Fuldaer Zeitung
erscheint »»glich ml» Ausnahme der Sonn- und Selerfoge. viertel, jährlicher Bezugspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Hulda sowie auswärts 1.50 mark. •••• Rofationsftrudt und Verlag der X s zuldaer fldienbrudterel in Hulda. Zernsprecher Nr. 9. 5 s
- n Wocfjen-Beitäger ü s T s s Monatr-Beilage: ~ s Illustrierte Sonntagszeitung l Fuldaer Seschichtsblütter s Ziehungslisten der preußisch-süddeutsche» lllaffen-Lotterle. — tzaldjöhrlich raschenfahrplan. a
tln,eigen: Der Raum einer dnlpaltken Colonel,dl». 47 mm brdt, koste, 15 Pfg. Reklamen: Der Kaum einer Co Ionel,eile, 74 mm breit, kostet 40 pfg. Bel Wiederholungen Rabatt. $ür 0fiert- unb fluslun|ion,eiccn 20 Pf. extra. 3n Konkursfällen mir» bet bewilligte Rabatt hinfällig. Crftilungsort für bas Anklagen von $orberungen ist Sutba. 6n,eifen-Pnnahtne bis 10 Uhr oormlttags. r. s 6rädere flnjeiren erbitten wir uns tacs vorher. :: 3
Nr. 107. erstes Blatt.
Samstag den 10. Mai 1913.
40. Zahrgang.
mr Wegen des hl. Pfingstfestes wird die nächste Nummer der »Fuldaer Zruung' erst am Dienstag auSgegeben.
t Pfingsten — das Geburtsfest der Welttirche.
Es waren versammelt zu Jerusalem Juden und Judengenossen aus den verschiedensten Ländern und mit den verschiedensten Sprachen. Ihnen allen wurde die neue Botschaft des Heiles verkündet, und den Apostel Tütruz horte jeder in seiner Muttersprache reden. So wurde auch durch äußerliche Zeichen bekundet, was im Wesen des Erlösungswerkes und der Lehre Christi läge: daß die christliche Kirche nicht an Stamnies-, Staaten- oder Sprachgrenzen gebunden sein, sondern der gesamten Menschheit den Glauben und das Heir bringen sollte. Zu Pfingsten wurden nicht Landeskirchen gegründet, sondern die Weltkirche. Eine Kirche, die katholische Kirche!
Die Ueberbritckung der nationalen Scheidewände wird noch immer der katholischen Kirche zum Vor Wurf gemacht, als ob darin eine Gefahr läge. Die Kultnriämpfer schwingen diese rostige Waffe sogar noch in der heutiger» Zeit, obschon das Verkehrswesen, die Wissenschaft, die Kunst, überhaupt die ganze weltliche Kultur auf Universität, auf Weltwirksamkeit drängen. In dieser Entwicklung zeigt sich klar, daß beides neben einander bestehen muß: die nationale Sonderart und die weltumfassende Menschlichkeit, das Rassenbewußtsein und die Solidarität aller Adamskinder, der staatsbürgerliche Sinn und der weltbürgerliche Idealismus. Die Gliederung ist geirnd, wenn sie nicht zur Spaltung und Ablösung führt. Die Kräfte, die sich in der Eigenart entwickeln, müssen ihre Sammlung und Einigung finden zum Wohle des Ganzen und unter dem Ein sing ei:i->r höheren Idee, die überall auf Erden die Köpfe und Herzen der guten Menschen belebt und hebt. Wenn schon die weltliche Kultur eine internationale Tendenz hat, wie sollte da die christliche, sittlich religiöse Kultur, die ihren Ursprung und ihr Endziel in dem einen höchsten Gott und Schöpfer aller Menschen hat, sich in der Enge eines Stammes oder eines Einzelstaates einkapseln lassen? Das Christentum verträgt am allerwenigsten eine chinesische Mauer. Auch in den andersgläubigen Religionsgesellschaften muß man, obschon man die katholische Kirche verneint und bekämpft, doch nicht dem internationalen Drange der Zeit Rechnung tragen durch eine sehr ausgedehnte Misiionsrätigkeit, durch zeitweilige oder dauernde Vorkehrungen für Sammlung und Verständigung der Landcskiröhen, durch Sorgfalt für die eigene Diaspora im Auslande, sogar durch eine Propaganda jenseits der Grenzen, z. B- in Oesterreich.
Wenn die Vorurteile gegen den Katholizismus das Verständnis für das Mittelalter nicht so sehr erschwerten, so würden auch die Andersgläubigen einen besseren Begriff haben von dem ungeheuren Vorteil, den der u n i v e r s a I e Charakter der Kirche und chre internationale Wirksamkeit der Welt gebracht hat in jenen Zeiten, als noch die Verkehrslosigkeit und die Friedlosigkeit die Völker von einander absperrte. Da war die'Weltkirche das einzige Heilmittel gegen die Gefahren einer geistigen und körperlichen Inzucht. Sie war und ist die Begründerin und Pflegerin der wahren Menschheits-Kultur. Ja, man kann sagen: ohne die Weltkirche, die am Pfingsttage begründet wurde, gäbe es überhaupt keine einheitliche Menschheit auf Erden mehr.
In diesem Jubiläumsjahr fühlen wir uns doppelt als Deutsche. Aber das echte Nationalbewutzt- sein wird nicht beeinträchtigt, sondern vielmehr gehoben und geheiligt durch das stolze Gefühl, daß wir
Die Schuld der Vaters.
17] Roman von Freifrau G.von Schlippenbach.
„Was mag Ilja Georgewitsch begegnet sein?" denkt der Diener, „er scheint so sonderbar erregt."
Soltjakoff möchte jubeln und doch preßt eine unsägliche Singst ihm die Brust zusammen. Er sieht auf seine Uhr. Es ist halb neun, die Dunkelheit sinkt nieder. Was werden die nächsten Stunden bringen? Wird Swerjesf ihm endlich enthüllen, was er ost an» deutete? —
Um %10 zieht sich Olga unter dem Vorwand, noch packen zu müssen, in ihr Zimmer zurück. Daisy, die sich in der Osternacht in der Kirche leicht erkältet hat, fühlt sich etwas fieberhaft und sehnt sich nach Ruhe. Sie ist sehr betrübt, daß die Freundin morgen um die Zeit Weit von Blagotir ist. Es fließen einige Tränen von feiten Daisys, die Olga immer wieder küßt und liebkost. Endlich ist Soltjakoffs Gast allein, endlich kann sie den Brief lesen, den er ihr schrieb.
Mit leise bebenden Fingern öffnet sie das Couvert, dann verlieft sie sich in seine Zeilen.
„Olga Romanowna, wenn Sie diese Zeilen lesen, habe ich Ihnen von meiner Liebe gesprochen. Ich habe lange mit ihr gekämpft und hoffte, sie zu überwinden, aber ich kann es nicht, es überwältigt mich und wirft mich nieder. Sie haben ein Recht, alles zu wissen, ehe Sie sich entschließen, meine Fran zu werden. Sie allein sollen mich richten ober mir der geben. Ich will nicht beschönigen, nichts bemänteln, das toare meiner unwürdig. Ich habe immer danach getrachtet, mir selbst treu zu bleiben. Erschrecken Sie jetzt nicht, Olga, ich habe ein Menschenleben auf dem Gewissen und habe zwei Jahre in einem Zuchthause gesoffen."
Olga ließ das Blatt sinken, die Buchstaben schwammen vor ihren Augen. '
„Ist es möglich", dachte sie, „ich hielt ihn für den besten Menschen, das hätte ich nicht vermutet."
als lebendiger Zweig der Weltkirche angehören, und daß wir unfern Nationalgeist in Einklang und Wechselwirkung wissen mit dem heiligen Geist, dem der Schöpfer aller Menschen zu allen Mensche», gesandt hat. Wie das Familienleben nicht durch den S W beeinträchtigt, sondern vielmehr geschützt und gehegt wird, so leidet auch unser nationales und staatliches Leben nicht unter der Katholizität unserer Kirche, sondern entwickelt sich gerade um so edler und schöner unter dieser allgemeinen Gnadensonne.
Wir wollen zu Pfingsten uns freuen mit der gesamten Christenheit, und wir wollen unfern Stolz darein fetzen, durch tüchtige Entfaltung der deutschen Art uns einen ehrenvollen Platz zu sichern unter den Gliedern der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche.
Deutsches Reich.
r Berlin, 9. Mai 1913. Der Kaiser ist von Frankfurt-Wiesbaden am Freitag morgen wieder in Potsdam eingetroffcn. — Mit den Vorarbeiten zu den Ausführungsbestimmungen zum Wassergesetz ist jetzt begonnen worden. Es handelt sich um sehr umfangreiche Arbeiten, die die Mitarbeit der provinziellen Behörden notwendig machen, so daß das Waffergesetz kaum vor dem 1. April 1914 wird in Krall treten können. — Das neue Fischereigesetz ist jetzt auf Grund der Bestimmungen des neuen Wassergesetzes, auf denen es aufgebaut werden muß, umgestaltet worden. Der Entwurf geht dem Landtage bestimmt im nächsten Winter zu.
** Die Ankündigung einer neuen Wahlrechtsvorlage sollte, wie die ,Tägliche Rundschau' mitteilte, m der Thronrede, mit der der König von Preußen den neu- gewählten Landtag eröffnen wird, erfolgen. Wir batten bei der Wiedergabe dieser Meldung ihre Richtiokeil sogleich in Zweifel gewgen. Wie jetzt die .Poff (Nr. 214) erfährt, stehen Einzelheiten über den Text der Thronrede roch gar nicht fest.
♦* Die Herabsetzung der Altersgrenze für die Alters- rente. Der Un stand, daß auf der Konferenz von Vertretern der Landesversicherungsanstalten, die im vorigen Monat im Reichsversicherungsamt stattfand, auf Grund der vorgenommenen Zählungen sämtlicher Versicherten in Den Altersklassen vom 60. bis zum 65. Lebenswahre die Belastung durch die Herabsetzung oer Altersgrenze auf das 65. Lebensjahr insgesamt auf jährlich 13s/< Millionen gerechnet ist, hat zu der Annahme geführt, daß damit Die Angelegenheit bereits endgültig geklärt sei. Diese Annahme ist Blätter« Meldungen zufolge jedoch nicht zutreffend. Denn die bei der Auszäh ung der Altersklassen gewonnenen Zahlen bedürfen zu ioter richtigen Bewertung einer fachverständigen Nachprü'ung, die gegenwärtig von der zuständigen Stelle ausgeführt wird. Zur Klärung der ganzen Frage wird eine Denkschrift ausgearbeitet, die im Spätherbst dem Reichstag zugehen wird. Aus Grund dieser Denkschrift wird dann der Reichstag zu entfcheiden haben, ob die Herabsetzung der Altersgrenze statlfinden soll.
Beamtete Versicherungsärzte? Nach einer Mit- teilung in der ,Deulschen Tageszeitung' (!)Zt. 231) fall Die preußifche Regierung beabsichtigen, für die Zwecke der öffentlichen Sozialversicherung etwa 3000 beamtete Aerzte zu bestellen, um den Schwierigkeiten zu begegnen, die sich bei dem gegenwärtigen Stande der Beziehungen zwischen Aerzten und Krankenkassen einer gütlichen Einigung auf privatrechUlchem Wege entgegenlteUen.
♦* Armenunterstützung und preußisches Wahlrecht. Im Landtage ist bekanntlich wieoerhott der Wunich geäußert worben, die Einwirkung der Armenunler- stützung aus öffentliche Rechte auch in Preußen gesetzlich zu regeln. Die Regierung will jedoch diesem Wunsche nichl ftattgeben, roe 1 die Armenunterstützung
Sic sah da und fand kaum den Mut, weiterzulesen. —
„Nun wissen Sie das traurige Geheimnis meines Lebens", lautete der traurige Brief weiter. „Verdammen Sie mich nicht, Olga, hören Sie weiter. Ich muß viele Jahre zurückgreifen, damit Sie alles verstehen.
Meine Eltern lebten im Twerschen Gouvernement. Ich war ihr einziges Kind und wurde sehr verwöhnt. Mein Vater war reich und bekleidete einen hoben Militärposten, die Mutter verlor ich noch im Knabenalter. Vielleicht wäre es ihrem Einfluß gelungen, die Charaktereigenschaften umzumodeln, die mir nachher viel Unglück brachten. Ich besaß eine an Jähzorn grenzende Heftigkeit; sie sollte mir verhängnisvoll werden. Als mein Vater starb, war ich kaum zwanzig Jahre alt; ich trat in den Besitz eines großen Vermögens.
Nun begab ich mich auf Reisen. Ich hatte immer einen Zug ins Weite gehabt und sehnte mich, die Welt außerhalb Rußlands zu sehen. In England lernte ich Daisy Morton kennen, und bald verband uns innige Liebe. Wir wurden Mann und Frau, lebten bald auf dem Landsitze meines Schwiegest Vaters, bald in Deutschland. Nach einem Jahre wurde uns ein Töchterchen geboren, das den Namen der Mutter erhielt. Unsere Ehe wäre noch glücklicher gewesen, wenn mein junges Weib nicht durch meine Heftigkeit gelitten hätte, die ich ihr gegenüber allerdings nie zeigte — dazu war sie zu sanft und gut — aber hin und wieder beherrschte ich mich nicht vor ihr und ließ mich unverzeihlich gehen.
„Es wird noch einmal Tein Unglück werden", sagte meine Frau, „Du mußt an Dir arbeiten, Du bist doch sonst ein so lieber Mensch, mein Ilja."
„Tu hast gut reden", entgegnete ich. „Wenn Du wüßtest, wie mir in solchen Momenten zu Mute ist. Ich verliere vollständig die Besinnung und ehe oJh'3 wie durch einen roten Schleier; wenn ich die y' 'e in Händen hätte, ich könnte einen Mord be-
„Jch fürchte mich vor Dir, Ilja", sagte Daisy und begann zu zittern.
in Preuße» auf daS Wahlrecht nur einen ganz ge< ringen Einfluß ausübt; das Wahlrecht kann nämlich nur dann nicht ausgeübt werden, wenn jemand am Wahltage Armenunterstützung erhielt, die den Cha- taflet einer laufenden Unterstützung hat. Andere Unterstützungen zur Hebung einer augenblicklichen Notlage gelten nicht als Wahlrechtsentziehung. Bei den bevorstehenden Wahlen wird, wie die ,Pmtt (Nr. 214) erfährt, festgestellt werden, in wieviel Fällen eine Entziehung des Wahlrechts erfolgt ist, um später darlegen zu können, daß die geringe Zahl der Fälle eine vefonb-re Gefetzesaktion nicht lohnt.
= Phantastische Enthüllungen. Ein Hamburger Blatt weiß allerlei Geschichten zu erzählen über die BorgeschichtedesFall es Krupp im Reichstage. Das Blatt teilt mit, daß der Abg. Erzberger ursprünglich Inhaber der peinlichen Dokumente gewesen sei, es aber für zweckmäßig gehalten habe, die Rolle des Enchüllers der Sozialdemokratie zuzu- fchanzen. Herr Erzberger soll das Material angeblich von der Kruppschen Konkurrenz, nämlich von dem rheinischen Großindustriellen August Thyssen, dem Konkurrenten Krupps, erhalten haben. Also erzählt das liberale Blatt im Wonnemonat Mai, nicht etwa am 1. April feinen Lesern. Die ganze Geschichte ist natürlich erfunden. Ter auf feine Enthüllungen stolze Genoffe Liebknecht erklärt auf eine Anfrage die ganze Geschichte als „törichtes Geschwätz, Vesten Grundlosigkeit nicht ausdrücklich betont zu werden verdiene". Auch der Abg. Erzberger erklärt, daß alles, was in dem Artikel behauptet wird, in allen Einzelheiten sowohl wie auch in den Schlußfolgerungen glatt erfunden ist.
* Die Kontrolle bei Lotterieziehungen. Der Prozeß gegen den Tüffeldorser Lotterieunternehmer Schäfer, der zu besten Verurteilung wegen Betrugs bei verschiedenen Lotterieziehungen zugeführt hat, ist, so schreibt man der „Frist. Ztg.", insofern von befenberem Interesse, weil sich zur allgemeinen Ueberraschung bas völlige Versagen ber vorgeschrie- benen staatlichen Aufsicht ergeben hat. Trotz ber Anwesenheit eines Notars unb eines Polizeikommiflars hat Schäfer bie vom Frankfurter Gericht als erwiesen angesehenen Manipulationen mit ben Losen vornehmen können, burch bie er sich bie Hauptgewinne zu- schanzte, unb bie kontrollierenden Personen haben nichts getan, um chre Kontrolle wirksam zu machen unb bie Mittontrolle des zuschauenden Publikums zu ermöglichen. Die Frage, ob hier tadelnswerte Nach- lässig'keiten ober nur Mängel des Systems vorliegen, wirb wohl noch genau geprüft werden. Zweifellos aber müssen für bie Zukunft bessere Vorkehrungen getroffen werden, um bie Aufsicht zu sichern unb bte sie aussührenben Personen für chre strenge Durchführung verantwortlich machen. Es muß vor allem auch unmöglich gemacht werben, daß Leute an ber Ausführung ber Ziehung aktiv teilnehmen bürfen, welche mit bem Lofevertrieb befaßt ober sonstwie an bem Absatz ber Lose sowie an bem Lotterieausfall interessiert sind. In einigen Blättern wird bie Meinung vertreten, bie veruntreuten Summen müßten Schäfer verbleiben. Das erscheint uns durch- aus nicht selbstverstänblich, vielmehr ergeben sich nun recht interessante Rechtsfragen. Veranstalter ber Lotterie ist nicht Schäfer, sondern diesem ist von den eigentlichen Veranstaltern, denen bie Lotterie genehmigt worben ist, und zu bereu Gunsten sie stattgefunden hat, lediglich der Lofevertrieb übertragen worden. Es wird sich daher fragen, ob diese nicht ein Rücksorde- rungsrecht haben, und ebenso, ob nicht eventuell die Losebesitzer bann ebenfalls Rechtsansprüche erheben können. Unter Umftänben also können sich aus der Angelegenheit noch bie verschiedensten Rechtsfragen ergeben, die hier nur angebeutet sind.
Stritt in einem fozialdcmotiatischrn Konsumverein. Für den fozialbemokratifchen Konsumverein Rüstringen (bei Wilbelmshaven) war der 1. •’ipril
Ich warf mich vor ihr nieber unb legte ben Kopf in ihren Schoß.
„Mein guter Engel", bat ich, „lege bie Hand auf mein wildes Herz, bann wirb es stille werden unb bete für mich, daß Gott mich nicht in Berfuchung führe."
Es lag nicht in meiner Absicht, Rußland noch länger zu meiden, da begann meine Frau zu kränkeln. Wir zogen von Ort zu Ort, in bie Bäder, zu ben de- rühmten Spezialisten, aber nichts half, mein heißgeliebtes Weib magerte ab unb wurde immer elender. Man riet uns, nach Wien zu reifen. Dort fei ber Professor Z„ etn wahrer Wunderarzt für diese Art von Krankheiten. Jrn Frühling bezogen wir eine elegant eingerichtete Zimmerflucht in der Nähe des Praters. Unb hier, in ber Kaiserstadt an ber Donau, kam das Entsetzliche.
Ich verkehrte viel im Klub ber Ausländer. Dori lernte ich einen Ungarn kennen, einen Abenteurer, der von ben Taschen seiner sogenannte» Freunbe lebte. Wie ein Vampyr heftete sich dieser Mensch an mich. Ueberall war er mein Schatten: auf ben Rennplätzen, bie ich besuchte, am Kartentisch, benn bamals spielte ich gern unb hoch. Müßiggang ist aller Laster Anfang , heißt es ja mit Recht.
Miska Lazh, so hieß ber Ungar, bat mich, ihm zu gestatten, meiner Frau einen Besuch zu machen, was ich erlaubte.
Nun kam mein Freunb, wie ber Kerl sich nannte, oft zu uns, zuerst, wenn ich ba war, bann fast immer, wenn er Daisy allein wußte. Mir fiel es nicht aus, bis sie mir eines Tages sagte:
„Willst Du nicht Herrn Lazy verbieten, mich noch weiter mit seinen Visiten zu behelligen."
Ich würbe aufmerksam. Forschenb sah ich meine Frau an; sie erwiderte den Blick freimütig.
„Er ist mir sehr unsympathisch", gestand sie.
„Ist er gegen Dich irgendwie zudringlich gewesen?" fragte ich, unb bei bem bloßen Gedanken züngelte bie rote Zornesflamme auf meine Stirn.
„Noch nicht, aber ich fürchte, er könnte es werben."
b. IS. ein kritischer Tag. Der Lagermeister sollte wegen vorgekommener Unregelmätzigkenen seines Postens enthoben und zum gewöhnlichen Lagerarbeiter degradiert werden. Die Konfumvereinsver- roaltung hatte die Rechnung aber ohne D’e — selbstverständlich soziald.'mokratifch organisierten — Lagerarbeiter gemacht. Die erklär en sich nämlich mit bem Degradierten solidarifck und traten kurzerhand in den Streik; Genossen ftreilten gegen Obergenoffen! Veiwaltung und Auisichtsrat berieten fünf Stunden und — sahen sich zum Nachgeben gezwungen, wenn sie bie Bude nicht zumachen wollten; de Lagermeister blieb. Es wurde ein Schiedsgericht eingesetzt, das den .Fall" untersuchen und schlichten soll. Von der Entscheidung war bisher nichts in Erfahrung zu bringen. Sonderbarerweise wurden am gleichen Tage der Arbeits- nkbetlegung schon in einem bürgerlichen Blatt, dem Wilhelmshavener Anzeiger, Streikbrecher für den Rüstringer Konsumverein gesucht. Uno damit auch der nötige Humor bei diesem zukunftsstaatlichen Drama nicht fehlte, verleugnete die Verwaltung des Kontumver ins das Strerkbrecherinserat, fetzte sogar 100 Pik. Belohnung für den aus, der den Urheber Dieses .Aprilscherzes" ausfindig machen würde, was natürlich niemand gelingen wird.
Minden, 9. Mai 1913. Der westfälische Haupt- verein des Evangelischen Bundes hielt hier dieser Tage ferne Provinzialversammlung ab. Die Redner Pfarrer Niemöller, Direktor Everling zogen in der altgewohnten Weife gegen den Ultramonta« niSmus" zu Felde. Das regt uns weiter nicht auf, wir erwarten von Rednern des Evang. Bundes nichts anderes. Ganz unerhört aber ist, daß der Bürgermeister Dieckmann von Minden in feiner Begrüßungsansprache, die er namens der Stadt hielt, nach dem Bericht des Minden-Lübbecker SieiSblatt (Nr. 104) sich nicht scheute, von einem .unaufhaltsamen Vorwärtsdringen römischer Machtanfprüche" zu reden. Eine derartige kutlurtämpserifche Redewendung ist ungehörig bei dem Bürgermeister einer Stadt, zu deren Bewohner auch eine nicht geringe Anzahl von Katholiken gehört, und deshalb muß dagegen Protest eingelegt werd ». Welches Lamento würde wohl aus der anderen Seite entstehen, wenn ein katholischer Bürgermeister in einer offiziellen Begrüßung einer Katholikenverfammlungsich eine ähnliche ansiällige Bemerkung gegen den Protestantismus erlauben würde!
* Ziklenzig, 9 Mai 1913. Bei der Reichstags - ers atzwahl im Wahlkreise Oft« und W e st « Sternberg, bte infolge des Ablebens des konservativen Vertreters notwendig wurde, erhielt 6er konservative Kandidat 9500, die Kandidaten der übri gen Parteien zusammen 4200 Stimmen.
Ausland.
** Annahme ber dreijährigen Dienstzeit im fta>M- scheu kammerauSschnß. Der Heeresausschuß der Kammer hat die Prüfung der Gesetzesvorlage betr. die dreijährige Dienstzeit beendet und sie im ganzen mit 17 gegen 4 Stimmen angenommen. Ter letzte Artikel der Vorlage führt ,m einzelnen aus, daß das Gesetz unverzüglich in Kraft treten und mit Dem Augenblicke der Veröffentlichung auf alle jetzt unter den Fahnen befindlichen Leute Anwendung finden wird.
♦* Englische Ministerreifen nach bem Mittelmeer. Ministerpräsident Asquito und der erste Lord Der Admiralität Churchill, beide mit ihren Familien, sowie Konteradmirar jJioote Haden mit zwei Privaisetretären London verlaffen; sie werden übet Dover und Calais nach Venedig fahren, wo sie sich auf Der Jach .Euchantreß" einschiffen werden.
♦♦ Der Susftagettenwahnfinn. In England ist ein schöner Som versitz im Bezirk Barrow durch einen
„Es ist gut, mein Liebling, ich werde Lazy fern zu halten wissen."
Noch an demselben Abend sah ich den Ungar. Sein Anblick versetzte mich in unbeschreibliche Wut.
„Sie werden bei mir nicht mehr empfangen werden", sagte ich in absichtlich ungezogener Art.
Die schwarzen Augen des Mannes funkelten.
„Warum?" zischte er zwischen den Zähnen, „ich bitte um nähere Erklärung, mein Herr."
„Weil es mir so paßt", entgegnete ich kurz.
„Das rft keine Antwort!"
Verächtlich und ohne weitere Erklärung drehte ich ihm den Rücken.
Seitdem vermied ich es, den Ungar zu sehen. Wenn wir doch einmal zusammentrafen, so ignorierte ich ihn. Er hatte dagegen eine unausstehlich spöttische Art angenommen, die mich reizte. Nur noch mühsam beherrschte ich mich, es zuckte mir in den Fingern, wenn ich das freche Gesicht mit dem langen, spitzgedrehten Schnurrbart sah.
Die Gesundheit meiner armen Frau wurde nicht bester; sie verschlechterte sich. Mein Herz war von banger Sorge erfüllt.
Unser Töchterchen war ein allerliebstes Ding geworden, der Sonnenstrahl meines Herzens.
Ich hatte auf Bitten meiner Frau eine Einladung zur Jagd angenommen und mußte dazu über ~anb fahren. Doch schon am zweiten Tage trieb es mich nach Wien zurück, eine große Unruhe hatte sich meiner bemächtigt. Wenn nur Daisy nichts zugeftogen war. Unerwartet kehrte ich heim.
Als ich auf den Fußspitzen über den weichen Teppich des Salons ging, denn ich wollte meine Frau überraschen, blieb ich plötzlich stehen.. Die Stimme Lazys drang aus bem Boudoir Daisys ficbe Sie wie ein Rasender", sagte er leidenschaftlich. „Lange schon wollte ich es Ihnen ge- stehen. Ihr Mann verhinderte es."
„Verlassen Sie mich auf der Stelle!" rief die schwache Frau, „ich klingle und rufe den Diener, er soll Sie qeraultoerfen."