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2. Blatt.

Druck der Fuldaer Lctiendruckerri in Zulda.

*j* Fuldaer Leitung.

Lokales.

Fulda, 21. April 1913.

£ Ozanamfrier.

Ohne äußerlichen Pomp, still und bescheiden, wie es dem Werke OzanamS, dem Vincenzvereine, ent­spricht, beging gestern der hiesige Vincenzverein die Gedächtnisfeier des 100. Geburtstages des Begründers der Vincenzvereine Friedrich Ozanams.

Eingeleitet wurde die Feier durch einen erhebenden estgottesdienst mit Generalkommunion in der t. Michaelskirche. Der Hochwürd. Herr Bischof

reichte den zahlreich erschienenen Vincenzbrüdern und Gönnern des Vereins die hl. Kommunion. In seiner Ansprache kennzeichnete der ©odjro. Herr daS Werk Ozanams als unversiegbaren Quell am ewig frucht­baren Baume der katholischen Kirche. Das Wirken Ozanams im Geiste eines hl. Vincenz v. Paul und eines hl. Franziskus finde heule seine Fortsetzung in den auf dem weiten Erdenrund verbreiteten Vincenz- vereinen. Ihr Ziel sei es, im Geiste der Kirche in persönlicher Herablassung sich den Armen zu nähern, um diese in unserer glaubens« und liebelosen Zeit mit den Widerwärtigkeiten deS Lebens, mit der Ge­sellschaft und mit Gott zu versöhnen. Heute, an diesem festlichen Tage, gezieme es sich, Gott dafür zu danken, daß er den Laienapostel Ozanam in der Kirche erweckt, dessen Saat so herrliche Früchte ge­zeitigt habe. Dieser Dank kam in dem Te Deum laudamuS, das den Schluß der kirchlichen Feier bildete, erhebend zum Ausdruck.

An die eindrucksvolle kirchliche Jubelfeier schloß sich am Nachmittag in der Harmonie eine General­versammlung des Vincenzvereins an, die ebensalls im Zeichen des Jubiläums stand. Der große Saal der Harmonie war voll besetzt. Der Hochw. Herr Bischof hatte es sich nicht nehmen lassen, an der Versammlung persönlich teilzunehmen. Seinem Beispiel waren gefolgt der hochw. Herr Proto­notar Dr. Aren hold, mehrere Herren Dom­kapitulare, die Alumnen in großer Zahl, die Pfarrgeistlichkeit, Ordensleute, der Herr Oberbürgermeister, viele Wohltäter und Gönner des Vereins und vollzählig die Mitglieder der beiden hiesigen Vincenz-Konferenzen. Nach dem üb­lichen Gebete und einer warmen Begrüßunzsansprache seitens des Vorsitzenden des örtlichen Verwaltungs- cates, Herrn Fabrikbesitzer Richaro Schmitt, nahm Herr Regens Prof. Dr. Schreiber das Wort zu einem Vortrage über die Grundlagen und die Ziele der Vincenzvereine nach der Absicht und dem Vorbilde Ozanams.

Der Redner schilderte Ozanam als einen sozialen Mann und als Wohltäter der ganzen Menschheit, der in seinem persönlichen Leben die Nächstenliebe bis zum Selbstvergessen geübt und durch die Stiftung der Bin. cenzvereine den Armen und Hilfsbedürftigen für alle Zeiten ein kostbares Vermächtnis hinterlassen habe. Die Grundlagen, auf welchen nach Ozanams Absicht die Vincenztätigkeit beruhen soll, sei im Gegensatz zur Phi­lanthropie, von der Ozanam nicht viel gehalten habe, der streng religiöse Charakter, der schon aus dem ersten Konferenzbericht des Jahres 1833 klar zu ersehen sei. Aus dem Glauben, der die Mitglieder der Vincenzver­eine durchglühen mutz, soll die Liebe geboren werden, die ihre eigene Person den Armen dienstbar macht bis zum Selbstvergessen. Die Ziele, die nach Ozanams Absicht die Vincenztätigkeit verfolgen soll, sind in der Uebung der Nächstenliebe, der Apologie der Tat für die Religion und die katholische Kirche zu verfolgen. Neben dem grohen und vornehmsten Liebeswerke, das nach Ozanam in den regelmätzigen häuslichen Armenbesuchen besteht, sehen wir die erste Konferenz schon ihre Wirk­samkeit entfalten auf den Gebieten der Errichtung von Lesehallen für die Armen, der Wandcrfürsorge, des Ar­beitsnachweises und der Kinderfürsorge in den mannig­fachsten Formen. Es sind das Ziele, die auch heute noch von den Vincenzvereinen, nur in weit ausgedehnterem Matze, verfolgt werden. In seinem Schluhteile des Vor­trages zeichnete der Redner Ozanam als Vin- cenzbruder. Die vorbildliche persönliche Liebes­tätigkeit Ozanams während seines kurzen, segensreichen Lebens — Ozanam wurde nur 40 Jahre alt — beson­ders zur Zeit der Choleraepidemie in Paris, ist ein rührendes Beispiel für alle Zeiten. Die Richtlinien aufzufrischen, die Ozanam für die Vincenzvereine ge­geben, war der Zweck der Ausführungen, die der Redner auf Grund des historischen Materials machte, und dieser Zweck dürfte voll erreicht worden sein.

Die Versammlung spendete den begeisternden Worten reichen Beifall. Es folgten nun die beiden Berichte der Sturmius- und Blasius-Kon­ferenzen durch deren Vorsitzende, die Herren Lehrer Mänz und Bankdirektor Goebel, aus denen wie­derum eine überaus rege Vincenztätigkeit sprach. Wir unterlassen es, auf diese Berichte heute näher einzu- gehen, da beabsichtigt ist, einen gedruckten Bericht der Oeffentlichkeit zu übergeben. Seitens des örtlichen Verwaltungsrates erstattete Herr Richard Schmitt den Bericht.

Die Schuld der Vaters.

4] Roman von Freifrau G. von Schlippenbach.

Am späten Mend stand die Frau des Verwalters vor dem Bett ihres Pflegekindes. Daisy schlief fest; sie hielt den Brief in der Hand. Leise legte Anna die Rechte auf der Waise Stirn; ihre Lippen bewegten sich im stillen Gebet:

„Allmächtiger über den Sternen, laß das unschul­dige Kind nicht für das leiden, woran sie keinen Teil hat. Gib ihr Glück und bewahre sie vor Kämpfen und Leid.

Die jugendliche Schläferin bewegte sich in ihrem Bettchen.

„Papa, mein lieber, guter Papa," murmelte sie schlaftrunken mit einer zärtlichen Betonung, die Frau Nekrassoff zu Herzen ging. —

Um dieselbe Stunde stand ein einsamer Mann auf dem Verdeck des großen Lloyd-Dampfers, der von Newyork nach Antwerpen ging, lieber feinem Haupte flammten die Sterne, tiefer Friede lag über dem Meer, das, leise atmend, die gewaltige Brust hob und senkte. Alles schlief auf dem Schiff, nur die wacht­habenden Matrosen und der Steuermann waren auf und versahen still ihr Amt.

„Wäre es nicht besser, ich läge dort unten auf dem kühlen Meeresgründe," dachte der Reifende. „Die ulte Wunde brennt wieder jetzt, wo ich heimwärts ziehe; in der alle Kräfte anspäuncnden Arbeit suche ich zu vergessen. Ja, wäre Daisy nicht, mein teures Kind! Für sie muß ich leben; sic soll reich und glücklich sein! Für mich verlange ich wenig mehr."

Er begann rastlos auf. und öbzufchreiten, Stunde um Stunde, bis das erste Morgenrot im Osten auf« siieg; dann erst begab er sich in seine Kajüte.

II.

„Papa, mein lieber, guter Papa!"

Halb jubelnd und halb schluchzend ruft es Daisy, ffs der Zug auf der Station Vcmowla hält, und ein hochgewachsener Mann aus dem ^Wagenabtcil erster Klasse hinaussieht. Sie streckt die Arme nach ihm

Das wichtigste Moment in demselben ist die Tatsache, daß der Vincenzverein in Fulda gegenwärtig aller Mittel bar ist. Die Sorte des Berichterstatters, datz diese Tatsache die Mitglieder des Vincenzvereins, die aus die Vorsehung Gottes vertrauten, nicht ent­mutigt habe, weckten den Beifall der Versammlung. Auch hier gelte das Wort: „Wenn die Not am größten, ist Gottes Hilfe am nächsten. Nach einigen Mitteilungen über die Wirksamkeit des Generalrats in Köln, dankte der Berichterstatter noch jenen Herren, die sich in so anerkennenswerter Weise der Sache des Kreuzbündnisses in Fulda angenommen haben. Wenn das Kreuzbünd- niS auch nur in einem einzigen Falle Erfolg zu verzeich­nen hätte, verdiene es die Unterstützung aller Gutgesinn- ten. Mit einer berzlichen Bitte, insbesondere an die Alumnen, sich in ihrem späteren seelsorgerischen Wirken des segensreichen Einflusses des Vincenzvereines zu er­innern, und in unserer Diözese, wo nur immer möglich, Vincenzvereine ins Leben zu rufen, schloß der Vor­sitzende des örtlichen Verwaltungsrates.

Nun nahm der Hochw. Herr Bischof das Wort, um seiner großen Freude über all das Schöne und Gute Ausdruck zu verleihen, das der heutige Tag gezeitigt habe.

Die 100 jährige Geburtsfeier Ozanams, so führte er aus, sei in echt vinzentinischem Geiste, prunklos, ohne Festzug, Fahnenschmuck und Festessen, still und ruhig verlaufen. Ganz im Geiste Ozanams seien die Vincenz- brüder in die ehrwürdige Michaelskirche geeilt, um sich dort neue Kraft, neuen Lebensmut für die Zukunft zu holen. Der Vortrag des Herrn Regens stelle eine herr­liche Apologie der kathol. Caritas dar, wie sie sein müsse: eine Caritas des starken Glaubens und echt katholischer Liebe. Der dreifache Rechenschaftsbericht habe das er­hebende Bild echter hausväterlicher Liebe gegenüber den Armen gezeigt. Der Hochw. Herr sprach auch seinerseits den Wunsch aus, daß die Alumnen in ihrer späteren priesterlichen Tätigkeit der heute gegebenen Anregung Folge geben möchten. Angesichts der glänzend verlau­fenen Feier dankte er allen, die zum Gelingen derselben beigetragen, besonders dem Vorsitzenden des örtlichen Verwaltungsrates Herrn Richard Schmitt, der nun schon so viele Jahre die Seele der Vincenzsache in Fulda sei und dessen unverwüstliches Vertrauen auf die gött­liche Vorsehung den echten Vincenzbruder kennzeichne. Gerne habe er dem Heil. Vater gelegentlich seiner jüng­sten Romreise auch von der Tätigkeit des Vincenzver­eins in der Diözese Fulda berichtet und er habe dabei auch an den unermüdlichen Vorsitzenden des örtlichen Verwaltungsrates gedacht und für ihn das Diplom und das goldene Shrenkreuz „pro Ecclesia et Pontifice" er­beten und erhalten.

Der Hochw. Herr Bischof trat nun auf Herrn Richard Schmitt zu, überreichte ihm das Diplom und heftete das goldene Kreuz an seine Brust. Jubelnder Beifall begleitete diesen Vorgang. Mit bewegten Worten nahm Herr Richard Schmitt diese Aus­zeichnung entgegen, nicht für feine Person, wie er sagte, sondern für die Sache des Vincenzvereins. Er dankte dem hl. Vater für diese ehrenvolle Ans- zeichnung und ebenso dem Hochw. Herrn Bischof für die Vermittelung derselben. Nach Erteilung des bischöflichen Segens, dem üblichen Opfergang und Gebet sand die denkwürdige Feier ihr Ende. — Möge das Beispiel Ozanams recht viele junge Männer, besonders aus den Kreisen der Akademiker unter das Banner des hl. VincentiuS führen; gebe Gott, daß aus Anlaß dieser Feier und in Rücksicht auf d'e be­drängte Lage des Vincenzvereins sich recht viele Hände öffnen, die in edler Milotätigkeit das Werk Ozanams unterstützen zur Ehre Gottes, zum Heile des Nächsten und zur Freude der hl. katholischen Kirche.

= Eisenbahn - Personalien. Die Versetzung des Eisenbahn-Praktikanten Schwab von Vebra nach Fulda ist zurückgezogen worden. — Versetzt wurde der Bahnmeister Zeiß von Hünfeld nach Frankfurt. — Befördert wurde der Stellwerksschlosier Kling- Fulda zum StellwerkSoberschlosser, der Bahnwärter Trott-Kerzell zum Weichensteller und der Weichen­steller Koch-Fulda zum Weichensteller 1. Klasse. — Ernannt wurde zum technischen Eisenbahnfekreiär Eifenbahnpraktikant Rohrbach in Kirchhain, zum tech­nischen Bureauassistenten der technische Bureaudiätar Fiicher in Marburg, zum Bahnmeister die Bahn- meisterdiätare Frederking in Frankenberg, Günther in Fritzlar, Drewcs in Kirchhain und Teich in Wabern.

— Bestätigung. Die vom Provinzial-Landtag am 28. Februar d. I. vollzogene Wiederwahl des Herrn Landeshauptmanns Riedesel Freiherrn' zu Eifenbach zum Landeshauptmann der Provinz Hessen-Nassau ist vom König bestätigt worden.

a Oberersahkommifsion. Zum bürgerlichen Mit- gliede der Oberersatzkommission des 18. Armeekorps ist für die Steife Fulda, Gersfeld, Schlüchtern, Hanau-Siadt und -Land der Bürgermeister a. D. Rudolf Berta zu Soden (Kreis Schlüchtern) und zu dessen Stellvertreter Oekonomierai Wilh. Koch zu Bruderdiebacherhof bei Hanau für die Jahre 1913, 1914 und 1915 gewählt worden.

A Tie Schlachtgebühren. Zu dem Bericht über die letzte Generalversammlung des Schlachtviehver-

aus. Ilja Georgewitsch Soltjakoss springt elastisch aus dem Zuge und umarmt sein lang entbehrtes Kind. Beide sind so bewegt, daß sie zuerst nicht spre­chen können.

„Nun, mein Täubchen, da bin ich," sagt Soltjakoss endlich. „Freust Du Dich, Deinen alten Vater wie­derzusehen?"

„Tu bist nicht alt", ruft Daisy, und ihre zärtlichen Augen prüfen das Gesicht des schönen Mannes, der Nckraffoff fast um eines Hauptes Länge überragt. Es ist ein edel geschnittenes, stolzes Gesicht, auf dem des Mädchens Blicke ruhen. Daisy ist ganz still gewor­den. Sie hat den Arm Soltjakoffs genommen und geht mit ihm durch den Wartesaal. Nekrassoffs Equi­page erwartet den Reisenden vor der Station. Er selbst lenkt die feurigen Traber, der Wagen geht durch den Wald.

„Ah! Heimatlust," sagt Ilja Georgewitsch, und er atmet tief und strahlenden Auges den herb-würzigen Geruch ein, der ans Feld und Wiese, Baum und Strauch emporsteigt. „Endlich wieder in Rußland," fügt er leise hinzu.

„Ja, es ist doch am schönsten im Vaterland," bemerkt Nckraffoff, und er fängt an, von der Ge­gend zu sprechen, von den Nachbarn und dem Schloß­herrn von Datnossa.

„Ist Fürst Arbutin jetzt hier?" fragte Soltjakoss, und es klang fast wie etwas Bangigkeit in dem Ton feiner Stimme.

„Jawohl, er und seine ganze Familie," lautete die Antwort.

Ilja Georgowitsch ist verstummt; er hört nur halb auf den Redeschwall Nekrassoffs und er atmet schwer; cs klingt fast wie ein unterdrückter Seufzer.

„Papascha," es ist Daisys weiches Händchen, das sich liebkosend in die ihres Vaters schiebt, „bist du traurig, Väterchen?

Ein gequälter Ausdruck steigt in den dunklen Augen Iljas auf. Wird das Kind das erraten, was er verbirgt, wird fein Liebling einst fein Richter wer­den? Nein, nein, sie fall und darf nichts ahnen! Er ertrüge es nicht! Jedes Mittel, um ihr den Glauben an- ihn zu erhalten, scheint ibm erlaubt.

sichenmgsvereinS in Nr. 89 d. ,F. Ztg/ wird unS geschrieben: Ter Artikel könnte zu der irrigen An­nahme führen, als stellten die Schlachtgebühren eine wesentlicheVerteuerung desFleischeS dar. Temgegenübec dürfte von Interesse fein, festzustellen, daß sich nach dem Etat und den amtlich ermittelten Gewichtszahlen, die auf 1 Pfund Fleisch berechneten Schlachtgebühren für die verschiedenen Fleischarten auf durchschnitt­lich 2,6 Pfg. stellen. Die Schlachtgebühren umfassen die Gebühren für die Benutzung der Schlachthofein­richtungen ausschließlich der Kühlanlage; durch sie werden gedeckt die persönlichen und sächlichen Ver­waltungskosten, die Äetriebskosten, die Ausgaben für Lasten und Abschreibungen und für das Grund­eigentum. Der Versuch einer übrigens ungesetz­lichen »Verlegung der meisten Schlach­tungen in die Ortschaften* würde auch in der angegebenen Beschränkung tatsächlich vorzugs­weise die große Mehrzahl der ortseingesessenen Metzger schädigen, die den Ausfall an Schlachtge­bühren zu Gunsten der einen ober anderen Wurst- und Fleischwarenhandlung zu tragen hätten. Wie sich übrigens das konsumierende Publikum solchen Versuchen gegenüber stellen würde, wäre ebenfalls noch eine Frage. Der Aufschlag von 3 Prozent deS Anlagekapitals beträgt 21555 Mk., d. h. bei Schlachtung von 3000000 Pfd. ungefähr 0,7 Pfg. pro Pfd. Eine Herabsetzung der 8 Proz. Verzinsung würde daher zugegebenermaßen eine Verbilligung des Fleisches ebenso wenig zur Folge haben, wie es bei Aushebung der Fleischsteuer im Jahre 1910 der Fall war; bagegen müßten die Gemeindesteuer um 6bis 7 Prozent erhöht werden.

■jr Der Jugendabend, den der dompfarrliche Jünglingsverein gestern abend abhielt, verlief in der glänzendsten Weise. Der große Stadtsaal war fast überfüllt, so zahlreich hatten sich die Freunde und Familienangehörigen des Vereins eingefunden: Punkt 7 Uhr hielt das Trommlerchor unter klingen­dem Spiel Einzug in den Saal. Ihm folgte alsbald die Musikkapelle mit einer wirkungsvoll vorgetrage­nen Ouvertüre unter Leitung ihres Dirigenten, Herrn Bioneck. Herr Domkaplan Möller wies in seiner Be­grüßung vor allem auf den Zweck des Jugendabends hin: „Wir wollen," so führte er unter anderem ans, «kein Fest feiern, um nicht die Festsucht noch mehr zu vergrößern. Der Präses will an diesem Abend vor allem einmal die Eltern seiner Jungens kennen ler­nen. Der Abend soll ferner dazu beitragen, den Eltern zu zeigen, wie in einem katholischen Jünglingsverein jedem einzelnen Mitglied Gelegenheit geboten ist, sich individuell zu betätigen, fei es in der Musik, im Tur­nen, im Theaterspielen usw.; Es hat deshalb kein Schulentlassener Grund, einem neutralen Sport­verein sich anzuschließen. Im Jünglingsverein findet er alles, wonach fein Herz begehrt. Jedoch find all diese Dinge nur Mittel zum Zweck. Denn das höchste Ziel des Präses eines katholischen Jünglingsvereins ist die religiös-sittliche Ausbildung aller Mitglieder des Vereins. Soll aber die mühevolle Arbeit eines Jugendpräses mit Erfolg gekrönt fein, dann darf die Mitwirkung vonseiten der Eltern nicht fehlen; denn nur dann werden lebensfrohe und religionstreue Jünglinge hcrangebildet." Der starke Beifall, der den Redner lohnte, zeigte, wie sehr er den Anwesenden aus dem Herzen gesprochen. — Unterdessen war bet Diözesanpräses, Herr Prof. Dr. L e i m b a ch, er­schienen, von der Versammlung stürmisch begrüßt. Tic nun folgenden Bühnenstücke „Ein edler Tiroler" und „Zirkus Schmierinski" wurden musterhaft zur Darstellung gebracht. Zum erstenmal ließ sich auch das vor einigen Wochen neu gebildete Streichorchester, geleitet von Herrn Stadtpedell Ebert, hören. Klang­voll brachte es seine Stücke zu Gehör. Gut geschult zeigte sich auch die Mustcrriege der Turnabteilung. Hoffen wir, daß die Veranstaltung zur weiteren Er­starkung und Begeisterung der Mitglieder beitragen wird.

& Der Jünglingsverein der Stadtpfarrei hatte gestern abend im Gesellenhaufe einen Jugendbil- dungsabend arrangiert. Die Idee des Abends: „Wanberung durch Iugendland", wurde in sinnvoller Weise durchgeführt. Der Vereinspräses, Herr Stadtkaplan B ö r st i n g, führte aus, daß der stadtpsarrliche Jugendverein rund 200 Mitglieder zähle; das seien 80 Proz. der inbetracht kommenden Jugend. Erfreulich sei der Sparsinn der Mitglieder, einzelne hätten bis 40 Mk., ja bis 82 Mk. Einlagen. Einleitend auf die feierliche Aufnahme von fast 60 neuen Mitgliedern sprach der Präses in eindringlichen und begeisternden Worten über die Feinde, die Ideale und die Geschichte des Vcreinsbanners. Die Jüng­lingsvereine hätten in unserer Zeit eine hohe Aufgabe zu erfüllen. Seit 6 Jahren bestehe der Verband der kathol. Jünglingsvereine Deutschlands und bereits

„Nein, mein Täubchen," versetzte er nach einer Weile, „ich bin müde von der weiten Reise, weiter ist cs nichts."

Sie betrachtete ihn genauer.

„Du hast schon so viele weiße Haare," sagte sie, „ich sah es nicht gleich, dann bist du doch alt."

„Ja, mein Kind, ich sagte es dir, als wir uns be­grüßten. Aber erzähle mir von Dir. Bist Du immer froh und glücklich gewesen?"

Daisy plaudert nun lebhaft. Sie spricht von allem, was sic erlebt hat, auch von Boris Arbutin erzählt sie in ihrer kindlichen Art.

Soltjakoss hört ihr scheinbar zu, aber er hört die Stimme der Kleinen wie aus weiter, weiter Ferne. Er denkt an eine andere Daisy — an sein totes, jun­ges Weib. Wie ähnlich ist sein Töchterchen der Ver­storbenen. Es sind dieselben grauen Augen mit der dunklen Umrahmung, dasselbe lockige, reiche Haar; bis in die kleinste Einzelheit erinnert das Kinderge­sicht an die Mutter. Ob Daisy auch dasselbe zarte Empfinden hat, die Fähigkeit, über alles zu lieben und an einem großen Weh zu verbluten? Wird die Vergangenheit aus ihrem Grabe erstehen und sich drohend zwischen Vater und Kind stellen?--

Sie sind angekommcn. Frau Nekrassoff begrüßt den Reisenden herzlich. In ihrem freundlichen Ge­sicht liegt das Mitleid, mit dem sie gestern das schla­fende Kind betrachtet hat. Stumm reicht sie Ilja die Hand, die er an die Lippen zieht.

Es war ein seltsamer Abend, dieser erste, den Soltjakoss in der Heimat verbrachte. Alles erschien ihm wie ein Traum; nur das eine ist Wahrheit: das alte wogende Leid seines Lebens. Im harten Kampf ums Dasein trat es zurück. Warum wachte es jetzt wieder auf? —

„Väterchen segne mich," bittet Daisy, als sie spä­ter wie gewöhnlich schlafen geht. Ihre Augen sind halb verschleiert von den langen Wimpern.

Soltjakoss zuckt zusammen. Muß fein Segen sich nicht in Fluch verwandeln? Hat er das Recht, die Hand auf seines Kindes Haupt zu legen — diese Hand, die einst — Er denkt cs nicht aus, er schau­dert: falt kriecht es über feinen Rücken. -

X» 91.

Montag 2l. April 1913.

hätten sich 280 000 Jünglinge um seine Fahne gc schart. Das sei erfreulich, aber erst der sechste Teil der kathol. Jünglinge; Alle müßten zur Verwirkli­chung der Vereinsziele Mitarbeiten. Nach dem zwei­stimmigen Vortrag des Liedes „Tie junge Garde, die sind wir!" drängten sich die Jünglinge heran, um ihrem Präses die Hand zu drücken. — Recht vorteil­haft führte sich das 12 Mitglieder zählende Vereins- orchestcr ein, das von Herrn Studiosus Stange ge­leitet wird. Das außerordentlich reichhaltige, einheit­lich ausgestellte Programm (24 Nummern) wickelte sich rasch ab: Deklamationen, Sologesänge, drama­tische Szenen, humoristische Vorträge, gemeinsame Lieder, lebende Bilder, Bühnenspiele, Musikstücke, bo­ten Abwechselung, sodaß die zahlreiche Zuhörerschaft vollauf befriedigt war.

[] Scheuende Pferde. Am Samstag nachmittag kletterte ein etwa 5 jähriges Mädchen in der Peters- gaffe auf einen mit zwei Pferden bespannten Wagen. Plötzlich zogen die Tiere an, obwohl das eine vor­schriftsmäßig ausgehängt war, und fausten in wildem Galopp auf den Schweinemarkt zu. Andere Fuß- leute, durch das Getöse aufmerksam gemacht, brachten daS Geschirr zum stehen, und so lief der Vorfall ohne Schaden ab. Er lehrt aber, daß die Eltern ihre Kinder nicht dringend genug davor warnen können, sich an fremdes Gefährt heranzumachen. Auch das unleidliche Mitlaufen oder Sichhängen- lassen an fahrende Wagen hat schon manches Unglück im Gefolge gehabt.

[] Das Passahfest der Israeliten beginnt heute abend und dauert bis Dienstag abend. Passah-Ende feiern die Israeliten am 28. und 29. April.

[] Als Vergütung für Fourage, welche im Monat April verabreicht wirb, sind für dir Kreise Fulda, Gersfeld, Hünfeld und Schlüchtern folgenbe Preise pro Zentner festgesetzt worben: für Hafer 9,45 Mk., für Heu 3,41 Mk., für Stroh 3,36 Mk.

:-: Der Männerchor des evang. Arbeitervereins gab gestern ein Konzert, das bei durchweg guten Leistungen die Zuhörer sehr befriedigte. Der Verein, der über treffliches Stimmenmaterial verfügt, hak unter der Leitung seines zielbewußten Dirigenten, des Herrn Kantor Hofmann, große Fortschritte gemacht und nimmt unter den hiesigen Männerchören eine sehr beachtenswerte Stelle ein. Das hübsche Programm fand eine verständnisvolle und sorgfältig vorbereitete Wiedergabe. Mit der weihevollen Hymne an die Musik von Lachner wurden die Gefangsvorträge passend eingeleitet. Besonders gut gelangen der mit viel Empfindung gesungene Chor »Deutsche Helden" von Grim, das innige, mit feinster Phrasierung zu Gehör gebrachte »Am Olt, wo meine Wiege stand" von Handwerg und der frische, muntere Chor »Die Mühle im Tale" von Pauli, sowie das schlichte und einfache, aber recht wirkungsvoll gesungene „Reiters Morgengesang" von Zerlett. Bei allen Liedern war die Ausspra t e klar und deutlich, die Einsätze siche, und exakt. Als Solistin hörten wir Frau Ella Stefsens-Harnischfeger aus Frankfurt, die sich schon seit 13 Jahren der Gunst des hiesigen Publi­kums erfreut. Als tüchtige Koloratursängerin hatte sie als erstes Lied die Gnadenarie aus »Robert der Teufel" gewählt und fang alle schwierigen Passagen und Verzierungen leichtflüssig und rein, wie wir es von ihr gewohnt sind. Dann hörten wir noch von ihr Lieder von Liszt, C. M. v. Weber, Th. Schäfer u. a., mit denen sie unter geschickter Verwendung ihrer reichen Stimmittel einen vollen Erfolg erzielte. Der instrumentale Teil des Programms wurde von Mit­gliedern der hiesigen Artilleriekapelle, die das wunderbar fchöne Ls-cknr-Septett von Beethoven für Violine, Viola, Cello, Baß, Horn, Klarinette und Fagott spielten, ausgesührt. Das klassische Werk wurde |o fein aus­gefeilt und gut erfaßt wiedergegeben, daß es ein Genuß war, dem Vortrag zu lauschen. Besonders der zweite Teil — ohne daß wir damit das übrige herabfetzen wollen — mit dem bekannten reizenden Thema, das auch in einer Beethovenschen Sonate verwendet ist, war eine so wohlgelungene Leistung, daß sie dem Ensemble zur größten Ehre gereichte.

Vom Fulbataler SRilitärbrieftaubenberein, zu dem die Vereine von Fulda, Hünfeld, Hersseld, Bebra, Großentaft, Oberufhausen, Neuhof, Flieden, Günthers, Horas und Lauterbach gehören, wurden gestern morgen in Eisenach über 1000 Tauben losgelaffen, die mit wenigen Ausnahmen in ihre Schläge zurückgekehrt sind. Die Flugstrecken werden immer weiter ausgedehnt, um die Tiere auf weite Entfernungen zu trainieren. In den nächsten Wo­chen finden Flüge statt von Mühlhausen i. Th., Eis­leben, Dessau, Luckenwalde, Frankfurt a. O. und Landsbcrg und am 12. Juni auf Veranlassung des Kriegsministeriums ein Flug von Posen aus, für den eine goldene Staatsmedaille ausgesetzt ist.

„Väterchen, segne mich."

Noch einmal dieselbe kindliche Bitte.

Er muß sie erfüllen.

„Gott und die Heiligen mögen Dich segnen, mein Seelchen," murmelte er. Dann hebt er die leichte Gestalt auf starken Armen empor, und es flammt trotzig in dem scharf geschnittenen Gesicht des Mannes aufs Ja, er ist fest entschlossen, sich die Liebe seiner Tochter zu erhalten; er will darüber wachen, daß sic nichts erfährt — um jeden Preis will er es tun.

Lange sitzen Nekrassoffs mit ihrem Gaste zusam­men; sie beraten sich. Soltjakoff erzählt von seinem Leben jenseits des Meeres. Er ist ein wohlhabender Mann geworden durch feine Tüchtigkeit und harte Arbeit.

„Mit einem kleinen Barvermögen ging ich nach Amerika," erzählte er. „In San Francisko fand ich eine Stelle in einem Bankgeschäft als russischer Kor­respondent. Ich spekulierte mit Glück, kam zu Geld und kaufte Land, das sich als reich an Edelmetallen erwies. Noch ist es nicht exploitiert; ich will zurück, um weiteren Nutzen daraus zu ziehen."

„Und Daisy wollen Sie in eine Pension nach Genf geben?" fragte Frau Nekrassoff.

Ich wollte es, aber seitdem ich sie wiedersah, fühle ich, daß ich mich nicht mehr von ihr trennen kann."

„So nehmen Sie sie Wohl mit hinüber?"

„Ja, cs wird das Beste sein." Soltjakoss zögerte einige Sekunden, dann sagte er gepreßt: „Wenn nur nicht das Heimweh wäre; ich leide oft namenlos dar­unter."

„Kaufen Sic sich an," riet Nekrassoff, „trenn Taffy nach vier Jahren erwachsen ist, so kehren Sic in das Vaterland zurück. Es gibt hier mehrere Gü­ter, die verkauft werden sollen. Ich würde das Ge­schäft gern abschließen und die Aufsicht über Ihr Eigentum übernehmen, bis Sic selbst wieder in Ruß­land sind."

Soltjakoff blickte düster zu Boden. Er wollte re­den, aber das Wort blieb ihm in der Kehle stecken.

Frau Nekrassoff erriet, was er sich auszusprechen scheute.

(Fortsetzung folgt.)