Fuldaer Zeitung
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Nr. S.Z.
Erstes Blatt
Freitag den ll. April 1913»
40. Zahrgang.
3 Deutscher Reichstag.
Sitzung tarn 10. April 1918.
Bor Eintritt in die Tagesordnung erfolgen Perfön. lich Erklärungen.
Bayerischer Militärbevollmächtigter Generalmajor Wenninger: Meine Herren, ich bitte, Ihnen eine Er. klärung abgeben zu dürfen, die ich am liebsten schon gestern vorgebracht hätte. Leider wurde ich durch den Schluß der Sitzung überrascht. Ich wollte gestern nur meinem Bedauern Ausdruck geben über das Matz and die Schärfe der vom Abgeordneten Häusler an Ernrich. hingen unseres Heerwesens geübten Kritik. Es ist mir aber durchaus fern gewesen, ganz allgemein das Recht der Abgeordneten auf Kritik irgendwie anzutasten. Ebenso hat eS mir völlig fern gelegen, der Ehre des Herrn Abgeordneten HäuSler tn seiner Stellung nutzer, halb des hohen Hauses irgendwie nahe zu treten. Ich bedauere, wenn meinen Worten von gestern eine andere Bedeutung beigelegt wurde oder würde. (Beifall.)
Abg. Dr. Spahn (Ztr.): Die Wahrung der Ehre und Würde des Hauses und der Ehre eines Abgeordneten ist Sache des Präsidenten. Ich habe aber noch zu erklären: Der Herr Generalmajor hat zunächst den Abgeordneten nach seiner Stellung im Privatleben bezeichnet und, als der Präsident dies als ungewöhnlich bezeichnete, hat er ihn als Abgeordneten bezeichnet und daran die Bemerkung geknüpft, er habe die Bezeichnung „General" aus eigener Wohlanständigkeit gebraucht, und es sei ihm nunmehr angenehm, diese Bezeichnung nicht mehr brau- chen zu dürfen. Darin liegt doch eine Mißachtung deS Abgeordneten, Ich bitte den Herrn Präsidenten, das Stenogramm etnzusehen und sich darüber schlüssig zu werden, ob er diese Bemerkung, wenn sie von einem Abgeordneten gegen einen anderen Abgeordneten gebraucht worden wäre, hätte hingehen lassen.
Vizepräsident Tove: Ich habe das Wort Wohlan» ständigkeit gehört, aber angenommen, datz der Herr Ver. tretet im Bundesrat, so wie er eS heute erklärt hat, die» sen Ausdruck nicht in beleidigender Absicht gebraucht hat. Datz einem Abgeordneten Wohlanständigkeit zuzuschrei« ben sei, darüber dürfte wohl im Hause kein Zweifel sein. Mir ist bei dem Lärm im Hause nicht klar geworden, ob etwa gesagt fein sollte, es würde mit dem Ausdruck General eine Bezeichnung gegeben, die der Herr Vertreter im BundeSrat nicht mehr zu brauchen vorzöge, weil er damit etwas Ehrendes für den Abg. Häusler sagen wollte. Ich halte diese Ansicht nicht für begründet, es ist aber sehr wünschenswert, datz der Herr Vertreter im Bundesrat dies nochmals ausdrücklich et» klärt, denn wir wollen doch diesen Gegenstand heute noch verlassen.
Generalmajor Wenninger: Ich bin sehr gern bereit, zu erklären, datz die Entschuldigung, die ich hier vorgebracht habe, und die wohl im ganzen Hause als durch, auö loyal empfunden wurde (sehr richtig!), auch diesen Fall, der mir sehr wohl in Erinnerung war, mit einbegriffen hat. (Beifall.)
ES folgt die Weiterberatung der
Teckungsvorlagen.
Abg. Dr. Südekum (Soz.): Der Reichskanzler hat ausdrücklich mit der Möglichkeit eines Kampfes zwischen Slaventum und Germanentum gerechnet. Wir empfinden Genugtuung über den reuigen Sünder und nehmen gern Akt von seiner gestrigen Erklärung. Vielleicht unterzieht er jetzt auch seine Polenpolitik einer Revision. Die Bemühungen des Schatzsekretärs, zu beweisen, datz die Teckungsentwürfe in unser Steuersystem hineinpas- sen, waren vollständig vergeblich. Der Leistungsfähigkeit des Volkes find sie nicht angepatzt. Noch mehr als die Lebenshaltung des Volkes ist der Abstand zwischen Reichtum und Armut gestiegen. Von der Regierung geht die hinterlistige Beeinträchtigung der Rechte der Mittel, losen auS. (Zuruf rechts: Unerhört!) Ja, das ist unerhört, aber es geschieht im Namen des Gesetzes und der Ordnung. Wir verlangen nachdrücklich, daß die Reform unseres ganzen Wirtschafts, und Staatswesens jetzt vor- genommen wird. Scharnhorst hat es noch unter viel ungünstigeren Verhältnissen getan. Wollen Sie wieder olche Zeiten abwarten? Diese Vorlage ist unser ozialdemokratischer Einfluß, unser Erol g, daß zum erstenmal der Versuch gemacht wird, zu stüstungszwecken nur den Besitz heranzuziehen. Leider sind noch nicht genug Sozialdemokraten, und wir sehen ruhig der Auflösung des Reichstags entgegen. Der Reichskanzler bemüht sich, uns Sozialdemokraten ganz auszuschlachten. ES wird ihm nicht gelingen. Wir find immer dabei. Die Herren von der äußersten Rech- ien beschäftigen sich auch nachts mit uns. (Abg. Graf Westarp: Da haben wir etwas Besseres zu tun! Grotze Heiterkeit.) Der blotze Gedanke einer Besitzsteuer hat auf der Rechten Wutausbrüche hervorgerufen und dar. aus hat der Kanzler seine Meinung geäußert. Dank der vom Kriegsminister festgestellten Unfähigkeit unserer Diplomatie sind wir aus der Unsicherheit unseres Er. werbSledenS trotz Hochkonjunktur, trotz Finanzreform nicht herausgekommen. Wie denkt sich die Regierung die Finanzlage nach 1915? Dann mutz der Ausbau der Neichserbschaftssteuer kommen. Daß der Wehrbeitrag daS LoSkaufgeld für die Besitzsteuer ist, haben wir nicht gewettet. Der Gedanke deS einmaligen Wehrbeitrags ist Nicht neu, er ist von meinem Freunoe Dr. David. (Hei. terkeit.) Sowie der Wehrbeitrag voraeschlagen ist, ist er von brutaler Rücksichtslosigkeit gegen den Mittelstand, ist er eine Begünstigung der Agrarier. Zu den Aktionären der Waffenbetriebe gehört ein großer Teil deS hohen Adels. Sie geben 82 Prozent Dividende. Kein Wunder, datz diese Aktionäre zu weiteren Rüstungen Hetzen. Französisches Kapital ist an den Dillinger Werken stark beteiligt, und die französi- {chen Herren im Aufsichtsrat haben Einblick in die ®e» lellungen unserer Landesverteidigung. Und die Fürsten (Zuruf: Wenn die nur nicht abwandern!) Abwandern, ei. das wäre ein Gedanke! Keinem Schatzsekretär ist es jungen, dar Finanzwesen zur Gesundung zu bringen. TaS wird nur durch eine Koalition der Parteien er. leicht werden.
Präsident Dr. Kämpf ruft den Redner zur Ordnung, ^eil er von der hinterlistigen Beeinträchtigung der Minderbemittelten durch die Regierung gesprochen habe.
Abg. Speck (Ztr.): Als wir 500 Millionen Steuern bewilligten, glaubte man, datz dies ein Rekord sei, der t"cht zu unterbieten wäre. Aber nun sehen wir uns schon wieder gezwungen, über Steuern zu beraten, die olles je Dagewesene weit in den Schatten pellen. Der Vorredner scheint ja damit noch nicht zu- srieden zu fein, sondern noch neue Desitzsteuem hinzu. Bufoibcrn. Tas eröffnet wenigstens die eine angenehme Aussicht, einmal die äutzerste Linke positiv mitarbeiten ,u lehen. Wir sind ebenfalls nicht geneigt, die RüstungS. Erlagen zu bewilligen, wenn die Deckungsvorlagen von einer anderen Mehrheit angenommen werden. Deshalb Iverden wir die HeereSverstärkuna nickt bewilliaen. wenn
nicht gleichzeitig auch die Deckungsvorlagen bewilligt wer. den. Wir vertreten den Standpunkt: Keine AuS. gäbe ohne Deckung. Die Sozialdemokraten bezeichnen eS als ihr Verdienst, daß die neuen Lasten die Besitzenden treffen werden. Demgegenüber verweise ich auf den Antrag Bassermann-Erzberger, der also auch unsere Unterschriften trägt. (Zuruf bei den Soz.: Nach den Wahlen!) Der Weg deS Wehrbeitrages ist ein ganz ungewöhnlicher und es kann doch nicht behauptet werden, datz diese einmalige Vermögensabgabe in unser bisheriges Steuersystem hineinpatzt. Solche Vermögensabgaben erhebt man doch nur in Kriegszeiten. Warum sagte man nicht offen, datz man den Weg der Anleihe der ungünstigen Zeit wegen nicht gehen wollte? Wer gibt uns Gewähr, daß dieser einmalige Beitrag nicht in absehbarer Zeit wiederholt wird? Wohin man dabei kommt, zeigt die Haltung der Sozialdemokraten. Ihnen geht die Sache noch nicht weit genug. Sie möch. ten ihren Grundsatz: „Eigentum ist Diebstahl" möglichst in die Praxis umsetzen. Es ist grundsätzlich verfehlt, eine Steuer auf baS Vermögen allein zu legen. Das muh zu den schwersten Ungerechtigkeiten führen. Ein Einkommen von 49 000 Mark soll frei bleiben, ein Vermögen von 10 000 Mark, das also 400 Mark Ein. kommen abwirft, wird besteuert. Diese Ungerechtigkeit mutz befeitigt werden. Die einzelstaat. liche Finanzhcheit ist in keiner anderen Vorlage bisher so angegriffen und ramponiert worden wie in dieser. Der ganze Wehrbeitrag ist sehr geeignet, einer Reichs- dermögenssteuer den Weg zu ebnen. Der Mittelstand wird besonders schwer betroffen. Ich würde bis zu 50 000 Mark als unterste Grenze hinaufgehen. Geht das nicht, so darf der Wehrbeitrag aber erst von 30000 Mark anfangen. Bei höheren Vermögen mutz der Beitrag prozentual erhöht werden, aber nicht über 1 Prozent. Wie kann man in den jetzigen Etat schon Einnahmen auS dem Wehrbeitrag einstellen. In diesem Jahre wird nicht ein Pfennig aus dieser Quelle in die Kasse des Reiches fließen. Familien mit mehreren Söhnen müssen besonders berücksichtigt werden. Jedenfalls darf eine solche Belastungsprobe dem deutschen Volk nicht zum zweiten Male auferlegt werden. Bei der sogen. B e s i tz st e u e r ist der Umweg über die Einzel- ftaaten bedenklich und des Reiches unwürdig. Auch fehlt es an der Kontrolle, ob auch wirklich nur die Besitzenden zu diesen Steuern herangezogen werden. Das subsidiäre Vermögenszuwachssteuergesetz ist für unS sehr bedenklich. weil es auch das Kindeserbe umfaßt. Eine schlimme Häufung von Besteuerung würde dadurch herbei geführt. Die Beibehaltung der Zuckersteuer billigen wir. Schwere Bedenken haben wir gegen die Beibehaltung des Grund- stncksumsatzstempels, ebenso gegen das Erbrecht des Staates. In vielen Fällen würde es direkt auf eine Konfiszierung des Vermögens hinauslaufen. Das Recht der Kritik lassen wir uns nicht absprechen, namentlich, wenn es sich um so ungerechte Vorlagen handelt, wie hier. &?it Schlagworten und deplazierten Reminiszenzen an das Jahr 1818 soll man unS nicht kommen. Begeisterung für die Vorlagen herrscht im Volke nicht. (Hört! Hört!) DaS Volk seufzt unter einer ungeheuren Steuerlast. Trotz der schweren Bedenken, die wir gegen diese Steuervorlage haben, hoffen wir, daß die bürgerlichen Parteien sich zu gemeinsamer nationaler Arbeit zusammenfinden. Dann werden aus der Kommission Beschlüsse hervor- gehen, die den Forderungen der Gerechtigkeit mehr entsprechen. (Beifall.)
Abg. Dr. Paofche (natl.): Dieselben Parteien, die die Wehrvorlagen annehmen, müssen auch die Sieuergefetze verabsckieden. Ich habe nicht recht verstanden, worauf Herr Speck hinauswill. Er hat nichts davon gesagt, ob eme Erbschaftssteuer ober eine Vermögens leu^r der Kernpunkt fein soll. Das mag politisch recht klug fein, stch nicht festzulegen, und ich will diesem politischen Vorbilde in gewisser Beziehung folgen. (Grobe Heitert.). Es ist deplaziert, ein düsteres Bild an die Wand zu malen Die Wehrbeitragsidee Dr. Davids wurde seinerzeit vom Für en Bülow als eine frivole und phantastische Poltltk bezeichnet. (Heiterkeit und Bewegung.) Und heute stellt man das als eine große Tat hin. Wir waren von Anfang an *ür bieten Vorschlag trotz mancher Bedenken. Eine Anleihe tinnte nicht auf« genommen werden, das würde vielleicht ein schwere'e? Ovfer sein bet den un uhigen Geldverhältnissen, als Vieler Wehrbeitrag. Wir wollen die Vorlage nicht unbesehen an nehmen, sondern nach Möglichkeit bessern. Auf die Leistungsfähigkeit des einzelnen kommt es an. Darum soll auch das Ewkommen herangezogen werden. Plan tonnte bei einem Eintommen von 11)000 Mark anfangen und fine Staffelung eintreten lasten. Wir verlangten gerechte Veranlagung, gerechte Umlagen. Große Vermögen müssen stärker herangezogen werden als kleine. Die Deckung der dauernden Auslagen hat stch die Vorlage sehr letchl gemacht. Man nimmt den EinzeRaaien Stempelsteuer und Marrikular- beittäge und läßt die Zuckersteuer und den Grundstücksumsatzstempel weiter bestehen. Die Besitzwechselabgabe müßten wir so schnell wie möglich abschaffen, auch den Scheckstempel. Was unß die Regierung alS Besitzsteuer vorlegt, entspricht nicht dem, roaS wir wollten Wir verstanden darunter entweder eine Vermögenssteuer oder die Erbansallsteuer. Ihre isrhebung durch die Einz-t- ftaaten ist ein Umweg. Wir kaprizieren uns nicht auf die Vermögenssteuer und legen uns in keiner Weise darauf fest. Es in ein offenes Geheimnis, im Bundesrat ist eine große Mehrheit für die Erdanfall (teuer vorhanden. Das Erbrecht des Reiches ist bester als der heutige Zustand, wo wir jahrelang lachende Erben suchen.
Abg. Gras Westarp (tonf.): Wir erkennen an. daß die Regierung bemüht war, einen Ausgleich zu finden. Es ist ihr das bis zu einem gewissen Grabe gelungen. Die Vorlage ist alio eine durchaus geeignete Grundlage für weitere Verhandlungen. W r wollen das Vermögen, ben Besitz belasten, aber den der Lebenden und nicht der Toten. iBenall rechts.) Bei der Wehrsteuer müßte man das Ein'ommen mit dem Vermögen bei der Berechnung der Leistungsfähigkeit in Betracht ziehen. Gegen ein Reichsemkommenfteuergefey haben wir die schwersten Bedenken. Die Grenze von 10000 Mk. ist reichlich niedrig. 2 e Heineren Vermögen sollen geschont werden. Die corlie<-enöe Besitziieuer greift tn Die Finanzhobett der Einzelnaalen em. Ihre Selbstständigkeit muß wenigstens hinstchlllch der Ausgestaltung der Steuer gewahrt bleiben. Erbschaften können wir nicht als einen Zuwachs anfeben. Wir sehen bte Vermögen als Eigentum der Familien an, nickt des Einzelnen. Wir find gegen das Erbrecht des Staates. Beim Emilsionsstempel würden wir über bte Forderungen der Regierung hinausgehen. Man sollte auch ausländische Altiengeiellichafle.t heranziehen. Heetesvorlage und Dtckungsvoilage müssen gleichzeitig verhandelt werben. (Beifall rechts.) Freitag Weiterberatung.
Preußischer Landtag.
Abgeordnetenhaar.
Sitzung vom 10. April 1913.
Die Beratung des Kullusetats wird bei ben Kapiteln Elementarschulen, Lehrerseminare und Schulaufsicht sortgefetzl.
Abg. Freiherr v. Zedlitz (freit.): Die Umwandlung der nebenamtlichen Schulinipeltoren in hauptamtliche muß flotter vor sich geben. Das System der Ortszulagen zeitigt forigefitzt Unzufriedenheit und Mißstände. Wir werden noiwendig dem Gedanken des Einheusgehaltes zu feinem Recht verheilen müssen. Auch sind bte Schullasten noch nicht richtig verteilt. Besonbers kleine Gemeinden sind übel daran. «Beifall rechts.)
Kultusminister v. Trott zu Solz-. Die Zustände find durchaus befriebigenb, unb wir wollen nicht fetzt schon wieder die alten Kämpfe erneuern. Wir befassen uns mit der Ausgabe, bte Ausbildung und Fortbildung der Lehrer zu föidern, zum Beispiel durch die Semmaiturie tn Pofen, Berlin und il'iünfter. Dort unterrichten zum Teil praktiiche Schulmänner, zum Teil Hochsckulpro- sessoren. So wird der Volksschullehrerstand gehoben. Um die Akademiker zu halten, haben wir eine gehobene Stellung eingerichtet, bte sogenannte Prorektorstelle an ben Seminaren. Wenn Sie diese beseitigen wollten, würden Sie ben Eckstein der ©entinaireform bei eiligen. Auch Die Präparanbenanstallen bemühen wir uns in engere Verbindung mit oen Seminaren zu bringen. Dte neuen Lebipläne haben sich int allgemeinen dewäytt. Wir wollen einen tüchtigen Bolkslchullehrerstand heran- bilden. Vo t unzulänglichen Gehältern tonn man nicht Iprechen, da diele leit 1906 um ein Drittel gestiegen find. Das macht pro Jahr eine Mehrausgabe von luO Millionen, i Beifall.)
Abg. Ernst (53p.): Wir brauchen ein besonderes Unterrichtsministerium. Der Minister kann das Gebiet nicht mehr Überblicken, wenn er auch noch Kultusminister ist. Der Angriff des Dr. Heß gegen ben Lehrerverein ist ungerechi ertigt. Die Lehrer Haven nichts gegen die Religion in der Schule, wobt aber gegen die geift- liebe Schulautfichl. Auch die katholischen Lehrer sind dagegen. Die Poiener Schuloerhällniffe sind speziell haarsträubend. Nach den Enleignungsmaßregetn ist es nur noch schlimmer geworden. Ein Lehrer ist sogar durch seinen Kreisichulinspektor zum Selbstmord getrieben mo- ben. (Bestall links.i
Ein Negierungskommissar: Der Minister steht davon ab, sich zu diesem Falle zu äußern, da der Staatsanwalt Anklage gegen zwei Zeugen erhoben hat, die über diesen Fall geschrieben haben. Die Sache schwebt noch.
Abg. v. Tranipczhnski (Pole): Jedes Jahr bringt ein neues Ausnahmegesetz gegen die Polen. Soll aber auf dem Gebiete der Schullasten Gerechtigkeit geschafft werden, so versagt die Regierung. Man paukt den Kin. Vern die Antworten ein und bann können sie mit einem- mal deutsch. Die Schule verfolgt in den polnischen Gegenden lediglich politische Zwecke.
Abg. Borchardt (Soz.): Es gibt leider noch immer einklassige Schulen und überfüllte Klassen. Auf dem Lande erhalten viele Kinder so gut wie gar keinen Unterricht. (Der Minister lacht.) Der Minister würde nicht lachen, wenn ihm manche Einzelheiten auf diesem Gebiet bekannt wären. Wir sind gegen den Religionsunterricht in der Volksschule, weil wir glauben, daß er eine Quelle der Unsittlichkeit ist und die Lehrer dadurch zur Heuchelei verleitet werden. (Pfuirufe rechts und im Ztr.) Der Minister hat im vorigen Jahre behauptet, die Sozialdemokratie trage die Politik in die Schule«. Er ist aber den Beweis für die Behauptung schuldig geblieben.
Abg. Kloppenberg (Däne): Wir führen lebhaft Klage, datz die dänische Sprache aus der Volksschule in Nord- schleswig verdrängt wird.
Abg. v. Cchenkendorff (natl.): Der Deutsche Verein für Knabenhandwerk, welcher die heutige Lehrschule durch die Arbeitsschule zu ergänzen bestrebt ist, hat unter An. erkennung seitens der Lehrerschaft Lehrkurse eingerichtet. Ich bitte den Minister, die Bestrebungen des Verein? zu unterstützen und mit der Lehrerausbildung für die Arbeitsschule in den Präparandenanstalten zu beginnen.
Abg. Butkke (tonf.): Der christliche Geist der Schulen muß erhalten bleiben und es mutz auch dafür Sorge getragen werden, datz die Lehrer auf dem Lande bodenständig werden. Man sorge auch für gute Lehrerwohnungen. Eine Hauptforderung der Lehrer bleibt die Gleichstellung der Lehrer in Stadt und Land.
Abg. Tittrich (Ztr.): Die Kirche erstrebt nicht die Herrschaft über die Schule, sondern die Mitaufsicht sowohl über den Religionsunterricht wie über den Gesamtunterricht nach der religiös-sittlichen Seite. Mit der Reform der Seminare sind wir im allgemeinen ein- verstanden. Mit der Einführung einer akademischen Prorektorstelle unternimmt die Regierung freilich einen weiteren Schritt zur Akademisierung der Seminarien, die ibrem Wesen widerspricht.
Abg. Heine (natl.) tritt für steigende Honorierung der Kreisschulinspektoren ein und bittet, die Ferien für die Volksschule jenen für die höheren Schulen möglichst anzupassen.
Abg. Namdohr (freikons.) wünscht bessere Bezahlung der Lehrer für den Kirchendienst.
Die allgemeine Besprechung wird geschlossen. Der Antrag v. Campe, die für Seminarien vorgesehene Prorektorstelle auch mit seminaristisch gebildeten Lehrern zu besetzen, wird angenommen. Damit ist die allgemeine Besprechung über Elementarunterrichtswesen, Lehrerseminar! en und Schulaufsicht erledigt.
Die Weiterberatung des Kultusetats wird auf Frei- tag vertagt.
4- Die Pre e über den Schluß -er Wehrdebalte.
Dcr nnerwortet stürmische Abschluß der dreitägigen Mchrdebotte hat in der sozialdemokratischen Presse Hellen Jubel hervorgerusen. Der „Vorwärts" spricht von einer „Niederlage der Militaristen" und ist besonders erfreut darüber, daß ein @e* neralmaior z. D. zur Rechten hin gesagt hat: „Auf Ihren Beifall verzichte ich." Der „Vorwärts" spendet dem Abg. Häusler denn auch mehr als eine Spalte überschwengliches Lob so reichlich, wie es für gewöhnlich nur erste sozialdemokratische Parteigrößen erhal- ten. Auch das eine und andere linksüberale Blatt drückt über die vorgestrigen Sturmszenen im Reichstag unverhohlen seine Freude aus. So das „B e r l. Tageblatt" und die „V o s s i s ch e Zeitung". Aber ein Wermuthstrvpfen fällt in den Freuden- ^bccher. „Berl. SagebL" sowohl wie die „Vosiische
Leitung" wollen bemerkt haben, daß das Zentrum die Rebe Häuslers „mit eisigem Schweigen" ausgenommen habe. Das gefällt chnen nicht. Sie hätten lieber gesehen, wenn sich wenigstens ein Teil der Zen. trumsfraktion dem stürmischen Beifall angeschlossen hätte. Aber davon konnten sie nichts bemerken und deshalb zu ihrem großen Leidwesen auch nicht über einen „Riß" in der Zentrumsfraklion berichten.
Auch die alldeutsche „Post" hat eine „eisige Zu- rückhaltung des Zentrums" beobachtet. Die „Zagt. Rundschau" freilich, in chrer dummdreisten Art, schreibt: „Und doch, die Zentrumskordelia, sie schweigt zwar, aber trotzdem — sie liebt. Von Zeit zu Zeit sieht sie den Alten trotz allem nicht ungern. Er ist ihr zweites Gesicht, chre Renommier-Opposition." Und die „Tägl. Rundschau" freut sich. Gesetzt der Fall, es wäre so, wie sie schrieb: müßte sie als „na- tionales" Blatt das nicht aufs tiefste bedauern? Aber hier gerieten ihre beiden Seelen in Konflikt miteinander, und über die nationale siegte die — antiultramontane! Ganz anders als die „Tägl. Rundschau" urteilt ein Blatt, dem es wirklich um die Sache zu tun ist, die „Deutsche T a g e s z e i t u n g". Sie schreibt:
„Es war ungemein bezeichnend, daß die Erörterungen des Generalmajors Häusler beinahe an keiner Stelle auch nur den leisesten Beifall feiner Parteigenossen fanden, wohl aber die laute unb stürmische Zustirn- mung der Sozialdemokraten. Wir haben kaum je erlebt, daß einem Redner einer bürgerlichen Partei so absichtlich und demonstrativ zugejubelt wurde, wie gestern dem Abg. Häusler. Daß seine Partei, die ihn gewiß kennt, ihn nicht am Reden gehindert hat, beweist ihre Weitherzigkeit. Die Rede an sich ist ja ohne Bedeutung, da in allen politischen Kreisen bekannt ist, daß der frühere Generalmajor ein Einspänner unb Eigenbrötler in seiner Partei ist."
Mißbilligt wird allgemein das Verhalten des bayerischen Militärbevollmächtigten Generalmajor Wenninger. Auch die rechtsstehende Presse gibt offen zu, daß Herr Wenninger sich eine große Ungeschicklichkeit zuschulden kommen ließ mit seinem gestrigen Austreten im Reichstag. So schreibt die „Post": „Niemand wird bestreiten wollen, daß es eine Ungeschicklichkeit war, wenn Generalmajor Wenninger, glaubte, im Reichstage als Offizier sprechen zu fonv wen, während in Wirklichkeit ihm nur als bayerischem Bundesratsbevollmächtigten das Wort zustcht." Aber andererseits macht die „Post" auch auf die Skrupel- losigkeit aufmerksam, mit der Genosse Frank aus der rednerischen Entgleisung des Bundesratsbevollmächtigten für seine Partei Kapital schlug. Mit Recht sagt das Blatt, die Att und Weise des Genossen Frank bedeute nur ein neues Sympton für die Skrupellosigkeit, mit welcher die rote Hundertzehn jede Gelegenheit zur Hetze gegen den „Militarismus" ausschlachtet.
Der stürmische Abschluß der dreitägigen Wehrdebatte ist bedauerlich. Aber zum Peffimismus bei» rechtigt er nicht. DaS endgültige Schicksal der Hee- rcsvorlage wird durch den unerwarteten AuSgang der letzten Sitzung nicht beeinträchtigt. Sie wird höchstwahrscheinlich mit einigen Abänderungen angenommen werden, wenn auch die Mehrheit nicht allzu stark sein dürfte.
Heidenmisswn un- Deutschtum.
In der „Sozialen Kultus schreibt Prof. Dr. theol. Ditscheid, Koblenz:
Der Fortschritt beherrscht die Stunde. Niemals stand die Welt so im Zeichen des äußern Erfolges wie heute. Jedes Jahr bringt neue Ueberraschungen. Berg und Tal, Land und Meer sind überbrückt. In Sekunden geht der elektrische Funke um den Erdball. Immer weiter bringen wir forschend vor in der Erde dunklen Schoß. Selbst das Reich der Lüfte hat der findige Menschengeist sich eröffnet. Weltverkehr, Weltpolitik drücken unserer gärenden und fiebernden Zeit den Stempel auf. An alle dem hat die z:r- manische Menschenrasse bevorzugten Anteil. Das bezeugt die Geschichte Großbritanniens, Hollands, Amerikas und nicht am wenigsten auch die Entwicklung unseres Vaterlandes.
Nnabweibare Forderungen der Zeit haben auch das Volk der „Denker und Dichter" aus der Schul- stube auf den Weltmarkt hinausgeführt. Rasch ist eS auf dem steilen Wege zur Größe emporgestiegen. Freilich hat es etwa 16 Milliarden Schulden. Jedoch auch andere Staaten haben verhältnismäßig wenigstens ähnlich hohe Schulden, ja nun Teil noch viel höhere. Das Nationalvermögen Deutschlands ist unter der Regierung Wilhelms II. ungeheuer gewachsen. Sein Nationaleinkommen nimmt jährlich um mehr als 200 Millionen zu.
Wir besitzen bereits die zweite Handelsflotte der Welt. Unser Außenhandel mit 18 Milliarden Mark steht ebenfalls an zweiter Stelle. Er umfaßt ein Sechstel des ganzen Welthandels. In mancher Beziehung haben wir die übrigen Staaten überflügelt. Unser Landbeer gilt als das tüchtigste der Welt: untere Kriegsflotte gebietet Achtung. Das deutsche Hamburg ist der bedeutendste Kontinentalhafen Europas, feine Handelsbedeutung größer als die der gesamten Niederlande, Nubrort der größte Binnenhasen Europas. In der Sttinkohlengewinnung steht Deutschland an dritter, in der Eisengewinnung an zweiter, in der Papierfabrikation, im Buchdruck, in der Kaligewinnung, überhaupt in der chemischen Industrie an erster Stelle. Riesenunternehmungen, wie Krupp in Essen für Geschützfabrikation und Panzerplatten, Siemens u. Halske in Berlin für elektrotech- irische Anlagen, arbeiten für di: ganze Welt. Die zwei größten Seedampfer-Linien der Erde sind deutsch: Der Norddeutsche Llovd, die Hamburg-Ame- rika-Linie. Die Preußisch-Hesiische Staatseisenbahn gilt als die größte Firma auf dem Erdkreise.
So hat sich unser Vaterland gewisiermaßen zu einem Weltstaate erweitert. Die Nationalkultur gebiert die Weltkultur. Der emporragende Granitfels aber, dcr rede wahre Kultur trägt, ist Ehristus, „der