Fulda
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Illustrierte Sonnfagszetfung i Fuldaer Selchichtsblätter
s Ziehungslisten der preußisch-süddeutschen Kloffen-Iotterie. — tzalbiSHrlich Taschenfahrplan, n
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Nr. lO5. Erstes Blatt
Donnerstag den 8. Mai 1913»
40. Jahrgang.
X Der Kampf um die Deckung.
Der nationalliberale Reichstaasabgeordnete Dr. B ö t t g e r veröffentlicht unter dieser Ueberschrift im „Tag" einen Artikel, der den erfreulichen Beweis liefert, daß die n a t i o n a l l i b e r a l e Fraktion keineswegs geschlossen hinter der Links- t a k t i k chrer Vertreter in der Budgetkommission steht.
Herr Dr. Böttger gesteht zu, daß der Vorschlag des Vorsitzenden Spahn, hinter der ersten Beratung der Wehrvorlage zunächst eine Lesung der Deckungsvorschläge vorzunehmen, „kaum zu beanstanden war, weil er zur Klarheit führen könnte, die uns not tut, weil er uns von taktischen Kunststücken befreit hätte, die kein glückliches Ergebnis für eine nationale Politik haben können." Daran möchten wir die Bemerkung knüpfen, daß der Vorschlag Spahns nicht abgetan ist, sondern nach der ersten Lesung der Wehr- Vorlage sich aufs neue geltend machen wird. Hoffentlich haben inzwischen die Erwägungen Böttgers au seine Parteifreunde gewirkt.
Sehr richtig erscheint uns die Forderung Böttgers, daß die Regierung in der Deckungsfrage sich einer st rammen Zügelführuna befleißen müßte. Allerdings möchten wir nicht schon daraus »er Regierung einen Vorwurf machen, daß sie nicht von vornherein durch ein Mantelgesetz die Einheit der Wehr- und Deckungsvorlagen zum Ausdruck gebracht hat. Bei dieser bunten Reihe von Steuergesetzen läßt sich nicht alles glatt unter einen Mantel bringen, und ausschlaggebend ist schließlich nicht ein formaler Ver- dindungsparagraph, sondern der f e st e Wille der Regierung und der positiven Parteien, die gleichzeitige Erledigung der gesamten Vorlagen von derselben Mehrheit herbeizuführen. Um dieses Ziel zu sichern, muß allerdings die Regierung recht- zeitig und kräftig ihre Autorität einsetzen, damit nicht die Aergernissc und Wirrnisse von 1909 wiederkehren. Das ist umso notwendiger, als inzwischen, wie Herr Dr. Böttger zutreffend feststellt, „der Reichstag für Steuerfragen im Sinne positiver Arbeit noch schwieriger und ungefügiger geworden ist".
Von besonderem Jnteresie ist die freimütige Antwort auf die Frage, ob denn die Erfahrungen, welche die nationalliberale Partei bei einem Zusammenarbeiten mit der Sozialdemokra'.e gemacht hat, so verlockend seien, um das Experiment zu wiederholen? Dr. Böttger hält angesichts der drohenden Wiederholungsgefahr die rechtzeitige Warnung einfach für Pflichtsache und chreibt:
„Bei der Präsidentenwahl zum Reichstra hatten wir eine ähnliche Si uatiot wie beute Es gab und gibt Politiker im nationalliberalen Parteilager, die sich sozialdemokratischer Htlssttellung versichern wollen, um aus die Rechte und das Zentrum einen heiliamen Druck auszuüben. ElwaS von der Erziehung der Sozialdemokratie zur Berantwortlichleit schwebt gleichzeitig »or, und nationalsoziale und sort- schrittliche Freundschaften, durch den Hansabund ge< fördert, tun das übrige. Die Nationalliberalen sind doch aber in ihrem eigentlichen Kern Realpolitiler und können sich jedenfalls nicht verhehlen, daß sie bei der Präsidentenwahl einen schlimmen Echec sSchlag) erlitten haben, wie sie sich ihm besser zum zweUenm le nicht aussetzen. Die Sozialbemokralie lachte die revisionistischen Zumutungen einfach aus, und die Nationalliberalen, die beinahe Herrn Bebel zum ReichstagSpräsibenten gemacht hätten, mußten überaus schwere Borwürfe aus ihren Wählerkreisen entgegen- nehmen. Die Partei der Reichsgründung hat eben nicht freie Hand, um mit der Sozialdemokratie zu paktieren. Ein nochmaliger Versuch, etwa jetzt bei den Fmanzsragen unternommen, würde vermutlich ein lebensgefährliches Risiko für die Partei bedeuten."
An diesen bitterernsten Warnungsruf schließt der nationallibrale Abgeordnete noch die Darlegung, daß es auch finanzpolitisch unmöglich wäre, 180 Millionen neue Einnahmen pro Jahr aufzubringen
Die Schuld der Vaters.
15] Roman von Freifrau G.von Schlippenbach.
Als bei Swerjeffs der Zusammenbruch nahte, als Roman Latwilischki nicht mehr halten konnte, fant es zu einer Szene zwischen ihm und dem Verwalter. In grenzenloser Heftigkeit Warf Swerjeff dem Tischnofskh vor, ihn auf Schritt und Tritt betrogen zu haben, und als der halb betrunkene Grigori grob antwortete, fiel sein Herr über chn her und bläute ihn durch, dann warf er ihn die Treppe hinunter.
Blutend, zerschlagen, raffte der Verwalter sich auf. Sein von Blattern zerrissenes Gesicht war von Blut entstellt. Er hob drohend die Faust.
„Tas wirs! Du mir büßen", zischte er, „das ver- gosie ich Dir nicht!"
Der Lärm der widerwärtigen Szene drang bis an das stille Krankenzimmer. Frau Swerjeff öffnete die milden, glanzlosen Augen.
„Was gibt's, Olga", flüsterte sie kaum hörbar. „Es >var Deines Bruders Stimme, bitte, rufe ihn!"
„Es trat Dich auf, mein goldenes Mütterchen", versetzte Olga, die am Fenster stand, „Du bedarfst der äußersten Schonung."
In diesem Moment wurde die Tür aufgerisien, Roman stürmte ins Zimmer; er erzählte den Da wen, was er eben erlebt hatte. Ta kam seine eigentliche Natur zum Durchbruch; er zeigte fein wahres Gesiebt, das eines rohen, gewalttätigen Menschen.
Mit weit ausgcrisfenen Augen starrte seine Mutter ihn an.
War das ihr Sohn? Der Liebling ihres Herzens? Hatte sic sich in ihm getäuscht und erkannte in dieser Stunde den traurigen Irrtum ihrer vergötterten Liebe? —
„Tu tauft mich", stammelte sie qualvoll. Dann sank sie zurück; eine liefe Ohnmacht raubte ihr das Bewußtsein. t
. Olga kniete neben dem Bett, das die Kranke üicht mehr verließ.
und dabei mit Sozialdemokratie und Fortschritt in Popularität zu konkurrieren. Beachtenswert tft ferner noch der Hinweis, daß die Linke bei ihrer Steuerpolitik die Untergrabung des Schutzzollsystems im Auge habe, wozu doch die nationallibe- rale Partei nicht die Hand bieten kann.
Dr. Böttger kommt dann zu dem Schlüsse, daß ein Zusammengehen mit Konservativen und Zentrum ehrenhaft und erfolgreich wäre. Er fordert den Verzicht auf Zauderpolitik und auf taktische Winkelzüge, auch vom Zentrum und den Konservativen. Wir glauben, die letzteren Parteien haben schon genügend bewiesen, daß sie zu schneller Arbeit und ehrlicher Verständigung bereit sind.
Die Frage ist nur, ob eine genügende Anzahl von Nationalliberalen die ausgestreckte Hand ergreift.
Sozialdemokratie und „Drittelung" in der letzten Landtagswahlvorlage.
Mit Recht wird in dem Wahlaufruf der Zentrums- fraktion deS Preußischen Abgeordnetenhauses auf bte hohe Bedeutung der Bemühungen der Zentrumspartei um die Aufrechterhaltung der Drittelung in den Urwahlbezirken verwiesen, die bei der letzten LandtagSwahlreform Gefahr lief, verschlechtert oder gar be eitigt zu werden.
Interessant war das Verhalten der Sozial- demokratie bei dieser Gelegenheit. Die Sosial- demokratie hat bei der Beratung im Abgeordnetenhause keinen Finger krumm gemacht, um den Parteien den Rücken zu stärken, welche für die Drittelung kän psten. ®rft bei der Bera ung der Herrenhaus» bcschlüsse, die eine Verschlechterung in der Drittelung-. frage gebracht haben würden, überkam sie offenbar die Angst, es könnte die Drittelungsfrage im Sinne bet Herrenhausbeschlüsfe Gesetz werden und damit der Sozialdemokratie glatt die Tür des Abgeordneten- Hauses zugeschlagen werden. Herr Ströbel jammerte folgendermaßen in der Sitzung vom 27. Mai 1910: „Wird diese Drittelung in den Urwahlbezirken ausgehoben, dann verschwindet selbstverständlich bte Möglichkeit für die Arbeiterklasse, auch nur einen einzigen Abgeordneten durchzubringen. Die große Masse der Wähler soll also vollständig rechtlos gemacht werden."
Wem verdanken es also die Sozialdemokraten, daß sie । icht bei bet letzten Wahlrechtsreform glatt aus dem Abgevrdnetenhause hinausgeworsen sind und ihnen für alle Zeit die Tür zugemacht wurde? Ausschließlich der Zentrumspartei, die unter Ausbietung ihres politischen Einflusses mit Hilfe der Konservativen die auf die Verschlechterung der Drittelung realtionären Beschlüsse des Herrenhauses zu Fall brachte. —
Diese bedeutsame Talsache wird jetzt von der Sozialbemokralie in ihren Wahlflugsckriiten unb Wahlartikeln absichtlich und hartnäckig ver- s chwiegen!
Deutscher Reich.
** Die Auflösung des preußischen Abgeordnetenhauses und die Vertagung des preußischen Herrenhauses wird durch eine Rönigli je Verordnung im Reichsanzeiger (Rr. 107) amtlich bekannlgegeden.
* Berlin, 7. Mat 1913. Wie in Wien verlautet, wird Kaiser Wilhelm in der ersten Hälfte des 'Monats August dem Kaiser Franz Joieph m Ischl einen Besuch abftattep. Hieraus wird sich Kaiser Wilhelm nach Gmunden zum Gegenbesuch des Herzogs von Cumberland begeben und auch an der Dortigen Hosjagd teilneqmen. — Das .Armee-Ver- ordnungSblalt" veröffentlicht die Formatwnsveräude- rungen ulro. anläßlich des Reichshaushaltsetats 1913
Roman war nun doch erschreckt; er wollte der Schwester behilflich fein. Mit einer Geberde des Abscheues stieß sie feine Hand weg.
„Rühre sie nicht an", sagte sie mit schneidender Kälte, „hole lieber den Arzt, ehe es zu spät ist."
Roman stürzte davon. Er warf sich auf eih Pferd und jagte nach Vernowka. Als er mit dem Arzt niederknlete, hatte seine Mutter ausgelitten; das kranke Herz war gebrochen. Olga allein war >n der Todesstunde bei ihr gewesen. Jetzt kniete sie weinend am Totenbett; ihre ganze Seele log vor Gott im Staube, sie betete heiß und lange.
Die Kunde von dem Trauerfall in Latwilischki verbreitete sich schnell in der Nachbarschaft. Soltja- kost und seine Tochter waren die ersten, die kamen. Daisy, die noch nie einen Toten gesehen hatte, war tief ergriffen. Tas also war das Ende! Es stand ihr bevor, allen denen, die sie liebte: chrem Vater, ihren Freundinnen, — Doris! —
In dieser Stunde fiel der Schleier von ihrem Empfinden, ja, sie wußte es Plötzlich klar, sie liebte den Jugendgcspielen. Neben dem Ernst des Todes junges, aufblühendes Leben. —
Ilja Georgewitschs fester, warmer Händedruck ägte der gebeugten Tochter mehr als Worte; mitten in ihrem Kummer fühlte sie sich verstanden und ge- tröstet.
Der Priester hielt, wie es in Rußland Sitte ist, jeden Tag eine Andacht am Sarge; alle Anwesenden bekommen dazu eine geweihte Wachskerze in die Hand und beten mit.
Tie Geschwister standen neben der Bahre, äußerlich durch denselben Schmerz vereint, innerlich weit getrennt. Sie gingen auch zusammen hinter dem Leichenwagen und standen an der Gruft.
„Es ist das letzte Gemeinsame", dachte Olga, „unsere Wege liegen von nun an weit auseinander. Ich werde nach Moskau übersiedeln und auf eigenen Füßen stehen; Gott lob, daß ich es kann."
„Väterchen", bat Daisy, „wir wollen Olga mit nach Blagotir nehmen. Sie darf hier nicht bleiben; "ic sieht aus, als ob sie selbst schwer krank wird. Wer soll sie hier Pflegen und zerstreuen ""
U. a. finden sich unter Renerrichtungen: Eme In- Ipeklion Der Eisenbahntruppen (Divisionskommandeur), cm Eisenrahnbrigadestab für die zweite Eisenbahn» brigade, Standort Hanau, mit einem Brigabekom- manbeur.
♦ Entschädigung für Schöffen und Geschworene. Dem Reichstage iy der Entwurf eines Gesetzes wegen Entschädigung der Schöffen und Geschworenen, nebst Begründung zugegangen. Ter Entwurf bestimmt, baß Geschworene und Schöffen Vergütung bet Reisekosten unb für jeden Tag der Dienstleistung Tagegelber erhalten sollen. Die Höhe der R'ttc- toften unb Tagegelder soll der Bundesrat durch all- gemeine Ve.ordnung bestimmen. Tie Tagegelder Dürfen nicht tut üctgeroiefeuroerDen. TieBestimmnng deS geltenden Rechts, wonach Die Berufung zum Amte eines Laienrichters able men kann, wer den mit der Ausübung des Amtes verbundenen Aufwand nicht ;u tragen vermag, blecht belieben, da auch bei Gewährung von Tagegeldern immerhin noch Fälle denkbar sinD, wo nach der Vermögenslage einer Person ein Zwang nur Uebernab । e des Laienrichteramls eine unbillige Härte darstellen würde. Die Gewährung der Sage- gelber an Schöffen und Geschworene entspricht einem schon oft geäußerte« Verlangen. W nn auch kaum zu erwarten ist, dan die Tagegelder in allen Fällen eine ausreichende Entschädigung für die dem Geschäftsmann aus oft mehrwöchiger Abwesenheit fließenden Nachteile bieten werden, fo wird doch voraussichtlich die nicht setten zu beobachtende Flucht vor diesen oft kostspieligen Ehrenämtern vielfach zum Stillstand gebracht werden und damit dem Laien- richterturm in der Straftrechtspflege in wünschenswerter Weise eine neue Kräftigung »ufließen. Die Vorlage wird im Reichstag wohl einer guten Ausnahme bege.nen.
Der Mobernisteneid in der protestantischen Kirche Bayerns. In der.Täglichen Rundschau' (Nr. 207) finden wir folgende Mitteilung:
Bekenntnisstreit in Bayern. Ein» Depesche unseres Münchener Bertreters drahtet uns: Das Ministerialblatt für Kirchen- und Schulangelegenheilen veröffentlicht eine BerpflichtungSformel für neu aufzunehmende Kandidaten der protestantischen Kirche Bayerns rechts des Rheins. In dieser Verpflichtung^, formet muß sich der Kandidat ausdrücklich verpflichten, „in keinem Stücke mit Wiffen von dem Bekenntnis der evangeliich-lulherischen Kirche ab,uweichen, geschweige ihr zu widersprechen oder durch unsichere und zweifelhafte Lehren, bte dem Bekenntnis dieser Kirche nicht gemäß find, Anstoß zu geben*.
Dieser Eid der protestantischen Kandidaten ist grundsätzlich und praktisch gar nichts anderes wie der Eid ge;en den Modernismus, welchen Papst PiuS X. zur Reii Haltung der katholischen Lehre von den katholischen Priestern forderte. Die .Tägliche Rundschau' bemerkt zu ihm in aller Ruhe und Objektivität nichts wie folgenden Satz:
In erftei Linie richtet diese Forderung einer Fest- legung der Kandidaten aus eine bestimmte Formel stch offenbar gegen jene freifinnige JHidjtung in Öen protestantischen Theologenlreisen Bayerns, die in Nürnberg ihren Mittelpunkt hat.
Und nun erinnere man sich, wie die .Tägliche R-noschcutt von Empörung überichäumle und welch' gewaltigen Lärm sie machte gegenüber dem Rioder» nifteneib in der katholischen Kirche! Es ist immer dieselbe Moral mit dor peltem Boden, und wenn man Dann zur Rede gestellt wird, so antwortet man einfach: Ja, Bauer, das ist ganz was anderes! Wie man sich erinnern wird, hat tei der Modermftencid- Debalte im Reichstage ter Abg. Gröber eine gante lange Reihe solcher protestantischer Anti.Moscrms» niuseide urkundlich oorgebtatbf, allerdings auch, ohne irgendwelchen nachhaltigen Eindruck zu erzielen. Es war halt .ganz was anderes!*, und damit war die Sache für Die Gegner Der katholischen Kirche zu Ende.
— Eine ungeeignete Schulprämie. Aus Anlaß des Rcgierungsjubiläums hat der Schriftsteller Rud.
„Ich habe denselben Gedanken gehabt, mein Seelchen", entgegnete Ilja, „bitte sie, uns die Freude ihres Besuches zu schenken."
In ihrer herzigen Art tat Daisy es. Auch Roman befürwortete ihre Aufforderung. Er hoffte durch die Annahme derselben, öfter nach Blagotir zu kommen, unter dem Vorwande, die Schwester zu sehen.
Olga zögerte noch. Da trat Soltjakoff auf sie zu.
„Sic haben mir die Rechte eines väterlichen Freundes erngcräumt", sagte er, „heute mache ich davon Gebrauch. Bitte, kommen Sie mit uns."
Da sagte sie zu. Sie wußte, daß es für sie eine bittersüße Qual sein mußte, Soltjakoff täglich zu sehen, aber sie konnte sich dieses Glück nicht versagen. Nachher verließ sie ja diese Gegend und zog in die Weite, um niemals wiederzukehren. —
Alles, was zarteste Rücksicht erdenken konnte, umgab die Trauernde in Blagotir. Daisy und ihr Vater überboten sich in Aufmerksamkeiten; sie behandelten ihren Gast nicht als solchen, sondern wie einen lieben Hausgenossen, wie eine nahe Verwandte.
Tischnofski war verschwunden. Es hieß, er fei nach Charkow verreist. Eine stille Wut gegen den Verwalter gärte in Romans Brust. Er gab ihm Schuld an dem Tode der Mutter, ohne sich zu sagen, daß er selbst wohl den Hauptteil daran trug.
Cs gibt eben Menschen, die in ihrer Selbstvcrherr- licbung sich rein waschen und nie anklagen, die andere für alles verantwortlich machen, was ihnen begegnet.
Ostern war nahe, dieses größte Fest für Die Rusen, die nach langen Fastenwochen die Freuden des Ostcrtisches genießen. Selbst in der ärmlichsten Hütte wird dazu gebacken; der Priester weiht das Brot und die bunten Eier, die Fleischspeisen und was es sonst gibt. _ Je reicher der Russe ist, desto auserlesenere Schüsseln stehen auf der weißgedeckten, mit Blumen geschmückten Tafel. Die Bauern trinken Wotki tKornbranntwein), die Gutsbesitzer Chamvag ner und französische Liköre. Drei Tage lang wird nichts int gekocht. Wer essen will, setzt sich
Herzog eine Schrift „Preußens Geschichte" erscheinen lassen, die durch eine ministerielle Verfügung als besonders geeignet für die Schülerbib- liotheken der höheren Lehranstalten empfohlen worden ist. Das Buch in die Schülerbibliothek einer paritätischen Anstalt zu stellen, ist eine starke Zu- mutung an die Katholiken. Oder soll es recht fein, wenn ein Buch, das der Lehrer dem Schüler gewissermaßen offiziell in die Hand gibt, die antikatholischen Geschichts-Zerrbilder weitergibt, vom „Sünben« erlaß, durch umherziehende Ablaßver- k ä u f e r feilgeboten" (S. 56), daß die Menschheit herbeigeströmt fei, um gegen kräftige Geld- steuer aller Sünden ledig zu sein" (S. 58), wenn es von der protestantischen Lehre nur spricht als vom „gereinigten" Glauben, von Luther mit Begeisterung sagt: „Jetzt griff er zur Gartenschere und suchte scharfen Auges jeglichen Wildwuchs des Glaubens zu beschneiden. Die Lehre, daß jeder Gläubige sein eigener Priester sei, warf er in die Welt als Verkündigung der christlichen Freiheit und Subjektivität" (S. 59) usw. Tie Darstellung des dreißigjährigen Krieges ist von empörender Einseitigkeit und muß stellenweise den jugendlichen Leser geradezu gegen den Katholizismus aufreizen. Man würde von Gehässigkeit einer derartigen Darstellung reden, wenn man nicht glaubte, daß Der Verfasser in seiner protestantischen populären Geschichtskenntnis fo befangen ist, daß er es n i ch t bester weiß. Und ein solches „Geschichts-"Werk mit solcher konfessionellen Einseitigkeft und solcher feindseligen Tendenz gegen die katholische Kirche glaubt der Herr Kultusminister zur Anschaffung für die Bibliotheken und zur Verteilung als Schulprämien anläßlich des 9te= gierungsjudliäums des Kaisers, zur Verteilung auch an katholische Schüler und Schülerinnen empfehlen zu sollen! Ist das etwa geeignet, die freudige Teilnahme der Katholiken an dieser Jubiläumsfeier zu stärken und zu erhöhen?
gk- Goldonkels der Sozialdemokratie. Die Belgischen Sozialdemokraten wurden bei ihrem politischen Massenstreik bezeichnender Weise von verschiedenen Großkapitalisten kräftig unterstützt. Da war zunächst der bekannte Großindustrielle Solvay, der sich für den roten Erpressungsstrcit an den Laden legte und Gelder dafür hergab. DaS ist derselbe „Arbeiterfreund" Solway, der seinen Arbeitern auf den Deutschen Solwaywerken in Lothringen ganz erbärmliche Löhne bezahlt und wegen einer geringfügigen Lohnforderung einen Kampf provozierte. Der Mann Paßt zur Sozialdemokratie! — Ein anderer vielgenannter Finanzmann Belgiens, der Spiel- höllenkönia M a r q u e t, hat den Sozialdemokraten für ihren „General"-Streik 100 000 Lire gespendet, worüber in dem sozialistischen Hauptorgan Pcuple quititert wurde. Der „edelmütige Stifter" will nun aber mit seiner Spende einen besonderen Zweck verfolgt haben, nämlich den, der Sozialdemokratie, die ihn früher „angespuckt", eine schwere moralische Niederlage zu bereiten. Er ruft es in feinem Petit Bleu nun in alle Winde hinaus, daß die Sozialdemokraten sein Geld genommen, nachdem sie ihn früher verächtlich beiseite gestoßen hätten. Ein „früherer sozialistischer Senator", Picard, schreibt dann noch im Petit Bleu: „Wie sich doch die Zeiten ändern. Heute feiert mau das räudige Schaf, den König der Spielhöllen. Man nimmt fein schönes Geld, das einst als „schmutzig" abqelehnt worden war." — Die prinzipienfesten Sozialdemokraten haben das Geld noch immer angenommen, wo sie es kriegen konnten, geitreu dem Grundsatz: Geld riecht nicht! Dieser Tage wurde noch durch den seinerzeitigen Kassierer der Nürnberger Schlägermeister sestgostellt, daß der sozialdemokratische Mctallarbeiterverband 1902 und 1903 von den genannten Arbeitgebern 71 000 Mark für Unterstützungszwecke erhalten hat. Solche freigebigen Goldonkels haben die christlichen Gewerkschaften noch niemals gefunden, werden aber trotzdem
an den Ostertisch; die Nachbarn besuchen sich, und man hält sich für die langen, strengen Fasten schad- los.
„Wir lasten Dich nicht sobald fort, Olluschka", sagte Daisy, nachdem die Freundin zwei Wochen bei ihnen gewesen war. „Tu siehst noch recht 'elend aus und mußt wieder frische Wangen bekommen. Eigentlich könntest Tu ganz bei uns bleiben."
Auch Soltjakoff hatte wiederholt darum gebeten, aber Olga verweigerte es. Sie sprach davon, daß sie sich in ihrer Kunst ausleben wollte.
Ilja schwieg dann jedesmal.
Er dachte, daß sie recht hatte, daß Ruhm und Ehren ihrer warteten, unb daß Fräulein Swerjeff keinen größeren Wunsch hege, als nun endlich eine Konzert-Turnee zu beginnen, die ihren Namen bekannt machte. Er ahnte nicht, wie heiß das Mäd- chenherz in seiner Nähe pochte, wie Olga sich mühsam beherrschte, um ihre Liebe nicht zu verraten. Im Zusammenleben mit dem edlen, interessanten Mann war ihr Gefühl riesengroß geworden. Sie weinte oft halbe Nächte lang, es fiel ihr so schwer, Blagotir zu verlassen. Was bedeuten alle die Ovationen, die ihrer harrten, gegen das namenlose Glück, das sic an der Seite des geliebten Mannes zu finden sicher war. Ja, seine Frau mußte glücklich werden, und welch schöne Aufgabe lag in ihren Händen! Sie durfte alle die frühzeitigen Kummersalten fortwischen und seine Augen, die ein heimliches Leid getrübt hatten, Heller leuchten machen War das nicht eine Ausgabe, für die zu leben es sich lohnte?
Die Anwesenheit seiner Schwester in Blagotir veranlaßte Roman, emigemale in der Woche zu den. Nachbarn zu kommen. Sowohl Ilja wie auch Daisy batten sich stillschweigend das Wort gegeben, um Olgas willen die Besuche des Bruders ZU ertragen; sie wünschten ihr jede Zurücksetzung zu ersparen. Roman legte es sich zu seinen Gunsten aus. Er dielt cs enduch für angemessen, sich Taisy gegenüber zu erklären, aber mit echt weiblicher Schlauheit verstand sie es, ihn nicht so weit kommen zu lassen.