E Fuldaer Leitung
JV6 94.
Donnerstag 24. April 1915.
—'N>
* Nenkodifikation des Handwerkerrechts.
Nachdem das durch das sogenannte Handwerker- schutzgesetz vom Juli 1897 geschaffene Handwerker- recht seit etwa 15 Jahren in Kraft gewesen ist, hcrt sich eine Reihe von Mängeln und Wünschen heraus- aestellt. Der Deutsche Handwerks- und Gewerbe- kammertag hat diese mit zum Teil eingehendern Begründungen in einer umfangreichen Denkschrift zusammengefaßt und den Bundesregierungen und dem Reichstag überreicht.
Die in der Denkschrift gemachten Vorschläge beziehen sich aus die Innungen, die Handwerkskammern, die Verhältnisse der Gesellen und Lehrlinge sowie das Meisterprüfungswesen. In ihren Endsätzen betont die Denkschrift, daß die in ihr nieder- gelegten Forderungen aus der Praxis der Handwerks- und Gewerbekammern heraus entstanden seien. Das Handwerk habe lange Zeit bescheiden genug gewartet, bis die Neukodifikation der Reichspersicherungsordnung, die Fürsorgegesetzgebung für tzle Privatangestellten erledigt worden seien. Jetzt erwarte das Handwerk von den gesetzgebenden Körperschaften die Einlösung des mehrfach gegebenen Versprechens einer Neukodifikation auch des Hand- werkerrcchts mit aller Bestimmtheit. Zu der Denkschrift äußerte sich in der 92. Sitzung des Reichstages vor kurzem der Staatssekretär des Reichsamts des Innern, Dr. Delbrück. Die Frage, ob die im VI. Titel der Gewerbeordnung enthaltene Handwerkergesetzgebung einer Revision und Ergänzung bedürftig Jet, müsse er bejahen; er beabsichtige, eine Reihe von tn der Denkschrift des Ausschusses des Deutschen 'Handwerks- und Gewerbekammertages präzisierten und formulierten Fragen zur Erörterung zu stellen. Zu diesem Zwecke sollen die Herren vom Hcmdwetts- und Gewerbekammertag demnächst zu einer Beratung im Reichsamt des Innern eingeladen werden. Bei gegebener Gelegenheit sollen auch andere Vertreter ■be3 Handwerks zu den hier besprochenen Fragen noch igehört werden.
i Hoffentlich läßt die Regierung dem guten Willen ^uch entsprechende Taten folgen; denn die in der Denkschrift gewünschten Abänderungen und Ergänzungen sind, wie hier mit Recht hervorgehoben wird, für eine weitere erfolgreiche Hebung und Kräftigung des Handwerkerstandes unerläßlich. ....
Lokaler.
Fulda, 24. April 1913.
# Verliehen wurde dem Ober-Stadtsekretär a. D. Ewald und dem Eisenbahn-Oberfekretär a. D. Greffenius, beide zu Franlfurt, der Rote Adler» orden 4. Klasse, dem Eisenbahnhauptkaffenrendanten a. D. Kaiser zu Frankfurt der Kroncnorden 3. Klaffe.
H Ozanamseier. Vom 25. bis 28. April findet in Paris die Hauplfeier des Gedächtnisses Ozanams statt. Als Vertreter der Vincenzvereine der Diözese Fulda wird Herr Fabrikbesitzer Richard Schmitt an derselben teilnehmen. Diese Feier soll eine machtvolle Kundgebung katholischer Einheit und Brüderlichkeit werden. Die Anmeldungen sind sehr zahlreich eingelaufen; sogar von jenseits des Ozeans und selbst aus dem fernen Australien werden Vertreter in Paris erscheinen.
! D Gottesdienstordnung der Stadtpfarrkirche. In Ergänzung der Notiz der .Fuldaer Zeitung' Nr. 93, 2. Blatt, die Gottesdienstordnung der Stadtpsarrkirche betreffend, sei bemerkt, daß infolge der Teilung des Echulgottesdienstes noch andere Aenderungen von 'nächsten Sonntag an eintreten müssen. Deswegen sei die vollständige Gottesdienstordnung, wie sie an Sonntagen von jetzt ab in Kraft tritt, hier mitgeteilt: Um Vsß Uhr Spendung der hl. Kommunion, 8/«6 Uhr erste Frühmesse, hierauf hl. Kommunion, ®/<7 Uhr zweite Frühmesse mit Predigt und hl. Kommunion, 8 Uhr Schulgottesgienst für die fünf letzten Jahrgänge der Schulkinder mit Predigt und hl. Kommunion, ‘MO Uhr Hochamt mit Predigt, 11 Uhr Schulgoltesdienst für die drei ersten Jahrgänge mit Predigt. Die Christenlehre für die Jünglinge findet um 10 Uhr in der Severikirche statt.
\ ♦* Mit 35 000 Mitgliedern ist der Verband katholischer kaufmännischer Vereinigungen Deutschlands, wie aus dem kürzlich er- sthienenen Jahrbuch für 1913-14 ersichtlich ist, am 1. April in feilt neues Geschäftsjahr eingetreten. Der ,Mitgliederzuwachs im verflossenen Jahre betrug rund 4000. Ueberhaupt ist in den letzten fahren, wie die Arbeit auf Wirtschafts- und sozialpolitischem Gebiete immer größer und umfangreicher geworden ist und die Wohlfahrtseinrichtungen — u. a. durch die Einrichtung der Stellenlosenversicherung und der
Die Schuld der Vaters.
Roman von Freifrau G. von Schlippenbach.
Unter dem Sonnenzelt waren heute die Paffa- mere des großen Ozeandampfers versammelt, der jerife schaukelnd über das große Waffer glitt. Das weite atlantische Meer lag in goldenen Sonnenschein getaucht vor den Augen der Reisenden. Eine internationale Gesellschaft war auf dem Schiff vereinigt. Man hörte fast alle Sprachen, und die verschiedenartigsten Typen kamen und gingen oder saßen lesend und plaudernd attf den bequemen Schiffsstühlen.
Etwas entfernt von den lachenden, schwatzenden Gesellschaften saß Daily. Sie hatte ein Buch in der Hand, und oft schweiften ihre Blicke träumend über das Meer, wobei ein leises, glückliches Lächeln ihre schwellenden Lippen teilte. Sie dachte an die vier Jahre zurück, die sie mit ihrem Vater in San Franzisko verbracht hatte, an die ftöhliche Pensionszeit, mit den ihr lieb gewordenen Freundinnen, an den Sonntag, wo ihr Vater sie für den ganzen Tag afr- holte und sie viele glückliche Stunden verlebten, immer zusammen, sich verstehend und ergänzend. Und in den Ferien reisten sie. Soltjakoff zeigte seiner Tochter die großartigen Schönheiten Amerikas. Sie standen an den Niagarafällen und bewunderten die hohen Bergriesen der Sierra Nevada, der Rocky Mountains, oder sie ritten durch die Urwälder der Bereinigten Staaten mit ihrer wunderbaren Vegetation.
„Es ist alles wunderschön, Väterchen", sagte Daisy, „aber es ist nicht so schön, wie unsere ruffische Steppe. Ich sehe sie oft in meinen Träumen und habe Heimweh nach ihr."
„Wir kehren einmal nach unserm geliebten Rußland zurück", sagte Soltjakoff, „auch ich möchte es."
Heute dachte das junge Mädchen mit ganz besonderer Ungeduld und Sehnsucht an das ferne Reiseziel, an die Pflegeeltern, an Kolja und Nata- icha, an Datnofka und seine Bewohner. Boris Arbutin hatte ihr zweimal geschrieben, einmal, bald
Familienkrankenkasse — eine Erweiterung erfahren haben, auch die Mitgliederzahl ständig g e - wachsen. Besonders erfreulich ist die Zunahme der Mitglieder in den Jugendabteilungen der Verbandsvereine. Jh« Zahl beträgt heute mehr als 6000. Der Verband umfaßt 301 Vereine und Ortsgruppen, dazu kommen 11 Vereine des Gaues Oesterreich und 5 Vereine des Gaues Ausland (Barcelona, Brüflel, Chikago, London und Paris), außerdem 2 hospitierende Vereine (Basel und Zürich) und 709 Einzelmitglieder. Die Verbandszeitschrift „Mer- kuria" erscheint in einer Auflage von 29 000 und die Zeitschrift für die Jugendabteilungen „Jung- Merkuria" in einer solchen von 7500 Exemplaren.
= @tntn Probeflug unternahm gestern abenv der Aviatiker Mürau, indem er zweimal den Exerzierplatz umflog.
♦♦ Ausländische Losschwindler treiben wieder ihr Unwesen in Deutschland. Durch zahllose Briese, Prospelte und Agenten empfehlen sie Prämien Oblinalionen wie Otlomantsche tTürkenlose), Braunschweiger, Pappenheimer, Holl. Grundkreditbank, Holl. Fünfzehngulden- lose usw. Sie verkaufen sie gegen Monatszahlungen oder auch nach neuestem Schwindlert-tck gegen Beleihung. Das Publikum fällt leider immer wieder darauf hinein. Der Kauf solcher Obligationen ist in allen deutschen Staaten strafbar. Zahlreiche Käufer und besonders Vermittler, find schon deshalb bestraft worden. Außerdem sind aber die ausländischen„Bankfirmen", die diese angeblichen Wertpapiere verkaufen, durchweg Schwindler Es ist festgestellt, daß sie Papiere, über dl» sie Depotscheine und Zertifikate erteilen, gar nicht besitzen. Wie dir Staatsanwaltschaft Kastel mitteilt, schweben gegen fast hundert dieser Firmen Strafverfahren wegen Betrugs und Wuchers und zugleich Sperren für sämtliche Postsendungen. Jeder, der mit den Firmen oder ihren Vermittlern in Verbindung tritt, setzt sich also dem gerichtlichen Strafverfahren aus. Es sei auch besonders gewarnt vor dem Kauf von Losen der dänischen Koloniallotterie; zahlreiche Bestrafungen sind auch deshalb erfolgt. Alle, die mit ausländischen Firmen in Verbindung getreten sind, weroen sich am besten an die Kgl. Staatsanwaltschaft Kastel wenden.
♦* Abraupen der Bäume. Es sei hiermit an die polizeiliche Anordnung erinnert, nach der alle Bäume, gleichviel ob sie sich in Gärten, auf Wegen, Straßen oder Plätzen befinden, durch Abkratzen und Abkehren von den auf ihnen befindlichen Raupen, sowie deren Eier zu befreien sind.
^Dringende Sendungen von und zur Schweiz. Vom 1. Mai 1913 ab können bei den schweizerischen Postanstalten durch Eilboten zu bestellende Postpakete und Postfrachtstücke ohne Wertangabe und ohne Nachnahme nach Deutschland, Luxemburg und Däne- markt als dringende Sendung oufceliefeti werden. In der Versendung von dringenden Paketen aus Deutschland nach der Schweiz, die auf der deutschen Beförderungsstrecke schon jetzt zugelaffen find, tritt keine Aenverung ein.
Ans dem Nachbargebiete.
x. Eckweisbach, 22. April 1913. Für die erledigte hiesige Lehrerinstelle sind 23 Meldungen eingegangen.
* Hanau, 23. April 1913. Das Eisenbahn- Regiment Nr. 3 nimmt am Donnerstag seine Hebungen int vollen Umfange wieder auf. — Außer den gemeldeten Sch arlacherkrankungen beim Hlanen-Regiment Nr. 6 ist niemand mehr erkrankt.
* Frankfurt, 23. April 1913. Der 30 jährige Handlungsgehilfe Dörschler sah dieser Tage den Fabrikanten Fifcher Lüdenscheid, bei dem er früher mal in Stellung war, hier auf der Straße und schon kam ihm ein guter Gedanke, um sich Geld zu verschaffen. Er telegraphierte an die Firma nach Lüden- fcheid unter dem Namen des Fabrikanten und bat um Zusendung von 800 Mark nach dem Postamt I. Einige Tage danach legte er auf dem Amt als Legitimation seinen Ausmusterungsschein vor, den er auf dm Namen Fischer abgeändert hatte. Dörschler wurde bitter enttäuscht, denn das Geld erhielt er nicht; dagegen faßte ihn ein Kriminalbeamter und verhaftete ihn. — In einer Wirtschaft an der Breitegasse wurde hmte ftüh 2 Uhr eine Spieler« gefellschaft von der Kriminalpolizei überrascht.
* Göttingen, 22. April 1913. Bei der Springmühle, etwa vier Kilometer westlich der Stadt, ist eine gegen drei Kilometer lange Siedelung aus der Steinzeit freigelegt worden. Man nimmt an, daß dort die Wohnung eines Häuptlings gestanden hat.
* Kastel, 23. April 1913. Der Arbeiter Paul aus Crumbach wurde in einer Sandgrube von herabstürzenden Sandmaffen begraben. Der Verunglückte, der alsbald aus seiner mißlichen Lage befreit wurde, erlitt einen Unterschenkelbruch. — Der Schloffer- geselle Uschold wurde in seiner Wohnung vor dem
als sie in Amerika angekommen war, bann, als er Offizier wurde. Das erste Mal hatte sie geantwortet, daun nicht mehr. Eine unerklärliche Scheu hin- berte sie baran. An einem golbenen Kettchen trug sie das silberne Heiligeubilb um ben Hals, bas er ihr beim Abschieb gegeben. Ob er noch bie Locke hatte, bie er ihr geraubt? ■—< Daisy hätte es gar zu gern gewußt.
Wie sie so auf dem bequemen Schiffsstuhl sitzt, bie kleinen Füße in ben weißen Schuhen vorgestreckt, ben fchlanken, graziösen Körper zurückgelehnt, bietet sie ein eigentümlich reizenbes Bild. Ein leichter, weißer Strohhut bebeckt bas reiche, braune Haar, unb bas liebliche Gesicht ist frisch von ber Seeluft angehaucht unb ein wenig gebräunt. Nicht regelmäßig schön sinb bie beweglichen Züge Daisy Soltjakoffs, aber sie sind unbeschreiblich anzieheub burch ihren Ausdruck, durch bas holbe Lächeln bes Munbes, burch bie grauen Märchenaugen, bereu bunkle Umgebung sie oft fchwarz erscheinen laffen.
„Nun, Täubchen, so in Gedanken?"
Es ist ihres Vaters Stimme. Er setzt sich neben das junge Mädchen unb streicht ihm zärtlich übers Haar.
„Bedauerst Du es, Amerika zu verkästen?"
„Nein, nein, Papascha!" ruft Daisy lebhaft. „Es geht ja heim! Bald werben wir das teure Vaterlanb betreten!"
„Nekraffoff schreibt mir, baß er alles in Blagotir auf bas beste eingerichtet hat; nur tut es mir leib, baß bie Swerjeffschen Damen Blagotir verlassen mußten. Sie leben übrigens in unserer Nachbarschaft, in Lawilischki."
„O, bann wollen wir fleißig mit ihnen verkehren!" rief Daisy. „Olga Romanowna Swerjeff muß allerbings mehrere Jahre älter fein als ich, aber ich hoffe, wir werben trotzbem gute Freundinnen. Tante Anna sprach mit viel Achtung von ihr; sie kennt sie schon von Moskau her."
„Wir wollen bei allen Nachbarn Besuche machen. Ich fürchte nur eins, mein Seelchen."
__ „Nun, was ist es?" fragte Daisy neugierig.
Bette liegenb tot ausgesunden. Ein Herzschlag hatte ihn gerflbrt. — Alle Nachforschungen nach dem feit Sonntag verschollenen Ballon .Ilse" mit dem Kaufmann Weyland von hier an Bord sind ergebnis- los verlaufen. Es ist möglich, baß ber Ballon in den Gräflich Berlep'fchen Waldungen verunglückt ist, möglich aber auch, baß Weyland in den dichten Waldungen des Harz ein Unfall zugestoßen ist. Der Kurhess. Verein für Luftfahrt setzte eine Belohnung von 500 Mk. aus für die Auffindung des Ballons und seines Jnsaffen, oder für eine Nachricht, bie zur Auffindung des verunglückten Luftfahrers führen kann.
* Aus Thüringen, 22. April 1913. In Saatfeld wurde der Verkauf von Speiseeis an Schulkinder verboten. Damit ist hoffentlich vielen bösartigen Erkrankungen vorgebeugk. — In Gaberndorf ist die gefüllte Scheune des Bürgermeisters abgebrannt. Man vermutet Brandstiftung aus Rache. — Aus einer verschlossenen Wohnung in Eisenach entwendete ein Dieb am Hellen Tage einen Anzug, eine goldene Damenuhr, einen Ring und 20 Mk. in bar, wurde aber beim Verlassen der Wohnung ergriffen. — Heute vormittag entgleiste im Blankenheimer Tunnel auf der Strecke zwischen Sangerhausen und Halle ein Bauzug.
* Aus Thüringen, 23. April 1913. Wegen Vogelstellerei war ein Einwohner von Schweina zu vier Wochen Haft verurteilt worben. Das schien bem Mann zu viel unb er legte Berufung ein; jetzt würbe bie Strafe auf sechs Wochen erhöht. — Das Militär- luftschjff. „M \" wirb in Gotha zerlegt unb mit ber Eilen bah» nach Berlin beförbert Es sollte auf bem Luftweg von Berlin nach Metz gelangen, kam aber nur ms Gotha. — In Eisenach würben sämtliche Schutzleute bestraft, weil sie sich über ihren Chef beschwerten, ber einige Reformen eingeführt hatte. Nur zwei Schutzleute tarnen ohne Strafe davon, weil sie erklärten, nicht gewußt zu haben, was in der Be- schwerbeschrift stanb. — Der verstorbene Fabrikant Jahn in Schmölln hinterließ 10 000 Mk., beten Zinsen alljährlich an seine ehemaligen Arbeiter verteilt werben fallen, bie bebürftig sind. — In Rusitz würbe bem Gemeinbekassierer nachts bie Gemeinbe- kaffe gestohlen, auch verschwanben noch 300 Mk. Privatgelber. — In Woltershausen sinb bie Bautischler in ben Ausstanb getreten. — Die Stabtbehör- ben zu Schmoll n, Ronneburg unb Gößnitz haben ben Bezug ausländischen Fleisches wegen Sinkens der einheimischen Fleischpreise eingestellt. Die Stadt Schmölln hat in etwa fünf Monaten für 85 000 Mk. ausländisches Fleisch bezogen.
* Bad Bildungen, 22. April 1913. Gegenwärtig ist man im Talsperrengebiet dabei, bie Leichen aus ben bem Untergänge geweihten 3 Fried Höfen, soweit dies gewünscht wurde, auszugraben und in ben schon vor einigen Jahren neu angelegten Friebhöfen beizusetzen. Die Regierung läßt bie Arbeit unter ber Aufsicht eines Friedhofsinspektors aus Köln a. Rh. auf ihre Kosten ausführen. 43 Leichen ans ben Otten Asel, Brinahausen und Bettch werben umgebettet. Von ben anderen Gräbern werben bie Grobmäler abgenommen unb auf ben neuen Friebhöfen beigefetzt, wo sie von einem gemeinschaftlichen Gitter umgeben werden. Eine Inschrift wirb mel- ben, daß diese Verstorbenen im Grunde des großen Edersees schlummern.
* Weilburg, 22. April 1913. Der Oberlahnkreis wird zum Regierungsjubiläum des Kaisers 25 000 Mk. stiften, deren Zinsen für tuberkulöse Personen dienen sollen, die in Heilanstalten untergebracht sind.
dd Friedberg, 23. April 1913. Aus Berliner amtlichen Kreisen ging der Stadtverwaltung die Nachricht zu, daß die Stadt zum Herbst Garnison erhält, voraussichtlich das neu zu bildende dritte Bataillon des Infanterie-Regiments Nr. 168.
• * Aus dem Großh. Hessen, 23. Apttl 1913. Die
Zahl der Geburten ist, wie in Preußen, auch tm Großherzogtum Hessen im Jahre 1912 weiter z u- rüdgegangen, von 33209 Lebendgeborenen im Jahr e 1911 auf 32 339 in 1912. Die Säuglingssterblichkeit hat sich von 12,9 im Jahre 1911 (auf 100 Lebendgeborene bezogen) auf 10,1 verbessert. Vor 40 Jahren betrug sie noch die doppelte Größe.
* Ans Franken, 23. Apttl 1913. Der Schuhmacher Brettenbach von Obernbach bei Brückenau lockte in Erlangen einen jungen Schreiner an den Kanal, wo er ihn plötzlich überfiel und derart drosselte, daß er bewußtlos wurde. Dann nahm er ihm das Geld ab und entfloh, konnte aber iq Bamberg verhaftet werden. — Als Kandidaten für den 2. Bürgermeisterposten in Würzburg meldeten sich fünf Herren. — Professor Dr. Wien, ber nach Amerika berufen würbe, wirb an ber Columbia-Universität in Newhork eine Reihe von Vorlesungen halten unb Mitte Mai von bort wieder zurückkehren. — In Großostheim fand man die 30 Jahre alte lebige Näherin Machart erschossen in ihrer Wohnung auf.
„Du wirst mir allzu schnell fortgeholt werden." „Wie meinst Du das, Papafcha?"
Daisy sieht ihren Vater erstaunt an.
„Du wirst heiraten", versetzt Soltjakoff lächelnd.
„Aber Papafcha!"
Sie ruft es entrüstet unb entzieht ihm ihre Hanb.
„Das ist boch nur natürlich, mein Liebling."
„Ich werde doch nie einen Mann finden, der dir gleicht", eifert Daify, „keinen, ber so edel und groß ist. Ach, mein goldenes Väterchen, behalte mich immer, immer bei Dir!"
Unb sie wirft sich in ferne Arme unb küßt ihn stürmisch Sieht sie benn nicht ben Schatten, ber plötzlich über sein Gesicht huscht, ber alle Ruhe unb Freubigkeft von feinen eben noch so ruhigen Zügen wischt?
Ja, sie brennt toieber, bie alte Wunde. Sie blutet in roten, heißen Tropfen. Seines Kindes ahnungslose Wotte haben bie kaum vernarbte Narbe geöffnet, bie weiße, kleine Hand hat den Dolch gezückt, bie Erinnerung wachgerufen.
Soltjakoff steht auf unb verläßt bas Vorderbeck; er kann feinem Kinde nicht in die vertrauenden, gläubigen Augen sehen. Daisy ist an die seltsame Ätt ihres Vaters gewöhnt; sie kann es sich nicht erklären. In solchen Augenblicken richtet eine Scheide- wand sich zwischen ihnen auf. Diesseits steht sie mit ihrer ganzen kindlichen Liebe, jenseits ber Vater mit feinem Leibe; benn baß er leibet unb ihr etwas verheimlicht, weiß sie mit bem feinen Instinkt eines zärtlich liebenben Frauenherzens. Auch heute hat sie, ohne es zu wollen, bie mißtönenbe Saite berührt. Was ist es nur, bas sich bunlel zwischen ihnen erhebt?
Daisy weiß, baß der Vater in solcher Stimmung allein sein muß; auch heute folgt sie ihm nicht. Alle Fröhlichkeit ist aus ihrem Gesicht verschwunden. Sie sieht um Jahre gealtert aus, in den Augen schimmert es feucht von unterdrückten Tränen. Soltjakoff ist nach solchen Schwermutsanfällen doppelt liebevoll gegen fein Kind. Es liegt fast etwas Abbittenbes in seinem Wesen, etwas das Daisy nicht mag.
Ob ein Mord oder Selbstmord vorliegt, konnte noch nicht festgestellt werden. — Ein Einwohner von Stadtlauringen wurde von einer etwa 30- köpfigen Zigeunerbande bei Altenmünster angehalten und zur Hergabe seines Geldes genötigt, worauf sie ihn wieder ziehen ließen.
Amt Geisa und Umgebung.
* Geisa, 23. Apttl 1913. Der Gemamderat beschloß in einer der letzten Sitzungen, dcn G a n g- golphiberg zu verschönern. Ta derselbe durch seine günstige Sage eine herrliche Aussickit auf die Berge ber Rhön bietet, ist es nicht zu oerroutbern, daß er für Naturfreunde einen großen Anziehungspunkt bildet. Auf seinem Gipfel befindet sich der Fttedhof, über dessen Mauern hinaus sich würdevoll die Kapelle erhebt. Um diesen ftiüen Platz zieht sich ein schöner Promenadenweg. Daß dieses idyllische Fleckchen Erde auch historische Bedeutung hat, davon zeugen die aus alter Zeit stammenden sogen. Zentensteine. Nur noch drei derartige Wahrzeichen sind im Großherzogtum vorhanden. — Das Wohnhaus des Fleischers Adels Fleck ging im Wege des Zwangsverkaufs in byt Besitz des Bäckermeisters Faber über.
Ans Oberhessen n- -en Hess. Aemlern.
* Treysa, 23. Apttl 1913. Das vor einigen Jahren auf dem Bahnhof neu erbaute Maschinen- haus erweist sich bereits als zu klein; aus diefem Grunde sind vom Landtage für eine Vergrößerung 50 000 Mark bewilligt worden. In den letzten Wochen sind die Vorarbeiten, u. a. die Legung neuer Gleise, so fleißig gefördett worden, daß mit dem eigentlichen Bau in der nächsten Zeit begonnen werden kann.
* Gladenbach, 23. Apttl 1913. Dem Maurermeister Will von hier wurde eine Maurerkelle mit abnehmbarem Griff durch D. R. G. M. gesetzlich geschützt.
* Geismar, Kr. Fritzlar, 23. Apttl 1913. Ein Unbekannter brach in einem Gatten des Arbeiters Bauer in einer ber letzten Nächte an etwa 50 Obstbäumchen bie Kronen ab, sodaß sie verloren sind. Da bestimmte Verdachtsgründe auf eine gewisse Person hindeuten, hofft man, den Täter zu erwischen.
vermischtes.
=i Selbsthilfe gegen die Auswüchse des Sub- missionswesens. Das Stadtbauamt zu Bochum hatte die Herstellung des Anstttchs von 1460 Baumrosten im Submissionswege ausgeschrieben. Das Ergebnis der Submission war „beispiellos kläglich". Die Angebote schwantten zwischen 1 Mark und 3.40 Mark. Konnten bie Arbeiten zu 1 Mark ausgeführt werben, so mußten bie Höherforbernben stark überfordert haben. Das Ottstattfamt nahm sich auf Antrag ber Sache an. Durch Sachverständige wurde festgestellt, daß die Selbstkosten 2.47 Mk. bezw. 2.63 Mk. betrugen. Das Ottstattfamt (teilte durch Vernehmung der Unterbietet fest, daß zwet davon zugestandenermaßen sich in den Berechnungen aus „Mißv erst ä n d n i s und Unkenntnis" geirrt haben. Einer hatte sogar vergessen, „den Arbeitslohn mit in die Berechnung aufzunehmen". Ein anderer bestand dagegen auf der Richtigkeit seiner Berechnung und glaubte die Arbeit viel schneller ausfühven zu können, als die Sachverftändigen dies für möglich hielten. Das war dem Ortstarifamt denn doch zu statt. Es machte von ber ihm durch § 10 des Reichstarif- Vettrages verliehenen Befugnis zur Bekämpfung ber Schmutzkonkurrenz Gebrauch unb verurteilte bie brei schlimmsten Unterbietet zu je 50 Mark unb bie brei weiteren, welche zwar höher, aber immer noch weit unter bem Selbstkostenpreis erreicht hatten, zu je 25 Matt Geldstrafe.
♦ Die zweite deutsche Luftschiffpost. Am Montag abend gegen 6 Uhr erschien in Düsseldorf das Militärluftfchiff „Z. 2", landete auf der Golzheimer Heide, nahm etwa 28 000 Luftpostkarten an Bord, die am Kinderhilfstag am Sonntag bort geschrieben waren unb fuhr bannt um 7 Uhr nach Köln zurück. Von bort werben bie Karten per Post an bie Adressaten beförbert. Es ist das die zweite Luftschiffpost, die in Deutschland ausgeführt wurde.
* Nach Unterschlagung von 5000 Mark, die au? einet Konkursmasse herrührten, ist der Rechtsanwalt Amecke in Dortmund verschwunden.
* Schmutzereien in der Augsburger Abdeckerei beV schästigen die Strafkammer des Augsburger Landgerichts. Der Abdeckerei- und Metzgergehilfe Stockert
Es wat Hochsommer geworden, als die Reisen- den in Antwerpen landeten. Sie nahmen ihren Weg über Holland und Deutschland. In Berlin blieben sie einige Tage, und Daisy lernte die Schönheiten der Kaisetstadt kennen. Hier trafen sie mit Landsleuten zusammen.
Eines Abends besuchten Vater und Tochter den Ausstellungspatt in Gesellschaft des Generals Nie- profski, der Witwer war und zwei allerliebste Töchter- in Daisys Alter hatte. Die drei jungen Sanum lebten sich schnell ein, und man wat fast immer beisammen.
„Haben Sie auch Wien gesehen, Ilja Georgs- wftfch, kennen Sie es?" fragte Nieprofski. .Das, ist nach unserem geliebten Petersburg die fdjönfte Stadt, die ich kenne." _ i
„Nein", versetzte Soltjakoff kurz.
„Siehst Du, Papascha", fiel Daisy ein, „idi bat Dich so sehr, nach Wien zu reifen, aber Du wolltest es nicht."
Die düstere Falte erschien auf Soltjakoffs Stirn, und et sagte kurz ablehnend:
„Es lag zu west von unserer Reiseroute, ein andermal"
Soltjakoff war seht still geworden, und seine Tochter beobachtete ihn mit heimlicher Sorge. Früher als sonst brachen sie auf unb gingen in ihr Hotel.
„Gute Nacht, Kleine", sagte Ilja, „ich habe, Kopfweh und muß noch ewige Briefe schreiben."
Sie ging gehorsam fort unb ließ ihn allein.
Er saß am Tisch unb hatte den Kopf in den Händen vergraben unb saß unb grübelte. Es ivaren i'n- mer dieselben quälenden Gedanken, die sein Hirn marterten
Er sah sie im Geist wieder, die schöne, swlze Koi- ferftabt an ber Donau, wo er mit seinem jungem SBeibe gelebt hatte, wo er — nein, weiter wollte er nicht denken. Er schellte und befahl dem Kellner, Wein zu bringen, den schwersten, der im Hotel zu haben war. Als er bie halbe Flasche geleert hatte, fühlte et sich beffer.
(Fottsetzung folgt.)