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Fuldaer Zeitung

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Nr. l0S. Erstes Blatt

Dienstag den 13. Mal l9l3.

40. Zahrgang.

Jf Die Berner Konferenz.

= Bern, 12. Mai 1913. Am ersten Pfingsttage ist tzier die Konferenz französischer und deutscher Parlamentarier zusammengetreten, die eine Ver­ständigung zwischen Deutschland und Frankreich an­strebt. Nach den Mitteilungen des Bureaus waren aus Deutschland 34 Reichstagsabgeordnete anwesend, näm­lich 22 Sozialisten, 7 Fortschrittler, 3 Mitglieder des Zentrums (Belzer, Pfeiffer, Roeren), der Elsässer Haeggi und ein Däne. Aus Frankreich waren 110 Depu­tierte anwesend, und zwar 40 geeinigte Sozialisten, 47 Sozialistisch - Radikale, 12 unabhängige Sozialisten, 8 Linksradikale, 3 Linksdemokraten. Außerdem waren 14 radikale Senatoren angemeldet. Nach der Eröff­nungssitzung hielten die deutschen und französischen Ver­treter Sondersitzungen ab, denen eine gemeinschaftliche Kommissionssitzung und abends eine öffentliche Sitzung folgten. Es wurde folgende Resolution beschlossen:

Die erste Konferenz der deutschen und französischen Parlamentarier wendet sich mit aller Entschlossenheit gegen die verwerflichen chauvinistischen Hetzereien jeder Art und gegen die sträflichen Trei­bereien, die auf beiden Seiten der Grenze den gesun- den Sinn und die Liebe der Völker zum Vaterlande irre zu führen drohen. Sie weist und verkündet, daß die beiden Völker in ihrer ungeheuren Mehrheit den Frieden wollen, diese oberste Bedingung jeden Fortschrittes. Sie verpflichtet sich, unermüdlich daran zu arbeiten, datz Mißverständnisse zerstreut und Kon­flikte vermieden werden, und sie dankt von Herzen der bom Volke gewählten Vertretung Elsatz-Lothrin- Yens, daß sie durch ihre hochherzigen Erklärungen die Annäherung beider Länder zu einer werktätigen Ge­meinschaft der Zivilisation erleichtert hat. Die Mit- tzlieder de§ Kongresses verpflichten sich ferner, bei ihren Negierungen alle Schritte zu unternehmen, um eine Einschränkung der Rüstung herbeizuführen. Die Konferenz unterstützt warm die Bestrebungen des Staatssekretärs Bryan für den Abschluß von Schieds- Verträgen und wünscht, daß alle Konflikte zwischen Frankreich und Deutschland dem Haager Schiedsgericht unterbreitet werden. Die Konferenz glaubt, daß eine französisch-deutsche Annäherung eine Ver­ständigung zwischen den beiden Ländergruppen Europas herbeizuführen im Stande ist und damit der dau­ernde Friede gesichert wäre. Die Konferenz be­schließt, daß sich das Bureau als permanente Kommission konstituiert, die sich von Zeit zu Zeit zu einem Kongreß einberuft.

Nutzt es nicht, so schadet es wenigstens nicht. All' den Friedenskonferenzen kann man die besten Wünsche widmen, in den Erwartungen muß man aber sehr vorsichtig sein.

Wo sind die greifbaren Ergebnisse der großen all­gemeinen interparlan-entarischen Friedenskon. gre' se? Sollte diese besondere Konferenz, die sich auf Frankreich und Deutschland allein beschränkt, in der Beschränkung sich als realpolitischen Meister zeigen? Ein Seitenstück dazu haben wir ja schon gehabt in dem englisch-deutschen Ver- söhnungskomitee, das auf viel breiterer Grund­lage errichtet war, höchst hervorragende Persönlich- keilen aus dem amtlichen und gesellschaftlichen Leben beider Nationen umfaßte und große Veranstaltungen machte zur Annäherung und Verständigung. In- zwischen sind tatsächlich die Beziehungen zwischen den beiden Staaten, wenigstens die politischen, viel beffer geworden. Aber erst allmählich nach der ge­fährlichen Spannung von 1911, die kein Komitee zu hindern vermocht hatte, und erst unter dem Einflüsse der Balkankrisis, die für die englische und deutsche Regierung eine Interessen- und Arbeitsgemeinschaft herbeiführte.

Wenn wir von der Berner Konferenz noch weniger erwarten, als von ihren Vorgängerinnen, so wurzeln diese Zweifel in zwei Punkten. Erste, s trug die Veranstaltung von Bern zu deutlich den sozialdemokratischen Stempel; das hindert viele und einflußreiche Kreise an der Beteiligung unv erweckt weithin den Verdacht, daß auf dem Friedens­herde auch eine rote Parteisuppe gekocht werden könnte. Zweitens ist die Versöhnung zwischen

Die Schuld des Vaters.

£8] Roman von Freifrau G.von Schlippenbach.

Lasten Sie mich über die Zeit schweigen, die ich in der Haft zubrachte. Sie änderte viel, ich verließ das Zuchthaus als ein anderer Mensch, Ich hatte oft über mich nachgedacht und an mir gearbeitet. Ich wußte meine maßlose Heftigkeit für immer ausge­rottet, das Leben hatte mich in feine harte Schule genommen, Olga Romanowna, es geschcch mir recht.

Als ich, um Jahre gealtert, die Freiheit erhielt, war mein erster Gang zum Grabe meiner Frau. Dort habe ich lange gekniet und gebetet. Es wurde darnach friedlicher in meinem Herzen. Ich sehnte mich grenzenlos, mein Kind wiederzusehen, aber sih scheute auch wieder davor. Wie konnte ich den Blick der unschuldigen Augen ertragen, die Frage nach der Mutter? Frau Nekrassoff schrieb mir dazwischen. Sie sagte mir, daß Daisy ost nach mir fragte, daß sie immer mehr der Berswrbenen gliche, sie habe auch das anschmiegende, weiche Gemüt geerbt neben der körperlichen Aehnlichkeit.

Mein Vermögen war recht zusammengeschmolzen. Ich verlor säst alles durch den Bankerott eines Han delshauses. Was blieb mir übrig, als Europa zu verkästen, übers Meer zu gehen, nach Amerika, dem Lande so vieler Entgleisten.

In diesem Weltteile habe ich schwer gearbeitet, oft dedarbt und gehungert. Arbeit ist die beste Heil­quelle für ein zerrissenes Gemüt. Auch ich habe es erfahren! Es war, als wolle das Schicksal mich ent­schädigen für das, was ich gelitten. Meine Speku­lationen erwiesen sich als gewinnbringend. Ich be­saß wieder Geld, und allmählich fand ich das innere Gleichgewicht, das Glück in sich schließt. Es war mir eine Freude, mehr als einem armen Teufel zu helfen, ihm mit Rat und Tat beizustehen. Ich hoffte so, einen Teil meiner Schuld zu sühnen.

Als Daisy neun Jahre zählte, war ich in Ge­schäften in Europa. Ich hielt es vor Sehnsucht nach ihr in der Heimat nicht länger aus. Durch N^os-

Deutschland und Frankreich noch viel fchwieriger, als die zwilchen Deutschland und Eng­land, da bei den Franzosen der Haß und die Eifer­sucht gegenüber Deutschland beöeutenö kralliger und hitziger ist, als bei den Englänvern.

Aus diesen Umständen erklärt sich auch die schwache Beteiligung von deutscher Seite. Während aus Frankreich 185 Deputierte und Franzosen gekommen waren, hatten sich von deutschen Reichstagsabgeord- neten im ganzen nur 34 einueiunven, von denen zwei Dutzend der veranstaltenden sozialdemokratischen Par­tei angehörten.

Die Resolution, in die man die Pfingstkon- ferenz ausklingen ließ, ist vorsichtig abgefatzt und läßt die Parteitendenzen der Veranstalter möglichst zurück­treten. Wenn da gegen die chauvinistischen Hetzereien Einspruch erhoben und Bestrebungen zur Zerstreuung der Mißverständnisse und Vermei­dung von Konflikten verheißen werden, so ist dagegen nichts einzuwenden. Der Höflichkeit halber mag man auch von solchen Treibereien auf beiden Seiten sprechen. Doch müssen wir hinzufügen, daß alles, was unsere Alldeutschen oder einige andere deut­schen Hitzköpfe leisten, an Umfang, an Leidenschaft und an Gefährlichkeit weit zurückbleibt hinter dem französischen Chauvinismus. Wir boykottieren keine Waren des Nachbarlandes, wir prügeln keine französisch sprechenden Reisenden; auch bei der Lau- düng von französischen Luftfahrzeugen gibt es keine feindseligen Rufe. Und die Hauptsache ist: das ganze deutscke Volk hat nicht die geringste Sehnsucht nach einem Kriege mit Frankreich, während dort der Wunsch nack einem Revanchekriege weite und ein­flußreiche Kreise beherrscht. — Kurios ist in diesem ersten Teile der Berner Resolution die Bemerkung, daß die chauvinistischen Hetzereien und sträflichen Treibereien nicht bloß den gesunden Sinn, sondern auch „die Liebe der Völker zum Vater- lande irre zu führen drohen". Die Sozial­demokratie als Retterin der Vaterlandsliebe?! Tatsächlich bilden die größte Gefahr für die Liebe und Freude am Vaterlande gerade die sozialdemo­kratischen Treibereien.

Wenn dann weiter die Beschränkung der Rü­stung? au fwendungen und die Entwicklung des Schiedsgerichtswesens gefordert wird, so sagen wir einfach: M. w., das machen wir, — wenn nur Frankreich die Hindernisse aus dem Wege räumt.

Damit kommen wir auf den Kernpunkt der ganzen Sache. Woran liegt es denn, daß die Völker in Spannung leben? Will Deutschland etwas haben, was Frankreich hat? Nein. Aber kann Frankreich auf dieselbe Frage mit einem ebenso ehrlichen und rückhaltlosen Nein antworten? In der Begierde nach den verlorenen Provinzen und nach einem Revanche­krieg, der das Prestige Frankreichs wiederherstellt, — da steckt die Wurzel des Hebels. Und alle Friedens­konferenzen werden solange fruchtlos bleiben, bis Frankreich rückhaltlos den Frankfutter Frieden aner­kennt, der gerade 42 Jahre vor der Berner Konferenz geschlossen wurde.

Der gegenwärtige Besitz st and, das ist die erste und letzte Grundlage für den Frieden. So­bald die Franzosen auf die Revanche ehrlich verzich­ten, ist Deutschland ihr bester Freund.

W Vichy, 12. Mai 1913. Kriegsminister Etienne hielt vor 8000 Turnern eine Rede, in der er sagte: Frankreich fand dank der Republik wieder einen Platz in der Welt; um diesen Platz zu bewah­ren und feine Stellung zu befestigen, brauchen wir ein Heer, das imstande ist, in jedweden Wett­streit einzutreten. Deshalb verlangten wir kühn und entschkosten so bedeutende Opfer vom Volke, denn wir waren überzeugt, daß die E x i st e n z Frankreichs mit diesem Opfer verknüpft ist.

Wenn so deutliche Wahrheiten an den Tag treten, wie z. B. daß das Heer unseres Nachbar- des 500 000 bis 850000 Mann mehr zählt als das unsere, können wir dann, könnt Ihr dann untätig bleiben? Nein! Unser Vaterland machte die Fehler der Vergangenheit gut und erobette sich wieder seinen Platz, den ihm niemand wieder nehmen kann, wenn Ihr wollt. Frankreich muß ein Heer haben, das nicht nur quantitattv, sondern auch qualitativ stark ist. Frankreich muß es verstehen, sich Achtung zu verschaffen und gegebenenfalls zu siegen. Ihr werdet die Sieger von morgen sein, wenn Ihr wollt. Die Rede des Kriegsministers wurde begeistert ausgenommen.

-e- Der römische Justizpalast-Skandal.

Die italienische Kammer beschäftigt seit einigen Tagen eine höchst unerquickliche Debatte über die Verantwortlichkest und Mittäterschaft an den Un- regelmäßlgkeiten, die mit dem Bau deS römischen Justizpalastes zusammenhängen. Schon feil Jahren hatte man in der öffentlichen Meinung den Verdacht, baß eS bei der Errichtung des Junizpalastes nicht immer mit rechten Dingen zugegangen fei. Es dauerte lange, bis die Behörde sich entschloß, in diese An­gelegenheit einzugreisen und etwas Licht in das Labyrinth dieser nicht sehr sauberen Geschichte zu bringen.

Die Sache geht auf Jahre zurück. Nach dem Jahre 1871 bewilligte das italienische Parlament 6 Millionen für den Bau eines Juftizpalastes in Rom und als dieser Bau nach einer mehr als 25jäh- rigen Baugeschichte eingeweiht werden konnte stellte sich heraus, daß er schließlich gegen 40 Millionen kostete, von denen mehr als 6 Millionen, also ein Betrag, welcher der ursprünglich ausgeworfenen Bausumme gleichkommt, ohne jede Rechtfertigung in den Taschen habgiettger Unternehmer, sowie ihrer Hintermänner verschwunden toaren. Leider ist ja die Verquickung von Geschäft und Politik int schönen Land, wo die Zitronen blühen, nichts unbekanntes. Sie ist nach der Einigung Italiens in einen großen Teil der Verwaltungen eingedrnngen und hat ihren Höhepunkt in jenen berüchtigten Bankskandalen des Jahres 1893 erreicht, denen man in Italien infolge ihrer Gleichzeitigkeit mit den Panamaskandalen Frankreichs in zattfühlender Weise den Kosenamen Panamino beigelegt hat.

Der zum Ausbruch gekommene Skandal würde zweifellos die Gestalt einer politischen Krise angenom­men haben, wenn nicht die heutige Regierung voll­kommen intakt dastünde. Sie hat sogar das unleug­bare Verdienst, den Finger endlich auf die Wunde gelegt und die Verhaftung der Inhaber der Bau- firnta und des FiskalanwalteL Silvestre veranlaßt zu haben. Auf der anderen Seite darf man sich int Interesse der italienischen Regierung freuen, daß die Staatsmänner, die ihre Regierungsstellung zu faulen Transaktionen mit den Bauleitern mißbraucht haben, bereits alle hn Grabe ruhen. Nicht, weil sie der irdischen Gerechtigkeit entzogen sind, sondern weil Italien dadurch vor einer bedauerlichen Kabinetts­krise bewahtt wird. Die schlimmste Rolle in der Angelegenheit spielt der verswrbene Ministerpräsident Sanattelli, der, wenn auch ohne persönliche Berei­cherung, es geschehen ließ, daß der Staat um Mil- Itonen geschädigt wurde. Noch bedauerlicher vom Standpunkte der italienischen aktuellen Politik ist es, daß 7 noch beute deut Abgeordnetenhause angehörende Parlamenarier angeklagt sind, in dieser Angelegen­heit sich schwerer Pergeijen schuldig gemacht zu haben. Darunter befindet! sich lauter angesehene Politiker. Wenn auch die öffentliche Meinung energisch fordert, daß diese Abgeordneten in Konsequenz der gegen sie erhobenen Anklagen noch in diesem Jahre bei den

bevorstehenden Neuwahlen auf eine Fortsetzung ihrer parlamentarischen Tättgkeit verzichten, so ist ange­sichts der leidenschaftlichen Vetteidigung, mit der diese Ehrenmänner sich weiszuwaschen suchen, an ein resigniettes Ergeben in chr Schicksal und an ein kampfloses Räumen des Feldes nicht zu glauben. Zunächst hat eine Tagesordnung des Abgeordneten­hauses über einen Antrag des Sozialdemokraten Turati abzustimmen, ob man den Beschuldigten Ab­geordneten eine Rüge erteilen soll. Indes steht noch nicht fest, wie sich die Kammer aus diesem Dilemma ziehen wird. Man darf jedoch die be­stimmte Hoffnung hegen, daß Giolitti seinen Einfluß bei den kommenden Wahlen dazu gebrauchen wird, diesen zweifelhaften Elementen den Eintritt ins Par­lament unmöglich zu machen.

Deutsches Reich.

*♦ Berlin, 12. Mai 1913. Das Eisenbahn» anlieger-Gesetz, das von der Regierung kürzlich im Herrenhause zurückgezogen wurde, wird dem Land­tage im nächsten Winter in abgeänderter Form zu- gehen. — In Potsdam fand heute in Gegenwart des Kaisers und der Prinzen das Stiftungsfest deS Lehr-Jnfanterie-Batarllons statt. Der Kaiser brachte ein dreifaches Hurra auf die Armee aus, der kommandierende General Freiherr v. Plettenberg er­widerte mit einem Hurra auf den Kaiser.

* Marineluftfahrt. Das Marineverordnungsblatt veröffentlicht eine kaiserliche Verordnung, nach der aus dem Luftfahrpersonal der Marine eine Marine« luftschiffabteilung mit dem vorläufigen Stand«, ort in Johannisthal und eine Marinefliegerabteilung mit dem Standort in Putztg gebildet werden soll, die in allen Ausbildungs- und versuchstechnischen Ange«, legenheiten unmittelbar dem Staatssekretär des Reichs« marineamteS, in allen anderen Angelegenheiten dem Inspekteur der Küstenartillerie und des Minenwesens, weiterhin dem Chef der Marinestation der Nordsee unterstellt sein werden. Der Zeitpunkt der Bildung wurde auf den 1. Juli 1913 festgesetzt. Die Mann, schäften tragen zu der Dienstbekleidung und den Grad­abzeichen ihre bisherigen Marineteile, Mützenbändei mit der für daS seemännische Personal in Gold, für daS technische Aluminum gewirkten Auffchrist „Marine-Lustschiffabteilung" und »Marine«Flieger abteilung".

** Die gelbe Werkverein als liberale Wahltruppe AuS Essen meldet die .Köln. Bztg/: Der gelbe Werk» verein gibt in seinem Organ (Nr. 19) die folgend« Parole für we Landtagswahl auS:

Bei der Landtagswahl am 16. Mai gelten für die Anhänger unterer wirtschaftSfttedlichen nationalen Ar- bettetbewtglMg die folgenden berden Richtlinien: 1. Nie­mand darf einen Sozialdemokraten wählen. 2. Niemand dar» entern unserer Bewegung feindlich gesinnten bürger­lichen Kandidaten seine Stimme zuwenoen, wenn auch Freunde unserer Bewegung als Kandidaten aufgestellt sind. In solchen Fällen heißt es stets, für die Kandi­daten einzvtreten, von denen wir erwarten können, daß sie sich die Förderung unserer Bewegung angelegen fein lassen. Diese Richtlinien gelten für alle Wahlen, wes­halb wir unsere Freunde dringend bitten, auch bei der bevorstehenden Landtagswahl danach zu verfahren.

Von den für die Wahl ausgestellten Kandidaten sind nur die Kandidaten Pfarrer Rachel (Stadtkreis Essen) und Bergmann Herzbruch (Landkreis Essen) der wirt­schaftsfriedlichen nationalen Arbeiterbewegung freundlich gesinnt. Die übrigen Kandidaten sind geschworene Feinde unserer Bewegung, die sie am liebsten in tausend Fetzen schlagen möchten. Unter diesen Umständen ist es Die Pflicht unserer Freunde, im Stadtkreis Essen nur den Wahlmännern die Stimme zu geben, welche Hrn. Pfarrer Rachel wählen und tm Landkreis Essen den Wahlmännern, welche für Hrn. Herzbruch eintreten. Der Vorstand bei Bezirlsverbandes.

Hier treten die engen Beziehungen zwischen den .Selben" und den Liberalen klar zutage. Den Mit­gliedern des gelben Werkvereins wird einfach auf-

solvs erfuhr ich, daß in Rußland niemand etwas über das Drama in Wien wußte; man vergißt so leicht in unserer schnell lebenden Zeit. Der Name Soltjakoff ist in unserer Heimat recht verbreitet; wie sollte, man gerade auf meine Person verfallen? Das Wieder­sehen mit meinem Kinde war einzig schön. Vierzehn Tage blieb ich bei ihm, bann trennten wir uns.

Drei Jähre vergingen. Daisy schtteb mir die zärtlichsten Bttefe, zuerst in der großen Handschrift der Ncunjähttgen, dann immer verständiger. Sie war zwölf Jahre, als ich sie mit mir hinüber nahm. Es war eigentlich mein Wunsch gewesen, sie in der Schweiz in Pension zu geben, aber es siel uns beiden allzu schwer, uns wieder zu trennen.

Fünf weitere Jahre vergingen. Mein liebes Kind und ich wurden treue Kameraden. Wir mach­ten große Reisen zusammen. Es war für mich ein Glück, ihr alles Schöne zu zeigen, die Entfaltung der holden Menschenknospe zu beobachten. — Ich hatte mit meinem Gelbe in Meiiko Grund und Boden atr- gekaust, der sieb als reich an Edelmetallen erwies, die Ausbeutung der Minen brachte uns großen Gewinn ein. Ich hätte ein vielfacher Millionär werden kön­nen, wäre ich ganz in Amerika geblieben, aber Daisy und ich litten unter Heimweh. So kehtten wir nach Rußland zuttick, wo Nekrosioss unterdessen Blagotir von Ihrem Bruder gekauft hatte. Nach Wten ent­schloß ich mich nicht zu gehen, obgleich Daisy mich darum bat. Ich hatte einen Widerwillen, den Ort zu sehen, wo ich zwei Jahre im Zuchthaufe verbracht hatte.

„Wir kamen in der Heimat an. Ich hatte mir einen Lebensplan zurecht gelegt. Ich verzichtete schon lange auf ein persönliches Glück, fortan wollte ich nur für Daisv leben.

Ta lernte ich Sie kennen, Olga!--

Gleich am ersten Tage liebte ich Sie mit der tiefen Leidenschaft des gereiften Mannes. Ich kämpfte ver­geblich mit diesem Gefühl, vermied es, Sie zu sehen, aber es half alles nichts. Ich hielt meine Neigung für hoffnungslos, Sie trauerten noch um Ihren ver- swrbenen Bräutigam. Erft nach und nach, als Sie

unsere Hausgenossin wurden, als das tägliche Bei­sammensein uns näher brachte, kam die beseligende Hoffnung über mich, daß ich Ihrer wert fei.

Nun wissen Sie alles!

Entscheiden Sie, Olga! — —

Bedenken Sie aber, daß es doch möglich wäre, daß eine brutale Hand den Schleier der Vergangen'- hett lüftet, bann stehe ich gebrandmarkt ba. Haben Sie ben Mut es zu ertragen?

Ich erwarte morgen Ihre Antwort, ehe Sie ab­reisen. Wie sie auch lautet, ich werde Sie tausend­mal segnen.

Ihr grenzenlos ergebener

Ilja Georgewitsch Soltjakoff.

Blagottr, am zweiten Osterfeiettag in der Nacht." Olga Romanowna ließ die dicht beschriebenen Blätter sinken.

„Ich habe entschieden", sagte sie leuchtenden Auges

Noch einmal las sie den ganzen Brief. Sie faltete ihn zusammen und verschloß ihn. Dann kniete sie lange im beißen Gebet vor dem Heiligenbilde in der Ecke des kleine,. Salons, der an ihr Schlafzimmer stieß. Sie flehte zu Gott, daß es ihr gestattet sei, die Wunden zu heilen, die das Leben dem Manne schlug, den sie jetzt nue noch inniger liebte.

Die llhr ging auf zwölf, als sie sich erhob.

Sie öffnete ihr Fenster und lauschte.

Es war eine warme Aprilnacht. Die Erde atmete in Frühlingsabrmng, ein Tust, regenfeucht und herbe zugleich, entstieg ihrem Schoß, die Sterne blitzten und der Mond schien hell am Himmel.

„Wenn er doch käme", dachte das Mädchen, „ich will es ihm noch heute sagen, daß nichts meine Liebe auszulöschen vermag."

Sie lauschte wieder.

Der ferne Galopp eines Pferdes drang an ihr Ohr. Olgas Herz pochte laut; ein glückliches Lä­cheln teilte ihre Lippen.

„Er ist es", fugte sie leise.

Soltjakoff hielt am Stall. Er brachte sein Pferd selbst hinein, nahm ihm Sattel und Zaum ab und sah, daß es versorgt war.

Eine heftige Erregung spielte sich auf Iljas Ge­sicht ab.

Dar es die Erwartung der kommenden Stunden?

War es das, was er soeben im Walde erlebt hatte? !

Er stand eine Weile tief atmend da, — bann schlug er den Weg zum Herrcnhause ein. Es lag dunkel vor ihm, nur aus einem einzigen Fenster schimmerte Licht. Soltjakoff wußte, daß es aus Olga Romanownas Salon kam. Sie war also noch wach — sie harrte auf ihn —! Konnte cs möglich fein?!

Er vergaß alles, auch die eben verlebten Augen-i blicke im Walde am schwarzen Teich.

„Olga, Sie sind noch wach?" rief er leise hinauf.

„Ja — ich erwarte Sie."

Er schloß die Türe des Hauses auf und wieder von innen zu. Dann eilte er die Treppe empor, zu ihr, zu ihr' Er fühlte es vorahnend, daß sie ihn liebte, daß sie ihn nicht verurteilte.

Sie stand auf der Schwelle und zog ihn hinein Ihre Arme umschlangen ihn fest.

Tie llhr schlug halb zwölf.--

Sie fanden lange kein Wort, sie konnten nicht sprechen. Sind doch Wotte arm und unzureichend, um das auszudrücken, was die Menschenseele mit höchster Wonne oder mit tiefstem Schmerz erfüQt.

„Ja — ick bin Dein, Geliebter", flüsterte bat bebenbe Mädchen endlich, „ich werbe es bleiben einer Welt zum Trotze!"

„Meine Olga, mein Lieb, mein Mes!"

Unb wieder dieses stumme Sichineinanberveff. senken, dieses völlige, tiefe Verstehen von Seele zu Seele.

„Ich konnte nicht anders, ich mußte es Dir noch heute^sagen, mein Ilja, ich weiß es, die Stunde und der Ort sind vielleicht sonderbar gewählt, aber hier sind wir allein; morgen wäre uns ein ungestörtes Beisammensein kaum mehr möglich gewesen."

(Fortsetzung folgt.)