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Nr. 87
€rrtes Blatt.
Mittwoch den 16. April 1913.
40. Zahrgang.
Deutscher Reichstag.
Sitzung vom 15. April 1913.
Die Beratung des Etats des Auswärtigen Amt- wird fortgesetzt.
Staatssekretär v. Jagow: ES ist gestern auf den Zwischenfall von Nancy
Bezug genommen worden. Unsere Kenntnisse über den Boi gang beruhen einstweilen auf privaten Meldungen des Wölfischen Telegraphenbüros. Sollte sich die Nachricht bestätigen, so würde der Vorfall als Höchst bedauerlich zu bezeichnen sein. (Zustimmung.) Auch insofern bedauerlich, als er ein trauriger Beweis für die chauvinistischen Treibeveien sein würde, von denen der Reichskanzler sprach. Der Botschafter in Paris hat die Anweisung erhalten, die französische Re» Sierung um Aufklärung zu etlichen. (Beifall.)
nd, falls die Nachrichten sich als richtig Herausstellen sollten, Vorstellungen wegen mangelnden Schutzes von Deutschen zu machen. Der Staatssekretär äußert sich Weiter zu der Frage der Reform des diplomati- !ch e n Dienstes und gibt die Zusicherung, die Re» olution bctr. den.Zugang zum diplomatischen Dienst orgfällig zu prüfen. Ohne jedes eigene Vermögen Würden die Diplomaten aber nicht auskommen können, es sei denn, daß man ihnen enorme Gehälter zahlte, die in Widerspruch mit den sonstigen Besoldungen stän- den und doch nicht im Einklang mit den Bezügen der Diplomaten anderer Länder. Der Vorwurf der Bevorzugung infolge Protektion sei vollständig unberechtigt. An der Ausbildung des Nachwuchses werde eifrig gearbeitet. Die Konsulatsanwärter würden ins Wirtschaftsleben eingeführt, wissenschaftliche Kurse seien im Auswärtigen Amt im Gange, die von hervorragenden Männern der Praxis, des wirtschaftlichen Lebens und der Wissenschaft geleitet würden. UebrigenS werde der Staatssekretär immer gern alle Wünsche auf Neuerungen prüfen. Wo Mängel seien, sollten sie beseitigt werden. (Lebh. Beifall.)
Abg. Dr. Cettel (kons.): Zu dem Nachfolger deS leider viel zu früh verstorbenen und noch heute viel.
verkannten Staatssekretärs v. Kiderlen-Wächter könne man von vornherein Vertrauen haben. Nich^ der auch von den Konservativen gewünschte Zugang zum diplomatischen Dienst müßte gesichert werden, sondern auch das Jm-Amt-Bleiden. Die Vorgänge auf dem Balkan haben nicht nur die Diplomatie, sondern auch Börse und Presse überrascht. Später aber habe die deutsche Diplomatie die richtigen Bahnen eingeschlagen. Wir legen Wert auf gute Beziehungen zu Rußland und ebenso zu England. Gegen Frankreichs Volk und Regierung habe bet uns niemand einen Haß. Uebertticbene Höflichkeit aber sei es gewesen, den Fransen für die Behandlung des Z e p p e l i n I u fisch i f f e s in überschwänglichen Worten zu danken. Das .Volk verlangt dringend Aufklärung über bie Luneoiller Vorgänge und über die Durchsuchung des Luftschiffes. Ein bei Metz gelandeter fran- zösischer Flieger wurde viel loyaler behandelt. (Sehr richtig!) Ist jemals in Deutschland ein Franzose so behandelt worden wie die Deutschen in Nancy?
Abg. Lcdebour (Soz.): Sind die Vorgänge in Nancy richtig geschildert, dann muß die Regierung für angemessene Sühne sorgen. Der französische Chauvinismus ist nur die Folge des deutschen. Die Folge der Heeres- vermehrung konnte nicht nur ein Blinder mit dem Stock fühlen, sondern sogar ein deutscher Diplomat merken. (Der Präsident rügt diese Art der.Kritik.) In der Beurteilung des auswärtigen Dienstes bin ich in der angenehmen Lage, mich mit den bürgerlichen Parteien in Uebereinstimmung zu befinden: der auswärtige Dienst ist recht mangelhaft! Tie Ausweisung unseres Genof- ten ist der schlagendste Beweis für jenen Chauvinismus, lnser diplomatischer Dienst ist mangelhaft und muß gebessert werden. Der Zar und seine Helfershelfer haben unerhörte Verbrechen angezettelt.
Ter Präsident ruft den Redner zur Ordnung. AIS Ledebour, nachdem er die preußische Polenpolitik kritisiert hat, auf den Fall Sohft zu sprechen kommt, wird er wegen schwerer Beleidigung des Kaisers zur Ordnung gerufen.
Staatssekretär v. Jagow: Ebenso wie ich die Beleidigung des Kaisers durch den Vorredner bebaute, möchte ich Verwahrung einlegen gegen die Aeußerungen desselben Redners gegen den Herrscher eines uns befreien» det.m Landes und dessen Politik.
Präsident Dr. Kämpf: Ich habe wegen dieser Aeutze- rung bereits einen Ordnungsruf erteilt. Damit scheidet die Angelegenheit aus den Verhandlungen des Reichstags aus.
Stbfc. Prinz zu Schönaich-Carolath (natl.): Die Vorgänge in Nancy führen nur zum Haß. Die Frage des Abg Dr. Oertel, warum aber noch keine offiziellen Nachrichten über den Niedergang des „Z. 4“ bei Luneville Vorliegen, möchte ich unter stützen. Rumänien ist seit langen Jahren unser Freund. Wir haben alle Ursache, seinen Wünschen entgegenzukommen, da Rumänien der einzige uns befreundete Balkanstaat ist. Die besseren deutsch-englischen Beziehungen begrüßen wir. Hoffent- lieh führt die auf beiden Seiten gegenwärtig betriebene Friedensarbeit zu gutem Erfolg.
Abg. Müller-Meiningen (Vp.): Die Vorgänge in Lu» neville zeigen, wie nötig die Schaffung eines internationalen Luftrechts ist. Wegen der Nancyer Vorfälle tier- langen wir strenge Sühne. Für die Schulen im AuS- lande muß mehr getan werden. Die baldige Anerkennung der Republik China ist notwendig. Die deutsche Diplomatie war in China und auf dem Ballan zur rechten Zeit nicht vertreten.
Ein Zwischenfall.
Nnterstaaissekretär Zimmermann wendet sich erregt gegen die Kritik des Vorredners. In der Frage der Anerkennung der chinesischen Republik wird rasche Arbeit geleistet werden, sobald die Präsidentenfrage erledigt ist. Unsere Berichterstattung auS China ist gut, jedenfalls viel besser als die Berichterstattung beS Herrn Dr. Müller-Meiningeii, die auf Klatsch und Tratsch auf- gebaut ist. (Große Unruhe.) Wenn der Herr Abg. Dr. Müller darüber klagt, daß unsere Diplomatie zur rechten Zeit nicht auf dem Posten war, so mutz ich darauf Hinweisen, daß unsere Beamten auch nur Menschen sind und Urlaub gebrauchen.
Vizepräsident Paasche: Ich möchte den Herrn Unter- staatssekretär doch darauf aufmerksam machen, daß er einem Abgeordneten dieses HauseS nicht tiorroerfen darf, er habe sich nach Tratsch und Klatsch orientiert
Unterstaatssekretär Zimmermann: Ich weiß nicht, ob eine derartige Kritik deS Präsidenten gegenüber einem Bni.deSratsbetiollmachtigten zulässig ist. (Lebhafte Unruhe.)
Vizepräsident Paasche: Ich habe keine Kritik geübt, sondern nur den Wunsch ausgesprochen, nicht, in der- artigen Ausdrücken gegen Abgeordnete vorzugehen. (Bei- fall links.)
Abg. Herzog (W. 53.) wünscht, datz sich das deutsche Kapital mehr als bisher ' China beteilige, die Mis
sionsschulen kräftiger gefördert werden, der Zugang zum diplcn.atischen Dienst erleichtert werde und der Fall in Nancy u versucht werde.
Abg. Pfeiffer (Z.) schließt sich den Ausführungen des Staatssekretärs über die Nancyer Slffaire an und fordert möglichst bald eine authentische Erklärung und etientl. Genugtuung, lieber die hinsichtlich der Balkanverhältnisse in London und Paris gepflogenen Verhandlungen fordert er zur Information von den verbündeten Regierungen ein Weißbuch und ist für die Förderung von deutschem Handel und Wandel in Ost- afien. Eine Begrüßung beS neuen chinesischen Paria- ments durch das deutsche Reich hätte er für opportun gehalten. Er wünscht bessere Wahrung der kaufmän- nischen Interessen durch unsere konfularischen Vertreter im Ausland.
Unterstaatssekretär Zimmermann erklärt, daß er gegenüber dem Abg. Müller-Meiningen lediglich den ob- jektiven Wert der Information habe kritisieren wollen.
Abg. Dr. Paasche (natl.): Aus meinen Erfahrungen in China kann ich nur bestätigen, daß unsere dortigen Beamten vollauf ihre Schuldigkeit tun. Um unser Ansehen in China zu heben, ist es vor allem notwendig, datz wir größeren Einfluß auf das dortige Schul» to e f e n gewinnen. Auch auf den Ausbau der Hochschulen muß besonderes Gewicht gelegt werden.
Staatssekretär v. Jagow: Ich mutz auf die Angelegenheit de§ Ordnungsrufes noch zurück- kommen. Ich bin mir nicht im Zweifel gewesen, daß mit einem Ordnungsruf des Präsidenten eine Sache für das Haus erledigt ist. Ich mutz es aber für mich in Anspruch nehmen, meinerseits Verwahrung einzu- legen in einer Angelegenheit der Auswärtigen Politik, wenn dieS zur Abwehr eines Angriffs im Interesse der Beziehungen zu andern Völkern erscheint. (Beifall.)
Abg. Weill (Soz.) bestreitet, daß in Frankreich ein außergewöhnlicher Chauvinismus herrsche.
Abg. Ahlhorn (Vp.) weist darauf hin, daß die deutschen Interessen in Marokko von der französischen Regierung nicht genügend berücksichtigt werden.
Unterstaatssekretär Zimmermann gibt Aufklärung über einen Zwischenfall in Casablance, bei dem Deutsche beteiligt sind, sowie über die Beteiligung Deutscher an der Fremdenlegion.
Abg. Dr. Spahn (Z.): Das Pekinger Unterrichtsministerium hat das englische für die höheren Elementarschulen Chinas als obligatorisch erklärt. Wenn es der Diplomatie nicht gelingt, die Zurücksetzung des deutschen gegenüber dem englischen zu beseitigen, ist wenig Hoffnung auf eine großzügige Ausbreitung des Deutschtums vorhanden. Ferner läßt China die Abiturienten bcr deutschen höheren Schulen zu den Staatsprüfungen nicht zu. Die Schulfrage ist also nicht bloß eine Geldfrage, sondern eine Aufgabe der Diplomatie. AuS der von der Budgetkommission verlangten Denkschrift er« sehen wir hoffentlich, was für die deutschen Schulen geschehen kann, und müssen uns etientl. eingehender wie bisher mit der Verteilung beS Fonds für die Auslandsschulen befassen.
Nach weiterer unerheblicher Debatte vertagt sich das Haus.
Mittwoch: Weiterberatung.
Preußischer Lanvtag.
Abgeordnetenhaus.
Sitzung vom 15. April 1913.
Auf der Tagesordnung steht die dritte Beratung btS Etats
Abg. Lippmann sVp.) verlangt, da die Generaldebatten meinens durch Schlußantrage abgekürzt werden, eme trübere Einberufung des Landtages und Lenderung des Wahlrechtes.
Abg. Eeinert (Sop polemisiert geaen die preußische Politik und das preußrtche Wahlrecht. Wir sind tn btetem Haute, rott tommcn wieder und wir werden immer tiä ter werden! Ter Gutsherr von Cadtnen, besten Zivtuiue wir ei höbt baden, hat erklärt, baß er tn Cadtnen em glän,endes Getchäft g macht habe. Er tn alfo auch em Nutznießer unserer wuchernchen Zollpolitik. iDer Präüdent ruit den Redner zur Ordnung.! Der jetzige Kamps der belgischen Ar de. ter enthält eine er wie Mahnung an die preußi chen Machthaber. Wir wünschen unseren belgischen Brüdern Steg i t ihrem Kampte. Sie nach rechts) sind töng-ireu, weil das königliche Versprechen der preußiichen Wahlresorm noch nicht etngelöii in. (Widerspruch rechts.) Es ist em gebrochenes Versprechen. sDer Präsident ruft den Redner zur Ordnung)
Minister v Dallwitz: lieber den von dem Vorredner erwähnten Fall, datz tn Magdeburg ein französikcher Deputierter aus einer Versammlung ausgewiesen wurde, bin ich bisher auf Zeitungemeldungen angewiesen Sollten bieie richtig jein, so kann ich schon heute erklär en, daß daß Vorgehen der Polizeibehörde selbstverständlich war. Die Reden der Sozialdemokraten hier rote im Reichstag seien lediglich von der Tendenz getragen, den preußischen Staat und fein Staatswesen im In- und Auslände zu diskretieren. (Lebh. Zust. > Die preußische Regierung habe tn den letzten Jahrzehnten mehr tüt die Besserung der ArbeitSverbältnisse geleistet, als irgend ein anderer Staat der Welt. (Lebh. Zust.) Die ausländischen Arbeiter strömten zu uns herein, gerade weil unsere Gcietze und unsere Behörden den Arbeitern Schutz und Rückhalt gewähren und ihre Interessen roabrnäbmen. Wit betämpsen die Sozialdemokratie, weil eine solche Republik alle zentrifugalen Kräfte entfesseln und den Zersall des Reiches zur Folge haben mußte, debb. Zu't.l weil sie untere bewährte Heeresorganisation be- leitigen und an deren Stelle ein schlechtes Milizsystem setzen will Sehr richtig!> und so unser Vaterland den Angriffen des waffenlrä kigen Auslandes schütz- und wehrlos preisgegeben würde. (Lebh. Zust.) Wenn die Sozialdemokraten tut Verwirklichung ihrer verderblichen ZutunitSideen in Preußen durch Ernsührung des Reichstagswahlrechtes den Hebet ansetzen wollen, io sei es Pflicht und Schuldigkeit der Regierung, dem entgegen, zutreten und alle Patrioten und nationalen Kreile aus die darin enthaltenen Geiahren ausmeriiam zu machen. Lebh. Beifall.» Es wird dabet verschwiegen, daß nicht nur d e Wahlrechte venchieden sind, sondern auch die Ausgaben und Zuständigteu der beiden ^Operationen. Der Landtag habe über räumlich und iaa lich enger begrenzten Materien, insbesondere aber auch über Fragen von überwiegend ethisch-kultureller Bekeutung zu beschließen. Von der Einführung des Reichstags- wahlrechtes in Preußen kann keine Rede sein, weil dieses eme Schwächung der Grundlagen des preußiichen Staates bedeuten roüroe, der das beite Bollwerk peaen die Sozialdemokratie ist. (Lebhafter Bestall rechts und tn der Mitte. Ziichen links)
Abg. Frhr. v. Zedlitz (frk.) stimmt den Ausführungen des Ministers zu. Preußen habe noch mehr als baS Reich die Aufgabe, in der Abwehr gegen bie Sozialdemokratie voranzuaehen. (Beifall FmlS.)
Abg. Dr. Friedberg (natl.): Es ist eine Schwäche der Regierung, wenn sie mit einer Reform beS Wahl- rechts warten will, bis die Meinungen der Parteien sich geklärt haben. Bei bet verhetzenden Agitation der Sozialdemokratie kann man sich nicht wundern, wenn ein gewisser Gegendruck erzeugt und der Wunsch nach Ab- wehr- und Zwangsmaßregeln laut wird.
Vizepräsident Dr. Porsch bittet, so scharfe Ausdrücke inbe-ug auf Mitglieder beS Hauses nicht zu gebrauchen.
Abg. Lippmann (Vp.): Bei bem jetzigen Wahlsystem wird bie wirtschaftliche Entwickelung beS Volkes völlig ignoriert. Die Sozialdemokratie habe den Sieg der Kon- servativen bei den nächsten Wahlen vorbereitet.
Abg. Ströbel (Soz.): Durch baS Wahlrecht, wie eB bie Nationalliberalen wollen, wird das Volk geknechtet. Zur Ausweisung der Franzosen lag durchaus kein Grund vor.
Abg. Herold (Ztr.): Den Kampf gegen bie Sozial- bemotratie werben wir außerhalb biefeS HauseS führen, bort aber auch mit aller Energie. ES ist hier bie WahlrechtSfrage angeschnitten worden. Wir sind nach Kräften bestrebt, eine Reform beS preußischen Wahlrechts zu erreichen. Aber um Verbesserung nach bcr einen Seite hin zu erzielen, können wir Verschlechterungen nach ber anderen Seile hin niemals zustimmen. Eine solche Verschlechterung hätte aber der national» liberale Antrag auf Beseitigung ber Drittelung der Ur- Wahlbezirke bedeutet; sie hätte dem preußischen Wahlrecht einen rein plutokratifchcn Charakter gegeben, und dazu bieten wir nicht unsere Hand.
Abg. Friedberg (natl.) kann es nicht begreifen, daß das Zentrum den Konservativen Beihilfe leiste, die in. direkte Wahl beizubehalten.
Auf Antrag von Pappenheim (kons.) wird die allgemeine Besprechung geschlossen.
ES folgt bie Beratung der einzelnen Etats.
Beim Etat der Landwirtschaft beschwert sich
Abg. Fischbeck (Vp.) über unbefugtes Einmischen ber Lanbräte in Jagdverpachtungen.
Landwirtschaftsminister Frhr. v. Schorle«» erklärt, baß bei ben Jagdverpachtungen den Gemeindevorstehern freie Hand gelassen würde.
Abg. Leinerl (Soz.) erklärt eS für eine Schande, tote ber Großgrundbesitz die Landarbeiter ausbeute und wie wenig er ihnen die Wohltaten sozialer Fürsorge angedeihen lasse.
Abg. Becker (Ztr.) hält eS für eine wertlose Mühewaltung ber Sozialdemokratie, die Landbevölkerung zu gewinnen. Er weist bie Behauptung, baß bie Landwirtschaft nicht erheblich an den sozialen Lasten zu tragen habe, zurück, jedenfalls, wenn eS an der Sozialdemokratie gelegen hätte, so wären eine ganze Reihe wichtiger sozialer Gesetze nicht zustande gekommen. Bezüglich der Ausbeutung von Arbeitern möge die Sozialdemokratie in ihren eigenen Betrieben Umschau halten. Bezügl. ber Jagdverpachtung bringt er einen aufsehenerregenden Fall in ber Bürgermeisterei Much vor. Der Fall hat viel Mißstimmungchervorgerufen. Im Rheinland, in ber Bürgermeisterei Much, hatte eine neue Jagdverpachtung ftattgefunben. Ter Jagdvorsteher erließ eine Bekanntmachung, daß er die sämtlichen 17 Jagdbezirke unter ber Hanb zu verpachten beabsichtige. Hiergegen wurde recht, zeitig von Interessenten Einspruch erhoben, welche um öffentliche Verpachtung und Angabe ber Pachtbedingun. gen baten. Der Jagdvorsteher zog nun zwar feine Bekanntmachung zurück, machte aber bann erneut bekannt, baß er bie 17 Jagdbezirke an einzelne, namentlich aufgeführte Herren zu näher angegebenen Preisen zu verpachten gedenke. Als dies bekannt wurde, wurde durch eine von einer großen Anzahl Jagdgenossen unterzeichnete Eingabe beim KreiSauSschuß Einspruch erhoben. Der KreiSauSschuß wies ben Einspruch zurück und führte zur Begründung u. a. auS: Die Erhaltung beS Wald» bestandeS könne am besten bei Verpachtung unter ber Hanb gesichert werben. Ferner halte er eS für auS- Sesckllofsen, daß durch eine öffentliche Verpachtung er» eblich höhere Pacbtpreise erzielt werben. Der Jnstan. zenzug ist nun mit bem Beschlüsse beS KreiSauSschusseS gesetzlich erschöpft. Nach bem bestehenden Jagdgesetze ist nichts mehr zu machen. Ta sich neuerdings Die Fälle ber Beschwerden mehren, so wird bie Frage zu erwägen fein, ob nicht an eine Abänderung beS bestehenben Jagb» gesetzeS herangetreten werben soll.
Ein RegierungSticrlreter teilt mit, baß ihm der Fall Muck, im Jnstanzenzug bekannt geworden sei. Nach ben bestehenden gesetzlichen Vorschriften träfe den Jagdvor- steher wie ben KrerSauSscbuß fein Vorwurf. Auch fei für bie Gemeinbe ein erheblicher Mehrbetrag bei ber erneuten Verpachtung unter ber Hand erzielt worben.
Nach weiterer unerheblicher Debatte wirb auf Antrag ti. Pappenheim bie Debatte geschloffen unb ber Etat genehmigt.
Mittwoch: Weiterberatung.
:: Der Zwischenfall in Naney.
Der rohe Ueberfall auf einige harmlose Deutsche in Nancy durch eine Menge von einigen hundert Franzosen wird in der deutschen Presse ruhig, aber deutlich als das gekennzeichnet, was er ist: etn Anzeichen von Kulturlosigkeit, deren sich das französische Volk zu schämen hat, und ein Merkmal der französischen V o I k s st i m in u n g, über die sich jetzt jedermann in Deutschland klar ist.
Tie Aufklärung des Vorganges befindet sich erfreulicher Weise auf dem besten Wege, sodaß man schon nach der bisherigen Enwicklung der Sache jagen kann: So bedauerlich ber Zwischenfall an sich ist, so wird er doch vielleicht eine gute Nachwirkung haben, nämlick dadurch, daß er die a n st ä n- big en ündvernünfttgen Elemente bes fran- zösischen Volkes auf bie Verwerflichkeit bes chauvinistischen Treibens nachdrücklich aufmerksam macht. Wenn nicht alles täuscht, wirb Deutschlanb bei ber Liauidation dieses Vorfalles sehr gut abschneiden, während für Frankreich nur ein bitterer Bodensatz übrig bleiben dürfte.
Zunächst bat bie deutsche Regierung sich schnell, kra 'tig und doch unter voller Wahrung ber gebotenen Ruhe und Höflichkeit ber Sache an» genommep, wie die Erklärung des Staats ekre'ärs v. Jagow in der Drenstagssitzung des Reichstags reigt. Dann bat sich bereits beute durch die vor» iäufige halbamtliche Kundgebung der französischen Regierung (in ber ,'Ugence Joonas') herausgestellt, daß die angegriffenen Deutschen sied durchaus ter rett benommen haben. (Vergl. weiter unten.)
Herr v. Jagow hat natürlich, da die amtlichen Ermittelungen noch schweben, nur bedingungsweise sprechen können: Wenn sich die Telegramme und Zeitungsnachrichten bestätigen . . . Aber aus
bem Ernste, mit hem er bie Sache behandelte, konnte man wohl schließen, daß die deutsche Regierung bereits Insormationr» habe, welche die Schuld bet französischen Caaupimsien als sicher erscheinen ließen. Datum hat denn auch unser Staatssekretär bereits bie Nutzanwendung gezogen, die auch an dieser Stelle gestern schon erwähnt wurde, aber an amtlicher Stelle natü litt) viel gewichtiger klingt:
»Em Häutiger Beweis wäre dafür erbracht, rote sehr das Treiben der Ehauvintsten, von denen kürzlich der Herr Reichskanzler (bet Begründung der Wehrvorlage) gesprochen hat, Bedenken erregen mutz."
Evenso ernst ist die Mitteilung, daß ber deutsche Botscha ter in PattS, nachdem er zunächst Äutklärung verlangt, im Falle ber Rtchkigiett der Nachrichten Vorstellungen wegen deS mangelhaften Schutzes der Deutschen tn Frankreich zu erheben habe.
Im Pariser Auswärtige» Amt erschien gestern ber Sekretär der deutschen Botschaft, Gras v. W ed el, um im Namen des deutschen Botschafters zu fragen, ob die französische Negierung keine genauen Auskünfte über den Zwischenfall von N a n c y besitze. Der Kabinettschrf erwiderte, daß dem deutschen Botschafter bestimmte Nachrichten gegeben würden, sobald das Ministerium des Innern den detaillierten Bericht erhalten haben würde, der noch unterwegs sei. In einem deutschen Blatt wird hieran die Bemerkung geknüpft, die Pariser Regierung wolle Zeit gewinnen. Es liegt aber noch kein Grund vor, an bas Auskunftsmittel der „langen Bank" zu denken. Auch unsere Regierung würbe in einer ähnlichen Lage erst den Bericht ihrer Dienststellen abwarten. Obendrein darf man es wohl als Zeichen des guten Willens betrachten, daß die Pariser Regierung sofort am Dienstag den ersten Bericht des Oberkommissars von Nancy auszüglich durch die „Agence Haves" hat veröffentlichen lassen, und zwar gerade in dem Teile, der die Unschuld der angefeindeten Deutschen feststellt.
Das ist der Angelpunkt der ganzen Angeb. legenheit. Wenn die Deutschen sich irgendwie herausfordernd benommen hätten, so würden die französischen Rohlinge sich als die Angegriffenen und ihre Ausschreitungen als Abwehr im Dienste des Vaterlandes hinstellen. Nun wird aber amtlich fest- gestellt, daß die Deutschen in der Singspielhalle sich ganz ruhig verhalten haben, und daß sie ohne jeden Anlaß von „einigen Studenten" durch anzügliche Bemerkungen und Pfiffe beleidigt wurden, daß sie freiwillig das Lokal verlassen haben und bann ton ben Studenten und den angelockten Helfern bös- willig verfolgt und weiterhin insultiert worden sind, zunächst in einem andern Bierlokal, bann auf dem Bahnhof.
Die „Agence Havas" gibt über die Vorgänge aus dem Bahnhof noch keine Einzelheiten; sie sagt, die Untersuchung werde fortgesetzt und will ihrerseits der „übermäßigen Aufbauschung" entgegenwirken mit der Bemerkung, die angeheiterten jungen Leute wären der „Geschmacklosigkeit ihres Benehmens" sich nicht bewußt gewesen. Es handelt sich wohl um etwas mchr als „Geschmacklosigkeit". Aber darüber wird sich ja nach voller Klarstellung noch reden lassen, ebenso wie über das Verhalten der Offiziere und Boomten.
Vorläufig freuen wir uns, daß die beteiligten Deutschen keiner Schuld aett"h"n werden fortan, wenn man nicht etwa den Besuch eines solchen Tingeltangels als unvorsichtig bezeichnen will. Das weitere wird sich ja aus der diplomatischen Verhand. luna ergeben.
Eine gute Lehre kann ben Chauvinisten nicht schaden. ________________
W Paris, 15. April 1913. Die Note der „Agence Havas" besagt: Nach dem ersten Bericht, den der Oberkommissar von Nancy an da? Ministerium des Innern aesandt hat, soll sich der Zwischenfall, der zu einigen Kommentaren in der Presse Anlaß gab, wie folgt rugetragen haben: Drei Deutsche wohnten, von zwei Damen bealeitet, am Samstag abend gegen halb elf Uhr einer Vorstellung int Kasino bei. Einige Studenten machten ihnen gegenüber ein paar a n= zügliche Bemerkungen und Pfiffe ertönten von der Galerie. Der Zwischenfall blieb jedoch vom Publikum unbemerkt. Die fünf Fremden vero ließen bann das Kasino kurz vor elf Ubr und begaben sich in die Lothringer Bierhalle, wohin fünf ober sechs Studenten, die ihnen folgten, ebenfalls gingen. Es kam zu einem gleichen Zwischenfall wie in dem Kasino, und der Wirt bat die Studenten, sich ruhig zu Verhalten, was sie auch unverzüglich ohne Gegenrede taten. Als bie Fremden jedoch das Lokal verliehen, folgten ihnen di? Studenten wieder m i t einer Schar von etwa fünfzig Neugie- rigen bis zum Bahnhöfe und maAten von n eu e m W i tz e mit ihnen. Es war gegen halb zwei Uhr nachts. Ein Dutzend Manifestanten ging b i s aufben Bahnsteig mit und setzte dort die Kundgebungen bis zum Abgang des Metzer Zuges fort. Die brn Deutschen sind keine Offiziere. Die vom Oberkommissar eingeleitete Untersuchung wird fortgesetzt, aber man kann schon jetzt sagen, daß der Zwischenfall übermäßig ausgebauicht worden ist. Es scheint sich um das Vorgehen von etwas angeheiterten jungen Leuten zu handeln, die sich der Geschmacklosigkeit ihres Benehmens nicht bewußt waren.
Rutsches Neich.
e. Die Duell trage vor der Budgetkommission des RcichStagS.
In brr Subgftfommtfhon deS Reichstag? rourbe nm TtenS tag die Beratung bes MilttäretatS wrtgesttzt.' Der Kriegsrnrncher gibt vor Eintritt in bie Tage Ordnung eine Auitlärung über Den Fall Senben. Der Fall habe sich in einem stark überfüllten Zugabteil abgeipielt. Der von dem Ofsifter gebrauchte Ausdruck „Schweinerei" habe sich nicht auf die Mttreifenben, lonbern auf bas in ber Bahn herrschende Durcheinander bezogen. Qmr