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Nr. 90

€rftes Blatt.

Samstag den 19. April 1913.

40. Zahrgang.

fort.

des

litärelatS Gesetz werden wird. Dieser Grsetzentwuns üanil chrn Äustlchlsbehörden sei von Jahr tu Jahr eis Enthält Bestimmungen, die manchem Hzrrn die Heraus e, e|ch tritt morsm. vor allem gegenüber größer«? gab

Die gesetzt.

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 18. April 1913.

zweite Beratung befl Militäretats wird

Preußischer Landtag.

Abgeordneten dass.

Sitzung vom 18 April 1913.

Di» dritte Gtati&eranmg wird beim „Etat

schenswerl, soweit die? im Verwaltungswege möglich fei, sei es seinerseits durch mehrfache Verfügungen geschehen. Die allgemeine Aufsicht über die Kommunen seitens der Uanti chrn Aufsichtsbehörden sei von Jahr tu Jahr ein» efch ä’ift ®nrt:x vor allem gegenüber größeren gab

Peramentvollen Leute? Wenn Ihr alter Führer Bebel Unteroffizier geworden wäre, na ich danke! , Große Heiterkeit.) Aber bei den K o n t r o l l v e r f a m m . langen mutz jede Schikane vermieden wer­den. Ich hoffe, datz wir in späteren Jahren solche Kla­gen nie mehr zu äutzern brauchen, wie sie jetzt in der Budgetkommission vorgebracht worden sind. Herr Stück- len hat unsere Haltung in der Duell frage bemän- gelt. Das ist mir unverständlich. Herr Aba. Grober hat einen Gesetzentwurf ausgenrbcitet, von ^dem luir erwarten, datz er noch vor der dr'iten Lesung des Mi-

Inn ern" fortgesetzt.

Abg. Dr. Schiffer-Magdeburg (ntl.) wendet sich gegen den Sta» bpuntt des Ministers v. Dallwitz in der W a h l« rechissrage. Der Staat sollte auch den Gemeinden größere Freiheit gewähren. Die Zahl der Polizetverord- nungen sei Legion und di» Staatsverwaltung heul» be­drückend und hemmend für das Volk.

ä> inister v. Dallwitz hält selbst «hte Verminderung und Einschränkung der Po izeioerordnungen für wün»

Abg. Dr. Götting (natl.) fordert für die alten Hauptleute, die um die Majorsecke nicht herum- g' mimen sind, bessere Pensionsbedingungen. Es rsche ein Mangel an Sanitätsoffizieren, der auf zurückzuführen sei, datz die Sanitätsoffiziere noch immer nicht als gleichberechtigt mit den übrigen Offizieren betrachtet würden.

Abg. Sperlich <Z.) will bezüglich der Wünsche des Vorredners abwarten, bis die Reichsregierung mit ent- sprechenden Vorschlägen herantrete, um dann darüber zu entscheiden. Redner geht des weiteren auf den Fall Knittel ein. Er kenne den Hauptmann Sammler als einen Mann, der bis zu seinem Unfall durchaus gesund gewesen sei und halte das günstige Urteil seines Obersten für berechtigt. Später seien dann freilich körperliche und geistige Defekte bei ihm eingetreten. Bei der Erledigung habe Knittel sich durch, aus korrekt benommen, es hätte nichts im Wege gestan. den, ihn nachträglich wieder in die Reserve zurückzu- versetzen. In diesem Falle sei der vom Kriegsminister eingenommene Standpunkt, die Politik vom Offiziers- korps fernzuhalten, nicht innegehalten worden. Er er. sucht den Kriegsminister, zu der früheren Praxis zu. rückzukehren und den ersten Anfängen bei Politisierens im Heere energisch entgegenzutreten.

Abg. Stückten (Soz.) kritisiert das System der ber- schiedenartigen Zulagen an Offiziere und die Verwen- düng von Soldaten für andere als rein-militärische Zwecke, und polemisiert dann gegen einzelne Aeutzerun. gen der gestrigen Rede des Kriegsministers, erörtert die Frage des Offizierersatzes, die Adjutantenfrage, die Stellung der Kriegervereine zum Kriegsministerium, die Soldatenmißhandlungen usw. Die Politik soll in den Kasernen verpönt sein. Auf der Tagung des Bundes der Landwirte sind sogar Offiziere in Uniform zugegen gewesen. Wenn die Offiziere sich pensionieren lassen, sollte eine strenge körperliche Untersuchung stattfinden. W" )at der Gouverneur von Stratzburg plötzlich seine Krankheit her, um pensioniert zu werden? Diese Pension-erung ist sicherlich auf nichts weiter als auf die Straßburger Köpenickiade zurückzuführen. Aufs schärfste protestieren wir gegen die Verwendung des Militärs bei Streiks. Da werden die Soldaten zur Unterdrückung des arbeitenden Volkes herangezogen. Mit der Ver­weisung der D u e l l f r a g e an eine Kommission spielt das Zentrum nur die Komödie, weil es ihm gar nicht ernst um die Sache ist. Wir lehnen den Militäretat ab, nicht weil wir das Vaterland wehrlos machen wol- , len, sondern weil wir wissen, daß es von den herrschen- ,den Klassen nur als Werkzeug benutzt wird zur Nie­derhaltung des Volkes. (Beif. b. d. Soz.)

Kriegsminister v. Heeringen: Wenn die Armee ein» mal verwendet werden sollte, um innere Unruhen zu unterdrücken, so wäre das eine Aufgabe, bei ber Lor­beeren nicht zu holen sind. Das Heer soll sich aber als Rückgrat bei Staates erweisen, lieber die Achsel werden die Militärärzte nicht angesehen. Auf Pensio­nierung haben Offiziere und Beamte ein Anrecht. Wenn dies feststeht, darf auch die Pensionierung nicht ber« weigert werden. Der Alarm von Straßburg hat gewiß seine komische Seite, aber der Gouverneur von Stra^ bürg hat keine Schuld daran. Er ist lediglich auf ein Versehen eines jüngeren Offiziers zurückzuführen. An eine ernste Prüfung des Rybniker Falles werde ich her- antreten, sobald das aktenmäßige Material vorliegt. Streikarbeiten leistet das Heer nicht. Wo bei Arbeiter- bewegungen das Heer einschritt, geschah es zum Schutze und auf Wunsch des Publikums. Die KriegervereinS. bestrebungen verlangen unser Wohlwollen. Sie pflegen die Treue zu Kaiser und Reich und wehren den sozial- demokratischen Bestrebungen. Deshalb habe ich ein Recht, die Sozialdemokratie zu bekämpfen, die sich offen zur Republik bekennt. (Bravo! rechts. Gr. Unruhe bei den Soz.) Jeder Offizier ist sich bewußt, daß er heutzutage in einer Schlacht nicht durchkommen kann, wenn er nicht die Anhänglichkeit seines Soldaten be- fitzt. (Lebh. Beifall rechts. Zischen links.)

Abg. Hoppe (natl.) bringt eine Reihe von Einzel- wünschen betr. UrlaubSerteilung an die Mannschaften usw. vor.

Abg. Erzberger (Z.): Die Sozialdemokratie über­treibt in ihren Schilderungen über Soldatenmißhand­lungen. Man bedenke, daß die Kaserne kein Salon ist, ufib die Mannschaften dort nicht mit Schokolade ge­füttert werden. Datz auch die Strapazen zuweilen große sind, ist nicht vom Uebel, solange sie die Kräfte der Mannschaften nicht übersteigen. Abhärtung unb Energie finb gerade in unserer heutigen Zeit ber all­gemeinen Verweichlichung mehr wie je am Platze. (Se­gen bie Solbatenschindereien allerdings werden wir uns wenden, solange solche Fälle Vorkommen. ES geht auch nicht an, jeden Mann, der sich krank meldet, sofort als Simulanten zu betrachten und zu behandeln. In Ulm ist ein innerlich erkrankter Soldat so schl chi behandelt worden, daß er schlietzlich starb. Solche Fälle müssen unbedingt vermieden werden. Datz wir Mangel an Sa. nitcitSoffizieren haben, liegt daran, datz bie Herren nicht als gleickberechtigt angesehen werben. Dabei haben wir im Reiche so viele Aerzte, datz man von einer wahren Ueberfüllung des LerzteberufeS und von einem Aerzte. Proletariat sprechen kann. Gibt es doch in Charlotten, bürg nicht weniger als fünf Aerzte, die Armenunter­stützung beziehen. Es wäre vielleicht seinerzeit besser gewesen, wenn man die Militärärzte in das Beamten. Verhältnis Übergeführt hätte. Heber bie Behand­lung der Reservisten bei

Kontrollve rsammlungeu wird viel geklagt. Ich bitte den Herrn KricgSminister, dafür sorgen zu wollen, datz die Reservisten, die sich zum großen Teil auS Familienvätern zusamm-nsetzen, an ständig behandelt und nicht wegen jeder Lap­palie eingefperrt werden. Allzu schneidige BezirkSoffi- ziere sind als untauglich von ihren Posten abzu- berufen. Man braucht nicht jeden Fall von Mitzhand- lung in ber Armee aufzubauschen. Bei ber Sozialdemo, kraiie wird es auch nicht ohne Soldatenmihhandlungen abgehen. (Oho! bei den Soz.) Haben Sie keine tem.

forbenmg zum Duell gründlich verleiden werben. Die Sozialdemokraten haben unbrauchbare Vorschläge ge. macht, bie auf eine Begünstigung des Duells hinaus- laufen. Sie wollen alle Bestimmungen des Strafgesetz. bucheS über bas Duell zunächst aufheben. DaS hatte gerade bie entgegengesetzte Wirkung ais wir deabsich. tigten. Ich hoffe, baß in ber Kommission eine Verstän­digung auf bem Boden unseres Antrages erzielt wer. den kann. Wie fordern Sparsamkeit, aber es ist unendlich schwer, in ber Kommission tatsächlich Spar, famleit durchzuführen. Die Sozialdemokraten machen uns den Vorwurf, baß wir nicht genug Sparsamkeit for- berten. Nun, bisher sind alle Anträge auf Sparsamkeit vom Zentrum ausgegangen. Wo sind denn bie so- zialdemokratischen Sparsamkeitsvorschläge? Freilich kann man nur im Kleinen sparen, und ich I-abe noch keinen gesehen, der es fertig gebracht hatte, gerade beim Militäretat im Großen zu sparen. Wir "bitten den Herrn Reichskanzler, angesichts ber gewaltigen Lasten, bie bem deutschen Volke auferlegt werben, bei ben Bun. besfürsten dahin zu wirken, batz fie im Interesse ber Sparsamkeit auf ihre Adjutanten verzichten. DaS wird im Volke einen ungemein günstigen Eindruck machen. (Beifall im Zentrum.)

Der Württembergische Militärbevollmächtigte erklärt bezüglich des Ulmer Falls, daß die Militärverwaltung ein berechtigter Vorwurf nicht treffe, daß aber dafür gesorgt fei, in Zukunft ähnliche Vorfälle zu verhüten.

Abg. HShnle (Vp.) fordert jährlich nur eine Kon- trollvcrsammlung unb bie Zulassung ber Juden als Reserveoffiziere.

Kriegsminister v. Heeringen erklärt bezüglich der Pensionierungsfrage, batz bei jeder Verabschiedung eines Offiziers seine Pensionsberechtigung genau geprüft werbe.

Abg. Brandys (Pole) verlangt Gleichberechtigimg ber Polen mit anberen Staatsbürgern, da es in ben Ostmarken nicht nur Beamten, sondern sogar Mitglie­dern von Kriegervereinen verboten sei, einem Polen ihre Stimme zu geben.

Abg. Hegenscheid (Rp.) bemängelt die eingetretene Swckung in ber Zivilversorgung der Militäraniväoter.

Abg. Dr. Haegy (Elsässer) kritisiert bas Verhalten des Diebenhofener Bezirksoffiziers gegenüber den zu 6 Monaten Festung bestraften Kaplänen. Die vier Ka- Pläne haben ihre vier 5D o’•- rf-r '-ss-n, der

Hauptmann aber schnauzt weiter unb triumphiert viel- leicht.

Kriegsminister v. Heeringen: Das Verhalten bcS Be- zirksvffiziers in Diedenhofen ist zur Würbigung eines Gerichts gebracht worben; ein birektes straftrechtliches Vergehen konnte nicht feftgeftefft werben.

Aog. Dr. Liedtnechr «so-.- vevauptrt. deutsche Waffen, und Munitionsfabriken hätten in französischen Zeitungen alarmierende Artikel zu kanzieren aeiucht. um das deutsche Volk zu weiteren Rüstungen zu veranlassen. Die Firma Krupp in Essen unterhielt in Berlin bis vor wenigen Wochen einen Agenten namens Frank, e.nen früheren Feuerwerker, der den Auf­trag hatte. Die Kanzleibeamten der Heeres- und Marine- Verwaltung zu bestechen, um gehet« e SchristNücke ju erhalten, deren Inhalt die Firma interelfierte. Sie wollt» so in den Besitz militärischer Geheimniffe gelangen und der Konkurrenz uworkommen. Dieser Zustand "be­stand seit Jahren. Bet einem Herrn v. Dewitz, einem hohen Beamten der Krupp'ichen Werke, liegen oder lagen diese Geheimberichte deutlicher Behörden. Ich habe nicht eher geiprochen, weil zu befürchten war, daß die.firma, dank ihrer grotzen Mtteln, unbequeme Aktenstücke hätte verschwinden lassen. Der Kriegsminister hat in der An­gelegenheit feine Schuldigkeit getan und eingegriffen, nicht nut gegen Milstärpersonen, sondern auch gegen Zivilpersonen. Gegen 6 oder 7 Perionen, deren Namen ich setzt nicht preisgeben will, schwebt d<e Vorunter­suchung, wenn sie nicht schon abgeschlossen tfi. Es sind darunter hochgestellte Leute. So ist kern Vorwurf gegen Die Militärverwaltung zu erheben. Gan, ähnlich Ingen die Dinge in Dillingen Und das Sp achroht bniet Werke ist die,Vost'. Nun werden auch alle bie sen- mtioneU aufgeputzteii Artikel verständlich, welche d>» ,Post' in den letzten Monaten gebracht bat, jene Artikel, Die auf eine Ver chlechterung Der Beziehungen der ein« jeinen Nationen hmaustauien und nut auf Rationen» und Munstionslieserrrng berechnet sind. Dl» .Post' rote auch di» ,Rhein.-Westf. Ztg.' münzen bte Zwietracht der Völker zu Geld aus. Die Militärverwaltung darf mit Den erwähnten Firmen keinerlei Beziehungen mehr unter­halten.

Der Kriegsmnristet bezeichnet es als übertrieben, zu behaupten, datz Die Waffen« und Munitionsfabriken und die Firma Krupp in die europäischen Geschicke einzu- gteifen versuchten. (Ledebour ruft: Faul» Flausen! und wird vom Präsidenten zur Ordnung gerufen) Der Minister betont die Wichtigkeit der Prioatindustrie für die Betchaffung des nötigen Waffen- und MunUionS. Materials im KriegssaU» und bezeichnet eS als erklärlich, daß die Fabriken sich auch tm Ausland» um Aufträge bemühten. Dann weist bet Minister neuerlich bie Be­hauptung zurück, er habe schon im November vorigen Jahres bie Wehrvorlage fettig gehabt, sie aber jetzt erst her ausgegeben. In der vom Vorredner eorgebiacbten Angelegenheit bet angeblichen Bestechung von Be­amten duich Krupp seren die Ermittelungen noch nicht abgeschlossen und man könne jebenlaQ* sagen, daß ein Verrat militärischer Geheimniffe auf keinen Fall in Frage komme. Man dürfe nicht außer Acht lassen, was Deutschland- Heer und Marin» der Ftrma Krupp verdankten.

Abg. Ganz Edler ,« PuttNtz: Wenn die Sachen sich tatsächlich so vergelten, so seien sie auf- schärfste zu verurteilen, und die betreffenden Firmen müßten dann alles tun, um solche Beamten von sich abzuschütteln.

ES wird Vertagung beantragt. — Samstag: Weiter­beratung.

leiftungSfähigeren Kommune». Der Vorredner scheine mißverständlicher Weise angenommen zu haben, daß ich mich gegen jede Wahlrechtsreform ausgesprochen hätte Noch im vorigen Jahre habe ich erklärt: Nachdem bie Wahlrechlsvorlage an dem Widerstreit der Meinung ge­scheitert fei, müsse die Regierung für sich das Recht m Anspruch nehmen, nach pflichtmäßigem eigenem Ermessen darüber zu befinden, wann ihr der Zeitpunkt für bie Wiederaufnahme Der Wahlrechtsreform gekommen fein wird.

Abg. Frhr. v. Gamp (frk) meint, da der Staat in der Belastung Der Ko stimmten zu weit gebe, tue eine Ab­änderung des KommunalsteuergesetzeS dringend not, ebenso die Vereimachung des Verwaltungsapparates.

Abg. Dr. Pachnicke (Vp.) beklagt sich über ben Ein­fluß der preußischen Landräte bei den Wahlen zn Gunsten der konservativen Partei und fordert das Reichs- tagswahlrecht für Preußen.

Abg. Miezerski (Pole): In Polen wirb die Statistik gefälscht. Man rechnet in den Städten des Ostens die Garnison mit, um zu zeigen, daß Die Polen nicht 60% Der Bevölkerung ausmachen. Briefschaften bleiben unbe­stellt. In Posen ist sogar die Versammlung eines land­wirtschaftlichen Vereins aufgelöst worden.

Minister v. Dallwitz: Die Briefschaften gehören nicht zu meinem Ressort. Mit dem Posener Fall be­schäftigt sich zurzeit das Oberverwaltungsgericht.

Abg. Dr. Liebknecht iSoz.): Der pommer'sche Bau­herrenverband ist eine gemeingefährliche Unternehmer­organisation, die in unerhörter Weise gegen das Or- gamsationsrecht der Bauarbeiter Stellung nimmt. Das läßt man ruhig geschehen, während man sich über das Benehmen einiger Betrunkener inNancy aufregt. Für preußische Wahlresorm haben bie Konservativen fern Interesse. Dagegen können sie nicht früh genug die Wehroorlagen, von denen sie Vorteile haben, unter Dach und Fach bringen. (Pfuirufe rechts.) Solange der Minister das Sprtzeltum in Preußen duldet, muß er sich gefallen lasten, daß wir ihm bteielbe Hochachtung entgegenbringen wie den Spitzeln, iVizepräsident Dr. Kraus» ruft Den SHeonet zur Ordnung > Zu den Bedingungen, unter denen seinerzeit Herr Birkner da« bitten abgab, gehörte auch, daß er ins Herrenhaus be­rufen wurde. Daraus läßt sich ersehen, daß etn Sitz im Herrenhaus» erlauft werden kann. (Widerspruch rechts. Präsident Gral v. Schwerin ruft den Redner zur Ordnung.) Dr. L eblnecht wendet sich zum Minister, Der nicht anwesend ist. (Lachen recht«.) Ihr Lackten macht den Eindruck einer Ki i betäube.

DaS Haus beschließt gegen bie Stimmen der Sozial­demokraten unb einiger Freisinnigen die Wortent­ziehung. (Beifall rechts.)

Abg. Dr. Liebknecht versucht weiterzusprechen. Seine Worte gehen jedoch in den stürmischen Stufen: Ruhe! Unerhört! verloren.

Abg. Riffen (Däne) beschwert fich über die Dänen­politik.

Abg. b. Kardorff (ff.) gibt seiner Genugtuung AuS. druck, daß dem Abg. Liebknecht mit Ueberemftimmung von allen bürgerlichen Parteien daS Wort entzogen wor­den ist. Er nimmt die Regierung gegenüber dem Abg. v. Schiffer in Schutz, dessen Rede nur Unzufriedenheit unb Mißtrauen erregen könne.

Abg. Dr. Friedberg (natl.) wendet sich gegen die un­freundlichen beinahe gehässigen Ausführungen der Frei» konservatiben, durch die heute keine Rede mehr davon fein könne, daß in der Wahlrechtsreform irgendwelche längere Beziehungen zwischen ihnen sei. Er fordert daS direkte geheime Wahlrecht und eine andersgeartete Ab­stufung.

Durch Schlußantrag wird die Debatte beendet und da. durch mit die 8. Etatsberatung.

Der Etat des Innern wird bewilligt, ebenso debatte- los die Etats des Herrenhauses und oeS Abgeordnete«. Hauses.

Der Gesetzentwurf über die Aenderung der Landes- grenze gegen das Herzogtum Anhalt wird in erster und zweiter Beratung ohne Debatte erledigt. Die Entwürfe eines RuhrreinigungSgesetzeS, eines Ruhv- talsperrengesetzes unb eines Sefeke. Gesetzes, (bie Seseke ist ein Nebenfluß der Lippe) werden ohne Debatte an die Kommission verwiesen, ebenso der Gesetz- enttourf über bie Bereitstellung weiterer Mittel für bie Regelung der Hochwasser», Deich- und Hoch» flutverhältnisse an der oberen und mittleren Oder.

Nach Erledigung einer Reihe von Petitionen vertagt sich das HauS auf SamStag: Elektrifizierung der Ber­liner Stcwt- und Ringbahn.

Wehrvorlagen und Detturrgszr ^;<n.

Zu diesen demnächst den Reichstag beschäftigenden Fragen wird uns aus Berlin geschrieben:

.Die Suppe wird nicht so heiß gegessen, wie sie gekocht wird.* Wenn es gewtffen Hetßfpornen nach­ginge, müßten die Regierungsvorlagen unbesehen mit Hurra angenommen werden. DaS wird aber nicht geschehen, es wirb nicht nur alles gehörig geprüft und überlegt werden, sondern eS werden auch den neuen Lasten gegenüber Erleichterungen und Be- feitigung von Mißständen verlangt und durch- gesetzt werden.

Da» gilt insbesondere in Bezug auf die Behand­lung, di» Löhnung und Beköstigung der Mannschaften, aber auch in Bezug auf die Rege­lung bei Urlaubs unb die Unentgeltlichkeit der Reisen in die Heimat.

Die von der Regierung vorgeschlagenen Steuern, auch die einmalige außerordentlich« Abgabe, werden in der vorgelegten For» als unannehmbar zurückgewiesen werden.

Rach der Regierungsvorlage sollte ein jeder, der einen Befitz von 10000 Mark nach Ab­zug der Schulden sein eigen nennt, auch wenn er sonst gar keine (Jini ahmen hat, unb wenn dieser Besitz auch nur in teilweise verschuldeten Gebäuden, Aeckcrn und Wiesen, Inventar, Vieh und HanDwerks- geräien besteht, zur einmaligen Steuer herangezogen werden, also nahezu jeder Handwerker, Hüttner und Kleinbauer, ja selbst mancher Arbeiter. Dagegen sollten Leute mit dem hohen Einkommen von 20, 80 und 40000 Mark, wenn st» nur immer schön alles verbrauchten und nicht« sparten, von der Steuer befreit bleiben. Rian dar, schon jetzt stcher sein, daß diese famosen Projekte nicht angenommen werden, sondern daß man auch die großen Einlommen entsprechend be­steuern, dagegen den kleineren und mittleren Besitz der Bauern und Gewerbetreibenden mit dar Steuer verschonen, den größeren nur etwa in halber Höhe der Vorlage heranziehe« wird. WaS dann noch fehlt.

wird auf bte ganz großen Vermögen zugeschlagen, sodaß diese dis »um Doppelten der Reglerungsvoriage besteuert werden, — auch die Fürsten.

Dagegen wird sich natürlich ein großer Wider­spruch erheben, allein dieser wird nicht viel heften. Wer einen ganz großen Besitz hat, kann auch ent« sprechend zur Leistung herangezogen werden; das ist nicht mehr als recht unö billig, der Mittelstand >st ohnehin schon genug belastet, ganz besonders durch die Gemeindesteuern.

Der Reichstag roito nun vor Pfingsten die Wehr« und Steuervoilagen überhaupt nicht mehr beraten, sondern am 30. April sein» Sitzungen nach Erledigung des Etats schließen. Am 19. Mai w rd die Budget- komm ffton zusammentreten, um dir neuen Vorlagen zu beraten, der Reichstag selbst tritt erst am 26. Mai wieder zusammen. Wann die Wehr, und Deckungs« Vorlagen dann fertig werden, kann heute noch niemand Voraussagen, vielleicht im Jult, vielleicht noch später!

L Unsere Diplomatie.

Den deutschen Diplomaten in ben entferntesten Ländern müßten in diesen Tagen sehr die Ohren ge­klungen haben, so viel, und so wenig Liebenswürdiges ist über sie tm Plenum des Reichstags und in der Budgetkommission gesprochen worden. Mit Recht är­gern aber könnten sie sich darüber, daß man ihnen vielfach zum Borwurf machte, was eigentlich der ge- samten Diplomatie vorgeworfen werden müßte, daß sie nämlich sich durch den Balkankrieg haben über- raschen lasten und während desselben sich gründlich blamiert haben.

Es wird eine vollständige Reform des diploma­tischen Dienstes verlangt. Die diplomatische Lauf­bahn solle nicht mehr der Aristokratie und der Pluto- kratie Vorbehalten sein. Sie soll den Tüchtigen, den Tüchtigsten offenstehen. Leider ist nun diese Forde- rung mehr berechtigt als erfüllbar. Die Tüchtigkeit zum diplomatischen Dienst läßt sich weniger als die zu fast jedem anderen Beruf durch Examina ergrün­den. Kenntnisse allein, die man allenfalls feststellen könnte, so wünschenswert sie wie überall, so auch in der Diplomatie sein mögen, tun es nicht. Selbst Fleiß und Ausdauer nützen nicht sehr viel. Ein Diplomat muß vor allem weltkundig und getoanbt sein, muß repräsentieren können, muß ein guter Menschenkenner unb noch vieles andere sein, was sich durch Erfahrung nur selten in hohem Maße erweis ben läßt, während man durch Erfahrung dazu kom­men kann, zu wissen, ob jemand sich überhaupt unb wo als Diplomat verwenben läßt.

Man kann sehr tüchtig sein unb alles das nicht haben, sich auch nicht nachträglich eine gute Erziehung aneignen. Eher kann ber Diplomat aus manches Wissenswerte verzichten, als auf bie feine Erziehung, auf feine Umgangsformen unb bergt, mehr. Auch Reichtum gehört Leiber gerabe zu btefem Dienste, wie zu keinem andern. Und wie der Staatssekretär v. Ja- gow bemerkte, müßten ganz enorm hohe unb mit ben Gehältern ber anbern Beamten nicht ht Einklang stehende Gehälter bewilligt werden, um ein großes Privatvermögen ersetzen zu können.

Das Nebel bei uns ist, daß man in den maßgeben­den Streifen zu glauben scheint, noch jetzt tote vor einem Jahrhundert fehle es unseren Industriellen, Kaufleuten, Gelehrten an bem, was bis vor einer nicht zu fernen Zeit in ber Tat fast ausschließlich in ben aristokratischen Familien zu finden war. Was ben Reichtum anbetrifft, hat das Bürgertum vielfach bie hohe unb höchste Aristokratie nicht nur erreicht, fonbern sehr weit übertroffen. Mangelndes Privat- üermögen ist heute kein Grund für die Nichtberück­sichtigung gut bürgerlicher Familien bei der Ergän- zung des diplomatifchen Korps. Die bürgerlichen amerikanischen und französischen Diplomaten haben sich nicht übel bewährt, obgleich die amerikanischen sogar sehr ost aus der Gelehrtenwelt genommen finb. Auch England verwendet ost Gelehrte für den diplo- matischen Dienst.

Wahrscheinlich tft der Grund des Vorurteils un­serer maßgebenden Kreise darin zu suchen, daß sie sich bei uns in ber Regel von ben bürgerlichen Kreisen fern halten unb barum biefe nicht genügenb kennen. Herrschten bei uns nicht noch so sehr Kastengeist und Klassenvorurteile und Abson­derung, dann würden die Söhne unserer wohlhaben­den bürgerlichen Familien auch noch mehr G e» wandtheit, Selbstvertrauen unb siche- re« Auftreten sich aneignen. Hier müßte man einsetzen, damit wir eine größere Auswahl nicht nur kenntnisreicher und tüchtiger, sondern auch an Höfen unb aus Schlössern sich heimisch fühlenber unb darum für ben biplomatischen Dienst besser noch ver- wenbbarer Männer haben als jetzt, wo man sich fast ausschließl'ch auf bie nicht immer tüchtigen, nicht immer burch Wissen hervorragenden Söhne ber Ari­stokratie angewiesen glaubt.

In sehr vielen praktischen Fragen würden geeig­nete Söhne aus erwerbstätigen Familien weit b e s- s e r sich für bie Wahrnehmung Deutscher wirtschaft- kicher wie politischer Interessen eignen, als bie zwar auf bem Parkett der Salons heimifchen, im fiebrigen aber Welt- unb gefchästssremben hochgeborenen n-.-en Herren,

--- Intoleranz in Jen .

Im Großherzogtum Sachsen-Weimar richten sich bte öffentlichen Volksschulen nach ber Mehrheit der Konfession in den einzelnen Bezirken. Tort, wo die Katholiken in ber Minderheit finb, b. h. in allen LandeSteilen mit Ausnahme bes ehemals Fuldaifchen Dekanats Geisa, unterhalten sie Privatschulen, zu welchen sie einen kleinen staatlichen Zuschuß er­halten. Die Gemeinden dagegen weigern sich, et- welchen Zuschuß zu gewähren, trotzdem sie bedeutende Summen durch das Vorhandenfem der katholischen Privatfchulen Karen.