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Nr. 84» Lrstes Blatt.

S S wochm-veilage: 2 2 1-2 monats-Beilage: 2 2

Illustrierte Sonntogszelhtng | Zuldaer SefchichtrblLtter

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Samstag den l2. flprll 1913»

40. Zahrgang.

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 11. April 1913.

Die erste Beratung der Deckungsvorlage wird fort» gesetzt.

Abg. Patzer (F. Lp.): Die gleichzeitige Verabschie- düng der Wehr» und Deckungsvorlage ist unbedingt not. wendtg. Prinzipielle Bedenken gegen den Wehrbeitrag sind nicht vorhanden. Wir wollen diese Harmonie nicht stören. Die Sozialdemokraten scheinen bei dieser Ge. legrnheit positiv Mitarbeiten zu wollen. Das Zentrum hat aber bestimmt erklärt, daß die Vorlagen nur von einer bürgerlichen Mehrheit verabschiedet werden sollen. Tiefer Standpunkt muß zu lächerlichen Konsequenzen führen, aber das Zentrum wird daran die Vorlagen nicht scheitern lassen. Der Redner ist einverstanden da­mit, daß von einer indirekten Besteuerung Abstand ge­nommen ist. Mit der Ausdehnung des Erbrechtes deS Reiche» und der Beibehaltung der Zuckersteuer findet er sich ab. Dagegen erklärt er sich gegen die Forter. Hebung der Reichszuschläge auf den Grundstücksumsatz, stempel und die geplante Abänderung der Reichsstempel- gesetzg-bung und die veredelten Matrikula rbeiträge. Seine Partei wird die Erbanfallsteuer und die Reichs. Vermögenssteuer beantragen. Mit der Einführung einer Staffelung und der Steuerfreiheit der kleinen Vermögen, Berücksichtigung der Kinderzahl bezw. der zum Militärdienst eingezogenen Söhne ist er einver. ftc i. Er wünscht die Heranziehung der Bundes, fü ausdrücklich im Gesetz ausgesprochen.

Ae-g. Frhr. v. Girmp (Rp.) teilt einen großen Test bet Bedenken der Zentrumsredner. Das Reich dürfe aber unter keinen Umständen ganz und gar den Weg der indirekten Besteuerung verlassen. Auch er ist für eine Kombination zwischen Einkommen und Vermögen und Steuerfreiheit der kleinen Vermögen. Die Ein» kommengrenze von 60 000 Mark hält auch er für zu hochgegriffen, er kann aber nicht zugeben, daß die Lan­desfürsten ohne weitere» der Steuer unterworfen sein sollen. Bedenken gegen eine maßvolle Abstufung der Steuer hat er nicht. Besonders will er das Augen, merk auf die Steuerhinterziehungen begüterter Fami­lien unter einer Gesellschaft m. b. H. lenken und hofft, daß die Kommission hier Wandel schaffen wird. Be­züglich der veredelten Matrikularbeiträge solle man keine Bestimmung in das Gesetz aufnchmen, sondern den Bundesstaaten voll« Freiheit lassen, die auch die Veranlagung vornehmen müßten. Er ist für Ermäßi- gung des Umsatzstempels.

Abg. Graf v. PosadowSk» (b. k. P.): Es ist eine Forderung bcr Gerechtigkeit, daß die neuen Lasten von den Besitzenden getragen werden. Es ist ober eine Täuschung, wenn man glaubt, weiterhin von der Auf. erlcgung indirekter Steuern absehen zu können. Ich will mich nur mit einer Vorlage beschäftigen und mich gegen das Erbrecht des Staates aussprechen. Ich bedauere, daß die verbündeten Regierungen diese Vorlage wieder eingebracht haben. (Sehr richtig! rechts.) In den Motiven wird erklärt, die Familienbande seien gelockert. Was muß da ein Ausländer vom deutschen Familienleben denken! Ich bedauere, daß die Regie, rung ein solches Zerrbild vom deutschen Familienleben gibt. Tie Regierung hätte die Pflicht, alles zu tun, um diesem Uebelstande entgegenzutreten. Erbitterte Pro­zesse zwischen Erben und Fiskus werden die Folge sein. Auf die Versprechungen in den Motiven ist wenig zu geben. Die Regierungen wechseln, dafür bin ich ja ein lebendes Beispiel. (Heiterkeit.) Dieser Gesetzcsvor- schlag ist ein tiefer Eingriff in das Familien recht und das Familienvermögen. Er muß abgelehnt werden. Aber luch das, was man den besitzenden Klassen auferlegen kann, hat seine Grenzen, wenn man nicht die Eewerbs- sähigkeii schädigen will. Wir haben schon viele Finanz­reformen gehabt; keine hat geholfen. Die Welt wird alt und wieder jung, der Mensch hofft ewig auf Besse- rung. ES werden auch noch neue Finanzreformen kam. men^t da ist die größte Sparsamkeit die unbedingte

Staatssekretär Kühn bezeichnet das Erbrecht deS Staates als durchaus notwendig; alle Kreise müßten zu der Steuer hinzugezogen werden.

Abg. Emmel <Soz.): Hinsichtlich der Erbanfallsteuer haben sich die Liberalen entschieden ausgesprochen. Die Haltung der Nationalliberalen ist leider nicht mehr so entschieden wie bei den Neichstagswahlen. Wir lehnen alle Steuern ab, durch die Arbeiter und Beamte weiter belastet werden. Gegen die Verlängerung der Zucker­steuer erheben wir Einspruch. Daß die Fürsten, die sich bisher von Steuern gedrückt haben, an dem Wehr­beitrag teilnehmen, ist selbstverständlich. (Vizepräsident Dove rügt den Ausdruck.) Eine weitere Erhöhung der Matrikukarbeilräge ist im Interesse der Einzelstaaten nicht gut möglich. Da» vorliegende Besitzsteuergesetz leh. nen wir ab. Gegen eine Versteuerung der Vermögen bcr Gewerkschaften protestieren wir. Zur Einführung einer Vermögens- und Erbschaftssteuer sind wir bereit.

Reichsschatzsekretär Kühn: Nachdem der Herr Prä. sident schon die Aeußerung des Vorredners zurückge- wiesen hat, daß eine Drückebergerei der Fürsten nicht geduldet werden könne, liegt mir noch daran, zu kon­statieren, daß nichts den Gedanken des WehrbeitragS fo populär gemacht hat, tote die hochherzige Erklärung (Gelächter bei den Soz.) bcr Bundesfürsten, auch ihrer­seits zu den Lasten deS Gesetzes beizutragen. ES ist nicht richtig, daß die Finanzverwaltung mit jeder Steuer, die sie bekommt, einverstanden ist. Sie muß vielmehr barauf sehen, daß die Steuer nicht bloß ihrem Interesse, sondern auch den wirtschaftlichen Interessen entspricht und das Interesse de» Reiches, der Bundesstaaten und bet Allgemeinheit gewahrt wird.

Abg. Roland-Lücke (natl.) bespricht vom banktech­nischen Standpunkt die geplante Erhöhung des Reichs- kricgsschaheS und ist für Erbanfallsteuer und Vermö­genssteuer. Er wünscht in Erwägung zu ziehen, ob die bom Militärdienst Befreiten von einem gewissen Ein­kommen an zu einer Wehrsteuer herangezogen werden können und ist gegen das Wertzuwachssteuergesetz.

SamStag: Fortsetzung.

Preußischer Land*

Abgeordnetenhaus.

Sitzung vom 11. April 1913.

D-r KultuSetat wird beim Titel „Turnlehrer" und *oiu')iuniii!en. und Blindenanstalten" roeiterberaten.

Abg. Vrctzler (Ztr.) ersucht die Regierung, für die ™“nlt bcr Taubstummenlehrer Schlesiens, besonders h, ^."^k>or und Liegnitz, entweder durch Ucbernahme fit. Taubstummenanstalten eine bestimmte Garantie zu vernehmen, ober falls dieS nicht möglich ist, durch

Ln.nc,ne Erklärung für dauernde Gewährleistung für Ruhegehalt, Witwen, und Waisengelder der ^Utbstummenlehrer Sorge zu tragen.

Bei dem Kapitel „Wohltätigkeit, Volksbibliotheken, Jugendpflege" bemerkt

Abg Heckenroch (L), daß die Jugendschriften einen stark national und christlichen Einschlag haben müssen und bedauert, daß die Stimmen aus Lehrerkreisen sich gegen solche Jugendschriften gewandt haben, wogegen entschieden aufgetreten werden müsse.

* Abg. Kesternich (Ztr.) wünscht bei jeder Tagung eine Statistik über Stand und Erfolg der Jugend- pflege, namentlich der staatlichen, dem Hause vorgelegt. Den konfessionellen Organisationen ist der Vorzug zu geben. Dies ist erfreulicherweise auch der Standpunkt evangelischer Kreise, wie die Kritik der „Allgemeinen evangel. Kirchenzeitung" über die nationale Jugend- pflege beweist. Vor allem müssen die nationalen Jugendpflegeorganisationen ihren Mitgliedern Gelegen­heit geben, den kirchlichen Pflichten nachzukommen, da sie sonst zur Pflichtversäumung und Unbolmäßigkeit er. ziehen. Das Bestreben des Ministers, den Jugend­pflegefonds in paritätischer Weise zu verteilen, wird vielfach von den Nachgeordneten Behörden nicht erfüllt. In konfessionell gemischten Ortschaften sind die Orts­ausschüsse in paritätischer Weise zusammen zu setzen. Die Stellungnahme in Lehrerkreisen zu den Jugend- schriften zeugt für Unterströmungen höchst unerfreu­licher Art in deutschen Lehrervereinen mit einem un­verständlichen Zartgefühl gegen die Sozialdemokratie. Die weibliche Jugendpflege darf nicht schablonenmäßig nach der männlichen organisiert werden. Sie wird nur Erfolg haben, wenn es gelingt, wahrhaft christliche Frauen und Mütter zu erziehen. Das größte Hinder­nis dafür ist das namenlose Wohnungselend in den Großstädten.

Kultusminister b. Trott zu Solz: Die Prüfungs­ausschüsse der Lehrer, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die Jugendliteratur zu prüfen, und Schund- und Fabrikware auszuschalten, haben sich großes Ver­dienst erworben. ES ist aber nicht zu leugnen, daß sei­tens einzelner Mitglieder Aeußerungen gefallen sind, die ich zurückweisen muß. Das gilt namentlich von den Tendenzen deS Hamburger Prüfungsausschusses. Die Literatur, welche die Ausschüsse empfehlen, ist nicht so bedenklich, wie es vielfach hingestellt worden ist. Es be­finden sich darunter eine große Anzahl patriotisch ge­sinnter Bücher und nicht eins, das sozialdemokratischen Tendenzen zuneigt.

Abg. Dr. b. Schenckendorf (natl.) schlägt für die Jugendpflege der Schulentlassenen Horte für aufsichts­lose Schulkinder vor.

Abg. Hoff (Lp.) verteidigt den Hamburger Prü­fungsausschuß.

Abg. Dr. v. Woyna (sreikons.) wünscht das Ver­schwinden von Schriften sozialdemokratischer Färbung aus der Jugendliteratur, will aber baS Konfessionelle der Jugendpflege nicht zu stark betont wissen.

Abg. Hirsch-Berlin (Soz.) betont, daß bei der staat­lich geförderten Jugendpflege es sich in erster Linie um eine Bekämpfung der proletarischen Jugendpflege handele.

Abg. Dr. Eampe (natl.) nimmt dann den Deutschen Lehrerverein gegenüber den Vorwürfen beS Abg. Kester­nich in Schutz.

Abg. Frhr. b. Wolff-Metternich (Ztr.): Wie von einem Schwarm von gefährlichen Insekten wird ifnfer Volk und unsere Jugend von schlechter Literatur über­flutet Ich erinnere nur an den „Simplizissimus" mit seinem unflätigen Inhalt. Jeder anständige Mensch sollte sich schämen, das Blatt zu lesen. (Sehr richtig! rechts und im Zentrum.) Da sollte der Staat jede Hilfe annehmen, die sich ihm gegen solche Bestrebun ’tet. Ich empfehle ihm die Unterstützung des SBc r.

eins, der gute Lektüre verbreitet. Er berub. auf katholischer Grundlage, ermöglicht aber Mitgliedern aller Konfessionen Teilnahme an seinen Veranstaltungen. Vor allem sollten untergeordnete Stellen die Kommunen nicht daran hindern, dem Vorromäusverein Unter­stützungen zukommen zu lassen.

Abg. Ramdohr (sreikons.) gibt dem Hause einige Proben aus einem sozialdemokratischen Liederbuch.

Ein Antrag auf Schluß der Debatte wird ange­nommen.

Beim Titel „Kunst und Wissenschaft" erklärt

Abg. v. Goßler (kons.), daß erfreulicherweise das Verständnis für die Kunst im Volke im Zunehmen fei Für den Musikunterricht müsse noch mehr getan werden.

Abg. Dr. Kaufmann (Ztr.) ist zufrieden mit dem Fortschritt unserer Museen. Die Wünsche der Muscums- aufscher unterstützt er. Er spricht dann eingehend über die Nationalgalerie, freut sich über die Berücksichtigung ausländischer Künstler, und entwirft Zukunftspläne eines Museums des zwanzigsten Jahrhunderts.

Samstag: Fortsetzung.

ä£ Eine Erklärung der rn^ chen Regierung.

Die russische Regierung veröffentlicht eine umfassende Darstellung ihrer Balkanpolitik, die durch das offene Eingeständnis von bisher schamhaft verschleierten Dingen sehr interessant und lehrreich ist Die Kundgebung besagt:

Das hauptsächlichste Ziel, welches Rußland anläßlich der militärischen Erfolge der verbündeten Balkanstaaten verfolgt hat, war, den Siegern die Erfolge i h r es Sieges so weit als irgend möglich zu sichern. Tic Lokalisierung des Krieges war nur durch einmütigen Verzicht der Großmächte auf territoriale und sonstige Vorteile für eigene Rechnung und durch Verzicht auf jede Einzelaktion von ihrer Seite möglich. Diese nega­tiven Bedingungen brachten eine dritte positive mit sich, nämlich Revision der durch den Krieg geschaffenen Si­tuation und Anpassung derselben an die Interessen der Großmächte. Unter diesen Bedingungen wurde die Botschafterkonferenz in London einberufen, die soeben die schwere Aufgabe gelöst hat, die nördlichen und nordöstlichen Grenzen Albaniens festzusetzen. Andererseits wurden die Interessen der Albanesen von Oesterreich-Ungarn und Italien geschützt. In Verfolg langer und hartnäckiger Verhandlungen und gegensei. tiger Zugeständnisse glaubte Rußland die Annexion von Slutari an Albanien zugestehen zu müssen. Dieses unser Zugeständnis an die Aufrechterhal­tung des Friedens, dessen Erschütterung aus diesem Anlaß hätte absurd erscheinen müssen, ist bekannt. Daß Skutari eine rein albanesische Stadt und der Sitz eines katholischen Erzbischofs ist, wird durch­aus bestätigt durch den Bericht beS russischen Vizekonsuls in Skutari, welcher auf Grund von Tatsachen die Haupt- sächlich militärische Wichtigkeit SkutartS nachweist. Die Montenegriner sind schon unfähig, einige tausend k a - lhoIischer u*»i> muselmanischer Albaner, welche seit 35 Jahren in den Grenzen Montenegros wohnen, s i ch ? u assimilieren. Folglich würde die Annexion eines Leiies deS Sandschaks und diejenige Skutaris le­diglich bewirken, Montenegro durch die Einverleibung einer geringen Anzahl von Montenegrinern und von

hunderttausend Menschen andern Blutes, anderer Sprache und anderer Religion zu schwächen, was Mon­tenegro in die Gefahr bringen würde, ein montenegri­nisch gefärbte» Albanien zu werden. König Rikita h a t bie Verpflichtung, welche er übernommen hatte, Rußland von bem Beginn bc» Krieges vorher zu benachrichtigen und seine Zustimmung einzuholen, nicht erfüllt Trotzbem lieh i h m der Zar groß­mütig seine Hilfe, indem er der montenegrini­schen Bevölkerung Hilfsmittel und Beistand zusagte. Als die Frage von S k u t a ri gelöst war, wurde der König freundschaftlich davon in Kenntnis gesetzt unter Hinweis auf bie schwere Verantwortung, bie er auf sich nehme, wenn er weiterhin seinen Widcr- ftanb fortsetze. Dann wurde ihm der Rat erteilt, nicht persönliche Gesichtspunkte zu verfolgen, indem er bie Montenegriner nutzlosen Massakres preisgebe. Als biese Schritte bei König Nikita erfolglos waren, würbe es klar, baß er mit der Einmischung Rußlands, ber Großmächte und einem europäischen Krieg rechne. Die ruf- fische Regierung konnte also nicht dagegen sein, daß Maß­regeln ergriffen würden, bie sich nach der Weigerung des Königs Nikita, sich bem Beschluß ber Mächte zu un- tertoerfen, als notwendig erwiesen. Die königliche Re­gierung verliert nicht die Hoffnung, daß Montene­gro seine hartnäckigen Bemühungen ein- fielt en wird. In diesem Falle würde Europa Mittel finden, die Loge des montenegrinischen Volkes zu erleich­tern, das schwer zu tragen hat an den durch bie Belage­rung von Skutari geforderten übermäßigen Opfern. Die Großmacht Rußland hat niemals mit Opfern und Hilfe für ihre slawischen Brüder gespart, aber diefe letzteren ihrerseits haben auch die Pflicht, die Ratschläge zu respektieren, mit denen Rußland keinen Mißbrauch treibt, und sich zu erinnern, daß, wenn wir stolz auf ihre Erfolge sind, diese doch nicht hätten «reicht werden können ohne Rußland, welches ihnen Leben gab, und welches ihnen sowohl in bcr Freube wie im Schmerze noch immer nötig ist, besonders auch, um die Einigkeit unter ihnen aufrecht zu erhalten, ohne welche diese Völ­ker keine Kraft noch Stärke gewinnen können. Diese Beziehungen Rußlands zu den slawischen Völkern schlie­ßen jede Feindseligkeit gegenüber anderen Staaten aus. Die innere Kraft Rußlands hat nicht nötig, von Besorg­nissen zu Drohungen überzugehen, welche nicht der Aus­druck der Stärke eines Volkes fein würden.

Taz gegenwärtige Ministerium in Petersburg will sichrechtfertigenvor den Panslavisten, die über die Preisqebung Skutaris natürlich sehr er­grimmt sind. Die „Flucht in die Oesfenilichkeit" ist nicht immer ein Beweis für die Stärke der offenher­zigen Regierung; doch im vorliegenden Fall deutet alles darauf hin, daß Herr Ssasonow und feine Kol­legen sich fest fühlen und der Zustimmung des Zaren sicher sind. Sonst hätten sie Wohl den diplomatischen Mantel nicht so weit aufgeknöpft.

Tie Kundgebung ist insofern erfreulich, als sie für den friedlichen Ausgang des gegenwärti­gen Konflikts ine weitere Bürgschaft bietet. Die Sorgen um die Zukunft werden jedoch nicht ver­mindert; im Gegenteil: Oesterreich (und mittelbar das deutsche Reich) muß jetzt erst recht mit der ein­gestandenen Tatsache rechnen, daß Rußland der Lehnsherr der Balkanstaaten ist, und daß es diese Oberherrlichkeit auch künftig zu benutzen gedenkt zur Erhebung des Slawentums und zur Schä­dig un g der katholischen Kirche.

König Nikolaus von Montenegro hatte, wie die russische Negierung öffentlich feststellt, die Verpflich­tung übernommen, Rußland von dem Beginn des Krieges vorher zu benachrichtigen und seine Zustim­mung einzuholen. Natürlich hatte Rußland mit den Bulgaren und Serben dasselbe Abkommen getroffen. Also war der Balkankrieg eine russische Machenschaft; von der Zustimmung des Zaren sollte das Losschlagen abhängen.

Tie russische Negierung sagt ferner, daß Rußland erst den slawischen Balkanstaaten „das Leben ge­geben" habe. Mit der Hilfeleistung und den Opfern für die slawischen Brüder habe Rußland nicht ge­spart. Den Balkanstaaten wird auch bemerkt, daß sie die russische Hilfe noch weiter nötig haben, na­mentlich auch zur Erhaltung der Einigkeit. Das ist die Bestätigung der Nachricht, daß die Balkanverbün­deten den Zaren als S ch i e d s r i ch t e r bei einem Streit um die Beuteverteilung vorgesehen haben. Auf Grund der bisherigen und der künftigen Wohltaten leitet die russische Negierung für die Balkanstaaten die Pflicht her, die „Ratschläge" Rußlands zu re­spektieren. Man kann nicht deutlicher das Vasallen­tum kennzeichnen.

Besonders beachtenswert ist dann die Ausfüh­rung, warum Rußland Skutari lieber bei Alba­nien lassen, als zu Montenegro schlagen will. Sku­tari ist zu katholisch. Die Montenegriner, heißt es da, seien schon unfähig, einige tausend katholischer und muselmanischer Albanier, die seit 35 Jahren in ihren Grenzen wohnen, sich z u assimilieren. Wenn noch 100 000 Menschen anderen Bluts, anderer Sprache und anderer Religion hinzukämen, fo würde Montenegro dadurch geschwächt. Ter russische Ge­sandte in Eetinje hat noch ausdrücklich hervorgehoben, daß die Vereinigung einer bedeutenden Anzahl von römischen Katholiken „das Eindringen fremder Ein­flüsse" erleichtern würde. Also die „Assimilie­rung" wird hier oberherrlich proklamiert. D. h.: die Katholiken in den Slawenstaaten sollen nach und nach schismatisch gemacht werden. In Dschakowa hat man bekanntlich schon die „Assi­milierung" auf dem beschleunigten Wege der Todesandrohung in Gang gebracht! Rußland selbst betreibt bekanntlich seit Jahren mit allen Mitteln der List und Gewalt die Bedrückung des katholischen Kirchenlebens und den Seelenfang zu Gunsten der lchismat. Staatskirche. Tie slawischen Vasallen aus dem Balkan folgen dem Beispiel und der jetzt beige­fügten Belehrung natürlich sebr gern; sie haben ja foeben schon die österreichische Forderung nach Schutz der Religionsfreiheit der Minderheiten rücksichtslos abgewiesen. Tie kirchenpolitifchen Betrachtungen in dem neuesten Erlaß der rufsifchen Regierung zeigen nun erst recht, daß es unbedingt notwendig ist, den gefährdeten Katholiken in den eroberten Ge­bieten z u H i l f e z u kommen, sowohl aus dip­lomatischem Weae als durch geeionete Unter­

stützung dieser Diaspora-Gemeinden. Das ist vo allem Oesterreichs Ehren- und Gewisfenspflicht

Was nun die deutsche Staatskunst angeht, st kann man leider nicht leugnen, daß unsere Dip. lomaten das gefährliche Spiel der rufsifchen Po» litiker nicht rechtzeitig durchschaut haben. Wenn Herr v. Bachmann ebenso offenherzig über unsere politische Arbeit sich ausfprechen wollte, würde er nicht den selbstbewußten Ton seiner russischen Kol- legen nachahmen können. Wir sind ja noch glimpf» sich davon gekommen, aber bessern kann sich unsere Diplomatie doch!

Deutsches Neich.

Hohenzossern und Cumberlander in Homburg.

dh. Homburg 6. d. £>.. ll. April 1913. Ter Kaiser begab sich heute ttüh 8 Ubt m t dem Prinzen Adal­bert auf die Saalburg. Die cumbetlnnbifdjen Herr- ichasien verblieben während der Vormittagsstunden in ihren Gemächern. Reichskanzler von Bethmann» Hollweg, der am Mor en in Begleitung seines Ad­jutanten von Sell und des Geheimrats Burchatdt von Bersin hier eintraf, empfing kurz nach iem r Ankunft den Besuch des Gehetmrats von Wense, deS Bevollmächtigten des Herzogs von Cumberland. Um 10'/, klar begab sih der Kanzler zum Vortrag m das Schloß. Dann wurde er vom Herzog von Cumberland in Isi,stündiger Audienz empfangen. Um 1 Uhr fand im Schloß Hoftafel statt, an der auch das Prinzenraar Friedrich Karl von Hessen teilnahm. Der Nachmittag war einer Rundfahrt durch den Taunus gewidmet, bei der auch Schloß Friedrtchshof beiucbt wurde. — Prinz und Prinz« sin Eitel Friedrich trafen 58/< Uhr von Baden-Baden in Homburg zu mehrtägigem Aufenthalt ein. — Wie rotr von gut unterrichteter Seile hören, findet die Verlobung des Prinzen Adalbert von Preußen mit der Prinzeisin Olga in Homburg mit statt. Der Reichskanzler begab sich heule abend 10.20 Uir über Frankiurt nach Berlin zurück Die Abfahrt der eumberländischen (Säfte ist auf Samstag nach­mittag 3 Uhr festaesetzt. Die Herrschaften begeben sich zunächst nach Karlsruhe.

5 Berlin, 11. April 1913. Prinz Heinrich von Preußen wurde am Donnerstag von König Georg im Buckingham - Palast empfangen i.nb nahm nach dem Empfange mit dem englischen Königspaar daS Frühstück ein. — Ter Ausschuß des deuttchen Handelslager wird am 22. April eine Sitzung abbalten.

s Die Bubgetkommifsion des Reichstages setzte mv Freitag die Beratung des Militäretats fort Der Etat fordert 65 persönliche Adjutanten für di« deutschen, Fürsten und Prinzen mit einem Aufwand von 346 000 Mk. Ein Zentrumsredner verlangte die Besei» tigung der Adjutantenstellen für die Prinzen mit Aus­nahme des Kronprinzen als Thronfolger. Der Kriegs- Minister bittet um größte Vorsicht bei Behandlung die­ses Gegenstandes. Er will gern in Verhandlungen ein. treten, aber eine Brüskierung der Fürsten könne die Kommission doch nicht wünschen. Die von dem Minister vorgeschlagene Vertagung der Verhandlung wurde ab- gelehnt und beschlossen, die Frage sofort zu behandeln. Die Sozialdemokraten beantragen, auch von den zwölf Adjutanten des Kaisers sechs zu streichen. Der Kriegs. miniftcr bittet dringend, es beim bisherigen Zustand zv belassen, es würde sonst als eine Politik der Nadelstiche empfunden werden, wenn hier eine Streichung tiorgo nommen würde. Die zwölf Stellen rowrben gegen die Sozialdemokraten bei Stimmenthaltung der Volksoartei genehmigt. Das Zentrum beantragte eine Resolution, welche den Kriegsminister auffordert, bis zur dritten Le. fung die Vorbereitungen zu treffen, daß entbehrliche Adjutanten beseitigt werden. Ein Antrag der Volks- Partei ersucht den Reichskanzler, den in Betracht kom- menden Fürsten und Prinzen als die Anschauung des Reichstags zum Ausdruck zu bringen, daß angesichts der Rüstungserhöhung für das deutsche Volk ein Verzicht auf eine Anzahl Adjutanten dringend gewünscht werde« müsse. Beide Anträge wurden mit großer Mehrheit an­genommen.

s Tie Agrarkommission beS Abgeordnetenhauses hat, gegen zwei Stimmen die Regierungsvorlage angenom­men, in der 10 Millionen Mark angefordert werden für Beteiligung deS Staates an gemeinnützigen Ansied- lungSgesellschaften,

♦♦ Sin Künftlerpr ölest. Eine Anzahl deutscher Schriftsteller will jetzt mit einer Erk ärung an den Reichstag berontrefen, die äußerst scharf gegen bie neue Wehrvorlage Stellung nimmt Die Erklä­rung lautet:

„Die Wehrgeketze, die bem deutschen Volke jetzt zu. gemutet werden, widersvrechen bem Kulturgewissen und kompromittieren Deutschland vor der Geschichte. Weit entfernt, eine Frieden»garantie w fein, reizen diese Wehr- gefetze vielmehr die übrigen Staaten zu neuem Wett­rüsten und erschweren bie friedliche Annäherung der Nationen. Da die Wahrscheinlichkeit leider nicht besteht, daß der Reichstag die Wehrvorlage ablehnt, fet hier fest- gestellt, daß das geistige Deutschland sich feiner sogen mnten Volksvertretung schämt."

Daß sich die Herren — eS befinden sich darunter u. a. Heinrich Mann, Frank Wedekind, Alfred Kerr, Franz Blei, Peter Scher und Dr. S. Friedländer — .das geistige Deutschland" nennen, ist ein starkes Stück. Noch stärker ist die Anmaßung, die darin liegt, daß bie Herren sich erlauben, in Bausch und Bogen dem Deuts hen Retch-tag ihr Mißtrauen auszu- drücken. Es gibt immer wieder Leute, die sich bet jeder unpassenden Gelegenheit tn Dinge mt ch n müssen, von denen sie d e Ftnger lassen sollten. Die Mil weit lacht nur darüber

*♦ Eine Einladung zu einer deutsch-ftanzöfifchen Ver« ständigungS-Konferen» über die Aiistung-ftage ist, rote Der sozialdentokrattlche /Vorwärts^ mitteilen kann, von Mitgliedern vertchieeener Parteien des schroei zertschen Nationalrats ergangen. Die Konferenz soll bereits am 20. April in Bern stattfinden. Eme deutsch- französische Bertiändgung kann jedermann nut er- wünscht sein. Deutschland und Frankreich verbandet, würden tote sicherste Garantie für die Aufrechter dal- tung des Friedens in ganz Europa darbieten. Aber