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Fuldaer Zeltun

erschein« »glich mit Ausnahme der Sonn- und Zeierioge. viertel- jöhrlidjtr Bezugspreis ohne Bringer lohn und Bestellgeld in Hulda sowie auswärts 1.50 Mark. Rotationsdruck und Verlag der 5 s Sutöaer Actienörudterei In Hulda. Zernlpreche« Nr. 9.

s ü wochen-veNage: s s F = x HTonats-Beitoge: s s Ittuftrierte Sonnlagsrettung l Fuldaer üeschichtsblätter s Zieljungsliften der preiltzisch-süddeutschen Kiaffen-Cottene. — (aldjShrllch tafdjenfahrplan. s

Ätndgen: ter Raum einer etnfpofltpfli Coloneijette. 47 ■■ brr'*, hofft 15 Pfg. Rek amen: Der Kaum einet Color.eUeile, 74 em breit, kc ■ ’ifg. Bel Wiederholungen Rabatt. $ür O| ert- und f ustin|icr.)<ic<i> 2< • xtra. 3»

Konkursfiillen «Ird der beuiltlgte Foton t Inti Ilio. Crffiluncti ,ur Oos An­klagen von Sorterungen l|i Suita, f njdren-fnnahnie bis 10 Uhr Dormittacs. s s Brüters flnrefren erbitten wir uns tars vorder. u S

Hr. 94» €rftes Blatt.

Donnerstag den 24» April 1913»

40. Jahrgang.

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 23. April 1913.

Die zweite Lesung des

MUitäretatS

wird beim Kapitel Festungen, Ingenieur-, Pionier, und Verkehrswesen fortgesetzt.

Abg. Hofrichter (Soz., Vertreter de« Wahlkreises Köln): In den Festungsstädten find die Wohnungs­verhältnisse miserabel. Auch die sanitären Verhältnisse sind ganz unhaltbar. Trotzdem hat man Köln bei der Neuanlege von Festungswerken wieder durch Wälle und Gräben eingeschnürt.

Abg. Trimborn (Ztr.) wird beim Betreten der Tri. büne mit Heiterkeit begrüßt: Ich freue mich, daß Sie für das eigentümliche meiner Situation, daß ich für meinen alten Wahlkreis Köln spreche, volles Verständ­nis haben. (Heiterkeit.) Er tritt dem Vorredner ent. schieden entgegen, daß das Verhältnis zwischen den Kom- munalbchörden und Militärbehörden speziell in Köln ein ganz besonders schlechtes sei. Er legt an verschie­denen Beispielen dar, daß eine schwere Schädigung der wirtschaftlichen Entn ^lungsfähigkeit der Stadt durch die Festungswerke Köln herbeigeführt werde, denn es werde dadurch die industrielle Entwicklung in einem Umkreis von wenigstens 15 Kilometer geradezu unter­bunden. Es ist sehr bedauerlich, daß die Bemühungen der Stadt Köln, die Vorortbahn zu verlängern, an dem Widerstand der Militärbehörden gescheitert ist. Ich bin ja Stadtverordneter von Köln, was der Herr Vorred- net nicht ist, und deshalb bin ich in gewissem Sinne wohl lcgitin.iert, hier darüber zu sprechen. (Heiterkeit.) Die Stadt leidet unter tausend Beschwerden. Die Luft- schiffahrt ist so gut wie untersagt/ Photographische Apparate dürfen nicht mitgenommen werden. Aucy als der Verein für Luftschiffahrt harmlose Aufnahmen aus der Vogelschau machen wollte, wurde daS verboten. Ge­rade also auf dem zukunftsreichen Gebiete der Luft» schiffohrt werden wir gehemmt.

Generalleutnant Wandel: Die Militärverwaltung Ist so entgegenkommend wie möglich. Wir müssen aber im militärischen Interesse gewisse Forderungen stellen und das Rayongesetz einhalten. Auch das Kleinbahn- gesetz muß beachtet werden. Die Festungsstädte sind in mancher Hinsicht benachteiligt, sie haben auch unbcstrcit. bare Vorteile durch die Förderung von Handel und Ver. kehr. Beim Flugwesen müssen wir ein gewisses Veto einlegen, und zwar ebenfalls im militärischen Interesse.

Abg. Weinhausen (Vp.) bittet um Milderung der Rayonbestimmungen in Danzig.

Generalleutnant Wandel: Nach Möglichkeit wird dem Wunsche entsprochen werden.

Abg. Dr. Weill (Soz.): Von Entgegenkommen den Städten gegenüber ist nie etwas zu verspüren. Es wer- den vielnehr Forderungen gestellt, die den Eindruck von Terrainspekulationen machen.

Abg. Trimborn (Ztr.) verlangt Besserstellung der FortifikatiouSschreiber.

Dbg. Behrens (wirtsch. Vgg.) wendet sich gegen die Heranziehung ausländischer Arbeiter bei den Festungs- bauten.

Generalleutnant Wandel: ES ist lerder kaum mog. lich, die Arbeiten nur mit inländischen Arbeitern aus­zuführen.

Vizepräsident Dr. Paasche verliest hierauf em ihm vom Staatssekretär Dr. Delbrück übergebenes Schreiben, worin die Reichsregierung den ErgänzungSetat von 5 634 000 Mark für den Ankauf des zur Erbauung eines neuen Militärkabinettes benötigten Grund und Bodens in Berlin zurückzieht.

Die Ostmarkenzulage wird gegen die Stim­men der Konservativen, Nationalliberalen und Fortschr. Volkspartei vom Zentrum, der Sozialdemokratie, den Polen und Elsaß-Lothringern abgelehnt. Desgl. ein sozialdemokratischer Antrag, der eine Forderung für die Umfriedigung eines Exerzierplatzes im Norden von Ber­lin gestrichen wissen will.

Zu den Titeln 249 bis 259 (Artillerie und Waffen­wesen) liegt die Resolution der Budgetkom­mission vor: Den Reichskanzler zu ersuchen, zur Prüfung der gesamten R ü st u n g s l i e f e- r u n g e n für Reichsheer und Marine eine Kommission zu berufen, zu welcher vom Reichstag zu wählende Mitglieder des Reichstags und Sachverständige zuzu- ziehen sind. Der Reichskanzler wird ersucht, den Be- richt der Kommission den gesetzgebenden Körperschaften mit Vorschlägen zur Beseitigung etwaiger Mißstände mitzuteilen.

Abg. Lcdrbour (Soz.) begründet einen Antrag, wo­nach diese Kommission das Recht zur Vernehmung von Zeugen und Sachverständigen, sowie der Anordnung von Durchsuchungen und Beschlagnahmungen haben soll; der Reichskanzler soll ersucht werden, dem Reichstage unverzüglich einen dahingehenden Gesetzentwurf zu unterbreiten.

Staatssekretär Dr. Delbrück bittet, die sozialdemo- tratische Resolution als verfassungswidrig abzulehnen. Er verliest namens des Reichskanzlers eine Er­klärung, wonach gegen die Bildung einer Kommis­sion zur Prüfung der Rüstungslieferungen Bedenken grundsätzlicher Art bestehen. Dagegen sei der Reichs- tangier bereit, dem Wunsche deS Reichstags dahin statt­zugeben, alsbald eine Kommission einzusetzen aus Ver- tretern der beteiligten Ressorts und auS geeigneten Sachverständigen bestehend, worin eine entsprechende Zahl von Mitgliedern dieses Hauses berufen werden, unter Berücksichtigung der Wünsche der Parteien.

Abg. Graf Westarp (kons.) stimmt gegen die Reso­lution und ist der Meinung, daß die Durchführung der Rüstungslieferungen Sache der Behörde ist, in die sich weder der Reichstag noch eine Kommission einzumischen habe.

Staatssekretär Delbrück betont, daß die Kommission nichts weiter zu tun bat, als bte in Betracht kommenden Fragen zu prüfen und gewisse Zweifel zu klären. c

Abg. Erzberger (Ztr.) bedauert die Ausführungen des Grafen Westarp und glaubt nicht, daß eS im Interesse des Reichstags liegt, sich gegen die Einsetzung einer sol­chen Kommission aus verfassungsmäßigen Gründen zu wehren. Verfassungsmäßige Bedenken liegen nicht vor, nachdem der BundeSrat schon im Jahre 1905 einer tnört. lich gleichlautenden Resolution zugestimmt hat. Der Reichstag hat daS Recht, sich darum zu kümmern, ob die Gelder wirtschaftlich ausgegeben werden. Es sind Fälle vorgekommen, wo das nicht geschehen ist. An eine Firma wurden für Panzerplatten und Kanonenrohre 60 bis 80 Prozent mehr gezahlt, und zwar so lange, bis eine andere Firma als Konkurrenz auftrat. Der Brief der Deutschen Waffen- und Munitionsfabrik über bte Ein­wirkung auf französische Zeitungen steht fest. Mit bem Anträge bcr Budgetkommission werden wir pralische Ar­beit leisten. (Beifall.)

Abg. Dr. Paasche (nail.): Ich kann mich dem Vor­redner nur onidiliefcen. Es ist mir unverliändlich, wie

eine solche Nachprüfungsgewalt in die Ausführungs­gewalt der Regierung eingreisen soll. Wir haben diese Prüfungen ja schon bei vielen Gelegenheiten borge, nommen.

Aba. Dr. Müller-Meiningen (Vp.): Die Hauptsache ist und bleibt, daß die Kommission vor allem daS Ver- trauen der ganzen Bevölkerung genießt. Dies Der- trauen wird eine allein rein parlamentarische Kommis, sion haben, eine bureaukratische nicht.

Staatssekretär Dr. Delbrück: Die verbündeten Re- gierungen können der Forderung nicht zustimmen, in Zukunft etwa eine parlamentarische Untersuchungs- komMission nach englischem Muster einzuführen. Wohl kann aber der Reichskanzler nach der Verfassung eine Kommission berufen, weil daS Verwaltungssache ist.

Abg. Dr. Frank-Mannheim (Soz.): Der Reichstag hat ein Kontrollrecht, da es in der Verfassung ja i ijt verboten ist.

Abg. Dr. Spahn (Ztr.): Nachdem der Bundesrat sich schon früher an dem »verfassungswidrigen" Vor­gehen beteiligt hat, indem er seine Zustimmung gegeben hat, sehe ich nicht ein, weshalb wir hier näher darüber erörtern. Der Staatssekretär unterschätzt aber doch das Maß von Mißtrauen, das im Volke zur Heeresverwaltung in Be­zug auf die Lieferungsverträge besteht. (Lebh. Zust. im Ztr. und links.) Erst heute morgen habe ich von hochstehender Seite Mitteilung und Ma. terial bekommen, nachdem diese Seite darauf bringt, baß richterliche Befugnisse ber Kommission übertragen Werben. (Hört! Hört.! links.) Die Kommission hat auch die Aufgabe, dieses Mißtrauen zu beseitigen. Der so- zialbemokratische Antrag würbe aber lange Verband- hingen verursachen. Hauptsache bei ber Kommission ist aber auch möglichst schnelles Zusammenreten unb mög­lichst weite Ausdehnung ihrer Erhebung. Auf ein Kon­trollrecht des Reichstags können wir in gewisser Be» ziehung nicht verzichten.

Staatssekretär Delbrück: Der Abg. Spahn hat von einem Mißtrauen gegen die Heeresverwaltung gespro­chen, wogegen ich Verwahrung einlegen muß. Wir schlagen ihnen di« gemischte Kommission vor mit ent. sprechenden Modifikationen, weil wir uns alle bewußt sind, vom erster bis zum letzten redlich unsere Pflicht zu tun.

Nach kurzer Weiterer Debatte lehnt das HauS den soizaldemokratischen Antrag ab und nimmt dann den Antrag ber Budgetkommisfion an.

Der Rest bes Etats wird verabschiedet.

Donnerstag: Etareste.

Preußischer Landtag

Abgeordnetenhaus.

Sitzung vom 28. April 1913.

Auf der Tagesordnung steht die dritte Beratung der Ostmarkenvorlage.

Abg. Graf Praschma (Z.) bittet um Auskunft dar. über, ob die gestrige Behauptung des Abg. Borchardt richtig fei, daß eine Domäne an den Kammerherrn von Leckow verkauft worden fei, weil dieser in seiner Stellung als Kammerherr sich besonderer Gunst der Hofkreise erfreue. Im übrigen erklärt Redner, daß sich in der Stellungnahme seiner Freunde gegen­über ber Vorlage nichts geänberf habe.

Minister v. Schorlemer: Es besteht kein Anlaß, an- zunehmen, daß Grünbe, wie vom Abg. Borchardt ange- führt, auf den Abschluß deS Vertrages mit Herrn von Leckow eingewirkt hätten.

Abg. Korfantp (Pole): Die Domäne Kotowicki ist an Herrn von Leckow so billig verkauft Worden, daß diesem mindestens 100000 M k. geschenkt sind. ES Wirb immer betont, baß die Hohenzollern die polnischen LanbeSleile kultiviert hätten, Friebrich b-»r Große hat aber feine neuen Landsleute mit ben größten Schmähungen unb Verleumdungen bedacht. (Der Präsident ruft den Redner zur Ordnung.) Auch die fpäteren Könige haben ihre Verfprechungen nicht ge- halten. Wenn Sie in unseren Gebieten Schulen, Eisen­bahnen ufw. bauen, so geschieht das zu politischen und militärischen Zwecken, aber nicht für uns Polen. Wir werden auSgcbeukt; das ist eine Schande für Preußen. (Der Redner erhält den zweiten Ordnungsruf.)

Abg. Winckler (kons.): Nur ein kurzes Wort des Protestes gegen diese Rede, vor allen Dingen gegen bte Verunglimpfung Friedrichs des Großen. Wenn bie Polen wieber einmal sich als loyale Untertanen auf* spielen, werden Wir auf diese Rede zurückgreifen. (Bei­fall und Unruhe.)

Ein Schlutzantrag Wirb angenommen. Der polnische Antrag auf namentliche Abstimmung finbel nickt genügenb Unterstützung. Darauf Wirb die Vor- läge in brütet Lesung in einfacher Abstimmung er» iebigt.

Es folgt bte zweite Beratung be8

rheinischen ZufammenlegungSgesetzes, daS die Zusammenlegung in den Rheinlanden und den Schutz gegen Hochwasser durch Aufforstungen erleich­tern soll.

In ber Kommission ist beschlossen worden, daS Gesetz aus die ganze Monarchie auSzudehnen. Für diesen Beschluß treten Freiherr von der Loe (Zentr.), der Ra. tionalliberale Glatze! und Dr. Flesch von, ber Volks­partei ein. Während der Konservative Weisermel die Beschränkung für die Rheinprovinz befürwortet Daß daS Gesetz dort Anklang gefunden hat, bekunden die Slbgg. Becker < Zentr. 1 und Wallenborn (Z-ntr

Das Gesetz wird schließlich mit der Beschränkung auf die Rhetnprovinz angenommen.

Das Haus geht bann über zur zweiten Beratung des Gesetzentwurfes bett, die Bereitstellung von Staats­mitteln zur

Förderung der Landeskultur und der inneren Kolonisation.

Die Vorlage verlangt 25 Mill. Mk. Die Kommis, sion ersucht bie Regierung in einer Resolution, bie innere Kolonisation, abgesehen von bieser Vorlage, durch Beseitigung rechtlicher Hemmnisse, durch Unterstützung gemeinnütziger AnsieblungSunternehmungen. durch Gewährung von Beihilfen zur Urbarmachung auch von privatem O e d 1 a n d, sowie durch b i re Ile Betätigung zu förbern. — ?n einer weiteren Re­solution wird bie Regierung ersucht, dem Abgeordneten­hause eine Uebersickt über die bestehenden AnsiedlungS- gesellschasten vorzulegen. Die Kommission beantragt unveränderte Annahme deS Gesetzentwurfes.

Abg. v. Marenholtz (kons.): Bei der inneren Kolo, nisation muß vor allem darauf geachtet Werben, daß bie Kolonisation leistungsfähig ist. Nach ber Kultivie- rung ber Moore sollte alsbald mit ber Besiedlung be­gonnen werden.

Abg v. d. Hagen (Z.) empfiehlt der Regierung drin- send, der Frage der Kultivierung des Burtangermoors

die größte Beachtung zu schenken. Man sollte den Leuten, die sich dort ansiedeln wollen, auch die Möglich­keit dazu geben.

Abg. Eckert-Winsen (natL) stimmt der Vorlage zu und sieht die in der Vorlage geforderten Mittel nur als eine Abschlagszahlung an.

Abg. Engelbrecht (ft.) meint, et müsse daS Haupt, gewicht auf bte Ansieblung von Bauern gelegt werden.

Abg. Hoff (Dp.) begründet einen Antrag der Frei­sinnigen, nicht 25 Mill., sondern 115 Mül. für die innere Kolonisation auszuwerfen.

Abg. v. Saß-Jaworski (Pole) wendet sich gegen die Vorlage. Auch diese Mittel sollen gegen bte Polen angetoenbet werden.

Minister Frhr. v. Schorlemer: Wenn ich die Hebet- zeugung gewinnen könnte, daß die Ansetzung polnischer Bauern sich empfehlen würde, so würde ich auch den Mut dazu haben. Aber bie heutige Rede deS Abg. Kor. santy kann mir diesen Mut nicht verleihen. Der jetzt beschrittene Weg ist der einzige, ber in ruhiger Ent. Wicklung zum Ziele führt. Wir können diese Ausgaben nicht zentralisieren, hier sinb provinzielle Organe not. wenbig. Unser Zweck ist nicht die Zerschlagung deS Großgrundbesitzes, sondern die rechte Verteilung der verschiedenen Besihgrößen. (Beifall.)

Donnerstag: Fortsetzung und kleine Vorlagen.

Die Blamage Europas.

Drei Wochen lang sind die Kriegsschiffe der Mächte im Angesicht des widerspenstigen Montenegro spazieren gefahren. Was sie erreicht haben, ist eine neue europäische Blamage ersten Ranges.

Wäre die Sache nicht so bitterernst und würde nicht durch die Eroberung Skutaris die ganze Balkan­frage wieder von neuem aufgerollt, so könnte man über diese Komödie lachen. Da beraten die Zunft­diplomaten monatelang in London, wie sie den Frie­den Herstellen können, da werden von Staatsmän- nern der Großmächte große Reden gehalten und prächtige Communiquös gedrechselt, da wird schließ­lich mit viel Geräusch eine große Flottendemonstra­tion vor den montenegrinischen Häfen veranstaltet; aber der Herr der Schwarzen Berge pfeift auf alles das und macht den Großmächten, die sich jetzt endlich am Ziel ihrer Wünsche wähnten, einen dicken Strich durch die Rechnung.

An die Unzulänglichkeit der europäischen Diplo­matie Hai man sich nachgerade gewöhnt; man geht jetzt mit einem leichten Achselzucken darüber hinweg Die Hauptfrage, die nun entsteht, ist die, ob bte Einigkeit Europas überhaupt noch aufrecht erhalten werden kann. Die Einigkeit beruhte auf der Passivi- töt. Die Auffahrt der Flotte an der montenegrini­schen Küste darf nicht etwa als eine Tat angesehen werden. Sie war höchstens ein Schreckschuß aus einem harmlosen Böller. Und König Nikita hat eine zu lange Erfahrung in diplomatischen Dingen hinter sich, daß er den Rauch, der den Schloten der Kriegs- schiffe entstieg, bloß als europäischen Dunst ein- taxierte.

' Die Ereignisse haben gezeigt, daß seine Rechnung richtig war. Bisher wenigstens. Das einige Europa hat ihm nichts anhaben können. Wird es jetzt ge­meinsam gegen Montenegro vorgehen, oder wird es auch nur Oe st erreich gestatten, allein gegen die Montenegriner vorzuqehen? Oesterreich verliert den letzten Rest seines Ansehens, wenn es Montenegro im Besitz von Skutari beläßt. Bon dem andern Ehrenpunkt, der durch die schlechte Behandlung des österreichischen Militärattaches in Montenegro auf­gerührt ist, kann man vorläufig noch abt-hen. Die materielle Brüskierung der bx burgischen Großmacht in dem Kern ihrer Balkanpolitik genügt vollständig, um das schärfste Zwangsverfahren zu rechtfertigen.

Oesterreich steht vor der Entscheidung, und auch Europa wird sich zu entscheiden haben, wie es sich gegenüber der bevorstehenden Bereinigung der öster­reichisch-montenegrinischen Rechnung zu Verhalten ge­denkt.

Einige Optimisten glauben noch, daß König Nikita nach errungenen Lorbeeren sich dem guten Zureden und einem Kompeniationsangebot in Geld oder anderen Besitz fügen werde. Andererseits wird aber schon gemeldet, daß er die schlennigfie Reparatur der Festungswerke und die Verproviantierung deS P'atze? angeordnet habe, um Skutari auch gegen eine bewaff­nete Einmischung zu verteidigen. Letzteres klingt leider viel wahrscheinlicher. Denn bloß des schönen Scheines halber wird der König schwerlich den ver. lultreichen Sturm riskiert haben. Und wie auch sonst die Mißhelligkeiten zwischen den Balkanverbündeten stehen mögen, so wird vermutlich Montenegro bei der Behauptung Skutaris von den Kriegsaenosfen ferne Schwierigkeiten zu erwarten haben. DaS auto­nome Albanien ist ja der ganzen Erwerbsgenossen, schatt ein Dom im Auge, und wenn Nikita dem neugeborenen Albanien den Kops Skutari abickneidet, so werden die anderen Staaten mit Behagen zuiehen. Der Rücktritt der Serben von der Belagerung scheint auch nur halbe Wirklichkeit gewe'en zu sein. Serbische Geschütze haben zum Schluß noch wesentlich mttgewirkt, und es sollen auch noch serbische Soldaten n Menge zurückgeblieben fein, die unter montene- griniscken Abzeichen milgelochten haben. Ehrlich ist bte Sacke nickt zugeganaen. Man läßt eS offenbar daraus ankommen, ob .Europa' im allgemeinen oder Oesterreich im besonderen sich zur Anwendung von Gewalt ausichwmgt.

In dem Falle, so sagt man, bänge alleS von der Haltung der rui tischen Regierung ab. Das ist nicht ganz richtig ausgedrückt. Das gegenwärtig russische Ministerium wird gewiß keine Freude a-' dem Zwischentall haben, den er getälrdet die Stellung Der Herren Kokonnew und Etasanow. Darin liegt gerade das verhängnisvolle, daß dieser Erfolg der Montenegriner die pan s lavistische Ao itation neu belebt und ampornt. Wenn nun Oesterreich oder die Gruppe der Friedenswächte Gewalt an- wendet gegen Montenegro, so ist es neues Oel in das panslavistische Feuer. Mit Httte der anver- wandten Großtürsten und der ganzen russischen Kriegs­partei wird man de« wankelmütigen Zaren fort und

fort bearbeiten, um ihn von dem friedlichen Wege adzudring.n.

So tst Europa kurz vor Toresschluß in eine schwere Gefahr zurückg e wor >en worden.

Das Pochen auf die Tatsache, daß Rußland zu der Uederwegung Skutaris an Albanien seine Zu­stimmung erteilt hat, hat keine beruhigende Kratt; denn sobald der gute Will, m Petersburg wankend wird, kann man Borwände genug ausfinden, um geoen die bewaffnete Einmischung Einspruch zu er­heben und Berüasicktigung der »veränderten Sach- lage* zu fordern. Der wertvoll,»« Hoffnungsa, ker in dieser Krisis ist das persönliche w d polnische Interesse der englischen Regierung an der Durch- ietzung deS beschlossenen FriedenSwerkes. Ohne Eng­land und gar gegen England werden Rußland und sein Schildträger Frankreich die große Kraftprobe wohl nicht zu beginnen wagen.

Daß Deutschland mit Oesterreich durch dick und dünn gehen muß, ist einfach selbstverständlich. Der Kampf um Skutari ist nicht- anderes, als ein Borpostengefecht in der großen Auseinandersetzung, aus Die der Reichskanzler in feiner Rüstungsiede hm- gew esen hat.

lieber dem Wet erwinkel deS Orients hängen schwer die von Westen her sich ballenden Donner- wölken.

Die letzten Kämpfe nm Skutari.

Die „Südflavische Korrespondenz" meldet aus Catlaw vom Dienstag: Den Berichten aus Eetinje zusolge wird seit 36 Stunden um den Besitz Skutaris gekämpft. Der General st urm begann Montag früh, nachdem die Festung und auch die Stadt 4 8 Stunden lang von allen Seiten beschossen wor­den waren. Schwere serbische Artillerie beteiligte sich an dem Bombardement. Die Geschütze wurden von serbischen Mannschaften in montenegrinischer Uniform bedient. Das Bombardement soll den größten Teil d:rStadt zerstört haben, in der Brände ausbrachen. Die türkische Besatzung leistete heroischen Wider­st a n d. Um Brdiza fanden blutige Kämpfe statt. Die Montenegriner stürmten mit dem Bajonett vor. Trotzdem ganze Reihen durch das Feuer der türkischen Batterien niedergeworfen wurden, drangen die Mon­tenegriner unaufhaltsam vor. Der Sturm gegen den Tarabosch wurde durch Abteilungen von Bom- bcnwerfern eröffnet. Die Verluste auf Sei- teu der Montenegriner sollen sehr groß sein. Die türkische Besatzung unternahm wiederholt Gegenangriffe, teilweise mit Erfolg, dock scheint der Widerstand der Türken immer schwächer zu werden. — Eine spätere Meldung derselben Kor­respondenz besagt: Soeben trifft die Nachricht ein, daß Skutari gefallen ist. Die montenegrini­schen Truppen sind bereits in die Stadt eingezogen. Essad Pascha hatte, da er die Nutzlosigkeit weite­ren Widerstandes ersah, den Truppen den Befehl zur Einstellung des Wider st andes gegeben, nachdem der Tarabosch in die Hände der Montene­griner gefallen war. Der zweitägige Kampf um die Stadt wurde durch die serbische Artillerie entschieden, welche die türkischen Batterien der Reihe nach zum Schweigen brachte. Der Plan des nächtlichen Generalsturmes soll von dem serbischen General Wojowitsch und dem Kriegsminister Mar- ttnowitsch ausgearbeitet worden sein. Die Türken scheinen durch die Angriffe der montenegrinischen Truppen, welche mit großer Tapferkeit vorgingen, überrumpelt worden zu sein. Tie Stellungen bei Brdiza fielen sehr rasch. Die Stadt Skutari soll zum größten Teil in Trümmer gelegt sein.

W Wien, 23. April 1913. Die türkische Garnison Skutaris kapitulierte, wie von unter­richteter Seite bestätigt wird, mit allen Ehren unter Bewilligung des treten Abzugs mit Waffen und Geschützen. Esiad Pascha ist mit den Trup­pen in der Richtung auf Tirana abgezogen.

* London, 23. April 1913. Hier liegen Meldun­gen vor, daß König Nikita den Befehl gegeben hat, sogleich nach dem Einzug der montenegrinischen Truppen in Skutari die Defesttgungswerkc i n st a nd zu setzen, die Forts ausgiebig zu oer. vroviantieren und Vorkehrungen für eine wirksam Berteidigung der Festung zu treffen. In Ce- tinje treffen' noch immer täglich Freiwillige insbesondere aus Rußland und aus den südslavischer Provinzen Oesterreichs ein, darunter viele Studen­ten, die nach kurzer militärischer Ausbildung ;w Front abgehen.

W Cetinje, 23 April 1913. In Eetinje wurdi die Nachricht von dem Falle Skutaris um 2 Uh, nachts durch ein an den König gerichtetes Telegramm des Erbprinzen bekannt gegeben. Kanonenschüsse und Glockengeläute verkündeten der Bevölkerung der Hauptstadt das Ereignis. Alle Bewohner verließen ihre Wohnungen und zogen vor den Palast, wo sie dem König, der königlichen Familie und der Armee stürmische Kundgebungen bereiteten. König Niko­laus hielt vom Balkon eine Ansprache an die Menge. In Eetinje herrscht unbeschreibliche Begeisterung. Die Vertreter der verbündeten Balkanstaaten erschie­nen im Palast und beglückwünschten den König, der sie umarmte.

Oksterreich «nd d'r Fall Skutaris.

W. Wien, 23 Apt'l 1913. Nack einer Aeußerung von maßgebenber Stelle kann ber Fall Skutaris an ber von den Mächten beicklostenen Zugehörig­keit zu Albanien nichts ä> b ein. Zwenellos wäre ober die Durchführung des Betchlulles o'me bie Einnahme Skutaris leichter gewesen. Indes roirb ver Befchluß jedenfalls buvtge'übrt.

• Wien, 23 April 1913. Oe'ierreick-Nngorn hat bereits den Mähten bemmmle Vorschläge unttr- bieitet zur sofortigen Ergreifung von Zwangs­maßregeln, die bte Montenegriner zur Räumung von Slutari zwingen müßten In euer Lime handelt es sich um bie Beletzung von Antivari und Dulctgn o nicht bloß durch Marine-, lonbetn auch durch Landtruppen. In hiesigen maßgeoenven