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3. Blatt.

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Fuldaer Leitung. *$*

M 84.

»amstag 12. April 1915.

Vochen-Runvschau.

[:] Fulda. 11. April 1913.

Am 8. April wieder zusammengetreten, hat der Reichstag, nachdem er in der vergangenen Woche seinen eigenen Etat und einige Wahlprüfungen er. ledigt hatte — die Wahl des Abg. v. Oertzen (Hospi­tant der Neichspartei) wurde hierbei für ungilrig er- klärt —, am Montag die Beratung der neuen Wehr­vorlagen in Angriff genommen. Diese Beratung wurde von einer Rede des Reichskanzlers eingelettet, in der sich dieser über unsere auswärtige Lag:, wie sie sich durch den Balkankrieg gestaltet hat, in länge­ren Ausführungen verbreitete- Es kehrte darin 'n inimer neuen Variationen der Friedensgedanke wie­der, der unsere auswärtige Politik beseelt. Anderer- Els drang aber auch durch, daß dieser Friedensge- nke stärker ist als die Fricdenszuversicht. Während die äußerste Linke dies:» Heeresforderungen direkt ab­lehnend gegenübersteht, vertreten die übrigen Par­teien den Standpunkt, daß man das unbedingt Nö­tige nach sachlicher Prüfung bewilligen müsse. Ohne Abstriche wird die Heeresvorlage sicherlich nicht durch- s>chen. Die Dcckungsfragen sind bisher noch nicht in den Bereich der Beratungen einbezogen worden. Hierbei werden sicherlich die größten Schwierigkeiten zu überwinden sein, zumal hier die großen Gegen­sätze zwischen Rechte und Linke in punkw Erbschafts­steuer harte Sträuße versprechen.

Im preußischen Abgeordnetenhause stand der KnltuSetat zur Debatte. Beim Kapitel „Unitter, fitötcn" wurde die Ausländerfrage, die durch den Streik der Hallenser Kliniker besonders akut gewor­den ist, einer eingehenden Erörterung unterzogen. Man war allgemein der Ansicht, daß die deutschen Studenten nicht durch den Universitätsbesuch der Ausländer beeinträchtigt werden dürften, wenn man diesen gegenüber auch weiterhin nach alter deutscher Art Gastlichkeit üben wolle. Der Kultusminister Stellte überdies gegen den allzustarken Andrang ruf. isch-jüdischer Studenten Maßnahmen in Aussicht.

Unannehmlichkeiten mit unseren westlichen Nach­barn hätten sehr leicht durch den Flug des Zeppelin- luftschiffes „Z. 4" nach Luneville entstehen können, doch wurden sie durch das korrekte Handeln der Lei- ttmg des Lustkreuzers glücklich vermieden. Da jeder Spionagcverdacht als ausgeschlossen gelten mußte, wurde die Erlaubnis zum Rückflug nach den Reichs­landen von der französischen Regierung bald gegeben; von deutscher amtlicher Seite aus wurde dann auch nicht verfehlt, in Baris für die glatte Erledigung des Zwischenfalles Dank abznstatten.

In der auswärtigen Politik bereitet nach wie vor noch die Lösung der Balkanfrage der europä- ischen Diplomatie große Schwierigkeiten. Während die Pforte auf die Vorschläge der Mächte bedingungs­los einaeganaen ist. haben die Balkanstaaten in der durch Bulgarien überreichten Antwortnote in fünf Punkten ihre Forderungen formuliert. Am leichtesten dürfte es hier wohl bei dm Verhandlungen üb« die neue Grenze, die die Türkei erhalten soll, zu einer Einigung kommen, weniger leicht dagegen in der Frage der Abtretung der türkischen Inseln des ägä­ischen Meeres und in der Frage der Kriegsentschä­digung, ohne die der Balkanhund nicht das Schwert in die Sckeide stecken will. Wie verlautet, wird diese letztere Forderung von Rußland und Frankreich unterstützt, während England und der Dreibund Gegner derselben sind. Was die Inseln anbetrisst, so vertreten die Treibundmächte den Standpunkt, daß dir der kl "inasiatischen Küste vorgelagerten Inseln, also die Svoraden, unbedingt der Türkei verbleiben müffcn. Es ist wohl anzunehmen, daß die Entschei- düng der Mächte auch demgemäß ausfallen wird.

In ungeahnter Weise sind den Großmächten Schwicriakciten entstanden durch die Hartnäckigke'n, mit der sich König Nikita von Montenegro dem Willen Eurovas widersetzt. Es ist hierbei soweit ge- kommen, daß eine aus deutschen, französischen, ita­lienischen, englischen und österreichischen Kriegsschif­fen zusammengesetzte Flotte vor der montenegrini­schen Küste erscheinen mußte, um dem Herrn der schwarzen Berge den Ernst des EntschlusieS der Mächte deutlich vor Augen zu führen. Jetzt ver­lautet, daß die montenegrinische Regierung in letzter Stunde nachgeben will, und zwar gegen eine Geld- und Gebiets'ntschädigung. Es soll sich um 20 Mil­lionen Mark handeln, die das stets geldbedürftiqe Ländchen zur Befriedigung dringender Bedürfnisie äußerst nötig hat.

In China war der letzte Dienstag ein Tag voll großer Bedeutung. Trat doch zum erstenmale seit Bestehen d:r Republik das chinesische Parlament zusammen. Unter dem Salut der Geschütze fand die gemeinsame Eröffnung des Senats und des Reprä­

sentantenhauses statt. Gesetzgeberische Arbeit wurde noch nicht geleistet, diese soll erst am Samstag, bis £U welchem Tage sich das Parlament nach seiner Er­öffnung vertagte, ihren Anfang nehmen.

** Ein Urteil über das Zentrum.

In Chemnitz hat der konservative sächsische Lanotagsabg. Landgerichtsrat Dr. Rangier in einer öffentlichen Versammlung das Thema behan­delt „Taz Zentrum und wir". Seine Rede hat ihn bei der liberalen Chemnitzer Allg. Ztg. die höhnische Bezeichnung „ein konservativer Lobredner des Zen­trums" eingetragen; sie war aber mehr als eine Lobrede, nämlich das Ergebnis eines genauen Stu- dinms des Programms und des Wirkens des Zen­trums, und sie wurde gehalten zu dem ausgesproche­nen Zweck, weitverbreitete Vorurtelle gegen das Zentrum zu beseitigen. Wir danken dem Redner für seine muwolle Tat. Die Sächs. Dolksztg. gibt die Rede dem Inhalt nach wieder. Danach ging Dr. Mangler aus von der gegenwärtigen ungünsttgen Stellung ber konservativen Partei in Sachsen.

Die treuesten Anhänger hat man ihr abwendig ge- macht, die Bauern zieht der Bauernbund an sich, die Bürger der Hansabund. „Die Kreise von Bildung und Besitz hetzen die Massen auf in konfessionel­ler Hinsicht. Sie fördern die antikatholischen In- stinkte und benützen sie, um uns in protestantischen Kreisen unmöglich zu machen, indem man uns das Zen- trum an di Füße hängt." Wir stehen wir nun zum Zentrum? Wer ist daS Zentrum? Darüber wolle er die Wahrheit sagen und dabei so manches klarlegen, waS im hellen Sachsenlande Unwahres spukt.

Der Redner tat nun zunächst das Schlagwort vom schwarzblauen Block ab und betonte, ohne Hilfe des Zen­trums wäre die Finanzreform nicht mehr möglich ge- wesen. Das Zentrum war dabei im Gegensatz zu den liberalen Parteien durchaus uneigennützig, es stellte alle Sonderwünsche zurück und handelte streng patriotisch nach dem Grundsätze: Dem Reich muß gegeben werden, was es braucht. Und dafür verdient das Zentrum un­auslöschlichen Dank.

Man behauptet, das Zentrum sei in nationa­len Dingen unzuverlässig. Gewiß, eS ging zu Zeiten mit den Sozialdemokraten zusammen (?). Der natio­nalliberale Abg. Dr. H.eber sagte aber vor kurzem, er verstehe nid#., wie jetzt Leute iF 'stamontaneS Herz entdeckten, wo doch jetzt das Zent: in nationalen Fra­gen viel zuverlässiger sei als früb r, und wo doch die. selben Leute mit ihm durch ein ganzes Jahrzehnt zu- sammengearbeitei hätten.

Den evangelischen Deutschen wird immer damit gruselig gemacht, das Zentrum sei eine konsessio- nelle Partei. Ich sage Ihnen, das Zentrum ist keine kirchliche, sondern eine politische Partei wie die anderen. Freilich nimmt es die Interessen der Ka­tholiken in Schutz, toeil seine Wähler und Abgeordnete meist Katholiken sind. Aber Kirchenpolitik treibt auch gegebenenfalls jede andere Parier. Tas Zentrum ist keine konfessionell-kirchliche Partei, das besagt schon sein ganz eingehend ausgebautes Programm, daS es konse­quent verfolgt. Ich habe keine spezielle Ursacke, mich zum Verteidiger des Zentrums aufzuwerfen, aber daS sage ich Ihnen: Wäre ich ZentrumSmann, ich würde es als eine Beleidigung empfinden, wenn man meine Par­tei als eine ultramontane Partei bezeichnen würde! Denn das heißt ja nichts anderes, als daß das Zentrum die kirchlichen Interessen allen Reichsinteressen über­ordne!"

Da einige, scheinbar liberale Zuhörer ihr Mißfallen mit den Ausführungen nickt verbergen konnten, fügte der Redner noch bei: „Natürlich, hier wird wieder die Wahrhaftigkeit des Zentrums bezweifelt. Jeder Ehrenmann aber verlangt, daß man ihm glaubt, und daS können auch die Männer des Zentrums verlangen! Ich mache diese Ausführungen nicht, um das Zentrum durch dick und dünn zu verteidigen, sondern damit Sie die Scheuklappen verlieren, die Ihnen anerzogen worden sind von Kindesbeinen auf, in der Schule, durch die Presse und sonst überall im öffentlichen Leben. So stark wirkt diese Erziehung, daß eS Leute gibt, die schon unruhig werden, wenn sie nut vom Zentrum hören." — ES habe zu allen Zeiten Protestanten im Zentrum gegeben, so führte Redner weiter aus, so den Abgeordneten für Osnabrück, Gerlach, der ausdrücklich gesagt habe, daß ihm nie Grund ge­geben worden sei, Angriffe auf seinen Glauben zurück­zuweisen . Der Zentrumsverein zu Neustadt in der Hardt habe einen evangelischen Vorsitzenden.

Hebet die Jesuitenfrage führte Redner unge­fähr folgendes auS: Ich gebe zu, daß es uns schwer fällt, uns auf den Standpunkt des Zentrums zu stellen, denn gerade über die Jesuiten ist unS ein so schiefes und ungerechtes Urteil anerzogen worden, daß wir unS nicht leicht davon frei macken können. Hier kann nur eingehendes Studium abhelfen. Einschlägige katholische Schriften will ich Ihnen gar nicht empfehlen — daS wäre Ihnen zuviel zugemutet. Aber eS gibt auch pro­testantische Autoren, die den Jesuiten gerecht werden. Lesen Sie solche! Die Frage kann aber für unS heute nur lauten: Muß man das Zentrum verachten, weil eS sich der Jesuiten entnimmt? Holland, England, Däne­mark lassen die Jesuiten zu. Man hört nie Klagen über sie. Wären sie so gefährlich, wie man immer glau­

ben macht, wären sie eine Gefahr für_ den konfessionel­len Frieden, dann würden sie jene Länder längst auS- gewie.en haben. Hat aber ein Staat wie Deutschland, der Anarchisten, Nihilisten, Sozialisten, Umstürzler und Staatsfeinde jeder Art duldet, ein Recht, die Jesui­ten, denen man nichts nachsagen kann, um ihres Glaubens willen zu drang- falteten oder gar ihnen rein priesterliche Funktionen zu verbieten? Wenn sie wirklich den konfessionellen Ft den störten, so haben wir ja Paragraphen genug, sie zu belangen. Man sollte sich doch auf den Stand­punkt stellen: dies ist eine rein katholische A n- gelegenheit, die uns Protestanten gar nichts an» geht. Uns geht es nur soweit an, daß wir sagen: Stören sie den konfessionellen Frieden, dann bestrafen wtr sie! Tie ganze Jesuitenhetze ist eine künstliche Macke. Sc geht von einer gewissen liberalen Seite auS nach dem Grundsätze: „Dringt die positiv gerichteten Mächte auseinander! Teilt, und ihr werdet herrschen!" Ich habe Büch von Jesuiten gelesen. Und da muß ich sagen: Ich f i n d e ke i n e S ch u l d a n i h n e n. Ich habe keine Hetzereien auf Andersdenkende gefunden, keine antinationalen Tendenzen entdeckt. Wir sind ge. neigt, die Ursache zu dem konfessionellen Unfrieden im katholischen Lager zu suchen. Wer aber katho- l i s ch e Zeitungen liest — ich lese stets eine Zen­trumszeitung — der staunt über das Maß der friedfertigen Toleranz, mit dem man selbst prekäre Tinge unserer evangelischen Religion behandelt. Man würde also richtiger handeln, die wirklichen Vater, landsfeinde, die Sozialdemokraten zu bekämpfen, anstatt das Zentrum und die Jesuiten. TaS Zentrum ist eine christliche Partei, wie wir von der Anschauung durchdrungen, daß unser geistiges und Staatsleben auf christlichen Anschauungen beruhen muß. Darum be- kämpft eS auch die Sozialdemokratie mtt einer Energie, die für uns gerade vorbildlich fein kann.

Ob der Katholik die Heiligen und Maria noch der. ehrt, das ftnb Kleinigkeiten, und vor allem, was ficht das uns an! Wer auf ethische Werte nichts gibt, den will ich noch auf wirtschaftliche Hinweisen. Das Zentrum fördert den Mittelstand, engt das Großkapital ein, es ist für Schutzzollpolitik. Bismarck mußte den Kulturkampf abbrechen, weil die Liberalen versagten; er brauchte das Zentrum. Um des Vaterlandes willen stellte daS Zentrum die konfessionellen Interessen zurück und kämpfte mit dem gehaßten Kanzler für den Schutz der nationalen Arbeit. Wir wollen froh fein um unser selbst und um des Vaterlandes willen, daß wir ein so starkes Zentrum haben!

Ich bin mir bewußt, daß ich Ihnen manches gesagt habe, N«s Cie nicht billigen, weil eS Ihnen neu ist. Aber wenn ich nur den Zweifel in Ihnen erweckt habe, daß sich so manches anders verhält, als Sie eS hier in Sachsen zu hören bekommen, dann würde ich herzlich froh sein. Denken Sie immer daran, gerade diejenigen metfjen die meisten Religionsstreitigkeiten, die vvn Stammes- und Religions wegen am allerwenigsten dazu berufen sind."--

Soweit Abg. Dr. Mangler. Gewiß, bei vielen werden, so bemerkt dazu die Sächs. Bolksztg., seine vernünftigen Worte auf den Weg, auf steinigen Bo­den, unter die Dornen gefallen sein. Aber daß sie auch guten Boden vorfanden, das bewies der Bei­fall, der dem Redner am Schluß auch von nicht- katbolischer Seite reichlich zuteil wurde. Das bewies auch der Vorsitzende, Iustizrat Zimmer, der in sei­nem Schlußworte ausführte: „Ter Redner hat wohl im wesentlichen uns aus der Seele gesprochen, und es wird ihm sicherlich gelungen sein, wie es ja auch seine Absicht war, Zweifel in uns wachzurufen und uns zum Nachdenken über die erörterten Fra­gen anzuregen."

Deutsches Reich.

♦♦ Merkwürdige Freunde der Wahlreform. Der nationalliberale „Preußentag" in Hannover hat im Wahlaufruf der Partei die Forderung: „Aufhebung der Drittelung in den Urwahlbezirken" — deren Streichung von mehreren Seiten beantragt war — aufrecht erhalten und damit für die Wahlrechts­änderung im verschlechternden Sinn ent- schieden. Ob die Fortschrittliche Volkspartei nunmehr auf das Wahlbündnis mit den Nationalliberalen ver­zichten wird? Keine Frage: sie wird daran festhalten und damit den Beweis liefern, daß ihr die Wahl­rechtsreform nicht wichtig ist. Zudem mehrt sich die Zahl der nationalliberalen Kandidaten, die sich als Gegner der geheimen Abstimmung bekannt haben. Auch daran nehmen die Blätter der Fortschrittlichen Volkspartei keinen Anstoß, da diese Herren sich ja dem Fraktionsbeschluß für die geheime Wahl fügen würden. Ob jemand Anhänger der geheimen Wahl ist, oder ob er grundsätzlich die öffentliche Wahl wünscht und nur um der Parteieinigkeit willen auf Geltendmachen seines Standpunktes verzichtet, das scheint einem „Fortschrittsmann" von heute belang- los zu sein. Er sieht auf die Abstimmung; die Neberzeugung ist gleichgültig. Die Wahlrechtsreform­bewegung der Liberalen entpuppt sich so immer mehr als Komödie.

• Degen einer lächerlich geringen Abfindung«, summe aus einer Erbschaft ist es zwischen der S t a d t Berlin und der staatlichen Aufsichtsbehörde zu einem Konflikt gekommen. Eine Frau Stockhaus hatte ine Stadt Berlin zur Erbin ihres nicht unbe­trächtlichen Vermögens eingesetzt. Es meldeten sich zwei entfernte Verwandte der Erblasserin, die Ab­findungen beanspruchten. Eine Näherin Helene Ncidhardt wollte 1000 Mark haben und der 76 Fahre alte Schuhmacher Julius Stockhaus in Plauen 200 Mark. Der Magistrat lehnte beide Anträge ab. Die Bittsteller wandten sich darauf an die Regierung, und der Oberpräsident wies die Stadt an, wenigstens der Näherin die 1000 Mark zu zahlen. Auch dieses lehnten die Stadtverordneten ab. In der Debatte wurde von einer „Beseitigung der Testierfreiheit durch die Verwaltungsbehörde" gesprochen. Daraus unterbreitete der Oberpräsident den Fall dem Tiini» fter des Innern, und dieser hat jetzt dahin entschie­den, daß die landesherrliche Genehmigung der Stock- hausschen Stiftung nur dann beantragt werden dürfte, wenn die Stadt sich der armen Verwandten annehme. Der Berliner Magistrat will jetzt der Näherin die 1000 Mark gewähren, weigert sich aber nach wie vor, an den Schuster Julius Stockhaus 200 Mark zu zahlen. Der Magistrat behauptet, daß er dieses des Prinzips wegen tue. — Es handelt sich, nebenbei gejagt, um einen wirklich bedürftigen hoch- betagten Verwandten der Erblasserin. Nichts dcsto- toeniger weigert sich die reiche Stadt Berlin, 200 Mark zu zahlen. Wenn einer Kirche oder einer mil­den Stiftung ein Vermächtnis zufällt, dann schreien die Liberalen über die „tote Hand" und fordern daS Eingreifen des Staates. Wenn aber die liberal-so­zialdemokratische Stadt Berlin Erbin ist und arme entfernte Verwandte berücksichtigt werden sollen, dann schreit man über Einschränkung der Testierfrei­heit! Tas Geschrei der liberalen Presse möchten wir hören, wenn sich eine Kirchengemeinde weigerte, auS einem reichen Vermächtnis 200 Mark abzutreten. Die kleinliche Haltung der liberalen Stadtväter von Berlin aber wird mit dem Mantel des Stillschwei­gens zugedeckt.

vermischter.

* Lebendig begraben. Bei Aufschüttungsarbeiten an Bahndämmen wurden in Wanne zwei Arbeiter lebendig begraben. Einer der Verunglückten war unter der Erde erstickt, während der andere lebens­gefährliche Verletzungen babongertagen hat.

* Der Konkurs des Bankhauses Gustav Puppe in Küstrin wird sich für die Gläubiger nicht so schmerz­lich gestalten, wie anfänglich angenommen wurde. Di- Grundstücke der verkrachten Firma sind nicht ohne Wert und die Außenstände bei vorsichtiger Regulie­rung ebenfalls ziemlich gut. Unter diesen Umstän­den können 25, vielleicht sogar 40 — 50 Proz. verteilt werden. Es hängt natürlich sehr viel von der Hypothekenregulierung ab. Von den geflüchteten Inhabern der Firma, Vater und Sohn, fehlte gestern noch jede Spur.

* In vier Tagen über den Atlantischen Ozean. Zwischen der Canadian Pacific Railway und der kanadischen Regierung werden nach den Londoner Laily News Verhandlungen zur Schaffung eines transatlantischen Expreßdampferverkehrs geführt. Es sollen vier neue 25-Knoten-Tampfer auf der geplanten nordatlantischen Route von Liverpool nach Halifax in Neuschottland eingestellt werden, die in etwas über vier Tagen die Ueberfahrt bewerk- fteCigen und alle bisherigen Newhorker Linien mithin an Schnelligkeit schlagen würden. Die neuen Schiffe sollen als Hilfskreuzer gebaut und mit je vier sechs- zölligen Gefchützen, acht 4,7-Zöllern und nicht weni­ger als 16 Schnellfeuergeschützen ausgerüstet werden.

Ä

Dr. Hommel’S Haematogen

—20 jä tiger Erfolg! • ■

Warnung! Man verlange ausdrück­lich den Namen Dr. Hommcl.

Für Erholungsbedürftige und leichtere Nerven-Kranke- So"MWi“" Kuranstalt Hofheim 1. Taunus */i Stunde von Frankfurt a. M.

Prospekte durch Dr. Schmze-Kaloyss Nervenarzt

Unpolitische Zeitläufe.

N. Berlin, 10. April 1918.

(Nachdruck nicht gestattet.)

Kam ein Vogel geflogen Durchs Fenster aufs Klavier. „Mein alles!" schrie Mutter, „So ein ruppiges Tier!" „Nur ruhig", sprach Vater, „Der hat sich verrannt." Piep, fügte der Bogel, Machte kehrt und verschwand.

@8 war ein sehr ausgewachsener Vogel, der auf dem Marsfelde von Luneville zwischen die erstaunten Franzosen vom Himmel fiel: das kolossale Luft- fäiff Zeppelin IV. Man kann sich vorstellen, daß den biederen Leuten im ersten Augenblick zumute war, als ob sie selbst ans den Wolken gefallen seien. Aber die Soldaten, die da gerade exerzierten, griffen schnell zu, hielten den landenden Ballon fest, wehr- len die zudringlichen Bolksmassen ab und schützten den verflogenen Bogel so gut, daß er am nächsten Tuge mit ungebrochenen Flügeln wieder heimwärts segeln konnte. Eine unfreiwillige Stippvisite, die erst verzweifelt gefährlich aussah und schließlich sich w Wohlgefallen auslöste.

Dar Wasser hat Mangel an Ballen, und die Lust hat Mangel an Grenzsteinen. Wenn man über einer Wolkenschicht durch das Luftmeer dahingegon­delt, so kann man nicht sehen, wo Deutschland auf. hört und Frankreich anfängt. So kommt eS leicht öur Ueberschreitung der richtigen Grenze, und wenn schon die Fußgänger manchmal auf Irrwege ge» taten, so braucht man den luftigen Spazierfahrern fst-cht jeden Fehltritt zum Verbrechen anzurechnen. Ich meine aber doch, die Leiter vom Z. IV. hätten AU etwas mehr Vorsicht die nächste Gelegenheit zur Ausschweifung vermeiden sollen- Gerade weil chr Ausblick durch Wolken verschleiert war, hätten sie den Kurz nach der Grenze hin rechtzeitig aöbrechen sol­

len. Sie sollten ja das Luftschiff nur nach Oos bei Baden bringen, und das liegt doch ein gutes Stück reichseinwäriS. Statt der gefährlichen Schleife über Metz hätte man lieber einen Bogen nach Osten hin schlagen sollen. Doch mit der Luftschifferei ist immer etwas mehr Unternehmungslust und Wagemut ver- Hunden, wie wir Landratten für unfern Hausbedarf haben Also rechten wir nicht lange mit den schnei­digen Gesellen, sondern freuen uns mit ihnen, daß diese« bedrohlichste aller Zeppelin-Abenteuer so gut abgclaufen ist. Was haben die starren Lenkballons nicht alles schon durchmachen müssen? Der eine ver- brannte, der andere wurde vom Winde entführt und zerschellte, der dritte begrub sich in den Bäumen. Run ist gar noch einer in „Feindesland" geraten, und siehe da, die eifersüchtigen Franzosen waren noch längst nicht so schlimm, als bte Elemente, die das Gebild der Menschenhanb hassen. Am 1. d. Mts. war die Nachricht von der Landung eines deutschen Zeppelin in Frankreich noch als besserer Aprilscherz durch die Blatter gegangen. Man sieht da wieder, daß man kein Teufel an di; Wand malen darf, ohne sich der Gefahr auszusetzen, daß man von der Wirk­lichkeit überholt wird. Glücklicherweise war es kein Höllenteufel, sondern glich vielmehr dem Teufelchen in der Spieldose, das plötzlich erscheint, . die Leute einen Augenblick verblüfft und dann Heiterkeit er­regt. Die Franzosen haben einen der vielberufenen Zeppeline zu sehen gekriegt, und wir haben gesehen, daß eS in Frankreich trotz aller Verhetzung noch ver­nünftige unb artige Leute gibt. Das ist ein Ereig­nis, das man sich gefallen lassen kann.

Nur muß man an die Ballade Schiller? vom Taucher denken. Einmal gelang es dem Taucher, die goldene Krone aus dem Wasserschlund wieder heraufzuholen. TaS zweite Mal aber blieb er selber mitsamt der Krone in dem tückischen Wasser stecken. Also Wiederholung verboten!

Man könnte sagen: Schade! Denn wenn das Voll überall die gehörige Einsicht und Selbstbeherr­schung hätte, so wäre der häufige Austausch von derartigem Besuche ein nettes Mittel, um das gegen­

seitige Verständnis unter den Nachbarn zu fördern. Ich glaube, wir Deutschen würden gar nicht aus dem Häuschen geraten, wenn gelegentlich mal eine Schwa- dron von französischen Lustfliegern über die Grenze kämen und uns guten Tag sagten. Sie würden wahrscheinlich noch freunblicher aufgenommen wer­den, auch von der Masse des Volkes, wie unser Luft­schiff in Luneville. Wir haben ia freilich auch einige Eiferer und Vorsichtskommissare, die sofort von reichsgefährlicher Spionage reden, wenn ein fremdes Auge mal auf einen Festungswall fällt. Diese Angst- meier fürchten ja auch fchon, daß die Franzosen das ganze Geheimnis der Zeppelinkunst ausgeschnüsfeU hätten, als sie sich mit natürlichem Interesse den ge- strandeten Vogel in Luneville ansahen. Auch die Geheimniskrämerei kann übertrieben werden. Was offen vor den Augen daliegt, ist den berufenen Stel­len im Nachbarlande doch schon bekannt. Wenn von Lustschiffen oder Drachenfliegern nur wirklich Wert­volles zu erspähen wäre, dann hätten schon längst die gewerbsmäßigen Spione Erkundigungsfahrten über die Grenze hinaus unternommen. Nur nicht ängstlich. Das Heil des Vaterlandes liegt nicht in kleinlichen Geheimnissen, sondern in der ganzen gro« ßen weltbekannten Kriegsbereitschaft, die jetzt durch die große Wehrvorlage auf unserer Seite vervoll­kommnet werden soll. Die Absperrung ist eigentlich nur nötig wegen der unberechenbaren Bolksstim- mungen. Wenn daraus keine Zwischenfälle drohten, so wären die gegenseitigen Besuche sehr schön und heilsam, sogar militärische Vistten. Die große Masse der gegenwärtig lebenden Franzosen kennt unsere deutschen Truppen nur aus den tendenziösen Kriegs­geschichten und den unliebenswürdigen Zeitungs- schilderungen; sie halten uns im besten Falle für „brutal", meistens aber für eine halbwilde Horde, die weit hinter den Kosaken in der Kultur zurück- stehen. Wie aufklärend und zugleich beruhigend wäre es für diese Leute, wenn mal eine Schwadron Ulanen oder eine Kompagnie Füsiliere einen freund- nachbarlichen Besuch bei ihnen machen und in ge» mütlicheru Kauderwelsch sich unterhalte» würden?

Aber ez geht mit den Besuchen und Plaudereien im Söllerleben gerade so, wie im Privatleben. Man muß den richtigen Augenblick abpassen; man darf nicht störend und nicht zudringlich erscheinen; man darf nicht zu oft kommen und vor allem nicht zu lange bleiben. Kurz unb gut, selten und herzlich. Aber ein unbequemer Besuch ist ein Hausfriedens- bruch. Die Wortteiche Erklärung, daß man keine Umstände machen wolle usw., kann es nicht wieder gut machen, wenn man sich im rechten Augenblick vergriffen hat. In solchem Fall ist dcr schnelle Rück­zug da» beste Hilfsmittel. Aber da geht es manch­mal den voreiligen Besuchen, wie dem Zeppelin in Luneville. Hinein kommt man schnell, aber wenn man zurück will, so muß man erst mit der Willens- Meinung der Heimgesuchten rechnen. Zum richtigen Abbrechen eines unvorsichtigen Besuches gehört mei­stens viel Takt und Geschick; man sitzt in der Zwick­mühle, daß man entweder die Leute belästigt oder durch brüsken Abgang verletzt. Also vorher reiflich überlegen, ehe man den Stuten ins Haus fällt. In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister der Be-- suchskunst.

Eine weitere Berührung der Privaten Besuche mit dem jüngsten Zepvelinbesuch ist in der Spionenfrage zu finden. Cs gibt Besucher, die tatsächlich die Er­forschung fremder Geheimnisse als ihren Hauvtzweck betrachten. Die Augen, aus denen eigentlich nur die freundnachbarliche Trenhef iokeit ftrnMen sollte, gehen spähend herum übet alle Möbelstücke, alle Kleidungsstücke, in alle Winkel der Wohnung, die erreichbar sind, und befrachten kritisch die gante Ein­richtung und L'bensfühnmg der anderen Familie, um nachher darüber einen großen Klatsch und Tratsch m macken. Solcke Sviomwe itnfrr dem Deckmantel der Höllichkeit unb Freundschaft ist unedel und häß- sich. Wer lieber Ungünstiges als Gutes sehen will, der bleibe zu Hause und stelle sich vor den Spiegel.

— Mißglückter »ompllmeut. . Mit Ihnen, Frau Baronin, red' ich fchon am allerliebllen! . . . Die gar fo ®’ueib;en ftnb mir fürchterlich l"