Fuldaer Zeltun
Crfd)eint tflgfld) mit Ausnahme der Sonn- und Zeiertage. viertel- jährlicher Bezugspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Zulda sowie auswärts 1.50 Mark. •••• Rofalionsörudt und Verlag der s s $ulöoer flcfientirudterei in Zu Ida. Zemlprecher Nr. 9. z z
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Illustrierte Sonntogszeitung i Fuldaer Seschichtsblätter
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fir. 93.
Erstes Blatt
Mittwoch den 23. April 1913.
40. laforgang.
i? Ein neuer Fliegerzwischenfall.
Zum zweiten Male innerhalb weniger Wochen ist deutschen Offizieren das Mißgeschick widerfahren, im Flugzeug die deutsche Grenze zu überfliegen und wider Willen auf französischem Boden zu landen.
Es wird gemeldet:
W Nancy, 22. April 1913. Ein von zwei beut» scheu Offizieren besetzter Doppeldecker ist heute.morgen 7 Uhr 45 Minuten in der Nähe von Ar» racourt (3 Kilomteer von der Grenze entfernt) ge» landet. Der Führer beS Flugzeuges, Hauptmann von Dewall, ist Leiter des FlugübungSpIatzeS Darmstadt. Er erklärte, er fei in Darmstadt zu einem Flug nach Metz aufgestiegen und habe auS Mangel an Benzin landen müssen, wobei er geglaubt habe, sich über deutschem Gebiet zu befinden.
Preußischer Landtag
Abgeordnetenhaus.
Sitzung vom 22. April 1913.
Die Elektrisierung ber Berliner Stadt« und Ringbahn wird zunächii tn namentlicher Abstimmung mit 192 gegen 143 Stimmen, entsprechend dem Beschluß der Korn misston, zunächst nur 25 Millionen dafür auszu- werfen, angenommen. In 2. und 3. Lesung wird beschlossen, unter Ablehnung des Antrags GerharduS, den Zwcclverband Groß-Berlin für die Ausgaben heran,u« «eben. Ferner wird eine Resolution der Kommtlsion angenommen, bei Festsetzung des Tarifs aus eine an« gemessene Verzinsung und Tilgung Bedacht zu nehmen.
Es folgt die zweite Beratung der
Ostmarkenvorlage
®« werden 230 Mill. Mark zur Erhöhung des bisherigen Fonds gefordert.
Die Kommission beantragt unveränderte Annahme und ersucht tn einer Resolution bie Regierung, tn den überwiegend polnischen Teilen der östlichen Provinzen den deutschen Handels« uno Gewerbestand w'rtschastltch zu stärlen, insbesondere durch beschleunigte Besiedelung, durch Förderung deS Realkredites auch über die Greife der Mündelstcherheit hinaus, durch bessere Ausbildung der (Seirerbetteibenben tn den Fachlenntmssen, durch Förderung des gewerblichen Genossenschaftswesens und durch Förderung ber Eebbastmachung von Gewerbetreibenden tn einigen Wohnhäusern.
Abg W lickler (tont): Merte politischen Freunde sind sür die Regierungsvorlage und auch für die Resolution 6er Kommission.
Abg. Dr Zimmer sZ): Wir werden wie bisher die Vorlage Der Regierung einmütig ablehnen. (Best, i. Z. u. b. d. Polens, besonders tm Hinblick aus die Verhandlungen tn Der Komnnifton. Die dort vorgelegte Stat stil ergibt, daß trotz aller Maßnahmen der deutsche Besitz ib96 bis 1 *.> 11 114000 He tar verloren h tt, während btS 1886 dem Zeitpunkte der ,etz gen Oftmarlrn« Politik der polnische Besitz stetig zurückgegangen war. (Hört, hört! im Z.) Wtr sehe.,, daß sich Die vorn Lande verdrängte Pl lutsche Bevölkerung tn Die StaDt wendet Den sür den Handel- und Geweibestand in Den StäDten gemachten Vorschlägen können wir als Ausnahmevor- schrrsten nicht zuflimmen. Auch wird durch Die neuen Maßnahmen der Regierung die Bevölkerung in Den Grenzprovinzcn aufgeregt, was to* besonderen
nants trug. DaS Flugzeu zösisiLen Gebiets überflogt bah sie um 5 Uhr morgens von Darmstadt mit bet Best in r ung nach Metz abgefahren feien. Sie hätten in dein dichten Nebel in der Umgegend von Die uze bie Richtui verloren und bei ihrer Landung und nach '-Befragen der Bewohner erst erkannt, datz sie sich auf fron» zösischem Gebiete befanden. Der Unterpräfekt von Lu. neville prüfte die Angaben übet die von dem Fahrzeug zurückgclcgte Strecke und Verhörte die beiden Offiziere. Drei Fliegeroffiziere aus Toni, Epinal und Verdun und ein Fliegerhaupu..;;:n aus Nancy find von der Militärbehörde an Ort und teteüc gesandt worden. Die
W Paris, 22. April 1913. Eine Rote bet Ägence HavaS hat folgenden Wortlaut: Heute früh 7 Uhr 30 Minuten landete in Arracouri, ungefähr fünf Kilometer von der Grenze entfernt, ein deutscher Doppeldecker. DaS Flugzeug, Modell Heller, hat einen Motor von 70 Pferdekräften und war bemannt mit zwei Offi. ?i e re n, von denen ber eine die Uniform des Flieger» auptmannS und der andere die eines Jnfanterieleut» DaS Flugzeug hatte sechs Kilometer fron» • - " - ien. Die Offiziere erklärten,
Echutzwall gegen den äußeren Feind bedeutet Fm Hinblick auf Dte MrlliarDenvorlage sollte man den GelD- martt nicht mit 230 Mill, belasten, wenn auch Davon jährlich nur 25 dis 30 Mill, gesordert roetDen. Ich hoffe auch, daß Der Minister in diesem Iahte mehr KathoIiken anfieoeln rotib. Bezug!, der Ent« etgnungen bedeutet es eine Ungerechtigkeit, ja Vermögens- konfislation wenn man die enteigneten Besitzer nttjt voll entschädigt und sogar um 90000 Mark hinter Dem letzten Kaufpreis zurückdleibt. (Lebh. Veit. i. Z. u. b. D. Polen.)
Abg Glatzel (ntL) stimmt dem Gesetze, wie der ganzen Ostmaikenpoitttk zu und hält die Beschwerden DeS VoireDners über Nitttderücksichtigung ber Deutschen Katholiken bei Ansiedlungen für nicht berechtigt.
Abg. v. fiarborff (stk.) hält en e Brandrede gegen Die Polen: Die schweren Angriffe der rolnischen Presse gegen Dte Regierung verdienen Beachtung. Da wird gesprochen von einer SatanäbanDe, von einer Schurlen- banDe. (Sehr richtig! bei Den Polen.) Wenn Polen selbständig geblieben wäre, hätte es nie einen Staat wie Preußen errichten lönnen. (Zustimmung bet Den Polen.) Ei ien solchen Staat der Freiheit und Gerechtigkeit. (Stürm. Zurufe: Despotenivirtschast!> In England müßten Sie alle Tage Hunderttausende an Geldstrafen zahlen. Hoffentlich bekommen wir auch einmal solche Gesetze! iBravo! rechts.) Leider finden die Polen zuviel Unterstützung bei der katholischen Kirche. Die Hauptquellen sind zwei Priester jenrmare, welche Die Autorität des geistlichen GewanDes in den Dienst deutschfeinDlicher Treibereien stellen. Wir betämpien weder Den polnischen Adel noch die polnischen Bauern, wir bekämpfen nur Die Hetzer. (Zurufe: Selbst Heyer!)
Bon Der Fortschrittlichen Volkspartei läuft ein Antrag ein. Die angelorbetien Millionen zur Förderung Der inneren Kolonisation tn ganz Preußen zu verwenDen.
Abg. Kindler >Bp.): Die innere Kolonisation ist nicht nur notwendig, um Der Entröllerung des Ostens ent« gegenzuardetten, sondern auch für Pommern und Schlesien. Tie Enteignung halten wir aus politischen Gründen für ein Unrecht. Warum teilt man nicht Dte Domänen au?
Lcmdwirischastsminister Frhr. v. Schorlenrer: ES ist richtig, datz ber polnische Klerus bie nationalen Empfindungen ber Polen in Erregung hält, und datz er auch den beutsch gesinnten Klerus nach Möglichkeit schwächt. (Grotze Unruhe.) Hoffentlich gelingt eb uns. eine Vcn- berung zu schaffen. Ohne bie Ansiedlungskommission wäre noch weit mehr deutscher Besitz an bie Polen verloren gegangen. In Posen hoben wir 41 000 deutsche Bauern gegen 47 000 polnische. Im Jahve 1912 hatten wir zum ersten Male eine Zunahme des deutschen Be- sitzes. Das wird uns veranlassen, in unserer Arbeit fortzufahren. In ber nächsten Session hoffe ich ein Parzellierungsgesetz vorlegen zu können. Wir gehen nicht auf bie Verdrängung ber Polen aus, fonbern wir wollen das Deutschtum soweit stärken, um Posen und Westpreuhen dauernd deutsch zu erhalten. (Lebh. Bf.)
Abg. v. Trampszynski (Pole): In den Priesterseminaren zu Posen und Griesen kann unmöglich deutschfeindliche Gesinnung aufgezogen werden; es sind ja auch Deutsche da. Es ist auch unrichtig, datz bie deul- ßen Katholiken im Osten ungenügend pastorisiert wer- n. Für die Vorwürfe gegen die polnischen Geistlichen hat der Minister keinen Beweis erbracht. Für die UÜbertreibungen in den Presse kann man die Polen in ihrer Allgemeinheit doch nicht verantwortlich machen. Die vier Fälle von Enteignung polnischen Besitzes entspre- chen nicht den Voraussetzungen, bie im Gesetz für bie Enteignung festgelegt sind. Man sollte nicht vergessen, datz im Falle ber Not 300 000 polnische Soldaten ihr Blut für den preußischen Staat verziehen dürfen. Deshalb sollte man vor allem gegen bie Polen gerecht sein.
Finanzminister Dr. Lentze: Die Regierung befindet sich den Polen gegenüber in einem Zustand ber Notwehr. Die Regierung mutz dafür sorgen, datz bie preußischen Provinzen auch preußisch bleiben. Der Staat mutz sich eben gegen jeben schützen, ber seine Existenz bedroht, einerlei, ob der Betreffende zu den Staatseinnahmen beisteuert. Bezüglich des Verfahrens bet ber Enteignung kann den Bezirksausschüssen kein Vorwurf gemacht werden. Wir werden energisch an unserer Ostmarkenpolitik fest halten.
Abg. Borchardt (Soz.): Tie Ostmarkenpolitik hat baS Gegenteil von bem erreicht, was sie bezweckt. Wir ver- werfen sie.
Nach einem Schlußantrag werden bie Vorlage unb i die Kommissionsresolution mit den Stimmen der Kon- servativen, Freikonservativen und Nationalliberalen angenommen.
Mittwoch: Innere Kolonisation und Petitionen.
Deutscher Reichstag«
Sitzung vom 22. April 1913.
Auf eine Anfrage deS Abg. Heckscher (Vp.) betreffend die Ermordung des deutschen Reichsangehörigen Arp in Santa Cruz antwortet
ein Seitrcter deS Auswärtigen Amte, daß der Deutsche Arp in Santa Cruz im Verlaufe eines Streites getötet worden sei. Die Feststellung unb Ergreifung der Schuldigen, ebenso Bestrafung unb Entschädigung seien bei der mexikanischen Regierung beantragt.
Darauf wird die zweite Beratung des MilitöretatS fortgesetzt. Tie Spezialdebatte wird beim Kapitel Artillerie- unb Waffenwesen weitergeführt.
Abg. Dr. Müller-Meiningen (Vp.): In Spandau wird ein Handwerksverein, der gleichzeitig Unterrichts- kurse veranstaltet, von der Militärverwaltung unterstützt unter ber SBebingung, daß er Petitionen unterlasse. Dir müssen entschieden bagegen Einspruch erheben, datz politisch einseitigen Vereinen Zuschüsse gewährt werden. Der Abgeordnete wendet sich gegen derartige Schmiergelder, worauf
Generalleutnant Wandel sagt, eS seien dem Hand- Werksverein nur 170 Mark für Unterrichtszwecke bewilligt worden. Daß Schmiergelder in politischer Beziehung gegeben werden, treffe nicht zu. Selbstverständlich würden bie Vereine mit nationaler Tendenz bevorzugt.
Abg. Jckler (natL) hält derartige Subventionen unb Unterstützungen an Vereine politisch für verfehlt und auch etatrechtlich unzulässig. Er bespricht bann die Wünsche einzelner Beamtenkategorien.
Abg. Schwärze-Lippstadt (Ztr.) bringt eine Reihe von Wünschen der Handwerker, Arbeiter und Beamten der Artilleriewerkstatt Lippstadt zur Sprache. Die Arbeiterausschüsse hätten nicht den allseitigen Beifall gefunden.
Generalleutnant Wandel sagt wohlwollende Prüfung der vom Vorredner geäußerten Wünsche zu. Die Arbeiterausschüsse würden stets gehört bei allen Aenderun. gen in der Arbeitsordnung, Arbeitszeit usw., ebenso bei Aenderungen der Lohnsätze.
Abg. Gräfe (kons.) bedauert bie Angriffe in Zeitungen gegen Regierungsstellen, so kürzlich gegen den Kriegsminister im „Lokal-Anzeig.", angeblich aus militärischen Kreisen herstammend. Ich glaube nicht, datz militärische Kreise dahinter stehen, onst müssen sie den Mut haben, mit ihrem Namen ba- ür einzuti eien. Die Wünsche der Arbeiterausschüsse ollten beachtet und ernsthaft geprüft werden. Eine gewisse Differenzierung von gelernten Handwerkern und ungelernten Arbeitern ist unerlätzlich. Der Kriegsmini, ster mag fortfahren in seinem Bestreben, nur Leute zu haben, auch unter den Zivilangestellten, die auf reichs. treuem, nationalem Boden stehen. (Beifall rechts, Unruhe links.)
Abg. v. Weinhaufen (Vp.) begründet eine Freisinnige Resolution, die für bie Staatsregierung ein unbeschränktes Koalitionsrecht verlangt.
Abg. Behrens (wirtsch. Vgg.): Gegen die Zahlung von Schmiergeldern an Organisationen sind auch wir prinzipiell. In dem von dem Abg. Müller-Meiningen erwähnten Falle war aber die Behauptung, datz Schmier, gelber gezahlt worden seien, deplaziert. Der Redner bespricht eine Reihe Spezialfragen, wie Lohnfrage, Frage des Urlaubswesens, der Einrichtung von Betriebskrankenkassen für bie Militärwerkstätten usw.
Inzwischen ist ber bayerische Ministerpräsident Frhr. p. Her11ing am Bundesratstisch erschienen.
Abg. Böhl (Soz.) verlangt höhere Löhne für die Arbeiter ber militärischen Betriebe in Straßburg.
Abg. Schirmer (Ztr.) bringt für die Beamten, Beamtenanwärter, Verwaltungsschreiber, Maschinenwärter, Handwerker und Arbeiter der Militärverwaltung eine Reihe von Wünschen betr. bessere Anstellungs-, Gehalts- unb Arbeitsverhältnisse vor.
Abg. Dr. Hegenscheibt (Rp.) spricht namens seiner politischen Freunde den Wunsch aus, bei einer Erhöhung der Löhne für die Arbeiter auch an den Handwerker zu denken.
Das Kapitel .Artillerie und Waffenwesen" wird angenommen.
Auf Antrag des Abg. Spahn (Ztr.) wird darauf ein Ergänzungsetat zum Etat ber Schutzgebiete ohne erste Lesung an bie Kommission verwiesen.
Mittwoch: Fortsetzung.
I Zivil, u^d Milliäröeyorven erkennen übereinstimmend als Grund der Landung höhere Gewalt an.
Nach den gegenwärtig vorliegenden Ergebnissen der Untersuchung Dürfte der Doppeldecker imstande sein, am Nachmittag seinen Flug fortzusetzen. Anweisungen sind an unfern Botschafter in Berlin gesandt wor- den, in denen er aufgefordert wird, die ganze Aufmerk. tamfeit der kaiserlichen Regierung auf bie ernsten Inzuträgl ich ketten, bie aus den bedauerlichen Zwischenfällen entstehen könnten. Botschafter Cambon ist beauftragt worden, die deutsche Reichskanzlei zu er- suchen, Matzregeln z u treffen, um Wieder. Holungen derartiger Ereignisse zu vermeiden, lieb» rigens sind Besprechungen eingeleitet zwischen beiden Regierungen, so schnell rote möglich zu einem lieber- e in Io mm en zu gelangen zur Festsetzung von Regeln. bie bei Schwierigkeiten anzuwenden seien, die zwischen den Regierungen info.jc ber Luftschisfahrt ent- stehen könnten.
W Nancy, 22. April 1913. Der deutsche Militär- Doppeldecker ist heute nachmittag 5 Uhr 35 Min. wieder aufgestiegen. Der Unterpräfekt Lacombe, der Gendarmeriechef und Vertreter ber Behörden wohn, ten ber Abfahrt bei. Der Aeroplan hat die Richtung nach Chateua SalineS eingeschlagen, um nach Metz zu gelangen (wo bie Landung um 7 Uhr erfolgte).
W Paris, 22. April 1913. Vor der Abfahrt von Arracouri hielten die deutschen Offiziere, als sie ihren Zweidecker bestiegen, darauf, dem unierprafctten von Luneville für seine Höflichkei 1 unb die Maßnahmen zu danken, welche er zum Schutze des Flugzeuges getroffen hatte. Sie beauftragten ihn außerdem, der französischen Regierung ihren Dank auszujprechen. Der Zweidecker stieg auf, ohne daß eine Kundgebung der immerhin sehr zahlreich ver, am weiten Menge statt- gefunden hätte.
W Berlin, 22. April 1913. Wie die .Norddeutsche Allgemeine Zeitung" hört, find wegen ber verschiedenen Fälle von Landungen deutscher Luftschiffe jenseits ber Grenze von ber deutschen Regierung Maß. regeln eingeleitet worden, um solche Vorfälle künftig zu verhüten. Mit der französischen Regierung sind Besprechungen im Gange, die bie Schaffung eines Abkommens zur Regelung der Luftschiffer bezwecken.
Das ist sehr verdrießlich und beschämend! Tas durfte nicht vorkommen:
Angesichts des Zeppelin-Abenteuers in 8 u n e >• cille hatte man allgemein gesagt: Einmal und nicht wieder! Auch der einsaitigste private Luftpilor mußte doch begriffen haben, daß er fortan von der französischen Grenze sich mit der allergrößten Vorsicht fernzuhalten habe. Und nun erst nach dem Skandal von Nancy — da war doch die Vermeidung von weiteren „Zwischenfällen" erst recht das dringendste Gebot. Aber nurt haben sich doch wieder zwei Luftschiffer, Offiziere in Uniform, bei einem Fluge von Darmstadt nach Dietz nach Frankreich ver- irrt und sind in Arracourt gelandet, das etwa 5 Kilometer jenseits der Grenze liegt.
Die französischen Zivil- und Militärbehörden ha beit als Grund der Landung „höhere Gewalt" anerkannt und die Rückfahrt freigcstellt. Die höhere Ge- walt besteht wieder in dem Nebel, der den Luftschisfern oder Fliegern die Orientierung verdirbt. Aber wenn die Leute unsicher werden, ob sie noch auf deutschem G.ebiet seien, warum schwenken sie dann nicht entschlossen nach O sie n ab? Ob sie ihr Ziel Metz versehlten, war doch ganz nebensächlich gegenüber der großen Gefahr eines abermaligen unfreiwillige Besuchs in Frankreich. Das notwendige Ausweichen nach Osten muß ber Kompaß allein ermöglichen. Sind die Führer von Luftschiffen oder Flugzeugen nicht imstande, die Grenze zu vermeiden, dann müssen wir die ganze Lustsahrerei mitten in das Inland verlegen, bis die Herren sich etwas mehr Geschick und Besonnenheit angern ö h n t haben.
Wir ziehen uns sonst außer den politischen Schwierigkeiten noch die Diißachtung des Auslandes zu. Was soll denn die Welt von unserer Luft fahrkunst denken, wenn der eine deutsche Pilot nach dem andern sich unfähig zeigt und jenseits der Grenze sich einer demütigenden Notlandung aussetzt! Was können uns die Zeppeline und die Flugzeuge im Kriegsfälle nützen, wenn schon etwas Nebel hinreicht, um diese Fahrzeuge mitten in die Rechen des Feindes zu bringen?
Da muß energisch eingegriffen werden Ter Betrieb stehl augenscheinlich nicht auf der richtigen Höhe. Bis bessere Führer herangebildet sind, wollen wir lieber die Hebungen mindestens 100 Kilometer von der Grenze entfernt halten und jede Heberfchreitung dieses Schongürtels unter strenge Strafe stellen.
Was die politische Schädlichkeit solcher Dumm, heilen angeht, so haben wir uns sofort einen Nasen. stÜber von ber französischen Regierung zugezogen. Für die moralische Niederlage von Nancy haben "die Herren nun ihre Revanche. Der französische Botschafter in Berlin ist alsbald ausgefordert worden, „die ganze Aufmerksamkeit der kaiserlichen Regierung auf die wiederholten Landungen von deutschen Ballons und Aviatikern in Frankreich nahe der Grenze hinzulenlen und auf die ernsten lln« Sträglichkeiten, die aus diesen bedauerlichen Zivi
entästen entstehen könnten . Dagegen läßt sich nicht viel sagen —, denn die Erfahrung zeigt ja leider, daß die Lehre aus der ersten Notlandung des Zeppelin nicht wirksam gewesen ist. Im übrigen läßt die französische Regierung veröffentlichen daß Besprechungen zwischen den beiden Regierungen eingeleitet seien, um so schnell wie möglich ein Uebereinkommen wegen des Verfahrens bet solchen Zwischenfällen abzuschließen. In der Tat ist eine Luftschiff ahrts-Kon- vention ein dringendes Bedürfnis.
An demselben Tage, als die Darmstädter Flieger der neuen Zwischenfall herbeiführten, veröffentlichte die „Nordb. Allg. Ztg." eine halbamtliche Verwahrung gegen einen Hetzartikel der „Post", der gegen das französische Volk int ganzen beschimpfende Ausfälle enthielt. (Vergl. Deutsches Reich.) Es wird angesichts des neuesten Zwischenfalls wirklich die höchste Zeit, daß unsere Polterpresse vom Schlage bet „Post" ihre gemeiuschcwUchcn Hstrereie» entstellt.
Ebenso sollte man jetzt aushören, die offenbar etwas nervös gehaltenen Berichte über die Einzelheiten de» Lmteviller Abenteuers zu verbreiten und zu unterstreichen. Begnügen wir uns mit der Rettung dek Zeppelin 4 und des neuerdmgs gestrandeten Flug, zeuges, und richten das kritische Talent lieber gegen uns selbst, damit endlich diese traurigen Verwirrungen unserer Luftpiloten ein Ende nehmen.
— Ein Königreich vordem Bankerott
Es ist nicht etwa das von dem widerspenstigen Nikita beherrschte „Königreich" Montenegro, das vor dem Bankerott steht, denn dieses „Reich" ist in der beneidenswerten Lage, vor dem Zusammenbruch geschützt zu sein, weil es nichts hat und sein Dasein von jeher nur durch Geschenke und Almosen b. stritten hat. Es ist auch keines von den heutigen offiziellen, selbständigen Königreichen, das vor der Ein- steüung seiner Zahlungen steht, aber doch ein altes, wohlbekanntes Land mit reicher Geschichte und großer Vergangenheit, das Königreich Böhmen, einer der leuchtendsten Juwelen in der habsburgischen Krone.
Mancher, der mit den inpern Verhältnissen dieses Landes nicht genauer vertraut ist, der aber von dem reichen Böhmen gehört und gelesen hatte, wird befremdet fragen: wie kann denn ein so wohlhabendes Land finanziell zusammenbrechen? Gewiß, Böhmen ist ein wie wenige von der Natur gefegf- netes Land, hat reiche, schier unerschöpfliche Bodenschätze und Hilfsmittel jeglicher Art, um die. es viele andere Länder beneiden können, und doch ist es heute soweit gekommen, daß es, wenn nicht im letzten Augenblick Wandel geschaffen wird, wie der geschäftliche Ausdruck lautet, seine Zahlungen einzu st eilen genötigt ist.
Allerdings ist dieser drohende Staatsbankerott nicht etwa die Folge leichtsinniger, schlechter Verwaltung, die allez verwirtschaftet hätte, so daß alle finanziellen Hilfsquellen vollständig erschöpft wären und Kreditgeber sich nicht mehr fänden — nein, die Ursachen sind in politischen Mißständen zu suchen, die für die Allgemeinheit sehr lehrreich sind und deshalb hier kurz erörtert werden sollen, um zu zeigen, welch verhängnisvolle Folgen der häßliche Nationalitätenkampf nach sich ziehen kann.
Wenn heute, tote in andern Staaten so auch in Böhmen ein an Schärfe beständig zunehmender Kampf zwischen Deutschen und Slawen wütet, so darf man nicht glauben, daß das dort immer so war Bis vor etwa fünfzig Jahren lebten in Böhmen Deutsche und Tschechen, von gelegentlichen Reibereien, wie sie überall vorzukommen pflegen, abgesehen, friedlich nebeneinander; beide Volksstämme wetteiferten in Gewerbefleiß unb Werken der Kultur, so daß das Land zu hoher Blüte gelangte; der sprechendste Beweis davon ist die berühmte, unvergleichlich schöne Landeshauptstadt Prag. Dieses friedliche Verhältnis gestaltete sich in demselben Maße ungünstiger, in welchem in Oesterreich der Liberalismus an Macht und Einfluß gewann, die er rücksichtslos zur Unterdrückung Anders- denkender mißbrauchte. Besonders gewalttätig spielte er sich namentlich in den Siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts unter dem berüchtigten Bürgerministerium Herbst, Giskra, Berger in Böhmen auf, wo er die nichtdeutsche Bevölkerung in einer Weise mißhandelte, als ob es weder Recht nock Ge- sch gäbe. Sein gewalttätiger Uebermut kannte keine Grenzen. Er wurde von den verschiedensten Seiten gewarnt, datz eines Tages sich das Blatt wenden und dann den Deutschen dasselbe widerfahren könnte, was sie den Tschechen zufügten. Aber alle Warnungen fruchteten nicht.
Die Reaktion blieb natürlich nicht aus: die niedergetretenen Slawen, die die Mehrheit der böhmischen Bevölkerung bilden, rafften sich gegen ihre liberalen Unterdrücker auf, und in langer, zäher Arbeit gelang es ihnen, den gewalttätigen Liberalismus niederzuringen und im böhmischen Landtag wie in der hauptstädtischen Vertretung die Mehrheit zu erreichen. Nunmehr begann die Vergeltung. Leider fielen nun die Tschechen mehr ober weniger tn benselben Fehler, ben bie liberalen Deutschen ihnen gegenüber begangen hatten: sie mißbrauchten vielfach ihre Macht. Menschlich ist das wohl erklärlich, wenn man bedenkt, was sie unter der liberalen Gewaltherrschaft erdulden mußten, aber es ist doch in keiner Weise zu entschuldigen und wird sicher auch einst seine Sühne finden.
Die Gegensätze, die sich aus der feindseligen Stellung der beiden Volksstämme heraus entwickelten, spitzten sich immer mehr zu und lähmten in steigendem Matze jedes gedeihliche Zusammenarbeiten von Deutschen und Tschechen im böhmischen Landtag, so zwar, datz nun schon kein Landes- 6 it t) g et mehr zu Stande gebracht werden kann. So auch für das laufende Rechnungsjahr nicht. Es sind keine Einnahmen und keine Ausgaben bewilligt; infolge besten können keine Abgaben und Steuern erhoben und natürlich auch keine staatlichen Zahlungen geleistet, keine öffentlichen Arbeiten ausgesührt und ben Beamten le ine Gehälter bezahlt werden — kurzum: es mutz bie gesamte Staatsmaschinerie ins Stocken geraten unb, wenn bie noch vorhandenen Kastenvorräte erschöpft sinb, ber Staatsbaiikervtt erklärt werben.
Das sinb bi* Folgen be$ unseligen Sprachen- unb Nationalitätenkampfes, ber bie beiden Volksstämme, durch die Schuld beider, in zwei unversöhnliche Lager geschieden hat unb sie jcber vernünftigen Erwägung unzugänglich macht.
Natürlich können ber Monarch unb bie Zentralregierung in Wien einen berartigen Zustand voll- ’tänbiger Anarchie nicht einreißen lasten — die Ver- afsung hat für biesen Fall Vorsorge getroffen: veri agt der Landtag in der Lösung ber ihm gestellten