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Zuldaer Zeitung

Monats-Beilage:

~ Zieljungsliften 6er preußisch-süddeutsch« Klaffen-Cotterie. — halbjährlich Taschenfahrplan, k

40. Jahrgang

Srtitag Öen 9. Mai 1913

Erstes Blatt.

Nr. 106

®e«

erscheint »glich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage viertel- • ;; jährlicher Bezugspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Zulda sowie auswärts 1.50 Mark. •••• Rotfltionsöru* und Verlag der - - Julöaer flctienöruckerel in Zulda. Fernsprecher Nr. 9. ::

:: :: EDocten-Beilage: N :: ' r. r. monats-Beilage: z

Illustrierte Sonntagszeitung ! Zuldaer Seschichtsblätter

nis von Frankreich und Spanien vorzubereiten. Spanien soll dem Dreiverband angegtiedert werden, io daß diele Gruppe fortan unter dem Zeichen des vierblällrtgen Klees stehen würde. Das tst Wasser auf die ’üJiüble der französtichen Crauomisten, aber der Wasserstrahl ist doch nicht so stark, daß wir uns deshalb w beunruhiaen brauchten. König Alfons hat persönlich eine große Vor'rede für Paris, ebenso wie für die liberale Partei m seinem Lande. Die Freimauerei an beiden Seiten der Pyrenäen tut em übrig- s. So benutzt man den Augenblick, wo endlich die mühieligen Verhandlungen über Marokto zu einem vorläufigen Abschluß gelangt sind, zu einer Freundichaftsseiei. Die Natur der Dinge und der gesunde Menschenverstand weisen aber die spanische Politik auf eine vorsichtige Neutralität hin. Das Land darf sich zu Frankreich freundlich stellen, aber es dart sich nicht von ihm abhängig machen. An den Dreibund kann es sich nicht anschließen, da der Dreibund nicht das Meer beherrscht, von dem Spanien an drei Seiten umflutet ist. Die Abhängig­keit von dem seebeherrschendkn England ist schon genug Belastung lür das gesunkene Land. Im übrigen müssen die Spanier sich freie Hand wahren. Sollten die Franzosen für den Fall eines Weltkrieges die spanische Hilfe in Rechnung stellen, so wären das Strohhalmhoffnungen.

Also lassen wir diese Treibhausblüte von Paris ruhig sich weiter entwickeln. Die Herrlichkeit wird nicht lange bauern. Es ist dies aber wieder einer von den .Zwischenfällen", die uns zeigen, wie rührig neuerdings die sranzö|ische Politik geworden ist.

Das fällt um so mehr auf, als England zu dem alten Phlegma zurückgekehrt tst.

Demokratie nichts wiffen. Die .Mannheimer Volks- stimme' schreibt u. a:

Mit dem liberal-fortschrittlichen Kleinblock-Abkom- men wäre der Grobblock auch für ten ,weilen Wahl­gang erledigt. Die wirtliche Tendenz der liberal-wrt- schriiltichen Abmachung ist denn doch allza durcküchiig, als daß die SozialbemokraUe sich darüber hinwegläuschen liebe. Der Appell der liberalen Presse an die »Di«« zip n der sozialdemokratischen Massen" zur Rettung des G.oßblocks muß geradezu ro-.e Hohn wirken tn dem Augenblick, wo man sich anschickt, uns eine ganze Reihe von Kammermandaten abzunehmen und sie den Fori- schrtiIlern zuzmchameu. Wenn bte bürgerlichen Libe­ralen derge-ta i die Rücksich en auf ihren Bundesgenossen zur Linken, dessen sie zur siegreichen Diirchsüdrung des Kampfes gegen die Reaktion unbedingt bedürfen, hinter die Sucht nach eigenem Mandatsgewinn zurückstelle» zu dürfen glauben, dann liegt für die Sozialdemokraiie aber auch nicht der mindeste Anlaß mehr vor, dadurch eine geradezu selbstmörderische Selbstverleugnung zu üben.

Em Kommentar za bte er Auslassung ist über- flöiftg. Der interessanteste Kommentar wird durch die weitere Entwickelung gegeben werden.

<5* Wie man dem Rechte eine wächserne Nase

* Französisch-Deutsches und

Französisch-Spanisches.

Der französische Ministerpräsident B a r t h o u hatte in einer Bankettrede tn Säen am letzten Sonntag die Behauptung ausgestellt, das deutsche Heer sei schon jetzt, also ohne die Steigerung, bte bte neue Wehr- Vorlage bringt, um 180 000 Mann stärker, als das französiiche. Mit et Hervorhebung dieses starken Unterschiedes wollte ^arlhou das sra>'zösi>che Gesetz über die dreijährige Dienstzeit begründen. Dazu schreibt die,N»rdd. Allg. Ztg.' offiziös:

Wir kennen die Quellen nicht, aus denen der fran­zösische Ministerpräsident frin Material für diese Be- rechnu g der Friede,^Präsenzstärken des denifchen uno des französifchen Heeres Ichöpste, aber wir müssen fest- stellen, daß seine Angaben, das öeutfche Heer sei heute schon zu Friedenszeiten um 180000 Mann stärker als das französische, mit den tatsächlichen Verhält» nisjen nicht in Einklang steht. Die Gesamtstärke des deutschen Heeres beträgt im Frieden ein'chließlich der Kapitulanten und Einjährig-Freiwilligen 641000, die des französiichen 581000 Mann, und daraus ergibt sich, daß zwischen den beiden Armeen nur ein Unter« schied von 6 0 00o unb nicht von 180000 Mann zu­ungunsten Frankreichs beliebt, wie Herr Barthou irrtüm­lich behauptete. Nun werden in Frankreich wie tn Deutschland eine Anzahl Leute zum Dienst ohne Waste eingestellt, die schlechterdings angesichts unserer modernen Kriegslührung nicht als Kombattanten in Rechnung ge­stellt werden können. Aber selbst wenn man diese zum Dienst ohne Waffe eingestellten Leute — etwa 38 nOO in Frankreich und 2700 in Deutschland — zum Abzug bringt, io zeigt eine einfache Rechnung, daß Deutich- lands Ueberlegenheit auch dann nur 9o 000 bis 9800b beträgt, also nur etwa die Hälfte dessen, was Der fratnöfische Ministerpräsident vor seinen Zuhörern tn Casn als Tatsache angab.

Die offiziöse Entgegnung läßt erkennen, daß die Beziehungen zwischen ber Berliner und der gegen­wärtigen Pariser Regierung nicht Übermäßig freund­lich sind.

Herr Barthon, der allem Anschein nach an Red­seligkeit leidet, hat sich denselben agitaiorischen Kunst- griff gestattet, den die englischen Minister vor einigen Jahren anwendeten. Damals wurden im engliichen Parlament .amtlich" die schönsten Unwahrheiten über den deutichen Flottenbau aufgetischt, um durch diese Uebertreibungen Stimmung zu machen für die Ver- ftärtung der englischen Marine. Jetzt arbeitet man in Frankreich mit übertriebener Darstellung der deutschen Landmacht, um Stimmung zu machen für die dreijährige Dienstzeit und die sonstigen mtlilärischen Forderungen.

Offenbar steht unsere Regierung auf der Wacht gegenüber den Ausbrüchen des französischen Chau­vinismus, den amtlichen und den privaten. Die Franzosen haben ja das unbeschränkte Recht, ihre Dienstzeit so lang zu machen, wie sie wollen, und ihr Heer so stark zu machen, wie sie können. Arer wenn sie dabei von Deutschland reden, so müssen sie bei der Wahrheit bl iben. — Wenn wir Deutsche das Stärkeverhältnis beurteilen, so ziehen wir natürlich vor allem in Betracht, daß Deutschland »ach zwei Fronten sich wehren muß. Bei dem gegenwärtigen Stärkeverdältnis hätten wir nut 95000 Mann übrig für die östliche Grenze. Das ist zu wenig, und darum wollen wir ja gerade durch die neue Militär­vorlage bas künftige deuische Heer auf eine ähn- liche Höbe bringen, wie sie Herr Barthon uns jetzt schon andichtet.

In das Kapitel von den deutsch-französischen Be- ziehungen greift auch das politische Schaustück ein, bas man augenblicklich in Paris aussührt. Der Besuch des Königs Alfons von Spanien wird ausgenutzt, um der Welt eine Verbrüderung der „beiden romanischen Nationen" vorzuführen und sie auf ein politisches und militärisches Bünd-

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Deutsches Reich.

** Berlin, 8. Mai 1913. Gegenüber der Mel­dung Berliner Blätter, daß die zur Hochzeits­feier im Kaiserhause hier erscheinenden Monarchen Rußlands und Englands von ihren M i - n i st e r n begleitet fein würden, stellt die „Köln. Ztg." fest, daß das nicht der Fall sein wird. Ueber» Haupt seien die Versuche, diesen Herrscherbesuchen gleichzeitig politischen Charakter zu verleihen, irre­führend. Die Hochzeit findet am 24. d. M. statt. — Ter Preußische Handelsminister Tr. SYdow ist mit Urlaub abgereist. — Die Abschaffung der bei den preußischen Provinzialbehörden bestehenden M e d i- z i n a 11 o 11 e g i e n, die sich in ihrer bisherigen Form nicht bewährt haben, wird von der preußischen Regierung erwogen.

4- Be ständignngsverhandlmmen in der Deckungs­frage. Man schreibt uns aus Berlin: Neuerdings sind zwischen dem Reichskanzler v. Bethmann- Hollweg und den bürgerliche «Parteien des Reichstags Verhandlungen eingeleitet, um über die Deckuugsfrage zu einer Verständigung zu gelangen. Es heißt, daß die Verhandlungen Aussicht auf Erfolg bieten. Nähere Einzelheiten sind noch nicht bekannt, es liegt jedoch die Annahme nahe, daß die Verhand­lungen die Regierungsvorfchläge zur Grundlage haben. Bekanntlich bestehen über die Besitz st euer sehr tiefgehende Meinungsverschie­denheiten zwischen Reichstag und Regierung. Es wäre durchaus möglich, wenn Die eingeleiteten Verstän­digungsverhandlungen auf eine Ermäßigung der vor­geschlagenen Erhöhung der Matrikularbeiträge abziel- 'ten. Sowohl in Regierungskreisen wie in parlamen­tarischen Kreisen begegnet man der berechtigten Auf­fassung, daß der Ertrag des einmaligen Wehrbeitrags ganz erheblich höher fein wird, als in der Vorlage veranschlagt worden ist. Mit

aufsetzt. Die sozialdemokratische w e r k s ch a f t Bad R e i ch e n h a 11 hat sich auf­gelöst. Grund: Tie Gewerkschaft hat einen P r o- z e ß, den der Bäckergehilfe Bartmann gegen sie an» strengte, in allen Instanzen verloren und hätte infolgedessen an den Kläger eine größere Summe zu zahlen. Bartmann arbeitete seinerzeit, um seine zahlreiche Familie ernähren zu können, bei einem Reichenhaller Bäckermeister als Gehilfe. Da nun Bartmann nicht organisiert war, veranlaßten die Genossen einen Boykott gegen jeden M er­ster, der ihn als Gehilfen einstelle, so daß kein Arbeiter mehr in diesem Geschäfte seinen Brotbedarf decken durfte, wo Fartmann arbeitete; die Genossen dehnten den Boykott auch auf sämtliche Wirtschaften ans, die von solchen Bäckern rhr Brot bezogen. Auf dieses Vorgeh'n hin wurde Bartmann, der sich nicht entschließen konnte, de» Männern der „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit" sich anzuschließen, gänzlich brotlos und er geriet in bitterste Not. Nachdem die Gewerkschaft nun zur Zahlung an Bartmann für Verdienstentgang, welcher sich nun nahezu ohne Prozeßkosten auf 1000 Mark beläuft, verurteilt wurde, haben die Genossen die Gewerk­schaft einfach aufgelöst und sich als zahlungs­unfähig erklärt. Bartmann hat zwar den Prozeß glänzend gewonnen, wird aber wahrscheinlich gar nichts bekommen. — Diese genössische Drücke­bergerei von Recht und Gesetz entspricht nur ber üblichen Genossenmoral, wie sie auch in der Tatsache zum Ausdruck kommt, daß die sozialdemokratischen Redakteure „gesetzlich eingerichtet" sind.

Es herrscht bei den Russen die Sitte, daß in der Osternacht erlaubt ist, drei Küsse zu wechseln, wenn jemand einem Bekannten die drei ersten Worte zu­ruft, worauf dieser mit dem Schluß des Satzes zu antworten hat. Die Bauern machen ausgiebigen Gebrauch davon; unter den Gebildeten küssen sich nur Verwandte oder die, die zu demselben Geschlecht gehören. Das Gedränge war so stark, daß Daisy immer mehr gegen den Ausgang der Kirche gedrückt wurde. Sie stand jetzt in dem Vorraum unb harrte hier auf ihren Vater unb Olga. Nur einige Bettler saßen ober knieten auf ben Steinfliesen.

„Christ ist erstanden", sagte jemand neben ihr. Sie erschrak heftig; Swerjeff war ihr gefolgt.

Ehe sie es hindern konnte, preßte er sie brutal an sich und drückte seinen Mund auf ihre Lippen. Seine Augen glühten. Daisy stieß ihn von sich.

„Lassen Sie mich!" rief sie. „Ich Haffe <ste!

„Nun, heute habe ich mir genommen, was Sw mir freiwillig verweigerten. Aber noch ist nicht aller Tage Abend; ich werde Sie zwingen, meine Frau zu werden, Sofia Jljanowna!"

Mit diesen Worten verließ Roman die Kirche.

„Was will er damit sagen?" dachte das junge Mädchen. ,

Sie rieb mit dem Taschentuch ihre Lippen, die ihr nach dem Kusse Swerjeffs entweiht vorkamen.

Vor einigen Tagen hatte er abermals um ste an­gehalten; dieses Mal in drohenden Worten. Daisy wies ihn in entschiedener Art zurück. Sie vertraute sich ihrem Vater an, und auch heute erzählte sie ihm, sobald sie allein waren, was ihr in der Kirche be gegnet war. Solljakoff war innerlich entrüstet, aber er behandelte di- Sache scheinbar leichthin und be­ruhigte fein aufgeregtes Kind.

,jWas meint Swerjeff mit den Worten: ich werde Sic zwingen, meine Frau zu werden. Kannst Du es mir deuten, Väterchen?"

„Es war wohl nur eine leere Drohung", suchte Ilja sein aufgeregtes Kind zu beschwichtigen.

Innerlich fühlte Solljakoff die Unruhe wachsen, die ihn seit Romans Andeutungen guälte.

• In den Ostertägen' besuchten sich die Nachbarn fleißig. Soltiakosfs fuhren am eichen Feiertag nach

Die Schuld des Vaters.

16] Roman von Freifrau G.von Schlippenbach.

X.

Boris Arbutin kam am Samstag vor Ostern in Tatnofka an. Er hatte einen längeren Urlaub und ‘freute sich, die Eltern und seine Schwestern wieder- ziisehen. Sein Herz pochte in sehnsüchtiger Ungeduld, wenn er an Daisy dachte unb er konnte kaum die Osternacht erwarten, wo sich alle Nachbarn zum Got­tesdienst in der Kirche von Datnofla einfanden. Auch Soltiakosfs würden nicht fehlen; zum ersten Mal feierten sie das Fest in der Heimat.

Um 10 Uhr strömten die Bauern bereits zur Kir­che, die Equipagen ber Gutsbesitzer unb Pächter schlugen ben Weg zum Gottesdienste ein, und halb füllte es sich Kopf an Kopf. Der Gesang ließ man­ches zu wünschen übrig. Tie Stimme bes Popen löste sich mit ben Liedern ber Gemeind- ab, ber mächtige Baß des Kirchendieners fiel dazwischen ein. Alle' standen, denn -s gibt in den russischen Gottes­häusern nur einige Bänke für die ganz allen oder kranken Leute.

Tie Tarnen tragen in ber Osternacht gern neue Kleiber; die weiße ^Farbe ist vorherrschend.

Auch Daisv trug heute ein solches Gewand; sie sah darin so reizend aus, daß Bons Arbutin ganz unaufmerksam wurde.

Weihrauchwolken füllten den Raum. Die erste Morgenstunde nahte, die Auferstehung Christi be­deutend. Lauter schwoll der Gesang an; die geweih­ten Kerzen wurden angezündet, und ber Pope be­gann den feierlichen Umzug vor ben verschiebenen Altären mit ben Heiligenbildern. Jrn Gedränge wurde Solljakoff von seiner Tochter getrennt; Daisy sah sich mitten unter ben Bauern, weit entfernt von dem Hochaltar. Alle Glocken läuteten, die große mit ihrem tiefen, die kleinen mit ihrem seinen, hellen Klang.

„Christ ist erstanden; er ist kvahrhastig auscrstan- ben", verkündete der Pope, unb alle wiederholten die flöhe Botschaft

Hilfe des zu erwartenden Mehrertrages wäre es mög­lich, mit einer geringeren Erhöhung ber Matri­kularbeiträge auszukommen. Es wäre durchaus zu begrüßen, wenn eine Verständigung herbeigesii' t wer­den könnte, um die Verabschiedung ber Wehr- unb Deckungsvorlagen nach Möglichkeit zu beschleunigen. Allerdings glauben wir zu wissen, daß in gewissen Bundesratskreisen Bestrebungen tn ben letzten Wochen immer stärker hervortreten, die auf eine Vertagung der ganzen Deckungsfrage bis z u m Herbst' hinauslaufen. Wir können vorerst nicht glauben, baß die Reichsregierung als solche derartige Bestrebungen begünstigt ober auch nur gutheißt. So­wohl bie Redner des Zentrums wie die ber Konser­vativen haben mit aller Entschiedenheit betont, daß ihre Fraktionen auf eine gleichzeitige Verab- schiedung der Wehr- unb Deckungsvor­lagen bestehen müßten. Daß bei ber Linken des Reichstags Verschleppungsbestrebungen Anklang finden, ist bekannt. Sie hegt ganz offenbar bie Hoff­nung, bann im Herbst bie Deckuugsfrage nach ihren Wünschen, vor allem also durch die Einführung, der Hinterbliä>enensteuer lösen zu können. , Die Reichs­regierung würde jedenfalls ein gefährliches Doppel­spiel treiben, wenn sie zu derartigen Machinationen ihre Hand bieten würde.

♦ Eine preußische Wahlrechtsreformvorlage? Der neue preußische Landtag wird am 14. Juni das ernemal zu seiner Konstituierung zufammentreten. Der König wird den Landtag persönlich mit einer Thronrede eröffnen. Wie der ,Tägl. Rundschau <Rr. 212) von „unterrichteter Seite" mitgeteilt wird, wird bie Thronrede u. a. einen Satz enthalten, der sich aus die Reform des Lanvtagswahlrechts bezieht. Es wird angeblich eine neue Wahlreformvorlage angekündigl und deren Grundzüge bekanntgegeben werden. Wir möchten diese Mitteilung vorerst mit Vorsicht aufmhmen.

* ein Amnestieerlaß. Der Kaiser soll, wie das B. Tagebl (Nr. 230) von „unterrichteter Seite" er­fahren haben will, anläßlich seines Regierungsjnbi- läums eine Amnestie erlassen. Sie wird sich aber in engen Grenzen hallen und über eine Straf­grenze von etwa 6 bis 8 Wochen oder 500 Mk. nicht hinausgehen. Ebenso ist nicht zu erwarten, daß poli­tische Vergehen in weiterem Maße von ber Amnestie betroffen werden.

* Ein fremdes Urteil über unsere Diplomatie. Der Berliner Berichterstatter der Pariser Ausgabe des Newyork H-rald teilt seinem Blatte mit, daß bie Kreise des Auswärtigen Amts, benen er die Beurteü lung ber Haltung Deutschlands während ber Balkan­krise berbanle, über ben Sieg ber Friedensdiplomatie hocherfreut seien. Wörtlich heißt es bann weiter:

Während der ganzen Zell der durch die peffnmsti» scheu Berichte au8 Wien veiursachlen Aufregung hat Deutschland daS Vertrauen bewahrt, daß die Lösung der Frage von Skulari sich ergeben werde, so­bald König Nikolaus' Verhallen das Fon bestehen der Einigkeit der Mächte nicht gefährde. Daher haben die deutichen Diplomaten Tag und Nacht gearbeitet, um ein übereiltes Vorgehen zu verhindern, das Europas Uebereiniiimmung gestört hätte. Rian fühlt hier, daß bte Ueberwinvung der Krise ein unwiderleglicher Beweis tst für die wichtige Rolle, die der deutsche Kaiser in der Erhaltung des europäischen Friedens während der ganzen Balkan,chwrerrgkerten gespielt hat.

* Der Rotblock-Hexenkrssel. Der Abschluß des Kleinblocks m Baden zwischen den Nauonal» liberalen und der Fortschrittlichen Volkspartei hat bte Sozialdemokratie mächtig verschnupft. Es kann ihr nicht verborgen bleiben, bas bte liberalen Parteien sich verbünden, um bei der Hauptwahl Ge­fräste auf Kotten der Sozialdemokraten zu machen. Bei der Sti»wahl sollen dann die Sozialdemokraten außerdem noch die Liberalen zum Dank heraushauen. Von dieser ihr ruoedachien Rolle will aber bte sozial»

Datnofka hinüber; Olga blieb wegen ihrer Tratte in Blagotir. Sic hatte beschlossen, gleich nach dem Feste abzureisen, vorläufig zu Verwandten, bie meist entfernt im Süden des Reiches lebten.

Zwischen ihr unb Ilja war bisher kein Wort ber Liebe gesprochen worben, aber das Geständnis zitterte auf ihren Lippen. Olga hatte in dem Zu­sammenleben der letzten Wochen gelernt, bie Seele des Mannes zu verstehen. Sie wußte setzt, daß Solljakoff sie liebte, und ihr eigenes Gefühl war so mächtig, daß cs sich unwillkürlich verriet.

Welch harten Kampf kämpfte Ilja Georgewitsch in diesen Tagen. Er war fest entschlossen, mit Olga zu sprechen, ehe sie sein Haus verließ, aber er mußte ihr das düstere Geheimnis der Vergangenheit anv°r- trauen. Würde sie sich, wenn sie alles wußte, nicht voll Schauder von ihm wenden?

Auge in Auge mit ihr konnte er sich ihr nicht an« vertrauen, deshalb schrieb er und legte in seine Worte alles hinein, fein großes Leid und seine große Liebe. Noch war die Stunde nicht gekommen, um ihr den Brief zu geben, aber er wollte sie herbei« führen unb wie der Verurteilte ihren Richterspruch erwarten.

„Enblich sehe ich Sie toieber!"

Mit diesem Ausruf eilte Boris Wladimirowitsch auf Daisy zu.

Sie hält ihm die Hand hin. Ein süßes Lächeln verklärt ihr reizendes Gesicht, das in rosige Glut ge­taucht ist. . r

„Ich denke, Sie haben als Adsuiant des Groß fürsten eine schöne Zeit im Kaukasus verlebt", sagte Daisv verlegen.

„Ja — aber ich hielt es zuletzt kaum mehr vor Sehnsucht aus unb war glücklich, als Seine Kaiser­liche Hoheit mir Urlaub gab; ich kann hier einen ganzen Monat bleiben. Freuen Sie sich etwas dar­über?"

Sie sieht ihn schelmisch an.

„Ich weiß nicht, ich muß erst darüber nach­denken", entgegnete sie neckend.

Er betrachtet sie bewundernd. Sie kommt ihm größer vor; sie ist eine Same geworden. • Die kleine.

ks Kulturkampf in Fachblättern. Der General­streik in Belgien hat in den letzten Wochen manchen Kopf verwirrt und manche tolle Stilblüte gezeitigt. Nicht die uninteresianteste ist bie, welche sich ber V e r- ein für H an b l u n g s - C o m m i s von 1858 leistet. In ber ApriZ Nummer feiner „Monats­schrift für ben beutschen Kaufmann im Auslande' (Ter Handelsstand im Auslande") wird auf Seite 82 in einem Artikel „Belgien vor dem Generalstreik" folgender Unsinn verzapft: i

„Sieter Generalstreik ist mit überwältigender Mehr­heit von den freiheitlich Gesinnten angesagt worden, um endlich das seit langen Jahren auf dem Lande lagernde klerikale Joch zu zerbrechen, die Volksschule von allen geistlichen Einflüssen frei zu machen und fortan Gesetze zu schaffen, die den Wünschen und Vevürf- niffen des Volkes entsprechen. Das alles hofft man durch Einführung des allgemeinen Wahlrechts zu ermöglichen.»

Als verantwortlicher Schriftleiter des „Handels­standes im Ausland" zeichnet Herr Henry Schaper, der als liberale Größe irn Angestellten-Ausschuß des Hansa-Bundes in „Angestelltenpolitik" macht, Spielgefährtin entwickelte sich immer mehr zum Ideal seiner Träume.

„Sehen Sie mich nicht so starr an", sagt Daisy mit strenger fDliene, obgleich sie innerlich inbelt.

„Seien Sie nicht böse", bittet er, „ich habe Ihr Bild im Herzen getragen, aber die Wirklichkeit ist doch noch schöner."

Noch ehe Daisy etwas antworten kann, treten andere Bekannte auf fte zu und begrüßen sie. Auch Swerjeff ist da; er beobachtet Boris und die Tochter Iljas mit finsterem Gesicht. 1

„Es ist hohe Zeit, das Pulver an bie Mine zu legen", denkt er, „ich muß Solljakoff um eine Unter« reoung bitten."

Das fast feinbliche Verhallen ber beiden Männer fällt allen auf. . ,

„Swerjeff hat sich einen Korb von Sofia Jlja- nowna geholt unb ber Vater zeigt es Roman Roma­nowitsch, wie anmaßenb er es findet."

Obgleich Solljakoff den Nachbar aus Latwilischki zu fürchten glaubte, war es seiner geraden Natur un­möglich, zu heucheln. Er verachtete den Brüden Olgas und vermochte es nicht, ihm freundschaftlich zu begegnen. Wenn Roman wirklich etwas wußte, mochte er sprechen. Ilja war entschlossen, die Fol. gen zu tragen; nur Daisys kindliche Liebe zu verlie. ren, wäre bitter gewesen Wenn Arbutins sich Ju‘ rückzogen, wenn Boris ein Mädchen aufgab, desien Vater ein Makel trug, so war seine Liebe nicht echt gewesen. —

Am dritten Osterfeiertage traten Ereignisse ein, die sich langsam vorbereitet hatten. Soltiakoff erhielt einen Brief von Roman Romanowitsth, nur eimge Ee, aber sie klangen wie ein Befehl.

„Ilja Georgewitsch, ich muß Sie m einer für Sie wichtigen Angelegenheit sprechen. Wände ha­ben Ohren, deshalb erwarte ich Sie heute um UH Uhr abends im Walde, der zwischen Blagotir und Latwilischki liegt, beim schwarzen Teich. Wa­gen Sie nicht, abzusagen, die Folgen fielen auf Sie zurück. .

Roman Romanowitsch Swerzesf. -

Latwilischki, am 10. April 1901." /