich. Am dritten Osterfeiertage war er noch bis spät abends in Latwilifchki gewesen. Gegen 9 Uhr hatte er dem Diener gesagt, daß er noch einen Spaziergang machen werde. Er war nicht nach Hause zurückgekehrt und niemand konnte über feinen Verbleib Auskunft geben. Sollte er Plötzlich verreist sein? Die Er- kundigungen beim Stationschef ergaben, daß er den Eisenbahnweg nicht gewählt hatte.
Immer mehr bestärkte sich die Vermutung, daß Roman ein Unglück zugestoßen war. Sange suchte man vergeblich. Endlich kam man zum schwarzen Teich, der mitten im Walde von Blagotir lag.
Der Untersuchungsrichter Alexander Feodorowitsch Ribajedoff aus K. wurde abdelegiert. Seiner Fin- digkeit gelang es endlich, die Spur zu entdecken. In der Nähe des schwarzen Teiches war der. Boden vertreten und aufgewühlt; es sah aus, als habe hier ein Kampf auf Leben und Tod ftattgefunben. Der Fetzen eines blutgetränkten Tuches lag einige Schritte weiter. Von dem Platze, wo das Weiche Erdreich zertreten war, schien ein schwerer Gegenstand bis zum Wasser geschleift zu sein.
„Ich glaube, man müßte im Teiche nachsuchen, sagte Ribajedoff, wenn mich nicht alles trügt, werden wir dort die Leiche finden-" A
Man tat nach des Beamten Befehl.
Lange suchte man umsonst. Mit Stangen, an denen Haken befestigt waren, reichten die Leute bis auf den Boden.
„Hier ist etwas!" rief ein Bauer, „es ist im Schlamm stecken geblieben, helft mir, ihr anderen." i
Aber die Tiefe des schwarzen Teiches schien ungern wiederzugeben, was chr zur Beute gefallen war; man mühte sich umsonst.
Endlich krönte der Erfolg doch die vereinten An4 ftrenaungen. Ein dunkles Etwas hob sich. Es toar der Körper eines Menschen.
„Ist hier jemand, der den Toten erkennen kann?^ fragte Ribajedoff.
„Es ist Roman Romanowitsch Swerjeff," sagt« ein alter Bauer und mehr als einer der Anwesenden bestätigte es. Die Leiche war durch das Wasser ent» swllt; das Gesicht des Verunglückten war eine bläuliche, aufgeschwemmte Masse. Wie war er hier hergekommen? War et in der Dunkelheit fehl gegangen oder lag hier ein Verbrechen vor? Mit gespannter Erwartung blickten alle auf den Untersuchungsrichter; der sich forschend über den Körper Swerjeffs beugte.
„Ah," sagte Ribajedoff „also es ist doch kein Zufall, es hängt anders zusammen."
Er hatte etwas Blankes bemerkt, es steckte in der Herzgegend des Toten. Jetzt zog Alexander Feodoro- witsch es heraus und betrachtete es aufmerksam. Es war eine eigentümliche Waffe, eine Stahlklinge, die in der Art eines Ssilets drei scharfe Kanten zeigte, der Griff war aus SUber.
„Das ist ja ein äußerst wichtiger Beweis. Ich muß erfahren, ob hier lernanb diese Waffe kennt, ob er mir den Besitzer nennen kann.'
Die rechte Hand des Ermordeten war fest zusam- mengeballt; es kostete Mühe, die starren Finger zu öffnen die einen Büschel Haare hielten. Sie waren jetzt vom Waffer naß; wenn sie trocken wurden, ließ sich ihre Farbe fonftaiteren. Der Untersuchungsrichter legte sie sorgsam in ein Papier, das er in der Brieftasche verbarg.
Fortsetzung folgt.)