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Fuldaer Zeitung

erscheint «glich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, viertel- jährlicher Bezugspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Hulda sowie auswärts 1.50 Mark. •••• Rotationsdruck und Verlag der z z Zulkaer flctienbrudterei in Hulda. Herrisprecher Ur. 9. z z

“ “ Wochm-Veilage: ~ ~ ? ~ ~ IHonats-Bätage: ~ ~ Illustrierte Sonntagszeifung i Fuldaer Seschichtsblütter r. Ziehungslisten der preußisch-süddeutschen Klaffen-Lotterie. — halbjährlich Taschenfahrplan, r.

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fir. 9S. erstes Blatt

Dienstag den 29. April 191Z.

40. Zahrgang.

| durch Parteirücksichten bestimmt, sondern einzig durch unsere Aufsagung von Recht und Gerechtigkeit und von den wirklichen Interessen des preußischen Vater­landes.

Eine hohe wichtige Aufgabe hat die Zentrums­fraktion in kultureller Beziehung zu erfüllen. Im I Vordergründe steht die Verteidigung der ch r i st- l i ch e n Volksschule, die Erhaltung des Ein- flufles der Kirche auf die Schule. Bei dem zunehmenden Ansturm ist es Pflicht aller christlich Denkenden, in Stadt- und Landgemeinden, in der gesamten Selbstverwaltung sowie in der Gesetz­gebung dahin mitzuwirken, daß die Schule sich der Pflicht bewußt bleibe, ein gottesfürchtiges Geschlecht heranzuziehen.

Fortbildungsschulen und Jugend­pflege sollen der religiös-konfessionellen Mitwir­kung nicht entbehren.

Für die Freiheit und Selbständigkeit der Kirche und ihrer Institutionen, inbcsondcre der verschiedenen religiösen Orden, haben wir den Kampf weiter zu führen. Denn wir wollen und kön­nen ihre segensreiche Mitwirkung in der Kranken­pflege, in der Errichtung von Schulen und in Unter­weisung der Jugend, in der Seelsorge und der Mis­sionsförderung nicht entbehren. Wir verlangen da­her freie uneingeschränkte Betätigung und Aufhebung aller entgegenstehenden Gesetze.

Bei Besetzung der Stellen, namentlich der höhe­ren, im Staat und in der Gemeinde besteht eine weitgehende Zurücksetzung der Katholiken. Mit Nachdruck müssen wir darauf bestehen, daß hier Abhilfe herbeigeführt wird.

Gegen die Sozialdemokratre, welche den christlichen Glauben zu vernichten und unsere ganze Staats- und Gesellschaftordnung umzustürzen bestrebt ist, Entschiedenheit anzukämpfen, ist eine Staatsnot- wendigkeit. Der Kampf kann aber unserer Ueber- zeugung nach auf die Dauer nicht durch äußere Machtmittel, sondern nur durch Erhaltung des christ­lichen Glaubens erfolgreich geführt werden. Ihn zu stützen und zu fördern, ist daher auch die wichtigste Aufgabe des Staates.

Zentrumswähler! Große ■ Aufgaben sind zu er­füllen. Durch das allgemeine Wahlrecht sind alle berufen, an der Lösung mitzuarbeiten. Darum tue ein jeder die Pflicht, welche ein so wichtiges Recht wie das Wahlrecht, in gebieterischer Weise ihm auf­erlegt. Nur ein starkes!, ungeschwächtes Zentrum kann für die bedeutungsvollen Aufgaben im Staats­leben in unserenr Sinne erfolgreich wirken.

Wahlaufruf.

Die laufende Legislaturperiode geht ihrem Ende entgegen. Die Neuwahlen stehen bevor. Sie ent­scheiden über die Zusammensetzung des Abgeord- uetenhaufes und damit über die Gestaltung unserer Gesetzgebung in den nächsten fünf Jahren.

Auch diese Wahlen werden noch nach dem alten Wahlrecht vollzogen.

Hinsichtlich der zugesagten Reform unseres Wahl­rechts hatten wir in unserem letzten Wahlaufruse darauf hingewiesen, in welcher Richtung sich unsere Wünsche und Forderungen von asters her bewegen. Wir hatten dabei unserem Bedauern Ausdruck ge­geben, daß die Königliche Staatsregierung nicht eiw- mal die Ersetzung der öffentlichen Stimmabgabe durch die geheime in Aussicht {teilte.

Dieser Erklärung entsprechend sind wir mit aller Entschiedenheit tätig gewesen und haben die Einfüh­rung der geheimen Stimmabgabe als das Dringlichste in den Vordergrund gestellt.

In dem Wahlrechtsentwurf, welcher seitens der Staatsregieruug im Februar 1910 dem Abgeord­netenhause zuging, war die öffentliche Stimmabgabe beibehalten. Wir erreichten, daß diese durch die ge­heime Wahl ersetzt wurde, wofür wir allerdings das Zugeständnis der Beibehaltung der indirekten Wahl machen mußten. Wir ziehen die direkte Wahl vor, halten aber auch bei der indirekten Wahl mit ge­heimer Stimmabgabe für die Wahl der Wahlmänner bte Freiheit der Wahl für gesichert.

Den pluwkratischen Charakter des Dreiklassen- wahlrechts waren wir bemüht möglichst einzuschrän­ken. In erster Linie steht dabei die Aufrechterhal­tung der Drittelung in den Urwahlbezirken, welche wir gegenüber starkem Ansturm erfolgreich verteidigt haben. Wenn bei dieser Einteilung in derselben Ge­meinde Wähler mit kleineren Steuersummen in der höheren, andere mit größerem Steuerbetrage in der niedrigeren Klaffe wählen, so erblicken wie gerade darin nach der sozialen Seite hin einen großen Vorzug.

Auch durch andere Bestimmungen — die soge­nannte Maximierung, d. h. die Festsetzung eines I Höchstbetrages, über den hinaus Steuern nicht in Anrechnung gebracht werden, sowie die Anrechnung eines Mindesffteuerbetrages für jeben Wähler — wurde die Plutokratische Wirkung bei der Dreiklaffen­wahl durch unsere energische Mitwirkung abge­schwächt. In der abgeänderten, wesentlich verbesser­ten Form erlangte die Vorlage im Abgeordnetenhaus eine große Mehrheit; sie scheiterte leider an dem

Darum mit Entschlossenheit und Begeisterung auf

Widerstande der Maatsregierung und des Herren- I -ur Wahl bis auf den letzten Mann:

Hauses. I Für Wahrheit, Recht und Freiheit!

Wir werden mit Nachdruck auch in Zukunft für Berlin, April 1913. ,

«ne Verbesserung des Wahlrechts in der Der Vorstand der Zentrumsfraktio« des Hauses bezeichneten Richtung eintreten. I her Abgeordneten.

Der Kampf für Einführung des geheimen Wahl- Dr. Porsch, Herold, Dr. Dittrich, Cahensly, Dr. Hitze, rechts bei dvn Kommunalwahl en wird von I Linz, Dr. v. Savignh, Graf v. Strachwitz-Bertelsdorf, uns fortgesetzt werden. I v. Strombeck, Trimborn, Wallenborn, Wellstein.

Zur gedeihlichen Weiterentwicklung unserer I

wirtschaftlichen Verhältnisse werden I

wir »ach wie vor unser ernstliches Bestreben darauf I Rrickstaa.

richten, durch einen vorsichtigen Ausgleich etwa wi- 2g ~ 1Q13

Sntemfl«, das Wchl ta :

sörderu ’ I Die dritte Beratung des Etats

.„s r I wird beim Miliäretat begonnen, und zwar mit na.

Zugunsten des Handwerker- und des son- Eil. Abstimmung über den Antrag auf Wiederherstellung stigen Gewerbestandes find durch unsere An-. I der Ostmarkenzulage für die Beamten der Mi» regmrg oder Mitwirkung mancherlei Maßnahmen oe- | litärverwaltung. Dieser wird mit 179 gegen 110 ©tim. hnnrtw» <s* HwvX «... , I men abgelehnt. Damit ist der Militaretat erledigt,

troffen worden. Es wrrd unsere drmgende Aufgabe I ebenso der Etat des Reichsmilitärgerichts.

sein, auch fernerhin den gesamten Mittelstand I Beim Marineetat wird ein nationalliberaler %< stärken und zu heben, schädigenden Erschei- «ntrag auf Wiederherstellung des 6. Departements. 7 . __.___ 2',. . I drrektors un Reichsmarmeamt und der Funktwnszulage

«wgen der modernen Entwicklung des geschäftlichen I durch Hammelsprung mit 150 gegen 112 ©tintnten ab«

Mfltl wirtschaftlichen Lebens entgegen ju wirken. I gelehnt.

Di- «nh ryI Der Rest des Heeresetats wird debattelos erledigt.

D«e Arbeiter- und Angestellten-Fur- Ser Marineetat wird debattelos erledigt.

P»rge «uterlwgt rat wesentlichen der Reichsgesetz- Beim Etat des Reichsjustizamtes entspinnt

gebmg; insoweit die Landestätigkeit in Betracht stch eine Debatte zwischen dem Abg. Dr. Lensch (Soz.) 4-l, . r, . r ~ ... I und dem llnterstaatssekretar Wahnschaffe über einen

kommt, werden wir auch in Zukunft derselben unsere I Artikel der .Leipziger Volkszeitung", der nach einer Aufmerksamkeit zuwenden und namentlich auf Ber- I früheren Bemerkung des Reichskanzlers eine Religions- bessernng der Lerhältmffe in den Staatsbetrieben be- bes-himpfung enthalten habe und strafrechtlich verfolgt rv_ I werden tonne.

ÖQ£*Ü f6*®- I Abg. Lensch erklärt, daß der Artikel nicht in bet

Wir werden tote bisher für Besserstellung der I .Leipziger Volkszeitung" gestanden habe und bedauett, i». ÖÄ'SÄÄS besondere auch weiterhin für eine Berücksichtigung I habe.

der Kinderzahl beim Wohnungsgeldzuschuß, beim Ge- I t Abg. Heine (Soz.) erklärt es für feststeherw, daß Hatz und in der Besteuerung tätig sein. der^ Rmchskanzler etwas positiv Unrichtiges behauptet

@rae bessere Ausgestaltung des Die nftvekf» I Unterstaatssekretär Wahnschafse erwidert, nicht auf hält« iss es ist auzustreben. I «« derartige Diskussion vorbereitet gewesen zu fein

-. ~ . I und das Mteninateiial Nicht zur Hand zu haben. Im

Dte mit der Ausdehnung der Städte immer I übrigen habe er zur Frage sozialdemokratischer Gottes­schwieriger werdende» Wohnungsverhält - I lästerung erst kürzlich überreiches Material vorgebracht, nisse erfordern ein Eingreifen der Gesetzgebung, I m

... I «chutz, ote nicht an zeoem Lag cas ganze Matertal bet

velche zu fordern wir uns bemühen werden. I sich haben könnte.

Die Schutzzoll-Politik hat unsere In- I Bei einem späteren Titel wird in namentlicher Ab. «strte zu großartiger Entwicklung geführt, das Hand. ftcöung der Regierungsvorlage hinsichtlich des sechsten veick vor ausländffcher Konkurrenz geschützt, die I Reichsanwaltes mtt erheblicher Mehrheit ab. Landwirtschaft wieder gekräftigt, den Arbeiter» höhe- I 9 e , . . . , ,

« .!,, * ' , ’ .. r L? I Betm Etat des Retchsschatzamtes wird ohne

. » Verdienst verschafft. Dieselbe ist daher nnt Ent- I Debatte namentliche Abstimmung vorgenommen über die

Wedenheft zu verteidigen I Ostmarkenzulage für den Stationskontrolleur in Posen.

Unsere Stellung zur Polenffrage steht seit

- r_ ° ... ,.n- ..'.w ■ , I Beim ernt der Post- und Le le gr a p h e rrve r •

Abg. Schultz-Bromberg die Annahme der Ostmar» kenzulage.

Staatssekretär Krätke unterstützt diesen Appell warm.

Abg. Giesberts (Ztr.) bezeichnet den Wunsch der Oberpostschaffner, mittlere Beamte zu werden, als un­erfüllbar. Die Ausbildungsverhältnisse der Beamten müßten sonst schon geändert werden.

Abg. Beck-Heidelberg (natl.) zieht den K o m Pro­mi ß a n t r a g über die Aufbesserung der unteren und mittleren Beamten für dieses Jahr zurück unter Berufung auf die Erklärung der Regie­rung, im nächsten Jahre darnach handeln zu wollen. Redner wünscht noch in dieser Session die Verabschie­dung des Postscheckgesetzes.

Abg. Hubrich (Vp.) hofft, daß der nächstjährige Etat den Postbeamten die Erfüllung weiterer Wünsche brin­gen werde.

Abg. Dr. Ehlapowski (Pole) spricht sich gegen die Ostmarkenpolitik aus und verlangt namentliche Abstim­mung über die Ostmarkenzulage.

Abg. Säubert (Soz.) ist bei der im Hause herrschen- den Unruhe nicht verständlich.

Es folgt dann die namentliche

Abstimmung über die Ostmarkenzulage der Postbeamten. Sie wird mit 176 gegen 104 Stim­men abgelehnt. ■— Darauf wird der Rest des Post- etatS erledigt, ebenso der Etat der Reichseifenbahn und der Reichsfinanzverwaltung und als letzter Etat der der Allgemeinen Finanzverwaltung. Hierbei beschließt das Haus, entsprechend einem vom Abg. Spahn (Zentr.) empfohlenen Anträge Speck, zur Ausgleichung der beschlossenen Mehrausgaben einige Etattitel her­aufzusetzen.

Dann wird das ganze Etatsgesetz angenom- m en.

Nach Erledigung einer Anzahl Resolutionen vertagte man sich dann auf den 27. Mai.

Präsident Dr. Kämpf: Ich wünsche Ihnen allen ein frohes Pfingstfest nach der harten und zum Teil aufregenden Arbeit der letzten Wochen. Die Bud­getkommission bleibt noch zusammen und wird auch einige Tage vor dem Wiederzusammentritt des Plenums arbeiten. Ich danke der Kommission in Ihrem Namen und wünsche ihrer Arbeit den besten Erfolg. (Bravo!)

Dienstag den 27. Mai: Kurze Anfragen, Petitionen.

Preußischer Landtag,

HrrreuhauS.

Sitzung vom 28. April 1913.

DaS gut' besetzte Herrenhaus begann die Spezial- beratung deS Etats. Hierbei erklärte der Finanz­minister, daß er zwar die Wünsche der Altpensio­näre menschlich begreiflich finde, daß aber die Regie­rung sich auS grundsätzlichen Erwägungen ablehnend verhalten muffe und nur den Unterstützungsfonds er­höhen könne. Das HauS billigte diese »altpreußische Sparsamkeit", wie Herr v. Buch sich ausdrückte, und nahm die ablehnende Haltung der Regierung beifällig auf. Die Grundsteuer nach dem gemeinen Wert kritisierte Fürst Salm-Horstmar. Ihm sagte auch der Finanzminister zu, daß die Auswüchse dieser Steuer, vor allem land- »nd forstwirtschaftlichen Grundstücken gegen­über, beseitigt werden sollten. Eine kleine Zuspitzung der Debatte gab es zwischen den beiden Konservativen Grafen Mirbach und Frhrn. v. Rheinbaben. Letzterer betonte vor allem auch die finanzielle Selbständigkeit der Einzelstaaten. Gegen das Erbrecht des Staates wandte sich Graf Aork v. Wartenburg, und gegen die Erbschaftssteuer für Kinder und Ehegatten von Dziembowski und Frhr. v. Landsberg-Steinfurt. Dieser widerlegte die Behauptung der Linken und der Sozial­demokraten, daß der Widerstand gegen die Erbschafts­steuer vom Großgrundbesitz ausgehe, und legte kurz aber sachlich treffend unter dem Beifall des Hauses dar, in­wiefern gerade der mittlere und kleinere Besitzer die Erbschaftssteuer zu fürchten Anlaß habe. Er konnte sich hierfür auf daS einstimmige Votum deS westfälischen Bauernbundes gegen die Erbschaftssteuer berufen. Bon den größeren Etats wurden heute erledigt der des Finanzministeriums, der allgemeine» Finanzverwaltung, der Handels- und Gewerbeetat wie der Berge tat — die beiden sogar debattelos — und der Justizetat.

Abgeordnetenhaus.

Sitzung vom 28. April 1913.

Der Gesetzentwuff betreffend die llntiegung von Grundstücken in Griesheim am Main wird von der Tagesordnung abgesetzt.

Bei dem Gesetzentwurf betreffend die Abänderung des EiseubahugefetzeS von 1838 regt ber Minister wieder- holt an, von der Durchberatung des Gesetzes abzusehen, da die Regierung der Vorlage, wie sie auS der Kom­mission hervorgegangen sei, nicht zustimmen könne.

Abg. Dr. Friedberg (natl.) stellt einen dementspre. chenden Antrag, der aber abgelehnt wird. — Darauf tnvch die Novelle in dritter Lesung angenommen.

M folkst das Eisenbahnanleihegesetz in zweiter Be­ratung: Zur Erweiterung, Vervollständigung und bes­seren Ausrüstung des Staatseisenbahnnetzes sowie zur Beteiligung des Staates an Kleinbahnen werden 541 Millionen gefordert. Die Budgetkommission hat an dem Entwuff nichts geändert.

Nach Aeußerung einiger Lokalwünsche aus dem Ahr­tal schließt die Besprechung, und der Gesetzentwurf wird unverändert in zweiter Lesung angenommen.

Für den Bau neuer Bahnen, Nebenbahnen, Bahnver­längerungen, Errichtung von Haltepunkten, bessere Zug­verbindungen und dergleichen liegen 88 Petitionen vor. Sie werden entsprechend den Vorschlägen der Kommission erledigt.

Darauf tritt das Haus in die dritte Beratung des EffeubahnauleihegesetzeS.

Auch hierbei werden verschiedene Spezialwünsche ge­äußert.

Dienstag: Fortsetzung, kleinere Vorlagen, Petitionen.

+ Auf die Schanzen.

Der Vorstand der Zentrumsfraktion des preu­ßischen Abgeordnetenhauses hat seinen Ausruf zu den bÄwrftehenden Landtagswahlen ins Land hinaus gehen lasten und ruft auch den letzten Mann zur Be­teiligung an den für unser gesamtes Volksleben über­aus wichtigen Wahlen auf. Fast alle Parteien haben nunmehr ihre Wahlaufrufe veröffentlicht; in allem nimmt die Stellung zur Wahlrechtsreform einen hervorragenden Platz ein. Wie sich die cinzel- nen Parteien zum preußischen Wahlrecht stellen, ist feianat; keine Partei aber kann mit ruhigem Ge­

wissen und volleren Händen inbezug auf die Wahl­rechtsfrage vor ihre Wähler hintreten, als die Zen- trumspartci. Das erhellt schon aus der ruhigen, jeder bombastischen Uebertreibung entbehrenden Art, wie die Zentrumsftaktion in ihrem Wahlaufruf ihren Standpunkt zur Wahlreform und ihre hierin errunge­nen Erfolge ihren Wählern in die Erinnerung ruft. Sie tut es, ohne anderen Parteien den Vorwurf zu machen, daß durch ihre Schuld die Beffergestaltung des Wahlrechts vereitelt worden sei und begnügt sich mit der schlichten, aber nachdrücklichen Versicherung, daß sie auch in Zukunft für eine Verbesterung des Wahlrechts eintreten werde.

Im ruhigen Bewußtsein redlich verrichteter Ar­beit weist die Zentrumsfraktion in ihrem Aufruf des weiteren auf ihre Tätigkeit und chre Erfolge in der Sozialpolitik und Schutzzollpolitik hin und erinnert an die wichtige Aufgabe, die von der Zentrumsfraktion in kultureller Beziehung zu erfüllen ist.

Jedermann weiß, daß das Zentrum auf die Dauer das einzigste Bollwerk für die christliche Volks­schule "feilt wird, daß es heute schon in manchen religiösen Fragen so in der Erteilung eines ange­messenen Religionsunterrichts in den Fortbildungs­schulen, vergeblich eine tatkräftige Unterstützung bei der konservativen Partei sucht. Welche Kämpfe die Zentrnmsfraktion des Abgeordnetenhauses um die Rechte der Kirche und die paritätische Behandlung der Katholiken hat durchfechten müffelt, lebt allzusehr im Bewußtsein des katholischen Volks, als daß die Zentrumsfraktion es für not­wendig erachtet hat, in ihrem Wahlaufruf darauf hin­zuweisen. Sie ist sich bewußt, daß im Volke ihr die Treue gehalten werden wird, die sie ihren Wählern allzefl gehalten hat.

Der Aufruf der Zentrumsftaktion entzieht sich natürlich auch nicht der heute gebotenen öffentlichen Bekundung, daß sie in einer entschiedenen Bekämp­fung der Kirche und Staat und widerstreitenden So­zialdemokratie eine Staatsnotwendigkeit, er­blickt. Er betont gleichzeitig aber auch, daß dieser Kampf nimmer durch Ausnahmegesetze geführt wer­den darf, sondern daß ihr Hauptstreben in diesem aufgedrungenen Kampfe auf eine sittliche Verjüngung und eine Erneuerung des christlichen Gedenkens im deutschen Volke hinzielt. Die Zentrumsfraktion er­blickt eben im Schutze und in der Wahrung der christlichen Weltanschauung im öffent­lichen, politischen und staatlichen Leben ihren Beruf und ihre vornehmste Aufgabe.

Aus diesem Grunde erübrigt es sich eigentlich, die christlich denkenden und handelnden Männer an ihre Pflicht zu erinnern, nach ihren Kräften daran mitzu­wirken, daß die Zentrumsftaktion ihre großen Auf­gaben auch in Zukunft erfüllen kann. Um dies zu er­möglichen, muß jeder Mann vor allem seine staats­bürgerlichen Rechte, die zugleich auch Pflichteik sind, in de» Dienst der Zentrumspartei stellen. Mag das preußische Wahlrecht noch so elend sein, es ist ein Mittel zum Zweck; um einen großen Zweck zu erreichen, darf auch das kleinste Mittel nicht vev- schmäht werden. Je stärker das Zentrum in den neuen Landtag einziehen wird, umso größer und sicherer werden die Aussichten auf eine baldige Re­form des preußischen Wahlrechts. Wird das Zentrum aber auch nur um wenige Mandate geschwächt und kehren auch die Konservativen in geringerer Zahl in den Landtag zurück, dann ist die bisherige Mehrheit in kirchen- und schulpolitischen Fragen gebrochen, dann wird es mit unserer Schulpolitik rasend bergab gehen.

Bei den kommenden Landtagswahlen steht vie­les auf dem Spiel, sie können leicht die Pforte für eilte neue Aera des Kulturkampfes werden. Dringlicher als sonst ergeht darum diesmal der Ruf an alle preußischen Männer, die auf dem Boden der Zentrumspartei stehen, sich an den Landtags-. Wahlen zu beteiligen und restlos einzustehen für die Wahlmänner der Zentrumspartei,

Die Wehrvorlage in der Kommission.

cw Berlin, 28. April 1913.

Der Budgetausschuß des Reichstages begann heute dft Beratung der Wehrvorlage. Der Präsident der Kom­mission, Abg. Spahn, schlug vor, nach der ersten Le­sung der Wehrvorlage in die erste Lesung der Deckungs­vorlagen einzutreten und dann die zweite Lesung beider Vorlagen anzuschlietzen. Hierüber entspann sich eine mehr als halbstündige Debatte. In deren Verlauf setzte der Kriegsminister die Gründe auseinander, ble, abgesehen von dringenden militärpolitischen Gesichts- punkten, eine möglichst baldige Entscheidung über die Wehrvorlage notwendig machten. Diese Gründe seien die rechtzeitige Beschaffung des UnteroffizierersatzeS, deS Pferdeersatzes, der Bestellung der Materialien für Festungsbauten, Vorbereitung für Grunderwerb, Exer­zierplätze, Schießstände usw. Der Kriegsminister be­tonte, gerade die rechtzeitige Bereitstellung der Unter­kunft erforberte zahlreiche zeitraubende Vorbereitungen, die rein wirtschaftlich schon für eine baldige Entschei­dung sprächen. Die Forderungen für das Luftsahr- toefen sollten eigentlich schon am 1. April 1913 in Kraft treten; eine Verzögerung würde diese Waffe, deren Materialbeschaffung besonders schwierig sei, schwer schä- digen. Hierauf erstattete der Abg. v. P u t l i tz (kons.) den allgemeinen Bericht über die Vorlage. Mitbericht­erstatter Abg. Erzberger erinnerte an die vertrau­lichen Besprechungen vom 24. und 25. April. Die ziffern­mäßige Armeestärke Frankreichs und Rußlands werde diejenige Deutschlands und Oesterreichs naturgemäß übertreffen. Ob bei einem neuen deutsch-französischen Kriege Italien zugunsten seiner Verbündeten Truppen auf den Kriegsschauplatz werfen werde, stehe dahin. Die Heeresvermehrung Frankreichs und Rußlands in neue­ster Zeit müßten zu ernsten Bedenken Anlaß geben, noch mehr die Maßnahmen unserer beiden Nachbarn in be­zug auf die Beschleunigung der Mobilmachung. Deutsch­land habe auf diesem Gebiete tatsächlich nicht mehr den Vorsprung. Daher sei die vorgeschlagene Verstärkung der Bataillone in den Grenzkorps durchaus angebracht, wolle, man nicht daS deutsche Volk den größten Gefahre» auS-1