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3. Blatt.

»ruck der ‘‘elbotr Hcttenfcrucerei in Selbe.

Fuldaer Zeitung ♦

m ,or.

Samstag 10. Mai 1913.

»

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Lazarettwirtichattskoften . Arzneien u VerbandSmtttel Lazaretl-Geräirmilrrhallg.

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s«ne Sparsamkeit und seine Sachverständnis folgend» Liste von Abstrichen zusammengestellt:

Deutsches Reich.

** Kräftige Abstriche sind vom Reichstag in diesem Jahre beim Militärs lat gemacht worden, obwohl gerade bei diesem Etat Abstriche so ungemein schwer ourchzusetzen sind. Im Lande rst es lebhaft begrüßt worden, daß diesmal kräftiger und nachhaltiger als Hübet Versuche zu unerbittlichen Abstrichen gemacht worden sind. Um so törichter und frivoler ist drum das Gebaren von Zeitungen, rote ,Rheinisch«West- fäliiche Zeitung', .Tägliche Rundschau', die daS ernste und anerkennenswerte Bemühen des Reichstages, an allem Entbehrlichen zu iparen, mit Spott und Ent­stellungen lächerlich zu machen suchen. Tas beißt einfach, Regierung und unverantwortliche Pol>- ltker zu verichwendert|chen Ausgaben drängen und mit dem Volke und Steuerzahler Schtndluder treiben. Rur ein typisches Beispiel vieler entweder gewissen- loien oder maßlos dummen Spöttereien sei hier nach der,R5ln. Vztg.' angeführt: In Nr. 50» hatte die »Rheinisch-Westfälische Zeitung' als Kostprobe sür die Tätigkeit d?8 ipariam-n Reichsragsansichuss s", tt't

ManmchaftSlöhnung . . 77594405 M. Allgemeine Unkosten . . 1546192 , Waffen- u. Geschützlnstand-

hatiung...... 2719153 ,

Sonstige nenn. Ausgaben 2 257173 „ Naturalien-Ankauf . . . 83319848 „

. . Nur nicht zahlen!

Ter Kern der neuen militärischen Forderungen ist bereits bewilligt: Deutschland erhält einen wesent­lich verschärften Grenzschutz und beschleunigt seine Mobilmachung um mehrere Tage. Der alte Vor­sprung Moltkes wird also wieder eingeholt und er­halten. Die teilweise Ablehnung der' Kavalleriever mehrung ändert an dieser Situation nichts. Man kann heute schon sagen, daß eine Mehrheit für die Militärvorlage gesichert erscheint, selbst wenn noch | mehr Streichungen erfolgen.

Wie aber steht es mit der Deckungsfrage? Diese kommt nun nicht einen Schritt voran: im Ge­genteil, man gewinnt den Eindruck, als ob die Aus sichten auf eine friedliche Lösung der Deckungsfrage sich verschlechtern. Man geht wohl nicht fehl, wenn man schon heute sagt, daß ein großer Politischer Kampf bevorsteht. Man kann heute noch nicht sagen, ob sich dieser mehr unter den Parteien des Reichs­tages abspielt (E r b s ch a f t s st e u e r) oder zwischen Reichstag und Bundesrat (B e r m ö g e n s st e u » r). Nach keiner Seite hin find die Würfel gefallen. Der Reichskanzler tut gar nichts, um eine Klärung herbei­zuführen. Die Parteien aber kommen aus eigenem kaum zusammen. Man merkt vielmehr deutlich, wie immer stärker eine Entfremdung eintritt. Die Parole: nur nicht zahlen! beherrscht wieder alles.

In den Reichstagsverhandlungen über die Dcckungsvorlagcn erklärten die sozialdemokra­tischen Redner, daß sie dem Wehrbeitrag sympathisch aegenüberstünden. Dagegen erklären die Resolutionen der sozialdemokratischen P r o t e st v e r- sammlungen: „Die Versammlung erklärt die Milliardenvergeudung für militärische Zwecke für eine nachhaltige Schädigung der deutschen Volkswirt, schäft, durch die auf alle Fälle die Arbeiterschaft schwer betroffen wird. Sie erklärt die Deckungsvor­schläge der Negierung für völlig unannehmbar."

Sozialdemokratische Blätter erklärten zu die­ser Resolution: die Sozialdemokraten müßten auch geben den Wehrbeitrag der Reichen stimmen, denn „bte Mittel der Reichen fließen im Grunde doch auch nur aus der Ausbeutung der Volkskraft". Obwohl die Arbeiter, von den neuen Steuern, die noch erheb­lich geändert werden, gar nicht getroffen werden, hort man den Protestruf.

Aber noch lebhafter wird der Hanfabund, der die Parole: nur nicht zahlen! seit seiner Geburts­stunde als einziges Lebcnselement angesehen hat. Dabei versteht er sich aufs Geschäft. Es wird für die Bewilltgung der Wehrvorlagen gleich die quit­tierte Rechnung präsentiert: „Gleichberechtigung aller ErwerbZstände in der Verwaltung, der Diplo. matie, der Regierung und der Leitung des Staates" usw. Dafür will dann der Hanfabund, entgegenkom­menderweise, nichts gegen die Wehrvorlagen sagen. Anders aber ist die Geschichte, wenn es sich um'die

Verwalt, u. Bereitg. der

Naturalien..... 9 534 413

Mundnerpfleguna . . . 72678785

BekleidungS - Abfindung d.

Truppen...... 16 193 046

Ausrüstungsstück. Abfindg.

Beschaffung von Stoffen

Außerordentliche Brlchaf» fungen, Aushülsen . ,

Geräleausftallung usw. .

Zioilhandwerkerkoften. .

abgesetzt:270M.

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Wußte, brauchte nur an dem einen Tage Wertpapiere zu hohem Kurse verkaufen zu lassen, um des andern Tags, nachdem die Sache ruchbar geworden, bei ge­sunkenen Kursen Papiere wieder zu kaufen. Und wenn einer vorher wußte, daß König Nikita am Sonntag nachgeben würde, so konnte er am Sams­tag seine Ankäufe recht umfangreich machen, um am Montag, der eine Häufle bringen mußte, mit be­trächtlichem Gewinn wieder zu verkaufen.

Sollten nicht die „Eingeweihten" diese Gelegen­heit benutzt haben, um Börsengewinne einzuheimsen? Tie Verlockung war groß und die Spekulation ganz icher. Tie Schuldsrage werden wir Wohl nicht lösen können, da solche Schiebungen unter dichtem Deck­mantel vor sich gehen. Aber man kann sich hierbei klar machen, daß wir gewöhnliche Sterbliche große Esel sind, wenn wir uns auf das Glatteis der Bör- enspekulation locken lassen. Wir werden einfach ge­rupft, jämmerlich gerupft von den großen Spekulan­ten, die bessere Informationen, raffinierte Kunst­griffe und stärkere Hilfsmittel haben. Die „Macher" wissen vorher, daß dieser oder jener Zwischenfall, diese oder jene Neuigkeit einen Kursrückgang herbeiführen werden. Sie wenden womöglich noch allerhand Kniffe und Pfiffe an, um das Auf und Ab recht stark zu machen. Wenn nun die Bewegung im Gange ist, so komm das „Publikum" nachgehinkt, um auch noch davon zu profitieren. Aber in der Regel kommt es zu pät. Während der Uneingeweihte noch auf die Flut pekuliert, ist schon wieder Ebbe cingetreten oder um gekehrt. Tie Kälber wollen mit den Windhunden um die Wette laufen.

Bekannt ist die Geschichte von dem großen Bör- engewinn, den Rothschild im Jahre 1815 in London machte. Er allein hatte die Nachricht von dem Siege bei Waterloo, den die Engländer und Preußen am 18. Juli über Napoleon I. errungen. Die ganze übrige Börsen- und Handelswelt wußte nur von der ungünstigen Schlacht bei Ligny. Jnfolgedeflen war die Börse voll Panik, die Kurse fielen. Rothschild be­orderte noch den Kurssturz, indem er öficntlich ver» aufen ließ. In der Stille aber ließ er durch seine

Vochen-Nundschau.

[:] Fulda, 9. Mai 1913.

Die Parlamente sind nun alle in Ferien gegan­gen. Das preußische H e r r e n h a u s, das nur noch zu den letzten Äeschlüsien des Abgeordnetenhauses Stellung zu nehmen hatte, hatte am Montag seine letzte Sitzung. Es kam diesmal zu recht interessan­ten Debatten, in denen auch Fragen der Reichspolitik ■ berührt wurden. Besondere Beachtung verdient eine Auseinandersetzung über den einmaligen Wehrbeitrag und die Reichserbschaftssteuer, wobei der Berliner Bolkswirtschaftsbehrer Prof. Adolph Wagner die Ueberzeugung aussprach, daß das „Milliardenopfer" für die Heeresverstärkung vom deutschen Volke gebracht werden kann und muß und die pro- duktivste Verzinsung des deutschen Kapitals bedeute. Wenn nun, wie über diese Tatsache selbst bei einsich­tigen Politikern kein direkter Zweifel herrschen kann, so ist doch die Gestaltung der laufenden Abgaben zur Deckung der Wehrvorlage ein noch offenes schwer zu lösendes Pnvblem. Nach der Finanzreform von 1909 ist es begrüßenswert, daß man keine Konsum­steuer vorgeschLgen hat. Es ist zu hoffen, daß das Ergebnis der -ganzen Beratungen der Deckungsvor­lagen das sein wird, daß die Besitzsteuern gerecht ver­teilt werden und zwar, daß jeder nach seiner Lei­stungsfähigkeit entsprechend herangezogen wird. Aber die Besitzsteuerfragc ist -immer noch von einem un­durchdringlichen Dunkel umgeben und im ganzen deutschen Reich könnte heute wohl niemand sagen, welche Lösung dieses Problem erfahren wird. Was dabei vielfach am bedauerlichsten ist, ist die Unentr- schloflenheit und der Wankelmut in Regierungskrei­sen, die sich selbst noch in keiner Weise über den ein­zuschlagenden Weg im Klaren zu sein scheinen. Wohl liegen die Regierungsvorschläge fix und fertig vor, aber sie stellen durchaus kein Definttivum dar und der Reichskanzler hat bekanntlich erklärt, daß die Re­gierung für bessernde Vorschläge ein williges Ohr haben werde. Nun hat die Regierung aber nicht Ohren genug für alle Vorschläge, die 'ihr von den ! einzelnen Parteien und Politikern unterbreitet wer­den. Die ganze Vorlage bedeutet im Grunde nichts anderes, als die Verlegung des Steuerkampfes aus dem Reichstage in die einzelnen Bundesstaaten hin­ein. Man wird auf die Dauer an einer allgemeinen Besitzsteuer nicht vorbeikommen können, da man die erforderlichen Mittel aus indirekten Steuern unmög­lich einbringeu kann. Es ist zu hoffen, daß die Bud getkommission des Reichstags den richtigen Weg gehen wird.

Am 16 Mai beginnen die Urwahlen für die neue preußische Legislaturperiode. Die Linksparteien machen dem Zentrum mit einer gutgespielten Begei­sterung den Vorwurf, als ob es in der Wahlrechts­vorlage umgefallen wäre und schuld daran sei, wenn das direkte Wahlrecht nicht zugleich mit dem geheimen Wahlrecht durchgeführt worden wäre. Man braucht wohl kaum viel Worte darüber zu verlieren, daß dies ganz und gar unzutreffend ist. Denn nachdem von dem preußischen Ministerpräsidenten v. Bethmann- Hollweg die Einführung des Reichstagswahlrechts für Preußen rundweg als unannehmbar erklärt worden I war, stand man vor der Frage, ob man nicht das I Erreichbare erzielen müsse. Die Politik ist die I Kunst des Erreichbaren, die Fähigkeit, von zwei I liebeln das kleinere zu wählen. Und damit war die Situatton für das Zentrum geklärt. Das Zentnim kann auch unter dem alten Wahlrecht den Erfolg an sein Panner heften und mit sehr ruhigem Gewiflen vor seine Wäbler hintreten, denn es hat wie kaum I eine andere Partei wirklich positive, nutzbringende Arbeit geleistet.

Das durch die Berufung seines Bischofes Dr. I Felix v. Hartmann auf den erzbischöflichen Stuhl in Köln verwaiste Bistum Münster hat am Mitt- I woch durch die Wahl des Domkapitels in der Person dvs bisherigen Generalvikars Johannes Poggenburg einen neuen Bischof erhalten.

In der auswärtigen Politik liegen kri­tische Tage hinter uns. Schon waren Oesterreich I Ungarn und Italien zum Einmarsch in Albanien I bereit, um den König Nikita zu zwingen, sich dem I Wiflen Europas zu fügen. Der Bogen war aufs äußerste gespannt, die Sehne zum Abschnellen des Pfeiles gezogen. Da hat sich in letzter Stunde Nikiia gegen den Willen seiner Staatsminister dem Beschluß der Mächte unterworfen. Seine Klugheit hat den Ehrgeiz überwunden. Skutari, das der Kron­prinz Danilo bei seinem Einzuge bereits als zukünf­tige Hauptstadt Montenegros proflamiert hat — ob­wohl sie rein albanisch ist — wird nun den Kom­mandanten der vor Antivari liegenden internatio- I

nalen Blockadeflotte als den Vertretern der Mächte übergeben werden.

Dem Frieden der Balkanstaaten mit der Türkei stehen keine Schwierigkeiten mehr im Wege. Die Feindseligkeiten sind endgültig eingestellt worden, und man kann daher den Friedensschluß in allernächster Zeit erwarten. Die Verhandlungen werden in Low da» geführt werden, während die Botschafter in Paris die ftnannellen Fragen entscheiden werden.

.In Holland hat die Zweite Kammer einen wichtigen Beschluß gefaßt, indem sie die Küstenver­teidigungsvorlage angenommen hat. Auch das di" Scheldemündung beherrschende Vliflinger Fort wird gebaut werden, trotz der Bedenken, die Frankreich ur­sprünglich dagegen äußerte, später jedoch zurücknahm, und trotz des Protestes der öffentlichen Meinung in Belgien dagegen, weil es den Zugang der Schelde nach Antwerpen sperren kann.

Im englischen Unterhause ist wiederum die Vorlage, die den Frauen oder doch mehreren Millio­nen von ihnen dos politische Stimmrecht sichern sollte, mit einer Mehrheit von 47 Stimmen abgelehnt wor­den Die Blätter erklären, daß die Methoden der Suffragetten es unmöglich machten, ihre Sache ernst zu nehmen. Vielleicht sei es gut gewesen, daß die Frauen sich in ihrer wahren Natur gezeigt hätten, die sie nicht für Regierunqsgeschäfte ausqestattet habe, und so sei größeres Unheil verhütet worden.

Aus Portugal erfährt man, daß die Polizei eine Masse zweifelhafter Elemente des Landes ver­wiesen hat. Es ist heute tatsächlich erwiesen, daß die ganze aufständische Beweaung nur von den Radikalen anqezettelt war, welche hofften, bei einem entstehenden Wirrwarr im Trüben fischen zu können.

Dazu leistet sich dann daS Blatt eine Bemerkung, die von der absoluten Unkenntnis seines EtalSkenners Zeugnis ablegt und so albern ist, daß rott sie wört­lich rotebetgeben. ES heißt da:

So arbeitet die Kommission für den ReichshauShaltS- Etat. Und gewahrt offenbar gar nicht- non der vollen­deten Lächerlichkeit solchen Treibens. Sie scheint nicht zu abnen, daß das keine Lparsamlett, sondern Spielerei ist, und daß der netnünftige Deutsche sich dazu nur das Eine denken kann: bte Äommtlfion glaubt sich verpflichtet, an jedem Ponen zu ttttieln, zu fetlichen, zu mmkien, unv wenn eS auch nur 1 Mark tft, rvaS sie abhandelt. Das ist der BeroetS der Regierung gegenüber: der Reichstag hat daS Recht, hat die Macht. Gin Satiriker im Reichstag könnte sich wohl keinen grimmigeren Scherz leisten, alS wenn er die ttommiffion iragte, wie sie die Absetzung von einer Mark hier bei Millioneniumrnen und von einem Taler dort sachlich begründet. Hal die Regierung vielleicht falsch zusammen» gezählt, oder hat die Kommission genau nachger chnet, für wieviele Manntage Mannschafts- und Gesreuen- löh"ung in Frage kommt? War sie vielleicht der Mei­nung, die Lazarette lönnten sich auch einmal mit einer Flasche Bleiwasser weniger behelfen, und es genügte, wenn die Zivilhaubwerker einen Soldatenrock wenige, Herstellen? Man oergeffe die vorstehende Lifte nicht; sie ift klassisch. Wir aber wollen unS freuen, daß wir diese treffliche ReichStagskommifsion haben .. .

Wir aber wollen uns schämen, daß es in Deutschland noch Politiker gibt, die so etwaS Dummes schreiben und drucken lassen können und daß es Zeitungsleser gibt, denen man im Ernst jo etwas Albernes vor- letzen darf. Gewiß! die paar Mark der oben ge­nannten Liste sind auch im Etat als gestrichen und eingespart aujgeführt. Selbstverständlich hat kein Mensch ihre Streichung verlangt oder nur e i n Wort dazu verloren. ES sind einfach rechnerische Folgen anderer größerer Abstriche. Wenn em Geschäfts­mann einen Arbeiter oder einen Angestellten aus feinem Etat streicht und einspart, ergibt sich natürlich auch bte rechnerische Konsequenz, daß er unter Beleuchtung, oder Schreibutensilien, ober Versicherungs­beiträgen, Ersparnisse von Pfennigen aufführen kann. Aber bie H a u p l ersparmS ist der ersparte Gehalt des Mannes mit Hunderten ober Tausenden von Mark. Würde er diese Ersparnis im Etat ver­schweigen, neben den anderen Ersparnissen, dann würde et die Bilanz fälschen und die Oeffentllchkeit be­trügen. Genau so tst's mit den obigen Zahlen. Es ind einfach die rechnerischen Folgen der Ad- lehnung von fünf Regimentskommandeuren als BezirkSkommandeure. Damit sind nämlich auch fünf Burschen, die sonst mehr ongeiorbert wurden, stillschweigend roeggefaUen. Uh.» für den Wegfall der sünf Burschen erscheinen bteie an sich kleinen Zahlenposten, mit denen ,Rheinisch-Westsälische Zeitung' und .Tägliche Rundschau' Reichstag und Regierung lächerlich machen wollen. Die 15—16000 Mk., bte allein durch die Ablehnung der fünf Regimentskommandeure als Bezirkskommarbeute ein« geipart worden find, verschweigen dazu jene Blätter. Und sie verschweigen ferner alle bie anderen Summen, bte an fortlaufenoen jährlichen Ausgaben allein tn diesem Jahre beim Miliiäretat abgestrichen, also erspart worden sind, und bte eine Million übersteigen. So hat der Reirostag fünf Komman­danturen ge'ltichen mit je 12 000 Mk. gehakt, bte vom 30. September 1913 ab roegfaUen müssen. Er bat bte feste Zulage erreicht, baß künftig zehn per­sönliche Abjutanien sür Fürsten und Prinzen eine« gespart werden. Er hat runb 700000 Mk. an sog. P'erbegelbetn gestrichen, et hat 16-20000 Ml. sür Wohnungs- und Reiseentschädlgungen abgestrichen. Et hat bie Regierung zur Zurück;,ehutg der Forderung von 5 834000 Mk. zum Bau eme5 luxuriösen Militär- kabinetts veranlaßt. Ueber dem zahlmäßigen Wert aller biefer Abstriche aber steht der euer nrtje Wille,

Vertrauensmänner alles aufkaufen, was angebvten wurde, da kam am nächsten Tage die amtliche Nach­richt von dem Siege. Die Wertpapiere stiegen sofort ungeheuer, und Rothschild konnte Millionen einstrei­chen, — womit die Unkosten für das Schiff, das ihn sofort nach der Schlacht über den Kanal gebracht hatte, tausendfach ausgewogen waren. — Nun denkt vielleicht mancher, in diesem Zeitalter des Telegra­phen sei es nicht mehr möglich, mit schnellen Infor­mationen anderen Leuten zuvorzukommen. Aber es lassen sich doch noch derartige Geschäfte machen. Wenn man auch keinen Vorsprung von einem ganzen Tag haben kann, so genügt doch ein Vorsprung von einer Stunde oder einer halben Stunde, um die schlechter unterrichteten Mitmenschen über den Löffel zu bar­bieren. Und wie gewinn reich sind oft die Informa­tionen über Absichten, die sich unter Umständen an mehreren Börsentagen ansbeuten lassen, ehe die vollzogene Tatsache an die Oeffentlichkrit gelangt?! Reben den politischen Nachrichten spielen die g e- schäftlichen Neuigkeiten eine große Rolle. Wer recktzeitig etwas erfahren hat über Pläne, Aufträge, Fusionsverhandlungen, Kapitalserhöhungen, Divi- dmdenschätzungen bei diesen ober jenen Unternehmun­gen, der hat gut spekulieren in diesen Werten, und die Uneingeweihten haben die Zeche zu bezahlen.

Daher sei keine Motte, die in das lockende Licht der Borscnspekulaion flattert. Halte dich überhaupt von jedem Glücksspiel fern, auch von den Rennwet­ten, die gewöhnlich klein anfangen und mit großem Schaden enden. Die einzig richtige Quelle von Wohl­stand und Glück ist die alte ehrliche Arbeit. „Saure Wochen, froße Feste." Wer in seinem Berus wacker tätig gewesen ist, der darf auch Pfingsten als Fest der Freude begehen, und wenn es auch bei der Ent­wirrung im Orient nicht immer glatt und ehrlich zu­geht, so dürfen wir doch froh sein, daß die Dinge sich zum friedlichen Abschluß entwickeln. Alles in allem genommen, wird das diesjährige Pfingstfest doch noch besser, als wie es zu Himmelfahrt sich an­ließ.

Unpolitische Zeitläufe.

N. Berlin, 8. Mai 1913.

^Nachdruck nicht gestattet.)

Kalt und friedlich ists in der Welt gewor­den. Die Hitzwelle hat nicht angehalten weder in der Luft noch im Kopfe des Königs Nikita. Allzu scharf macht schartig. Der Rückschlag ist gesund, denn das avsgedörrte Land braucht Regen, und der übermütige Zaunkönig braucht eine kalte Packung. Mai kühl und naß, füllt Scheuer und Faß; in dieser Hoffnung wollen wir uns sogar eine Verschnupfung der verwöhnten Nase gern gefallen lassen. Wer sich rechtzeitig bekehrt, dem wird Verzeihung beschert; darum soll nun auch Montenegro ungeschoren blei­ben. Vielleicht wird sogar dem eingeschwenkten ver- ichlach" t "bch ein Kalb der Belohnung ge- ~ ist mein Herz nicht von Stein; aber in diesem Falle konnte ich doch den Wunsch nicht unterdrücken, M ber Störenfried am Balkan außer der moralischen dusche auch noch reelle „Niederschläge" erhalten Möge. Was auch die modernen Kultureiferer sagen, M halte die Prügelstrafe für ein ausgezeichnetes Er" Nlehungsmittel, das sich oft gar nicht ersetzen läßt. Diese bittere, ober heilsame Medizin wird int kleinen W der Rute, int großen mit dem Säbel ansgeteilt. Mancher geriebene Junge, der Prügel verdient hat, kriecht angesichts des erhobenen Stockes zu Kreuze sagt, er wolle es nicht wieder tun. Dann kommt der Vater in Gewissensbedrängnis: er weiß, daß der Junge eine Züchtigung verdient, aber einen reuigen gunber prügelt man boch nicht gern. Also wirb bie «träfe geschenkt, obschon ber Vater das Gefühl hat: ^"e Portion Schläge würbe doch nachhalttger wirken ms die Begnadigung; denn die Reue, die der Bengel letzt bekundet, wird wohl zugleich mit der Angst toie- ■5r derschwindeit. In ber Tat, bett Schlingeln, bie yten Kopf int letzten Augenblick aus ber Schlinge »’cben, darf man nicht zu sehr vertrauen. Der er- Mgretche Versuch reizt zur Wieberholung. Der auerhastefte Denkzettel ist ber, ben man mit unge­

brannter Asche auf die ungegerbte Haut geschrieben hat.

Mir fiel bei biefer Gelegenheit die alte Geschichte von Kanossa ein. Der liederliche und gewalt­tätige König Heinrich IV. hatte überreichlich den Kirchenbann und die Absetzung verdient. Aber ols er sich mit Gewalt nicht mehr zu helfen wußte, da griff er zur List. Er drängte sich dem Papste Gre­gor VII. als Büßer auf und spielte diese Rolle im Schloßhofe von Kanossa so kunstgerecht und aus­dauernd, daß dem Papste schließlich nichts anderes übrig blieb, als seine Buße anzunehmen. Er konnte wohl argwöhnen, daß alles nur Komödie sei, aber nachweisen ließ sich der Lug und Trug nicht. Also wurde Heinrich auf seine Bitten und Versprechungen hin begnadigt. Aber kaum hatte er wieder Boden unter den Füßen, da setzte er das alte Spiel mit fri­schen Kräften fort. — Skutari kommt mir als so eine Art von weltlichem Kanossa vor.

Ein alter Freund, mit dem ich über bie Wendung der Dinge sprach, machte die Nutzanwendung: Da zeigt sich wieder, daß man nichts nehmen soll, was man nicht halten kann. Wer zu gierig nach bestrit­tenen Dingen greift, hat schließlich den Aerger, den Schaben und ben Spott, wenn er die Beute toieber fahren lassen muß. — Ist das nicht ganz richtig? Im allgemeinen, ja. Aber in Ansehung des vorliegenden Falles warf ich die Zwischenfrage ein: Wissen Sie denn sicher, daß der schlaue Nikita überhaupt geglaubt hat, er könnte Skutari behalten? In diesen orien talischeu Geschäften findet sich ein einfacher Mittel-- europäer nicht fo leicht zurecht- Wer weiß, wie ber Fischzug gedacht war, für ben bie Balkanverschlagen- heit das Wasser getrübt hatte? In ben Zeitungen wird berichtet, daß König Nikita bei diesem „Zwi­schenfall" einen recht hübschen Börsengewinn gemacht habe. Ich kann nicht sagen, ob es wahr ist; aber moglichfft es schon. Nicht einfacher, als das: Wie die Erstürmung von Skutari angesetzt wurde, da war mit Sicherheit Vorauszusehen, daß an ben Börsen neue Kriegsangst ausbrechen unb bte Kurse sinken würde. Wer von dem Unternehmen rechtzeitig

Frage der Deckung handelt. Da zeigt er sich von einem geradezu herzerfrischend gesunden Egoismus beseelt und ist bemüht, baS aufreibenbe Geschäft bes Zahlens freundlichst andern Leuten zu überladen. Man läßt zum Beweise dessen am besten fein neuestes Flugblatt selbst sprechen:

„Die Heranziehung der Aktiengesellschaften und Kom­manditgesellschaften auf Aktien zu dem einmaligen Wehrbeitrag ist eine erneute, durch nichis gerechtfertigte Sonderbelaftung biefer Gesellschaften, gegen die der Hanfabund daher energisch Einspruch erhebt."

Nur nicht zahlen! Es würde, meint er,

„zu schweren Ungerechligketten und Schikanen führen, wenn die Bermögensverlangung des Erwerbsftanoes nach dem Prinzip des „gemeinen Werts" oder eines „Berknufswerts" eriolgte."

Den „Agrariern" aber wird es als ungerecht­fertigte Bevorzugung angekreidet, daß für den länd­lichen Grundbesitz diese Forberung bes Hansabunbes Geltung haben soll. Man sieht: Nur nicht zahlen!

„Unannehmbar ist der Vorschlag, daß die. . . 80 Mill. Mk. leitens der Bundesstaaten im Wege der all­gemeinen Be euetung von Einkommen, Ertrag oder Bei mögen oder durch Besteuerung der Erbschaften aus- gebracht werden sollen. . . Muß er (ber Hanfabund) doch befürchten, daß angesichts der vielfach in ben Ein- jriftaaten herrschenden gewerbefeindlichen parlamen­tarischen Mehrheilen wiederum eine Privilegierung des Großgrundbesitzes und eine Sonderbelastung von Ge- wettie, Handel und Industrie emtreten kann."

Nur nicht zahlen!

„Unannehmbar ist auch die eventuell ben Eineistaaten auferlegte Vermögenszuwachssteuer, weil sie keine allge­meine und keine gerechte Besitzsteuer darftellt, vielmehr eine direkte Bestrafung des Spar- und Erwerbssinns und ein überaus lästiges und unerträgliches Eindringen in alle privaten Verhältnisse bedingt."

Ist es nicht hochkomisch, wie sich hier der tüchtige Hansabiinb gegen bie Zulvachssteuer mit Gründen wehrt, die in noch viel schärferem Maße auf bie von ihm als Ersatz geforderte Erbanfallsteuer auf Kin­der und Ehegatten zutreffen? Freilich würde die Erbanfallsteuer nach dem Herzen des Hansa- bundes im wesentlichen vom Grundbesitz getragen, das mobile Kapital wüßte schon Auswege. Der alte Refrain: Nur nicht zahlen!

„Die vorgeschlagene Besteuerung der Gesellschatts- verträae und der Versicherungen geht weit über das für den Gewerbestand eit ägliche Maß hinaus und ist des­halb in Der vorliegend n Form ab Retinen. Die in der Befreiung für Higei- und Biehversicherungen zum Aus­druck kommende wettgehende Rücksicht auf die Land­wirtschaft sollte auf die Bedürfnisse des Mittelstandes ausg-dehnt werden."

Nur nicht zahlen! Im übrigen beweist der Hansa bund wieder sein zwerchfellerschütterndes Verständnis für landwirtschaftliche Dinge, wenn er die Hagel­und Viehversicherung auf eine Stufe stellt mit Luxus- Versicherungen oder solchen, die aus einem tatsächlich vorhandenen Einkommenüberschuß bezahlt werden, sagt die „Südd. natlib. Korresp.". Für ihn macht es anscheinend keinen Unterschied, ob der Bauer sein Vieh gegen Seuchengefahr oder ob ein Börsianer sein kostbares Leben gegen Automobilunfälle ver­sichert

Diese Parole: nur nicht zahlen! wird in den nächsten Wochen ansteckend wirken und immer weitere Kreise erraffen. Wir fürchten, daß die „nationale Einmütigkeit" zu schnell sich in den Kampf „aller gegen alle" umwandeln wird. Das Zentrum aber wird aus den Erfahrungen des Jahres 1909 seine Lehren ziehen, das können sich die Gegner und die Regierung gesagt fein laflen.