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Fuldaer Zeitung

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Nr. 95. Erstes Blatt

Zreltag den 25. April 1913.

40. Zahrgang.

Deutscher Reichstag.

Sitzung dom 24. April 1918.

Vizepräsident Dr. Paasche teilt mit, daß eine Anzahl Wahlurnen im Hause aufgestellt sind.

Die zweite Beratung des

Militäretats

wird beim Kapitel „Gouverneure, Kommandanten und Platzmajore" fortgesetzt. — Die Budgetkommission hat beschlossen, daß die Kommandantur in Karlsruhe vom 30. November 1913 ab in Wegfall kommen soll. Die Kommandantur Darmstadt soll anders geregelt werden. Aehnlich steht eS auch mit den Kommandanturen Dres­den und Stuttgart. — Ein sozialdemokratischer Antrag verlangt ferner Streichung der Stommanbantur König, stein.

Der Kriegsminister: Der Beschluß der Kommission greift in bestehende Staatsverträge ein. Preußen mutz doch zunächst mit den beiden Staaten Verhandlungen pflegen. Dazu bitte ich Gelegenheit zu geben.

Hessischer Bundesratsbevollmächtigter v. Biegeleben: Durch die Umwandlung des Kommissionsantrages, die Kommandantur Darm stadt nicht zu streichen, sondern eine andere Form zu wählen, wird ein Verstoß gegen die bestehende Konvention nicht vermieden.

Badischer Bevollmächtigter Dr. Nieser bittet, aus staatsrechtlichen Bedenken dem Beschlutz der Kommis» sion nicht beizutreten.

Abg. Schöpflin (Soz.): An den unbefestigten Plätzen sind die Kommandanturen überflüssig. Ich beantrage auch Streichung der Kommandantur in Königstein.

Minister d. Heeringen: UnS binden die Verträge Hessen und Baden gegenüber.

Abg. Fehrenbach (Ztr.): 'Die staatsrechtliche Ver­pflichtung Vaden und Hessen gegenüber besteht zweifel­los. Ich werde zur dritten Lesung einen Vermittelungs. Vorschlag machen, der allen Wünschen Rechnung trägt, wodurch die Kommandanturen mit inaktiven Offizieren, und zwar in Karlsruhe und Darmstadt durch solche mit dem Range eines Regimentskommandeurs und in Dresden und Stuttgart mit dem Range eines Brigade« kommandeurS besetzt werden. DaS würde pro Platz nur 3000 Mark kosten.

Abg. v. Siebert (Rp.) ist gegen Streichung der Kom­mandantur, die er für unbedingt notwendig erachtet.

Abg. Roste (Soz.) plädiert für die Streichung.

Abg. Erzberger (Ztr.): Diese Debatte ist sympto­matisch für die Politik der Abstriche. Es ist lange nicht genug gestrichen. (Zustimmung.) Kaum haben wir beschlossen, diese Stellen zu streichen, sofort erheben sich Stimmen, die auch dieses Mindestmaß von Sparsamkeit einpökeln und für bessere Zeiten aufbe­wahren wollen. (Sehr gut!) Wenn man in dritter Lesung die Wiederherstellung der Regierungsvorlage be­antragen will, so kündige ich schon jetzt Anträge auf namentliche Abstimmung an. (Hört, hört!> Wenn man alles so erhalten will, wie eS 1870/71 war, so führt das zur Versteinerung und Verzapfung unserer Armee. (Sehr richtig!) Auch die Streichung in meinem Heimatlande Württemberg ist durchaus berechtigt. Eben­so ist die Kommandantur in Königstein vollkommen überflüssig. Mit Staatsverträgen soll man nicht kom- men, denn nirgends ist in den Staatsverträgen gesagt, daß die Kommandanturen durch aktive Offiziere besetzt sein müssen. Ich bitte Sie, den Beschlüssen Ihrer Kom­mission zustimmen zu wollen.

Minister v. Heeringen: ES kann kein Zweifel fein, daß die Kommandanturen für Hessen und Baden zu Recht bestehen. Auf Königstein lagert viel Material, wozu eine besondere Verwaltungsstelle nötig ist.

Abg. Dr. Becker-Hessen (b. k. Fr.): Der Reichstag hat allen Anlaß, darauf zu achten, daß die Bundes­staaten Vertragstreue halten.

Abg. Fehrenbach (Ztr.) betont nochmals, daß die Streichung der Kommandanturen von Karlsruhe und Darmstadt eine Verletzung von Vertragsrechten bedeu­ten würde. Im übrigen glaubt er in Aussicht stellen zu dürfen, daß die beteiligten Bundesregierungen da­mit einverstanden sind, daß sie von inaktiven Offizieren verwaltet werden, nur müsse eS hauptamtlich geschehen gegen Bewilligung einer Dienstzulage.

Der württembergische Generalmajor v. Grävenitz und sächsische BundesratSbevollmächtigte Leuckard von Weißdorf wenden sich gegen den Antrag.

Nach weiterer unerheblicher Debatte, an der sich u. a. nochmals der Abg. Erzberger (Ztr.) beteiligt, wird gegen die Stimmen der Rechten und eines Teiles der Natio­nalliberalen sowie einige Zentrumsstimmen der Beschluß der Budgetkommission und der sozialdemokratische An. trag bezügl. Königstein angenommen.

Der Etat des Reichsmilitärgerichts wird debattelos bewilligt.

Der Etat des Rechnungshofes für das deutsche Reich gelangt nach unwesentlicher Debatte zur Annahme.

Es folgt der Etat über den

„Allgemeinen PenstonsfondS."

Die Kommission beantragt die Vorlegung von Ge- setzentwürfen, durch welche eine Aufbesserung der Altpensionäre ermöglicht und bei der ReichSver- sicherungSordnung die Herabsetzung der Altersgrenze für die Gewährung der Rente von 70 auf 65 Jahre herbei- ?geführt wird. — Ein sozialdemokratischer Antrag ver- angt eine Erhöhung der Renten. Auch sollen die (Ren­ten der Kriegs, und Militärinvaliden nach erfülltem 60. Lebensjahre nicht mehr gekürzt werden.

Abg. Hügel (Soz.) begründet den sozialdemokrati. scheu Antrag.

Abg. Erzberger (Ztr.) fordert Beendigung des Un­fuges, wonach aktive Apotheker sich pensionieren lassen, wenn sie die Konzession für eine Apotheke in der Tasche haben. Dem Luftfahrfürsorgegesetz müsse rückwirkende Kraft verliehen werden. In unsere Armee dürfen nur körperlich und geistig vollständig intakte Leute einge­stellt werden. Der Redner bespricht dann den Fall eines sächsischen Militärapothekers, den er schon im vorigen Jahre vorgebracht hat. Damals erwiderte der sächsische Vertreter, daß der Mann pensioniert sei, weil er taub gewesen sei. Das wird wohl nicht stimmen, da dieser Taube inzwischen an Konzerten mitgewirkt hat.

Sächsischer Generalmajor v. Weißdorfs: Ucber diese Pensionierung habe ich bereits im vorigen Jahre ge­sprochen. Seitdem hat sich nichts Neues ereignet, ich brauche also wohl darauf nicht mehr einzugehen.

Abg. Erzberger (Ztr.): Ich verbitte mir eine der- artige Behandlung meiner Beschwerde. (Sehr gut!) Auf dem Kasernenhofe kann man so antworten, ober nicht hier im Reichsiage. (Sehr richtig!) DaS Kontroll­recht des Reichstages lassen wir uns nicht ein» schränken. Ich werde meine Beschwerde bei der dritten Lesung nochmals Vorbringen.

Generalmajor v. Weißdorfs: Uns sind keine Unter­lagen zugegangen. Ich kann nichts weiter sagen.

Abg. Erzberger (Ztr.): Der General hatte die Pflicht, eine Prüfung zuzusagen. Die« Art, wie er hier auf- «treten ist. war nicht die, wie eS einem Vertreter des

Die

benburg ei

fassung.

Kultusminister b. Trott zu Solz erklärt die Beschlüsse der Kommission für annehmbar und zum Teil sogar für Verbesserungen des Gesetzes. Interessierte und sorgsame Eigentümer könnten zur Ablieferung an das Museum nicht gezwungen werden.

Abg. Lippmann (98p.) bedauert lebhaft daS geringe Entgegenkommen der Regierung in der Frage der Entschädigung. .

Abg. Frhr. v. Wolff-Metternich (Z.) bringt für sich und einen Teil seiner politischen Freunde Bedenken ge­gen die Vorlage vor. Das Gesetz bedeute einen nicht unerheblichen Eingriff in das Eigentum und eine Ein- schränkung des Eigentums und die Entschädigungen würden nicht immer die wünschenswerte Höhe errei- dien. Aus der Anzeigepflicht erwüchsen polizeiliche De- Heiligungen und Einmischungen. _

DaS Gesetz wird mit den konservativen Anträgen nach den Beschlüssen der Kommission angenommen, ebenso debattelos in 3. Lesung. .

Eine Kommissionsresolution zur Einstellung große, ter Mittel zur Förderung der durch das Gesetz erstreb- ten Zwecke wird angenommen.

Das Scfcfcflcfeti und das Gesetz über die Mittel zur Regelung der Hochwasser-, Deich, und Vorflutver- hältnisse an der Oder werden angenommen.

Freitag: Rechnungssachen, kleinere Vorlagen.

K Skutari «nd der Schier sgerichts Gedanke.

Das trotzige Vorgehen des kleinen Montenegro ist eine akute Gefahr für den europäischen Frieden von

deutschen Volkes gegenüber notwendig ist. Es sind doch hier die Steuergroschen des Volker, um die es sich Han. dell. (Lebh. Bravo!)

Der Etat wird bewilligt und die vorliegende Resolution angenommen.

Es folgt der

Etat des ReichSschatzamteS.

Die Kommission hat die neu angesorderte Stelle eines Direktors im Reichsschatzamt gestrichen.

Reichsschatzsekretär Kühn bittet dringend, die Stelle zu bewilligen, da das Reichsschatzamt in den letzten Jahren außerordentlich stark angespannt gewesen sei und mit Hilfsarbeitern auf die Dauer die enorm ge­stiegene Arbeitslast nicht bewältige. Auch fei angesichts der starken Vermehrung des Beamtenheeres eine neue leitende Stelle nötig.

Abg. Stolle (Soz.) kritisiert die konservative Agrar- Politik und fordert zollfreie Einfuhr aller Futtermittel.

Abg. Dr. v. Galier (natl.) bittet um Annahme einer Resolution, worin die Aushebung der Bestimmungen des Zollvereinsvertrages, soweit sie eine einseitige Belastung der deutschen Weine betreffen, gefordert wird.

Abg. Graf Kunitz (kons.) wendet sich gegen die fo. zialdemokratische Kritik unserer Agrarpolitik.

Abg. Baumann (Ztr.) fordert im Interesse des in. ländischen Weinbaues, daß bei der Neuregelung unserer Zollverhältnisse die bisherigen Sätze der Einfuhrzölle auf Wein-, Most- und Schaumweine, sowie Trauben und Traubenmaische erheblich erhöht werden.

Die Resolution v. Galier wird angenommen.

Freitag: Kleinere Etats.

Preußischer Kaitöiag.

Herrenhaus.

Sitzung vom 24. April 1913.

Die Besetzung ist äußerst schwach. Auf der Tages­ordnung stehen Petitionen, der Gesetzentwurf betr. den Ausbau von Wasserkräften im oberen Quellgebiet der Weser und der Gesetzentwurf betr. Umlegung von Grundstücken in der Landgemeinde Griesheim a. Main.

Die beiden ersten Punkte werden ohne wesentliche Debatte erledigt.

Bei dem letzten Gesetzentwurf äußern einige Mit- glieber des hohen Hauses Bedenken gegen die Heber- tragung der lex Adickes auf Landgemeinden. Es läge im Interesse der Bauern, wenn eine solche Heber» tragung nicht stattfindet. Doch das Haus befchloß mit einer großen Mehrheit, dem Gesetzentwurf zuzustimmen.

Abgeordnetenhaus.

Sitzung vom 24. April 1913.

Die zweite Beratung des Gesetzentwurfes betreffend die Bereitstellung von 25 Millionen Mk. zur Förderung der Landeskultur und der

inneren Kolonisation

wird fortgesetzt.

Abg. Seiner! (Soz.) wünscht, daß die innere Koloni­sation von den Interessensphären der Großgrundbesitzer

losgelöst und vom Staate geleitet werden.

Abg. v. Bockelverg (kons.) glaubt, daß mit der inneren Kolonisation der richtige Weg eingeschlagen ist.

Abg. Jderhokf (freik.) wünscht, die Ansiedler nicht zu sehr zu belasten und die anzusiedelnden Flächen mit Eisenbahnen genügend aufzuschließen.

Landwirtschaftsminister Frhr. v. Schorlemer stellt Erfüllung des letzten Wunsches in Aussicht.

Abg. Saß-Jaworski (Pole) wendet sich gegen den Vorwurf des Landwirtschaftsministers, daß Die Polen und hauptsächlich die polnischen Geistlichen ihre Natio­nalität Höher einschätzen als das Deutschtum.

Landwirtschaftsminister Frhr. v. Schorlemer betont, daß seine Politik nicht auf eine Verdrängung der Polen, sondern auf eine Erhaltung und Stärkung des Deutsch, tums gerichtet sei.

Der Gesetzentwurf wird darauf in 2. und 3. Lesung angenommen. Es folgt die 2. Beratung des Ent­wurfs eines Ausnahmegesetzes. Die Kommission hat einige kleine Aenderungen am Gesetz vorgesehen, vor allem als Entschädigung für die im Gesetz festgelegte Ablieferungspflicht an ein staatliches Museum den Wert des Gegenstandes festgesetzt.

Abg. v. Goßler (k.) beantragt Gefängnisstrafe bei berufsmäßigem Verstoß gegen das Gesetz und die Fest, setzung der Anzeigepflicht nur bei Gegenständen „er­heblicher" Bedeutung.

Abg. Dr. Kaufmann (Z.> hält den Gesetzentwurf für eine unbedingte Notwendigkeit zum Schutz der kost­baren Bodeneigentümer. Ein Zwang sollte möglichst vermieden werden. Die Beschränkungen des Eigentums seien auf das Mindestmaß reduziert worden. Dagegen hätte man in der Frage des Schadenersatzes ein grö- fjer-’S Entgegenkommen seitens des EinzelministenumS in der Kommission erwartet. Den Anträgen der Kon- servativen stimmt er zu, um das Gesetz möglichst bald zu verabschieden.

-• Abgg. Gottschalk (natl.) und Dr. Kraufe-Wal- erklären sich für daS Gesetz in der Kommission-

zu assimilieren, welche feit 36 Jahren in den Grenzen Montenegros wohnen."

9)lan sollte eigentlich nicht annehmen, daß der neueste Wastenerfolg der Montenegriner die Ansich­ten der rustischen Regierung darüber, ob Skutari albanisch bleiben soll oder nicht, genau ins Gegenteil verkehrt hat. Aber die Wege einer Regierung, die mit einer so starken Unterströmung zu rechnen hat, wie die russische Regierung mit dem Panslavismus, sind dunkel, und somit hatte der englische Premier-- Minister Asquith schon recht, wenn er bei dem Londoner Pressefest Mittwoch abend trotz seines sonst im allgemeinen zur Schau getragenen Optimismus doch betonen zu müssen glaubte, daß mit dem Fall Skutaris ein neuer schwieriger Punkt auf- gctaucht sei.

W Petersburg, 24. April 1918. Der Fall Skutaris beschäftigt heute die gesamte Presse Petersburgs. Der Petersburger Herold findet, daS Ereignis habe heute lange nicht die Wirkung, die es vor einigen Wochen gehabt hätte. Der Balkanbund sei augenblicklich zu schwach, um für Montenegro einzutreten. Die Peters­burger Zeitung sieht in Nikita feinen Helden, sondern einen tollkühnen Spieler, der sein Spiel noch lange nicht gewonnen habe.

W Petersburg, 24. April 19 Die Diplomatie hält amtlich ihren Optimismus aufrecht, der auf der Annahme beruht, König Nikita wolle nur seine Geld­forderungen, vielleicht auch Ansprüche territoialer Art durchsetzen und werde schließlich Skutari freiwillig verlassen. Ssasonow wird vermutlich alles tun, um eine solche Lösung zu beschleunigen. Die Möglichkeit von ZwangsMaßnahmen wird dagegen nach­drücklich ab gelehnt. Was aber ohne etnen sol­chen Verzicht Montenegros geschehen soll, weih nie­mand zu sagen. Man erörtert allgemein die seltsame Ka p i t u l a t i o n der Türken und vermutet dahinter einen Streich des geschästsgewandten Königs.

Die «uffafsung in Oesterreich.

Wien, 24. April 1913. Sämtliche Blätter befassen sich mit der durch die Besetzung Skutaris geschaffenen Lage und verlangen von der Regierung sofortige und energische Maßnahmen gegen Montenegro, entweder mit oder ohne Europa.

Wien, 24. April 1913. Die Erkenntnis, daß König Nikita mit seinen erfundenen Darstellungen der „blu­tigen Erstürmung" Skutaris, die sich nun als eine ganz unblutige, vielleicht mit höchst unkriegerischen Mitteln erzielte Hebergabe entpuppt, die ganze Welt ge­narrt hat, wirkt hier erheiternd und verstimmt nur die Slawen, die sich natürlich sofort für den Heldenmut der montenegrinischen Brüder bis zur Siedehitze begei­stert und in vielen Städten zu Kundgebungen hatten fortreißen lassen, die die Polizei zum Einschreiten und wegen feindlicher Rufe gegen Oesterreich sogar zu 58er- Haftungen zwang.

Wien» 24. April 1913. ES entspricht ui cht den Tat. fachen, daß Oesterreich-Hngarn mit Umgebung der Londoner Botschaftervereinigung sich unmittelbar an die Mächte gewandt und ihnen einen befristeten Vorschlag über die Erzwingung der Räumu ng SkutariS gemacht habe. Oesterreich-Ungarn hat vielmehr lediglich in einer gestern nach London abge. gangenen Note seine Erwartung ausgesprochen, daß die Mächte auch nach Skutaris Fall auf der bebingungS. kosen Zuteilung dieser Stadt an Albanien bestehen und Mittel finden und anwenden werden, diesen ihren em. wütigen Beschluß rasch zu verwirklichen. Die Ankündigung eines etwaigen selbständigen Vorgehens Oesterreich-Hngarns enthält die Note nicht, eine solche wäre auch solange nicht angebracht, als nicht Klarheit darüber gewonnen ist, daß die andern Mächte oder einzelne von ihnen nicht mehr an ihrem früheren Beschluß festhalten. Man macht sich hier darauf ge- saßt, daß die Beantwortung dieser Note durch andere Mächte wieder einen bedauerlichen, aber unvermeid­lichen Zeitverlust verursachen wird, aber vor Ein. gang dieser Antworten wird Oesterreich-Ungarn nichts unternehmen.

Londoner Stimmen.

W London, 24. April 1913. Die „Westminster Ga. zette" schreibt: Die Verbündeten haben grundsätzlich die Vermittlung der Mächte angenommen. Die Ver- mittlung kann nur auf die Abgrenzung Alba- nienS, die Skutari einschließt, begründet werden. Wenn König Nikolaus auf Skutari bestehen sollte, würde er nicht Ipek und Serbien nicht Dschakova be- kommen. Oesterreich würde vielleicht den Sandschak Novibazar wieder besetzen. Die Mächte sind demnach nicht ohne Hilfsmittel. Wenn sie zusammenhalten, er­reichen sie ihr Ziel ohne große Schwierigkeiten. Die Lage duldet keinen weiteren Aufschub. Natürlich wären wir der Anwendungvon Gewalt gegen M on- tenegro äußerst abgeneigt, aber das An- sehen Europa» steht auf dem Spiele. Wenn König Nikolaus den Mächten erfolgreich Trotz bietet, müßten wir für diese Generation auf jede weitere Korporation zur Erhaltung des Friedens verzichten.

Tie Stimmung in Italien.

Die italienische Press« stellt volle Einmütigkeit Italiens mit den Maßnahmen Oesterreich-Ungarns fest. Italien werde auf der Londoner Botschafter- konserenz an der Seite Oesterreich-Ungarns ba üt ein- treten, daß Montenegro, wenn eS Skutari nicht frei­willig herauSgidt, ba-u gezwungen wird.

Die Londoner Botschafterkonferenz.

• Wien, 24. April 1913. Die gestrige Londoner Botschasterkonferenz war, wie n an von aui orilativer Seit« erklärt, enmütig der Ansicht, den Regierungen vorzuschlagen, daß die Vertreter der Mächte in Cetinie unverzüglich Schritte unternehmen, durch die der König von Montenegro auige ordert wird, Skutari zu räumen betro. den Mächten zu über­geben. Morgen tritt abermals die Bouchalterkonlerenz in London zu lammen, um sich mit der Slutari-Frag« und den österreichischen Vorschlägen zu belassen.

Die Mächte find einig.

• Berlin, 24. April 1913. Rach den hier vor- liegenden Meldungen halten die Mächte unbedingt daran fest, daß sie daS Vorgehen Montenegros nickn hinnehmen können, und daß sie auf die Mißachtung ihres gemeinsamen Beschlusses bezüglich der Zugehörigkeit Skutaris mit einem gemein- f amen Schritt zu antworten haben werden. Mit welchen Mitteln man aber den Widerstand b«6

heute: es bedeutet aber auch eine dauernde Schä­digung der schönen Ideen vom künftigen Weltfrie­densreich, in dem die Rüstungslasten und die Kriegs­nöte durch eine völkerrechtliche Gerichtsbarkeit ersetzt werden sollen.

Die vereinigten Großmächte von Europa haben in Sachen Skutari als ein hohes Schiedsgericht fun­giert. Mit Einsttmmigkeit entschied dieses oberste Tribunal, daß Skutari zum Fürstentum Albanien zu schlagen sei und die Balkanstaaten mit Dschakowa und anderen Städten abgefunden würden.

Serbien machte scheinbar diesem Spruch seine Reverenz; aber Montenegro leistete offenen Wider­stand. Alles gute Zureden und alle Drohungen wa reu vergebens. Es zeigte sich hier handgreiflich, daß alle freundschaftliche Vermittelung und alle schieds­richterliche Autorität „für die Katze" ist, wenn nicht ein handfefter Gerichtsvollzieher hinter dem Spruche steht.

Als „Europa" den Trotz des Zaunkönigs sah, suchte es sich auch zu einem „Zwangsverfahren" auf­zuschwingen. Doch um der Einigkeit willen wurde die erzieherische Einwirkung derartig verwäsiert, daß sie erfolglos blieb. Durch die sog. Blockade, die weniger eine'Züchtigung, als eine hohle Demonstration war, ließ sich der alte Fuchs von Cetinje nicht einschüch- tern. Die Großmächte sahen, daß Skutari zum Falle bereit wurde: aber es war kein Gerichtsvoll­zieher da, der den König Nikita an der Wegschnap. pung des verbotenen Bissens hinderte. Skutari fiel, und nun steht das allerhöchste Kollegium der europäst scheu Großmächte vor der viel schwierigeren Aufgabe, die Montenegriner wieder zu exmittieren.

Die Hoffnnng, daß Montenegro sich mit dem „Ge­müse des Ruhme s" begnügen und das Streitobjeft des lieben Friedens halber ober auch gegen lohnende Entschädigung freiwillig wieder herausgeben würden, erlebt natürlich eine Enttäuschung. „Wer hat, hat!" sagt König Nikita und reibt sich die Hände in der Er­wartung, daß Rußland und dessen Freundschaft ein Zwangsverfahren gegen ihn zu verhindern wissen werden.

Hier zeigt sich, daß trotz aller sog. Kulturfort, schritte der Krieg immer noch eine bittere Not­wendigkeit ist als ultima ratio, als letztes Mit­tel zur wirksamen Entscheidung von Streitfragen. Was helfen die schönsten Friedensverträge und die feierlichsten Schiedssprüche, wenn die angeblich be­nachteiligte Partei sich mit Erfolg widersetzen und die Ausführung vereiteln kann. Gegen den bösen Willen ist kein anderes Kraut gewachsen, als der materielle Zwang, die Brachialgewalt, wie man in Oester- reich sich ausdrückt. Wird diese Gewalt des starken Armes von einem Staat gegen den andern ange­wendet, so nennt man das Krieg. Wer den Krreg abzuschaffen strebt, ist ein lobenswerter Menschen- steund: aber er ist ein schlechter Realpolitiker, wenn er glaubt, daß schon heute die Staaten vernünftig und brav genug seien, um sich auch ohne äußeren Zwang unter "unangenehmen Entscheidungen^ zu fügen. Schön ist das Schiedsgericht, — wenn es über einen hand­festen Gerichtsvollzieher verfügte!

Folgerichtig wäre nun, wenn das angeblich ein­mütige „Europa" den nächstbeteiligten Genossen Oesterreich oder den stoei beteiligten Mächten Oesterreich und Italien den Auftrag zur Zwangsvoll fherfung gäbe. Aber diesem vernünftigen Entschluß steht die Zweideutigkeit der rusiischen Politik im Wege. Sieht sich nun Oesterreich seiner Ehre und seiner Interessen halber gezwungen, auf eigene Faust dem Rechte die Gasse zu bahnen, so haben wir die Gefahr, daß ihm Rußland und Frankreich, obschon sie dem maßgebenden Beschlusie förmlich zugestimntt haben, doch in den Rücken fallen. So kann aus der einfachen Aufgabe, einen einheitlichen Beschlutz der Großmächte gegen das winzige Montenegro dnrchzu- setzen, ein europäischer Krieg entbrennen.

Es regieren also auch heutzutage in der Welt noch kineswegs die Vernunft und das Recht, sondern die Hinterlist und die Gewalt.

Nikita trotzt weiter.

Die braven Montenegriner tun so, als behandelte Eurova sie ganz und gar stiefmütterlich. Von allen männlichen Montenegrinern von 14—45 Jahren ab sei ein Drittel getötet oder verwundet. Da sollten wir, nach all den heldenmütigen, Anstrengun- gen und ungeheuren Opfern Skutari wieder heraus­geben, fragen sie und beantworten diese Frage mit einem lauten und entschiedenen Nein. Das sei nicht möglich. Die Braven vergeflen nur, daß niemand sie gebetet hat, sich diesen Anstrengungen zu unter, ziehen, diese Op*er zu bringen. Im Gegenteil sind sie wiederholt von ganz Europa verwarnt wor­den, Skutari nicht zu nehmen, da man doch nicht zulasseii würde, daß es bei Montenegro bleibt.

W Wien, 24. April 1913 Die südslawische Korre­spondenz meldet aus Cetinje: Der König, wel cher von einer jubelnden Menschenmenge vor dem Konat gefeiert wurde, sagte in einer Ansprache: Die großen "Opfer, die das Land für Skutari gebracht hat, sind nicht umsonst gebracht worden: Skutari ist von beute ab montenegrinisch. Der endliche Besitz dieser Stadt werde dem Lande zu neuer Blüte verhelfen. Niemand könne es beute in Montenegro tragen, den Gedanken auszusprechen, Skutari wieder herauszugeben. Denn Europa noch immer daran denken sollte, Skutari, für das Mimte, negro fast verblutete, ihm neuerlich zu entreißen, werde Europa auch die Ausgabe haben, diese Ope­ration selbst durchzuführen.

Di« Haltung Rußlands.

Wie immer in der Balkankrisis kommt alles aus die Haltung Rußlands an. Hoffnung auf eine glück­liche Lösung auch der neuesten Balkanverwickelung gewährt da die bekannte Erklärung in dem Com- munigus Ssasonows vom 10. April:

„es ist bekannt, daß Skutari eine rein albanesische Stadt ist; die Montenegriner sind schon unfähig, einige taufend katholischer und muselmanischer Albaner sich