2. Blatt
Fuldaer Leitung
i-u ctr Fuldaer Uctttninitctti m Suite.
Mittwoch (6. AprU 1915.
soff übergeben, und immer wieder gratulierte er sich zu der Wahl dieses tüchtigen, ihm treu ergebenen ManneS, der eine Musterwirtschaft eingeführt, um die ihn die anderen Gutsbesitzer oft beneideten. Auf Tatnofla stand der Wald noch in seiner bollen Pracht. Fürst Arbutin war ein leidenschaftlicher Jäger: der Reichtum an Wild war in seinen Wäldern unüber, troffen. Im Herbst erklang des Jagdhorns fröhlicher Ton, die buntgefteckte Meute bellte. Im goldenen Leptembersonnenschein zogen die Jäger aus, um abends mft reicher Bente hnmzukehren, von der noch immer schönen Hausfrau herzlich willkommen get heißen.
Viele von den russischen Edelleuten vergeudeten das Erbteil ihrer Väter in Petersburg und Moskau. Ta mußte Geld und immer wieder Geld herbeige- chafst werden. Die Stämme der Bäume fielen unter der blanken Axt, weite Strecken wurden abaeholzt und so das Gut entwertet. Auf den Flüsten beförderte man das Holz weiter: für kurze Zeit füllte der Säckel ich, um bald wieder leer zu sein.
Arbutin hätte lieber einen Finger der Hand verloren, ehe er dem Beispiel seiner Nachbarn folgte. Freilich besaß er ein großes Vermögen, das zu seiner Stellung und zu seinem Titel paßte. Sune Gemahlin Liuba Pawlowna, geborene Baronesse Tollin, erbte ein herrliches Gut in Livland und vermehrte den Reicbtum des fürstlichen Hauses.
Tie Wohnung des Verwalters Peter Gesimowitsch Nekrassoff lag eine halbe Werst von dem Herrenhanse entfernt Tas hübsche villenartige Gebäude war von Bäumen umgeben. Auch von hier übersah man die weite Steppe, die, fern am Horizonte waldbegrenzt, llch fast unübersehbar dehnte. Heute leuchtete sie in bunter Pracht. -Die goldene Augustsonne lag auf der weiten Fläche, die von zahlreichen Blumen bedeckt war. Dazwischen wogte hohes Gras, und über den Kelchen der Blüten gaukelten bunte Falter; fleißige Bienen summten und die braunen, behenden Murmeltiere schlüvften hin und her. — Es liegt ein eigentümlicher, mächtiger Zauber über diesem Landschaftsbilde. Die Eingeborenen jener Gegenden leiden an Heimweb und lehnen üch. gleich den Schweizern nach
und seinen Aufenthalt — zunächst in HerSfeld genommen haben. Man sei also auf der Hut!
* Haftung der Eisenbahn für Verspätung der ®e. päckbeförderung. Ein Reisender übergab einem Gepäckträger sieben Gepäckstücke mit dem Auftrage, sie auf zwei Jahrscheine aufzugeben. Der Gepäckträger ließ aus Versehen das siebente liegen. Bei der Auf. gäbe nannte er aber sieben Stuck, und diese Zahl wurde auch von dem Vorarbeiter in den Gepäckschei- neu vermerkt. Tas Fehlen des siebenten Stücks wurde erst am Ankunftsort von dem Reisenden entdeckt, er erhielt ez mehrere Tage später, wodurch ihm ein erheblicher Schaden entstand. Auf seine Klage wurde die Eisenbahn zum Ersatz des Schadens ans Grund des § 95 der Verkehrsordnunq vom 23. Dezember 1900 verurteilt, weil grobes Verschulden der Angestellten vorlag. Der § 95 schreibt vor, daß die Eisenbahn den vollen Schaden in allen Fällen zu er» seven hat, wenn er durch Vorsatz oder grobeFahr- lässiakeit der Eisenbabn herbeigeführt ist. Nach § 38 Absatz 4 haftet die Eisenbahn für da? den Ge- Päckträgern übergebene Gepäck ebenso wie für das ihr zur Beförderung aufgelieferte Reisegepäck.
tOP Postgiroverkehr mit Belgien. Zu den Län. dern, die den Postscheckverkehr einqefübrt haben, ist jetzt auch Belgien getreten. Aus diesem Anlaß ist zwischen den drei deutschen Poswerwaltunqen und der Belgischen Poswerwaltunq ein Uebereinkommen über den Postgiroverkehr geschlossen worden, wonach der Postairoverkebr mit Belgien vom 16. April ab nickt mehr, dnrck die Belgische Nationalbank, sondern durch das Postscheckamt in Brüssel vermittelt wird. Der Verkehr wird sich in derselben Form ab- Wickeln wie bisher. Die Gebühren (5 Pfg. für je 100 Mk. oder einen Teil davon, mindestens jedoch 20 Pfq.l bleiben unverändert. Das Verzeichnis der Postsckeckkontoinbaber in Belgien wird voraussichtlich im Mai erscheinen und kann alsdann durch die deutschen Postscheckämter bezogen werden.
ihren Bergen, nach der einsamen Großartigkeit der Steppe zurück, die für sie einzig in ihrer Art ist.
Gleich seinem Herrn, dem Fürsten Arbutin, war Nekrasioff mit einer Deutschen verheiratet Er hatte sie, als er noch in Ostpreußen die Landwirtschaft erlernte, kennen gelernt und sich heimlich mit ihr verlobt. Da beide arm waren, mußten sie lange warten, bis sie endlich heiraten konnten.
Anna Karlowna war Erzieherin gewesen. Sie vertauschte ihre Abhängigkeit gern mit dem bescheidenen Lose an der Seite des geliebten ManneS. dem sie in treuer Liebe ergeben war. Mit der Zeit verbesierte sich die anfänglich kärgliche Stellung Nekrassosfs, Arbutin engagierte den Schulfreund, der bisher auf einem Nachbargute Verwalter gewesen war.
Ter Fürst knauserte nie mit der Gage derer, die ihm dienten, und er hatte für Peter Gesimowitsch das warme Interesse gemeinsamer Jugenderinnerungen.
Sehr behaglich "sah es in dem Berwalterhause ans. Eine sorgfältig waltende Frauenhand war überall bemerkbar, sowohl in den Hellen, freundlichen Stu- ben, als auch in dem gepflegten Garten, in dem herrliche Rosen blühten und der Rasen wie geschorener Samt prangte. Unwillkürlich mußte man denken: „Hier waltet eine deutsche Hausfrau, die alles in peinlicher Ordnung und Sauberkeit erhält."
Frau Anna spähte heute ungeduldig nach ihrem Manne aus. Vor einer halben Stunde war die Post angekommen, die der alte Fedor täglich von der Station abholte, die etwa zwei Werst entfernt lag. Ein Städtchen von zirka 4000 Einwohnern lag dicht da- neben. Um dorthin zu gelangen, mußte man durch den Wald, der zu Tatnofla gehörte. Der Postbote war überall gern gesehen: er brachte die Zeitungen und Briese auf die Güter und auch die Neuigkeiten, die sich in der Nachbarschaft zutrugen. Fast alle Familienereignisie erfuhr man zuerst durch dies: Chronik der Umgegend. t
Nachdem Feodor Jerassimoff von Frau Nekrasioff mit einem kräftigen Frühstück und einem Gläschen Kornbranntwein geloht worden Ivar, fetzte er seinen Weg fort. Er benutzte einen kleinen, niederen Wagen ui keinen Rundfahrten, ein bauliches, struppiges Pferd
Aus dem Nachbargebiete.
n Hünfeld, 15. Avril 1913. In der heutigen Kreistags-Sitzung wurde anstelle deS verstorbenen Freherrn v. Sckenk iu SckweinSbera der Büraermei- ft et Sckmitt - Atzell zum KreiSauSfchuß - Mitglied, gewäblt.
* Neuhof, 15. April 1913. Am hiesigen Bahnhof war vor einigen Tagen der 24|äbriae Bahnarbeiter Blum auS Dorsborn mit dem Anstecken der Gaio- linlampen beschäftigt. Hierbei explodierte eine Lampe und verbrannte den Blum so schwer, daß er seinen Verletzungen erlegen ist.
* HilderS, 15. April 1913. Der Rechtsanwalt Knierim vom hiesigen Amtsgeti ht wurde zum Notar im Bezirke deS OberlandesgenchtS Raffel ernannt mit Anweikung seines Wohnsitzes in Htlder«.
* Großaudeim, 15. Aprtl 1913. Am 19. April er. feiert der Beigeordnete Lenz hier fein 25,ähriges Jubiläum als Mitglied des Gemeindevorstandes. 25 Jabre schon gehört er dem Gemeindekollegium und fast ebenso lange alS 1. Beigeordneter an. — Einige Tage später, am 23. d. Mts., begebt unser Bürgermeister Grün fein 25jähriges Dienst- jubiläum. Bürgermeister Grün ist weithin als eine umrmüdliche, weitsichtige Persönlichkeit bekannt. Großauheim, welches beute über 7000 Einwobner zäblk, besitzt ein eigenes Elektrizitätswerk, Wasserleitung und gut emgerichtete Badeanstalt. Diese Werke sind alle in dem letzten Jrhrzent unter seiner Leitung entstanden. Um ibtn für seine großen Dienste um das hiesige Gememdewesen und nach außen hin zu danken, rüstet sich die Gemeindevertretung und Bürgerschaft, diese Tage würdig zu begehen.
* Hanau, 15. April 1913. Das vierjährige Söhnchen deS Former» Seidel in Niederissigheim backte beim Spielen dem 21,'« Jabre alten Söhnchen des TaglöhnerS Herget mit einem Beil die vordere» Glieder zweier Ftnger der linken Hand ab.
* Franksurt, 15. April 1913. Der Berliner Metallwarensabrikant Weidenauer, der feit voriger Woche unter Hinterlassung einer Schuldenlast von 100000 Mk. und nach Unterschlagung von 5000 Mk, aus Berlin spurlos vert hwunde r war, ist gestern nacht in einem Restaurant biet verhaftet worden. — Gestern wurde hier von dem betannten Autodieb Kückel, der in einer Irrenanstalt untergebraM, aber wieder entflohen war, wiederum ein Automobil gestohlen. — Das Gericht verurteilte die Ebeleute Münch wegen Milchsälschung zu je 100 Mk. Geldstrafe. Sie batten 'Milch, die zu 15—20 Proz. Wasser verdünnt war, zum Verkaufe angeboren.
d. Nted a. M., 15. April 1913. Die Mitglieder der in Liquidation befindlichen Spar- und Dar«
# Ozanamfeler.
Zur Feiet der 100jährigen Wiederkehr des Ge- burtstoges des Gründers der V i n z e n z v e r e in e, Ozanam, wird auch der hiesige Vinzenzverein seine Generalversammlung am Sonntag den 20. d. M. möglichst eindrucksvoll zu gestalten suchen. Unser Hochwiirdigst'r Herr Bischof hat schon zugesagt, am Morgen des Festtages in der St. Michaelskirche den Mitgliedern und Freunden des Vinzenzvereins die hl. Messe mit Generalkommunion, kurzer Ansprache und Tedeum mit sakramentalem Segen zu feiern. Nachmittags ist eine öffentliche Versammlung für die Mitglieder und Wohltäter des Vereins beabsichtigt.
Ozanam ist der Herold des Sonnenaufgangs einer neuen Earitasepoche gewesen, wie die Zeitschrift „Caritas" sehr treffend bemerkt, ein erfolgreicher Führer auf dem Felde vinzcntinischer Liebestätigkeit, und als wegweisender Mahner ragt er noch in unsere Tage hinein.
Ozanam ist nur wenig bekannt: sein Name wurde über seinem Werke fast vergesien. Ihm selbst eignete nichts von kleinlicher Eitelkeit: sein Ich drängte sich nie eigennützig und ruhmsüchtig vor. Ozanam hoffte nicht aus Tageserfolg: denn er hatte Dauerndes zu schaffen, dem erst später Anerkennung zuteil ward.
Seine fortwirkende Bedeutung liegt vor allem in seiner Binzenzarbeit. Im Denken und Handeln liebe- voll zu sein, war das Hauptgebot seines Charakters. So erklärt sich die wohltuende Wirkung seines Wesens, so die gesteigerte Betätigung innerer Kräfte, die bei Tausenden von Gleichgesinnten in allen Landen neuen Liebeseiser weckte.
Geboren am 23. April 1813 in Mailand als Sohn eines französischen Arztes, verlebte Friedrich Ozanam frohe Kinderjahre und kam dann, neunzehnjährig, nach Paris, um Rechtswisienschaft zu studieren. Ter große Caritasapostel Frankreichs, der hl. Vinzenz von Paul, war es, der Ozanams Jugend vor so manchen Gefahren dieser Jahre bewahrt hat; er war es, der in des Jünglings Herz jenen wahrhaft christlichen Idealismus und jenen Sinn für Werktätige Liebe weckte, aus dem heraus Ozanam so Großes geschaffen hat. gn Paris sollte der katholischen Kirche in Friedrich zanam ein kühner Kämpfer erstehen, der mit eiserner Konsequenz in die Nöte der Weltstadt eine Bresche legte, indem er den Dienst der christlichen Caritas an den Armen und Kranken auf feine Fahne schrieb und diesen heiligen Dienst, mit der Blüte der Jugend im Bunde, still bescheiden bis zu seinem letzten Lebenshauche treulich übte.
Schon für den Studenten Ozanam bestand die Welt aus „lauter Gelegenheiten zur Liebe". Die trockenen juristischen Studien füllten seine Feuerseele nicht aus, die wisienschaftlichen Redekämpfe in historischen und literarischen Konferenzen dünkten ihm wertlos, wenn sie nicht in guten Taten chre Ergänzung fänden. Ts galt, die Lebenskraft des katholischen Glaubens in Liebeswerken zu erweisen. „Reden wir nicht so viel von Caritas," rief Ozanam aus, „lieber wollen wir sie üben und den Armen wirklich helfen!"
Mit sieben seiner Freunde fand die erste Beratung in der Redaktionsstube des „Tribüne catholique" im Mai 1833 statt. Tie Sitzung wurde mit dem Gebete „Veni, Sancte Spiritus" und einer kurzen geistlichen Lesung aus der „Nachfolge Christi" eröffnet. Tann faßte man den Beschluß: „Wir wollen selbst in die Häuser der Armen gehen und ihnen unsere Gaben bringen." Einer der Studenten ging mit dem Hute in der Hand von Mann zu Mann. Jeder gab sein Scherflein. Um eine Liste armer Familien zu bekommen, setzte man sich mit der „Armenmutter von Paris" in Verbindung: Schwester Rosalie gab jedem der Studenten seine Familie, die er mit einem zweiten Vinzenzbruder besuchen sollte. Sie versorgte jeden mit den nötigen „Bons", bis der junge Bund barmherziger Liebe selbst solche Anweisungskärtchen auf Lebensmittel hatte. Man nannte den Verein „Konferenz" und stellte sie, ausdrücklich, freilich erst später, unter den Schutz des populärsten Caritas- heiligen, des hl. Vinzenz von Paul und der Immakulata.
Neue Mitglieder traten dem kleinen Kreise bei. Ende August zählte die Urkonserenz bereits 15 Studenten; im Dezember desselben Jahres 30 Mitglieder und am 27. Juni 1834 fand die erste Generalversammlung statt. Wie dachte Ozanam selbst über die Zukunft feines Caritaswerkes? Er schrieb im Jahre 1834: „Ich wünschte, alle jungen Leute von Kopf und Herz täten sich zu einem Werke der Liebe zusammen: durch alle Lande sollte sich ein umfassender, edler Verein bilden zur Unterstützung der ärmeren Volksklas- sen." Dieser Wunsch ist in schöner Weise im Vinzenzverein verwirklicht worden. Die Zahl der Mitglieder
zog ihn und ein gelber Wolfshund lief bellend nebenbei. Dieses ungewöhnlich kluge Tier hieß „Orly"; es war allgemein ob feiner Bosheit gefürchtet.
„Orly, Orly!" rief eine helle Stimme, und ein allerliebstes, etwa zwölfjähriges Mädchen eilte aus dem Garten auf den Hund zu. „Da, mein alter Kerl, da hast du etwas Gutes. Wie es ihm schmeckt," lachte sie, als der Hund hastig nach dem Butterbrot schnappte.
Tie kleine, zarte Hand liebkoste dabei den Kops des bösen Tieres, das es sich ruhig gefallen ließ.
„Furchtet Ihr Euch nicht, Täubchen?" fragte Feo. dor. „Orly läßt sich sonst ungern solche Störung beim Fressen gefallen."
„Fürchten?" fragte das flehte Ding erstaunt. „Ich fürchte mich nie, und Orly und ich sind ja alte Freunde: nicht wahr, mein Tierchen?"
Bei diesen Worten schlang das anmutige Geschöpf beide Arme um den Hals des Hundes und neigte das Köpfchen über ihren Freund, sodaß ihre dunklen, seidenweichen Haare über ihr rosiges Gesichtchen fielen. Der alte Mann stand lächelnd daneben und blickte auf die hübsch; Gruppe.
„Ja", sagte er, „Ihr kennt den Orly schon sieben Jahre, als Ihr nach Datnofka kämet, wäret Ihr ein kleines Ding."
„Habt Ihr einen Brief au8 Amerika gebracht, Väterchen?" fragte die Kleine. „Ich bin immer so glücklich, wenn mein lieber Papa wieder einmal schreibt — ich — ich sehne mich oft grenzenlos nach ihm."
Ein trüber Schatten flog über ihr Gesicht, und die strahlenden, dunklen Angm schimmerten feucht unter den langen, schwarzen Wimpern.
„Ja, es war ein Brief mit amerikanischen Post- marken da", entgegnete Feodor.
„War er an mich?!" rief sie lebhaft.
„Nein, an Peter Gesimowitsch", lautete die Antwort.
„Leb wohl, Väterchen, ick muß Tante Anna fragen, was mein Papa schreibt."
Mit diesen Worten eilte das Kind ins Haus.
(Fortsetzung folgt.)
totales.
Fulda, 16. April 1913.
tr Silbernes Jubiläum. Auf eine 25 jährige Lehrtätigkeit tarnt heute Herr Lehrer Adam Schleicher», em geborener Fuldaer, an der Tompfarrlichen Rnabenfdmle zurückblicken.
a Eine Konftolle über die Innehaltung der Unfall- verbütungsvorzchriiten in den einz-lnen 1 and wir t- 'chaftlichen Betrieben wird in diesen Tagen im hiesigen Be irk durch den tecknischen Aussichtsbeamten, Landessekretär Nau in Kastel abgebalten
* Die großen Herbstmanöver des 11. Armeekorps sind vom Generalkommando in Kassel endgültig festgelegt. Es ist vorgesehen vom 8. bis 10. September Brigademanöver, vom 12. bis 16. September Di- Visionsmanüber und vom 18. bis 20. September Korpsmanöver. Vorher hält die Artillerie vierzehn Tage lang Hebung im Brigadeverbande im Manö- bergelänbe ab. Am 20. September kehren die Trup- Pen mit der Eisenbahn in ihre Standorte zurück. Die Entlastung der Reservisten erfolgt am 22. Septem bet. Während des Korpsmanövers sind größere Hebungen im Flußübersehen und ein nächtlicher Angriff gegen eine befestigte Stellung geplant.
Schöffengericht. Die Schlägerei in der Christnackt vorigen JahreS, bei welcher der Pbotograpben- gebtlfe Z. mehrere sckweie Kopfwunden erhielt, gelang e beute abermals zur Verhandlung. Als Sachverständiger wurde der Z. bebonbelnbe Arzt vernommen. Der Amtsanwalt beantragte wegen gefährlicher Körperverletzung gegen den Journalisten Schw. eine Ge ängnistirake von 6 Monaten und gegen die beiden Mitangeklagten A. K. und P. Z. je 14 Tage Ge'ängnis. Das Gericht erkannle gegen Schw. auf eine Geldstrafe von 60 'Platt und gegen die beiden anderen aus eine Geldstrafe von 20 'Mark. — Der Revolverheld Müller von Seebad kKreis Berlin», der am vorigen Mittwoch wegen TotscklagS- vet'uchs auf verschiedene Per onen in Hanau vor dem Schwurgericht 41/» Jabre Zuchthaus erhielt, halle am 13. Februar im hiesigen Amtsgerichls« gelängnis aus Mutwillen, um „mehr Lust zu bekommen", 6 Glas'cheiben seiner Zelle zertrümmert. Er wird deswegen dem Anträge deS Amtsanwalts gemäß zu zwei Wochen Gelängnis verurteilt. — Wegen Bedrohung und Hausfriedensbruchs wird der Melalldteher K. K. von hier zu einer Geldstrafe von 6 Mark verurteilt. — Der Handelsmann M. N. aus Tann war angeklagt, am 12. Februar VS. Js. aut der nörvuchen Eilgulrampe Handel mit Vieh betrieben zu haben. Er wurde sreige'prochen. — Ter Bauunternehmer G. H. hier, der gegen einen polizeilichen Strafbefehl wegen Nicklbeleuchtung von Steinhaufen Berufung b antragt hatte, erzielte, nachdem ein Augenickeinstetmin in dieser Sache statt- gesunden hatte, fftenpred ung.
= Viehmarkt. Anläßlich beS am Donnerstag stattfindenden Viebmarkles wird die Station Fu da bet Aufgabe von mindestens je zehn Waggons Vieh je einen Vieh'onderzug nach Bebra, nach Gießen und Franklurt-Süd etnlegen. — Auf Anordnung der Polizeidireklion darf am Tage vor den Brehmärklen bis auf weiteres daS mit der Bahn hier einireffenöe und am Bahnho» amtetierärjibdj untersuchte Vieh nicht mehr zulammen mit dem nicht untersuchten Vieh durch die Schloßsiraße, sondern durch die Lindenjiraße zum Markt autgetrteben werden.
(*) Warnung. In letzter Zeit ist in Schlesien eine große Anzahl von Gastwirten durch Reisende zweier Firmen auf folgende Weise erheblich geschädigt worden: Der Reisende schließt mit den Gastwirten folgenden Vertrag ab: „Die Firma des Reifenden verpflichtet sich, einen Musikautomaten in dem Gasthaus aufzustellen und behält sich das Eigentum an dem Automaten vor. Der Gastwirt verpflichtet sich, die Einnahmen an dem Automaten in bestimmten Zeitabschnitten an die Firma abzuführen. Wenn der Kaufpreis des Auto- niaten, der 900 bis 2000 Mark beträgt, durch diese Einnahmen gedeckt ist, soll das Eigentum an dem Automaten an den Gastwirt übergehen." Angeblich zur Sicherung der Eigentumsrechte der Firma muß der Gastwirt noch einen Wechsel über die Kanfpreissnmm» ansstellen und der Reisende erklärt ausdrücklich, daß dieser Wechsel niemals weiter gegeben werde. Nach kurzer Zeit jedoch wird dieser Wechsel von der Firma weitergegeben. Da dem Gastwirt Einwendungen aus dem Vertrage gegen den gutgläubigen Erwerber des Wechsels nicht zu- stehen, kommt er so in die Lage, den noch dazu viel zu hohen Preis für den Automaten auf einmal zah len zu müssen. Nach neueren Nachrichten soll der Reisende nach Heisen-Nassau übergesiedelt fein
wuchs von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr. Nicht nur Studenten, auch gereifte Männer der verschiedensten Gesellschaftsklassen schloffen sich allüberall aus kleinen Anfängen heraus entstehenden Zweigver- einen an: Kaufleute, Handwerker, aber auch Künstler, Gelehrte, Offiziere und Staatsmänner. Ozanam selbst nannte diese Bewegung den feierlichen Kreuzzug der katholischen Caritas. Auf seinen Reisen verband er die Jntereffen der Diffenschaft — Ozanam war zwölf Jahre lang Professor für fremde Literaturgeschichte an der Universität in Paris — mit der Sorge für fein Liebeswerk. Ozanam wurde in der Tat ein ganz besonderes Werkzeug in der Hand Gortes: ein Segenswunsch, von dem unerhörte Kräfte ausgingen und weit in die Ferne wirkten. Jener französische Bischof hat wohl nicht unrecht geredet, als er sprach: „Mag jeder vom Vinzenzverein sagen, was er will. Für mich ist er ein Wunder unseres Jahrhunderts und ein außerordentliches Ereignis. Weder Welt noch Kirche hat kaum je dergleichen bis jetzt gesehen."
Ozanam durfte die Ausbreitung seines Werkes über ganz Paris, über Frankreich und weit über seines Heimatlandes Grenzen hinaus noch erleben. Sechs Monate vor seinem Tode, im Januar 1853, sagte er in einer Ansprache beim Besuch der Dinzenz- konserenz in Florenz in Italien unter anderem folgendes: „Wir sind jetzt in Paris allein 2000, wir be» suchen 5000 Familien, d. h. ungefähr 20 000 Individuen, den vierten Teil der Armen von Groß- Paris. Frankreich zählt 500 Konferenzen, und wir haben ihrer auch in England, Spanien, Belgien, Amerika und bis nach Jerusalem." Die erste deutsche Vinzenzkonferenz bildete sich am 17. Mai 1845 in München. Es folgten zunächst 1848 Koblenz, Bonn, Köln, Aachen, Eupen, Paderborn, Breslau, Düren, Andernack, Neuß, Münster i. W., Malmedy, Linz a. R., Olpe, Werden, Berlin, Innsbruck, Trier, Mainz, Düffeldorf und Posen; alle ziemlich gleichzeitig. In Bonn haben sieben Studenten im Januar 1850 die erste deutsche akademische Vinzenzkonferenz gegründet. In der Schweiz hatte Genf die erste Konferenz bereits im Jahre 1848; Oesterreich folgte. 1855 zählte der Gesamtvinzenzverein 2951 Konferenzen und verfügte über eine Jahreseinnahme von über 3 Millionen Franks aus Beiträgen der Mitglieder und den Zuwendungen frommer Wohltäter. Jetzt, im Jahre 1913, ist die Zahl von 7500 Konferenzen und 100000 tätigen Binzenzbriidern bereits weit überschritten, und der Verein verfügt über eine Jahreseinnahme von mehr als 15 Millionen Franks. Keine Caritas- arbeit ist ihm fremd; heute umfaßt sie hauptsäcklich folgende Gebiete: Fürsorge für Kinder und Waisen; Unterbringung solcher in Familien ober Anstalten, Fürsorge für Schulkinder und Schulentlassene, Lehrlinge und iunge Kaufleute, llnlerricktskurfe für Handwerker, Rekruten- und Soldatenfürsorge, Gefängnis- unb Hospitalbesuch, Errichtung von Altersheimen, Hilfe an Kranken unb Sterbebetten, bei Begräbnisangelegenheiten, ländliche Wohlfahrtspflege, Einrichtung von Ferienkolonien, Heberweisung in Kriippel- nnb Blindenanstalten, Erholungs- und Genesungsheime, Trinkerasyle und Lungenheilstätten, Rechtsberatung und Auskunftserteilung —: alles Ausgaben, an denen der Vinzenzverein in ben verschiedenen Ländern tatkräftig unb erfolgreich mitarbeitet.
Wenige Wochen vor seinem Tode schrieb Ozanam über die Ausbreitung seines Liebeswerkes: „In diesem Wachstum einen Grund zum Stolze zu sehen, das sei ferne von uns! Wir wollen vielmehr jede Gelegenheit wahrnehmen, demütig zu bleiben. Das Gras auf der Flur breitet sich gewiß schnell aus, aber es bleibt doch immer klein, und wenn es gleich viel Raum entnimmt, so sagt es darum doch nicht: ich bin ein Eichbaum. Auch wir, mögen wir auch zahlreich werden, hören nicht auf, klein und schwach zu sein, und wir denken nicht daran, uns ben Institutionen zu vergleichen, bie Gott in seinem Reiche tote große Bäume hat auswachsen lasten. Bleiben wir bemütig! Die Welt bewaffnet sich toiber ein neues Werk, bas mit großspurigem Wesen sich anlünbet. Aber wer will stillen Leuten etwas anhaben, bie nur ein wenig Brot unb Trost in ein paar kleine Dachstuben tragen wollen! Möchte Gott uns in jener Einfalt unseres ersten Beginnens erhalten. An biefem Merkmal wirb uns ber heilige Vinzenz von Paul als seine Schüler erkennen."
Wenn der Geist, den diese Worte des verewigten Friedrich Ozanam atmen, der Geist des von ihm ins Leben gerufenen und mit Eifer geförderten Liebes- Werkes ist und bleibt, dann wird des Vinzenzvereins Lebenskraft und Segensfülle noch auf lange hinaus gesichert fein.
Die Schuld des Vaters.
1] Roman von Freifrau G. von Schlippenbach. I.
Am Rande der Steppe, da, wo her Wald sie mit feinen uralten Bäumen begrenzt, lag Datnofka, das Gut des Fürsten Wladimir Boristowitsch Arbutin. Das schloßartige, massive Gebäude erhob sich weiß und leuchtend gegen die dunkle Rückwand der hohen Tannen und Föhren ab; man sah es schon einige Werft entfernt unb am Abend leuchteten die Fenster- scheiben, wenn heitere Geselligkeit die Nachbarn in oem geselligen Heim des russischen Magnaten vereinte. Fürst Wladimir Borissowitsch war aber nur zeitweilig in Datnofka, er lebte für gewöhnlich in Petersburg, wo er am Zarenhof eine Verantwortliche Stellung einnahm Der Fürst liebte fein Herrscherhaus mit der Loyalität eines vornehmen, patriotischen Herzens, aber ebenso groß war feine Anhänglichkeit für das alte Erbgut seiner Ahnen. Er war nie io glücklich, als wenn er wieder die Schwelle seines stolzen Heimes betrat, wenn er wieder Gutsherr von Tatnofla sein durste. Die Uniform wurde mit der bequemen Zivilkleidung vertauscht, Fürst Arbutin streifte den Zwang höfischer Etikette ab und genoß das Landleben mit seiner Freiheit. Don seinen Bs ernten geliebt, von ben Nachbarn fröhlich begrüßt, von allen geachtet unb bewunbert, gehörte Wlabimir Boristowitsch zu jenen Menschen, über die 'ich das Füllhorn des Glückes ergießt, denen di: Schatten des Lebens fern bleiben.
Seine Gemahlin gehörte den baltischen Ostsee- provinzen an und war eine feingebildete, edle Frau, die mit dem Gatten in glücklichster Ehe lebte. Drei blühende Kinder waren dem Herzensbunde entsprossen- ein Sohn Erbe unj, ^ei allerliebst», kleine Mädchen toari" wlz unb bie Freube ihrer Eltern. Jill'”
Fürst Arbr << hatte die Verwaltung seiner Güter, denn außer Ta loska besaß er deren noch zwei, seinem früheren Schuirameraden Beter Gesimowitsch Nekras-