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Fuldaer Zeitung

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fir. 86» €rftes Blatt.

Dienstag den 15. April 1913.

40. Zahrgang.

Deutscher Reichstag.

Ettzung vom 14. April 1913.

Hrästbenl Kaempf gibt seiner Freude darüber Au?, druck, aast Der Höing von «Spanien bet oem gelingen Attentat unversehrt gebiteben tjt. (8ebt). Betiall bet den bürgerlichen Parteien, bte sich während der Worte des Präsidenten erhoben haben; die Sozraidemolraten waren fitzen geolieben.)

Das Haus beginnt die 2. Beratung über den Etat be» Auswärtigen Amtes.

Staatssekretär beS Auswärtigen Amtes v. Jago«: Heber die Entstehung der Balkankrise und deS Bal- kanbundes habe ich mich neulich in der Kommission geäußert, und es erübrigt sich deshalb, nochmals daraus zurückzukommen. Ich möchte nun der Auffassung ent- gegentreten, als ob die deutsche Diplomatie schlechter informiert gewesen sei als die anderer Großmächte. Die Frage, ob ein Krieg auSbreche, fei meist ein Rate­spiel, das auch die Nächslbeteiligten nur in den seltensten Fällen zu lösen wüßten. Der Zeitpunkt des Kriegsausbruchs habe von unserer Diplomatie ebensowenig wie von den Kabinetten der anderen Großmächte borausgesagt werden können. Schon mit Rücksicht auf das deutsche Wirtschaftsleben könnten wir uns aber nicht erlauben, uns zum Anwalt des Pessi­mismus zu machen. Der Staatssekretär b. Jagow be­zeichnete die gegenwärtigen Aussichten für einen baldigen Friedensschluß am Balkan für als dermehrt. (Beifall.) Die Antwort der Mächte auf die letzte Note der Verbündeten werde jetzt in den Haupt­städten der Balkanstaaten überreicht. Es besteht die be­gründete Hoffnung, daß sie eine günstige Aufnahme hnben werde. Tank der einmütigen Haltung der Mächte dürfte die Skutarifrage in einer befrie­digenden Weise überwunden werden — dank der Einig­keit der Mächte in der internationalen Flotteuakfion. (Wiederholter Beifall.) Ein Verdienst um die Klärung der Lage gebühre der russischen Regierung, die mit dem kürzlich auSgegebenen Kommunique erneut ihren festen Willen dokumentiert habe, sich von den in London gefaßten Beschlüssen nicht zu trennen. Ak o n- l e n e g r o werde sich hoffentlich besonnen in das Un­abänderliche fügen. Dann streifte der Staatssekretär die bulgarisch-rumänische Frage und bezeich­nete den Umstand, daß man sich bei den Petersburger Verhandlungen in dieser Frage nähergekommen sei, als erfreulich. Die Sympathie Deutschlands für Rumänien beruhe nicht allein auf den beiderseitigen langjährigen freundschaftlichen Beziehungen, sondern auch auf der Friedensliebe des Landes. Den Gang der Ereignisse am Balkan zu hindern, habe nicht in Deutschlands Macht gelegen und sei auch nicht unsere Aufgabe gewesen. Deutschland werde dafür em treten, daß bei der endgültigen Liquidation deS Kri e. , e S seine finanziellen und handelswirtschaftlichen In­teressen nach Möglichkeit gewahrt blieben. Die Türkei, die mit schweren Wunden, aber mit Ehren aus dem Kampfe hervorgehe, finde ein neues Feld in den asiati. scheu Teilen des Reiches. Auch wir werden Gelegenheit linden, daran mitzuwirken, daß der unS befreundeten Türkei die Erfüllung ihrer Aufgaben nu-,. erschwert wird.

Abg. Bernstein (Soz.) begrüßt die Befreiung ber Balkanvölker durch diesen Krieg, ohne den tS auf dem Balkan nie zu einer vernünftigen Entwicklung gekommen wäre. Bezüglich Rumänien sagte Red­ner, es müsse darauf hingewirkt werden, daß Rumänien entsprechend dem Berliner Vertrage den jüdischen Ein­wohnern eine bessere Behandlung zuteil werden lasse. Die chinesische Republik müsse anerkannt wer­den. Ten Werbern der französischen F re mden- legion müsse schärfer auf die Finger gesehen werden. Das Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich habe sich neuerlich durch die Wehrvorlagen verschlech­tert.

Abg. Fürst Löwenstein (Z.) wünscht zwecks Herbei, kührung resp. Erhaltung guter Beziehungen zu den Nach. Vorländern eine bessere Behandlung der P o- len und auch der Dänen. In der Diplomatie sollten nur die fähigsten Köpfe berücksichtigt werden. Wir brauchen vor allem gescheite Leute, und wer das nicht ist, den sollte man rücksichtslos auS dem diplomatischen Dienst entfernen. Die Vorgänge in China müs. sen wir im Auge behalten. Wir wünschen keine Er. tberungen in China, aber wir müssen bestrebt sein, daß sie Ausdehnung unserer Handelsbeziehungen nicht hin. er der anderer Staaten zurückbleiben. Das AuSwär- hge Amt möge die Unternehmungslust deutscher Kauf­leute tatkräftig unterstützen. Wir müssen Einfluß ge­winnen auf die geistige Entwicklung Chinas und müssen ne Missionsschulen fördern. Die Republik China wer. len wir wohl anerkennen müssen, wen es unS auch »icht leicht wird, das Produkt einer revolutionären Be­wegung zu billigen. Gegen die Auffassung russischer erd französischer Blätter, daß die Großmächte unter ruch der Neutralität Montenegro und Serbien Jtoingen wollten, Skutari weiter zu belagern, müssen Dir entschieden protestieren, denn es handelt sich nicht »ehr um einen Kampf gegen die Türken, sondern um »inen Kampf gegen eine Stadt, die bereits zu dem un- S-hängigen Albanien zu nehmen ist. Der Wahl.

rnch Dom Kampf deS Kreuzes gegen den albinond erscheint angesichts der Greuel, die hristen gegen Christen verübt haben, fast wie eine Slasphemie. «Sehr richtigI im Zentrum.) Die Flöt, lenbemonftration scheint doch mehr genützt zu jaden, als man glaubte. Vielleicht Hai sie mehr teilt» »ruck auf Rußland als auf Montenegro gemacht. Frei- sich hätte Rußland schon etwas früher kundgeben kön­nen, daß es mit den Großmächten einig bleiben will. Die Türkei wird hoffentlich auS dem Kriege die richtigen Lehren ziehen. Den Luxus armenischer Greuel wird sie sich nicht mehr gestatten dürfen. (Sehr richtig! im Zentrum.) Bei der Wahrung unserer Interessen in Kleinasien können wir mit England zusammen- gehen. Wir freuen unS der Annäherung an Eng­land, aber zu übertriebenen Freudenkundgebungen sehen wir keinen Anlaß. Der Reichskanzler hat auch unser Verhältnis zu Oesterreich berührt und den stärk­sten Beifall damit gefunden, daß er auf die feste BundeS- treuc besonderen Nachdruck legte. Deutschland und Oesterreich sind geborene Bundesgenos. sen. Für cesterreich hat eS sick am Balkan um sehr »roße Interessen gehandelt und für uns um das eigene Interesse, daß unser Bundesgenosse stark bleibt. Meine Freunde stehen auf dem Standpunkt, daß ein festes Eintreten für unsere Bundesgenossen dem Weltfrie- den bient Wir stimmen dieser Politik burajauS zu. (Beifall im Zentrum.)

Abg. Frhr. v. Nichthofen (natl.) hält eS für not­wendig, Oesterreich auch fernerhin treu zur Seite zu stehen. Der Türkei werde eS wahrscheinlich niet1 leicht werden, den ihr verbleibenden europäischen Be­sitz zu schützen. Die armenische Frage dürfe nicht an» lEidmitten werden, damit Rußland keinen Anlaß zum

Einschreiten habe. Bezüglich ber Bagdadbahn müßten die Mächte einig sein. Tie amerikanische Regie- rung werde hoffentlich nicht Gewalt bot Recht ergehen lassen, was den Panamakanal anbetreffe. Eine Aussprache über die Leitung unserer auswärtigen Po- litif, die von verschiedenen Seiten in bet Öffentlichkeit als verkehrt bezeichnet worben, sei durchaus notwendig. Zwischenfälle, wie soeben einer aus Nanty gemeldet, seien nicht geeignet, die Beziehungen zwischen uns und unferm westlichen Nachbarreich zu bessern.

Staatssekretär v. Jago«: Die neue Entwicklung des chinesischen Reiches begrüßen wir als feine alten Freunde mit unseren besten Wünschen. Wir sind in China nicht in Rückstand geraten. Wir haben unseren Platz voll behauptet. Ich habe das Vertrauen zu unserer tüchti­gen deutschen Kaufmannschaft, daß sie die gegenwärtige Krise in China überwinden wird. Die Forderung des deutschen Schulwesens lassen wir uns durchaus ange­legen fein. Die Tätigkeit der Missionsschulen erkennen wir durchaus an.

Abg. Heckscher (Vp.) wünscht für die einheitliche Lei. tung unserer Arbeit in China eine Zentralstelle und hält auch eine Reform des Diplomatendienstes für not. wendig. Der Zwischenfall in Nancy beweise, daß der Chauvinismus in Frankreich stark gewachsen ist.

llnterftaatSfefretär Zimmermann betont, daß bis- her noch nicht hinreichend Mittel für unsere Auslands­schulen zur Verfügung stehen.

Abg. Crzberger (Ztr.): Sparen, sparen! WaS hat uns allein die Flottendemonstration von Montenegro gekostet! Für Schüler im AusIande sollte aber viel mehr ausgegeben werden; andere Staaten leisten da viel mehr als wir. Diese kleinliche SparsamkeitS- Politik muß sich einmal schwer rächen. Mehrausgaben für Schulen würbe ber Reichstag einstimmig bewilligen. Die Auswahl unserer künftigen Diplomaten ist baS wich­tigste; bas kann ber Personalreferent im Auswärtigen Amte nicht allein machen. Diese Herren wechseln zu oft. DaS muß ber Staatssekretär selbst besorgen. (Zu­ruf: Staatssekretäre wechseln auch oft!) Wenn ber Staatssekretär nichts weiter erreicht als eine solche gute Auswahl für ben diplomatischen Dienst, dann hat er genug geleistet. Wie schwer wir von Reichswegen in Preußen etwas durchsetzen, zeigt die Frage ber Kolo- nialprofessoren. Weshalb Deutschland gegenüber ben anderen Ländern in China zurücksteht, erhellt, wenn man erfährt, daß England 32, Frankreich 22, Deutsch­land aber nur drei bis vier Lehrstühle für Sinologie hat. Der Ausbau des Orientalischen Seminars zu einer selbständigen Reichsanstalt würde unseren Diplo­maten, Kaufleuten und Beamten von größerem Nutzen fein.

Dienstag: Weiterberatung.

Preußischer Landtag, <

Abgeordnetenhaus.

Sitzung vom 14 April 19l>

Da? Gesetz über die Bewilligung weiterer Staats- mittel zur Verbesserung der WohnungSverhältinff« von Äibrilern in staatlichen Beirieden u >d von gering besol­deten Staatsbeamten wird in 8. Lesung ohne Debatte unverändert angenommen.

Es folgt die 2. Beratung de? Ge'etzes über die Ver­pflichtung zum Besuche ländlicher Fortbildungsschulen in den Provinzen Brandenburg, Pommern, Sachten, Schleswig-Holstein, Westfalen, sowie in Der Rheinprovinz in den Hohenzolleinschen Landen.

In Anvetracht der Bedeutung deS Gesetzes hätte es da? Zentrum für gut gehalten, wenn der Bericht über die Kommissionsverhandlungen schriftlich erstattet worben wäre. Die Mehrheit des Hauses aber war der Ansicht, baß dadurch die Verabschiedung deS Gesetzes in dieser Seilton geiährdet würbe und beschloß deshalb, eS bei der mündlichen Benchlerstatiung zu belasten.

Abg. Herold (Zir.i legt nochmals dem Hause ben Stanbpuntl des Zentrums in Bezug auf Einfühlung d-s obligatorischen Religionsunierrictites in Den Fon- bilbungsichulen dar und trat lebhait für die Annahme des Zentrumsantrags ein. Der in bas Geietz Die Be­stimmung einsühren wollte, daß in das etatut ber ein­zelnen FonbildungSichulen religiöse Unterweisung als obligatorischer UnlernchlsgegenstanD ausgenommen werden kann.

Landwirtschaft-Minister Fihr. v. Echorlemer bittet, ben Antrag deS Zentrums adiulehnen. Die Staats­regierung habe grundsätzliche Bedenken gegen die Erteilung des Religionsunterrichtes über 14 Jaure hinaus, und em Zwang zum Besuch deS Religions­unterrichtes sei auch mit ben Bestimmungen des preußiichen LandrechteS unvereinbar. Bei Annahme des Zentrums­antrag» sei der Gesetzentwurf für die Regierung zur Zeit unannehmbar.

Abg. v. Pappenheim (k.) erklärt, daß auch die Kon­servativen dem Zentrumsantrag im Prinzip nicht abge­neigt sind, aber auf dem Standpunkt stehen, daß daS Gesetz nur den Besuchszwang behandle und deswegen keine Bestimmungen über den Unterrichtsplan enthalten dürfe.

Abg Herold (Ztr.) entgegnete, daß da» ein Mangel des Gesetzes let, den zu beteiligen ferne Freunde für ihre Pfl cht gehalten hätten. Die Haltung der komervativen Partei fei jetzt verschiedenartig gegenüber ihrem Anträge auf obiftatoriichen Religionsunterricht der den geroerb- lichen Fortbildungsschulen.

Aog. Dr. Etull (Ztr.t führt au», der Kardinal Kopp und mit ihm der ganze pr.ubische Episkopat halte den obligatorischen Religionsunterricht für notwendig, und dieses Urteil fei maßgebender al» das der Regierung Auch läge in dieser Forderung eine Forderung des ganzen katholischen Volkes, das die ablehnende Haltung der Regierung nicht verstehen lönne.

In der Abstimmung wird der Zentrumsantrag ab- gelehnt und das Gesetz wird in 2. und 3. Lesung in der Fassung der Regierung gegen einen Teil des Zen rums angenommen, ferner folgende Reiolutton Der Kom­mission: Die sittliche Hebung und Festigung der männ­lichen schulentlassenen Jugend bedingt auch die religiöse Fortvitdung in der Konsesston der Fortbildungsschüler. Die Regierung wird daher ersucht, die Ausführung dieser Aufgabe in einer dem reiferen Atter und ben Bedüis- ntsfen der Zeit entsprechenden Form zur Geltung zu bringen.

Eine Petition au» Trier um Einführung obligato­rischen Relig onsuiilerrichtes in den Fortbildungsschulen wird bet Regierung als Material Überwiesen.

Der Gesetzentwurf beit. Verbesserung ber Ober- wnfferstraßen unterhalb Breslau wirb in zweiter unb dritter Beratung erledigt.

Ein Antrag Ernst (Dp), eine Petition um Ber- leihung des passtven SommunaltechieS an die BolkSschul- lehrer ber Regierung zur Berücksichtigung zu überweisen, roirb abgelehnt und eine Reihe von Petitionen debatte- los nach den Kommlssionsanttägen erledigt.

Dienstag: Dritte ^erai'mg bei Etat».

tiE Wieder ein deutsch-französischer Zwischenfall.

Die erhitzte Volksstimmung in Frankreich wird durch folgenden Vorfall illustriert.

Eine Schaar von Franz» en hat in Nancy in bet Nacht zum Montag sechs Deutsche, die für Otfiziere ober gar für Mitglieder der Zeppelin- besatzung ausgeschrieen wurden, auf» gröbste beleidigt und mißhandelt. Die Angegriffenen waten keine Offiziere, sondern Kaufleute, Die von Metz au» eine Sonntagssahtt nach Nancy gemacht hatten. Sie sind mit dem Nachtzuge nach Metz zurückgetommen, und zwar tröstlicher Weise ohne ernsten Körperschaden.

Die Einzelheiten über bte Entstehung unb den Verlauf des beklagenswerten Zwischenfalles be- bürten noch der Aufklärung und Feststellung. Tie „Lothringer Zeitung' erhält eine Darstellung, die von einem ber beteiligten deutschen Herren stammt. Dann heißt es:

Zwei Vertreter großer deutscher Firmen au» Sachsen, die zurzeit in Metz weilten, begaben sich Sonn­tag nach Naney, um sich die Stadt anzusehen. Hierbei wurde ihnen mehrfach zugerufen: Das sind preußi­sche Offiziere. Nach dem Bestick- einer Borstel, lung begaben sie sich gegen 1 Uhr nach.» zum Bahnhof, um mit dem ersten Zug nach Metz zu fahren. Kaum hatten sie sich im Wartesaal zweiter Klasse niedergelas­sen, als sie von draußen großen Lärm horten. Sie sahen, daß drei deutsche Herren, in deren Be­gleitung sich eine Dame befand, von einer Menge beläftigt wurden, die ihnen unter anderem: preußische Offiziere! zutief. Auch die beiden Reisenden im Wartesaal wurden nun von der Menge bemerkt unb ebenfalls in unerhörter Weise beschimpft unb mit Schir- men tätlich angegriffen. Die Menge im Saal rief anbauernb: Preußische Offiziere! fort nach Metz, ihr wäret in Sunetiille beim Zeppelin mit! Man zwang sie, den Hut abzunehmen unb fran­zösische Offiziere, die gleichfalls anwesend waren, zu grüßen. Schließlich flüchteten die beiden Herren auf den Bahnsteig, suchten nach Hilfe unb riefen nach ber Polizei; allein vergebens, bis schließlich ber Stations­vorsteher sich ihrer annahm und sie in ben Metzer Zug geleitete. Aber auch hier drang ihnen bte Menge nach, die inzwischen auf 200 Personen angewachsen war, unb setzte ihnen wieder arg zu. Sie wurden gestoßen, be- schimpft und angespieen und wiederholt i n s ® e • sicht geschlagen, trotzdem die beiden Herren wiederholt beteuerten, daß sie friedliche . Kauf­leute und keine Offiziere seien Die Beschimpfun­gen und Mißhandlungen wurden etwa eine halbe Stunde fortgesetzt, bis schließlich wieder ber Bahnhofsvorsteher erschien und daS Publikum zum Verlassen deS Wagen? aufforberte. Niemand außer diesem Beamten hat den Versuch gemacht, die Menge zur Ruhe zu mahnen. Die beiden Kaufleute, die wenige Minuten später mit dem Zuge nach Metz abfuhten, beteuern, daß sie von Anfang an mit keiner Gebärde auf die Spötteleien unb späteren Angriffe reagiert, also durchaus feinen Anlaß zu einem feindseligen Vorgehen gegeben hätten.

Die beiden Reisenden haben auch in Metz bei bet Polizei ben Vorfall zur An-eige gebracht. Ihre dort gemachten Angaben beeten sich im Wesentlichen mit den Auslassungen in der „Lothringer Zeitung". Sie haben übrigens nie drei anderen Herren, die auch von der Menge belästigt worben sind, nicht gekannt. Die drei Herren nebst der Dame sind au-n in Rietz ein» getroffen. Wer sie sind, ist aber nicht bekannt ge- wordin. Jedenfalls handelt es sich auch hier nicht um Offiziere.

Nach Meldungen von französischer Seite nahm der Skandal seinen Beginn in einem Variete-Thrater, wo u. a. ein chauvinistisch militärisches Stuck „Ulan Fritz" aufgcfübrt wurde. Die deutschen Gäste sollen sich in ihrer Sprache unterhalten, gelacht und ge-- scherzt haben, und bei den Franzosen soll der Glaube entstanden sein, daß die Prnssiens den „patriotischen" Inhalt des Stückes verhöhnten. Daher wurde die Entfernung der Gäste lärmend verlangt unb durch­gesetzt, und die Deutschen zum Bahnhof getrieben.

Unsere Regierung muß für volle Aufklärung und für die angemessene Sühne sorgen. Wenn aber einige Blätter die Sache sofort in einem leidenschaftlichen Tone behandeln, als ob ber Krawall von Nancy das Borspiel für einen deutsch-französischen Krieg wäre, so muß man doch sagen: die ruhige Behandlung des Vorfalles entspricht unserer Würde und un­terer Stärke. Wenn die Franzosen sich durch blin- den Eifer zu Ausschreitungen hinreißen lassen, die ebenso töricht als häßlich sind, so müssen wir ihnen gerade durch die Besonnenheit und kaltblütige Sicher- heit imponieren.

Die Radauhelden von Nancy haben gewiß sich eingebildet, daß sie ihrem Vaterlande einen Dienst leisteten. In Wirklichkeit haben sie die deutsche Wehrvorlage unterstützt. Denn die Ge­fahr der französischen Volksleidenschaften, auf die bei der Begründung der Heeresvorlage hingewiesen wurde, ist durch den Zwischenfall handgreiflich ge-- worden.

Nun darf man freilich die Roheiten, die eine An­zahl von Einwohnern Nancys in der Nacht vom Sonntag auf den Montag begangen haben, nicht ohne weiteres verallgemeinern. Es kommen viele Tausende von Deutschen zu vorübergehendem Aufenthalt nach Frankreich, und noch mehr Tausende haben dort dauernden Wohnsitz. Belästigungen oder gar Miß. Handlungen kommen doch nur selten vor. Im vor­liegenden Fall muß man noch in Betracht ziehen, daß die Geister des Alkohols und des Tingel­tangels mitgespielt haben. Am Abend eines ver­gnüglichen Sonntags waren offenbar die Deutschen zum lauten Sprechen und die Franzosen zu Mißver­ständnissen und Widerspruch aufgelegt. Tie Um­stände welche entweder mildernd oder auch erschwe­rend ms Gewicht fallen, muffen ja erst noch aufge­klärt werden. Vorläufig kann man nur sagen: der Zwischenfall hat auf» neue bewiesen, daß die Volks­stimmung in Frankreich zur Zeit sehr reizbar ist, und daß in der Nähe dieses Pulverfasses jeder Funke gefährlich werden kann. Einr gewisse Vorsicht und Zurückhaltung, namentlich in Lokalen, wo „patriotische" Stücke gegeben oder Lieder gesungen werden, ist allen Deutschen jenseits her Grenze

dringend anzuraten. Für unverdientes Mißgeschick wird ihm natürlich die gebührende Sühne verschafft werden.

Im übrigen kann man von unserer Seite zur besseren Erziehung des französischen Publikums nichts tun. Wir müssen die Entwicklung der dortigen Volksseele abwarten, indem wir uns sagen: Solche Ausschreitungei, sind nur ein Zeichen der Schwä­ch e. Gerade weil Deutschland stark ist, brauchen wir unsererseits nicht in Aufregungen, Demonstrationen und billigen „Heldentaten" auf der Straße zu machen. Wir verstärken unsere Wehrmacht; das ist das beste Mittel, um die Leidenschaften der verhetzten Nach­barn abzukühlen. Ruhig, aber fest!

Deutsches Reich.

r Berlin, 14. April 1913. Die diesjährigen Kaisermanöver zwischen dem 5. (Pofenschen) unb 6. (Schlesisckien) Armeekorps, die vom 10.—12. Sep­tember ftaltfinben sollten, sind auf Befehl bes Käfters auf ben 8.—10. September verlegt worben. — Der bayerische MinisterpräsiDent Frhr v. Her Hing traf am Montag in Berlin ein. Seine Anwesenheit soll dem Zwecke ber Fühlungnahme über verschiebene Fragen ber Deckungsvorlagen gelten. — Die nächst« Sitzung de? Herrenhauses ist vom Präsidenten bes Herrenhauses auf Donnerstag, ben 24. April anberaumt worben. — Prinz Heinrich von Preußen hat am Montag abend die Rückreise von London nach Deutschland angetreten. — Nach Ber­liner Blättern dürfte sich ber BundeSral demnächst mit ber Frage ber Verleihung des Titels Dr. med. d en t., sowie mit anderen Wünschen ber Zahnärzte auf Grund einer erneuten Eingabe befassen, die bie Verleihung bieses Titels beantragt und Damit ben einmütigen Wunsch bes zahnärztlichen Standes zur Geltung bringt.

* Die Kaiserreist«. Der Kaiser wird in diesem Iahte bas Königs-Ulanenregiment in Hannover am 20. Ium besichtigen. Von Hannover aus begibt er sich nach Hamburg, wo er am 22. Juni ben aroßcn Rennen beiwohnen roirb. Am 24. Juni findet bie W ttfahrt auf ber Unterelbe statt. Wäh­rend ber Kieler Woche, bie bis zum 4. Juli bauert, werden im Verhältnis zu anderen Jahren wenig Festlichkeiten geplant. Für ben 6. Juli ist die Wettfahrt in Travemünde festgesetzt und am 7. Juli roirb ber Käfter feine Nordlanbreif» anheten.

* Zur Lösung der braunschweigischen Thronfolge- frage schreibt ber .Berliner Lokal-Anzeiger", beffen sich Die Regierung bekanntlich öfters als Sprachrohr be» bient:

Die von anderer Seite verbreiteten Gerüchte, die den jüngsten Besuch de» Reichskanzler» am lästerlichen Hoflager in Hornburg mit eiier unmittel­bar bevorstehenden Neuregelung der braunschweigische« Thronsolgeirage in Verbindung bringen, eilen den Tat­sachen voraus. Der Kaiser hatte den Wunsch, ben Reichskanzler dem Herzogspaar von Cumberland vorzu- stellen. Diesem Zweck galt jener Betuch in erster Linie. Gleichzeitig hielt ter Reichskanzler dem Kaiser über mehrere laufende Angelegenheiten Vortrag. Daß in der längeren Unterredung des Herzog» von Cumberland mit Herrn v. Bethmann-Hollweg auch die braunichwcigische rage erörtert worden ist, hat eine große Wahrschein, lichtest für sich, nicht aber die Annahme, daß diese etwaige Erörterung bereit» zu ihrer völligen Lötung ge­führt hätte, so daß demnächst schon Dem Bundesrat ein neuer preußischer Antrag wegen dieser Angelegenheit zu­gehen tönnte.

.:. Eine schwere Niederlage unserer Regierung beim Petroleum Monopol ist biefer Tage in ben Ber­einigten Staaten erfolgt. Die Commerce Court, die Berufungsinstanz der Interstate Commerce Com­mission hat oem amerikanischen Kongreß das Recht abgesprochen, die Rohölröhrenlertungen der Standard Oil Co. als „comnton sarries" (öffentliche Beförderungsanlagen) zu erklären, d. h. ihnen die Pflicht auszucrlegen, auch Rohöl anderer Produktionsgefellschaften nach den Raffinierien zu befördern. — Mr. Chamberlain hatte seinerzeit in Berlin in den Verhandlungen, die er im Auftrage der unabhängigen amerikanischen Raffinerien mit der deutschen Regierung über Lieferungen für das deutsche Petroleummonopol führte, feine Behauptung, daß die unabhängigen amerikanischen Raffinerien der Mono­polverwaltung auch unter Ausschaltung der Stan­dard Oil Co. voraussichtlich zu „common farrieS" er. klärt werden würden. Diesem Teil der Behauptun- gen des Mr. Chamberlain ist jetzt durch das Urteil der Commerce Court der Boden entzogen worden. —- Wa» sagt nun unsere Regierung zu diesem Hercinfall, der alle ihre Hypothesen über den Haufen wirst? Es ist gut, daß es schon jetzt kommt, sonst müßte da­deutsche Volk die Zeche bezahlen.

** Za dem Kapitel .Die Universitäten und die Katholiken", insbesondere zur Beleuchtung ber liberalen Behauptung, .baß bei Bern ungen bte Konfession nie in Frage komme*, hat bie ,Augsb. Postztg/ folgenbett Beitrag erhalten:

Fm Jahr» 1893 ober 94 erzählte der verstorben» Dr. Datier in einem Heinen Gesellschaftskreise, dem ich angehörte — e» war in Freysing — folgendes: „Minister von Müller tragt» mich über Dr. Max Wester« mater, der Privatbozent an ber Berliner Universität war unb al» Professor der Naturwissenschaft an daS Lyreum in Freising berufen werden tollte. Ich ertlärte ihm, daß ich Weftermaier weder persönlich noch nach feinen wiffenfchaftlichen und wnstigen Qualitäten kenn». Daraus ersuchte der Minister den Berliner Pioieffor Schwendener, bei dem Westerma er al» Aytstent arbeitete, brieflich um ein Urteil über Weftermaier. Der Minister ließ mich den Brief Echwendeners lesen. Dieser stellte Dann We>termaier hinsichtlich feiner wissenschait- lichen Tüchtigkeit rote feine» Fleißes daS glänzendste Zeugni» au», bemerkte aber, „bet der e n t) d) t e b e n katholischen Besinnung We lermaier» sei es ganz au-qeschlossen. daß er je an einer Unioerft. tät Deutschland» oder Oesterreichs ankomme; e» freue ihn aber, daß Weftermaier roenignen» an einem Lyzeum feine Kenntnisse verwerten könnte." Ich bat den Minister, er möge diesen interessanten Brief zu Den Per- fonalatten SBeftermaier» legen." — Soweit die Erzählung