Fuldaer Leitung
M 90.
Zamslag 19. April 1915.
5. Blatt.
btt ähilbett Betteabnietrel k» Silbe.
Unpolitische Seitläuse-
». Berlin, 17. April 1913.
(Nachdruck nicht gestattet.)
Äamt denn ein Deutscher noch nach Frank. r.ei ch reisen? — Warum denn nicht? Wenn ich An. laß. Zeit und Geld dazu hätte, würde ich ganz gern noch einmal unfern Nachbar im Westen besuchen und mich auch vor Nancy nicht scheuen — trotz dem Hätz» kichen Zwischenfall. Bange machen gilt nicht.
Allerdings würde ich bei einer solchen Geschäfts, oder Bummelfahn mich fernhatten von Tingeltangeln oder sonstigen Lokalen, wo sog. ^ratriottsche* Vorführungen stattfinden. Erstens weil es wirklich nicht notwendig ist, wgen solchen minderwertigen Zett, vertreibes in die Fremde zu fahren, und zweitens weil es nicht klug ist, sich als Deutscher in eine Gesellschaft zu begeben, in der feindselige Stimmungen erregt werden. Wo man nicht hineinpatzt, da bleibt man fort. So geht ja auch hier zu Lande kein staatstreuer Bürger zum Zeiwertreib auf ein sozialdemokratisches Parieifest und kern Katholtt in eine Hetzversammlung des Evangelischen Bundes. Er würde ja nur ver- drietzliches zu sehen und zu hören bekommen; besinn könnte er doch nichts, aber es wäre Wohl möglich, daß seine Anwesenheit noch zur Verschlimmerung der Dinge führte.
Wenn man in solide Lokale geht und sich ruhig verhält, so ist die Gefahr der Anrempelung doch sehr gering. Möglich ist freilich immer ein unangenehmer Zwischenfall. Wenn ich einen harmlosen Spaziergang über Land mache, so kann das Unglück wollen, daß ich aus einen wütenden Stier oder einen bissigen Hund stoße. Es kommt aber auf den Grad der 'Wahrscheinlichkeit an. Tritt eine solche Gefahr nur in seltenen Ausnahmefällen ein, so lasse ich mich dadurch in meinem Gang nicht beirren.
Unsere Landsleute, die in Nancy angefallen wum den, haben Pech gehabt. In hem Tingeltangel, den sie unvorsichtigerweise am Sonntagabend besuchten, sttetzen sie auf einige französische Studenten, deren Jugendtriebe nicht durch das patriotische" Stück, sondern auch bmrii den genossenen Alkohol ange-
VocheN'Nundschau.
fif Fulda, 18. April 1913.
Die Beratungen über die Wehr, und De» ckungsvorlagen haben eine volle Woche beansprucht. Die Durchdringung der Wehrvorlage ist heute schon sichergestellt, an den Deckungsvorlagen der Regierung wird aber vielfach »och die bessernde Hand gelegt werden, denn alle Parteien übten daran eine zum Test recht herbe Kritik. Am ehesten wird sich eine Einigung über den einmaligen Wehrbeitrag erzielen lassen, doch wich die Art seiner Erhebung der Leistungsfähigkeit der Beitragspflichttgen mehr angcfatzt werden. Der Steuerfuß soll gestaffelt, die kleinen Vermögen geschont und Einkommen auch unter 50 000 Mark herangezogen werden. Ueber die Deckung der dauernden Ausgaben gingen die Mei- «ungen der Parteirchner weit auseinander; die Kommission wird hier erst Klärung schaffen müssen. *— Nach Beendigung der ersten Lesung der Wehr- und Deckungsvorlagen kam im Reichstag der Etat des auswärttgen Amts an die Reche, den zum ersten Male der neue Staatssekretär v. Jagow zu vertreten hatte. Nach den vorausgegangenen Reden über die Notwendigkeit Der deutschen Wehrverstärkung, die ja hauptsächlich in der Veränderung der internationalen Lage begründet sst, fanden die Etatsverhandlungen lange nicht mehr das Interesse, das ihnen sonst gesollt zu werden pflegt; sie bewegten sich fast durchweg in der Richtung der durch den Balkankrieg sich er. gebenden Blogttchketten und Notwendigketten.
Die Welfenfrage scheint nunmehr auch end» ttch zum Abschluß gelangen zu wollen. Die Begeg- »ung des Kaisers mit dem Herzog von Cumberland in Homburg vor der Höhe und die Aussprache, die der Herzog mit dem Reichskanzler gehabt hat, bedeu- ten zweifellos die tatsächliche Beilegung des langen Zwistes zwischen den beiden Königshäusern, wenn auch auf eine förmliche Verzichtleistung des Welfen Herzogs sicherlich Abstand genommen totrb. Dem Prinzen Ernst August wird der Zugang zum Braun- schweizer Thron nunmehr offen sichen und vielleicht wird die Aussöhnung zwischen den Häusern Hohen. toDent und Cumberland auch erfreuliche politische Folgen haben.
In Spanien hat man es bei dem verbreche, rischen Anschlag aus den jugendlichen König mit einem anarchistischen Anschlag nach der Schule Fer» rers zu tun. Der Verbrecher huldigt, wie er sagt, malthusianischen Theorien und erklärte, er habe den König ermorden wollen, weil dessen kinderreiche Ehe dec Bevölkerung ein böses Beispiel gebe. Der spanische Ministerpräsident hat nach einer Audienz beim König erklärt, die Regierung werde keinerlei Äus- nahmemaßregeln gegen die Anarchisten treffen, son- dern der Justtz freien Lauf lassen. Ob man die Toleranz gegen Intolerante nicht zu weit treibt, ist eine andere Frage.
In Frankreich erlebt man jetzt die alte Ge- schichte: Die Kleinen ärgern sich über die Großen. Marianne hat Migräne. Nicht etwa, daß chr der Gatte eine neue Garderobe verweigert hätte, sondern, o diese Weiber, wett der böse Nachbar im Osten, bei vierschrötige deutsche Michel sich eine neue Montur mit blitzblanken Knöpfen kaufen will und einen neuen Säbel, schöner noch und größer als der ölte. Der Neid war von jeher die hervorragendste Tugend der bewußten Inferiorität. Man ärgert sich in Frankreich, und weil man sich ärgert, schimpft man. Der Zwischenfall von Nancy ist bezeichnend für die Stim mung des französischen Volkes, ist aber bedauerlich und bedenklich durch di« Begleitumstände, unter denen er sich vollzogen hat. Nicht nur der Stratzen- mob, sondern gebildete Bürger, elegant gekleidete Damen und Herren beteiligten sich an dieser bar» dorischen Drangsalierung friedlicher Reisenden, ja man erzählt sogar, daß Offiziere der Garnison Nancy biefen empörenden Vorgängen ruhig zusahen. Gerade die Beteiligung der sogenannten gebildeten Krei. sen an diesen Pöpeleien gegen ahnungslose Deutsche beweist, wie weit die Verhetzung in Frankreich gediehen ist und wie sehr die Treibereien der Chauvinisten Bedenken erregen müssen.
In Belgien haben politische Gegensätze zwischen Sozialisten und Liberalen einerseits und Konservativen andererseits zum Generalstreik geführt. Ueber 300 000 Arbeiter — die Zahl steht nicht genau fest — haben sich der Ausstandsbewegung angeschlossen, mn durch die schweren wirtschaftlichen Folgen, die dieser Streik mit sich bringt, die Regierung zur Aenderung des bestehenden Wahlrechts zu zwingen.
Wie der Ministerpräsident erklärte, ist die Regierung nicht gewillt, nachzugeben.
Dem Balkan naht die Friedensgöttin. Der Krieg, der ein halbes Jahr lang zwischen den Türken einerseits und den Balkanstaaten anitererseits getobt hat, ist so gut wie beendet. Der einzige, der noch nicht Frieden schließen will, ist König Nikita. Auf die Note der russischen Regierung, die in deutlichster Form das Einverständnis Rußlands mit den übrigen Großmächten bekundete, daß Skutari an Albanien fallen solle, hat er in seinem „Reichsanzeiger" einen großen Protest losgelassen, auf dessen Wir- kungslosigkeit nicht erst hingewiesen zu werden braucht. Gewiß König Nikita ist gegenüber seinem Volke in einer üblen Lage. Den vielen Opfern, die dieses gebracht hat, wird die Siegesbeute kaum entsprechen, und bte Dynastie Petrowitsch erfreut sich geeade keiner allzugroßen Beliebtheit. So liegt der Zähigkeit, mit der Montenegros König auf den Besitz Skutaris besteht, wohl die Furcht vor dem Ser» lüste des Thrones zu Grunde. Daß ihm jetzt noch nack dem Abzug der Serben die Eroberung der Festung gelingen totrb, sst bei ben schwachen Mitteln, bte ihm noch zur Verfügung stehen, ausgeschlossen. — Immer beutlicher tritt unter ben Verbündeten jetzt ein Gegensatz in die Erscheinung. Bulgarien besteht darauf, daß Griechenland und Serbien von ben eroberten Gebieten nur das erhalten, was ihnen beim Abschluß des Bündnisses zugesichert toorben war. Nun sind aber die militärischen Erfolge wett größer, als man es seinerzeit erwartet hatte. Und daher machen auch Serbien und Griechenland grö- ßere Gebietsansprüche. Der Zankapfel ist vor allem Saloniki, das die Griechen haben wollen, und bann auch Monastir, auf das Serbien Anspruch erhebt. Beide Städte aber betrachtet Bulgarien als fein Eigen. Es sammelt sich somit in der Wetterecke Europas toieber eine Menge Zündstoff an, der leicht zu einem zweiten, nicht minder erbitterten Balkankriege führen kann.
Deutsches Reich.
• Du ,vergessener" Gesetzentwurf. Nattonallibe» rale und mittelparteiliche Blatter beschweren sich darüber, daß der Gesetzenwurs über Erwerb und Verlust der Reichs- und Staatsangehörigkeit noch nicht aus der Kommission des Reichstags wieder heraus- gekommen sei. Das sst gewiß bedauerlich; gerade von nationalilberaler Seite ist immer auf die Beschleunigung dieses Entwurfes gedrungen worden. Die „Deuffche Tageszeitung" weist nun auf den wirklichen Grund der Verzögerung hin, der die liberalen Kla» gen eigentlich verstummen lassen müßte. Die Berichterstattung üb-*- bie KommissionSverhanblung war nämlich bem nationallibcralen Abg. Freiherrn von Richthofen übertragen worden, dessen Bericht aber so unzulänglich war, baß bie Kommission sich entschließen mußte, chm biefen Bericht zur Umarbeitung zurückzugeben.
♦ Ein eigenartiger Stenervorschlag. Willy Lin. benftaebt, ein bekannter Rennstallbesitzer in Berlin- Wilmersborf, empfiehlt in einer von ihm an bie Blät- ter verfcmbten Flugschrift bie Besteuerung unb Kon- zessionierung von in- unb anslänbische» Rennwetten. Mit Ausnahme weniger Herren, meint Linbenstaedt, hätten unsere lettenben Stellen gar keine Ahnung, welche ungeheuren Summen burch bie Rennwetten täglich ins Auslcmb gehen. Er schätzt diese Summe auf 80 0 Millionen Mark jährlich. Da etwa 60 Prozent aller Wetten ohne Ge- winn blieben, so gingen dem deutschen Nattonalvev- mögen auf diese Weise ganz enorme Summen verloren. Als Mittel zur Unterdrückung dieser Zustände schlägt Linbenstaedt einmal die Konzessionierung der Buchmacher vor, zum anderen das Besteuern der Wetten. Nach einer Zusammenstellung Sinbenftaebts gibt es in Deutschland etwa 130 000 Geschäfte ober Gelegenheiten, ht denen Wetten vermittelt ober abgeschlossen werden. Die 6000 Buchmacher, Kommis- fionäre unb Sportbureaus haben, nach der Meinung Lindenstaebts, Tagesumsätze von 2000 bis J0 000 Mark. Das ergäbe einen Jahresumsatz in Wetten von annähernb zwei Milliarben Mark! Diese zwei Milliarben nun zu besteuern, sei, so schließt bie Flugschrift, nicht nur eine Sache der Vernunft, säubern geradezu eine Pflicht.
<? München, 17. April 1913. Seit einiger Zett wird an mehreren Münchener Volksschulen mit staatlicher Genehmigung für die Kinder von Dissidenten anstelle des Religionsunterrichtes ein k o n f e ss i o ns- loser Moralunterricht erteilt. Mit diesem
feuert waren. Diese Grünlinge haben das ganze Unheil angezettelt. Mit großer Freude kann man feststellen, daß bie herausgeforderten Deutschen sich durchaus korrekt benommen haben, wie der erste amt» liche Bericht der französischen Behörden selbst anerkennt. Es war auch ganz richtig, daß die Deuffchen sich nach den ersten Anrempelungen auS bet Singspielhalle entfernten. Als sie von ben Studenten unb deren aufgehetztem Anhang verfolgt wurden, haben sie auch bie Geduld und kluge Zurückhaltung bewahtt. Daß bie wild geworbenen Stubenten „Äantpfgenof. f«r fanbeit, erklärt sich daraus, baß sie geflissentlich bie falsche Behauptung verbreiteten, es feien deuffche Offiziere und bet eine sei ein Begleiter des »Zeppelin rv* gewesen. Infolge dieses Märchens wirkte in Nancv noch die Erregung nach, die der überraschende Besuch des „Z. TV." in Luneville bei den eifersüchtigen Franzosen hervorgerufen hatte. Wenn ein Offizier vom Zeppelin sich jetzt wieder in Nancy zeigte, so erschien den heißblütigen Leuten, die mehr Gefühl als Verstand haben, die Notlandung in Luneville als ein Eindringungsversuch. So führten der Sonntags- rousch, die Singhallenftimmung und das Lügengerede im schlimmen Zusammenwirken ein häßliches Nach spiel zu dem günstig verlaufenen Zwischenfall von Luneville herbei.
Nicht bloß die körperlichen Krankheiten, sondern auch die psychischen, die krankhaften Bewegungen im Seelenleben sind oft ansteckend. Wenn irgendwo eine auffallende Untat verübt worden ist, so löst das Bei spiel in angefressenen Gemütern leicht ben Entschluß einer gleichen oder ähnlichen Tat au5. Darum wundere ich mich auch nicht, wenn soeben aus Grenoble gemeldet wird, daß dort in einem Theater bei ei em ^patriotischen" Hetzstück deutschfeindliche Rufe ausge- stoßen sind und einige anwesende Deutsche sich zur Entfernung veranlaßt sahen. Etwas anders liegt ja die Sache bei der neuesten Studenten-Demonstration in Paris, wo man einen Professor der deutschen Sprache belästigt hat, aber nicht etwa wegen seiner Abstammung (er ist nämlich Franzos;), sondern weil er gegen die 3jährige Dienstzeit in Frankreich aufgetreten ist. Da handelt es sich also um eine innev- politische -Streitfrage, bie uns nichts angebt Wenn
Unterricht befaßte sich vor einiger Zeft in einem Ian- gerat Artikel der »Bayer. Kur.", worin mit Recht verlangt wurde, daß die Kinder chre religiös-sittliche Erziehung von einer vom Staat anerkannten Glau- bensgefellfchast erhalten sollen. Dabei unterlief folgende Wendung: „Läßt man die Jugend in dem freireligiösen Geiste Wetter unterrichten, trägt man die Verantwortung an ihrer sittlich-religiösen Ser toahrlosung." Die Herren Monisten unb Freiben» fer, die sonst in der Wahl der Mittel zur Bekämpfung ihrer politischen Gegner gar nicht so zartfühlend sind, empfanden diesen Artikel als Beleidigung und chr Wottführer Dr. Hornesser, der den konfessionslosen Moralunterricht feitet, stellte gegen den Chefredakteur Osterhuber des „Saijer. Kur." Klage, bie am 15. April vor bem Münchener Schöffengericht verhanbelt würbe. Son ben Parteien war eine Reihe von Zeugen unb Sachverständigen aufgeboten toorben urfb es kam zu interessanten Auseinanberfetzun- gen über die konfessionslose Unterrichtsmethode. Es besteht aber kein Zweifel darüber, daß berartige fragen nicht im Gertchtssaal entschieden werden können und daher ist es auch sachlich vollständig belanglos, daß die Verhandlung mit der Verurteilung des benagten Chefredakteurs _ zu 100 Mark Geldstrafe endete. Dr. Horneffer fichtte dem Gericht mehrere Zeugen vor, daß sie mit den .Kindern, welche den konfessionslosen Unterricht besuchen, feine schlechten t*- fahrungen machen. Von einer sittlichen Verwayr Icfung wollen sie nichts bemerkt haben. Es will uns scheinen, als ob diese Herren ben Attikel des Bayer. Kur. allzu wöttlich aufgefaßt haben. Unseres Erach- tens sollte in dem Attikel yicht zum Ausdruck ge- bracht werden, daß die Kinder unbedingt verwahrlosen müssen, sondern nur, daß sie durch de» frei, religiösen Unterricht nicht jenen sittlichen Halt für die Kämpfe unb Mühen des täglichen Lebens bekommen, wie er durch den christlichen Religionsunterricht erreicht totrb. Der als Sachverständige vernommene UnivesitätSprofessor Dr. Göttler bemerkte mtt Recht, daß für yroße Schwierigkeiten unb große sitt- liche Kämpfe eine religionslose Erziehung auf bie Dauer nicht standhalten wirb. Er bezog sich babei auf den bekannten Pädagoge» F. W. Förster, welcher die Mögllchkeit einer Erziehung jur Sittlichkeit direkt verneint. Aus den gleichen Standpunkt stellte sich Dom» kapiwlar Harth indem er betonte, daß bte Lehren des Monismus entsittlichend wirken müssen für Men- schenmassen. Der Monismus schicke die Kinder hinaus mit einer durchlöcherte» Moral, au» der die Hauptstützpunste des sittlichen Handeln» herauSgebro- chen sind. Deshalb könne man sagen, daß sie dem sittlichen Verderben entgegen geführt werden. Auch der bekannte Lehrer Franz Weigl äußette sich, na. mentllch vom pädagogischen Standpunst au8, durch» aus abfällig über den Hornefferschen Moralunterricht. Wir ftimmen diesen Sachverständigen - Gutachten durchaus bei und müssen es nach wie' vor für einen Fehler erklären, baß bie Regierung ben konfessionslosen Moralunterrtcht an den Münchener Solls- schulen zugelassen hat.
Ausland.
K Die Lehren ans bem Attentat auf den König von Spanien. Die Anarchisten rüste» nicht ob. Vor einigen Wochen war es der König von Griechen» land, der im Glanze seines Triumphes einem anat- chistischen Meuchelmörder erlag, am Sonntag war es der König von Spanien, der glücklicherweise bet Kugel eine» Revolutionärs entging. Es war bas britte Attentat gegen den spanische» Monarchen. Ma» sollte nun glauben, daß bie Wiederholung dieser Anschläge gewesen wäre, die Liberalen i» Spa nin etwas zum Nachdenken über chre Politik zu bringen. Man versucht nicht ungestraft, einem treu katholischen, seiner Dynastie ergebenem Solle religio» S» und vaterlandSfeinoliche Ideen aufzudrängen. Seitdem die Liberalen, von mehr ober weniger sozialistischen und anarchistischen Elemente» getragen, zur Herrschaft gelangt sind, ist bte innere Sage Spanien» unhaltbar geworben; Canaleja» hatte sich nicht gescheut, bie religiösen Genossenschas» ten anzugreifen unb ohne ben Widerstand aller Schichten der Bevölkerung würden heute in Spanien Zustände herrschen wie in Frankreich. Noch schlirn» mer aber muß der Versuch der heutige» Regierung ausfallen, die inmitten eine» ausschließlich katholischen Volke», wo man ht bet Praxis anbere Konfession überhaupt nicht kennt, ben Religionsunter, richt aus ben Schulen entfernen will, d. h. bie zukünftige Generation entchristlichen will. In biefent
bei ber Gelegenheit auch ber Ruf ertönt ist: „Wir müssen Elsaß wieder haben!", so können wir das ein« fach zu den übrigen Revancheseufzern legen. „Komme und hole sie", sagte Leoniba» ruhig, als Terxes er» klärte, er müsse seine Waffen ausliefern. Jetzt Han- beit es sich nur um die Sicherheit der Deut- s ch e n, die sich zeitweilig oder dauernd in Frankreich aufhalten. In dieser Hmsicht muß man freilich nach den jüngsten Erfahrungen mit der Möglichkeit rechnen, daß noch hier ober da von Heißbluttgen Leuten eine Anrempelung auSgeht; doch werden da», wie schon gesagt, gewiß nur vereinzelte Ausnahmen blei, ben, — wenn nur bie Deuffchen sich überall korrest benehme».
Eine Stütze für diese Hoffnung totrb ber aufge. frischte Eifer ber Polizei bilden. Das ist nämltch des Pudels Kern, auf den auch unser Staatssekretär im Reichstage hingewiesen hat. In einem Millionenvolk finden sich immer etliche Bösewichte und Toren; es ist aber Sache ber Behörden, diese gefährlichen Elemente im Zaume zu halten unb die an- ständigen Menschen vor deren Angriffe» zu schützen. Wenn" es sich beftätigt, wa» man nach de» bisherige» Berichten vermuten muß, nämlich da» Versage» ber Polizei i» Nancy, so wird die deuffche Regierung wegen des mangelhaften Schutzes der Fremden in Frankreich Bofftellungen erhehen. Das totrb zu amt. liche» Rippenstößen führen, bte gewiß bie französische Polizei zu etwas mehr Sufmerffamteit unb Tatkraft gegenüber den Deutschenfressern anspornen wird.
Ich hoffe sogar auf einen heilsamen Rückschlag in der ganzen öffentlichen Meinung. Gerade weil die Opfer von Nancy sich tadellos benommen haben, wird sich in Frankreich bie Erkenntnis verbreiten, daß man sich durch solche Roheiten gegen friedliche Gäste von der ganzen zivilisiette» Welt blamiert Das Ehr- und Anftandsgefühl wird doch noch nicht auSgeftorben fein, und dessen Wiedererweckung genügt uns. Wir rechnen ja nicht auf Liebe, sondern nur auf anständige Behandlung. —
Vor gut 30 Jahren habe ich auch einmal den Franzosen einen Besuch gemacht Es herrschte da- mal» eine gewisse politische Spannung, ba Fürst Bismarck gerade in bet Norddeutschen L3gem*
Bestreben wird die Regierung von einer Reihe von sogen. Jntellestuellen unb internationalen ade», teuernben Sendlingen ber Loge bestärkt, bie mit allen Mitteln ber antireligiösen Propaganda das Volk zu verberben suchen. Als besonderes Ser« sttchsobjest hat man sich dazu das große katalonische Arbeiterzentrum, aus bem auch ber Attentäter gegen Alfonso stammt, ausgewählt. Man kennt ja die Erfolge dieser skrupellosen Agitation. Die „Blut Woche" in Barzelona ist noch ht aller Erinnerung; toenn es damals gelang, ben revolutionären Strom einzubämmen, bann gebührt bas Verdienst der star- len Hand Mauras. Freilich hernach hat man Maur« unter bem Drucke ber Drohungen ber Loge ziehen lassen, zum Schaden Spaniens. Seither hat bie liberale Regierung alle möglichen gesetzlichen Maßregeln ergriffen, um bem Hasse der Loge und der ßozialdemokratte gegen bie Religion entgegenzukommen. Trotzdem fiel CanafejaS unter dem Mordstahl eines Anarchisten, der jene» dunklen Mächten ge» horchte, denen der Minister in seinem religiösen Vernichtungswerke nicht energisch genug war. Sollte das Attentat vom vergangenen Sonntag nicht den leitenden spanischen Männer» ben Gedanken nahe legen, daß inmitten ber beginnenden sozialen Zersetzung des Landes es besser wäre, anstatt diese Zersetzung zu ermutigen, auch weiterhin ben Schülern die Wahrheiten unb Gebote der Kirche zu lehren? Die Ordnung würde dadurch nur gewinnen,
vermischter.
• Vor Freude über ihre Genesung plotzllch gestorben ist hn städtischen Krankenhause in Landsberg a. W. bie 21jährige Tochter Selma eines Gärtners aus Netzbruch, bie sich einer Blinddarmoperation unterzogen hatte, die auch glücklich verlies. Als sie mit Ankleiden beschäftigt war, um als genese» das Krankenhaus zu verlassen, brach sie vor Freude tot zu Doden. Ein Herzschlag hatte ihrem Leben ein jähes Ende bereitet.
* Unteroffiziere al» Straßenränder. In enter entlegenen Gegend im Süden Wiens wurde eine Arbeiterfrau von zwei Husaren überfallen und ihrer Barschaft beraubt. Die Frau begab sich zur Wache und von dott ht Begleitung zweier Wachleute in die Husarenkaserne. Dort wurden ein Unteroffizier und ein Wachtmeister als bie Täter erkannt. Die Serben würbe» verhaftet.
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»en Zeitung einen kleinen kalten Wasserstrahl losgelassen hatte. Alle Welt ertannte mich sofort als Deuffchen, namentlich an bem Vollbart (der damals noch so hübsch blond war!). Mein Genosse und ich sprachen ruhig deuffch, sogar auf einem großen Volksfeste im Tuileriengatten, unb es passierte uns nichts Unangenehmes. Nur als ich eines Tages allein nach bem weltberühmte» Friedhof Pdre la Chaise promenierte, rief mir in einer Vorstadtstraße ein Arbeiter etwa- von Choucroute (Sauerkohl) nach. Er stand an der Tür einer Kneipe, in der nach bem Fenster» aushang auch Sauerkraut zu haben war. Die Fraiv- jofen glauben bekanntlich, daß die Deutschen von Sauerkraut leben, während doch in Paris noch mehr Sauerkraut vertilgt wirb, als in Berlin. Ich achtete nicht auf ben Ehrentitel des Sauerrkautessers, son- ber» ging ruhig meines '^egeS. Sonst habe ich kein unfieunblicheS Wort gehört, wohl aber gesehen, daß die Franzosen mein Geld recht gern annahmen. Sollte nun inzwischen ber Volkscharakter sich so gründlich aeänbert haben? Sollte» Haß unb Rachsucht 42 Jahre nach bem Kriege noch ärger sein, als damals, wo bie Enttäuschung kaum 12 Jahre alt war? Ich glaube, baß bie gegenwärtige Erregung nur auf eine lärmende, vordringliche Minderheit zurückzusühren ist unb eine vorübergehenbe Erscheinung bildet.
Inzwischen müssen bie Deutschen, die nach Frankreich gehen, ben augenblicklichen Verhältnissen Rechnung tragen. Nicht burch ängstliches Meiden des ftanzösischen Bodens, aber durch kluges Benehmen. Son ben bedenklichen Orten und Elementen halte man sich fern, und wenn sich irgendwie ein Zwischenfall anbahnen will, so ziehe man sich ruhig zurück. Das ist keine Feigheit, sondern ein Gebot der Vernunft. Der Klügste gibt nach, namentlich in einem fremden Hause, wo man mit ber Eigenart ber anderen zu rechnen hat. Zur „Revanche" wollen wir die Franzosen, die uns besuchen, recht höflich aufnehmen. Sogar freundlich, wenn sie perfönlich es verdienen; aber fteisich nicht mit einer Liebedienerei und Zu- dringlichkett, baß sie sich etwas einbilden können, wir hielten sie ober ihr Lanb für „überlegen". Daheim tarnt man kräftiger auftreten, als in ber Fremde.