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Fuldaer Zeitung

erscheint tügNch mit Ausnahme der Sonn- und Zeleilage. viertel, jährlicher Bezugspreis ohne Bringerlohn und Befiellgelh in Zulda sowie auswärts 1.50 Mark. •••• Rolationsbrum und Verlag der s s Zuldaer Actiendruckerei in Zulda. Zernlprecher Tlr. 9. ::

“ ~ wochen-veNage: z z ? s z Monats-HeAage? z s Illustrierte Sonntagszeifung I Zuldaer Seschichtsblätter " Liehungslifien der preußisch-süddeutschen Klaffen-totterit. — halbjährlich Taschenfahrplan, s

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Nr. 91.

€rftes Blatt.

Montag den 21. April 1913.

40. Zahrgang.

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 19. April 1913.

Auf der Tagesordnung steht die Fortsetzung der Ge- Leraldebatte zum Militäretat.

Abg. Pfeiffer (Ztr.): Es ist unmöglich, an den Er­öffnungen des Abg. Liebknecht vorüberzugehen, ohne sie lebhaft zu erörtern. Was die Frage anlangt wegen der Beteiligung französischen Kapitals an der Dillinger fcfttte, fo sind diese Mitteilungen unzweifelhaft richtig. Die historische Entwicklung der Dillinger Hütte mag dabei mitsprechen. Was Herr Liebknecht aber über die

Firma Krupp

gesagt hat, ihre Transaktionen betreffend, so müssen wir konstatieren, wenn davon nur ein Teil richtig ist, dann ist es außerordentlich beschämend. (Sehr richtig! im Zentrum.) Tröstend ist nur das eine gewesen, daß der Kriegsmini st er seine vollkommene Pflicht und Schuldigkeit getan hat. Es bleibt aber doch für den Fall, daß man in ein schwebendes Verfahren nicht ein» »reifen soll, so viel Hochbefremdliches und Bedauer­liches übrig, daß es durch die Erklärung des Kriegs­ministers und die mobilgemachte Presse nicht aus der Welt geschafft wird! (Lebhafte Zustimmung.) Der Kriegsminister wird entschuldigen müssen, daß wir nicht rn den Unterbeamten glauben. Diese Anschul­digungen können uns keinen Eindruck mehr machen und «uch nicht die Berichte des Wolffschen Telegraphen­bureaus. Man kann die Affäre nicht auf die Schul­tern der Unterbeamten abwälzen, dafür sind die auf. gewendeten Summen, die nicht auS ihrem Gehalt stam­men können, zu hoch. Wenn die aufgewandten Sum­men in die Tausende heineingehen, dann mutz der Mann doch über große Unterstützungen haben verfügen können. Wir glauben mit Sicherheit erwarten zu können, daß, wenn die Untersuchung abgeschlossen ist, der Kriegs­minister die erforderliche Energie anwendet, um deutlich und unzweifelhaft derartigen Zuständen ein Ende zu machen. Das Parlament kann verlangen, daß die schöne Stärke, die das Kriegsministerium hier im Hause immer zeigt, auch nach außen hin gezeigt Pird. (Lebhafte Zustimmung.) Es ist höchste Zeit, daß im Parlament und draußen diesen Treibereien ein Ende gemacht wird. (Lebhafte Zustimmung.) Der Herr Kriegsminister hat gestern daS hohe Lied des Patrio­tismus der Firma Krupp gesungen. Wie wird mir da, meine Herren? Schon im Jahre 1901 hat der llbg. Müller-Fulda zwar nicht behauptet, daß die Firma Krupp an das Ausland billiger verkaufe als an daS Deutsche Reich — das hatte der Abg. Eickhoff be­hauptet — aber er hat nachgewiesen, daß es den Ameri. kanern gelungen sei, eine Preisermäßigung um 400 Mk. pro Tonne für die Panzerplatten zu erlangen. (Hört, hört!) Dann hat der Abg. Erzberger in der Sitzung vom 27. März 1905 nachgewiescn, daß Krupp im Jahre 1909 für Kanonenrohre erheblich mehr verlangt und be­kommen hat, als die rheinische Metallwaren- und Ma­schinenfabrik Ehrhardt und Co. im Jahre 1898. Der da­malige Kriegsminister hat wörtlich erklärt: -Der Herr Abgeordnete hat darauf hingewiesen, daß doch die Preise für verschiedene Lieferungen im Artilleriematerial da­durch, daß Ehrhardt in die Konkurrenz eintrat, sehr her- untergegangen seien. Ich glaube, das kann man im Wesentlichen nur bestätigen." (Hört! hört!) Also —- „durch das Eintreten der Firma Ehrhardt in die Kon­kurrenz". Damit komme ich auf daS, was mir gestern in der Erklärung des Herrn Kriegsministers ganz be­sonders aufgefallen ist. Der Herr Kriegsminister hat lediglich den Gedanken zurückgewiesen, als ob durch die Klüng en der Firma Krupp militärische Ge­heimnisse verraten worden seien. Der Abg. Liebknecht hat aber auch davon gesprochen, daß in diesen Versuchen, von Unterorganen verschiedene Aufschlüsse zu erhalten, doch auch sehr bedenkliche Konkurrenzmanöver mit unterlaufen, und das ist das, worauf eS doch an- kommt. Ich stehe nicht an, nachdem wir die Erfahrung von 1905 gemacht haben, und nach dem, was wir durch die gestrigen Erklärungen bestätigt erhalten haben, zu sagen, daß wir auf diese unfären Praktiken auch im Parlament unsere Aufmerksamkeit richten müssen, und daß wir keinen Augenblick zögern dürfen, derartige Dinge auf daS lebhafteste zu verurteilen. (Lebhafter Beifall.) Bezügl. der Verurteilung der Die - denhofer Geistlichen halte ich es für keine Be­drohung, wenn diese ihr Recht bei dem Parlament such­ten. Wir verstehen es nicht, daß man 4 Monate hat verstreichen lassen, bis man das Begnadigungs­gesuch an höchster Stelle überhaupt vorgelegt hat. Redner geht dann zu den zahlreichen Klagen der Zivil- wusiker gegenüber der großen Konkurrenz der Mili- tärkapellen über.

Abg. Gotting (natl.): Wir "gehen nicht auf den Fall Krupp ein (hört, hört!), weil die Untersuchung noch nicht abgeschlossen ist. Wenn wir unser Urteil über die sensationellen Enthüllungen Liebknechts bis zum AuSgang der Untersuchung zurückstellen, so glauben wir doch, daß leider genug bedauerliche und beschämende Tatsachen übrig bleiben werden. Meine Freunde werden den Fall in ihrem Zusammenhang mit dem Kapitalis­mus dann untersuchen.

Kriegsminister v. Heeriuge«: Wo Mißstände bei den Militärmusikern hervortreten, zögern wir nicht, sie zu beseitigen. Zum Falle Krupp kann ich erklären: Es ist selbstverständlich, daß wir solche Praktiken aufs schärfste mißbilligen unb die Heeresverwaltung wird keinen Augenblick zögern, der Angelegenheit näher­zutreten.

Abg. Liebknecht: Die Firma Krupp hat eine große Anzahl geheimer Berichte, die sich nicht nur auf die Konkurrenz, sondern auch auf die Konstruktion beziehen. In ihren Geheimfächern sind diese zum Teil beschlagnahmt worden. Es handelt sich nicht um kleinere Unterbeamte, sondern um höhere. Der Patriotismus der Firma ist etwaS eigenartig, wenn man bedenkt, das Krupp auch Napoleon III. seine Dienste anbot. Es sind zweifellos militärische Geheimnisse verraten worden, zwar nicht an einen fremden Staat, wohl aber an eine Privatperson. Einige ihrer Geheimberichte be­finden sich in meinen Händen. Die ganze Angelegen­heit ist von der Firma Krupp auf das Geheimste und Intimste behandelt worden. Nun will man die kleinen Diebe hängen und die großen laufen lassen. Gehört aber der Herr v. Dewitz in Essen zu den Kleinen in der Firma Krupp? Er ist der Verwalter der ganzen Dinge gewesen, in feinem Schrank sind viele Ge­heimberichte vom Untersuchungsrichter beschlagnahmt worden. (Hört, hört! links.) Die Machinationen der deutschen Munitions- und Waffenfabriken sind dem Kriegs Minister schon seit zwei Jahren bekannt gewesen und er ist nicht eingeschritten. Die Firma Krupp hat er fast noch in Schutz genommen. Da konnte ich nicht länger schweigen. Eine allgemeine Untersuchung ist notwendig. Krupp hat die Bestechlichkeit der Militär-' beamten ariöxberL Die Muttervatrioten sind mit die­

sem Verfahren gerichtet, das an Hoch- und Landesverrat grenzt. Das ist ein Panama, schlimmer als Panama.

Kriegsminister v. Heeringen: Ich habe gestern be­reits gesagt, daß, soweit ich das Ergebnis der Unter, suchungen zurzeit überhaupt kenne, Landesverrat ober Verrat militärischer Geheimnisse, bie die Sicher­heit beS Reiches gefährben, nicht in Fraget»»,««. Dabei bleibe ich. lieber die Untersuchung selbst be­dauere ich, mich nicht weiter äußern zu können. Erstens geht sie mich überhaupt nichts an. Zweitens weiß ich tatsächlich überhaupt nicht, wie sie augenblicklich stehen kann. Die Waffen- unb Munitionsfabrik hat aller­dings vor drei Jahren einen Artikel in die französische Presse lancieren wollen, der aber nach den Erklärungen der Generaldirektion lediglich den Zweck hatte, bestimmte Anhaltspunkte für die Absichten der französischen Heeres­verwaltung durch Widerspruch zu gewinnen. (Lachen und Unruhe bei den Soz.). ES steht aber fest, daß die deutsche Waffen- und Munitionsfabrik durch biefen Ar­tikel, oder durch irgendwelche andere Manipulationen keinerlei Einfluß auf die Entschlüsse der deut, sch en Heeresverwaltung wegen der Ausstattung mit Maschinengewehren gehabt hat. Noch einmal: In dem Fall Krupp warten Sie die Untersuchung ab! Für den Verdacht, daß irgend etwas vertuscht werde, liegt kein Grund vor. Die Untersuchung liegt in den Händen der preußischen Justiz. DaS Ansehen der preußischen Gerichtsbarkeit bürgt dafür, daß ohne Ansehen der Per­son und der Sache eingegriffen wird. (Unruhe bei den Soz., Beifall rechts und in der Mitte.) Ich unterscheide mich von Herrn Dr. Liebknecht wesentlich dadurch, daß ich mein Verdammungsurteil zurückstelle, bis Klarheit durch die Untersuchung erfolgt ist. Und bis zu dem Moment, wo ich ein solches Verdammungsurteil abgebe, vergesse ich auch die Verdienste des Werkes nicht.

Abg. Dr. Certel (kons.): Das Verhalten der Waffen- und Munitionsfabrik ist recht töricht. Wenn die Mit­teilungen Liebknechts im Falle Krupp richtig sind, dann ist kein Wort der deutschen Sprache scharf genug, ein derartiges Verfahren zu verurteilen. (Sehr richtig!) Wenn das Direktorium davon wußte, dann müssen die Konsequenzen gezogen werden.

Abg. Dr. Spahn (Ztr.): Wir fordern den Kriegs­minister auf, sich Über den Gang der Untersuchung auf dem Lausenden zu halten unb den Reichstag zu in­formieren.

Kriegsminister v. Heeringen gibt biefe Zusage. DaS Kommandanturgericht Berlin führt die Untersuchung gegen die militärischen, daS Landgericht gegen die Zi- vilpersonen.

Abg. Hegenscheidt (Rp.): Auch wir verurteilen solche Machinationen. Dr. Liehknecht will aber der Wehr­vorlage nur Schwierigkeiten machen.

In der Einzelbesprechung fordert

Abg. Werner-Hersfeld (Rp.) eine Denkschrift über die Verhältnisse der Jntendantursekretäre.

Abg. Kunert (Soz.) verlangt in einer Resolution weitere Nachweisung der Kriminalstatistik für Heer unb Marine unb zwar über Arreststrafen, Ausschluß ber Oeffentlichkeit bei der Hauptverhandlung, Gesamtsumme aller Freiheitsstrafen, Selbstmorde usw.

Die Resolution wird angenommen.

Kriegsminister v. Heeringen wenvet sich gegen btt Resolution, wonach schon dts zur brüten Lesung Adju­tanten gestrichen werden sollen.

Abg. Dr. Spahn (Ztr.): Ultra Posse nemo obligatur. Der Kriegsminister muß es wenigstens versuchen.

Die Resolution wird angenommen.

Abg. Zubeil (Soz.) spricht über die Konkurrenz der Militär'muiiker.

Generalleutnant Wandel erklärt, daß inzwischen erneute verschärfte Bestimmungen erlaffen sind.

Zum Kapitel „Bekleidung und Ausrüstung der Truppen" wirst

Abg. Böhle (Soz.) dem katholischen Frauenbund in Straßburg gegenüber den dortigen Heimarbeiterinnen unlautere Konkurrenz vor.

Abg. Duffner (Ztr.i tritt der Behauptung entgegen unb führt aus, daß es sich hier um ein sozialposittiches und wohltätiges Werk des Frauenbundes handele. Der Redner bringt eine Reihe ron Einzelwünlchen der Milttärhandwerker und Müitärarb.iter zur Sprache.

Abg. Trimborn (Ztr.) unterstützt die Forderungen der bei der Heeresverwa tung beschäftigten Maschinisten.

Montag: Wetterberatung.

Preußischer Landtag,

Abgeordnetenhaus.

Sitzung vom 19. April 1913.

Der Gesetzentwurf über bie Aenberung ber LanbeSgrenzen gegen bas Herzogtum Anhakt Wirb in dritter Beratung angenommen. ES folgt die zweite Beratung bes Gesetzentwurfes bett, bie Elektri­fizierung der Berliner Stadt-, Ring- und BorortS- balinen. In ber Regierungsvorlage werben 50 Millionen Mark gefordert. Die Kommiffion hat nur 25 000 Mk. bewilligt zur Elektrisierung bet Stadt- unb Ringbahn. Auf bie Elektrisierung der Vorortbahn wird vorläufig verzichtet Die Kommission fordert in einet Resolution die Regierung auf, bei Anforderung weiterer Mittel eine Denkschrift vorzulegen, aus ber sich näheres über bie Ergebnisse der noch anzuftellenben Versuchsfahrten mit Triebgestellen unb über die zu toerroenbenbe Strom, art ergibt. Auch soll Aufschluß barüber gegeben wer­den, ob es wirtschaftlich ist, auf weiteren Linien der Berliner Vorortsbahn die elektrische Zugförderung ein­zuführen. — In einer weiteren Resolution wird die Regierung ersucht, bei den in Aussicht genommenen Tariferhöhungen auf Verzinsung und Tilgung des für die Berliner Stadt-, Ring- und Vorortsbahnen aufge­wendeten Kapitals bedacht zu nehmen.

Ein Antrag Gerhardus (Ztr.) will für bie Vorlage nur 6920 000 Mk. unb für Versuche mit elektrischen Be­triebsmitteln 8 Millionen bewilligen, außerdem durch eine Aenberung des Zwecksverbandgesctzes für Groß- Berlin diesen zu den Kosten für die Bahnen heran­ziehen.

Minister v. Breitenbach begründet, daß gewisse Miß­stände auf ber Stadtbahn nur durch Elektrisierung be­seitigt werden können. Ein verstärkter Dampfbetrieb würde um 5 Millionen teurer sein, als ber vorgesehene elektrische. Eine Tariferhöhung rechtfertige sich burch die Vorteile des Verkehrs. Ten beschränkten Kommis­sionsbeschlüssen stimme die Regierung zu, Bitte aber, den Antrag GerharduS abzulehnen.

In der Debatte erklären u. a.

ein Vertreter des Kriegsministers unb beS Finanz­ministeriums, daß prinzipielle Bedenken gegen bie Dor- läge nicht mehr vorlägen.

Abg. Dr. Würmeling (Ztr.) hält namens eines grö­ßeren Teils seiner politischen Freunbe bie Vorlage für zu verantwortlich, als sich schon jetzt bafür entschließen au können. Er hält es für angemessen, bet Regierung

durch Bewilligung ber erforderlichen Mittel bie Mög. lichkeit zu geben, bie Gefahren bet Betriebsunsicherheit zu beseitigen unb weitere Versuche mit elektrischen Betriebsmitteln anzustellen. Daraufhin ziele auch ber Antrag Gerhardus. Hoffentlich werbe burch bie An­nahme des Antrags Berlin zu den Kosten für die hohen Ausgaben zu Verkehrszwecken herange» zogen.

Abg. v. Pappenheim (kons.) erklärt sich ebenfalls gegen die Vorlage.

Dafür sprechen sich die Abgg. Dr. v. Woyna (ft.), Kreitling (33p.) und Hoffmann (Soz.) au5.

Der Präsident teilt mit, daß bie Abstimmung über bie Vorlage Dienstag erfolgen wird.

Montag: Fortsetzung unb kleinere Vorlagen.

Zur Revision der hessischen Ordens- gesetzgebnng.

<P Darmstadt, 17. April 1913.

Zu Beginn des gegenwärtigen Landtages hat die Zentrumsfraktion der Zweiten Kammer Anträge auf Revision der Ordensgesetzgebung eingebracht, um die beschränkenden Bestimmungen zu beseiftgen, welche der Ausdehnung der krankenpflegenden und der Ein. führung neuer Orden in Hesien entgegenstehen. Statt der erhofften Regierungsvorlage hat nun die Regie­rung dem Landtag zunächst nur eine Antwort auf die Zentrumsanträge zukommen lasten, in der sie ihre Stellungnahme näher darlegt und zum Schluß er­klärt, eine Vorlage erft später den beiden Kammern zu unterbreiten, „soweit nicht etwa die landständigen Erörterungen bte Aussichtslosigkeit eines gesetzgeberi­schen Vorgehens ergeben sollten."

Damit lehnt es die Regierung ab, selbst den ersten Schritt zur Beseiftgung der offensichtlichen Mängel und Ungerechtigkeiten zu tun; sie zieht es vor, sich hinter den Landtag zu verschanzen, und will erst dann gesetzgeberische Vorschläge machen, wenn der in seiner Mehrheit protestantische Landtag ihre eigenen, recht unbedeutenden Zugeständniste an die katholische Be­völkerung gutheißt. Fürwahr ein recht bequemer Standpunkt.

Wenn schon inbezug auf die formelle Behandlung der Revisionsfrage die Antwort der Regierung auf die Ordensanträge recht befremden muß, so muß der materielle Inhaft der Regierungsantwort die katho­lisch« Bevölkerung des Landes auf das schwerste ent. tauschen. Wie die Parität im Lande Philipps des Großmütigen verstanden wird, dafür gibt ja ein be­kannter Ausspruch von hoher Stelle deutliche Belege, wonach es in Hesten ausgeschlossen sein daß ein Katholik Minister werden könnte. Man hätte aber erwarten sollen, daß die Regierung den Büiürsniffen der katholischen Kirche mit Rücksicht auf die veränder­ten Verhältnisse und die ernsten Zellen soweit ent­gegenkommen werde, daß sie den carllativen und Lehr­orden die Festeln einer Ausnahmegesetzgebung neh­men und wenigstens einigen Männerorden die Mög lichkeit der Mitwirkung tn der Seelsorge gewähren werde. Hören wir jedoch, was die Regierung für die Folge gewähren will, vorausgesetzt, daß die beiden Kammern zu diesem geringen Entgegenkommen ihre Zustimmung geben.

Was die krankenpflegenden Orden anlangt, so bestehen gegenwärtig im Lande 105 Nie­derlassungen weiblicher Orden mit 872 Mitgliedern und nur zwei Niederlassungen männlicher Orden mit 13 Mitgliedern. Die Regierung will, dem preußischen Vorbild folgend, Bestimmungen schaffen, welche ter erweiterten karitativen Tätigkeit der weiblichen Or­den Vorschub leisten. Die männlichen kranken­pflegenden Orden scheint die Regierung geringer ein- zuschätzen, da sie nach dem Wortlaut der Regierungs­antwort in diese Erleichterungen nicht einbezogen werden sollen. Es wird ein Geheimnis des Ministe­riums bleiben, aus welchem Grunde die so überaus segensreich wirkenden Barmherzigen Brüder, auf deren Krankenpflege alle Konfessionen Wert legen, von den Wohltaten der Revision ausgeschlossen blei­ben sollen. Der Orden zum guten Hirten, der sich mit der Pflege und Lellung von verwahrlosten Mädchen beschäftigt, unb besten verdienstvolle Tätig­keit ebenso dem Staat als auch den Gemeinden zu­gute kommt, soll insofern eine Unterstützung finden, als er de» krankenpflegenden Orden gleichgestellt wird. Für die beiden katholischen Knabenerziehungs­anstalten in Klein-Zimmern und Drais, die Staat und Gemeinde auf dem Gebiete der Jugendfürsorge bedeutsam entlasten, ist die Regierung bereit, „aus­nahmsweise die Zulassung einiger Mitglieder eines deutschen Männerordens zu genehmigen, desten An­gehörige die in Hessen für die Leitung solcher Anstal­ten u. die Erziehungstätigkeit geforderte Vorbildung be­sitzen und bte Gewähr bieten, daß sie die Zöglinge außer in religiös-sitlichem, auch im nationalen Geiste zu erziehen imstande sind". Welches ungerechte Mißtrauen gegen die kirchlichen Orden geht aus die­sen Worten hervor? Auf den Katholiken muß diese mittelbare Anzweiflung der nationalen Gesinnung eines Teiles der Orden wie eine Beleidigung wirken. Von den dem Unterricht sich widmenden Orden kom­men die Schulbrüder und Englischen Fräu- lein in Betracht. Nach dem bestehenden Gesetz dür­fen diese Orden, welche in Darmstadt, Bensheim, Worms, Bingen und Mainz Niederlassungen haben, weder neue Niederlassungen gründen, noch auch ihren Personalbestand erhöhen. Während nun der Schul- brüder, welche infolge Mangels an Lehrpersonal ihre Mainzer Schule bereits vor Jahren in andere Hände gaben, in der Regierungsantwort nicht gedacht wird, will die Negierung zwar nicht den Englischen Fräu­lein gestatten, neue Niederlassungen zu gründen — das wäre zuviel des Entgegenkommens —, sie will lediglich gestatten, den Bestand der Ordensfrauen in den "fünf Anstalten zu erhöhen. Aber das Bedürfnis hierfür muß von der Regierung ausdrücklich i n j e- beut Falle anerkannt werden — so will es die bureaukratische Engherzicckeit.

Was die zur Aushülfe in der Seelsorge verlangte Einführung «euer kirchlicher Männerorden anlangt, so bedeutet die Stellungnahme der Regie­rung eine schroffe Ablehnung des dringenden und berechtigten Wunsches der kirchlichen Behörden und der katholischen Bevölkerung des Landes.

Nur den Kapuzinern, denen allein von allen kirchlichen Männervrden in Hessen die Mit­wirkung an der Selsorge gestattet ist, will die Regie­rung dadurch entgegenkommen, daß sie in den Klö- stern von Mainz und Dieburg eine entsprechend grö­ßere Zahl von Kapuzinern zuläßt. Doch am Ende wird auch noch in einer anderen hessischen Stadt bie Gründung eines Kapuzinerklösterchens huldvollst gk» stattet werden, da, wie es in der Regierungsantwort heißt, „bte Tätigkeit der Kapuziner in Hessen bis jetzt zu Klagen wegen Störung des konfessionellen Friedens nitch geführt haben." Es bestand die Hoff­nung, daß die Regierung einige Niederlassungen auch anderer Männerorden zulassen werde, um dem Man­gel an Seelsorgern zu steuern — diese Hoffnung ist zu Wasser geworden. Das Schriftstück beschräntt sich darauf, zu erklären, es sei „nicht einzusehen, warum zur Beftiedigung dieses Bedürfnisses ein fremder (!) Orden zur Gründung von Niederlassungen im Groß­herzogtum zugelassen werden soll", also „fremde" Orden, d. h. solche, die in andern Bundesstaaten zugelassen sind, sollen in Hessen verboten sein. Die Regierenden irren sich aber, wenn sie glauben, auf diese Art die berechtigten Wünsche der katholischen Bevölkerung abspeisen zu können. Noch erwähnt sei, daß auch der weibliche Orden ber ewigen Anbetung, welcher eilte Niederlassung in Mainz besitzt, keine Gnade bei der hessischen Regierung gefunden hat. Nach dem geltenden Gesetz ist der Orden in Hessen auf den Aussterbeetat gesetzt. Nach Ansicht der Regierung liegt „fein Grund" vor, hieran etwas zu ändern.

Das wäre also alles, was Herr von Hombergk und seine Räte dem katholtschen Volke bieten wollen und werden, wenn der Landtag vorher in diesem Sinne den Antrag Schmitt und Genossen angenommen ha­ben wird. Auf weniger konnte man wirklich nicht gefaßt fein, und bitter ist die Enttäuschung der Ka­tholiken des Landes. Das katholische Volk und seine Vertreter werden die Antwort nicht schuldig bleiben

s Die Politische Erledigung des Zwischenfalles von Nancy.

Der amtliche französische Bericht des Staatsrats Opier, den wir am Samstag noch ver­öffentlichen konnten, sucht den Zwischenfall möglichst harmlos hinzustellen. Die Vorfälle im Kasino­theater und der Lothringer Bierhalle werden in mil­derem Lichte dargestellt, als es von deutscher Seite geschehen ist. Inbezug auf den Streit im Restaurant wird sogar behauptet, daß die Deutschen zuerst laute abfällige Bemerkungen gemacht hätten. Der Wirt selbst Hatte den Blättern im Gegenteil erklärt, daß die Deutschen sich durchaus ruhig verhalten hätten. Lückenhauft ist die Schilderung der Vorgänge am Bahnhof, die eine gute halbe Stunde gedauert haben, während die Agenee Havas von „wenigen Minuten" spricht. Geleugnet wird, daß Militärpersonen unter den Zuschauern gewesen seien. Daß die Exzesse einer sehr ernsten Charakter hatten, gibt der französische Bericht unumwunden zu. Aber mit wahrer Vir­tuosität bemüht sich der Bericht, den schmählich- sten Punkt, die tatsächliche Mißhand lunß der friedlichen Gäste, zu verdecken. Die säumigen Beamten wollen davon nichts gesehen haben, Neben- bei kommt fteilich zu Tage, daß einem Deutschen im Handgemenge der Hut abgeschlagen ist und daß ein Bahnbeamter einem Franzosen in den Arm fal­len mußte, der über einen ruhig dasitzenden Deut­schen erhoben war. Schon das läßt tief blicken.

Am schlagendsten widerlegt wird die Geschichts- fälfchung der französischen Regierung durch eine Schilderung der angegriffenen Deutschen Teichmann und Heyne, die jetzt im „B. T." veröffentlicht wird. Da heißt es u. a.:

.In den Wartesaal des französischen Bahnhofes stürzte eine Volksmenge, bie sich vor uns aufpflanzte unb uns mit höhnischen Zurufen begrüßte. Einige bei „Herren" schien sich in gewaltsamer Weise zwischen uns mit dem Rufe: „Platz für Frankreich!" Wir stan- ben auf unb wandten uns an einen Bahnbeamten mit ber Ditte um polizeilichen Schutz. Die Menge um­ringte uns sofort unb rief: „Hier gibt es keine Po- lizei wie in Deutschland, wir finb hier im freien Frank­reich, grüßen Sie das französische Militär!" Bei die­sen Worten wurde Herrn Teichmann ber Hut vom Kopfe geschlagen unb mit ben Füßen zertrampelt. Eine größere Schar folgte uns in den Bahnwagen. Wir wurden nun gegen die Wand gedrückt, auf die Bank geschmissen, ins Gesicht gespuckt, gestoßen, geschlagen, getreten, der Schirm dcS Herrn Teichmann wurde zer­brochen, der Hut des Herrn Heyne wurde auch hier unter den Rufen: „Grützen Sw das französische Mi­litär!" verschiedentlich vom Kopf geschlagen. Erst kurz, vielleicht eine Minute vor Abgang des Zuges, erschien der Stationsvorsteher wieder und forderte unsere An­greifer in sehr legerer Weise, die ungefähr bedeutete: „Nun hören Sie mal auf. Sie haben jetzt Spatz genug gehabt!" auf, den Wagen zu verlassen. So unb nicht anders haben sich die Vorgänge abgespielt, was wir eventuell eidesstattlich versichern können."

Der Bericht dieser beiden Kronzeugen bestätigt jede Einzelheit, die biher durch die Presse bekannt ge- worden rst. Tas deutsche Zeugnis behält seine Be­deutung, einerseits für die Feststellung des Tatbe- standes, der nicht aus einseitige Angabe der beteilig­ten französischen Beamten beschränkt werden darf, andererseits für die Frage des Schadenersatzes. Die deutsche Regierung scheint damit zu rechnen, daß die Geschädigten Ansprüche geltend machen. In einer halbamtlichen Kundgebung ber „Nordd Allg. Ztg." wird ausdrücklich ein Vorbehalt wegen dieser An­sprüche ausgesprochen. Dagegen wird das poli­tische Suhnevewahren bereits als erledigt betrachtet, und zwo- erledigt „in befriedigender We"->" wie das ha..amtliche Blatt sagt. Unser