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Nr. 102. erstes Blatt.

Montag den 5. Mai 1913.

40. Zahrgang.

Preußischer Landtag.

Herrenhaus.

Sitzung vom 3. Mai 1818.

Das Haus beriet die Ostmarkenpolitik weiter, vober Graf Oppersdorf nochmals gegen dir Polenpolitik auftrat und vor allem den katholischen Klerus gegen Angriffe von gestern in Schutz nahm. Beim Gesetz zur Förderung der inneren Kolonisation wollte Fürst Salm-Salm nichts besonderes von dieser wissen und wandte sich vor allem gegen ein Zerschlagen des Großgrundbesitzes, den et überhaupt für die Produktion der Lebensmittel und der Fleischnahrung als am ge­eignetsten hinstellte. Um mit dieser Rede der Linken nicht neuen Agitationsstoff gegen die Großgrundbesitzer zu liefern, erklärte Graf Rantzau» daß die Großgrund­besitzer wohl warm für eine innere Kolonisation ein« träten, daß sie deren Ziel allerdings nicht in einer Be­seitigung des Großgrundbesitzes, sondern in einer gefunden Mischung von Groß- und mittleren Besitz sähen. Auch der Finanzminister Dr. Lentze stellte dies als Ziel der staatlich»!eits unternommenen inneren Kolonisation hin. Beim Etsenbahnanleihegisetz kamen dann noch verschiedene Lokalwünsche zum Vortrag.

Man halte gehofft, daß das Haus am Schluß der Woche in die Ferien hätte gehen können. Es wird aber noch verschiedene Sitzungen in der nächsten Woche abhalten. ,

Zentrum u. Landtagswahlreform.

Allen Versuchen der Sozialdemokratie gegenüber, in diesen Tagen vor den Urwahlen zum Preußischen Abgeordnetenhause über die Stellung und Tätigkeit des Zentrums bei der Wahlreform vom Jahre 1910 Unklarheit zu verbreiten, müssen mit Nachdruck zwei Tatsachen sestgehalten werden.

Erstens: Das Zentrum hat im Preußischen Land­tage das Kunststück fertiggebracht, die stärkste Partei, die der Konservativen, die bislang jeder Wahl­reform grundsätzlich widerstrebte, zum Zugestän d- nisse der geheimen Wahl zu bringen, und zwar trotzdem die Regierungsvorlage am öffentlichen Wahlrechte festhielt. Das war ein Erfolg zugunsten der Minderbemittelten, insbesondere der Arbeiter; also eine wesentliche Verbesserung des Wahlrechts.

Das Zentrum hat aber zweitens den von der Re­gierung unterstützten Versuch der Nationalliberalen abgeschlagen, den Erfolg der geheimen Wahl durch die Vergrößerung der Urwahl bezirke und die da­mit gegebene Stärkung des Einflusses des Großkapi­tals illusorisch zu machen. In allen Jndustriebezir- fett wären die Arbeiter und der Mittelstand damit bei den Wahlen einflußlos geworden. Somit hat das Zentrum zum zweiten eine wesentliche Verschlech- terung verhindert.

Die Feststellung dieser beiden Erfolge des Zen­trums, das im Äbgeordnetenhause (443 Stimmen) mit seinen 102 Stimmen keinen Ausschlag geben konnte, ist die beste Antwort auf alle gehässigen Ver­dächtigungen der Haltung des Zentrums zur Wahl­rechtsreform, wie sie augenblicklich seitens der Sozial­demokratie wieder im Uebermaße beliebt werden, um kür ihre Parteizwecke im Trüben zu fischen

veutsches Reich.

** Berlin, 4. Mai 1913. Der Kaiser ist heute abend 9 Uhr nach Wiesbaden abgcreist. — Der frü­here Reichstagsabgeordnete von Oletzko-Lyck, Fritz Kochhann (natl.), ist auf seinem Gute gestorben.

lieber die Beratung der Wehlvorlagen tn der Budgetkommission schreibt die,Nordd. Allg. Ztg.':

„Das Hauptergebnis der Verhandlungen ist die An­erkennung des Prinzips, da? die Vorlage zum Ausdruck bringt: die Durchführung der allgemeinen Wehr-

Die Schuld der Vaters.

12] Roman von Freifrau G. von Schlippenbach.

Roman Romanowitsch war mit seiner Entdeckung zufrieden.

„Mein Bruder gefällt dir nicht?" fragte Olga die Freundin. „Sage es aufrichtig, ich nehme es nicht übel."

„Nein, er gefällt mir nicht," erwiderte Daisy in ihrer offenen Art, „verzeihe mir, Liebste, aber ich kann dich nicht belügen."

Olga seufzte, dann sagte sie:

„Roman ist eigentlich kein böser Mensch, aber sein Leichtsinn hat ihn so gemacht, wie er ist. Um meinet­willen bitte ich dich, Nachsicht zu üben."

„Wie können nur Bruder und Schwester so ver­schieden sein?" sagte Daisy sinnend. „Weißt du, Qlluschka, daß Papa und ich oft von dir sprechen, wir haben beide dieselbe Ansicht über dich."

Olga sah zu Boden; sie fürchtete, ihre Erregung zu verraten.

„Wir glauben beide, daß du ein herrlicher, edler Mensch bist, frei von Kleinlichkeiten und ohne Vor­urteile," fuhr Daisy fort. „Ach, bitte, komm doch Samstag auf ein Stündchen zu mir; ich bin ganz allein, da Papa zur Jagd nach Kolnicki eingela­den ist."

„Ich werde kommen, wenn Mama Wohler ist," versprach Olga.

Als Daisy zum Wegfahren auf die Treppe trat, stand Roman schon unten bei bem 'sonnten; er hast dem jungen Mädchen einsteigen. Sie dachte an Olgas Bitte und ließ es geschehen, ja, sie gewann es über sich, seinen Abschiedsgruß ziemlich freundlich zu er­widern

„Ich werde morgen meinen Besuch in Blagotir machen," beschloß Roman bei sich. „Ich will doch sehen, ob ich das unreife Ding nicht gewinne. Pah! ich kenne die Weiber! Sie tun oft nur spröde und fühlen sich doch geschmeichelt, wenn man ihnen den Hof macht"

Brennende Neugier, Ilja Georgewitsch zu sehen, plagte Roman, außer dem bereits großen Woblge-

pflicht. Die Vertreter der bürgerlichen Parteien haben ohne Ausnahme diesen Grundsatz ol8 maßgebend an- genommen und ihn in einer Reihe von Abstimmungen bestätigt. Die Genugtuung hierüber erhält jedoch einen Schatten durch die Streichung von drei Ka­vallerieregimentern. Wir können nicht annehmen, daß im weiteren Verlaufe der Beratung dieser Abstrich aufrecht erhalten bleibt. Jedenfalls hat schon die bis­herige Aufnahme der Wehrvorlage im Parlament und außerhalb bewiesen, daß die große Mehrheit deS deutschen Volkes und seiner Vertreter sich den schwerwiegenden Gründen nicht verschließt, die den verbündeten Regie­rungen die Durchführung der geforderten Rüstungs» Verstärkungen zur unabweisbaren Pflicht machen gegenüber der Nation und ihrer Zukunft."

** Das preußische Abgeordnetenhaus wird sich wegen der vom Herrenhaus vorgenommenen Abänderungen an dem Ausgrabungsgesetz noch einmal zu ver­sammeln haben und zwar, wie die,Nordd. Allg. Ztg/ mitteilt, noch vor Pfingsten, womit dann auch die Erwartung zusammenhängt, daß alsdann eine formale Auslösung den Schlußstein seiner Tätigkeit bilden wird.

)( Die Wahl des Abg. Kölsch. Die Wahl- Prüfungskommission des Reichstages hat ihren dritten Bericht erstattet über die Prüfung der Wahl- Proteste bei der Wahl des Abg. Kölsch (natl. Kehl- Offenburg). Bekanntlich hatte daS Plenum die Wahi nochmals von der Kommission prüfen lassen Die Kommission hat ihren Antrag auf Ungültig­keitserklärung von neuem gestellt. Nach ein­gehender nochmaliger Prüfung hat die Kommission bei Berücksichtigung aller zugunsten des Abg. Kölsch sprechenden Momente dem Abg. Kölsch 12434, dem Gegenkandidaten Schüler ((Str.) 12708 Stimmen zuerkannt.

* Der Gesetzentwurf zur Neuregelung der Sonn­tagsruhe im Handelsgewerbe ist, tote schon gemeldet, auch vom Bundesrat verabschiedet. Er dürfte jedoch mit Rücksicht auf die Geschäftslage im Reichstag erst int Spätherbst beim Wiederbeginn der Beratungen zur Vorlage kommen. Man nimmt an, daß der Ge­setzentwurf an der grundsätzlichen Regelung, wie sie in dem Gesetzentwurf der Reichsregierung, der im vorigen Sommer den Vertretungen des Handels noch­mals zur Begutachtung zugegangen war, keine we­sentlichen Aenderungen mehr vorgenommen hat. Da­nach würde in Vorschlag gebracht werden, für Be­triebe ohne offene Verkaufsstelle, also für Kontore, grundsätzlich volle Sonntagsruhe einzusüh- ren, daneben aber durch Entscheidung der höheren Verwaltungsbehörde oder durch Ortsstatute..eiue Be­schäftigung bis zur Dauer von 2 Stunden zuzülas- fett. Für offene Verkaufs st eilen waren als Höchstmaß der Beschäftigungszeit in dem Regierungs­entwurf 3 Stunden vorgesehen. Jedoch sollte die höhere Verwaltungsbehörde befugt sein, die Beschäf­tigung bis zur Dauer von 4 Stunden auszudehnen für Orte, in denen die Bevölkerung aus der weiteren Umgegend an Sonn- und Festtagen die Verkaufs­stellen anfzusuchen genötigt ist. Die Gemeinden da­gegen sollten ermächtigt werden, durch statutarische Bestimmungen für alle oder einzelne Gewerbezweige die dreistündige Beschäftigung noch weiter einzu­schränken oder auch ganz zu untersagen. Für höch­stens 6 Sonn- und Festtage im Jahr sollte die Poli­zei befugt fein, in offenen Verkaufsstellen eine Be­schäftigung bis zu 10 Stunden zuzulassen.

* lieber eilte Novelle zum BeaMtenbelolvunMeseh wird, wie die «Tagst Rundschau' iNr. 204) erfährt, zurzeit zwischen den zuständigen Neichsämtcrn und dem preußischen Finanzministerium verhandelt. Diese Verhandlungen sind verursacht durch da? vom Reichs­tag angenommene Gesetz, ab 1. Oktober 1913 die Bezüge der Postschaffner um 100 Mk. zu erhöhen und der Postafsiftentenklasse eine GehaltSauf- tefferuna mit der Wirkung zu gewähren, daß sie nach fallen an Daisy. Jetzt erinnerte er sich auch immer deutlicher der Züge des Mannes, den er vor dreizehn Jahren in Wien gesehen hatte, auf der Anklagebank des Geschworenensaales, die Hand in der Binde. Ein Ausdruck tiefer Relle, aufrichtiger Trauer lag auf dem schönen, blassen Gesicht. —

Und als Swerjeff dem neuen Besitzer Blagotirs gegenüberstand, da wußte er, daß seine Kombinatio­nen richtig waren. Spähend forschte Roman nach der verräterischen Narbe; sie fehlte nicht zu seiner heimlichen Freude. — Es waren noch einige Nach­barn nach Blagotir gekommen. Die Herren saßen im Schreibzimmer Iljas, rauchten Zigaretten und un­terhielten sich, während die Damen, unter denen auch Frau Nekrassoff war, in Daisys reizendem Boudoir über eine Liebhabervorstellung debattierten. Die Die­ner gingen ab und zu, reichten Eis und Früchte her­um, Petersburger Konfekt in herrlichen Kristallscha- len und Zigaretten, denn die meisten Russinnen rauch­ten gern.

lieber dem blauseidenen Sosa hing ein großes Oelbild. Es stellte eine reizende, junge Frau dar, die mit Daisy auffallende A ähnlich kett hatte. Es war Söltjakoffs junge, früh verstorbene Frau, deren Bild ein Künstler in Wien gemalt hatte.

Nach einiger Zeit kamen auch die Herren zu den Damen, und die Unterhaltung wurde allgemein. Ro­man Romanowitsch näherte sich der Tochter des Hauses.

„Ich soll Ihnen Grüße von Olga bestellen, Dosia Jljanowna," begann er di: Unterhaltung.

„Die geht cs Ihrer Frau Mutter?" fragte Daisy höflich.

„Es ist immer dasselbe", entgegnete Roman — er verstand es, seiner Stimme einen traurigen Ton zu geben — „für uns Kinder ist es trostlos, sie leiden zu sehen."

„Er ist doch bester, als ich dachte. Vielleicht war ich zu schroff gegen ihn." So dachte das junge, weich­herzig-. Geschöpf, und sie gab sich Mühe, heute freund­licher zu sein. Sie tat es um Olgas willen, die sie ja herzlich liebte.

Roman wußte es fo einzurichten, daß er während seines Besuches an Daisys Seite blieb. Die Men-

21 Dienstjahren daS Höchstgehalt von 3600 Mark erreichen. Die verbündeten Regierungen haben ihre Zustimmung zu diesen Beschlüssen bereits erklärt. An zuständiger Stelle wird nun erwogen, dem Reichstag einen Gesetzentwurf vorzulegen, der auch anderen Reichsbeamten eine Gehaltsaufbesserung bringt. Man denkt dabei in erster Linie an die mittleren und unteren Beamten der Reichseisenbahnen. ES besteht die Absicht, den Gesetzentwurf dem Reichstage noch in dieser Tagung vorzulegen. Die in Aussicht stehende Besoldungserhöhung der Reichsbeamten übt auch ihre Rückwirkung auf Preußen aus, da der Grundsatz eingehalten wird, die preußischen Beamten derselben Kategorie finanziell ebenso zu stellen, wie die Reichs- beamten. Wie das Blatt weiter erfährt, kommen für eine Gehaltsaufbesserung in vorderster Linie die Eisenbahnassistenien und die Unterbeamten bei den preußischen Eisenbahnen in Frage.

+ Die Novelle zum Gesetz über die Eifenrahnunter­nehmungen von 1838, das sogen. Eisenbahn­anliegergesetz, ist von der Regierung zurück- gezogen worden. Dem Herrenhause ist darüber ein Schreiben des Staatsministeriums zugegangen. Der Entwurf war im Abgeordnetenhaufe in einer der Regierung nicht genehmen Form verabschiedet worden. Die Regierung hatte schon im Abgeord­netenhause erklärt, daß sie dem Entwurk nicht zu­stimmen könnte, da er die Rechte des Ministers zu sehr beschränke.

— Tie Macht des Evangelischen Bunde?. Der Chefredakteur des ,Reichsbotcn', Dr. Kropatscheck, hat seine Stellung niedergelegt. Wie eine Erklärung des Verwaltungsausschusscs besagt, soll jetzt die Kampfesweise des,Reichsboten' .ruhiger und sach­licher" werden. Der wahre Anlaß ist die Stellung des Dr. Kropatscheck zum Evangelischen Bund, die dem mittelparteilichen Verlegerringe Büxenstein- Schröier-v. Schwerin, der auch schon auf die ,Kreuz­zeitung' seinen Einfluß ausgeübt hat, mißfiel. Neuer­dings wurde vom ,Reichsboten' die politisch wie religiös liberalisierende Richtung des Evangelischen Bundes scharf bekämpft. Als aber der Aufsatz eines namhaften evangelischen Geistlichen gegen den Evan­gelischen Bund auf Anordnung des kaufmännischen Geschäftsleiters (!) der G. m. b. H. des /Reichsboten' nicht autgenommen wurde, legte der Chesred ikteur sofort seine Stellung nieder. Die ,Deutsch-Evangelische Korrespondenz', das Organ des Evangelischen Bundes, gibt ihrer Genugtuung über den Rücktritt Ausdruck. — Dr. Kropatscheck ist ein Sohn des verstorbenen ,Kreuzzeitmtgs'°Redakteurs und Bruder des Theologie- Professors Kropatscheck; er stand auf gläubigem Boden, wie der .Reichsbote' auch unter der Leitung des bet» siorbenen Pastors Engel immer als ein »orthodoxes Pastorenblatt" gegolten hat. Der Evangelische Bund dagegen ist bekanntlich kirchlich und politisch liberal.

4- Die Vorgänge auf tariflichem Gebiet im Buch­druckergewerbe wurden in einer Sitzung des Taris- ausschuffes, die am 21. und 22. April in Berlin stattfand, eingehend erörtert. Die Diskussion drehte sich besonders um die Wünsche des Gutenberg- bundes, die dieser in einer Denkschrift vorher dem Tarifausschuß unterbreitet hatte. Es ist wohl anzu- erfennen, daß man in einzelnen Nebenfragen dem Gutenbergbund entgegenkam und entsprechende Be­schlüsse faßte, jedoch die Hauptforderung: Anerken­nung der Gleichberechtigung dem sozialde­mokratischen Buchdruckerverbände gegenüber, wurde, wie schon so ost, ab gelehnt. Der Verbandsvor- siyende Töblin erklärte, daß der Verband jedes Zu­sammengehen mit dem Gutenbergbund ablehnen müsse; lieber ziehe der Verband nach den Verhand­lungen aus sämtlichen Tarifinstanzen seine Vertreter zurück. Durch diesen Schreckschuß ließen leider manche Prinzipale sich irreführen. Geh. Kommerzienrat Büxenstein erklärte, daß der Gutenbergbund nicht an- schen sollten sehen, daß die Tochter Soltjakoffs sich bereits gut mit dem Bruder ihrer Freundin einge­lebt hatte.

„Mein Kind," sagte Ilja Georgewitsch, als sie wieder allein waren, „lasse oTr von Swerjeff nichts in den Kopf setzen. Er ist ein Schwerenöter, der Wohl schon mehr als einer den Hof gemacht hat, ohne dar­über Skrupel zu fühlen."

„Aber er gefällt mir ja garmcht, Papcftcha! rief Daisy entrüstet. „Ich war in Latwilischki recht schnip­pisch gegen ihn, nur Olga zu Liebe bezähmte ich mich heute. Weißt du, sie kommt Samstag, ich sagte ihr, daß du zur Jagd fährst."

„So, sagtest du das? Und da versprach sie zu kommen?"

„Ja, gleich. Habt ihr euch verzankt? Soltjakoff schüttelte den Kopf zu dieser Frage. „Na, dann ist es gut," meinte Daisy beruhigt.

VII.

Olga Romanowna erwartete den Tag ihres Be­suches in Blagotir mit stiller Sehnsucht. Sie freute sich, das Heim des Mannes wiederzusehen, der ihrem lange vereinsamten Herzen neues Leben gebracht hatte. Mit ihren durch die Liebe geschärften Augen sah sie tiefer als andere Menschen. Sie merkte, daß er etwas sehr Schmerzliches erlebt hatte, und ein gro­ßes Mitleid erfüllte ihre Brust. Das junge, ahnungs­lose Wesen, die Tocher Iljas, schien nichts von der Vergangenheit zu wissen. Vielleicht war es gut, daß e§ so war; es hätte ihren Frohsinn getrübt. Daß Soltjakoff bemüht war, sein Kind in völliger Unwis­senheit zu erhalten, dessen fühlte Olga sich über­zeugt. —

Es hatte die ganze Nacht geschneit, die Wege waren an manchen Stellen fast unpassierbar. Trotzdem wagte Olga die Fahrt nach Blagotir. In ihren war­men Fuchspelz gehüllt, saß sie neben dem Kutscher im Schlitten und sreute sich des herrlichen Wintertages, der in durchsichtiger Klarheit Wald und Steppe nur um so schöner erscheinen ließ. Der Weg führte an dem Friedhöfe vorbei. Olga hatte lange nicht das Grab ihres Bräutigams besucht. Sie befahl dem Kutscher zu halten und stieg aus.

tragSberechtigt sei. Diese Begründung sowie die Bs merlung, daß Aenderungen des Tarifs nicht borge nommen werde» könnten, genügte, um die hauptsäch­lichsten Anträge des Gutenbergbundes als erledigt zu betrachten. Interessant ist, daß der Buchdruckerver­band einen Beschluß herbeiführen wollte, der T a- gesPresse, deren Inhaber der Tarifgemeinschaft angehören, zu verbleien, über die Tarifgemeirlft schäft und Organisationsverhältnisse in Zukunft zu schreiben. Gegen diese Knebelung der Presse wandten sich die Prinzipale mit aller Schärfe. Es wurde ausdrücklich festgestellt, „daß die Stellungnahme einer Zeitung zu tariflichen und organisatorischen Fragen ufto. selbstverständlich frei ist und bei Beurteilung der Taristreue des betreffenden Prinzipals oder der Erfüllung seiner tariflichen Verpflichtungen gar nicht in Betracht gezogen toeren darf". Das ginge doch, zuweit, daß der Tarffausschuß als Zensor der Presse eingesetzt werden würde. Der Buchdruckerverband möchte das wohl, weil Dinge, besonders hinsichtlich seines sozialdemokratischen Charakters, die die Presse aufgedeckt, ihm höchst unangenehm sind. Er wird sich aber damit abfinden müssen. Der Antrag ist aber ein Beweis, wie sehr der Machtdünkel des sozial­demokratischen Buchdruckerverbandes geht, und tote notw endig es ist, daß neben dem Verband eine starke christlich-nationale Organisa. tion besteht. An der Stärkung des Gutenberg­bundes haben daher Weste Kreise ein großes Interesse.

][ Stuttgart, 4.Mai 1913. Prinzregent Lud­wig von Bayern ist gestern mittag hier mit Sonder- zng zum Besuche des württemdergischen Königspaares eingetroffen. Ein großer Empfang durch da§ Königs» paar fand statt unter Beteiligung der übrigen Mit­glieder des König!. Hauses. Die Herrschaften fuhren nach dem Residenzschloffe, vor dem eine Ehren-Kom- pagnie beS 7. württernb. Jnfanterie-RegimersteS stand! Am Nachmittag besuchte der Prinzregent das Rathaus, abends war im Schlosse Galatafel. Für Sonntag war ein Besuch in Ludwigsburg, eine Besichtigung des Stuttgarter HostheaterS und eine Gala-Vorstellung tm Großen Haus vorgesehen. Arn Montag nachmittag werden die bayerischen Gäste nach Karlsruhe Weiterreisen. — Bei dem Besuch des Rathauses in Stuttgart wurde der Prinzregent durch Oberbürger­meister Lautenschlager mit einer Ansprache begrüßt. Der Prinzregent antwortete u. a.: I

„Die erste Aufgabe des Deutschen Reiches ist, daß nicht nur ein einzelner Staat, sondern daß alle Staaten gedeihen und blühen möchten. Es fänden ja manchmal einzelne Widersprüche und Gegenzätz«statt; diese sollte man aber nicht auf die Spitze treiben, fouderr denken, datz der andere Staat gerade so ein deutsche, Staat sei wie der eigene, und gerade so gefördert werden solle. Wenn das geschehe, so werde daS Deutsche Reich jederzeit sich burti Reichsfreudigkeil auszeichnen." '

Zu den Landtagswahlen.

— Gelnhausen, 5. Mai 1913. In der gestrige- Vertrauensmännerversammlung der Zerstrnmspartetz des Wahlkreises Gelnhausen-Sch lüchterst wurde Herr Parteisekretär Geis aus Frankfurt«. Bockenheim als Kandidat für die bevorstehend». Landtagswahl aufgestellt.

Ausland.

* Die spanischen Anarchisten rühren sich toiebet In Montpellier wurde ein spanischer Anarchist verhaftet, der einer Gruppe angehört, die, dem „Petit Parisien" zufolge, den Plan gefaßt hatte, gegen König Alfons während seines Pariser Besuches einen Anschlag auszuführen. — König Alfons, der am 9. d. Mts. einem militärischen Schaufliegen in Vrlla- coublah beiwohnen wird, beabsichtigt ine Rückreise nicht von Paris aus, sondern von einem dem Flugselde be-

„Fahre allein nach Blagotir, ich komme bald nach," sagte sie.

Sie hatte unter dein schützenden Pelz einen Strauß selbstgezogener Blumen; die sollten den Hügel schmü­cken, der sich über dem einst Heißgeliebten wölbte. Es mußte heut schon jemand hier gewesen sem, der Schnee war sorgsam entfernt, ein Kranz von Im­mergrün und roten Beeren lag auf dem Grabe. Uni wieder fühlte Olga die zarte Aufmerksamkeit dessen, der ihrer Seele teuer war. Sie stand eine Werke tn stillem Gebet neben dem Kreuz, das den Namen Mi­chaels trug. Als sie ihre Andacht beendet, wandte sie sich zum Gehen. Sie erschrak heftig, hinter dem Stamm einer Tanne trat Ilja Georgewitsch hev vor.

„Ich — ich dachte, daß Sie zur Jagd gefahren sind," stammelte sie verwirrt.

„Deshalb kommen Sie nach Blagotir?" versetzte er, und es klang ein schmerzlicher Vorwurf durch seine Stimme. „Sie meiden mein Haus, Olga Roma­nowna, ich weiß es."

Sie schwieg und beschleunigte den Schritt.

„O! nicht länger mit ihm allein sein, nicht länget seine Stimme hören, die ihr ins Herz schnitt.

„Ich muß Ihnen für die Pflege des Grabes danken," begann sie endlich, ohne auf seine Worte zu antworten. „Lange schon wollte ich es tun.

„Sie haben den, der dort ruht, wohl sehr geliebt? fragte er leise. . , . .

„Ja, das habe ich." Sie sagte es mit bebender Stimme. Eine tiefe Erregung hatte sie gepackt.

Soltjakoff mißdeutete sie

„Sie kann ihn nicht vergessen," dachte er.

Still schreiten sie nebeneinander her. Von den schneebedeckten Bäumen stäubt es auf sie nieder-, und aus dem Walde tönt das Girrender totlben Taube. — Wie im Bann fühlen sich bte derben Menschen, tote sie w dicht nebeneinander gehen. Kurz, ehe fte das Haus erreichen, bleibt Ilja stehen. Sem Gesicht ist fthr ernst und ruhig; jebe Spur von Erregung ist gewichem

(Forffetzung folgt.)